Kalter Fjord - Anne Nordby - E-Book
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Kalter Fjord E-Book

Anne Nordby

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Beschreibung

»Niemand entkommt den Schatten seiner Vergangenheit. Irgendwann wirst du die Dinge bereuen, die du getan hast.« »›Ich muss hier weg, ich ertrage das alles nicht länger. Was ist das bloß für ein Albtraum?‹ Er wendet sich um und rennt durch den Gang zurück, sucht verzweifelt die Tür zum Außendeck. Als er sie endlich findet, stürzt er hinaus ins Freie. Er läuft zur Reling und umfasst das kalte Metall. Als er auf den enger werdenden Fjord hinausblickt, in den das Schiff unaufhaltsam hineinsteuert, weiß er längst, dass er in der Falle sitzt.« Ein neuer Fall für Tom Skagen von der Sondereinheit Skanpol, der sich für ihn zum Albtraum entwickelt. Denn Skagen quält eine alte Angst aus der Zeit vor seiner Polizeikarriere, als er noch zur See fuhr …

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Anne Nørdby

Kalter Fjord

Kriminalroman

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Katja Ernst

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung der Fotos von: © Mikhail Varentsov / Shutterstock;

ingrid-martinussen / unsplash; Jonas Brodd / stock.adobe.com; benjamin davies / unsplash

ISBN 978-3-8392-7100-1

1

Ein seltsames Licht liegt über dem Lysefjord. Bleich und tot, ohne Energie. Als hätte der Morgen keine Lust gehabt aufzustehen.

Arvid Solhaug kratzt sich unter seiner Wollmütze am Kopf und legt die Hand zurück aufs Steuerrad seines Kutters. Das Boot, das schon sein Vater durch diesen Fjord gesteuert hat, macht halbe Fahrt voraus, sein Bug durchschneidet das dunkle Wasser, das ansonsten glatt daliegt. Wie schwarzer Lack. Nirgendwo kräuselt eine Böe die Oberfläche. Selbst der Wind scheint lustlos. Zusammen mit der Sonne versteckt er sich hinter den Bergrücken, die sich an Backbord über den Fjord erheben. Es ist Herbst, aber solch einen trostlosen Morgen hat Arvid schon lange nicht mehr erlebt. Eine Welt so leer wie die Netze, die sein Sohn und er vorhin eingeholt haben, bevor sie sich auf den Heimweg nach Forsand gemacht haben.

An Steuerbord zieht eine durchgehende Mauer aus schroffem Granit vorbei. An manchen Stellen fallen die mächtigen Felswände senkrecht ab. Deshalb kann er auch so nah an sie heranfahren, denn unter der Wasseroberfläche reichen die Wände weiter hinab, viele Hundert Meter, wo normalerweise alles voller Fische ist. Doch nicht heute, heute ist es nur dunkel und kalt.

Arvid zündet sich eine Zigarette an und zieht den Rauch tief in seine Lungen. Von seinem geschützten Platz im Steuerhäuschen aus blickt er nach vorn aufs Deck. Dort steht sein Sohn Kyrre an der Reling und betrachtet die vorübergleitenden Klippen. Er hat bis eben die Netze sortiert und raucht nun ebenfalls. Der bläuliche Qualm wird vom Fahrtwind mitgenommen. Kyrre wirkt mit seinen hängenden Schultern genauso deprimiert wie Arvid selbst. Mit leeren Händen heimzufahren ist kein schönes Gefühl.

Der Kutter passiert den Fuß des berühmten Preikestolen. Arvid blickt hinauf zu der viereckigen Felskanzel, die 600 Meter über dem Fjord aufragt. Widernatürlich und gegen jede Vernunft, als hätte der Teufel bei ihrer Erschaffung die Finger im Spiel gehabt. Dem Leibhaftigen, dem Gammel Erik, dürfte es auch zu verdanken sein, dass der Preikestolen heutzutage von wahren Touristenhorden erdrückt wird. Irgendwann würde das Ding einfach abbrechen und die Urlauber mit in den Fjord reißen. Dabei würde der Gammel Erik beelzebübisch lachen.

Arvid läuft bei dem Gedanken eine Gänsehaut über den Rücken, und er schüttelt sich. Als junger Bursche war er oft auf dem Preikestolen, bevor die Wanderwege ausgebaut wurden. Zu Zeiten, in denen man auf der Kanzel häufig noch ganz allein war. Aber die sind lange vorbei. Jetzt teilt man sich den Felsen mit Kreuzfahrttouristen aus aller Welt, Outdoorfreaks und Verrückten, die sich mit Fallschirmen in die Tiefe stürzen. Oder jenen armen Seelen, die müde sind vom Leben und einfach so hinabspringen …

Arvid will nicht daran denken. Er drückt seine Zigarette in dem festinstallierten Aschenbecher aus und zieht eine neue aus der Packung. Seine Finger zittern, als er sie sich anzündet. Warum er dieses untergründige Kribbeln spürt, weiß er nicht. Vielleicht liegt es am Wetter. Oder an dieser unheimlichen, starren Welt da draußen, in die sich keine andere Menschenseele gewagt hat. Nicht ein einziges Boot ist unterwegs, obwohl ihnen um diese Uhrzeit normalerweise der erste Ausflugsdampfer aus Stavanger entgegenkommen müsste.

Kyrre hat sich ins Heck zurückgezogen, wo er wahrscheinlich die Bojen sortiert. Der tuckernde Schiffsdiesel übertönt sein Gepolter.

Die Granitwand an Steuerbord kommt näher, doch Arvid behält den Kurs unbeirrt bei. Er weiß, dass das Wasser an dieser Stelle tief genug ist. Die Felsen wirken zum Greifen nahe. Er sieht kleine Birken und Gräser, die in den Nischen wachsen. Die Pflanzen halten sich an den Steinen fest, wie auch der Mensch sich an seine jämmerliche Existenz klammert.

Arvids Gedanken kehren zu jenen Unglücklichen zurück, die mit Absicht loslassen. Die sich an die Kante stellen und nach unten blicken, die keine Angst mehr haben und einen Schritt nach vorne wagen … in die Erlösung.

Unwillkürlich duckt Arvid sich und versucht, an etwas Nettes zu denken. Leere Netze und Selbstmörder, dazu noch der Teufel – in seinem Kopf hat sich zu viel Finsteres ausgebreitet. Dagegen sollte er etwas tun.

Sobald er zu Hause angekommen ist, wird er sich einen Kaffee aufbrühen und im Garten die Zeitung lesen. Die Katze wird sich zu ihm gesellen und sich schnurrend auf seinen Schoß legen, während seine Frau ihre Morgendusche nimmt. Hinterher wird sie sich eingehüllt in den Duft ihres Shampoos zu ihm setzen und mit ihm Kaffee trinken. Arvid seufzt. Ja, darauf freut er sich. Wenigstens eine Sache, die so sein wird wie immer.

Müde lächelnd sieht er nach vorn. Der Bug des Kutters steuert unbeirrt auf den Ausgang des Fjords zu, wo der kleine Leuchtturm auf der Insel Bergsholmen auf ihn wartet. Der erste Willkommensgruß auf dem Weg zum Heimathafen, der zweite stammt von der Brücke, die den Fjord überspannt. Danach käme der Ort Forsand in Sicht, und sie wären fast da. Arvid vertäut in Gedanken schon das Boot an der Mole …

Ein Schatten fliegt durch sein Blickfeld, und fast im selben Moment erfolgt ein harter Schlag vorne an Deck. Vor Schreck fällt Arvid die Zigarette aus dem Mund. Fluchend sucht er den Boden ab, wo der glühende Stummel bis zur Wand gerollt ist. Schnell tritt er die Zigarette aus. Als Arvid den Kopf hebt, beobachtet er, wie Kyrre zum Bug eilt und auf etwas blickt, das von der Winde vor der Kühlluke verdeckt wird. Im nächsten Moment stolpert sein Sohn zur Reling und übergibt sich.

Das Kribbeln in Arvids Beinen wächst zu einem mächtigen Zittern an. Dennoch behält er die Nerven, steuert das Boot von den Felsen weg und stoppt den Motor. Erst als der Kutter in der Mitte des Fjords zum Stillstand kommt, verlässt er das Steuerhäuschen und läuft zu Kyrre, der zusammengesunken an der Reling kauert. Erbrochenes hängt in seinem Bart und sein Gesicht ist so bleich wie der Morgen.

»Was ist los?«

Kyrre hebt den Arm und zeigt auf das, was sich keine zwei Meter von ihm entfernt auf dem Deck befindet. Arvid dreht sich um und seine bebenden Glieder füllen sich schlagartig mit Kälte, als ob seine Kleidung sich mit Fjordwasser vollsauge.

Neben der Winde liegt eine unförmige Masse aus Stoff und Körperteilen. Sie ist gerade so als Mensch erkennbar. Der Schädel ist aufgeplatzt, und Blut und rosafarbene Gehirnmasse bilden einen sternförmigen Kranz, von dem aus dünne Fäden über das grüngestrichene Deck zum Speigatt laufen.

Arvid muss sich an der Reling abstützen, denn es fühlt sich plötzlich an, als befände sich das Boot inmitten einer stürmischen See, die das Deck unter seinen Füßen schwanken lässt.

Wie in Trance starrt er auf den Haufen, der vor wenigen Minuten noch ein lebender Mensch gewesen ist.

