Kämpfe für das Glück - Kate Lillian - E-Book
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Kämpfe für das Glück E-Book

Kate Lillian

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Beschreibung

Die nächsten Entscheidungen des Connectings stehen kurz bevor. Jill weiß, dass sie ihre Chancen bei den Prinzen verspielt hat, und wartet nur noch darauf, dass sie zurück nach Hause geschickt wird. Doch der Besuch des iberischen Thronfolgers bringt alles durcheinander – und plötzlich findet sich Jill an einem Punkt wieder, der nicht nur ihre eigene Zukunft entscheidend verändern könnte. Wird die Liebe letztendlich doch stärker sein als jede Vernunft? Oder wird die Politik dem Glück im Weg stehen?

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Seitenzahl: 251

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Kate Lillian

Kämpfe für das Glück

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Das Buch

Widmung

Es war einmal ...

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

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Danksagung

Das große Finale!

Autorenvita

Impressum neobooks

Das Buch

Kate Lillian
Kämpfe für das GlückLiebe oder Krone – Band 4

Widmung

Für alle, schon einmal ans Aufgeben gedacht haben

– bitte kämpft weiter

Es war einmal ...

Ich war nicht dafür gefeit, was es bedeutet, Menschen wichtig zu sein. Nicht vor dem Connecting. Nun hat es sich mir jedoch in klarster Form gezeigt. Ich habe Freundinnen gefunden, die zu mir stehen, egal, wie viel Mist ich auch baue. Freundinnen, die wegen mir erkannt haben, was wichtig im Leben ist. Nie habe ich damit gerechnet, dass ich jemanden so sehr inspirieren könnte.

Und es gibt sogar zwei Männer, denen ich etwas zu bedeuten scheine. Die mir gesagt oder gezeigt haben, dass ich nicht das unsichere Mädchen bin, das allein durchs Leben geht. Sie haben mir so viel gegeben – vor allem Selbstvertrauen. Dafür könnte ich ihnen nicht dankbarer sein.

Auch wenn ich niemals mit einem von beiden zusammen sein kann, niemals herausfinden werde, ob einer von ihnen vielleicht der Prinz ist, von dem ich mein Leben lang geträumt habe, so bin ich doch froh, sie getroffen zu haben.

Und wäre die Situation eine andere, würde ich jederzeit dafür kämpfen, meine wahre Liebe zu finden. Nun jedoch, da alles anders gekommen ist, bleibt mir nichts anderes übrig, als zumindest alles dafür zu tun, dass die beiden das finden können, was mir versagt bleibt. Das ist der einzige Grund, für den es sich zu bleiben lohnt.

1

Ich war noch immer hier, und doch fühlte es sich nicht so an, als ob ich weiterhin dazugehörte. Vermutlich, weil es der Wahrheit entsprach. Ich war nur noch zum Schein Teil des Connectings, damit der Besuch der iberischen Königfamilie nicht in Vorwürfen endete. Sie sollten nicht denken, der Wettbewerb um die Prinzen der Modernen Welt wäre zu hart für die Kandidatinnen. Dass sie deshalb alle durchdrehten oder zusammenbrachen oder die Flucht ergriffen.

Wobei ich mir nicht vorstellen konnte, dass mein Bleiben das Ganze besser machen würde. Immerhin hatte ich mich ziemlich blamiert, mich gar als Kronenjägerin geoutet, wenn man es extrem ausdrücken wollte. Vermutlich glaubte sowieso keiner mehr an meine guten Absichten. Da konnte ich dem Connecting doch nur schaden.

