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Hugo Landgraf, erlebt als Augenzeuge die ersten Minuten des Kriegsbeginns 1939. Als Rundfunkberichterstatter schildert er das dramatische Geschehen. Die ersten Stunden des Weltkriegs werden als Loslösung der Fessel des Versailler Vertrags betrachtet, zu welchem der italienische Ministerpräsident und Teilnehmer der Versailler Konferenz Francesco Nitti bereits Folgendes bemerkte: "Noch niemals ist ein ernstlicher und dauerhafter Friede auf die Ausplünderung, die Quälerei und den Ruin eines besiegten, geschweige denn eines besiegten großen Volkes gegründet worden. Und dies und nichts anderes ist der Vertrag von Versailles." Ein Moment der höchsten Nervenanspannung entlädt sich am 1. September 1939, als das Linienschiff "Schleswig Holstein" das Feuer auf den befestigten polnischen Stützpunkt auf der Westerplatte bei Danzig eröffnet. Zwei Tage später erklären England und Frankreich Deutschland den Krieg. Die Reaktion folgt umgehend: "Die deutsche Reichsregierung und das deutsche Volk lehnen es ab, von der britischen Regierung ultimative Forderungen entgegenzunehmen oder gar zu erfüllen. Jede Angriffshandlung Englands wird mit den gleichen Waffen und in der gleichen Form beantwortet !"
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Seitenzahl: 169
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Kampf um Danzig
Mit Mikrophon und Stahlhelm
an der Danziger Front
Erlebnisbericht
von
Hugo Landgraf
_______
Erstmals erschienen in:
E. F. Thienemann Verlagsbuchhandlung,
Dresden, 1940
__________
Vollständig überarbeitete Ausgabe.
Ungekürzte Fassung.
© 2018 Klarwelt-Verlag
ISBN: 978-3-96559-143-1
www.klarweltverlag.de
u Danzig in dem Chore
da liegen fünf Sündelein,
die bellen alle Morgen
und lassen kein‘ Polen ein.
Desgleichen auf dem Walle
da sind der Vogel vil,
sie singen süß und saure,
danach man’s haben will.
Ade, ade, ihr Polen !
Dies Lied sei euch gemacht.
Der Teufel soll euch holen
in einem leddern Sack!
Am Morgen des 1. September
Die „Schleswig-Holstein“ beschießt die Westerplatte
Karte zum Danziger Kriegsschauplatz
Mit der Grenze der ehemaligen Freien Stadt
Inhaltsverzeichnis
Titel
Die Danziger Front
Vorspiel in Ostpreußen
Danzig
Der Tag der Entscheidung
Stukas über der Westerplatte
Ein stiller Sonntag
An der Front bei Zoppot
Im befreiten deutschen Land
Übergabe der Westerplatte
Großadmiral Raeder in Neufahrwasser
Vormarsch auf Gdingen
In Neustadt
Am Vorabend der Übergabe
Gdingen ist unser!
Der Kampf um die Oxhöfter Kämpe
Der Führer in Danzig
Hela — Abschluss der Kämpfe
Nachwort
it Danzig begann es!
Zwar war die Danziger Front nur ein Nebenkriegsschauplatz im weitgesteckten Rahmen des polnischen Feldzuges. Der Einsatz der militärischen Mittel, verglichen mit dem Gesamteinsatz der deutschen Wehrmacht in Polen, war gering. Die Erlebnisse, die hier erzählt werden, beschränkten sich auf einen kleinen Raum, der sich nicht messen kann mit den gewaltigen Strecken, die die deutschen Truppen im Sturmschritt beim Vormarsch im Osten hinter sich brachten.
Und doch: Danzig war der Ausgangspunkt! Danzig war der Hebel, der alles in Bewegung brachte!