Hinter ihm würgt Kyrre von Neuem. Sein Sohn ist mit seinem eigenen Elend beschäftigt, von ihm kann er keine Hilfe erwarten. Arvid muss die Polizei rufen. Selbst wenn dies ein Selbstmord war, sollte es untersucht werden. Auch seine Frau würde er benachrichtigen, um ihr zu sagen, dass es später würde und sie schon mal ohne ihn mit dem Frühstück anfangen könnte. Verdammt! Warum passieren solche Sachen ausgerechnet ihm?

Arvid greift in seine Hosentasche, in der sein Handy steckt, dabei fängt sein Blick ein Glitzern an der Kleidung des Toten auf. Ein kleiner, runder Gegenstand, der im matten Licht des Tages schimmert.

Davon angezogen beugt Arvid sich vor und ignoriert den Geruch nach Blut. Es ist eine Anstecknadel aus Emaille und Silber. So groß wie eine Fünf-Öre-Münze. Die Schrift darauf versteht er nicht. Die Worte scheinen deutsch zu sein.

»Internat Hamburg Falkenstein –

20-jähriges Abiturjubiläum«.

Arvid richtet sich auf. Runzelt die Stirn. Dann zieht er das Handy aus der Tasche und wählt die Nummer der Polizei. Das Zittern in seinen Beinen hat sich gelegt. Im Grunde hat er ja den ganzen Tag geahnt, dass etwas passieren würde.

Zwei Tage zuvor

2

Was mache ich hier?

Das ist das Erste, was Philipp Jaeger denkt, als er den Kopf in den Nacken legt und die schwarze Bordwand hinaufblickt. Seine Frau Franziska, die neben ihm in der Schlange der wartenden Passagiere steht, ist total aufgeregt. Seit sie in Oslo am Flughafen gelandet sind, plappert sie ununterbrochen darüber, wie sehr sie sich auf die Reise mit diesem Schiff gefreut hat. Im Gegensatz zu Philipp, den es ein wenig davor gruselt, mit knapp 700 Urlaubern auf diesem Pott zehn Tage lang eingepfercht zu sein. Und 50 davon kennt er auch noch! Also »kennen« im Sinne von »eigentlich nicht kennen wollen«.

Aber es ist ein Jubiläum, und das muss gefeiert werden. So will es die Tradition. Seit 1983 spendiert der große Hans Peter Larsen, für dessen Reederei dieser Kreuzfahrtdampfer namens MS Norsk Sol fährt, eine Jubiläumsfahrt für die Ehemaligen.

»Ist das nicht cool?«, fragt Franzi neben ihm. »Endlich geht es los. Ich kann es gar nicht erwarten. Ich bin wahnsinnig gespannt darauf, die anderen zu treffen.«

Philipp schweigt. Die anderen zu treffen, davon ist er gar nicht begeistert. Es hat seinen Grund, warum er seit 20 Jahren keinen Kontakt zu ihnen hatte. Und eigentlich hatte Franzi das auch nicht, bis auf ihre ehemalige Zimmergenossin vom Internat, Lea Yosef, mit der sie sich sporadisch über Facebook austauscht. Warum freut sie sich so sehr darauf? Was findet sie daran, Menschen zu begegnen, die einem fremd geworden sind? Mit denen man vielleicht nie wirkliche Gemeinsamkeiten hatte außer dieselben Lehrer?

»Was wohl aus ihnen geworden ist? Ob CeeJay auch da ist? Und Sascha?«

Philipp brummt etwas Unverständliches vor sich hin. Er hat die Teilnehmerliste studiert. Sie sind fast vollzählig, nur einige Wenige fehlen.

»Was glaubst du? Ist Henning immer noch ein Nerd? Und David ein Grufti?« Franzi wirft lachend ihren Kopf zurück, wobei eine ihrer blonden Locken Philipps Wange streift. »Und bestimmt sind wir das einzige Paar, das von damals übrig geblieben ist. Mensch, was für ein Glück, außer uns müssen alle ohne ihre Partner kommen. Hoffentlich haben wir eine nette Kabine. Mit Blick aufs Wasser. Das wird superromantisch.« Sie zwinkert ihm zu.

Philipp seufzt innerlich. Ihm drängen sich bei dem Gedanken ganz andere Bilder auf. Er war noch nie auf einem Schiff, deshalb weiß er nicht mal, ob er seekrank werden wird. Er zieht es vor, seine Urlaube auf festem Boden zu verbringen. Außerdem ist er kein Freund des Kreuzfahrttourismus, weshalb Franzi und er im Vorfeld eine Diskussion über dieses Thema hatten. Doch als seine Frau ihm erklärt hat, dass sämtliche Schiffe der Reederei Larsen mit Biodiesel fahren, es an Bord kein Wegwerfgeschirr gibt und auf Nachhaltigkeit geachtet wird, war er ein wenig besänftigt.

In der Schlange geht es ein Stück vorwärts, und sie nähern sich dem Eingang in der Bordwand. Obwohl Philipp es nicht will, muss er an seine alte Clique denken. An Matthias, Nadine, Katharina und Christian.

Bei dem Gedanken an Letzteren stellt sich sofort ein ungutes Gefühl bei ihm ein, als würde sein Magen schlagartig mehr Säure produzieren, was ihn aufstoßen lässt. Unauffällig hält er sich eine Hand vor den Mund. Obwohl Christian Landgraf und er in derselben Stadt wohnen, ist Philipp das Kunststück gelungen, ihm nie zu begegnen. Um das zu bewerkstelligen, musste er dafür sorgen, dass ihre Lebenswelten einander nicht berühren. Das war nicht sonderlich schwer. Während Philipp sein eigenes Unternehmen gründete, absolvierte Christian sein Mathe- und Wirtschaftsstudium mit Bestnoten und bekam anschließend einen Posten als Investmentbanker bei einer in Hamburg ansässigen Bank. Christian war schon immer ein Gefahrensucher und Risiko sein zweiter Vorname. Philipp hätte Hamburg damals gerne verlassen, aber Franzi wollte nicht weg aus ihrem schicken Haus in Klein Flottbek und der Radiologiepraxis der Eltern, in die sie eingestiegen ist. Die Vorstellung, mit Christian zusammen auf einem Schiff zu sein, bringt seinen Magen enorm in Aufruhr. Erneut presst er eine Hand auf seine Lippen.

»Geht es dir gut?«, fragt Franzi. Natürlich weiß sie seine Verhaltensweisen zu deuten.

»Alles okay«, lügt er trotzdem.

»Quatsch. Du bist nervös, das sehe ich doch.« Sie stößt ihm scherzhaft mit dem Ellenbogen in die Seite. »Hast du etwa Schiss? Vor dem Mein-Haus-mein-Auto-mein-Pool-Bingo? Das brauchst du nicht. Du hast viel erreicht. Jeder fünfte Deutsche trägt deine Klamotten. Und bestimmt jeder zweite Lehrer.« Franzi lacht laut auf, und langsam glaubt Philipp, dass sie in der Lounge am Flughafen zu viel Champagner getrunken hat.

»Das ist es nicht«, entgegnet er grimmig.

»Was dann? Raus damit.«

Er hat keine Lust, es ihr zu erzählen. Er will es vergessen, aber leider kommen immer mehr Erinnerungen hoch. Zehn Tage, seufzt er, wie soll er das schaffen?

»Ach, das wird cool, deine alten Kumpels wiederzutreffen. Matthias, Christian und die beiden anderen. Die freuen sich sicher auf dich.«

Du hast ja keine Ahnung, denkt er und beißt sich auf die Lippen. Sein Blick flackert unruhig über die Reisenden in der Warteschlange hinweg. Zum Glück ist unter ihnen niemand, den er auf Anhieb erkennt. Das dürfte bei manchen nach 20 Jahren auch nicht einfach sein.

»Ist das dort nicht Herr Roth?« Franzi deutet auf einen grauhaarigen Mann am Ende der Schlange unten an der Gangway. Zu einer grünen Stoffhose trägt er eine knallgrüne BigNorth-Funktionsjacke. Er hat einen riesigen Rollkoffer dabei und unterhält sich mit einer untersetzten Frau mit rabenschwarzer Mähne und einem gepunkteten Kleid. »Frau Schaber, Kunst und Religion«, flüstert Franzi. »Und im Fall von Herrn Roth hatte ich recht: Jeder zweite Lehrer trägt deine Klamotten.«

Plötzlich ertönt vor ihnen lautes Gelächter, das Philipp zusammenzucken lässt. Eine wilde Mischung aus Gänsehaut, Erinnerungen und Widerwillen schwappt über ihn hinweg und versucht, ihn mit in die Vergangenheit zu reißen. Doch Philipp lässt es nicht zu und ist froh, dass er seine Emotionen im Griff hat, auch wenn Franzi ihn sich manchmal gefühlsbetonter wünscht. Er reckt den Hals und entdeckt mehrere Reihen vor sich den Hinterkopf der Person mit dem dreckigen Lachen. Dieser eierförmige Schädel und die markanten Segelohren, von denen nur der obere Teil absteht, können nur einem gehören: Matthias Nossak. Seine rötlich braunen Haare sind licht geworden, und er trägt jetzt einen hippen Vollbart. Erneut dröhnt sein Lachen durch den Eingangsbereich, und Philipp kann den Blick nicht von ihm lassen, während sich die Schlange weiter voranschiebt. Schließlich gelangen sie in das Innere des Schiffes, und vor ihnen öffnet sich eine mit Teppich ausgelegte Empfangshalle, die der Rezeption in einem Hotel gleicht. Der Stau ist entstanden, weil die meisten Passagiere direkt in ihre Kabinen einchecken wollen.

Philipp beobachtet, wie Matthias an den Tresen tritt und mit der Frau dahinter spricht.