Aber die Veranstalter des Wettbewerbs, sprich die Königsfamilien und ihre Berater, schienen das anders zu sehen. Ich hinterfragte diese Tatsache ständig in Gedanken, dafür hatte ich schließlich genügend Zeit. Der Arzt – Dr. Jankovic – wollte mich nicht aus dem Krankenflügel entlassen, solange die Fäden meiner Kopfwunde noch nicht gezogen waren. Darum hockte ich seit gut drei Tagen in meinem Krankenzimmer herum – seit meinem Zusammenbruch während der psychologischen Befragung. Ablenkungen wollte man mir nicht zumuten, da diese das Kopfweh, das kam und ging, verschlimmern könnten. Und den Stress, dem die anderen Kandidatinnen wegen den Vorbereitungen für die Feierlichkeiten ausgesetzt waren, sollte ich mir erst recht nicht antun. Dadurch war ich die meiste Zeit allein. Das einzige Zugeständnis war ein Buch über das Iberische Reich, durch das ich mehr über dessen Geschichte und die Kultur lernen sollte, um höfliche Konversation betreiben zu können. Dabei glaubte ich nicht, dass es sehr viel um solche Themen gehen würde. Wahrscheinlich war die Königsfamilie einfach neugierig auf das Connecting und vor allem auf uns Kandidatinnen. Immerhin würden einige von uns in die Herrscherfamilien einheiraten – zwei würden sogar an der Seite der Thronfolger irgendwann das jeweilige Land regieren. Es war sicher nicht verkehrt, mehr über diese Mädchen zu erfahren, die auf einmal auf der Bildfläche der Monarchie aufgetaucht waren.

Vermutlich würden auch mir die peinlichen Fragen nicht erspart bleiben, schließlich sollten unsere Gäste ja nicht wissen, dass ich bei der nächsten Entscheidung gehen würde. Es war meine letzte Herausforderung im Palast der Einheit, die nächsten Tage zu überstehen.

Mit einem Seufzen legte ich das Buch weg. Ich konnte mich gerade nicht auf irgendwelche Festivitäten mit Stierkämpfen konzentrieren, wenn in meiner direkten Nähe eigene Feierlichkeiten geplant wurden – von denen ich ausgeschlossen war.

Keine zwei Minuten später betrat eine Krankenschwester den Raum. Ihr Name war Sarah, ich hatte in den letzten Tagen öfters mit ihr zu tun gehabt. Sie war älter als ich, ich schätzte sie auf Ende zwanzig. Vermutlich hatte sie in den gut zehn Jahren Leben, die sie länger auf der Erde weilte als ich, schon viele Erfahrungen gesammelt. Zumindest wirkte sie ziemlich abgebrüht.

Wie immer packte sie zuerst ihre Standardfrage aus. »Tut der Kopf weh, Jillian?«

Ich wackelte verneinend mit eben jenem. »Nein, im Moment nicht.« Ich zögerte, bevor ich hinzufügte: »Aber mein Rücken.«

»Das kommt vermutlich vom vielen Sitzen und Liegen.« Sie warf einen Blick in den Gang hinaus, dann deutete sie ein Nicken an. »Willst du ein paar Meter gehen?«

»Im Flur?«, vergewisserte ich mich. Bis jetzt hatte mich niemand auch nur einen Schritt aus dem Zimmer lassen wollen. Als wäre es im Palast gefährlich.

Aber seitdem sie dem wütenden Wachmann, der die Prinzen wegen ihrer Geheimnisse rund um ihre Abstammung hatte umbringen wollen, das Handwerk gelegt hatten, war nichts mehr Dramatisches passiert. Anscheinend hatte er wirklich aus eigenem Antrieb gehandelt. Ohne Zutun der Aufrührer, die erstaunlich lange nichts von sich hatten hören lassen. Seit dem Bowlingturnier, um genau zu sein. Vielleicht hatten sie ja gemerkt, dass sie gar nichts tun mussten, um das Connecting schlecht dastehen zu lassen – das übernahmen wir schon selbst.

Also war die einzige Gefahr hier wohl, dass wir Kandidatinnen uns gegenseitig die Augen auskratzten. Und das ging in meinem Fall ja schlecht, da ich die Einzige hier war.

Das dachte ich zumindest, bis ich wenige Minuten später den Gang entlanglief. Jedes der Krankenzimmer besaß eine Scheibe, durch die man hineinblicken konnte. Dadurch entdeckte ich schließlich auch Wiktoria in einem Raum weiter vorne. Sie saß reglos auf ihrem Bett, starrte hinunter auf die weiße Decke, die über ihren Beinen lag. Ich hatte nicht gewusst, dass sie noch hier war.

Ich wurde langsamer, damit ich sie betrachten konnte. An ihrer Stirn prangte ein ähnliches Pflaster wie meines, wohl wegen des Aufschlags auf die Treppenkante, als Tess sie zu Fall gebracht hatte. Hoffentlich war ihr dadurch nichts Schlimmes passiert. So, wie sie vor sich hinstarrte, wirkte sie ziemlich geistesabwesend.

