Kalter Thron - Jürgen Seidler - E-Book

Kalter Thron E-Book

Jürgen Seidler

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Beschreibung

Peter Ebuk und seine Tochter wollen in Berlin Fuß fassen. In seiner Heimat Uganda hat Ebuk als Polizeichef mächtige ­Männer hinter Gitter gebracht, jetzt besucht er wieder die Polizeihochschule. Als er sich in eine Pastorin verliebt, glaubt er, endlich angekommen zu sein – bis er in ihrer Kirche die Leiche von Moses Lukong findet. Der Kameruner Pfarrer war nach Berlin gereist, um über die Rückgabe des Throns von Sultan Njoya zu verhandeln, ein prominentes Ausstellungsstück des Ethnologischen Museums im Humboldt Forum. Offiziell ­hatte ­Sultan Njoya den Thron 1908 dem deutschen Kaiser Wilhelm II. geschenkt, um ihn davon abzuhalten, sein Königreich zu über­fallen. Von der Rückführung erhoffte sich Moses Lukong, ­Frieden in seine Heimat zu bringen. Musste er deswegen ­sterben? Peter Ebuk ermittelt auf eigene Faust und taucht tief ein in die deutsche Kolonialgeschichte.

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Seitenzahl: 450

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Jürgen Seidler

Kalter Thron

Roman

Kampa

1

Die nur einen Spaltbreit geöffnete Kirchentür lockte wieein Abgrund, vermutlich hatte jemand vergessen, sie hinter sich zuzuziehen. Es war einer dieser frühen Berliner Morgen, die noch zu müde sind, um einem etwas zu versprechen. Nur feuchte Dunkelheit, weder warm noch kalt. Peter Ebuk, ein Afrikaner, groß, schlank, Anfang vierzig, kam von gegenüber aus dem Gebäude, in dem die Pastorin wohnte. Er blickte auf die leicht angelehnte Kirchentür. In seiner Brust trug er eine große Nähe und Intimität, als ob sein Herz zu doppelter Größe angeschwollen wäre. Zum dritten Mal hatte er mit ihr eine Nacht verbracht, und dieses Mal war es erfüllend für sie beide gewesen, ihre Körper hatten sich endlich erkannt.

Eigentlich hatte er zu wenig geschlafen, doch sein Kopf war frisch, nur die Beine fühlten sich schwer an. Als sie das erste Mal ganz dicht nebeneinander lagen, als er ihren Geschmack aufnahm, verlor er sich. Er war so aufgeregt, so voller Fragen und Ängste, dass er ihren schönen nackten Körper nur anstaunte. Sie streichelte ihn vorsichtig, lächelte ihn an, aber ihr Zauber erreichte ihn nicht. In dieser ersten Nacht konnte er sich nur entschuldigen und wieder gehen. Beim zweiten Mal dehnte sich die Zeit aus, Larissa und er fanden zusammen, aber noch immer war er erstaunt darüber, dass sie, eine deutsche Pastorin, sich mit ihm einließ. Mit dem Mann aus Uganda, der mit seiner Tochter nach Deutschland geflüchtet war, der sich jeden Tag neu dafür entscheiden musste, dieses Leben zu akzeptieren. Ein Mann, der von sich glaubte, er hätte seinen früheren Stolz in Afrika zurückgelassen. Er erzählte ihr von seiner Arbeit als Polizeichef in dem Land, aus dem er kam. Sie berichtete von einem Dorf, wo sie aufgewachsen war, und von der Stadt im Westen des Landes, wo sie studiert hatte. Vor allem sprach sie abfällig über ihren Ex-Mann Nelson, einen Jamaikaner, den Vater ihrer Tochter. Doch die Vergangenheit war nun nicht mehr wichtig, jetzt gab es nur diesen Moment und ein Lächeln. Irgendwann würden sie ihre Leben voreinander ausbreiten wie einen Teppich, den man ausrollte. Sie hatten sich geliebt, sie waren in eine große gemeinsame Wärme gefallen.

Ebuk drückte die Tür auf und rief leise »Hallo?« in das Kirchenschiff. Eine eigentümliche Kälte kam ihm entgegen, durch die hohen Fenster drang das schwache Licht der Stadt, man konnte die schweren Holzbänke erkennen, den hohen Raum. Es roch nach kalten, feuchten Steinen. Die Kirche war vor fast einhundertfünfzig Jahren erbaut worden, mit den typischen roten Backsteinen und den spitz zulaufenden Fenstern.

Sollte er einfach wieder gehen und die Tür von außen zuziehen? Oder Larissa Bescheid geben? Sie wollte sich noch einmal hinlegen, bevor sie für ihre Tochter Noemi, die mit seiner Tochter Viktoria in die gleiche Klasse ging, das Frühstück machte. Sein Instinkt und die Neugier des Polizisten trieben ihn weiter in die Kirche hinein. Er hatte noch nie nachts, auch nicht tagsüber, so einen großen leeren Raum betreten. Ihm fiel der Pastor aus Kamerun ein, der gerade in der Gästewohnung der Kirchengemeinde lebte. Larissa hatte von ihm erzählt und sich darüber gewundert, dass er morgens in der Kirche beten wollte und dort manchmal ganz allein sang. Ebuk war dem Mann vor zwei Wochen einmal zufällig über den Weg gelaufen, vor dem Gemeindehaus, auf dem ein weißes Schild mit der Aufschrift Schönes Schöneberg angebracht war.

Moses Lukong, etwa fünfzig Jahre alt, war schlank, mit kleinem Bauchansatz, den Kopf glatt rasiert; ein weißer Streifen Bart zwischen Lippe und Kinn akzentuierte sein Gesicht. Er sprach Englisch und kam aus dem anglofonen Teil Kameruns. Auf Ebuk machte er einen sehr ernsthaften Eindruck, war elegant gekleidet, in einen leuchtend blauen Anzug, mit Hemd, Krawatte und weißem Einstecktuch, anders als Ebuk, der sich längst auf den lockeren Kleidungsstil der Berliner eingestellt hatte und meist nur einen Pulli, Jeans und Sneakers trug. Auffallend an Lukong war sein relativ heller Hautton. Zwei Schwarze Männer, der eine aus Ostafrika, der andere aus Zentralafrika, die sich vor dem Haus evangelischer Christen in Berlin trafen.

Moses hatte ihn höflich gegrüßt und einen kurzen, abschätzenden Blick auf Ebuks Beutel geworfen, den er über der Schulter trug. Dort war ein kleiner dicklicher Engel abgedruckt, der sein pausbäckiges Gesicht auf die nackten Arme aufstützte und seine Augen gen Himmel richtete.

»Your guardian angel?«, fragte der Mann im blauen Anzug.

Ebuk nahm den Beutel von der Schulter, betrachtete das Bild und lachte. Er antwortete, dies sei ein Beutel seiner Tochter, der in der Küche herumgelegen habe. Vielleicht war es so, das könnte das Bild seines Schutzengels sein. Woher er käme, fragte Moses Lukong weiter. Ebuk hatte sich angewöhnt, »aus Spandau« zu antworten, aber das wäre zu unhöflich gewesen, also erzählte er in kurzen Sätzen seine Migrationsgeschichte aus Uganda. Es gefiel Moses, dass sein Gegenüber in Berlin Polizist werden würde. Ob er denn einen deutschen Pass habe, wollte er wissen. Ebuk bestätigte, ja, er und seine Tochter seien Deutsche geworden. Ein deutscher Pass sei ein guter Pass, befand Moses. Erst ein Pass mache einen zum Menschen, jeder Mensch, der sein Land verlassen will, wisse das. Wo er selbst herkomme, wurden viele Dörfer und Häuser von der Polizei niedergebrannt. Viele Tote, Tausende Flüchtlinge. Die Menschen hätten keine Papiere mehr. Wie sollten sie nachweisen, wer sie waren? Wie sollten sie an Pässe kommen? Zum Glück hatte man ihn verschont, er war Pastor und stammte aus einer adligen Familie. Ebuk wollte von Moses wissen, was er in Berlin mache. »I want our throne to come back home«, sagte er und schaute ihn herausfordernd an, als wollte Ebuk ihn an dieser Aufgabe hindern. Mit dem Rätsel, um welchen Thron es ging, grüßte er, ging los, so als ob er ein dringendes Rendezvous hätte, und ließ Ebuk stehen.

