Kaminabend - Willie Benzen - E-Book

Kaminabend E-Book

Willie Benzen

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Beschreibung

Dies ist ein ganz und gar einzigartiges Buch. Gemeinsam mit Freundinnen und Freunden wurde es von Willie Benzen geschrieben – zu einem wirklich besonderen Anlass. Sein kurz bevorstehender 60. Geburtstag war ihm ein willkommener Anlass für dieses Projekt, welches er mit einigen ihm sehr nahestehenden Schreiberinnen und Schreibern realisierte. Aus der Feder von Willie Benzen stammen Texte, die in der Zeit zwischen 1964 und 2016 entstanden. Sie bieten einen repräsentativen Querschnitt seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Die von ihm eingeladenen Autorinnen und Autoren, zu nennen sind Barbara Naziri, Stephanie Mattner, Libuse Rudolph, Christel Bröer, Irina Benzen, Marthe Benzen, Marlies Borgholt, Günter Wendt und Peter Reuter, sie waren in der thematischen Auswahl frei – und sie haben gerne für dieses Buch und für Willie Benzen geschrieben. So entstand ein bemerkenswertes Buch, welches auch Sie zum Lesen einlädt. Peter Reuter

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Seitenzahl: 88

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Meiner lieben Frau Irina, meinen Kindern und Enkelkindern und meinen Freunden, die mich seit langen Jahren begleiten.

Inhaltsverzeichnis

Alle Texte von Willie Benzen, außer es steht der Name des Autoren vor dem Text

Statt eines Vorwortes Christel Bröer

Gartengedichte

Kindheitserinnerungen

Eisblumenzeit Agnes M. Holtborg

Das alte Lachen Stehanie Mattner

Spaziergänge

Bleib nicht stehen Irina Benzen

Schwan

Ostseenacht

Geboren

Das fremde Kind © Aramesh

Kriegskinder © Aramesh

Arbeitsort Irina Benzen

Flucht

Flucht Libuse Rudolf

Flucht

Aphorismen

Aphorismen Hans Max Werner

Mondgedichte

Aus Dalnij Vostok – Ferner Osten

Der erste Honig Peter Reuter

Herbstblatt

Der Störfall oder der Tag, an dem die Erde beginnt sich zu sträuben

Die Sache mit dem klugen Affen Peter Reuter

Die Sache mit dem Eigentum Peter Reuter

Anders sein Marthe Benzen

Gedichte vor dem Herbstblatt

Ich mach dich platt Günter Wendt

Berlin

Ballade der Waffenfabrikaktionäre Peter Reuter

Für die Lyriker

Menschenordner

Vita

Christel Bröer

Statt eines Vorwortes

Wie verändert uns wohl in Jahren Zeit,

weil wir doch wissen, Manches bleibt.

Wir haben uns gefunden, interessengleich,

erleben Freude, Wehmut

und Leidenschaft.

Wir haben gemeinsam zugehört,

erzählt, gelesen und auch geschrieben,

wollen Worte zum Leben bringen,

mit Botschaften Gedanken bewegen.

Aus Fremden wurden Freunde,

und wenn wir auseinandergingen,

fern und auf Reisen ist Freundschaft

geblieben bis zu einem Wiedersehen.

Das Gute wünscht Dir der Freund,

Glück in Licht- und Schattenseiten.

So geht ein jeder weiter seinen Weg,

freundschaftlich und nah verbunden.

Garten der Bücher

Der Gärtner legte

Bücherbeete an

und diese wuchsen

je nach Pflege,

je nach Wunsch.

Sonnen beschienen

sind die Inhalte

freundlicher,

im Schatten wachsen

Krimis und Thriller

und im Halbschatten

dunkle Fantasy,

Liebesromane gedeihen

im roten Licht

wie auch Eros Texte

je gepflegter das Beet,

desto größer die Bücher.