»Was ist mit ihr?«, erkundigte ich mich bei Sarah und blieb am Ende der Scheibe stehen.

Die Krankenschwester schaute durch das Glas in Wiktorias Zimmer hinein. »Sie ist mit dem Stirnbein ziemlich hart aufgeschlagen, noch härter als du. Die Wunde zieht sich quasi von einer Augenbraue zur nächsten.«

»Und warum reagiert sie nicht auf uns?«

Sarah zuckte die Schultern. »So ist sie die ganze Zeit. Wir haben deshalb sogar ein MRT ihres Kopfes gemacht, aber keine inneren Verletzungen gefunden. Dr. Jankovic vermutet, dass es an der leichten Gehirnerschütterung liegt, ich wäre mir da allerdings nicht so sicher.«

Ich teilte ihre Ahnung. Wiktoria hatte genau wie ich einiges erdulden müssen und vielleicht würde man sie ebenfalls gern rauswerfen. Wegen anstößigen Verhaltens in Bezug auf Clément. Aber jetzt behielt man sie genau wie mich hier, damit so viele Kandidatinnen wie möglich den Erfolg des Connectings repräsentieren konnten.

Abgesehen davon, dass wir beim Quiz in einer Gruppe gewesen waren, hatten wir nie viel miteinander zu tun gehabt. Wiktoria war immer wieder in Aufregungen und Streitigkeiten verwickelt, war das einzige Mädchen, das keine Bezugspersonen mehr hatte. Und obwohl ich vieles nicht guthieß, das sie getan hatte, erinnerte mich ihr leerer Blick schmerzhaft an mich selbst – nachdem ich das erste Mal in meinem Leben durch die Hölle gegangen war.

»Kann ich mit ihr reden?« Als Sarah die Stirn in Falten zog, fügte ich bittend hinzu: »Nur kurz.«

Sarah warf einen Blick auf Wiktoria, dachte nach und zuckte dann die Schultern. »Schaden kann es ihr bestimmt nicht. Sie scheint ja schon an einem Tiefpunkt angekommen zu sein.«

Ich kommentierte ihre emotionslosen Worte nicht, sondern ging stattdessen zur Tür und schob sie auf. Wiktoria sah kurz zu mir herüber, doch kaum hatte ich einen Schritt hineingemacht, wanderte ihr Blick bereits wieder nach unten. Vermutlich hatte Sarah recht: Wiktoria war an einem Tiefpunkt angekommen. Und im Gegensatz zu mir fehlte ihr der Wille, um weiterzukämpfen. Nur warum hatte sie sich dann nicht für einen freiwilligen Ausstieg entschieden?

»Was willst du hier, Jill?«, fragte sie, bevor ich auch nur den Mund aufmachen konnte. Ihr Tonfall war von Bitterkeit getrübt.

Ich suchte nach dem richtigen Ausdruck, um zu beschreiben, was mich zu ihr geführt hatte. Leider fielen mir die passenden Worte nicht ein, wie es so oft der Fall war. »Ich wollte wissen, wie es dir geht«, sagte ich, wobei das sogar in meinen Ohren ziemlich einfallslos klang.

»Was denkst du denn?«, entgegnete Wiktoria schroff. Noch immer schaute sie mich nicht an. Ob sie wusste, welches Los wir teilten? Oder war es ihr schlichtweg egal?

Mir zumindest war es das nicht. Wenn man bereits am Boden gewesen war, wollte man nicht, dass einen anderen dieses Schicksal ebenfalls ereilte. Auch wenn ich diesmal den Mut fand, wieder aufzustehen – meine ersten schlimmen Erfahrungen hatten mir eine Unsicherheit hinterlassen, mit der ich immer noch kämpfte. Und es gab noch weitaus schlimmere Folgen.

Daher nahm ich auch das Selbstvertrauen, um das auszusprechen, was mir auf der Seele brannte. »Du willst wissen, was ich denke? Du fühlst dich mies, weil du glaubtest, das Richtige getan zu haben. Dabei hat dein Verhalten alles nur schlimmer gemacht. Du hasst dich selbst dafür, einen Fehler begangen zu haben, der alles zerstört hat. Und du wünschtest, du könntest ihn rückgängig machen, damit du wieder die Chance hast, dir deine Träume zu erfüllen.« Nun sah Wiktoria doch auf und zu mir herüber, was mich ermutigte, weiterzureden. »Da das nicht geht, würdest du am liebsten sofort von hier verschwinden. Aber das darfst du nicht, weil du noch immer eine Pflicht zu erfüllen hast.«

Als ich in Wiktorias erschrockene graue Augen sah, fragte ich mich, ob ich zu weit gegangen war. Womöglich hatte ich alles nur verschlimmert, indem ich die Umstände beim Namen genannt hatte. Ich hätte besser darüber nachdenken sollen, ob ich auch wirklich das Richtige tat. Ich handelte doch sonst nicht so kopflos ...