Als er später Larissa von der Begegnung erzählte, erklärte sie ihm, dass ein wertvoller Thron eines Kameruner Herrschers im wieder aufgebauten Berliner Schloss stünde, dem Humboldt Forum. Diesen Thron hatte vor über hundert Jahren Sultan Ibrahim Njoya dem deutschen Kaiser Wilhelm II. zum Geschenk gemacht, um ihn davon abzuhalten, sein Königreich zu überfallen und ihn umzubringen, so wie es die deutschen Kolonialherren in anderen Gegenden Kameruns getan hatten. Moses hatte ihr erzählt, er würde mit Museumsleuten und Politikern über die Rückführung dieses Throns verhandeln. Wenn der Thron zurückkäme, so seine Hoffnung, könnte Frieden nach Westkamerun zurückkehren. Dort gab es seit Jahren bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Aufständischen, die einen eigenen Staat forderten, und den Soldaten der Zentralregierung aus dem französischsprachigen Teil Kameruns. Hunderttausende Menschen waren vertrieben, Tausende getötet und massenhaft Frauen vergewaltigt worden.

Ebuk schaltete die Taschenlampenfunktion auf seinem Telefon an und leuchtete zwischen die Reihen der Bänke. Zunächst gab es nichts und niemanden zu sehen, nur diese Gemeinde von Schatten, die sich zum stillen Gebet eingefunden hatte. Immer wieder drehte er sich um.

Dann erkannte er vor dem Altar eine Silhouette auf dem Boden, zu der er sich hinabbeugte und ihr ins Gesicht leuchtete. Es war ein Schwarzer, männlich, regungslos lag er da, Blut glänzte auf seinem Kopf, ein grauer Streifen Bart zwischen Mund und Kinn war zu sehen. Neben ihm ein großes silbernes Kreuz, an dem ebenfalls Blut klebte. Damit musste Moses Lukong erschlagen worden sein. Ebuk fühlte mit zwei Fingern den Puls an dessen Hals. Der Körper war noch warm, aber sein Herz schlug nicht mehr. Der Mann war tot. In seinem grauen Trainingsanzug, den er sich für seine einsame Morgenandacht angezogen hatte, wirkte er wie ein zufälliger Besucher, der sich in eine Kirche verirrt hatte. Die toten Augen in seinem runden Kopf starrten nach oben. Ebuk richtete seinen Blick in das hohe Kirchendach, hoch zu dem Gott, zu dem Moses Lukong gerade noch gesprochen hatte, aber er sah nur graue Dunkelheit. Er machte ein paar Aufnahmen des Opfers.

In Ebuks Ohren begann es zu rauschen, wie Wind in den Ästen von hohen Bäumen. Die Erinnerung an den Brandenburger Wald sprang ihn an, es war Nacht, und es regnete, der Sturm peitschte gegen die Baumkronen, es knarrte und wimmerte. Ebuk rannte durch diesen Wald, stolperte, fiel hin, stand wieder auf, Stimmen verfolgten ihn. Seine ermordete Frau Prudence hatte nach ihm gerufen. Das war über drei Jahre her.

Den Liebhaber, der gerade noch aus dem warmen Bett einer betörenden Frau kam, gab es nicht mehr. Jetzt war er als Polizist gefordert, der seine Sinne auf einen Tatort, auf Spuren und auf den Täter richten musste. Er ging durch den dunklen Altarbereich, leuchtete mit seinem Smartphone in alle Ecken, aber es war niemand zu sehen. Der Mörder des Pastors aus Kamerun musste durch die Tür geflüchtet sein, durch die Ebuk gerade die Kirche betreten hatte.

Er sollte jetzt zwei Dinge tun, nein drei. Erstens musste er auf der nächsten Polizeidienststelle anrufen und den Tod von Moses Lukong melden; sie würden den Kriminaldauerdienst verständigen und die Mordkommission hinzuziehen. Dann musste er Larissa informieren, damit sie sich schnell anziehen konnte, bevor die Polizei auftauchte. Diese würde sie, wie ihn auch, mit Fragen überhäufen. Dass dies alles sehr unangenehm werden würde, war ihm klar. Und dann musste er seiner Tochter Viktoria Bescheid sagen, dass er heute Vormittag nicht zu Hause sein könnte. Bin schon unterwegs, komme nicht zum Frühstück. Ich wünsche dir einen schönen Tag, textete er. Ihr zu erklären, wo er die Nacht verbracht hatte, würde auch nicht ganz einfach werden.

 

Dabei hatte diese ganze Geschichte vor etwa vier Wochen mit Viktoria begonnen: Peter Ebuk hatte die Wohnungstür aufgeschlossen und in die dunkle Wohnung nach Viktoria gerufen, aber keine Antwort bekommen. Er schleppte die beiden Einkaufstaschen in die Küche, stellte sie ab und ging zu ihrer Zimmertür, klopfte, schaute hinein, aber sie war nicht da. Endlich hatte er es einmal geschafft, einzukaufen und rechtzeitig nach Hause zu kommen. Er wollte ihr zeigen, was er alles erbeutet hatte, sie überraschen. Cornflakes mit Schokoflocken, die sie liebte, Orangensaft, Aufbackbrötchen, Käse, Humus, Oliven, Äpfel, Gemüse, sogar Pizza hatte er mitgebracht. Keine Wurst, kein Fleisch, sie war mittlerweile Vegetarierin, dafür ein paar Flaschen Bier für sich. Er ging in sein Schlafzimmer, zog sich um und schlüpfte in die schwarze Trainingskleidung. Zurück in der Küche drehte er die Heizung auf und stellte die Einkäufe in den Kühlschrank und die Regale. Wo war sie denn nur? Ihm war eingefallen, dass sie ihm gesagt hatte, sie würde mit ihren Freundinnen für die Mathearbeit lernen. Aber möglicherweise war sie bei Ethan, ihrem amerikanischen Freund. Er hatte ihn nur einmal gesehen. Sie hatte versprochen, ihn bald einmal mitzubringen, damit sie sich kennenlernen könnten. Noch war sie fünfzehn, in ein paar Monaten würde sie sechzehn sein. Sie war ein kluges, schönes Mädchen, das auf Jungs eine starke Anziehung ausübte. Solange sie auf dem Gymnasium gute Leistungen erbrachte, würde er ihr nicht reinreden. Hauptsache, hatte er ihr eindringlich gesagt, sie verhüte und bekomme kein Kind. Noch zwei Jahre, dann würde sie ihr Abitur machen und studieren können.

Bei ihm waren es nur noch ein paar Monate, dann würde er seinen Abschluss an der Polizeiakademie in der Tasche haben. Dann war er nicht mehr Kommissaranwärter und Praktikant, sondern ein richtiger deutscher Polizist. Seine Tochter und er, die beiden Geflüchteten aus Uganda, wo er einmal Polizeichef war, hatten es geschafft, Asyl in Deutschland zu bekommen. Nach den dramatischen Ereignissen, die zum Mord an seiner Frau während ihrer Flucht aus Uganda geführt hatten, und Viktorias Entführung in einem brandenburgischen Dorf waren sie nach Berlin gezogen, weil Viktoria unbedingt dort leben wollte. Um ihm den Weg zur Polizei freizumachen, hatten sie sogar einen deutschen Pass erhalten. Jetzt waren sie Deutsche. Er vermied es, sie ständig auszufragen, mit wem sie zusammen war, was sie gemacht hatte, wenn sie nach Hause kam, und wohin sie ging. Er wollte ein cooler Daddy sein, aber das klappte meistens nicht, er machte sich ständig Sorgen, ob es seinem Kind auch wirklich gut ging. In diesem Land hatte er zum ersten Mal das Wort »alleinerziehend« gehört, eine Zuschreibung, die für viele Mütter und Väter in dieser Stadt galt. In Viktorias Schule gab es kaum noch die klassischen Familien, wenige verheiratete Paare mit Kindern, alle waren irgendwie zusammengewürfelt. Sie nannten es Patchwork. Man begegnete ihm, dem Schwarzen Mann aus Uganda, der gut Deutsch sprach und sich allein um seine charmante und kluge Tochter kümmerte, mit höflichem Respekt. Auch wenn es einige der Eltern in ihrer Schulklasse merkwürdig fanden, dass er unbedingt Polizist werden wollte.

Gerade tippte er ihre Nummer, um zu fragen, wann sie komme, ob sie Lust auf Gemüsepizza habe, als er angerufen wurde. Es war die Nummer der Polizeiwache, wo er vor einigen Monaten für seine Praxisausbildung im Dienst gewesen war. Die Kollegin, deren Stimme er gleich erkannte, fragte sehr förmlich nach seinem Namen und ob er der Vater von Viktoria Ebuk sei. Er bestätigte, und sofort schlug sein Herz schneller. Viktoria sei auf der Polizeiwache, er solle bitte vorbeikommen, um sie abzuholen. Was denn passiert sei, fragte er eilig und laut. Sie wurde in eine Straftat verwickelt, es wäre besser, wenn er sich beeilen würde. Was denn für eine Straftat, wollte er wissen. Komm einfach vorbei, du weißt ja, wo, sagte die Frau jetzt weniger förmlich und legte auf.