April

April

Erst jetzt

Krokusse blühen

der Winter

so lang

Schneeglöckchen

im April

Kieler Schlossgarten

Erschrocken

sah ich

den positiven Wandel

zurück

in die

wilhelminische Zeit

Der Schlossgarten

hatte wieder seine Blumen

um Kaiser

Wilhelms Reiterstandbild

Junge Leute rissen

Blumen aus

Kieler Schlossgarten 2

Unmittelbar am Kieler Schloss

Steht der dritte Zar Peter

Geboren hier

Aufgewachsen nah

Ermordet von der eigenen Frau

Im nach ihr benannten Palast

Am anderen Ende des

nahen Meers.

Garten Sierhagen – Altenkrempe

Angelegt

zum Verkauf,

die Gärtnerei,

Pflanzen blühen

zum Mitnehmen

in eine ungewisse

Zukunft

Der Wind streicht

Kalt durch Blüten

und Kräuter,

die Skulpturen

aus Stein

nicht kälter

Schnee am Mittelmeer

Palmen stehen am Mittelmeer,

leiden den Winter,

gewachsen in der Wärme.

Schnee fiel selten,

Kinder am Mittelmeer

In verschiedenen Palmengärten

Kennen keinen Schneemann,

keine Schneeballschlacht

und Schlitten gibt es nicht

zu kaufen

im Garten am Mittelmeer.

Blütenmeer

Die Augen reichen nicht

das Feld im Ganzen zu sehen

und es stehen viele Felder

aneinander beieinander.

Auf jedem Feld eine,

eine andere Tulpensorte

als daneben.

Von jeder Sorte ein Feld.

So stehen Tulpen eine Woche,

dann werden sie gemäht

und die Zwiebeln sorgfältig

ausgegraben

und in Tüten begraben,

und das Tulpenblütenmeer

wird auf dem Kompost

für künftige Tulpenzwiebeln

mit Kalk versetzt,

und von Würmern verarbeitet

zu frischer Erde mit Mineralien.

Garten der Kräuter

Kräuter duften frisch

Minze zart im Schatten

Dill sucht sich Sonne

Liebstöckel überragt alles

Petersilie glatt und kraus

Rosmarin duftet stark

Oregano und Majoran

beobachten sich

Thymian will helfen

Husten vertreiben

Kerbel wuchert still

die Kresse Wasser saugt

Basilikum grünt am Rand

Knoblauch und Zwiebeln

stehen zusammen

mit Schnittlauch

Im Garten an der Eider

Im Garten an der Eider

im Schatten alter Bäume

ein Weiher

quakende Frösche

locken stolzierende Störche an

deren Küken auf der

Spitze des Kirchturms

auf Speise warten

Greenwich

Park mit Rosen

Blumen Ecken

gelegentliche Bäume

Spielende Kinder

fröhlich singend

Breakfast bei Mike

Hundert Meter

Blick über die Themse

London

Hier wird die Zeit geteilt

Ost und West

ein Strich im Boden

Ein Tisch

Herumsitzen fünfzig Herren

Gedeckt mit british cook

Die Frackschöße flattern

im morgendlichen Wind

Sektkorken knallen

Besichtigung der vierundzwanzigstunden Uhr

vorbei an der Rhododendronhecke

dann Lunch bei Mike

König Lauriens Rosengarten

Hier liegen Felsen

Kreuz und Quer

Und keine Rosen

König Lauriens

Tränen würden

Bewässern

Gärten der Loire

Streng die Formen

Verspielt die Blüten

Brunnen lassen Tropfen springen

Gerade Gräben teilen

Bäume beim Wein

Das Plätschern eines Wassers

Vögel zwitschern

Ein Hirsch stolz am Wegrand

Erstes Bild

Ein Mädchen steht

hinter mir

auf meinem Roller.

Sie ist größer, älter.

Die Tochter von Vaters Cousin.

Vor dem Haus in dem wir wohnen

stehen wir, vor dem inzwischen

übergemalten Hinweis

auf den Luftschutzkeller,

deutlich über ihrer Strickjacke.

Mein Roller Pucky.

Das geliebte Haus der frühen Kindheit.

Zweites Bild

Wieder Pucky mein Roller,

diesmal ich allein.

Berliner Platz,

Berlin 356 Kilometer.

Grenzteilung

Meine Strickjacke bayrischer Stil.