Und dann liefen auf einmal Tränen über Wiktorias blasse Wangen.

»Wiktoria, es tut mir leid!« Als sie die Beine anzog und das Gesicht in den Händen verbarg, trat ich zu ihr ans Bett und hob die Hand. Ich ließ sie einen Moment in der Luft schweben, dann legte ich sie ihr auf den Rücken, strich sanft darüber. »Ich ... ich hätte das nicht sagen sollen.«

»Allerdings.« Sarahs Stimme tönte von hinten heran und ich drehte mich zu ihr um. Hilflos schaute ich sie an und hatte ein wenig Angst vor ihrem strengen Gesichtsausdruck. »Jillian, du solltest jetzt zurück auf dein Zimmer gehen.«

»Nein, sie bleibt!«

Erstaunt wandte ich mich wieder Wiktoria zu, deren Kopf nach oben gesaust war. Mit tränenüberströmtem Gesicht starrte sie an mir vorbei zu der Krankenschwester.

»Sie gehen.« Es klang wie ein Befehl. Deshalb fürchtete ich schon das Schlimmste, denn Wiktoria war kaum in der Position, Forderungen zu stellen.

Doch Sarah guckte nur einmal zwischen uns beiden hin und her, bevor sie tatsächlich den Raum verließ. Die Tür schloss sie hinter sich. Im Anschluss waren ihre verklingenden Schritte zu hören.

Erst als diese verstummt waren, wischte sich Wiktoria über die Augen und sah mich von unten her an. Ihr Blick blieb an dem Pflaster auf meiner Stirn hängen, das höchstens halb so groß war wie ihres und deutlich näher beim Haaransatz. »Was habe ich alles verpasst?«

»Hat dir niemand erzählt, was seit dem Vorfall mit Tess passiert ist?«

Sie schnaubte. »Wer hätte denn mit mir reden sollen? Die anderen Kandidatinnen hassen mich, die Prinzen vermutlich auch. Abgesehen von Clément, aber der fühlt sich nur schuldig, weil ich wegen ihm hier bin. Niemand mag mich.«

Ich hätte ihr gern widersprochen, doch ich wollte nicht lügen. Unehrlichkeit konnte sie im Moment sicher nicht gebrauchen.

»Ich weiß, ich war unausstehlich.« Sie senkte den Blick. »Aber ich hatte Angst. Weil hier alle so viel besser waren als ich. Klüger, talentierter, freundlicher ... da konnte ich nicht mithalten. Und ich wollte nicht schon wieder als das Püppchen ohne Grips abgestempelt werden.«

Man sagte ja, dass jeder sein Päckchen zu tragen hatte. Und offensichtlich hatte Wiktorias damit zu tun, dass ihr Äußeres anderen wichtiger war als ihr Inneres. Sie wurde nach dem beurteilt, was man sah: weißblonde Locken, blasser Teint, volle Lippen, eine üppige Oberweite und eine schmale Taille. Zusammen mit ihrer geringen Größe weckte das in Männern einen Beschützerinstinkt und in Frauen deshalb Eifersucht. Kein Wunder, dass sie immer nur austeilte – es war eine Schutzmaßnahme gegen die Vorurteile, die man ihr entgegenschleuderte.

Es war ähnlich wie bei mir, obwohl weniger mein Aussehen als mein abweisendes Verhalten schuld an der negativen Meinung über mich war. Außerdem hatte ich mich als Konsequenz weiter zurückgezogen, mich in einen Kokon aus Schweigen gehüllt, während Wiktoria auf Angriff gegangen war. Vermutlich blieb ihr nichts anderes übrig, wenn die Männer nicht zudringlich werden sollten. Wenn ich den Mut gehabt hätte, mich damals so zu verhalten ... dann hätten mich die Übergriffe und die Unsicherheit vielleicht nicht in den Abgrund gezogen.