Da hockten sie dann, drei fünfzehnjährige Mädchen nebeneinander auf einer Holzbank, auf der schon viele Kriminelle gesessen hatten. Der Polizeiabschnitt war für Schöneberg zuständig, einen Teil der Stadt, in der neben sogenannten gutbürgerlichen Einwohnern auch viele ärmere Menschen mit Migrationsgeschichte lebten. Dort wurde in bestimmten Straßenabschnitten an Silvester das Zünden von Böllern verboten, anders als zum Beispiel in Neukölln. In diesem Revier lag auch die Kirchengemeinde, die Larissa Boden, die eigentlich Larissa von Boden hieß, als Pastorin leitete. Ihre Kirche und das Gemeindehaus waren von Straßen umringt, auf denen sich schon seit Jahrzehnten Prostituierte ihr Geld verdienten, das dann von ihren Zuhältern kassiert und oft in Drogen umgesetzt wurde.

Neben Viktoria saß ihre Freundin Noemi, die ihre braunen Haare streng nach hinten gebunden hatte, und Amira Faizan, ein Mädchen aus Ägypten, das ein dunkles Kopftuch trug. Die Mädchen flüsterten miteinander, als nach und nach ihre Eltern eintrafen, um sie abzuholen. So lernten sich Peter Ebuk, Larissa Boden und Nour Faizan kennen, die Verantwortlichen für die Erziehung dieser Mädchen. Frau Faizan goss einen Schwall Vorwürfe in arabischer Sprache über ihre Tochter, als sie vor ihr stand. Amira saß ganz aufrecht, hatte ihre Augen halb geschlossen, ihre langen angeklebten Augenwimpern zeigten waagerecht von ihrem Gesicht weg. Sie verzog keine Miene. Als ihre Mutter geendet hatte, gingen die langen Wimpern nach oben, sie zog eine Augenbraue hoch und blickte dann kurz zu Ebuk und Larissa Boden.

»Können wir jetzt endlich gehen?«, fragte Amira. Sie klang etwas genervt, so als ob ihr Chauffeur wieder einmal zu spät gekommen sei.

Auf die Gruppe kam die diensthabende Elke Schreitmüller zu, die Ebuk angerufen hatte und die ihm jetzt ganz unkollegial die Hand gab.

»Guten Abend, Herr Ebuk. Sie sind Frau von Boden, die Mutter von Noemi? Und Sie Frau Faizan, die Mutter von Amira?«

Als die drei Elternteile das bestätigt hatten, bat Frau Schreitmüller sie kurz, mit ihr zu kommen. Sie habe bereits die Aussagen der drei Mädchen und des Opfers protokolliert.

»Kann mir mal jemand sagen, was hier überhaupt los ist?«, fragte die Pastorin empört. Das hätte Ebuk auch gerne gewusst, aber er war völlig hin- und hergerissen zwischen der Erleichterung, Viktoria wohlbehalten auf einer Polizeiwache zu finden, und der Scham, dass seine Tochter als Delinquentin festgesetzt worden war. Viktoria schaute ihn mit diesem Blick an, mit dem sie ihn immer weich bekam. Tat es ihr bereits leid, weil sie ihn in diese peinliche Situation gebracht hatte?

»Bist du okay?«, fragte er sie streng.

Sie nickte. »I’m sorry«, flüsterte sie.

»Ich spreche kurz mit euren Eltern. So lange wartet ihr noch. Dann könnt ihr zusammen gehen«, sagte Frau Schreitmüller zu den drei Mädchen.

Amira ließ einen scharfen Zischlaut hören, gefolgt von einer Anweisung ihrer Mutter, die wie eine Ohrfeige klang, sodass sie ihre Wimpern wieder auf Halbmast klappte.

Sie setzten sich in einem der funktionellen Besprechungsräume um einen grauen Tisch, beleuchtet von einem kalten Licht. Die Polizistin schlug eine gelbliche Mappe auf, bedruckt mit dem Emblem der Berliner Polizei.

»Also. Ihre drei Hübschen haben einen Jungen abgezogen, einen Sechzehnjährigen. Sie haben ihm sein Handy, eine silberne Kette, ein Armband, seine Hose, seine Jacke und seine Schuhe abgenommen.«

»Wie bitte? Abgezogen?«, fragte Larissa Boden nach.

»Bestohlen. Sie nennen es Jungs abziehen. Warum machen das drei Gymnasiastinnen? Die wissen doch, dass das nur Ärger bringt. Die sind ja keine Mädchengang. Aber wer weiß?«

»Wer ist der junge Mann, den sie beklaut haben?«, wollte Ebuk wissen.

»Ich kann Ihnen den Namen nicht nennen, Kollege. Er hat noch keine Anzeige erstattet.«

Frau Schreitmüller schaute Ebuk tadelnd an, er kannte doch die Vorschriften. Sie drehte sich zu Nour Faizan und Larissa Boden.

»Ich vermute mal, Ihre Töchter kennen den jungen Mann. Es sieht nach einem Racheakt aus. Sie rannten ihm mit einer Schere hinterher. Seine Sachen haben sie einfach auf die Straße geworfen, wo Autos drübergefahren sind. Das Handy ist kaputtgegangen. Eine Funkstreife kam zufällig vorbei, ihre Töchter versuchten noch wegzurennen, aber bei unseren Kollegen, keine Chance. Falls es zu einer Strafanzeige wegen Diebstahl und versuchter Körperverletzung kommt, geht die Sache an die Staatsanwaltschaft. Das kann Ihnen der Kollege Ebuk alles ganz genau erklären.«

»Wieso sagen Sie immer Kollege?«, fragte die Pastorin.

»Ich bin Polizist«, erkläre Ebuk.

»Kommissaranwärter«, ergänzte Frau Schreitmüller.

»Ich mache in ein paar Monaten meinen Abschluss, gehobener Dienst«, setzte er selbstbewusst entgegen.

Die zwei Mütter schauten Peter Ebuk aufmerksam an.

»Du musst das Mädchen in den Griff kriegen, Peter. Das kommt bei deinen Ausbildern nicht gut an. Das weißt du«, ermahnte ihn die Polizistin.

Ebuk und die beiden Frauen verabredeten sich für den nächsten Abend. Larissa Boden lud in ihre Wohnung im Gemeindehaus ein, das galt auch für die Töchter.

 

Peter Ebuk erfuhr von Viktoria, was geschehen war. Sie hatten Dennis Schulte, so hieß der junge Mann, beim Edeka in der Nähe ihrer Schule kennengelernt. Dort kauften sie sich manchmal in der Mittagspause etwas zu essen. Auch eine Gruppe von Jungs, Schüler aus einer Berufsschule in der Nähe, kam dort vorbei und quatschte sie an, wollte wissen, auf welche Schule sie gingen und ob sie ihre Handynummern bekommen könnten. Sie würden ihre Handynummern doch nicht an irgendwelche Trottel aus Friedenau rausrücken, erklärte Viktoria empört. Aber in der nächsten Woche trafen sie sie wieder und dann erneut. Inzwischen hatten die Typen herausbekommen, wie sie hießen, und sie ausgecheckt. Dann bekamen sie Dickpics, richtig eklig. Sie stellten die Berufsschüler zur Rede, blockierten ihre Nummern und forderten sie auf, das zu unterlassen. Einer von ihnen entschuldigte sich sogar, aber es hörte nicht auf. Die Mädchen entschieden gemeinsam, sich zu wehren. Sie fanden heraus, wie die Typen hießen und wo sie wohnten. Dennis war der Erste, dem sie an diesem Abend auf der Straße auflauerten.

»Hast du diese Fotos noch?«, fragte Ebuk seine Tochter.