Da habe ich viel gelacht.

Drittes Bild

Meine Mutter geht kräftig.

Ich zieh einen Schlitten.

Ute, meine Schwester sitzt darauf.

Die Stadt im Hintergrund.

Noch keine Brücke.

Höhe Spolertstraße

Auf dem Weg zur Baustelle.

Zum Haus, das der Vater baute

Und das heute Utes ist.

Gegenüber der Wald

An dessen anderen Rand

Zar Peter III aufwuchs,

Gut Petersburg

Und Erwachsene Cowboy und Indianer spielen.

Das Spiel, das ich nie liebte.

Ich liebte Pucky,

dann mein Rad

und ich liebte Bücher.

Die anderen Kinder

Fanden mich komisch

In Kronsburg,

kein Indianer, kein Cowboy.

Lesen und Kasperletheater.

Noch ein Bild

Der Frisörsalon im Haus,

zwei Abteile

Damen und Herren.

Ich komme alle zwei Stunden.

Hinter dem Vorhang.

Der Besen fegt die Haare,

geführt von meiner Hand.

Stolp gibt mir ein paar Pfennige.

Zum Bäcker, Frau Klindt,

zwei Negerküsse,

die heute Schaumküsse heißen,

kaufen.

Mit der Tüte in der Hand an den Hafen.

Bahnhofsbrücke MS Stadt Kiel.

„Hallo Käpt’n,

bis Seegarten auf der Brücke, bitte.“

Bahnhof, Gaarden, Seegarten,

dann mit der Heikendorf zurück.

Haare kehren.

Frau Klindt verkauft an

„Min Jung“ „Mohrenköppe un en Zimtschnecke.“

Danach zur Miederfrau um die Ecke.

Die Kundin beäugt mich sparsam,

ich geh durch, die Treppe hoch nach hinten.

Die Miederfrau kommt bald.

„Kakao zum Negerkuss?“

„Ja, für Dich ist die Schnecke“.

Wir trinken Kaffee und Kakao

Und sprechen über das Buch,

dass ich lese.

Über die Straße auf den Hof

Der Schlachterei,

wo heute Hempel wohnt,

die Obdachlosen ein Café finden,

zu Malte,

der bei seinem Vater

zusieht beim Würstchenmachen.

Nie war die Wurst so lecker.

Frisch, nur kurz gebrüht.

Danach zu meiner Mutter

In die Brauerei

Malte ist mit.

Hier trinken wir eine Limo.

Dann nach Hause.

Die Großmutter wartet schon.

Wir kuscheln

Und dann geht es los.

In die Straße, die nirgendwo endet,

einen Kilometer geradeaus.

Irgendwo eine Tür in der Hecke,

ich lauf voraus.

Dann wieder eine Tür in der Hecke,

unser Garten,

Stachelbeeren pflücken,

Schaukeln die laute Schwester beruhigen.

Vater kommt spät.

Der Garten ist zum Jahresende gekündigt

Eine Straße soll hierher.

Abends werden die Stachelbeeren

Zu Marmelade gekocht.

Im nächsten Jahr beginnt Kronsburg,

das Haus.

Ich will zurück

Zum Frisör, Fahrradgroßhandel,

Schiff, Schlachter und die Miederfrau.

Alle lieben das Haus.

Alle?

Nein, ich nicht.

Marlies Borghold alias Agnes M. Holdborg Eisblumenzeit

Als ich Kind war, fühlte sich ein Jahr lang an. Sehr lang – unendlich lang. Weihnachten, das Fest der Kinderfeste, war vorüber. Die silbrigen Lamettafäden lagen wieder sorgfältig in der Originalverpackung. Ein letzter Hauch von Tannenduft, Zimt und Vanille hing in der Luft. Die restlichen Nüsse wurden geknackt. Dann war er leer, der Weihnachtsgabenteller.

Ich spüre noch heute die wohlige Wärme unter der Bettdecke im eisigen Januar.Vor dem Zubettgehen war es allerdings bitterkalt im unbeheizten Schlafzimmer. Mit Puppe Petra, Wärmflasche und der zusätzlichen pastellfarbenen Wolldecke wurde es dennoch schnell mollig warm.