Ich drängte die Gedanken beiseite, versuchte lediglich, aus ihnen die richtigen Erkenntnisse und Worte zu ziehen. »Nicht jeder beurteilt einen Menschen nach dem Äußeren. Manche wollen hinter die Fassade schauen. Du hättest sie nur gewähren lassen müssen.«

»Aber wie soll ich denn diese Menschen von den anderen unterscheiden?« Jetzt klang Wiktoria richtig verzweifelt. »Beziehungsweise wissen, wer mir etwas vorspielt?«

Ich dachte an Daria. Daran, wie sie mich manipuliert hatte, als ich in ihren Augen eine Gefahr für ihre Ziele geworden war. Verdrängte die Erinnerung mit den Bildern meiner wahren Freundinnen, damit ich einen klaren Kopf behielt. »Leider kannst du das nicht wissen. Doch wenn du niemandem vertraust, wird dir auch niemand vertrauen. Und du willst doch nicht ewig allein sein, oder?«

»Was glaubst du, warum ich Clément rangelassen habe?«, fragte sie. »Bestimmt nicht, weil er so unwiderstehlich ist.«

»Das solltest du ihm besser nicht ins Gesicht sagen.« Es war kein besonders guter Versuch einer Ablenkung, aber immerhin hoben sich Wiktorias Mundwinkel ein wenig.

»Von mir aus kann er das ruhig wissen«, meinte sie. »Er ist sowieso viel zu selbstverliebt.«

Daraufhin mussten wir beide lachen. Keine Ahnung, wann Wiktoria das zuletzt getan hatte, aber als wir wieder still wurden, wirkte sie ein wenig entspannter.

Nach einigen Sekunden der Stille schob sie ihre Decke ein Stück zur Seite und deutete auf das Bettende. »Erzählst du mir, warum du so demoliert bist?«

Ich setzte mich und frei nach dem Motto »Geteiltes Leid ist halbes Leid« erklärte ich ihr in Kurzform die Umstände, die mich in ihre Gesellschaft gebracht hatten. Angefangen bei den Vorbereitungen für das Testdate mit Luca bis hin zu meinem Geständnis, dass ich mich wegen der Aussicht auf eine Krone beworben hatte, und dem anschließenden Zusammenbruch.

Als ich geendet hatte, entfuhr Wiktoria ein »Wow«. Das war erst einmal die ganze Reaktion, bis sie schließlich den Kopf schüttelte. »Mist. Kein Wunder, dass wir hierbleiben und einen guten Eindruck machen sollen. So viele Negativschlagzeilen überschatten die schönste Liebesgeschichte.«

»Welche Liebesgeschichte denn?« Bis jetzt hatte noch keiner der Prinzen den Eindruck gemacht, die wahre Liebe hier gefunden zu haben.

»Ehrlich gesagt dachte ich, das mit dir und Grayson wäre die Liebesgeschichte des Connectings.« Entschuldigend sah Wiktoria mich an. Obwohl ich nichts von dem nächtlichen Besuch des Nordreich-Prinzen erzählt hatte, schien ihr klar zu sein, dass das zwischen uns Geschichte war.

»Blöd, dass man mich bei der nächsten Entscheidung rauswirft«, sagte ich mit einem sarkastischen Unterton. Das war gerade die beste Möglichkeit, meine Enttäuschung zu verbergen.

Wiktoria konnte sie sich vermutlich trotzdem denken, ging jedoch nicht darauf ein. »Nicht nur dich. Der eine westliche Berater hätte mich am liebsten angezeigt, weil ich seinen Prinzen verführt habe. Behauptet Clément zumindest. Vielleicht hat er auch nur übertrieben, um sich damit zu brüsten, den Kerl von meiner Unschuld überzeugt zu haben. Lügen hat er anscheinend ganz gut drauf.«

Ich überlegte, ob sich der Westreich-Prinz so schuldig fühlte wegen Wiktorias Verletzung, dass er deshalb für sie eintrat. Oder steckte womöglich mehr dahinter? Ich traute mich nicht, nachzuhorchen, was genau außer Sex zwischen den beiden gelaufen war. Das erschien mir zu intim. Ganz zu schweigen davon, dass sie anscheinend gar kein Interesse an ihm hatte. »Aber man wirft dich trotzdem raus?«, fragte ich stattdessen.