»Nee, gelöscht!«

»Vielleicht kann man die wieder herstellen? Falls dieser Dennis oder seine Eltern Anzeige erstatten und es zu einer Verhandlung kommt, wären diese Fotos als Beweise wichtig.«

»Der stellt keine Anzeige, der Pisser!«

»Please!«

»Wir müssen uns doch wehren. Das ist sexuelle Belästigung.«

»Du hättest es mir zeigen und mir davon erzählen müssen. Du hast schließlich einen direkten Draht zur Polizei.«

»Hm.«

»Warum hast du mir das nicht erzählt?«

»Weil es erniedrigend ist. Hey, Papa, da schickt mir ein Junge ständig seine Pimmelfotos. Und dann wärst du hingegangen und hättest ihn was … ermahnt?«

»Ich hätte mir ihn und seine Eltern vorgeknöpft. Ja, selbstverständlich!«

»Seine Eltern hätten dich ausgelacht. Da kommt ein Schwarzer Polizist und erzählt ihnen von den Dickpics ihres Sohnes? Das ist peinlich!«

»Vielleicht wäre ich zusammen mit den Müttern deiner Freundinnen hingegangen.«

»Unsere Aktion war viel wirkungsvoller. Die Typen sind wir los, die schicken uns nichts mehr.«

»Was war das mit der Schere?«

»Echt jetzt? Wir haben gedroht, ihm den Schwanz abzuschneiden, wenn er ihn noch mal schickt.«

Ebuk musste lachen. Das war seine Tochter! Er konnte ihr nicht mehr böse sein, er umarmte sie. Als er sie nach ihrem amerikanischen Freund fragte, ob sie ihm von diesen Vorfällen erzählt habe, wurde sie fast panisch. Auf keinen Fall, der dürfe das nicht erfahren. Never ever!

 

Ebuk war es inzwischen gewohnt, Elternabende zu besuchen und sich mit anderen Vätern und Müttern über Klassenausflüge, Umbaumaßnahmen, Schulessen und dergleichen abzustimmen. Gewissenhaft achtete er darauf, immer alle Schreiben, die von der Schule kamen, zu beantworten und zu den Versammlungen zu gehen, bei denen Elternvertreter gewählt wurden und die Lehrer aus der Klasse berichteten. Die ersten Jahre, als sie in Brandenburg lebten, hatte er ebenfalls diese Treffen besucht. Dort kamen Eltern zusammen, die sich schon lange kannten, die zum großen Teil in die gleiche Schule gegangen waren. Er war so etwas wie der geduldete Exot gewesen. Doch in Berlin, auf der internationalen Schule, die nach Nelson Mandela, einem seiner Helden, benannt worden war, gab es Eltern aus verschiedenen Ländern. Die Klassenlehrerin war eine Inderin, die Physik unterrichtete. Viktoria beschwerte sich oft bei ihm, dass die Frau schwer zu verstehen sei, und ahmte ständig ihr indisches Englisch nach.

 

Sie nahmen um den Esstisch Platz, der in der Mitte des Raums stand. Das Zimmer war nicht besonders groß, es hingen zwei abstrakte Gemälde an der Wand, eine große Pflanze stand in einer Ecke, kein Sofa, kein Fernsehgerät. Der Tisch bestand aus massivem Holz, genau wie die sechs Stühle, auf denen Kissen mit afrikanischen Stoffbezügen lagen. Auf dem Tisch standen Flaschen mit Mineralwasser und alkoholfreiem Bier, eine Schale mit Nüssen und ein Teller mit Apfelschnitzen. Eine herbe Frische von Kräutern und Kokosöl lag in dem Zimmer, was Ebuk gleich sympathisch fand. Larissa Boden trug eine weiche, dunkle Stoffhose und einen hellen Pullover, Nour Faizan kam in Jeans und einem dunklen Hoodie, die schwarzen Haare trug sie hinter dem Kopf zusammengebunden. Die drei Mädchen hingen auf ihren Stühlen nebeneinander, lachten über einen Mathematiklehrer, der sich offenbar verrechnet hatte. Larissa, die alle willkommen hieß, schlug vor, sich mit den Vornamen anzusprechen, dem Peter und Nour gleich zustimmten.

Ebuk war von Larissas strahlenden Augen fasziniert. Sie hatten einen dunklen Glanz, von dem eine Art altes Wissen ausging. Der Mund war weich und entschieden zugleich. Ihre sanften und sicheren Bewegungen gaben ihm das Gefühl, aufgehoben zu sein. In ihrer Stimme schwang ein tiefer Ton mit, der ihn berührte. Sie erinnerte ihn an jemanden, den er vielleicht einmal gekannt hatte, an den er sich aber nicht mehr erinnern konnte. Was von Larissa ausging, musste älter sein, eine Ahnung von Vergangenheit, als ob sie sich schon einmal getroffen hätten. Was natürlich nicht sein konnte. In die Wohnung einer Pastorin eingeladen zu werden, erschien ihm als eine Auszeichnung, als ob er jetzt erst ankäme in diesem Land und den Zugang zu einem exklusiven Zirkel erhielte. Viktoria, die seine Unsicherheit spürte, legte für einen Moment ihre Hand auf seine und nickte ihm zu. Entspann dich, war die Botschaft ihrer Geste. Nour fühlte sich sofort wie zu Hause, sie kommentierte die Einrichtung und fragte gleich, warum es kein Sofa gab. Und wie schwer es sei, in Berlin eine gute Wohnung zu finden. Aus ihren Kommentaren zu den Räumlichkeiten und dem Haus war leicht herauszuhören, dass sie Architektin war, aber gerade keine Anstellung fand. Dann schauten die Frauen ihn an und fragten, in welchem Stadtteil er wohnen würde. Er antwortete: in Spandau, drei Zimmer, Küche, Bad. Für Viktoria wäre es leider etwas weit in die Schule, aber zu der Polizeiakademie, wo er viel Zeit für den praktischen Teil seiner Ausbildung verbringen würde, wäre es nah. Ja, er sei Polizist, sagte er, schon lange, schon in Uganda, aber er musste mit Viktoria fliehen, weil er eine Bande von Kinderhändlern hatte auffliegen lassen. Sie blickten ihn voller Fragen an, aber er lächelte nur, mehr würde er nicht erzählen.

»Also dann. Schön, dass ihr gekommen seid. Ich dachte, es wäre gut, über das zu sprechen, was vorgefallen ist«, begann Larissa.

»Der Typ hat uns Schwanzfotos geschickt, und das haben wir abgestellt. Das ist passiert«, schleuderte Noemi ihrer Mutter entgegen. Sie hatte ein zartes Gesicht, aus der die offenen Augen ihrer Mutter blickten. Ihre Haut war braun, ihr Haar hatte sie in Cornrows geflochten.

»Das habe ich verstanden. Aber wie kam es dazu und was folgt daraus? Vielleicht sollte jede von euch etwas dazu sagen?«, fragte die Pastorin mit freundlicher Stimme. Sie schaute Viktoria an.

»Ja, die wollten was von uns, aber wir nichts von denen. Irgendwie sind sie an unsere Nummern gekommen und haben uns dann diese Fotos geschickt. Richtig eklig«, antwortete Viktoria möglichst sachlich.

»Also sie wollten Kontakt zu euch aufnehmen«, setzte Larissa nach.

»Die wollten uns ficken«, hielt Noemi ihr patzig entgegen. Larissa ließ diese Aussage nachhallen, und als keiner am Tisch etwas dazu sagte, fragte sie nach.

»Hm. Die Frage, die ich mir gestellt habe, ist, warum es zu dieser extremen Reaktion der Jungen kam. Wie siehst du das, Amira?«

Das angesprochene Mädchen setzte ein möglichst ausdrucksloses Gesicht auf, blickte ihre Mutter an.

»Diese Jungs. Wir haben erst ganz normal mit ihnen gequatscht. Auf welche Schule geht ihr so? Wo hängt ihr ab? Welche Musik. So was. Und dieser Dennis. Er hat mich gefragt, ob ich ihm bei seinen Hausaufgaben helfen kann«, begann sie zu erzählen.

»Wie kommt er denn darauf?«, wollte ihre Mutter wissen.

»Er ist nicht so gut in der Schule«, antwortete sie trocken.

»Und?«

»Nichts und. Ich habe mir sein Deutschheft angesehen.«

»Was hast du?« Die Stimme von Nour schwoll etwas an.

»Ich habe einen Aufsatz von ihm gelesen und ihm gesagt, dass er ja nicht mal richtig Deutsch kann und dass ich mit dummen Jungs nichts anfangen kann. Ich habe ihm sein Heft zurückgegeben …«

Noemi und Viktoria lachten los.

»Du kannst ja nicht mal richtig Deutsch. Mit dummen Jungs fang ich nichts an«, Noemi machte Amira nach. Amira zog eine Augenbraue hoch und grinste. Auch Peter Ebuk lächelte.

»Wie kannst du denn einem Jungen in dem Alter ins Gesicht sagen, dass er dumm ist?«, empörte sich Nour, Amiras Mutter.

»Ich sage, was ich denke«, stellte Amira fest.

»Ja, das ist eben manchmal ein Problem. Wie willst du jemals …«

»… einen Mann finden?«, fragte Amira.