Nun bemerkt auch Franzi ihn. »Hey, das ist ja Matthias. Willst du nicht hingehen?«

»Nein, dann würden wir uns vordrängeln.«

»Ich halte uns den Platz in der Schlange frei. Nun mach schon. Ihr wart doch Kumpels.«

»Ich sagte, nein!«, zischt Philipp.

Franzi sieht ihn genervt an. »Mein Gott, was sind wir wieder gut gelaunt. Entspann dich mal.«

Einfacher gesagt als getan, wenn man sich an einem Ort befindet, an dem man nicht sein will. Was tut man nicht alles für seine Frau. Ohne Franzi hätte er gekniffen wie die paar anderen, die nicht dabei sind. Aber weil er so viele Tage im Jahr geschäftlich unterwegs ist, hat er ihr versprochen, dass diese Reise nur für sie beide sein soll.

Plötzlich schallt ein Ruf durch den Raum, und Philipp wendet den Kopf. Eine kleine Frau mit platinblondem Bob läuft auf Matthias Nossak zu und fällt ihm um den Hals. Philipp erkennt sie sofort. Es ist Nadine Valetta.

»Wow! Ist das schön!«, hört er sie vor Freude quietschen. »Gut schaust du aus. Immer noch so sportlich wie früher!« Sie boxt Matthias spielerisch in den zugegeben sehr flachen und wahrscheinlich muskulösen Bauch. Er war schon damals ein begnadeter Sportler, ein guter Fußballer und Ruderer. Philipp beobachtet, wie die beiden sich angeregt unterhalten. Dann wandert sein Blick weiter über die restlichen Wartenden, aber Christian ist nicht darunter. Möglich, dass er gar nicht kommt. Investmentbanker haben ja stets viel zu tun, und vielleicht ist ihm ein Treffen mit den alten Schulkameraden nicht wichtig genug.

Philipp spürt Franzis Blick auf sich lasten, und das saure Brodeln in seinem Magen verstärkt sich. Wieder muss er aufstoßen. Er denkt darüber nach, wie er es vermeiden könnte, allzu viel mit den anderen zu tun zu haben. Vielleicht sollte er von Anfang an Seekrankheit vortäuschen?

»Hallo, willkommen auf der Norsk Sol. Was kann ich für Sie tun?« Die Rezeptionistin lächelt Franzi und ihn an.

»Herr und Frau Jaeger. Wir gehören zu den Jubilaren«, erklärt Philipp.

»Ah, wie schön. Wir haben Ihre Reisegruppe auf Deck 7 untergebracht. Natürlich mit Seeblick. Hier sind Ihre Cruise­-Cards, damit checken Sie bitte bei jedem Landgang ein und aus. Sie dienen außerdem als Zahlungskarten für die Getränke, Ihre haben kein Limit, Herr Larsen lädt Sie zu allem ein. Fühlen Sie sich also absolut frei, sich an den Bars zu bedienen. Auch das Spa steht Ihnen jederzeit zur Verfügung, nur anmelden sollten Sie sich vorher. Die nötigen Informationen dazu finden Sie in der Broschüre in Ihrer Kabine.« Die Frau schiebt die Keycards über den Tresen. »Und dann habe ich noch das Veranstaltungsprogramm für Sie. Der Jubiläumsempfang findet um 15 Uhr in der Fjord-Lounge auf dem oberen Panoramadeck statt. Wir wünschen Ihnen einen schönen Aufenthalt an Bord und … Ach, das hätte ich beinahe vergessen. Ihre Anstecknadeln, bitte schön!« Sie legt zwei kleine runde Broschen aus dunkelblauer Emaille auf den Tresen. Darauf steht in silberner Schrift: »Internat Hamburg Falkenstein – 20-jähriges Abiturjubiläum«.

Philipp nimmt seine und lässt sie in der Hosentasche verschwinden.

»Willst du sie nicht anstecken? Dann erkennt jeder sofort, dass wir zur Gruppe gehören.«

»Mache ich später. Ich will zuerst aufs Zimmer.« Er bedankt sich bei der Rezeptionistin und greift nach seinem Koffer, da kracht von hinten eine Hand auf seine Schulter.

»Hey, Lippy! Lange nicht gesehen, Digga!«

Lippy, denkt Philipp düster. Diesen Spitznamen hat er schon damals gehasst.

Tief atmet er ein und dreht sich um. Hinter ihm steht der Mann, den er mehr als alles andere verabscheut.

»Hallo, Christian«, sagt er kühl und streckt die Hand aus.

3

»Wo sind die Zielpersonen?«, kommt die Stimme des Einsatzleiters über Funk.

»Sie gehen gerade in die Halle, fünf Männer. Zwei davon sind offen bewaffnet mit Pistolen. Bei den anderen kann ich es nicht erkennen, aber sie tragen mit Sicherheit Waffen unter ihrer Kleidung«, antwortet Kommissar Tom Skagen und späht durch das Fernglas. Sie befinden sich im Containerhafen von Tjora in der Nähe von Stavanger, und die Halle soll in Kürze gestürmt werden.

»Der Deal da drinnen läuft bestimmt schon.« Erling Øksnes, der Leiter der norwegischen Polizeitruppe, klingt gereizt.

»Das glaube ich nicht, sie waren noch gar nicht am Container, um die Ware zu überprüfen. Ohne Ware kein Deal. Was sagt die Kameraüberwachung in der Halle?«

»Negativ. Die Zielpersonen befinden sich nicht im Erfassungsbereich.«

Skagen wendet sich seinem Kollegen Jens Fram zu, der im Schutz eines Haufens alter Stahlträger hockt und mit den Schultern zuckt. Beide sind sie Teil von Skanpol, einer Unterabteilung von Europol, die sich mit grenzübergreifender Verbrechensbekämpfung zwischen Deutschland und Skandinavien befasst und ihren Sitz in Hamburg hat. Kurz kommen in Skagen Zweifel auf, dass alles laufen wird wie geplant. Seit drei Jahren arbeiten sie an diesem Fall, einer Kooperation zwischen norwegischer Polizei, Skanpol, Interpol und den deutschen Behörden. Die Operation trägt den Namen »Nordvei«, »Nordweg«, was auf die Route der Waffenschmuggler anspielt, die sie überwachen. Und heute sollen endlich ihre Zielpersonen festgenommen werden. Wenn etwas schiefginge, wäre ihre ganze Vorarbeit umsonst gewesen.

Er späht durchs Fernglas. Vor der Halle rührt sich nichts. Die fünf Männer befinden sich nach wie vor im Innern. Drei davon sind Waffenhändler aus Norwegen, denen eine Verbindung zu der rechtsextremen Gruppierung »Åsgards Sønner Norge« nachgewiesen wurde, bei den anderen handelt es sich um zwei Waffenschieber aus Berlin. Sie stammen aus dem deutschen Chapter von »Åsgards Söhnen«, das unter anderem mit der Reichsbürgerbewegung sympathisiert. Beide Gruppen horten Waffen für den Umsturz. Auch die Berliner Prepperszene steckt mit drin, die sich in Norwegen Unterschlupf erhofft, falls der »große Knall« kommt.

Wer hier den großen Knall hat, ist für Skagen klar, denn beim Handel von gestohlenen Waffen hört der Spaß auf. Er schwenkt das Fernglas in Richtung des rostroten Containers, der von außen unauffällig wirkt. Tatsächlich befinden sich darin Maschinengewehre des BKA sowie Handgranaten und Panzerfäuste der Bundeswehr. Über Jahre hinweg entwendet von Polizisten und Mitgliedern des KSK. Waffen, mit denen der Umsturz herbeigeführt werden soll, mit denen die Rechtsextremisten die Demokratie abschaffen wollen.

Skagen lässt das Fernglas sinken. Die Sonne blendet. Es ist ein kühler Herbsttag. Keine 200 Meter vom Containerterminal entfernt liegt der Kai, an dem die Autofähren aus Dänemark und Nordnorwegen anlegen. Hoffentlich gibt es keine Schießerei bei dieser Nähe zu Zivilisten. Skagen atmet tief ein, doch das Ziehen in seinem Bauch breitet sich aus, anstatt zu verschwinden. Er will gerade einen Lagebericht an den Einsatzleiter durchgeben, da stößt Jens Fram einen verhaltenen Laut aus und zeigt hinüber zu dem Container.

Skagen hebt das Fernglas, braucht es aber eigentlich gar nicht, um zu sehen, dass sich ein Sattelzug nähert. Im nächsten Moment ertönt das Motorengeräusch eines Containerstaplers, der sich durch die Reihen schiebt. »Scheiße, die verladen das Ding!«

Jens nickt.

Rasch informiert Skagen Øksnes über die neue Entwicklung, woraufhin der Norweger einen Fluch ausstößt. Danach erteilt er seinen Leuten den Befehl, sich für eine etwaige Planänderung bereitzuhalten. Nämlich dafür, dass der Laster mit dem Container das Gelände verlassen und sich aus dem Staub machen könnte.

Skagen, dessen Zwicken im Bauch ihm keine Ruhe lässt, beobachtet, wie der Stapler den Container binnen weniger Minuten auf den Anhänger des Lastzugs verlädt und sich im piependen Rückwärtsgang entfernt.

»Erkennt ihr den Fahrer des LKW?«, fragt er über Funk die Kollegen auf der anderen Seite des Areals, die für einen Blick ins Führerhaus die bessere Position haben.

»Negativ, er trägt Sonnenbrille und Mütze.«

»Ich wette trotzdem, dass er zu der Gruppe der Zielpersonen gehört«, zischt Jens Fram.

Skagen brummt zustimmend. Mit bloßem Auge verfolgt er den Weg des Trucks.