Sie zuckte die Schultern. »Ich nehme es an. Welcher der Prinzen sollte mich auch weiter dabeihaben wollen? Es sei denn, Clément ist so geblendet von meinen Fähigkeiten im Bett, dass er ohne sie nicht leben will.«

So langsam wurde mir das Gespräch peinlich. Noch nie hatte jemand mit mir so offen über Sex geredet – das Aufklärungsgespräch mit meiner Mutter außen vor gelassen. Wobei, so ganz stimmte das eigentlich nicht, ich hatte das meiste nur verdrängt.

Anscheinend waren meine Wangen rot angelaufen, denn Wiktoria zog die hellen Augenbrauen hoch. »Was denn? Ist dir das Thema unangenehm?« Als ich nichts erwiderte, erschien ein Grinsen in ihrem Gesicht. »Nein! Ernsthaft? Du hast noch nie ...«

»Stopp!«, unterbrach ich sie. »Darüber will ich wirklich nicht reden.«

Wiktoria lachte, sodass noch mehr Blut in meinen Kopf stieg. Meine Unerfahrenheit schien sie zu amüsieren. Gut, dass ich ihr nicht offenbart hatte, dass ich auch noch nie in meinen beinahe achtzehn Jahren einen Jungen geküsst hatte. Was hätte sie wohl dazu gesagt?

»Entschuldige, das war etwas zu aufdringlich von mir.« Wiktoria stützte ihr Kinn auf ihre Handfläche. »Ich kenne mich mit den Regeln einer ersten richtigen Konversation zwischen zwei verschmähten Beinahe-Prinzessinnen nicht so gut aus.«

Ich musste unwillkürlich lächeln. »Ich glaube, für diese Ausnahmesituation gibt es auch keine.«

»Gut. Denn ich denke, ich habe schon genügend Regeln gebrochen.« Sie zwinkerte mir zu, bevor ihr Gesichtsausdruck ernst wurde. »Übrigens danke, dass du mit mir redest. Es ist ja nicht so, dass wir viel miteinander zu tun hatten.«

»Ich dachte, es würde dir helfen, wenn du weißt, dass auch andere Fehler machen und dafür bezahlen müssen.« So formuliert klang das ziemlich negativ, aber es war nun einmal die Wahrheit.

»Ich wünschte, du müsstest das nicht.« Überrascht sah ich Wiktoria an, sodass sie rasch fortfuhr. »Es ist egal, ob das unser erstes richtiges Gespräch ist. Du hast es in meinen Augen nicht verdient, dass man dir diese Chance auf Liebe versagt. Vor allem nicht, wenn Daria eigentlich diejenige ist, die dich in den Mist reingeritten hat. Widersprich mir jetzt nicht! Ich weiß, wie man Menschen manipuliert. Na gut, ich weiß, wie man Männer manipuliert. Offenbar ist das ja auch ein Teil dessen, was Daria getan hat. Schließlich hat sie Luca eingeredet, du hättest schlechte Absichten. Also mach dir keine Vorwürfe, dass du ihrem Rat gefolgt bist. Sie scheint eine Meisterin in ihrem Metier zu sein.«

So viel Wiktoria gerade auch gesagt hatte, war es vor allem der Kern, der mich berührte. Dass nicht nur mein eigenes Verhalten zu der Misere geführt hatte. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass mich die Schuldgefühle nicht mehr erdrückten.

»Danke«, murmelte ich, wobei nun mir Tränen in die Augen stiegen.

Wiktoria winkte ab. »Doch nicht dafür, ich spreche nur das Offensichtliche aus. Und weißt du was?« Sie setzte sich etwas aufrechter hin. »Selbst wenn wir demnächst rausgekickt werden, noch sind wir beide hier. Wer sagt, dass wir diese Zeit nicht nutzen dürfen, um der Welt zu beweisen, wer wir wirklich sind? Unabhängig von all den Meinungen und Beeinflussungen anderer. Wir sollten allen zeigen, dass wir trotz der Rückschläge immer noch in der Lage sind, zu kämpfen. Was meinst du?«

»Das klingt nach einer guten Idee. So machen wir das«, entgegnete ich, froh darüber, Wiktoria ihren Kampfgeist wiedergegeben zu haben. Gleichzeitig hatte ich so eine Verbündete gefunden, die auch mir neue Kraft schenkte. Für alles, was noch auf uns zukommen würde.