Dass es gelang, die alte deutsche Hansestadt am Morgen des l. September 1939 schlagartig von dem polnischen Druck zu befreien, war mit entscheidend für das Gelingen des Ganzen. Dass Danzig bewahrt wurde vor polnischer Zerstörungswut, ist ein unvergängliches Verdienst der politischen und militärischen Leitung. Dass dies mit eigenen Kräften erreicht wurde, ohne den gewaltigen Kriegsapparat der deutschen Wehrmacht einzuschalten, vermehrt den Ruhm seiner tapferen Verteidiger.
Aus Danziger Freiwilligen-Regimentern, die in der SS-Heimwehr, dem SA-Grenzschutz und den beiden Infanterieregimentern der Landespolizei zusammengefasst waren, bestand die Truppe, die den Kampf gegen vielfache Übermacht aufnehmen musste. Sie war in rechtzeitiger Voraussicht von Gauleiter Forster zur Verteidigung des Gebietes der „Freien Stadt“ geschaffen worden.
Ihre Aufgabe war nicht leicht. Es standen weder schwere Waffen noch motorisierte Abteilungen, geschweige denn Panzer in ausreichendem Maße zur Verfügung. Dabei war der Kampf gegen zwei Fronten gleichzeitig zu führen. Nach außen gegen die Truppenkontingente, die die Grenzen des Danziger Gebiets vom Korridor her bedrohten, nach innen gegen die militärisch organisierten Stützpunkte der politischen Macht auf Danziger Stadtgebiet.
Das verleiht dem Kampf um Danzig seine besondere, auch kriegsgeschichtlich bedeutsame Note.
Und noch eins ist wichtig. Wenn der Danziger Kriegsschauplatz auch räumlich begrenzt war — er umfasste waffenmäßig mehr als alle anderen Abschnitte der polnischen Front: hier wirkten neben der Luftwaffe auch die Streitkräfte zur See mit denen zu Lande in einheitlicher Aktion zusammen. Die junge deutsche Kriegsmarine empfing in der Danziger Bucht ihre Feuertaufe. Von ihrem todesmutigen Einsatz zeugt die Reihe der Ehrengräber auf dem Waldfriedhof von Langfuhr.
War Danzig der Anfang gewesen, so war es auch das Ende des Feldzuges. Am l. Oktober fiel mit der bedingungslosen Übergabe von Hela der letzte Stützpunkt polnischen Widerstandes auf dem gesamten Kriegsschauplatz.
Aus allen diesen Gründen, glaube ich, verdienen die Geschehnisse des Kampfes um Danzig, wie sie sich dem Mitkämpfer darstellen, festgehalten zu werden.
Ich durfte sie miterleben, zusammen mit meinem Kameraden Rolf Wernicke und dem stellvertretenden Reichssendeleiter Karl Heinz Boese, dem jetzigen Intendanten des Reichssenders Danzig, der unsern Einsatz leitete. Als Berichterstatter des Großdeutschen Rundfunks standen wir Schulter an Schulter mit den Kameraden von der Waffe. Wir waren nicht überall dabei, aber doch immer dort, wo Entscheidendes geschah.
Ganz vollständig kann mein Bericht nicht sein. Das ist auch nicht die Absicht. Aber echt und erlebt ist er, und ich hoffe, dass in ihm etwas mitschwingt von der Größe der geschichtlichen Ereignisse, die grade allen Kämpfern um Danzigs Freiheit in jeder Stunde bewusst war.
Die hier kämpften, kämpften um urdeutsches Land. Mit den Türmen der alten deutschen Hansestadt im Rücken, wussten sie, dass es für sie kein Entweder-Oder gab. Jeder Schritt zurück wäre zu einem Verhängnis geworden. Es war die Heimat, deren Schicksal in ihre Hand gelegt war. Es war Deutschland, vor dem sie bestehen mussten.
Und es gelang.
Als Danzig ins Großdeutsche Reich heimkehrte, hatte es durch die Tat bewiesen, dass es der Treue würdig war, die der Führer ihm mit dem Einsatz des ganzen deutschen Volkes gehalten.
s war der 24. August, als wir auf Weisung der Reichssendeleitung nach Ostpreußen fuhren — mein Kamerad Rolf Wernicke und ich.