»Er fährt zum Tor«, ertönt die Stimme des Einsatzleiters. »Er will das Gelände verlassen, ohne dass wir die Übergabe beobachtet haben! Mist! Wissen die womöglich, dass wir hier sind?«

»Ich denke nicht«, antwortet Øksnes. »Wenn sie etwas ahnen würden, hätten sie den Deal an einem anderen Tag oder einem anderen Ort durchgeführt.«

»Aber wir müssen sie bei der Übergabe erwischen, sonst ist alles sinnlos! Dann können sie behaupten, damit nichts zu tun zu haben.«

Das pneumatische Pfeifen der Bremsen dringt an seine Ohren, und Skagen beobachtet, wie der LKW vor dem Tor hält. Eine orangefarbene Signallampe am Zaun springt an. Gleich würde sich das große Stahltor öffnen.

Skagen sieht Jens an. Sein langjähriger Freund und Kollege scheint unsicher, doch dann nickt er entschlossen. Sie haben nicht drei Jahre an diesem Fall gearbeitet, um die Ladung nun davonfahren zu lassen.

»Holen wir sie uns?«, fragt Skagen Øksnes durchs Mikro.

Ein kurzer Moment des Schweigens, schließlich antwortet der Einsatzleiter: »Nicht jetzt. Der Truck soll erst das Gelände verlassen. Team drei wird ihn am nächsten Kreisverkehr abfangen. Gleichzeitig stürmen wir in die Halle.«

»Verstanden. Wir machen uns bereit.« Skagen wirft einen letzten Blick auf den Laster. Das Tor ist bereits halb geöffnet. Gleich wird der LKW sich in Bewegung setzen. Sobald er die Straße erreicht hat, werden sie zu dem großen Gebäude hinüberlaufen. Er gibt Jens ein Signal, und sie ziehen ihre Waffen.

Das Tor schiebt sich weiter auf. Über Funk verfolgt Skagen, wie Team drei sich in Stellung bringt. Seine Aufmerksamkeit springt zwischen dem Tor und der Hafenhalle hin und her. Die Signallampe hört auf zu blinken, der Weg für den Laster ist frei. Der Fahrer löst die Bremsen und gibt Gas.

Skagen lässt die Hand sinken, und die Männer und Frauen des Spezialkommandos, die hinter ihnen gewartet haben, machen sich in Formation auf den Weg zur Halle, dabei nutzen sie den Schutz von Containern, Fahrzeugen und Materialstapeln. Sie erreichen die Wagen der Waffenschleuser – einen Land Rover mit norwegischem und einen Porsche Cayenne mit deutschem Kennzeichen. Kurz verharren sie bei den Autos und sondieren die Lage. Alles ist ruhig. Skagen wundert sich, dass die Kerle in der Halle sich noch immer nicht regen. Der Deal ist gelaufen, der LKW mit den Waffen ist weg. Worauf warten die?

Sie erreichen die Wellblechwand des Gebäudes. Keine zehn Meter von ihnen entfernt liegt der Zugang. Das hintere Tor und den Seiteneingang nimmt sich Team zwei vor. Als alle Kollegen in Stellung sind, schickt Skagen kurz den Wunsch gen Himmel, dass der Einsatz gutgehen möge, und umfasst seine Waffe fester. In seinem Bauch wütet die Unruhe, und unter der schusssicheren Weste läuft ihm der Schweiß über den Rücken.

Gleich würden sie erfahren, was die Männer in der Halle treiben. Gleich wären sie schlauer.

Über Funk erreicht sie die Information, dass sich der LKW mit dem Container kurz vor dem Kreisverkehr befindet, an dem der Zugriff stattfinden soll. Auch dort sind die Kollegen bereit.

Skagen nickt dem Squadleader zu, der sich mit seinem Trupp auf den Eingang zubewegt, schnell und effektiv. An der Tür halten sie an. Ein Beamter der Spezialkräfte legt eine Hand auf die Klinke und ein zweiter bringt sich in Position, um mit erhobenem MG hineinzustürmen.

Was, wenn die da drinnen nur darauf warten, sie niederzuschießen? Was, wenn es eine Falle ist?

Skagen will gerade seine Bedenken äußern, da erhält er das Signal, dass Team eins und zwei jetzt reingehen und das dritte Team den LKW stoppt. Die nächsten Minuten werden beherrscht von lautem Stimmengewirr, Türen werden aufgerissen und Polizisten stürmen die Halle. Befehle ertönen und es fallen Schüsse. Skagen und Jens, die den SEK-Leuten folgen, verschaffen sich hastig einen Überblick. Niemand von den Zielpersonen scheint mehr in dem Gebäude zu sein. Im Dämmerlicht bemerkt Skagen einen Tisch mit mehreren Stühlen, einige davon sind umgefallen, daneben liegt einer der Waffenschieber am Boden. Er wird gerade von den SEK-Leuten festgenommen. Wo sind die restlichen vier?

Geduckt dreht Skagen sich um. Schräg hinter ihm wird eine weitere Person von Polizisten zu Boden gedrückt. Sie blutet aus einer Wunde an der Schulter und stößt immer wieder Flüche auf Norwegisch aus.

Fehlen noch drei.

Die SEK-Leute dringen tiefer in die Halle vor, in der unzählige Fässer und Paletten mit in Plastik eingewickelter Waren stehen, daneben ein paar Gabelstapler und andere Verladegeräte. Skagen hört ein lautes Klirren, als die Wodkaflasche, die auf dem Tisch stand, zu Boden fällt und zerschellt. Haben die Kerle hier gesessen und gebechert, während draußen der Laster mit den Waffen davonfuhr, ohne dass sie einen Blick darauf geworfen haben? Skagen kann das nicht glauben. Oder war der Zweck des Treffens womöglich gar nicht die Übergabe der Waffen und die Verbrecher haben sie verarscht?

Während das Sondereinsatzkommando damit beschäftigt ist, jeden Winkel abzusuchen, dreht Skagen sich suchend im Kreis. Wo sind die anderen Kerle?

Plötzlich hört er einen Ruf und wendet den Kopf. Einer der Waffenschmuggler ist auf einen Gabelstapler geklettert und fährt los, direkt auf die Polizisten zu. Dabei feuert er mehrere Schüsse ab. Er will sich seinen Weg freischießen und mit dem Stapler durch die Reihen brechen. Doch die SEK-Leute erwidern das Feuer und erwischen den Kerl. Der Stapler rollt noch ein paar Meter und kracht dann in einen Haufen Paletten. Drei Beamte eilen zum Fahrzeug und zerren den Angeschossenen aus der Kabine. Der Mann scheint bewusstlos zu sein. Über Funk verfolgt Skagen, wie nach einem Krankenwagen verlangt wird. Auch der LKW mit den Waffen befindet sich mittlerweile in der Kontrolle der Beamten. Der Fahrer hat keinen Widerstand geleistet und sich festnehmen lassen. Die Durchsuchung des Containers hat ergeben, dass er enthält, was sie vermutet haben: die Waffen.

Gut, denkt Skagen. Immerhin ein Teil der Razzia, der erwartungsgemäß verläuft.

Als er sich zu Jens umdreht, gibt dieser einen erstickten Laut von sich.

Skagen starrt auf zwei Männer, die hinter seinem Freund stehen. Es sind die beiden deutschen Waffenschieber. Der jüngere hat einen Arm um Jens’ Hals gelegt und drückt eine Pistole an seinen Kopf, während der ältere mit der Glatze keine Waffe zu haben scheint und sich im Schatten seines Kompagnons verbirgt.

Langsam hebt Skagen seine Pistole und zielt auf den Verbrecher, der Jens in seiner Gewalt hat. »Waffe fallen lassen!«

»Nein. Sie legen Ihre Pistole weg! Dann passiert Ihrem Kollegen nichts«, antwortet der Geiselnehmer. Er hat dunkle Haaren und einen Dreitagebart.

Skagen hält seine Heckler & Koch unbeirrt auf ihn gerichtet. Er kann die Angst in Jens’ Augen lesen. Stumm verflucht er sich dafür, dass er sich von dem Spektakel mit dem Gabelstapler hat ablenken lassen.

»Ich verhandele nicht mit Verbrechern«, entgegnet er mit harter, aber ruhiger Stimme. »Wenn Sie die Waffe runternehmen, kommen Sie heil aus der Sache raus. Wenn nicht, schieße ich.«

Der Kerl bleckt die Zähne. Seine Pistole an Jens’ Kopf zittert. Er wird doch nicht abdrücken, verdammt!

Unwillkürlich bricht in Skagen Panik aus. Jens ist sein Freund, er würde es nicht ertragen, wenn ihm etwas passierte. Seine Arme beginnen zu beben, und er spannt sie noch mehr an. Es ist nicht wie damals auf dem Schiff, sagt er sich. Das ist nicht dieselbe Situation, das hier ist ganz anders als auf der Signe Merkur. Du bist nicht hilflos. Du hast eine Waffe, und in deinem Rücken befinden sich mindestens zwei Dutzend Kollegen vom SEK. Du hast die Lage im Griff.

Doch das Zittern breitet sich immer weiter unkontrolliert in seinem Körper aus. Verdammt! Nicht jetzt!

Um entschlossener zu wirken, schiebt sich Skagen einen Schritt vor. »Waffe runter!«, brüllt er. Über Funk hört er, dass die Kollegen mitbekommen haben, was los ist. Doch so sehr er sich auch bemüht, er bekommt das Zucken seines Körpers nicht unter Kontrolle. Die Muskeln in seinen Armen verkrampfen sich, er atmet schnell, und unerträgliche Hitze breitet sich in ihm aus. Jens scheint inzwischen bemerkt zu haben, dass mit ihm etwas nicht stimmt, denn der Ausdruck in seinen Augen verwandelt sich von Angst in blanke Furcht.