2

Da sich die iberische Königsfamilie für den nächsten Tag angekündigt hatte, herrschte im Palast ziemliche Unruhe. Bis in den Krankenflügel konnte man manche Geräusche hören, die ich als das Verrücken von Mobiliar einordnete.

Da mir am Abend zuvor die Fäden gezogen worden und auch die Kopfschmerzen weitgehend verschwunden waren, segnete Dr. Jankovic es ab, dass ich an der Übung zum Willkommensgruß teilnahm. Das hieß, dass wir Kandidatinnen uns draußen vor dem Eingangstor des Palastes aufreihen und in einen Knicks versinken sollten, sobald die Mitglieder der iberischen Königsfamilie – im Moment dargestellt durch einige der königlichen Berater – den Weg entlangkamen. Erst nachdem sie das Schloss betreten hatten, waren wir dazu befugt, uns wieder aufrecht hinzustellen. Dann hieß es warten, bis die Prinzen, die uns gegenüberstanden, hineingegangen waren. Als Letztes kamen wir an die Reihe.

Wiktoria und ich standen ziemlich weit hinten, wohl damit die Aufmerksamkeit von uns abgelenkt wurde. Auch ihr hatte man die Fäden gezogen, doch die Prellung außen um die Wunde herum hob sich trotzdem farblich von ihrer blassen Haut ab. Bei dem offiziellen Empfang würde man das vermutlich überschminken, komplett unsichtbar machen konnte man die Verletzung jedoch nicht – schon allein deshalb, weil kein Make-up in die noch nicht verheilten Einstichlöcher gelangen durfte.

Ich fühlte mich die gesamte Probe über ziemlich unwohl, da ich auf dem Präsentierteller vor den Prinzen und neben den anderen Kandidatinnen stand. Zwar durften wir nichts sagen, aber ich spürte die Aufmerksamkeit auf mir. Nur die einer Person vermisste ich schmerzlich. Grayson starrte stur vor sich hin, widmete mir nicht einmal einen winzigen Blick. Es war vermutlich besser so, da mein Aufenthalt hier bald enden würde, dennoch enttäuschte es mich. Es kam mir so vor, als wären sämtliche Gefühle, die uns verbanden, fortgewischt worden. Als hätte er sie durch seine unnahbare Maske ersetzt, die mir zu Beginn des Connectings ein wenig Angst gemacht hatte. Ich hasste es, Grayson so zu sehen. Und noch mehr, dass ich der Grund dafür war. Ich hatte seine schlimmsten Vorstellungen wahr werden lassen, anstatt seine – und meine – schönsten zu erfüllen.

Stephan und Ondrej dagegen schauten immer wieder zu mir herüber, als wollten sie sichergehen, dass ich nicht jeden Moment erneut zusammenbrach. Clément verfuhr ähnlich mit Wiktoria, die ihn jedoch ignorierte. Und Luca betrachtete die meiste Zeit seine Schuhspitzen. Dieses Verhalten passte nicht zu dem Südreich-Prinzen, darum fragte ich mich, wie es ihm wohl ergangen sein mochte seit unserem Testdate und dem Debakel mit Fleur. Besonders gut weggekommen war er dabei nicht, wobei Fleurs Geschichte mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die ganze Wahrheit zeigte. Möglicherweise kannten sich die zwei wirklich von früher, aber dass er sie erpresst hatte, mit ihm zu schlafen, damit er nichts über ihre gemeinsame Vergangenheit verriet – das traute ich ihm dann doch nicht zu. Ich hoffte um Amelias Willen, dass ich recht behielt.

In einer Reihe liefen wir im Anschluss an die geprobte Begrüßung durch die Gänge des Palastes in den Speisesaal, der kaum noch etwas gemein hatte mit dem Ort, wo wir sonst immer aßen. Die Tische waren längs angeordnet, mit edlen Bezügen dekoriert und mit Kerzen und Blumen geschmückt. Auch sonst überall standen marmorne Giebel mit ähnlichen Blüten und roten Tüchern. Es sah alles wunderschön aus, die Atmosphäre wurde lediglich durch ein paar herumwuselnde Angestellte zunichtegemacht. Selbst bei der Probe setzten die Vorbereitungen nicht aus. Anscheinend war es gar nicht so einfach, einen angemessenen Empfang innerhalb weniger Tage auf die Beine zu stellen.