»Nein! Das wollte ich nicht sagen. Durchs Leben kommen.«

»Überlass das mal mir. Ich schaff das schon«, gab sich Amira abgeklärt.

»Also, ich versuche das mal zu verstehen. Dennis fühlte sich verletzt, und dann ging es mit den Fotos los?«, fragte Larissa nach.

»Es waren ja noch drei andere dabei. Die sind auch nur peinlich«, meinte Viktoria.

»Es eskalierte also. Hab ihr euch gegenseitig was geschickt? Auf WhatsApp?«

Ebuk sah seine Tochter an.

»Es ging hin und her, ja.«

»Und irgendwann kamen diese Bilder«, stellte Ebuk fest.

»Ja.«

»Ihr habt nicht noch mal versucht, mit ihnen zu reden?«, wollte Larissa wissen.

»Natürlich. Wir wollten sie zu einem Gebetskreis einladen, aber das haben sie abgelehnt!«, attackierte Noemi ihre Mutter und schaute sie wütend an. Viktoria rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her.

»Cool bleiben«, ermahnte Amira ihre Freundin.

»Ich verstehe, dass du wütend bist, Noemi«, sagte Larissa leise.

»Du verstehst immer alles. Mein Gott! Sie schickten erigierte Schwänze. Vermutlich nicht mal die eigenen. Willst du sie sehen?!«

»Du hast sie noch auf deinem Smartphone?«, fragte Ebuk nach.

Noemi lehnte sich zurück und verschränkte die Arme.

»Das könnte relevant sein. Ich habe Viktoria das auch schon gefragt. Das ist ganz klar sexuelle Nötigung. Verstoß gegen die sexuelle Selbstbestimmung, fällt unter Paragraph 177. Wir hatten das neulich im Unterricht, in Rechtskunde.«

»Ja genau«, kam von Noemi, die sich von Ebuk unterstützt fühlte.

»Aber ihr hättet es euren Eltern gleich sagen müssen«, ergänzte Ebuk.

»Wir hätten Anzeige gemacht!«, stimmte Nour zu.

»Anzeige erstattet. Mama. Bitte, du hast noch nie jemanden angezeigt.«

»Wir haben uns auf unsere eigene Art gewehrt«, stellte Viktoria fest.

Ebuk nickte. »Es ist nicht gut, wenn du mit einer Schere jemanden verfolgst«, meinte er.

»Ich war ja nicht allein.«

»Ihr wart drei gegen einen«, sagte Larissa.

Noemi sprang von ihrem Stuhl auf. Ihre Mutter schaute sie an, aufmerksam, ruhig, offenbar an die Gefühlsausbrüche ihrer Tochter gewöhnt.

»Nur für den Fall, dass von diesem Dennis und seinen Eltern Anzeige erstattet wird, bitte ich dich, Noemi, die Bilder zu speichern und auch die, ähm, Kommunikation. Vielleicht wäre es gut, ihr fertigt zusammen ein Protokoll an«, schlug Ebuk vor.

»Das heißt, wenn etwas von denen kommt, können wir etwas dagegensetzen«, stimmte Nour ihm zu.

»Da kommt nichts mehr. Ich schwöre«, sagte Amira. Den letzten Satz sagte sie sehr bestimmt, und Noemi setzte sich wieder.

»Das wäre gut. Aber ich bitte dich trotzdem, den Vorschlag von Peter hier anzunehmen«, sagte Larissa.

»Ja, machen wir«, stimmte Viktoria ihrem Vater zu.

»Dann war’s das jetzt?«, fragte Noemi in die Runde. »Wir gehen in mein Zimmer und schreiben ein Protokoll.«

Sie stand erneut auf, ihre Freundinnen taten es ihr gleich, und zusammen zogen sie ab. Larissa atmete hörbar aus, als die drei Mädchen das Zimmer verließen. Nour kommentierte, dass sie in einem schwierigen Alter seien. Larissa stimmte ihr zu, manchmal wüsste sie nicht, wie sie Noemi erreichen könnte. Sie verweigere sich ihr, verschließe sich ganz, sie wisse oft nicht weiter. Vielleicht wäre es einfacher mit einem Vater in ihrer Nähe, aber der lebe in Jamaika. Nour nickte und sagte, dass der Vater von Amira an Krebs gestorben sei. Sie habe wieder geheiratet, einen Deutschen, aber Amira käme mit dem Mann nicht zurecht. Larissa blickte Peter aufmerksam an, als ob er ihnen helfen könnte. Er verstand nicht wirklich, welche Konflikte die beiden Frauen mit ihren Töchtern austrugen. Amira und Noemi waren offenbar wütend auf ihre Mütter. Lag das wirklich nur daran, dass ihre Väter nicht mehr da waren? Ebuk konnte sich das nicht vorstellen. Er machte sich Vorwürfe, dass seine Tochter keine Mutter hatte und er nur ein armseliger Vater war, der sich bemühte, der Tochter die emotionale Wärme einer Mutter zu geben. Aber vielleicht war Viktoria einfach viel stärker als er selbst.

 

So hatte das mit Larissa und ihm angefangen. Jetzt blieb Ebuk noch einen Moment neben dem toten Mann aus Kamerun stehen, um seine Gedanken zu ordnen und den inneren Aufruhr in den Griff zu bekommen. Moses Lukong war ermordet worden, das stand fest. Aber was war geschehen? War es ein heimtückischer Schlag auf den Kopf gewesen, oder war es zu einem Kampf gekommen? Vermutlich hatte Moses den Angreifer gehört, als er allein und in sein Gebet versunken war. Er hatte sich bestimmt umgedreht und den Eindringling bemerkt, es musste einen Kampf gegeben haben. Ebuk wagte nicht, die Leiche und deren Wunden genauer zu betrachten, um keine Spuren zu zerstören, aber auch, um keine zu hinterlassen. Er schien seitlich am Kopf einen Schlag abbekommen zu haben.

Noch einmal ging er um den nüchternen steinernen Altar herum, an dessen Längskante ein dunkler, nasser Fleck zu sehen war, der Blut sein konnte. Er bückte sich, leuchtete in alle Ecken und in die Fugen des Bodenbelags. Ein einzelner Stuhl stand abseits, zur Seite gerückt. Hinter einem der Stuhlbeine glänzte etwas, und Ebuk ging näher. Er fand eine dünne Halskette mit einem kleinen goldenen Kreuz. Die Kette war gerissen, das Kreuz lag auf dem Boden wie ein verlorenes Geschenk. Ebuk kniete sich hin, gerne hätte er es in die Hand genommen, aber er hatte weder Gummihandschuhe noch einen Stift dabei, also machte er nur mehrere Aufnahmen mit seinem Smartphone. Auf dem Kreuz konnte er ein paar eingravierte Wörter sehen. Er vergrößerte die Aufnahme auf seinem Bildschirm. Iglesia del Crucifijo stand da, und vermutlich war die dunkle Stelle auf Iglesia ein Blutfleck.

Ebuk richtete sich wieder auf. So ein goldenes Kreuz hatte er schon oft als Schmuck an Männern gesehen. Hatte Moses seinem Mörder diese Kette vom Hals gerissen, und war sie dann hinter das Stuhlbein geschlittert? Könnte das bedeuten, dass der Angreifer auch ein Christ war? Was wollte er so früh am Morgen hier in der Kirche? Möglicherweise traf er nur zufällig auf Moses Lukong und wollte eigentlich Larissa hier treffen. Der Gedanke, dass sie das Ziel eines Mordanschlags gewesen sein könnte, schockierte Peter Ebuk. In seinem Kopf knallten Schüsse, ein Motorrad mit zwei Männern drehte auf und raste über die Straße, vorbei an hupenden Autos. Er sah seine tote Frau Prudence vor sich, die in ihrem Blut auf dem Asphalt lag. In Brandenburg hatte es eine Frau gegeben, Jana, für die er Gefühle entwickelte hatte. Auch sie war ermordet worden. Ebuk schüttelte den Kopf. Das durfte nicht noch einmal passieren. Eine kalte Angst ergriff ihn. Was, wenn er wieder versagte? Wenn er wieder eine Frau an seiner Seite verlieren würde?

Erneut schaute er in den großen dunklen Raum, in dem über Jahrzehnte gläubige Menschen gebetet, ihren Gott um Unterstützung angefleht oder um Vergebung gebeten hatten. Wenn es diesen Gott gab, dann musste er ihm helfen, den Mörder des kamerunischen Pfarrers zu finden. Er würde Larissa beistehen, sie beschützen, sie war mit Sicherheit in Gefahr.