»Ich sage es zum letzten Mal«, stößt Skagen aus, und er ist froh, dass wenigstens seine Stimme nicht an Härte verloren hat, »Waffe weg!«

Der Kerl funkelt ihn an. Sein Gesicht ist vollkommen starr, und Skagen fragt sich, was in ihm vorgeht. Wird er schießen? Wenn er Jens tötet, wird das SEK ihn durchsieben. So verrückt wird er nicht sein. Oder doch?

Der Ältere der Waffenschieber rührt sich nicht. Er hält sich nach wie vor hinter seinem Komplizen versteckt.

Skagen presst die Lippen aufeinander. Der Lauf seiner Pistole bebt. Das muss dem Kerl auffallen. In seinem Rücken hört er knirschende Schritte, die Kollegen vom SEK nähern sich. Skagen lässt den Typen nicht aus den Augen.

Wenn du Jens umbringst, töte ich dich!

Der Geiselnehmer grinst. Ohne sich umzudrehen, ruft er seinem glatzköpfigen Kumpan zu: »Los, hol dir die Waffe des Polizisten. Keine Angst, der wird nicht schießen, solange ich seinen Freund habe!«

»Marcel, lass das. Ich denke, wir sollten das hier beenden.«

»Scheiße, nein! Das werden wir nicht. Ich will nicht in den Knast! Und jetzt beweg deinen Arsch und nimm dem Bullen die Waffe weg!«

Der Ältere tritt an dem Geiselnehmer vorbei. Sein Blick wirkt unsicher. Langsam nähert er sich Skagen. »Geben Sie mir Ihre Waffe.«

»Bleiben Sie stehen!«, befiehlt Skagen ihm, aber der Glatzkopf setzt seinen Weg fort.

»Seien Sie vernünftig«, sagt der Mann. »Ihrem Kollegen wird nichts geschehen, wenn Sie …«

»Ich sagte, stehen bleiben!«, wiederholt Skagen mit Nachdruck.

Der Glatzkopf folgt seiner Anweisung. Er befindet sich nun genau in der Schusslinie zwischen ihm und dem Geiselnehmer. Fuck, denkt Skagen, doch bevor er dem Kerl sagen kann, er soll zur Seite gehen, fallen drei schnell aufeinanderfolgende Schüsse. Erschrocken zucken alle zusammen.

Jens! – schneidet es wie ein Messer durch Skagens Hirn. Bitte nicht Jens!

Es ist nicht sein Freund, der mit einem erstickten Stöhnen vor ihm zusammenbricht und auf dem Bauch liegen bleibt, sondern der Glatzkopf. Drei Einschusslöcher prangen in Thors Hammer, der seine Lederjacke auf dem Rücken ziert.

Hastig hebt Skagen den Kopf.

Jens steht allein da. Kreideweiß wie der Skanpol-Schriftzug auf seiner schusssicheren Weste. Wo ist der Geiselnehmer? Skagen wendet sich um. Doch der Mistkerl ist weg. Er entdeckt eine Stahltür in der Wand hinter Jens, die sich bewegt.

»Hinterher!«, ruft er den Männern des SEK zu und läuft zu Jens. Er legt ihm eine Hand auf die Schulter. »Alles in Ordnung?«

Jens reagiert nicht. In seinen Augen glänzt Furcht, er atmet hektisch. Skagen kennt diesen Zustand. Er nimmt Jens’ Gesicht in beide Hände. »Hej. Schau mich an. Es ist alles gut. Du bist in Sicherheit. Der Kerl ist weg.«

Erst jetzt bewegen sich Jens’ Augen. Er blinzelt und fokussiert sich auf Skagen. Im Hintergrund stürmen die SEK-Kollegen durch die Tür nach draußen.

Schließlich findet Jens seine Stimme wieder. »Mann, das war nicht gut. Scheiße, noch mal!« Zitternd beugt er sich vor und stützt sich mit den Händen auf den Oberschenkeln ab. »Ist der Kerl wirklich weg?«

»Ja, aber unsere Jungs verfolgen ihn. Sie werden ihn kriegen. Ganz sicher!« Skagen klopft seinem Freund auf die Schulter, und sie atmen beide tief durch. Plötzlich hört er jemanden hinter sich rufen.

»He! Kommt mal schnell!« Es ist Erling Øksnes. Er kniet neben dem glatzköpfigen Waffenhändler, der gerade von einem Kollegen ärztlich behandelt wird. »Der Mann sagt etwas auf Deutsch, keine Ahnung was!«

Skagen und Jens eilen zu Øksnes hinüber und hocken sich hin. Der Schwerverletzte liegt jetzt auf der Seite und keucht schwer, während der SEK-Kollege dabei ist, die Wunden auf dem Rücken erstzuversorgen.

Der Mann dreht den Kopf und sieht Skagen an, er blinzelt angestrengt. Seine Lippen bewegen sich. Blut tropft von seinem Mundwinkel auf den schmutzigen Betonboden.

»Wie? Ich verstehe dich nicht«, sagt Skagen. Er nimmt sich den Stöpsel mit dem Funk aus dem Ohr und beugt sich tiefer hinab. »Sag es noch mal.«

»Ich … einer von euch.«

Skagen runzelt die Stirn. »Einer von uns – was meinst du damit?«

Der Mann hustet, sein Atem setzt für einen Moment aus. Dann holt er röchelnd Luft. »Ich … ich bin ein Kollege … von euch. Undercover.«

»Du meinst ein verdeckter Ermittler?«

Der Verletzte nickt, seine Hand bewegt sich schwach in Richtung seiner Jackeninnentasche. Er scheint große Mühe zu haben, Luft zu bekommen. Seine Augen verdrehen sich, wieder setzt sein Atem aus.

»Verdammt, hilf ihm!«, ruft Skagen dem Kollegen zu, der sich um die Wunden kümmert.

Der hebt beide blutverschmierten Hände. »Ich versuche es ja! Aber dazu bräuchte ich einen Notarzt. Die Kugeln sitzen in seiner Lunge. Der Kerl ersäuft an seinem eigenen Blut!«

Verflucht! Skagen sieht den Sterbenden eindringlich an. »Verdeckter Ermittler?«, fragt er ihn. »Von wem kommst du? Hörst du mich? Aus welcher Abteilung bist du?«

Doch der Mann rührt sich nicht mehr. Sein Gesicht hat jede Farbe verloren. Skagen fühlt nach seinem Puls. Langsam schüttelt er den Kopf.

»Du kannst aufhören«, sagt er zu dem Kollegen. »Trotzdem danke für deine Hilfe.«

Der SEK-Mann nickt und zieht sich die blutigen Handschuhe aus. Skagen verharrt einen Moment über dem Toten, anschließend greift er in dessen Jackentasche und ertastet eine Brieftasche. Als er sie rausholt und öffnet, stößt er einen Fluch aus.

»Was ist?«, fragt Øksnes.

Skagen hält ihm den Ausweis hin, der in dem Klarsichtfach der Brieftasche steckt. »Oberkommissar Peter Sobek, LKA Berlin. Der Mann war tatsächlich einer von uns.«

»Mist! Warum wussten wir nichts davon?«, fragt Øksnes. Seine Miene zeigt wachsende Irritation, aber auch Verärgerung.

»Keine Ahnung«, entgegnet Skagen. »Mir ist nichts von einer verdeckten Ermittlung von dritter Seite bekannt.« Er richtet sich auf und streicht sich die Haare aus der Stirn. Das ist wieder mal typisch, denkt er. Die mangelnde Vernetzung der deutschen Polizeibehörden würde ihn noch mal in den Wahnsinn treiben. In diesem Fall hat sie das Leben eines Polizisten gekostet. Ein Verlust, der hätte verhindert werden können.

Skagen will sich wegdrehen, da bemerkt er, wie Øksnes sich an das Headset fasst und konzentriert lauscht. Der Leiter der norwegischen Truppe verzieht den Mund. »Scheiße! Das war Team eins. Der Schütze ist uns entwischt. Er hat den Zaun überwunden und ist über die Straße geflohen. Dort war gerade viel Verkehr, weil eine Fähre angekommen ist. Als die Kollegen endlich die andere Straßenseite erreicht hatten, war der Kerl weg.«

Skagen fängt Jens’ Blick auf. Der sagt alles.

Jetzt ist ihr Problem nicht mehr allein ein toter deutscher Polizeibeamter, sondern auch noch ein skrupelloser Mörder auf der Flucht. Was für ein Desaster!

4

Philipp muss aufstoßen. Er würgt den sauren Geschmack herunter und blickt aus dem Panoramafenster. Die Norsk Sol steuert durch den Oslofjord nach Süden. Dabei durchqueren sie den Schärengarten, der aus Hunderten kleiner Inseln besteht. Idyllische Miniparadiese mit roten oder gelben Holzhäusern darauf, mit vertäuten Motorbooten an Privatstegen und einer Aura des uralten Privilegs und des Geldes. Wer hier ein Haus besitzt, hat es entweder geerbt oder über eine lange Warteliste erworben.

Norwegen, das Land der Ölmillionäre – zumindest, solange das Öl noch fließt, denkt Philipp sarkastisch. Danach würden die Karten neu gemischt werden, und es würde sich zeigen, was von Norwegen neben seiner tollen Landschaft übrig bliebe. Aber zumindest ließen sich in den Fjorden und auf den Fjells weiterhin prima Werbefotos für seine Outdoormarke schießen.