Nachdem sich die iberische Königsfamilie – sprich im Moment die Berater – und die Prinzen ans vorderste Ende gesetzt hatten, durften wir links und rechts den Tisch auffüllen, wobei ich ganz hinten saß. Viel von den Gesprächen auf der anderen Seite würde ich wohl nicht mitbekommen, gleichzeitig waren dadurch keine unangenehmen Fragen in meine Richtung zu erwarten. Zumindest wenn man nicht schreien wollte. Und das wäre sehr unziemlich gewesen, also hatte ich nichts zu befürchten.

Das Abendessen konnten wir natürlich nicht proben, aber uns wurde ein leichtes Mittagessen vorgesetzt, bei dem Mrs. Davis anwesend war, um unsere Tischmanieren erneut zu überprüfen. Zum Glück hatten wir diese inzwischen verinnerlicht, also hatte sie nicht viel zu meckern.

Durch die Umstände kamen keine Gespräche zustande, und erst als sich die Berater und die Prinzen verabschiedet hatten, löste sich die Spannung ein wenig. Bevor eine von uns das Schweigen brechen konnte, wurden wir von Mrs. Davis aus dem Saal gescheucht, sie fing dabei Wiktoria und mich ab. Tess stand bereits neben ihr – ich hatte sie nur kurz gesehen, da ihre Position weiter vorne gewesen war. Sie wirkte bei Weitem nicht mehr so optimistisch, wie ich sie kennengelernt hatte. Mit hängenden Schultern schaute sie auf den Boden hinunter. Ob sie wohl Wiktorias und mein Schicksal teilte und nur noch hier war, um einen guten Eindruck zu hinterlassen? Da sie nicht nur ihre bipolare Störung verschwiegen, sondern auch ihre Medikamente abgesetzt hatte, wäre es möglich, dass die Berater darauf bestanden, auch sie heimzuschicken.

»Ihr drei müsst noch ein paar Dinge nachholen«, erklärte Mrs. Davis und führte uns in eins der Hinterzimmer, das mich schmerzlich an das erinnerte, in dem Luca mir angeblich das Blumenbinden hatte beibringen wollen. Nur um mir dann vorzuwerfen, ich würde ein falsches Spiel spielen, und mich ohne Möglichkeit der Verteidigung zurückzulassen.

Dieser Tag war der Anfang vom Ende für mich gewesen, darum stieg meine Unruhe, als ich mich zu den beiden anderen an einen Tisch setzte. Gegenüber stand Mrs. Davis neben einer Leinwand, auf die noch nichts projiziert war.

»Das Iberische Reich besteht aus den ehemaligen Ländern Spanien, Portugal und Andorra«, fing Mrs. Davis an. »Die Menschen dort können mitunter sehr temperamentvoll sein, das liegt ihnen im südländischen Blut. Das sollte euch allerdings nicht einschüchtern.« Sie nahm eine kleine Fernbedienung in die Hand und drückte auf einen Knopf, woraufhin eine Art Stammbaum mit Namen und Fotos auf der Leinwand auftauchte. »Der regierende König heißt Álvaro. Er ist schon ziemlich alt, man geht davon aus, dass die Krone bald seinem erstgeborenen Sohn Tomás übergeben wird. Die Königin, Giordana, stammt ursprünglich aus dem Südreich, wurde noch relativ jung mit König Álvaro verheiratet. Die beiden haben drei Kinder. Tomás ist wie erwähnt der Kronprinz, inzwischen dreiundzwanzig Jahre alt und noch unverheiratet. Eigentlich wäre er ein idealer Kandidat für das Connecting gewesen, doch das Iberische Reich hat genau wie das Skandinavische die lang geplante Teilnahme aus persönlichen Gründen kurzfristig abgelehnt. Jedoch waren die zwei Reiche dazu bereit, als Kompromiss für die nötigen Planänderungen ihre Königskinder ebenfalls erst zu offenbaren, als das Connecting angekündigt wurde. Die internationalen Beziehungen sind daher intakt, wenn auch angespannt.«

Ich musterte die Gesichter des Königs und der Königin des Iberischen Reiches, die tatsächlich einige Jahre trennen mussten. Giordana konnte nicht älter als fünfundvierzig sein, Álvaro dagegen war bestimmt schon über sechzig. