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Drei scheinbar unzertrennliche Freunde gehen den steinigen Weg des Lebens und des erwachsen Werdens. Alina zieht das Pech und die Ungunst dieser Welt an, doch ihre beiden Freunde Steve und Pascal unterstützen sie so gut sie können, während sie mit ihren eigenen Lastern kämpfen. Aber die kalten Winter ihres Lebens lassen sich nicht so einfach unterkriegen.
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Seitenzahl: 167
Veröffentlichungsjahr: 2020
Prolog
Kapitel 1: (Alina, 0)
Kapitel 2: (Alina, 7)
Kapitel 3: (Alina, 10)
Kapitel 4: (Alina, 13)
Kapitel 5: (Alina, 15)
Kapitel 6: (Alina, 16)
Kapitel 7: (Alina, 17)
Kapitel 8: (Alina, 18)
Kapitel 9: (Alina, 19)
Kapitel 10: (Alina, 20)
Kapitel 11: (Alina, 21)
Mutter,
Du bist der lebende Beweis dafür, dass es kein Karma geben kann. Und ich hoffe, du weisst, dass ich dir deine Taten niemals vergeben werde, nicht heute, nicht in tausend Jahren.
Noch immer ist es eisig kalt hier drinnen, ich lege besser noch ein wenig Holz nach. Sobald es wärmer ist, klappt es auch mit dem sauberen Schreiben besser. Draussen weht ein starker Wind. Hoffentlich lässt er bald nach, ich habe keine Lust hier übernachten zu müssen. Diese alte Hütte ist dermassen undicht, sodass ich, in stetiger Rhythmik, einzelne, kalte Luftzüge von draussen wahrnehme, welche sich durch die Holzstämme der Wand durchdrücken. Wie dem auch sei, wo bin ich noch gleich stehengeblieben?
Bis hin zum allerletzten Tag, an dem ich dich sah, hast du gesagt, dass ich das Wichtigste in deinem Leben sei, dein Ein und Alles. Erstaunlicherweise glaube ich dir das sogar, aber eines kann ich nicht verstehen; wenn ich dir so unglaublich wichtig bin, wie konntest du mir all das antun?
Die Schreie einer gebärenden Mutter hallten durch das Krankenhaus am frühen Morgen, noch bevor die Sonne am Horizont erscheinen konnte. Es ist die Tochter von Arline und Sebastian, welche am 18. Januar dieses Jahres das Licht der Welt erblickte. Seb war gerade in seinem Büro, vertieft in technische Baupläne, als sein Smartphone den Mahagonitisch in Vibration versetzte. Auf der anderen Seite der Leitung war seine Nachbarin Carol, welche völlig ausser sich versuchte einen vollständigen Satz zustande zu bringen – erfolglos. Seb musste sie zuerst beruhigen, sie solle zuerst einmal tief ein- und ausatmen, erst danach reden. Nachdem sich Carol wieder etwas gefangen hatte, rief sie ihm durch den Hörer zu, als ob er taub wäre, dass das Kind komme, dass er ins Krankenhaus kommen soll.
Sebastian sprang auf und sprintete voller Glücksgefühle zum Ausgang hin, währendem er stetig schrie: „Ich werde Vater! Ich werde Vater!“
Seine Arbeitskollegen riefen ihm noch ihre Glückwünsche zu, obwohl er bereits durch die Tür verschwunden war. Er eilte durch die Strassen, um baldigst bei seiner Frau und seinem Kinde anzukommen. Als er ankam, da betrat der frischgebackene Vater strahlend das Krankenhauszimmer, sah seine Frau und das Kind in ihren Armen, welches ihm so klein und wehrlos erschien, dass er sich beinahe wie ein gewaltiger Riese daneben fühlte.
„Da sind ja meine beiden liebsten Frauen“, begrüsste er die beiden Damen zu Bette.
Arline erwiderte: „Du hast dir ja ganz schön Zeit gelassen beim Herfahren. Hoffentlich lässt du dir in Zukunft nicht auch so viel Zeit, wenn es um unsere Tochter geht.“
„Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte – ohne zu viele Strassenregeln zu brechen zumindest“, antwortete Seb mit ernster Miene.
„Das war nur ein Witz, mein Grosser“, reagierte Arline auf Sebastians ernste Reaktion, „Möchtest du sie mal halten?“ Arline übergab ihrem Gatten die kleine Tochter, welche selbst in seinen Armen erstaunlich ruhig blieb.
Während Seb seine Tochter begutachtete und vorsichtig in seinen Armen schaukelte, fragte er: „Hast du dich endlich für einen Namen entschieden Liebling?“
„Ja“, antwortete Arline mit nachdenklicher Stimme, „Sie soll Alina heissen. Wie findest du das?“
„Alina – das ist eine gute Wahl. So, meine kleine Alina, dann heisse ich dich willkommen in der Familie. Wie es scheint, hat Mama jetzt eine neue Schülerin. Aber pass auf, deine Mama kann ganz schön streng sein, also sei immer brav“, witzelte Sebastian gelassen, „Ich bin einmal so stark betrunken nach Hause gekommen, dass ich mich halbnackt ausgezogen habe und danach auf dem Rasen eingeschlafen bin. Da hat Mama eine ganze Woche lang kein Wort mehr mit mir geredet.“
Arline kommentierte: „Na toll, die allererste Geschichte in ihrem Leben und du erzählst ihr, wie besoffen du warst. Du wirst ihr garantiert ein grossartiger Vater sein.“
Sie stachelten sich noch eine Weile lang gegenseitig an, hielten ihre Tochter fest im Arm. Und sie beide blickten voller Freude in die Zukunft, waren gespannt darauf, was da noch kommen wird, was das Leben bereithält für ihre Familie und besonders für ihre Tochter Alina.
Ich erinnere mich an keinen anderen Tag besser als an meinen ersten Schultag. Rückblickend war es wohl einer der schönsten Tage meines Lebens, denn an diesem Tag lernte ich ihn kennen – meinen besten Freund.
Es war an einem schönen Sommertag, die Sonne warf ihre ersten Strahlen durch meine Fensterscheibe und weckte mich sanft. In den Bäumen zwitscherten die Vögel ihre Gesänge und eine warme Sommerbrise durchstreifte die saftig grünen Blätter. Dann wurde ich unsanft aus meinem Delirium herausgerissen, als die Faust meiner Mutter die Tür erschallen liess.
Arline sagte: „Alina, Schätzchen, es ist Zeit aufzustehen. Zieh dich an und komm runter, es gibt Frühstück. Ich habe dir alles bereit gemacht. Und beeil dich, du willst doch nicht an deinem ersten Schultag zu spät kommen.“
Das wollte ich definitiv nicht. Ich habe mich sehr auf die Schule gefreut als kleines Kind. Am Vorabend hatte ich mir daher meine schönsten Kleider herausgesucht, damit ich am nächsten Morgen keine Zeit dafür zu verschwenden gedachte. Ich zog meine schönsten Sachen an, ging die alte Holztreppe hinunter in die Küche, wo Mutter bereits den Frühstückstisch gedeckt hatte. Sie strich mir ein Brot, selbstverständlich mit Erdbeermarmelade bedeckt – ich liebe Erdbeeren. Und auch das allmorgendliche Glas mit frisch gepresstem Orangensaft gefüllt, liess nicht lange auf sich warten. Genüsslich trank und ass ich.
„Na, meine Grosse, bist du aufgeregt?“, fragte Arline.
Ich antwortete: „Ein bisschen. Bist du denn aufgeregt in die Schule zu gehen Mama?“
„Nein Alina“, sie lächelte, „Mama geht schon so lange zur Schule, da muss ich nicht mehr nervös sein. Und jetzt iss auf, ich fahre dich dann in die Schule.“
Meine Mutter fuhr mich viele Jahre zur Schule, nicht etwa, weil sie zu grosse Angst um mich gehabt hätte, es lag ohnehin auf ihrem Arbeitsweg. Arline unterrichtete, etwa zwei Kilometer weiter nördlich, die Oberstufe. Ich erinnere mich noch ziemlich genau an den Anblick der Schule, als ich aus dem Auto ausstieg. Auch wenn ich bereits einige Male an der Schule bei Spaziergängen mit meinen Eltern vorbeigegangen war, so war es dennoch ein sehr spezielles Gefühl an diesem Tag davorzustehen, denn ich wusste, dass ich nun offiziell in dieses Gebäude durfte, um neue aufregende Dinge zu lernen. Ich empfand pure Freude, wie sie nur ein Kind empfinden kann. Eine Freude, die voller Begeisterung und Aufregung vor dem Neuen ist, das auf einen zukommt. Ja, ich freute mich unglaublich auf die Schule, denn ich liebte es Neues zu erfahren und zu lernen. An diesem Tag stellten wir uns einander in der Klasse vor, selbst die freundliche Lehrerin stellte sich vor. Ich mag mich kaum mehr an alle Mitschüler erinnern, eigentlich an keinen einzigen mehr von ihnen – bis auf einen. Er war damals noch ein kleiner Bub mit braunem Haar, welches ihm gerade so über die Ohren hing. Er sah etwas zerzaust aus und seine leuchtend braunen Augen hatte er stets gegen den Boden gerichtet, während die anderen Kinder sich der Reihe nach vorstellten. Als die Lehrerin ihn aufforderte sich vorzustellen, da erhob sich sein Kopf erschrocken nach oben, seine Augen musterten ängstlich die Runde. Etwas versteift und ziemlich bedacht erhob er sich von seinem hölzernen Stuhl und stand mit zusammengefalteten Händen vor der Klasse.
„Mein Name ist Steve“, sagte er zögerlich.
Die Lehrerin fragte weiter: „Hallo Steve, was machst du denn am liebsten in deiner Freizeit?“
Steve antwortete: „Ich schreibe Zahlen auf Papier und ich rechne mit ihnen.“
„Na sieh mal einer an. Du kannst bereits etwas rechnen? Das ist gut Steve, dann magst du mir vielleicht manchmal helfen, wenn ich deinen Kameraden versuche etwas zu erklären“, sagte die Lehrerin mit entzückter Stimme.
Rückblickend bin ich mir nicht sicher, ob es Schicksal war oder reiner Zufall, dass unsere Lehrerin mich neben Steve gesetzt hat. Doch von da an war er mein Tischnachbar. Aber all dies machte ihn noch nicht zu dem, der er werden sollte. Unsere tiefe Freundschaft nahm ihren Anfang in der Mittagspause. Ich sass allein auf dem Pausenhof an einem Tisch und ass das Essen, das mir meine Mutter eingepackt hatte. Es störte mich nicht, dass ich allein sass – ich hatte in keiner Weise das Bedürfnis mit den anderen Kindern zu essen. Doch dann kamen drei Knaben aus der dritten Klasse neben meinen Tisch und starrten mich an.
Ich starrte zurück und fragte: „Kann ich euch helfen?“
Einer der Jungen machte einen kleinen Schritt auf mich zu und meinte: „Du bist neu hier, daher weisst du das noch nicht, aber das ist unser Tisch. Also solltest du jetzt ein braves Mädchen sein und uns Platz machen.“
„Aber es hat doch an diesem Tisch genug Platz für uns alle“, sprach ich verwirrt.
„Nein, für dich hat es keinen Platz hier,“ sprach er weiter. „Sicher doch, schau mal; ihr seid drei und es hat vier Plätze“, sagte ich selbstbewusst.
Der eine Junge unterbrach mich: „Nein, und jetzt geh zu deinem Mami, kleines Mädchen. Oder wir bringen dich richtig zum Weinen.“
Aber ich beharrte auf den Sitzplatz: „Nein, ich bleibe hier sitzen. Es hat genug Platz.“
Die drei Drittklässler positionierten sich gezielt in einem Halbkreis um mich, fingen an, mich mit Schimpfworten zu beleidigen und pickten mich mit ihren Fingern, während einer versuchte mir an den Haaren zu ziehen. Ich schrie sie an, dass sie aufhören sollten, doch sie hörten nicht auf. Dann erklang eine Stimme: „Lasst sie in Ruhe!“
Die drei Knaben drehten sich um und sahen den kleinen Steve dastehen. In seinen Augen war nichts mehr von der vorigen Ängstlichkeit zu sehen, nur Entschlossenheit und blinder Mut quoll aus ihnen, wie Wasser aus einer Quelle. „Florian, erteil dem Bengel eine Lektion“, meinte einer der Jungen grosskotzig und zeigte mit dem Finger auf Steve.
Florian ging auf Steve zu und sagte: „Was willst du denn gegen uns ausrichten, Milchbubi?“
Und an diesen Augenblick erinnere ich mich noch bestens, Steves Mundwinkel zogen sich nach oben und sein Kopf senkte sich leicht. Und in ein paar Minuten hatte er mir und allen anderen klargemacht, dass er nicht wie wir anderen Kinder waren. Er war etwas Besonderes.
Steve begann: „Florian, wenn ich richtig verstanden habe, nicht? Bist du immer noch ein Bettnässer?“
Florian blieb schlagartig stehen, sah ihn geschockt und ungläubig an: „Was hast du gerade gesagt?“
„Na ja, du trägst noch immer Windeln, wie man unschwer am weissen Rand, der aus der Hose ragt, erkennen kann. Ausserdem hast du einen zu grossen Hüftumfang für lediglich Unterwäsche und Hose“, Steve wirkte deutlich älter, als er es effektiv war, „Das ist schon ziemlich traurig als Drittklässler, findest du nicht?“
Florian, der bereits zu weinen begann, da es ihm sichtlich peinlich war, drehte sich kurz zu seinen beiden Freunden, die ihn entgeistert anschauten. Dann rannte er weinend fort, während er nach seiner Mutter rief.
Doch Steve fuhr direkt fort, ohne die kleinen Rüpel zu Wort kommen zu lassen: „Und du bist auch bei weitem nicht so hart wie du tust.“
Der zweite Junge wollte dies nicht auf sich sitzen lassen und Steve eine verpassen.
Steve fuhr fort: „Du bist ein Muttersöhnchen, deine Mutter macht alles für dich, sie zieht dich sogar noch immer an. Und wenn ich deine perfekt gebundenen Schnürsenkel so betrachte, dann bindet sie dir die wahrscheinlich auch noch. Deine Kleidung ist viel zu ordentlich für ein Kind wie dich. Du wirst zu Hause vermutlich nie gross raus dürfen, um zu spielen. Vielleicht hat deine Mutter zu grosse Angst um dich. Eigentlich bist du nichts weiter als ein grosses Baby, das in der dritten Klasse hockt. Bevor du also auf einen kleinen, schwachen Erstklässler losgehst, solltest du zumindest lernen, wie man sich die Schuhe bindet.“
Auch dieser Junge stoppte, überlegte kurz, drehte sich zu ihrem vermeintlichen Anführer und sagte mit einer leicht zitternden Stimme: „Der ist es nicht wert. Scheiss auf den Tisch, lass uns gehen.“
Ihr Anführer, sichtlich überfordert und perplex, wusste nicht mehr recht wie reagieren.
Steve gab ihm eine Entscheidungshilfe: „Soll ich bei dir auch noch anfangen? Ich denke, dein Geheimnis würde einige hier ziemlich interessieren.“
Auch er liess ab von mir und Steve hatte mich aus den Fängen der Drittklässler befreit. Ich erinnere mich, dass ich überhaupt nicht verstanden hatte, was gerade passiert war. Und ich hatte kaum etwas von dem verstanden, was Steve da geredet hatte. Doch Steve kam auf mich zu und fragte, ob er sich zu mir setzen dürfe. Also setzte er sich zu mir und wir assen gemeinsam unser Mittagessen. Ich war irgendwie fasziniert von ihm, auch wenn ich ihn nicht verstand. Irgendwie mochte ich Steve und er schien auch mich zu mögen. Und so begann unsere Freundschaft.
Als am Morgen die allerersten Sonnenstrahlen durch das Fenster in mein Zimmer schienen, da war ich bereits wach und blickte auf die andere Strassenseite. Etwas hatte sich verändert, ein grosser Lastwagen stand vor dem Haus gegenüber und ein paar Männer trugen Kisten in die einst leere Wohnung hinein. Wie es schien, bekamen wir neue Nachbarn. Aber so spannend diese Neuigkeit auch war, mein junges Selbst war von einer ganz anderen Sache wesentlich mehr begeistert. Ich hüpfte fröhlich die alte Treppe hinunter und setzte mich in der Küche an den Frühstückstisch zu Arline und Sebastian hin, lächelte sie beide mit einem verschmitzten Gesichtsausdruck an.
Mein Vater warf mir ein Lächeln zurück und fragte: „Gibt es einen Grund für dein Lachen oder möchtest du mir nur deine wunderschönen Zähne zeigen, Kleines?“
„Papa, heute ist ein toller Tag“, erwiderte ich.
„So, was ist denn heute so toll?“, erwiderte Seb mit leicht ironischem Unterton.
Arline warf ein: „Vielleicht ist er toll, weil die Sonne heute so schön scheint? Oder weil du heute frei hast?“
„Aber nein“, räumte ich freudigen Gemütes ein, „Heute ist doch mein Geburtstag!“
Sebastian legte die Zeitung zur Seite: „Ach wirklich, bist du dir sicher?“
„Ja doch!“, sagte ich, schon fast überzeugt, sie hätten es tatsächlich vergessen.
Arline erwiderte: „Das haben wir beide wohl vergessen und haben jetzt gar kein Geschenk für dich, Schätzchen.“
Doch ich erkannte ihren lügnerischen Unterton, den ihre Stimme annahm und schaute alle beide misstrauisch an.
Seb sah dies: „Schatz, ich denke, sie glaubt uns nicht.“
„Es scheint so. Aber Alina, mein Schätzchen, ich habe vergessen, wo dein Geschenk ist. Du wirst es im Haus suchen müssen“, sagte Arline.
Ich jubelte vor kindlicher Freude über eine Geschenkejagd im eigenen Haus und lies mein Frühstück ungegessen stehen, voller Tatendrang und Sehnsucht nach meinem Geburtstagsgeschenk. Gerade war ich bereit um durchs gesamte Haus zu rennen, da vernahmen meine Ohren ein leises Geräusch aus unserem Wohnzimmer. Vorsichtig tapste ich durch den Flur und blickte ums Eck, betrachtete den Raum genaustens, als ein kleiner Welpe hinter dem Sofa hervorsprang. Er starrte mich mit seinen kleinen, süssen Äuglein an und hatte eine rote Schleife um seinen Körper gebunden. Mein kleines Gehirn konnte für ein paar Sekunden nicht reagieren, weil ich nicht fassen konnte, dass meine Eltern mir tatsächlich einen Hund geschenkt hatten. Es war etwas, das ich mir seit Monaten wünschte und was sich in diesem Moment in Realität verwandelte. Ich erinnere mich daran, dass ich vor Freude schrie. Der Hund zuckte zusammen, doch als ich zu ihm lief, war er zutraulich. Und während ich mit meinem neuen Freund herumtollte, küssten sich meine Eltern im Türrahmen.
Arline sagte: „Ich denke, wir haben das richtige Geschenk für unsere Kleine ausgesucht.“
„Definitiv, das haben wir gut gemacht“, erwiderte Seb.
Er gab ihr einen Kuss und kam auf mich zu, kniete sich zu mir hin und fragte: „Alina, wie soll er denn heissen?“
„Mr. Muppet“, antwortete ich.
„Nun gut“, begann Sebastian, „Willkommen in der Familie Mr. Muppet.“
Mr. Muppet war ein toller Hund, ich liebte ihn von ganzem Herzen. Wenn ich irgendwo hinging, etwas unternahm, dann war er fast immer dabei, treu an meiner Seite. Ich verbrachte gesamte Nachmittage gemeinsam mit diesem kleinen Wollknäuel, der die süssesten Augen hatte, die ich jemals in meinem Leben sehen durfte. Wenn es draussen regnete und stürmte, so sassen wir beide vor dem Fenster und schauten der schieren Macht der Wolken zu, wie die Regentropfen gegen die Scheibe prasselten und die Blitze laut über den Himmel knallten, und wenn ich traurig war, dann war er stets da und tröstete mich. Mein Hund war besser zu mir, als es die meisten Menschen jemals gewesen sind, darum liebte ich ihn so sehr.