... Die Träume von Kniestrümpfen und lauer Luft, die sanft um die bloßen Beine strich, von und fröhlichen Sommerfarben versüßten mir die Nacht. ...

Am frühen Morgen konnten meine Schwester und ich weiße Atemwölkchen in das Licht des Nachttischlämpchens hauchen - und auf die Fensterscheiben, um einen ersten Blick durch die Eisblumen hinaus auf die Schneemannwelt zu werfen.

Eisblumenzeit.

Schneeballschlachten – Schlittenfahren.

Ich weiß noch, wie die Flocken auf der Zunge zergingen. Wie der Schneeengel, den ich am Boden hinterlassen hatte, mir zuwinkte, und wie klamm meine Sachen waren, wenn wir uns mit geröteten Gesichtern die tiefgefrorenen Hände vor dem Kohleofen rieben.

Die Nasen haben wir uns am Fenster plattgedrückt, weil es nicht aufhören wollte zu regnen. Regen bringt Segen. Regen über Regen. Ohne Ende.

Ich hörte das Rauschen und Tosen, das Blitzen und Donnern des Februargewitters, das dann neuen Schnee mit sich brachte. So viel, dass mein rosafarbenes Prinzessinnenkleid zu Karneval ganz nass und schmutzig wurde, als ich darin durch den kniehohen weißgrauen Matsch stapfte.

Schmuddelschönzeit.

Brausepulver mit Einmachpflaumen ergeben eine schöne Farbe und ein interessantes Bild und einen einzigartigen prickligen Geschmack. ... Nachts träumte ich vom Marienkäfersammeln an den Weißdornhecken. ...

Die Märzensonne ließe Sommersprossen sprießen, so hieß es. Aber wo keine waren, da sprossen auch keine Blass, blond, bebrillt – in Wollstrumpfhosen und Pepitakleidchen, mit Anorak und Häkelmütze wartete ich auf die Sommersprossensonne und trotzte dabei der Märzenkälte.

Noch immer war es oft so bibberkalt, dass wir uns dankbar die Hände unter dem Außengebläse der Wäscherei am Weg zum Kindergarten wärmten. Was für ein Spaß. Und was für eine Erfahrung für die Geruchsnerven: Seife, Stärke, Wasserdampf. Warm und heimelig brummelten die Nebelschwaden aus dem Aluminiumrohr. Tag für Tag, eine verlässliche Wärmequelle.

Warm und Kalt-Zeit.

Die ersten Frühjahrsboten brachten mir mächtigen Ärger ein. War doch die Nachbarsfrau gar nicht begeistert davon, dass ich ihre Krokusse pflückte, weil ich meiner Mutter eine Freude machen wollte.

... Tauchen im kleinen Bach, dort wo die durchsichtigen Stichlinge geboren wurden. Zum Greifen nah. Das kristallklare Wasser floss noch durch meine Hände, als ich aufwachte. ...

~~~

Ostern. Familie, Festtagsessen. Im Sonntagskleidchen das Treppengeländer hinunterrutschen. Wattebauschige Kirschblütenbäume. Gelbe Forsythienexplosionen. Festtagsstimmung. Bunte Eier, rührselige Häschen.

Mit Bruder und Schwester saß ich auf dem Fenstersims im zweiten Stock und wienerte meine Schuhe blank. Alles musste perfekt sein für den Besuch bei Onkel Heini.

Spätestens beim Osterfeuer waren die Schuhe stumpf, das Kleid und das Gesichtchen schmutzig. Wir liefen mit den Eltern im Dunkeln nach Hause. Im Dunkeln, damit die Nachbarn nicht sehen konnten, wie dreckverkrustet wir Kinder vom Spielen waren.

Glückliche Zeiten.

Ich war müde. Mein Vater trug mich das letzte Stück und legte mich ins Bett.

... Keine Träume, zu viel Schokolade. Die Nacht über der Toilettenschüssel war lang. ...

~~~

Der Tanz unter der Maitremse war eine frisch duftende und zudem einzigartige Angelegenheit.

Frischezeit.