Wir ahnten nicht, dass es eine Fahrt in den Krieg werden sollte.
Zwar verdüsterten schwere Gewitterwolken den politischen Horizont, und die Herausforderungen der Polen wurden von Tag zu Tag schamloser — aber wer wollte es glauben, dass dieses Volk so blind, so wahnwitzig, so skrupellos sein würde, die Dinge zum Äußersten kommen zu lassen! Würden sie nicht doch, wenn der Führer erst einmal Ernst machte, Vernunft annehmen und damit sich und zugleich die Mächte, die bedenkenlos genug waren, sich hinter sie zu stellen, vor einer Katastrophe bewahren?
Wir glaubten wie das ganze deutsche Volk an die Vernunft — aber es siegte der Unsinn, das Verbrechen.
Was uns beide betraf, so waren unsere Aufgaben für die kommenden Tage friedlicher Art. Wir hatten am 27. August über die feierliche Kundgebung zum 25jährigen Gedächtnis der Schlacht bei Tannenberg vom Reichsehrenmal zu berichten. Danach sollte es sofort nach Berlin zurück und anschließend weiter nach Nürnberg gehen, wo wir für die Berichterstattung vom „Reichsparteitag des Friedens“ und für das „Nürnberg-Echo“ angesetzt waren. Ich wollte zu dem Zweck am 29. August von Berlin nach Nürnberg fliegen.
Meinen vorher bestellten Flugschein hatte ich bereits in der Tasche.
Es kam anders.
*
Im festlich geschmückten Hohenstein, der Stadt des Reichsehrenmales, hatten sich Tausende von alten Soldaten des Weltkrieges versammelt und weitere Tausende trafen stündlich ein. Tag und Nacht feierten sie die Kameradschaft von einst und erfüllten die Stadt und ihr Lager draußen am achttürmigen Ehrenmal mit dem fröhlichen Soldatenlärm ihrer Wiedersehensfreude. Neu hergerichtete Straßen, abgegrenzte Plätze für den Staatsakt, mit Tribünenbauten und Fahnenmasten, der Reichsautozug — alles kündete die große nationale Feier an, die bevorstand.
In SchlagsmühlSchlagmühlee, mitten im Gebiet der Russenkämpfe, wo sich in der Seenenge zwischen dem Großen Plaußiger See und dem Staw-See am 29. August 1914 Zehntausend hatten ergeben müssen, saßen wir mit den Künstlern zusammen, die das Reichsehrenmal geschaffen haben und an seinem Ausbau und Schmuck nach den Weisungen des Führers weiterarbeiten: der Architekt Johannes Krüger (zusammen mit seinem Bruder Walter der Erbauer des Denkmals), der Maler Harold Bengen, der den Tannenbergkrug ausgemalt hat, Hans Uhl, von dem die Glasfenster im Gruftturm und die Mosaiken für den Soldatenturm stammen, und andere. Voller Stolz und Freude sahen sie dem Augenblick entgegen, wo sie dem Führer selbst ihr Werk vorzeigen, ihre Vorschläge unterbreiten und von ihm Auftrag und neue Weisung erhalten würden.
Hier in Schlagmühle hatte Intendant Boese das Hauptquartier des Rundfunks aufgeschlagen. Auch Brigadeführer Fink vom Reichspropagandaministerium trafen wir hier, der den Propagandaeinsatzstab für die Feier zu leiten hatte und uns, als es andere kam, für die späteren Ereignisse unter seine Fittiche nahm.
Wir besuchten die Stätten des Kampfes, die Ehrenfriedhöfe der gefallenen Helden von 1914, standen im ruhmreichen Kampfgelände der Goltz’schen Landwehr — am Stadtwald — vor den Totenmälern und Kreuzen derer, die damals vor 25 Jahren mit Hingabe ihres Lebens die bedrohte Heimat geschützt und gerettet hatten.