Nur wenige Tage später hatten meine Eltern unsere neuen Nachbarn zum Mittagessen eingeladen. Ich habe sie als sehr nette Leute kennengelernt, denn sie brachten Kuchen mit und das ist, als Kind, schon mal ein guter Grund jemanden zu mögen – besonders wenn es ein köstlicher Erdbeerkuchen ist. An die langweiligen und endlosen Erwachsenengespräche können sich meine Gehirnzellen nicht mehr erinnern, zumal ich auch direkt nach dem Essen gedrängelt habe, dass ich vom Tisch aufstehen durfte, um spielen zu gehen. Mitunter weil ich Pascal, den Sohn unserer Nachbarn, mochte und mich gerne mit ihm anfreunden wollte. Damals hatte er noch ungleichmässig kurzgeschnittenes Haar, was ihm, mal abgesehen von der Ungleichmässigkeit, überhaupt nicht stand. Nicht wegen der Länge, sondern vielmehr aufgrund des interessanten Haarschnitts an sich, den vermutlich regelmässig seine Mutter verpfuschte, wenn sie ihm die Haare schnitt. Doch er war ein anständiges Kind, wusste sich zu benehmen, was vielleicht auch daran lag, dass er ein Jahr jünger ist als ich. Vielleicht ein wenig feige oder einfach zu korrekt, das wusste ich nie genau. Doch was ihn später dazu trieb solche Fehler zu begehen, das kann ich mir bis heute nicht genau erklären und ich frage mich noch immer jedes Mal, wenn ich an ihn denke, ob ich es hätte verhindern können und ob ich es überhaupt hätte verhindern wollen. Denn nun beginne ich langsam zu verstehen, was er gefühlt haben muss. Doch ich greife vor.
Dieser Nachmittag war nur einer von vielen, den wir in diesem Winter gemeinsam verbrachten, und auch Steve gesellte sich in den kommenden Wochen zu uns. Wir wurden zu einer eingefleischten Dreiertruppe – wann immer wir Zeit hatten, verbrachten wir sie gemeinsam. Und wenn es nur die grossen Pausen in der Schule waren, wo Steve und ich jedes Mal auf Pascal warteten, damit wir gemeinsam das Schulhaus umkreisen konnten, wie ein Rudel Wölfe, das sein Territorium beschützt. Doch es tat uns gut. Wir redeten und lachten viel. Wir hatten nicht viele andere Freunde, aber das war auch nicht wichtig, denn wir hatten uns und wir wussten, wenn jemand von uns Hilfe braucht, dann sind wir für einander da. Nichts konnte uns voneinander trennen. Da half vermutlich auch, dass wir in diesem Winter so viel gemeinsam erlebt hatten, dadurch hatten wir schon von früh an in unserer Freundschaft ein inniges Band gesponnen, das nicht so leicht zu zerreissen war. Ich erinnere mich an diesen einen Tag Ende Februar. Steve, Pascal und ich waren verabredet, denn wir wollten den alten Wald, welcher keine zehn Minuten von meinem Elternhaus entfernt war, erkunden. Mein Vater hatte mir erzählt, wie er als Kind immer im Wald gewesen ist und Höhlen erkundet hatte. Davon gab es anscheinend eine ganze Menge, die waren nicht gerade klein und definitiv nicht für kleine Kinder gedacht. Daher waren die Eingänge mit Absperrband versiegelt worden, damit nicht einfach jedermann hineingeht. Doch neugierigen, kleinen Kindern wie uns war das selbstverständlich ziemlich gleichgültig. Und es kam, wie es kommen musste.
Zügigen Schrittes stapften wir, in voller Wintermontur, durch den schneebedeckten Laubboden des alten Waldes. Unter unseren Füssen knirschten die alten Äste und das zerberstende Laub, das unter dem Weiss gefangen war. Wir schnauften stark, dabei wollten wir unbedingt eine Höhle finden, also versuchten wir so schnell wie möglich ins Innere des Waldes vordringen zu können.
Pascal fragte schweren Atems: „Wie weit ist es noch?“