Vielen aus dem Abijahrgang ist aufgefallen, dass er die Kleidung aus seinen Katalogen selbst nicht trägt. »Stehst du nicht hinter deiner Marke? Schämst du dich für das biedere Image von BigNorth? Gibt es eigentlich Kinderarbeit in deinen Nähfabriken? Ist deine Firma auch nachhaltig genug? Machst du Charity?« Immer dieselben dämlichen Fragen. Vielleicht sollte er sich statt dieses albernen Abi-Ansteckers einen Button anheften mit »Fuck your FAQ«. Er trägt sein Zeug halt nicht und fertig. Warum muss man sich immer rechtfertigen?

Philipp stürzt den Rest seines Champagners hinunter, den jeder von ihnen zur Begrüßung gereicht bekommen hat, und stellt das Glas auf einen der Stehtische in der Fjord-Lounge ab. Draußen gleiten die vorbeiziehenden Inseln dahin – gediegenes Ambiente für ein gediegenes Event. Unauffällig schielt Philipp zu der Bar hinüber, hinter der eine Dame in typischem Barkeeperlook den Gästen Drinks serviert. Er hätte jetzt gerne etwas Stärkeres. Doch leider muss er warten, bis Herr Dröhmer mit seiner Jubiläumsansprache fertig ist. Wie oft er die wohl schon gehalten hat? Als Schuldirektor jedes Jahr die Herbstferien auf diesem Schiff zu verbringen, muss eine wahre Tortur sein. Das einzig Gute an Dröhmers hochtrabendem Gelaber über die »mannigfaltigen Vorzüge der Falkensteiner Privatschule« ist, dass die restlichen Anwesenden währenddessen die Klappe halten.

Ungeduldig verlagert Philipp sein Gewicht von einem Bein aufs andere. Dabei kneift ihn Franzi von hinten in die Seite als Ermahnung, sich zusammenzureißen. »Versau mir bloß nicht die Reise«, zischt sie ihm zu. Als ob sie sich eine solche Fahrt nicht selbst hätten leisten können, dann wären sie wenigstens alleine gewesen und hätten das Ganze vielleicht genossen. So aber ist es der reinste Spießrutenlauf zwischen »Ach, wie geht’s dir?« und »Du hast dich echt kaum verändert!«. Immerhin beginnt die Tablette zu wirken, und sein Magen beruhigt sich allmählich.

»Und daher freue ich mich, dass Sie so zahlreich an Bord dieses wundervollen Schiffes gekommen sind und unserer Schule Ihre Treue zum Ausdruck bringen. Ich wünsche Ihnen viel Freude, interessante Gespräche und ein gutes Networking auf dieser nunmehr 31. Jubiläumsfahrt. Natürlich ganz besonders im Namen unseres großzügigen Gastgebers Hans Peter Larsen, der leider nicht persönlich anwesend sein kann. Er ist einer von unzähligen Ehemaligen, die unserer Schule all die Jahre über gewogen geblieben sind. Lassen Sie uns auf ihn und die wunderbare Gemeinschaft des Falkensteiner Internats anstoßen, die über die Generationen hinweg das Versprechen weitergibt, dass ein Falkensteiner dem anderen jederzeit die Hand reicht.«

Wer’s glaubt, denkt Philipp. Und was ist mit denen, die nicht hier sind? Den Gescheiterten? Denn auch die existieren am ehrenwerten Falkensteiner Internat. Die Loser, die Kaputten, die Versager, die Ausgestoßenen. Wer reicht denen die Hand? Philipp erinnert sich daran, die Namen jener nicht auf der Teilnehmerliste gelesen zu haben, denen das Schicksal weniger hold gewesen ist. Hat man ihnen ebenfalls angeboten, die Reise zu bezahlen? Oder blieb die Einladung bei ihnen bewusst aus? Vielleicht hatten die angeblichen Versager auch einfach nur keinen Bock auf diese scheinheilige Veranstaltung. Recht haben sie!

Philipp beobachtet, wie Herr Dröhmer sein Glas hebt und allen zuprostet. »Einmal Falkenstein, immer Falkenstein!«

Ein einheitliches »Zum Wohl!« schallt von den Anwesenden zurück, die daraufhin den Rest des Champagners aus ihren Gläsern saugen und sich nach Nachschub umsehen. Die Begrüßung ist beendet, und man geht zu lockeren Gesprächen über, kleine Grüppchen bilden sich. Es sind genau dieselben wie damals. Durchmischung, neue Konstellationen? Fehlanzeige! Selbst nach 20 Jahren scheint man nicht gewillt zu sein, alte Vorurteile über Bord zu werfen.

Philipp lässt Franzi stehen und geht zur Bar, wo er leider nicht der Erste mit dem Wunsch nach härterem Stoff ist. Er stellt sich in die Schlange und wartet geduldig. Neben ihm reiht sich eine Frau ein. Es ist Katharina Rabusch, die früher zu ihrer Clique gehörte. Sie sieht immer noch umwerfend aus mit ihrem brünetten Haar, das ihr leicht gewellt über die Schultern fällt, den grünen Augen und den Sommersprossen auf der Nase. Sie trägt ein bordeauxfarbenes Businesskostüm, kein Kleid wie die Mehrheit der Frauen.

»Hi«, grüßt Philipp sie verlegen und denkt daran, wie sie einmal miteinander geknutscht haben. Eigentlich hat sein Herz zuerst für Katharina geschlagen, nicht für Franzi. Leider hat sie ihn nie näher als bis zu diesem Kuss an sich herangelassen – wie im Übrigen auch keinen anderen Jungen aus dem Jahrgang. Es ging damals das Gerücht um, dass sie mit einem viel Älteren von extern zusammen war. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen ist Katharina in der Clique aufgenommen worden. Der »In-Crowd«, wie sie sich genannt haben, nach dem gleichnamigen Song von Bryan Ferry. Schon ziemlich spleenig. Aber jeder von ihnen hatte etwas Spezielles an sich. Nadine war die heißeste Braut an der Schule, Katharina die kühle Unnahbare, Matthias der Sportlerkönig, Philipp der Macher und Christian der …

»Hey, alles klar mit dir?«, fragt Katharina.

»Ja, warum?«

»Weil du den Eindruck machst, als wärst du lieber woanders.« Sie wirft ihm ein schiefes Lächeln zu.

Philipp zuckt mit den Schultern. »Ist das so offensichtlich?«

Katharina saugt an dem Strohhalm, der in ihrem Gin Tonic steckt. Die Eiswürfel klirren, ihr Lipgloss glänzt und ihre grünen Augen sagen wie damals: »Küss mich«.

Philipp läuft ein Schauer über den Rücken.

»Was darf’s für Sie sein?«, unterbricht die Barkeeperin seine wiedererwachten Teenagerträume.

Er räuspert sich. »Einen Wodka auf Eis, bitte. Einen doppelten!«

»So schlimm?«, fragt Katharina laut lachend.

Philipp schaut kurz zu Franzi hinüber, die sich mit ihrer früheren besten Freundin und Zimmergenossin Lea Yosef unterhält. Deren kupferfarbener Teint und die dunklen Locken verraten ihre Herkunft aus Nahost. Leas Eltern sind von Tel Aviv nach Deutschland eingewandert. CeeJay steht auch dabei. Er sieht adrett aus in seinem violett karierten Sakko. Es passt gut zu seinen pechschwarzen Haaren. CeeJay, eigentlich Cho Jun Bergmann, stammt ursprünglich aus China, wo er mit einem Jahr zum Waisen wurde. Ein betuchtes Unternehmerehepaar aus Lübeck hat ihn adoptiert. Mit zwölf kam er auf das Falkensteiner Internat, wie alle, die heute hier versammelt sind. Philipp hat sich mit ihm vier Jahre lang ein Zimmer geteilt. CeeJay war ein cooler Typ, hoffentlich ist er das geblieben.

»Hast du schon mit den anderen gesprochen?« Katharinas dunkle Stimme ist wie ein Geist aus der Vergangenheit, der ihm eine Gänsehaut über den Rücken jagt.

Es ist klar, wen sie mit »den anderen« meint.

»Ja«, entgegnet Philipp kurz angebunden. »Vorhin beim Einchecken.«

Katharinas Blick wandert hinüber zu Matthias, Nadine und Christian, die ein Grüppchen gebildet haben und eine Atmosphäre der Exklusivität verbreiten. Das hatten sie schon früher gut drauf. Der Club der Coolen. Jeder wollte Mitglied sein. Die Wenigsten haben es geschafft. In Wahrheit war es eine äußerst zweifelhafte Ehre, das weiß Philipp heute.

»Wollen wir?« Katharina zeigt auf die Clique.

Philipp verzieht das Gesicht. Eigentlich will er nicht. Aber es ist unausweichlich.

Sie nehmen ihre Drinks mit zu dem Stehtisch neben dem Panoramafenster, an dem sich die drei Kernmitglieder der In-Crowd versammelt haben. Natürlich haben sie sich wie immer die beste Aussicht gesichert.

Philipp nickt seinen ehemaligen Freunden zu, und Christian grüßt ihn mit seinem typisch gönnerhaften Lächeln zurück, in dem stets Überlegenheit mitschwingt. Seine Hand landet wieder auf Philipps Schulter und zieht ihn zu sich heran, um ihn kumpelhaft zu drücken. »Nice to see ya, Lippy!«

Philipp lässt es über sich ergehen und macht gute Miene zum bösen Spiel, indem er die alberne Ghettofaust erwidert. Danach gibt Christian Katharina einen übertriebenen Handkuss, wobei es in seinen Augen lüstern aufblitzt. Philipp muss sich Mühe geben, sich seinen Abscheu nicht anmerken zu lassen. Christian soll nicht merken, was er über ihn denkt.

»Wie geht es dir, Chris?«, fragt Katharina. »Wie läuft’s an der Börse?«

Mit einer großspurigen Geste winkt Christian ab. »Ich habe meine Milliönchen gemacht, wenn du das meinst. Da kann man sich zurücklehnen und die Kröten für sich arbeiten lassen. Und wie ist es bei dir gelaufen?«

»Nun, ich habe es nicht so weit geschafft wie du. Bin angestellt bei einer Versicherung. Schadensabteilung.«

»Versicherung, how avant-garde.« Er wendet sich an Philipp, als wäre Katharina plötzlich unter seiner Würde. »Und du, Lippy? BigNorth, Alter! Fett! Ein Unternehmen mit über 400 Franchise-Filialen weltweit und Dutzenden Fabriken in Asien und Südamerika. Und das innerhalb von 15 Jahren. Hut ab! Kraxelst du eigentlich noch fleißig auf den Eisbergen oder dem Mount Everest rum?«

Philipp ist überrascht, dass Christian so gut über seine Firma Bescheid weiß, aber am Ende kann man all die Informationen im Internet nachlesen. Dass Christian mit seiner letzten Bemerkung auf die PR-Fotos in Philipps Katalogen anspielt, auf denen er in BigNorth-Kleidung beim Extremsport abgebildet ist, irritiert ihn da schon mehr. Ahnt Chris, was dahintersteckt?

Rasch sucht Philipp nach einer unverfänglichen Antwort. »Solange Franzi mir den Rücken freihält, ist manchmal Zeit für solche Aktionen. Weißt du, ich brauche das als Abwechslung. Die Natur und die Ruhe.«

»Aha.« Christian wirft einen abschätzigen Blick zu Franzi hinüber. Für ihn war sie schon zu Schulzeiten der Inbegriff der Spießigkeit, weil ihr Weg vorgezeichnet war: Medizinstudium, Doktorarbeit, Übernahme der elterlichen Praxis, Heirat, Haus, Kinder. Und Christian hasst das Vorhersehbare. Für ihn gibt es nichts als das Extreme, den Tanz am Abgrund.

»Ihr habt Kinder, nicht wahr?« Christian mustert ihn.

»Ein Junge und ein Mädchen. Sie sind gerade bei den Groß­­el…«

»Also hat es dich erwischt!« Christian verpasst ihm einen freundschaftlichen Boxhieb gegen die Brust. »Das Programm! Das ist echt traurig, Mann. Du warst mal cool und anders als die anderen.«

Philipp fängt Nadines mitleidiges Lächeln auf und spürt, wie er rot wird. Leute, die sich vom »Programm« – sprich dem Hamsterradleben mit Job, Hausbau, Hund und Kindern – einfangen lassen, waren damals ihr Feindbild. Er guckt Matthias an, der ebenfalls dünn lächelt. Nur Katharina rührt sich nicht.

»Ich liebe meine Familie«, sagt Philipp.

Christian lacht. »Na, dann ist ja gut, dass du trotz Anhang noch was gebacken bekommen hast. Nicht wahr, mein Lieber?« Seine Hand schnellt vor und packt Philipp am Nacken. Für die Umstehenden wirkt es, als schüttele er ihn scherzhaft, in Wahrheit bohren sich Christians Finger fest in seinen Hals.

»Da drücken wir alle mal ein Auge zu, was?« Er lässt Philipp los und reißt grinsend beide Arme in die Luft. »Und jetzt: Partytime!«

Sehnsüchtig wandert Philipps Blick nach draußen auf die vorbeiziehenden Schären. Die unberührte Natur, ein Refugium der Ruhe – so nah und doch so fern. Vielleicht sollte er auf das Außendeck gehen und frische Luft schnappen? Er stellt sein leeres Glas auf den Tisch und will zu einer Entschuldigung ansetzen, da zeigt Christian in Richtung eines Mannes mit kahl rasiertem Kopf und sehr attraktiven Gesichtszügen. »Ist das nicht Sascha? Hey, One-hand-man!«

Der Angesprochene wendet sich um. Ein leicht irritierter Ausdruck verdunkelt seine Miene, doch dann hellt sie sich wieder auf. Ob es eine echte Regung ist, kann Philipp nicht beurteilen. Jedenfalls kommt Sascha Böttcher mit einem jovialen Grinsen auf sie zu.

»Hallo, Chris«, sagt er. »Du hast dich kaum verändert!« Sie klopfen einander auf die Schultern. Danach begrüßt Sascha die Restlichen der Gruppe mit einem Handschlag seiner Linken, was keinen von ihnen wundert, denn sie wissen, dass seine Rechte nicht mehr existiert. Er hat sie in der zwölften Klasse beim Basteln mit Feuerwerkskörpern verloren. Damals haben alle gedacht, er würde wegen der vielen Operationen und der Reha die Schule verlassen oder zumindest um ein Jahr zurückfallen, aber Sascha war ein Kämpfer und hat das Abi trotzdem mit ihnen durchgezogen.

»Ist das eine Hightech-Prothese?«, fragt Matthias. »Zeig mal!«

Mit einem stolzen Gesichtsausdruck schiebt Sascha den Ärmel seines Jacketts hoch und präsentiert sein künstliches Körperteil. »Das ist eine myoelektrische Prothese. Sie wird durch die elektrischen Impulse in meinen Unterarmmuskeln gesteuert.« Er öffnet und dreht die Hand. Sie hat einen Roboterlook, aber die Bewegungen sehen ganz natürlich aus.

»Cool!«, entfährt es Nadine ehrfürchtig.

»Nettes Gimmick«, kommt es von Christian. »Kannst du dir damit einen von der Palme wedeln?«

Matthias lässt sein dreckiges Lachen ertönen, aber keiner stimmt mit ein. Philipp ist peinlich berührt, doch Sascha scheint die Bemerkung nicht zu kümmern. Vermutlich kennt er schon jeden Spruch, den die Leute über seine Prothese machen.

»Klar«, sagt er, »dafür gibt es einen speziellen Aufsatz. Nennt sich: Taschenmuschi.«

Nadine prustet los und Matthias wiehert, seine Segelohren glühen mit seinem roten Bart um die Wette. Nur Katharina verzieht keine Miene. Das konnte sie schon immer. In den absurdesten Situationen ihren eiskalten Pokerblick aufsetzen.

Die anderen scherzen noch eine Weile über Saschas Hand. Philipp nutzt die Gelegenheit, sich von der Gruppe abzuseilen. Doch kurz bevor er seine Frau und ihre Gesprächsrunde erreicht, die sich um ein paar Ehemalige erweitert hat, hört Philipp seinen verhassten Spitznamen durch die Lounge schallen.

»Lippy! Heute Abend lassen wir es so richtig krachen. Wie in guten alten Zeiten. Nicht wahr? Lippy-Boy? Wie in guten alten Zeiten!« Christian streckt einen Arm aus und prostet ihm durch den Raum zu. Alle glotzen ihn an.

Am liebsten würde ich ihn umbringen, denkt Philipp, während Christian ihm zuzwinkert.

Er beißt sich auf die Lippen und ignoriert die unterschwellige Botschaft, die er sehr wohl verstanden hat. »Du entkommst mir nicht«, lautet sie. »Dies ist ein Schiff und nicht Hamburg, wo du dich in deinem festungsartigen Firmensitz und der videoüberwachten Villa in Klein Flottbek verschanzen kannst. Das hat vielleicht geholfen, mich physisch von dir fernzuhalten, aber in Wahrheit bin ich immer bei dir. Habe ich recht? Ich bin immer in deinem Kopf, Lippy.«

Philipp würgt die plötzlich wieder aufsteigende Magensäure zurück. Zehn Tage, denkt er, zehn verdammte Tage.

5

Skagen sitzt im Polizeiwagen und holt tief Luft. Er versucht, seinen noch immer trommelnden Puls zu beruhigen. Die Aktion ist nicht so gelaufen wie erhofft. Ein toter verdeckter Ermittler, ein toter norwegischer Waffenhändler und ein Mann auf der Flucht, der nicht davor zurückschreckt, einem Komplizen kaltblütig in den Rücken zu schießen. Und obendrein hat sich Jens in der Gewalt dieses Irren befunden. Bei diesem Einsatz ist viel aus dem Ruder gelaufen.

Skagen rieselt es kalt den Rücken runter. Auch weil er an seine eigene emotionale Überreaktion denken muss. Ein Flashback, der beinahe einen Totalausfall in seinem Kopf verursacht hätte. Die Geiselnahme hat sein eigenes Trauma getriggert, und er war kurz davor gewesen, die Kontrolle zu verlieren. Ein besorgniserregender Rückfall, mit dem er sich dringend auseinandersetzen muss, aber im Moment hat alles Vorrang, was mit der vermurksten Razzia zu tun hat. Seine Aufgabe würde es sein, an Informationen über den verdeckten Ermittler vom LKA zu gelangen, während Øksnes und Jens die Fahndung nach dem Mann einleiten, der den Undercover-Beamten erschossen hat. Die beiden stehen draußen vor dem Wagen und koordinieren über Funk die Einheiten.

Skagen holt sein Handy hervor und wählt die Nummer auf dem Ausweis des toten Oberkommissars. Wenig später hat er eine Dame aus der Telefonzentrale des LKA Berlin am Apparat und fragt nach dem Vorgesetzten des erschossenen deutschen Kollegen, Peter Sobek.

»Sie meinen sicher Hauptkommissar Alexander Gielow aus der Abteilung 5 – Polizeilicher Staatsschutz. Ich leite Ihren Anruf weiter.«

Skagen wartet und lauscht dem Tuten. Nach einer halben Ewigkeit wird abgenommen und er stellt sich vor. Kurz berichtet er, was passiert ist, doch anstatt der erwarteten Betroffenheit schlagen ihm Empörung und Feindseligkeit entgegen.

»Was soll das?«, blafft ihn der Mann durch das Telefon an. »Warum zum Teufel mischen Sie sich in unsere Operation ein? Sind Sie bescheuert? Sie haben die ganze Aktion versaut. Unsere jahrelange Arbeit ist für den Arsch!«

»Entschuldigen Sie bitte«, unterbricht Skagen den wütenden Wortschwall. »Ein Kollege von Ihnen ist tot, er wurde vor unseren Augen hingerichtet. Und Sie regen sich über die fehlgeschlagene Aktion auf?«

»Sie kapieren gar nichts, oder? Was berechtigt Sie überhaupt zu der Festnahme meiner Leute in Stavanger? Scheiße noch mal!«

»Unsere Aktion war eine langgeplante Kooperation zwischen Skanpol, Europol und den norwegischen Behörden. Wir beobachten diese rechtsradikale Gruppierung schon seit Jahren. Åsgards Söhne schmuggeln im großen Stil Waffen nach Norwegen. Wir gehen davon aus, dass sie für einen möglichen Anschlag auf norwegischem Boden genutzt werden sollen. Es tut mir leid, dass Sie davon keine Kenntnis haben. Umgekehrt wäre es natürlich hilfreich gewesen, von Ihrer Operation zu wissen. Dann würde Ihr Mann noch leben.«

Hauptkommissar Gielow stößt gereizt Luft aus. »Und was ist mit dem anderen?«

»Sie meinen den deutschen Waffenschieber, der Peter Sobek ermordet hat?«

»Ja, das ist Kommissar Marcel Walka. Der gehört zu uns.«

Skagen hebt überrascht die Brauen. Das hat er nicht erwartet. Er hat angenommen, der Kerl gehöre zur Berliner Prepperszene und hätte Sobek erschossen, weil er ihn als verdeckten Ermittler enttarnt hat. Aufgrund ihrer vorangegangenen Überwachung war dieser Walka ihnen unter einem anderen Namen bekannt. Genau wie Peter Sobek. Falsche Identitäten, wie Skagen inzwischen weiß. »Und warum erschießt dieser Marcel Walka seinen Kollegen?«, fragt er mit beabsichtigter Schärfe in der Stimme.

»Woher soll ich das wissen, verdammt?«, poltert Hauptkommissar Gielow. »Er sollte uns zusammen mit Sobek zu den Hintermännern der norwegischen Gruppe führen.«

»Und wir sind am Kopf des deutschen Chapters von Åsgard interessiert. Er wird ›der Onkel‹ genannt. Schon mal von ihm gehört?«

»Natürlich!«

»Und?«, fragt Skagen, nachdem Gielow nichts weiter sagt. »Können Sie uns etwas über ihn erzählen? Vielleicht wäre es klug, wenn wir unsere Erkenntnisse miteinander austauschen würden. Dann kommen wir womöglich beide ans Ziel.«

»Ich kann Ihnen keinerlei Informationen geben«, entgegnet Gielow abweisend. »Die unterliegen der Geheimhaltung. Sie müssen sich erst von oberster Stelle autorisieren lassen.«

Skagen seufzt. Die Bürokratie würde ihnen noch mal das Genick brechen. Missmutig stimmt er zu, sich die Genehmigung zu beschaffen, und bittet Gielow, ihm wenigstens die nichtklassifizierten Daten zu Marcel Walka und Peter Sobek zuzusenden.

»Mache ich. Und was ist mit den Waffen?«

»Wir haben alles aus dem Container beschlagnahmt«, erklärt Skagen.

»Geben Sie die Waffen frei, die brauchen wir zurück. Sie sind aus unserer Asservatenkammer und dienten als Lockmittel.«

»Tut mir leid, darüber habe ich keine Entscheidungsgewalt, das regeln die norwegischen Kollegen. Sie müssen warten, bis das Verfahren abgeschlossen ist.«

»Wollen Sie mich verarschen?«

»Keineswegs. Sie sind Polizist, Sie dürften wissen, wie das Prozedere ist.«

»Und ob ich das tue. Und ich weiß noch etwas: Sie haben dilettantisch gearbeitet und unsere Operation zerschossen. Das wird ein Nachspiel haben, Herr Skagen. Ihren Namen habe ich mir notiert.«

»Nur zu. Aber denken Sie daran, mir trotzdem die Unterlagen zuzuschicken.«

»Zur Hölle mit Ihnen!«

Skagen legt auf, bevor ihm noch eine Bemerkung herausrutscht, die er bereuen würde. Gereizt zerrt er am Kragen seiner Kevlarweste. Fuck! Er muss dieses schwere Mistding schleunigst loswerden, sonst bekäme er noch einen Anfall!

Zwei Stunden später sitzen die rund drei Dutzend Kolleginnen und Kollegen, die an der Operation »Nordvei« beteiligt sind, zur Nachbesprechung zusammen. Der Raum im dritten Stock des Polizeipräsidiums in Stavanger ist viel zu warm und zu eng für all die Personen. Leider erbarmt sich niemand, eins der Fenster zu öffnen, vor denen bereits herbstliche Dunkelheit herrscht.

Skagen, der von dem unerfreulichen Telefonat berichtet hat, atmet flach die überhitzte Luft ein und dreht Peter Sobeks Ausweis zwischen den Fingern. Wider Erwarten hat Hauptkommissar Gielow die geforderten Daten per Mail geschickt. Damit können sie jetzt wenigstens ihre Fahndung nach Marcel Walka präzisieren. Er ist deutscher Staatsbürger, wohnhaft in Berlin-Marzahn, Polizeibeamter seit 15 Jahren, sechs davon beim LKA Berlin. Seit zwei Jahren ist er als verdeckter Ermittler im Einsatz gegen die rechte Gruppierung »Åsgards Söhne« in Deutschland und deren norwegischen Dachverband »Åsgards Sønner Norge«. Bei den Unterlagen war auch ein brauchbares Foto von Walka dabei. Dass sich das LKA während der gesamten Planung seiner Aktion nie an Skanpol gewandt hat, ist nicht nachzuvollziehen. Skagen vermutet, dass die in Berlin mal wieder ihr eigenes Süppchen kochen, was gründlich in die Hose gegangen ist und mit dem Leben von zwei Menschen bezahlt wurde. Wer hier dilettantisch gearbeitet hat, würde noch zu klären sein. Bei Nordvei müssen sie sich jedenfalls keinen Vorwurf machen. Oder doch? Haben sie bei der vorangegangenen Beschattung Fehler gemacht? Haben sie gewisse Zeichen übersehen?

Øksnes’ Stimme holt ihn aus seinen Grübeleien. »Das Gute ist, dass wir die Waffen haben und diese nun nicht mehr für einen etwaigen Anschlag benutzt werden können. Diese Aktion vonseiten Åsgards Sønner Norge wurde also erfolgreich vereitelt. Und das ist euer Verdienst, Leute. Ich danke euch für euren Einsatz.«

Ein wohlwollendes Raunen geht durch den Raum, und Øksnes lächelt kurz. Er ist ein drahtiger Kerl mit tiefblauen Augen und schwarzen Haaren, die er zu einem Igelschnitt frisiert hat. Die Zusammenarbeit mit ihm funktionierte bisher hervorragend, was gemäß den Erfahrungen, die Skagen in diesem Job gesammelt hat, nicht immer so ist. Wie oft hat er sich in den vergangenen Jahren mit nervigen Alphatierchen rumschlagen müssen? Dagegen ist der ruhige und geradlinige Erling Øksnes eine wahre Wohltat. Vermutlich, weil er echtes Selbstbewusstsein besitzt.

Der Ermittlungsleiter wendet sich an Skagen. »Und jetzt wird euch Tom über die Schritte informieren, die für die Fahndung nach Marcel Walka auf internationaler Ebene eingeleitet werden.«

Skagen spürt, wie sich sämtliche Blicke der versammelten Kolleginnen und Kollegen auf ihn richten – mit Ausnahme von Jens. Sein Freund hockt reglos neben ihm und starrt auf den Tisch. Skagen räuspert sich und zieht seine Notizen heran. »Also«, beginnt er auf Schwedisch, seiner zweiten Muttersprache neben Deutsch. Da die meisten Norweger ein langsam gesprochenes Schwedisch problemlos verstehen und umgekehrt auch, muss er sich nicht umständlich in einer anderen Sprache ausdrücken. »Die Grenzbehörden auf dem Landweg und an den Flughäfen in Skandinavien und Deutschland sind informiert. Gleiches gilt für die Fährgesellschaften und Brückenbetreiber. Für den Fall, dass Marcel Walka aus Norwegen raus will, sind wir vorbereitet. Zusätzlich werden wir in Deutschland seinen Background checken. Der Antrag zur Akteneinsicht beim LKA Berlin läuft. Aber eine Frage sollte uns am meisten beschäftigen: Warum hat Marcel Walka seinen Kollegen Peter Sobek erschossen? Aus welchem Grund tötet ein Polizist einen anderen, während sie in einer gemeinsamen polizeilichen Aktion unterwegs sind?«

Zuerst herrscht nachdenkliches Schweigen, dann meldet sich einer der Kollegen zu Wort: »Vielleicht hat Walka sich so sehr an die Rechten angepasst, dass er zu ihnen übergelaufen ist? Das würde auch erklären, warum er sich uns gegenüber nicht als verdeckter Ermittler zu erkennen gegeben hat.«