Wieder war ostpreußischer Boden bedroht. Eine größenwahnsinnige Abenteurerpolitik wagte es, Deutschland in seinem friedlichen Aufbauwerk zu stören. Sollten sich die Kämpfe wiederholen, neue Opfer gebracht werden müssen?!
Wenn ja, dann gewiss nicht auf deutschem Boden und nicht zu Lasten des deutschen Volkes! Dafür würde der Führer sorgen. Diesmal würde der Schuldige für die Schuld bezahlen müssen.
Aber noch glaubten wir nicht an das Ungeheuerliche. Der Führer wollte keinen Krieg. Trafen nicht immer noch weitere Transporte alter Soldaten zur Teilnahme an der Feier ein? Wurden nicht alle Vorbereitungen unbeirrt fortgesetzt? Der Paradeplatz abgesteckt? Die Tribünenkarten ausgegeben? Auch General Reinhard, der Reichskriegerführer, war in Hohenstein eingetroffen. Es mochte also alles gut gehen.
Währendem aber wird der politische Horizont immer dräuender und dunkler. Der Rundfunk meldet fast täglich neue Gewalttaten gegen unsere volksdeutschen Brüder durch die Polen.
Es wetterleuchtet gefährlich.
Wir selbst hatten auf der Fahrt durch den Korridor die kriegerischen Vorbereitungen der Polen feststellen können. Die Bahnhöfe, die wir passierten, waren durch militärische Posten gesichert. Allerorts rückten die Reservisten ein. An taktisch wichtigen Punkten, wie zum Beispiel an der Brahe hinter Konitz, wurden Schützengräben und Drahtverhaue angelegt. Das war dem Auge eines alten Soldaten nicht entgangen. An Kriegsbereitschaft drüben fehlte es wahrlich nicht.
Da trifft wie ein Blitz aus dem gewitterschwangeren Himmel am Sonnabend früh die Meldung ein: Die Feier ist abgesagt!
Ein Sturmzeichen!
Jedenfalls wirkte es so in der Hochspannung jener Tage.
In wenigen Stunden leert sich die kleine Stadt von ihren Tausenden von Festbesuchern.
Dafür rücken Soldaten ein: die Männer Ostpreußens eilen zu den Waffen. Die Heimat ist in Gefahr!
Der Wirt, der uns vor wenigen Minuten noch das Frühstück gebracht, steht plötzlich in Soldatenuniform vor uns. Der Friseur schließt seinen Laden, denn auch er ist einberufen. Aus allen Häusern kommen die Männer, begleitet von ihren Frauen, sammeln sich in kleinen Trupps und marschieren oder fahren zu ihren Sammelorten.
Also doch Krieg?
Da hält es auch uns nicht mehr. Intendant Boese, der unseren Einsatz leitet, fliegt nach Berlin, um neue Weisung zu holen. Wir anderen nehmen Richtung auf Danzig. Denn wenn es losgeht, dann muss Danzig — das ist uns klar — zunächst im Mittelpunkt der geschichtlichen Ereignisse stehen. Dort wird es Arbeit für den Rundfunk geben und Aufgaben für uns.
Über die Landstraßen Ostpreußens — vorbei an den Kolonnen, in denen die Landwehr marschiert, wieder marschiert wie einst — fahren wir nach Königsberg. In den Ortschaften, die wir durchqueren, stehen die Frauen vor den Häusern und grüßen, ernst und gefasst. Schon haben sie, als könnte es gar nicht anders sein, die harte Bürde der Männerarbeit auf ihre Schultern genommen. Vom Acker herüber winkt manch eine den marschierenden Soldaten zu, die Hand am Pflug, den der Mann mit der Waffe vertauscht hat.
Die Heimat ist in Gefahr!