Ebuk verließ die Kirche, zog die Tür hinter sich zu, aber ohne den Türgriff mit seinen Händen zu berühren. Von ihm würden hoffentlich keine Spuren in der Kirche zu finden sein.

Eilig lief er zurück in das Wohngebäude der Gemeinde, klingelte und rief gleichzeitig Larissa an. Ihre warme Stimme erklang. Sanft fragte sie, ob er etwas vergessen habe. Sie nannte ihn mein Lieber. Er stehe unten an der Tür, es sei dringend.

Nachdem sie geöffnet hatte, schaute sie in ein Gesicht voller Angst und Sorge und begriff sofort, dass etwas Schlimmes geschehen war.

»Die Kirchentür stand auf. Das hat mich gewundert. Ich bin reingegangen«, begann er, und sie lächelte.

»Du hast Herrn Lukong getroffen und dich erschreckt!«

»Das habe ich. Er ist … er liegt vor dem Altar. Er ist tot.«

Larissa blickte ihn verwundert an. »Was? Nein. Er hat sich …«

Ebuk fasste sie mit beiden Händen an den Schultern. Sein Blick war jetzt klar. »Er liegt dort. In seinem Blut. Er ist ermordet worden.«

Larissa brauchte einige Sekunden; dann fasste sie sich und schlüpfte in einen grauen Trainingsanzug.

Sie eilten beide nach unten, Larissa zog sich Schuhe über, nahm sich eine Jacke, ging voraus über die kalte Straße und schloss die seitliche Tür auf. Die kühle Dunkelheit des Kirchenraums bremste sie. Ebuk hörte in die Stille, folgte Larissa mit neuer Wachheit. Das Licht seines Mobiltelefons beleuchtete den Toten am Altar.

Geschockt blieb Larissa stehen. Mehrere Sekunden standen sie so, wie Statuen. Sie wollte nähertreten, doch Ebuk legte ihr eine Hand auf die Schulter und hielt sie zurück.

»Hast du die Polizei gerufen?«, fragte sie leise.

Ebuk schüttelte den Kopf.

»Lass uns rausgehen«, sagte er.

Vor der Kirchentür wählte er auf seinem Mobiltelefon den Notruf, nannte seinen Namen und beschrieb, was er entdeckt hatte und wo der Tote zu finden war. Larissa und er gingen zurück und warteten vor dem Haus.

Es dauerte nicht lange, dann hielt eine Funkstreife mit Blaulicht vor dem Eingang des Gemeindehauses. Zusammen empfingen sie die uniformierten Polizisten und zeigten auf die Kirche. Larissa bat Ebuk, ein Auge auf Noemi zu haben, die bestimmt gleich aufstehen würde, und begleitete die Polizisten hinüber zur Kirche. Diesmal schaltete sie das Deckenlicht im Kirchenraum an. Die großen Fenster erwachten im Berliner Morgen.

Ebuk ging in die Küche, füllte Wasser und Kaffee in den Espressokocher, stellte ihn auf den Herd.

Oben in der Wohnung ging eine Zimmertür auf. Das musste Noemi sein, die jetzt die Treppe herunterkam. »Was machst du denn hier?«, fragte Noemi, als sie in die Küche trat. Er schaute sie ernst an, nickte nur.

»Ich wusste es. Du und Mama. Echt jetzt? Und warum ist die Polizei vor dem Haus?«

Sie klang genervt, ihre Haare standen ab, ein großes T-Shirt hing an ihr herunter, die Beine waren nackt.

»In der Kirche. Da liegt ein Toter«, sagte Ebuk leise.

»Was? Ein Toter? Ein Dealer? Eins von den Mädchen?«

Ebuk war für einen winzigen Moment von ihren Fragen irritiert. Vielleicht lag es nahe, einen Toten mit dem kriminellen Umfeld der Kirche in Verbindung zu bringen.

»Es ist Moses Lukong.«

»Was? Der? Warum?«

»Das kann ich dir nicht sagen. Deswegen ist die Polizei gekommen.« Er blickte sie aufmerksam an.

»O mein Gott! Und Mama?«

»Sie spricht gerade mit den Polizisten.«

Noemi nickte, dachte nach. Es waren viele neue Informationen auf einmal. Sie zog sich schnell an und entschied sich, zum Ort des Geschehens zu eilen, nach unten, zu ihrer Mutter. Vom Herd vernahm er sprudelnde Töne, der Kaffee ergoss sich in die obere Hälfte der Espressokanne. Ebuk schaute sich um, in dieser Küche hatte er schon ein paar Mal gestanden, aber er war nie alleine gewesen. Zum ersten Mal hatte er ohne sie Kaffee zubereitet. Er nahm die heiße Kanne vom Herd. Es fühlte sich an, als würde er nicht nur das Kaffeekochen beenden. Er befüllte zwei Tassen mit Espresso und ging ebenfalls vors Haus, wo Larissa und Noemi standen. Er reichte Larissa eine der Tassen. Einer der Polizisten, ein junger Mann, blickte ihn an, dann erkannte er ihn.

»Genau. Du bist doch … Bist du nicht der Ebuk?«

So nannten sie ihn. Für die Kolleginnen und Kollegen, mit denen er gelernt und gearbeitet hatte, war er einfach nur derEbuk. Es klang wie der Name eines Tiers, das immer wieder auftauchte. Der Fuchs, das Reh, der Hund, der Quereinsteiger, der in Deutschland Polizist werden wollte. Der Ebuk.

»Guten Morgen«, sagte Peter Ebuk und gab dem Kollegen die Hand.

Larissa hatte instinktiv den Arm um Noemi gelegt. Als Peter Ebuk neben Larissa trat, schob sie den Arm der Mutter von sich weg.

»Ich bin privat hier«, sagte Ebuk dem Mann in der Uniform.

»Ah. Okay. Kanntest du den Mann?« Er zeigte mit dem Kopf zur Kirche, wo der Tote lag.

»Er war in unserer Gemeinde zu Gast«, antwortete Larissa für Ebuk. Sie drehte sich von ihm weg, als ob auch er nur ein zufälliger Gast war, so wie der ermordete Moses aus Kamerun. Mit ihrer Antwort zeigte sich der Polizist zufrieden.

»Die vom KDD kommen gleich, die von der Mordkommission bestimmt auch. Deren Büros sind ja nicht weit von hier«, erklärte er.

Ebuk stand neben der Frau, von deren warmem Körper er sich vor Kurzem erst gelöst hatte. Auf einmal kam es ihm unpassend vor, hier zu sein. Für Larissa wurde die Situation mit seiner Anwesenheit nicht gerade einfacher. Auch Noemi wollte nicht, dass ohne ihr Einverständnis ein Mann an der Seite und im Bett ihrer Mutter auftauchte.

Wieder einmal fühlte Ebuk sich verloren, allein in diesem fremden grauen Land, mitten in einer großen Stadt. Er würde sich einmischen müssen, sonst würde er scheitern. Nicht nur er wäre dann verloren, sondern auch Viktoria. Das konnte er nicht zulassen.

2

Die Reise ans Meer

Aufgeschrieben im Jahr 1930 von Ibrahim Njoya, Mfon der Bamum.

 

Als die Weißen in Bamum ankamen, sagten die Bamum, lasst uns Widerstand leisten, lasst uns sie vertreiben. Nein, sagte Njoya. Ich, Njoya, hatte einen Traum, in dem ich sah, was die Weißen den Bamum antun würden. Wenn wir gegen die Weißen in den Krieg ziehen, werden alle Bamum ausgelöscht werden. Nur einige wenige werden überleben, und sie werden unglücklich sein. Und Njoya selbst nahm die Waffen, die Gewehre und Speere, aus den Händen seines Volkes entgegen. Als die Weißen ankamen, führte ich keinen Krieg gegen sie. So trug Njoya zum Glück der Bamum bei.

 

Hört gut zu, denn ich, Njoya, euer König, Sultan und Mfon des Volkes der Bamum, berichte von meiner Reise zum Palast der Deutschen. Damals begab sich der König der Bamum zum ersten Mal aus dem Land der Bamum, um den Geburtstag des Königs der Deutschen, den sie Kaiser nannten, zu feiern. Er brachte dem großen Kaiser Geschenke mit, denn dieser Deutsche war wie ein Vater zu den Bamum.

 

Lasst mich beginnen mit einem dieser Tage vor der Reise. Ich, Njoya, saß an dem breiten Tisch, wo der Tee für mich schon bereitstand. Die Vögel hatten begonnen, ihr vielstimmiges Konzert anzustimmen. Am Morgen öffneten sich die Blüten, der eigentümliche Geruch des jungen Tages breitete sich aus, die ersten Feuer wurden entzündet, die Hähne krähten, und warme Sonnenstrahlen wanderten über die Hügel. Ruhig betrachtete ich mein Land, bald würden mich meine zahlreichen Aufgaben rufen. Vor allem die Planung der großen Reise lastete auf mir. Einer der Diener brachte gebratene Eier und eine in Scheiben geschnittene Mango. Wie fast immer aß ich allein, denn es gehört sich nicht, mir, dem Sultan und König, beim Essen zuzusehen. Und trotzdem lade ich manchmal Gäste zu mir an den Tisch. Denn die Bamum sind ein gastfreundliches Volk.

Der Morgen ist eine gute Zeit für mich, um zu schreiben, in der Schrift, die ich zusammen mit meinen Gelehrten über viele Jahre entwickelt und den Bamum gebracht habe. So wie die Weißen und die Araber ihre Schrift haben, so gibt es ein Alphabet für die Bamum. In dem Buch Sang’aam habe ich euch über die Geschichte unseres Volkes geschrieben, und in Lewa Nuu Nguet werdet ihr über die Liebe lesen. Nicht nur Männer sollen es lesen, sondern vor allem auch Frauen, denn es ist wichtig, dass auch sie ihre erfüllenden Momente haben, das stärkt die Liebe und die Verbundenheit von Mann und Frau. Wenn die Körper und die Seelen von Männern und Frauen sich gut verstehen, stärkt es den Zusammenhalt des Volkes.

 

An diesem Tag, von dem ich erzähle, verstaute ich meine Papiere und ging in einen anderen Raum, um mich ankleiden zu lassen. Außer in der Nacht, wenn ich bei einer meiner Frauen liege, sind immer Männer in meiner Nähe, die mir folgen. Diese Männer müssen verschwiegen sein, denn manche meiner Aufträge bleiben geheim. So wie der Nachbau meines Throns Mandu Yenu in den Werkstätten in der Nähe des Palastes geheim bleiben musste. Ich wollte erfahren, wie weit die Schnitzer und Perlenkünstler bereits gekommen waren. Sie arbeiteten abgeschirmt von all den anderen Künstlern meines Hofes, und sie hatten schwören müssen, nichts von ihrer Aufgabe zu verraten. Aber Gerüchte machten bereits in all den Gängen und Zimmern des Palastes die Runde. Ich, Njoya, würde eine große Reise machen, bis ans Meer, erzählte man sich, um dort mit dem deutschen Gouverneur den Geburtstag des deutschen Kaisers zu feiern. Genau das hatte ich vor. Auch Sabiatou, eine meiner Lieblingsfrauen, die die letzte Nacht mit mir verbrachte, fragte mich, ob sie mit mir reisen könnte. Sie bat mich, sie mitzunehmen ans Meer, dort wo die Weißen wohnten, sie wollte mehr über die Welt erfahren. Außerdem könnte sie mich nicht so lange allein lassen, denn noch hätte sie kein Kind von mir empfangen.

Es wurde auch erzählt, berichtete Sabiatou mir, dass ich meinen Thron, auf dem vor mir bereits sechzehn Könige der Bamum gesessen hatten, dem deutschen Kaiser zum Geschenk machen wollte. Alle glaubten, der weiße Kaiser würde eine Nachbildung des Throns bekommen, das hätte ich, der Mfon, mit dem weißen Hauptmann Glaunig vereinbart. Stimmte das? Ich ging nicht weiter auf Sabiatou und die Gerüchte im Palast ein. Sie müsse sich gedulden, bat ich sie. Aber abzuwarten war für Sabiatou eine schwere Aufgabe, weil sie lebendig, neugierig, klug und schön war. Deshalb hatte ich sie auch zu meiner Lieblingsfrau genommen.

Die Weißen, die vor fast zehn Jahren in meinem Königreich aufgetaucht waren, staunten immer über die Größe und Höhe des Palastes, und vor allem bewunderten sie den kunstvollen Thron. So einen schönen bunten Thron hatten ihre Könige in Europa nicht, sagten sie.

Auch der deutsche Missionar Martin Göhring, dem ich erlaubt hatte, eine eigene Kirche in einem der Höfe des Palastes zu bauen, um Anhänger für seine Religion zu begeistern, schwärmte von dem Thron. Immer wieder hatten dieser Mann und die anderen deutschen Missionare mich gedrängt, meinen Thron nach Deutschland zu geben, ihn zu verkaufen, damit die Weißen in ihrem Land sehen könnten, zu welch großartigen Kunstwerken die Schwarzen fähig sind. Aber einen Thron kann man nicht verkaufen. Er gehört zu einem König wie dessen Kopf, und ohne König brauchte man auch keinen Thron. Ohne König ist ein Thron nur ein hübscher Stuhl.

Als ich in die Werkstatt kam, sah die Fußbank schon fertig aus. Sie hatte die Form eines offenen, rechteckigen Gehäuses, das bis zum Knie reichte. Die obere Fläche, da, wo ich meine Füße abstelle, sind mit hellen Kauri-Muscheln aus dem Indischen Ozean belegt. In der nach vorn offenen Fußbank kauern fünf Figuren in gebückter Haltung hintereinander, verbunden durch ihren linken Arm, der auf der Schulter des Vordermanns liegt, ihre Gesichter schauen den Betrachter an. Die Figuren sind mit türkisfarbenen, schwarzen und beigen Perlenschnüren verziert. Auch die beiden Figuren, die rechts und links ganz vorne auf der Fußbank angebracht werden, sahen schon gut aus. Sie halten Gewehre in ihren Händen, mit denen sie uns Könige beschützen. An der doppelköpfigen Schlange, die sich unter der Sitzfläche des Throns zusammenrollen sollte, wurde noch geschnitzt. Auch an den beiden Figuren, die hinter dem runden Sitz stehen werden und deren Gesichter den Kopf des Monarchen überragen, wurde noch gearbeitet. Es sind Zwillinge, Adlige, die große Kraft symbolisieren. Der männliche Zwilling wird seine rechte Hand ans Kinn führen, um dem König seine Ehre zu erweisen, die Frau wird eine Schale mit Kolanüssen in den Händen tragen, als Zeichen für die Gastfreundschaft der Bamum.

Die Schnitzer beugten ihre Rücken vor mir und berichteten von ihren Arbeitsfortschritten. Auf meine Frage, wie lange sie noch brauchen würden, bis der Thron fertig sei, bekam ich ausweichende Antworten. Nji Mama Pekekne, einer meiner Begleiter, verlangte, dass der Thron in vier Wochen fertiggestellt sei. Denn dann würden wir an die Küste abreisen. Der Nachbau des Throns musste außerdem noch in Kisten sicher verpackt werden, auch die galt es anzufertigen. Ob sie überhaupt eine Vorstellung davon hätten, wie aufwendig diese Reise werden würde, wie viele Träger sie brauchten, um den Thron zu transportieren, fragte Monliper NjiMonjab, der andere meiner Begleiter.

Da schauten die Handwerker betreten auf den Boden und fingen an, Entschuldigungen zu murmeln. Ich, Njoya, hob die Hand, und das Gerede und Geraune verstummte. Wie immer krähten die Hähne, und irgendwo waren die Rufe von Frauen zu hören. Ich bat die Männer, die große Künstler sind, ehrlich zu sein, sie würden nicht bestraft werden. Der Mann, der die Arbeiten anleitete, trat einen Schritt vor und erklärte mir, sie hätten nicht genügend von den blauen Perlen, die erst aus Europa kommen müssten. Leider gab es zurzeit im ganzen Königreich Bamum nicht genug davon, sie rechneten mit einer weiteren Lieferung aus dem Norden erst in ein paar Monaten. Deswegen, sagte er, wäre es ihnen unmöglich, den Thron in vier Wochen fertigzustellen, die Schuld läge nicht bei ihnen. Ich, Njoya, fragte nach, ob sie andere Perlen hätten, ähnliche, ein anderes Blau, ob sie nicht selbst solche Perlen anfertigen könnten. Als ich den Thron beauftragt hatte, hatten sie mir nichts von diesem Mangel gesagt. Wieder entschuldigten sie sich, sie dachten, es gäbe genug davon, aber dann stellte sich heraus, dass dem nicht so war. Vielleicht kamen auch welche abhanden, vermutete der Mann. Ich, Njoya, fragte nach, ob er glaubte, es wären Perlen aus der königlichen Werkstatt gestohlen worden. Sie wussten es nicht. Die Männer zeigten mir ihre Vorräte an Perlen, ich sah selbst, dass sie nicht ausreichten.