In Königsberg auf dem Flughafen erwarten wir Intendant Boese. Der zivile Flugverkehr ist aus Gründen der Sicherheit eingestellt. Die Hallen sind geschlossen, das Rollfeld leer. Bei Dunkelwerden erscheint eine Maschine von der See her. Es ist das Flugzeug von Gauleiter Koch, mit dem Boese aus Berlin zurückkommt.
Wir bestürmen ihn: „Was gibt es Neues?“ Er zuckt die Achseln: „Wir müssen abwarten.“
Am späten Abend noch sind wir in Elbing und gehen hier gewissermaßen in „Lauerstellung“.
*
Ein stiller, sommerheißer Sonntag vergeht. Wir machen einen Ausflug ans Haff. Es ist alles plötzlich wieder wie im tiefsten Frieden. Spaziergänger lustwandeln am Strand, kleine Schiffchen fahren zu den Seebädern auf der Nehrung. Wir sitzen oben im Haffschlösschen von Succase, mürbe von der Spannung des unbestimmten Wartens, erschlafft von der Hitze. Unbewegt liegt der Spiegel des weiten Wattenwassers.
Kein erfrischender Hauch von See. Die Luft ist schwül und wird immer schwüler.
Die Fenster der Häuser sind weit geöffnet. Der Lautsprecher verkündet die Einführung von Bezugsscheinen für Lebensmittel und Kleidung.
Am Horizont zieht es sich zusammen. Droht ein Gewitter? Kommt endlich die Entspannung? Man sehnt sich geradezu danach, dass es einmal losbricht.
Als die Sonne sinkt, ist der Himmel wieder wolkenlos wie nun seit Wochen, und dem schwülen Tage folgt eine laue Nacht.
Wir ziehen uns in die Kühle der alten Kramerzunftstuben zurück, sitzen bei Kerzenlicht und gutem Wein und lauschen den Nachrichten. Polnische Flak hat die Verkehrsflugzeuge der Lufthansa über der Danziger Bucht beschossen! Sind wir im Tollhaus?
Jemand erzählt, dass die Nogarbrücke bei Marienburg in die Luft gegangen sei. Das ist natürlich barer Unsinn. Sie verbindet Danzig mit reichsdeutschem Gebiet.
Wir beschließen, uns gegen alle Latrinenparolen — wie der Soldat die falschen Gerüchte nennt — fest zu machen. Denn wer, wie wir Rundfunkberichterstatter, das dramatische Geschehen der Zeit zu schildern hat, muss ein heißes Herz, aber einen kühlen Kopf haben. Und im Kriege erst recht.
ine neue Woche beginnt. Wird sie die Entscheidung bringen? Ich gehe zum Bahnhof, um nach Berliner Zeitungen zu fragen. Plakate verkünden, dass der Zugverkehr eingeschränkt ist und Zivilpersonen keinen Anspruch auf Beförderung haben. Es fährt aber, wie man mit Erstaunen feststellt, immer noch ein Zugpaar durch den Korridor. Nur sehr wenige freilich getrauen sich, die Fahrt anzutreten. Jeden Augenblick kann die Grenze gesperrt werden. Dann sitzt man in der Mausefalle.
Grade jetzt, im Zustand politischer Hochspannung, spürt es hier jedermann am eignen Leibe, wie unmöglich das Bestehen eines Korridors ist, der die ganze Provinz vom Mutterland brutal abschneidet. Was ist dieser Korridor andere als das Messer Polens an der Kehle von Ostpreußen?!
Ins Quartier zurückgekehrt, finden wir die Weisung vor: nach Danzig!
Eine neue feige Mordtat der Polen hat das Maß fast bis zum Überlaufen gebracht. Zwei brave Grenzschutzmänner sind ihren meuchlerischen Kugeln zum Opfer gefallen. Danzig wird seine Toten mit einem Staatsbegräbnis ehren, der Rundfunk die Feiern übertragen.
Wir fahren über Tiegenhof durch die fruchtbare, marschenähnliche Niederung und passieren zwischen Rothebude und Käsemark die Stromweichsel auf der neuen Schwimmbrücke, die erst kürzlich, am 19. August, eingeweiht wurde. Noch stehen die Aufbauten der Tribüne, von der Senatsvizepräsident Huth den Danziger Arbeitern zurief: „Diese Brücke ist zugleich ein Symbol. Unsichtbar und unzerstörbar steht in unser aller Herzen aufgerichtet die Brücke der Liebe zum deutschen Mutterland und zu unserm Führer.“ Und in Tiegenhof sagte Gauleiter Fenster: „Ihr wisst, dass diese Brücke nicht nur für Ausflugsfahrten gebaut wurde.“ Sie ist der einzige Weichselübergang, der polnischer Kontrolle und polnischem Zugriff entzogen ist.
Gegen Mittag erreichen wir Danzig. Wie nimmt uns in dieser Stunde die Herrlichkeit der alten deutschen Hansestadt gefangen! Der wuchtige, kraftvolle Ernst ihrer gotischen Bauten, der ehrwürdigen Zeugen mittelalterlicher Herbheit und Größe! Und dies paart sich zu köstlicher Einheit mit der Helle und Schlankheit der schmalen, fensterreichen Patrizierhäuser aus der Barockzeit und ihren kecken, hochragenden, kühn geschwungenen Giebeln, die sich in fröhlichem Gewimmel drängen wie die Masten und Segel der Schiffe auf der Mottlau und im Kaiserhafen.
Die ganze Stadt prangt im Flaggenschmuck, den sie zu Ehren des Besuches der „Schleswig-Holstein“ angelegt hat. Das Schulschiff der deutschen Kriegsmarine ist in Danzig erschienen, um die Toten des Kreuzers „Magdeburg“ zu ehren, der vor 25 Jahren seine Basis in Danzig hatte. Am 27. August 1914 strandete er im Nebel bei einem Vorstoß in die Finnische Bucht und wurde von feindlichen Streitkräften zusammengeschossen. Die zum Teil schwer verwundete Mannschaft wurde damals nach Danzig gebracht. Die Toten der „Magdeburg“ ruhen auf dem Soldatenfriedhof vor dem Olivaer Tor.
Die „Schleswig-Holstein“, armiert mit vier 28-cm- und zehn 15-cm-Geschützen, vier 8,8-cm-Flak und vier MG-Flak, ist draußen in Neufahrwasser gegenüber der Westerplatte vor Anker gegangen. Mit unendlichem Jubel hat man die Ankunft des deutschen Kriegsschiffs begrüßt. „Ihr Besuch, Herr Kommandant“, sagte Danzigs Stadtoberhaupt, Gauleiter Forster, „grade in diesen spannungsreichen Tagen ist für die Danziger Bevölkerung ein besonderer Beweis für den unabänderlichen Entschluss unseres Führers Adolf Hitler, dem deutschen Danzig, besonders in diesen Tagen, beizustehen.“ So hat ganz Danzig die Anwesenheit des stolzen Kriegsschiffs verstanden und seiner Mannschaft aus übervollem Herzen mit einem Meer von Hakenkreuzflaggen gedankt.
Das ist schon einige Tage her. Aber niemand geht daran, die Fahnen wieder einzuziehen. Im Gegenteil, sie vermehren sich von Tag zu Tag, als ob noch Größeres bevorstände, von dem niemand spricht — an das aber alle denken.
Goldene Girlanden winden sich um die vielen Fenster der Giebelfronten der alten Häuser in der Langgasse und am Langen Markt. Festlich sind die Ufer der Mottlau geschmückt und das uralte Krantor. Die Schiffe haben über die Toppen geflaggt. Es ist eine einzige hinreißende Demonstration: Danzig ist deutsch und will zu Deutschland!
Vom Langgasser Tor zum Grünen Tor pulsiert das Leben mit der ungebrochenen Kraft des alten deutschen Gemeinwesens, das noch jede Schicksalsprüfung überstand. „Venedig des Nordens“ hat man Danzig genannt. Sein Campanile ist der Rathausturm, dess’ schlanker Schaft gleich einer jubilierenden Fanfare in die Höhe schießt — ein ritterlicher Degen, ein stolzer Kavalier, der seinen vielgezackten kecken Helm mit soldatischer Grazie selbstbewusst und siegessicher trägt. Hoch oben im Gemäuer steckt eine polnische Geschützkugel. Sie erinnert an den 13. Juni 1577, als König Stephan Bathory die Stadt mit einer polnischen Streitmacht berannte. Vom Bischofsberg richteten die Polen ihre Kanonenrohre auf den hochgereckten Rathausturm. Sie wollten den Turmhelm, das Zeichen Danziger Bürgerstolzes und Danziger Freiheit, herunterholen. Es kam anders. Die Stadt triumphierte über polnische Anmaßung.
Wird sie auch diesmal wieder triumphieren?
Noch gehen polnische Briefträger durch die Straßen, noch fahren die roten polnischen Postautos hin und her, noch tragen polnische Eisenbahnbeamte und Zöllner den polnischen Adler an der Mütze, und von ihren Direktionsgebäuden mitten in der Stadt weht die polnische Flagge.
Wie lange noch?
Es kann nur noch Tage dauern, das fühlt ein jeder. Die Zeit ist reif!
So ist, trotz des Ernstes der Lage, eine frohe Erwartung auf allen Gesichtern und hochgestimmtes, freudig erregtes Leben in der ganzen Stadt, nach dem Danziger Wahlspruch: „Nec temere, nec timide“.
Leben und Tod sind nah beieinander. Am Nachmittag wird der Danziger Grenzschütze Joseph Wessel auf dem Ehrenfriedhof vor dem Olivaer Tor zu Grabe getragen. Acht Kinder stehen weinend und schluchzend an der Gruft. Die Danziger Landespolizei, die SS-Heimwehr und der Grenzschutz der SA geben dem toten Kameraden das letzte Geleit, Gauleiter Forster an ihrer Spitze.
Die Danziger Polizei meldet, dass es ihr gelungen ist, eine große Terrororganisation der Polen, die durchweg aus polnischen Eisenbahnern in Danzig bestand, aufzudecken. Die Angehörigen dieser Organisation wurden bereits vor Monaten zu „Sportkursen“ zusammengerufen, in Wirklichkeit aber militärisch ausgebildet. Besonders wurde der Einsatz von Waffen im Straßenkampf geübt. Die Bewaffnungen besorgte die polnische Eisenbahndirektion. Die wichtigsten polnischen Gebäude sollten Sitz der einzelnen Terrortrupps sein.
Immer deutlicher zeichnete sich die feindliche Front ab. Dass sie im Ernstfalle mitten durch Danzig laufen würde, war nun jedermann klar. Gleichzeitig wird amtlich bekannt gegeben, dass die Schiffe des Seedienstes Ostpreußen bis auf weiteres Zoppot nicht mehr anlaufen. Damit ist auch die letzte Verbindung zum Reich abgerissen.
Am Nachmittag des nächsten Tages steht unser Mikrofon wieder auf einem Friedhof, diesmal weit draußen vor den Toren der Stadt, in Bohnsack, auf der Nehrung zwischen See und Strom.
In der alten Schifferkirche hat man den erschossenen Grenzschutzmann Johann Rusch aufgebahrt. Ein Schiffsmodell, das an der Balkendecke hängt, schwebt grade über seinem Sarg. Die Türen der Kirche sind weit geöffnet. Von draußen schimmert das Wasser vom breiten Strom der Toten Weichsel, und der Wind von See rauscht in den Bäumen am Deich. Die ganze Dorfgemeinde — alles Fischers, wie er selbst einer war — erweist ihm die letzte Ehre. Die SA-Kameraden seines Sturms tragen den Sarg und senken ihn in die Erde seiner Heimat, für die er das Leben gelassen. Drei Ehrensalven hallen über den Strom.