Ihr wisst, wie es ist, wenn plötzlich das Herz schneller schlägt und heißes Blut in den Kopf schießt? So ging es mir in diesem Moment. Ich atmete tief ein, denn ein König sollte seine Gefühle nicht zeigen.

Ich drehte mich um und verließ mit meinen Begleitern die Werkstätten. Wenn der Thron nicht fertig werden würde, könnte ich mein Versprechen, das ich dem deutschen Kaiser gegeben hatte, nicht einhalten. Das betrübte mich sehr, denn was ich, der Mfon, sage und verspreche, ist wie ein Gesetz, es kann nicht zurückgenommen werden. Der Geburtstag des deutschen Kaisers, von Wilhelm II., sollte groß gefeiert werden, und ich, König und Sultan von Bamum, war in den Palast des Gouverneurs, des Stellvertreters des Kaisers, in Buea eingeladen.

Sollte es mir nicht gelingen, das Geburtstagsgeschenk für den deutschen Kaiser zu überbringen, würden einige an meinem Hof und nicht wenige meiner königlichen Berater frohlocken. Sie waren strikt gegen solch ein wertvolles Geschenk für die Weißen, die Freundschaft der Bamum mit den Deutschen sahen sie nicht gern. Sie verstanden nicht, dass diese Freundschaft zwischen unseren Völkern von gegenseitigem Nutzen sein würde. Die Deutschen werden uns für den Thron, den ich ihrem Kaiser schenke, Gewehre geben, moderne Waffen. Damit werden wir uns gegen unsere Feinde verteidigen können. Das hoffte ich damals.

Ich, Njoya, bin der siebzehnte Mfon im Palast, auch wenn ich jetzt auf einem Hügel in Jaunde, auf Mont Plaisant, in einem Palast des königlichen Exils auf französischem Mandatsgebiet, leben muss.

Ich bin ein Mann, der gleichzeitig einen Elefanten auf dem Kopf, ein Nilpferd auf dem Rücken, einen Büffel auf seinem rechten Arm, eine Gazelle auf seinem linken Arm und eine Riesenschlange um seine Nieren tragen muss. Ich mache das für mein Volk, das ich liebe.

Als ich noch ein Kind war, wurde mein Vater in einer Schlacht mit den Nso getötet. Sie haben ihm den Kopf abgeschlagen, und seinen Schädel konnte ich nur mithilfe der deutschen Schutztruppe wiederbekommen, als sie mit mir zusammen gegen die Nso in den Kampf zogen. Die Ahnen und ihre Geister sind für die Bamum sehr wichtig. Als ich den Kopf meines Vaters endlich in den Händen halten konnte, war ich den Deutschen dankbar. Ich konnte sehen, wie effektiv die Deutschen und ihre Schwarzen Soldaten in die Schlacht zogen und welche großartigen Gewehre sie hatten. Damals, nach dem Tod meines Vaters, hatte meine Mutter Njapndunke als Regentin geherrscht, zusammen mit dem obersten Berater Gbetnkom Ndomube. Als ich, Njoya, alt genug war und den Thron bestieg, zettelte Gbetnkom einen Aufstand gegen mich an. Er wollte mich stürzen, um mit meiner Mutter weiterregieren zu können. Da waren mir die Deutschen ebenfalls behilflich. Ich habe diesen Mann niedergeworfen. Ein König der Bamum kann nur der Sohn eines Königs sein.

 

Die Reise, die mir im Jahr 1908 bevorstand, hatte den gesamten Hof in eine nervöse Anspannung versetzt. Ihr kennt die Stunden vor der Geburt eines Kindes, wenn die Frau umhergeht und Schmerzensschreie ausstößt. So ging es uns in den Tagen vor dieser Reise.

Ich war noch nie an der Küste, ich hatte noch nie zuvor mein Königreich verlassen, außer wenn ich in eine Schlacht ziehen musste. Es würde mehrere Wochen dauern, bis wir das Schloss des deutschen Gouverneurs erreichten. Allein der Thron brauchte sechzig Träger, für die anderen Geschenke, das Elfenbein, das die Deutschen so liebten, die Zelte, die Kleidung, die Verpflegung – für all das mussten weitere einhundertfünfzig Männer mitkommen. Auch wollte ich mindestens zwanzig Soldaten dabeihaben.

Als ich zu den Werkstätten der Schneider ging, hörte ich die Gesänge aus der Kirche des weißen Missionars. Ich, Njoya, sollte mich mit ihm beraten. Göhring hatte mir schon einmal gesagt, die Deutschen könnten sich meinen Thron auch mit Gewalt nehmen, wenn sie das wollten. So kam ich auf die Idee mit der Kopie. Aber vielleicht würden sich die Deutschen ja mit anderen Geschenken begnügen. Sollte ich ihnen mehr Elfenbein und Diamanten geben? Wollten sie Jungfrauen aus unserem Volk haben? Sollte ich auch diesem Gouverneur eine meiner Töchter geben? Seinem Vorgänger, dem Gouverneur von Wiedekamer, hatte ich eine Tochter geschickt, damit sie die Sprache und Gebräuche der Deutschen kennenlernte. Ich freute mich darauf, sie wiederzusehen und zu sprechen. Würde aus unserer Freundschaft dann eine Familie werden? Warum wollten sie unbedingt meinen Thron?, fragte ich mich. Sie hatten doch selbst zahlreiche Kunstwerke. Ich wollte von den Deutschen nur Waffen, um unsere Feinde abzuschrecken. Ich, Njoya, hasse den Kampf und den Krieg, ich diene meinem Volk mit unserer eigenen Schrift, mit den Schulen, die wir überall im Land errichtet haben, mit einer guten Verwaltung, mit Gerechtigkeit, mit neuen Bauten und neuer Architektur, mit Schriften zur Pflanzenkunde und zur Liebe. Aber ich kann all diesen für unser Volk so wichtigen Beschäftigungen nur nachgehen, wenn Frieden herrscht, den zu bewahren ich Waffen brauche. Deswegen habe ich die Deutschen ins Land gelassen, anstatt gegen sie zu kämpfen. Andere Könige, wie Dika Akwa und Manga Ndumbe von den Douala an der Küste, hatten ständig Auseinandersetzungen mit dem deutschen Gouverneur, der ganz in ihrer unmittelbaren Nähe residierte. Jahre später begannen die Deutschen und die anderen Weißen in Europa, miteinander Krieg zu führen. Kurz vor diesem Krieg wollte Rudolf Manga Bell, der Sohn von Manga Ndumbe Bell, mit mir, dem Mfon der Bamum, und anderen Königen ein Bündnis gegen die Deutschen eingehen. Die Deutschen behaupteten, er habe einen Botschafter zu mir geschickt, einen gewissen Ndame, der behauptete, er sei mit Rudolf Manga Bell verwandt, was sich als Lüge herausstellte. Es gab nie einen Boten, den Bell geschickt hat. Rudolf Manga Bell war wie ein Bruder, die Deutschen wie ein Vater. Wie könnten wir zusammen gegen unseren Vater kämpfen? Ich erzählte dem Missionar Göhring von diesem Ndame und den Überlegungen Bells, weil ich Zweifel hatte. Ich wollte seinen Rat hören, damals war Göhring mir wie ein Freund. Doch Göhring oder ein anderer Deutscher behaupteten, ich, der Mfon der Bamum, habe Bell an die Deutschen verraten. Sie haben ein Telegramm fingiert, in dem stand, König Njoya hätte Rudolf Manga Bell, den eigenen Bruder, angezeigt. Die Deutschen erklärten, der König der Douala und Ngosso Din, sein engster Freund, hätten Landesverrat begangen, sie wurden aufgeknüpft und weitere 180 Douala getötet. Diese großen Männer mussten ihr Leben für ihr Land geben. Noch immer fühle ich tiefe Trauer und Scham für deren Tod. Habe ich diese Schuld auf mich geladen, weil ich den Frieden mit den Deutschen wollte?

Nur zehn Jahre später mussten die Deutschen unser Land verlassen, weil sie in Europa ihren großen Krieg verloren hatten. Dann kamen die Engländer mit ihren Maschinengewehren und die Franzosen, die mich gezwungen haben, in Jaunde im königlichen Exil zu leben.

Vielleicht hätte der Weg, den Bell gehen wollte, uns vor den Weißen bewahrt, und er würde noch in seiner Stadt und ich in meinem geliebten Foumban leben.

Ich bin wie eine Frau, die Weißen sind wie Männer. Was kann ich anderes tun, als zu gehorchen?

 

Wenn jemand stärker ist als du selbst, dann solltest du deine Tasche in die Hand nehmen und hinter dem Stärkeren hergehen. Das habe ich meinen Leuten immer gesagt.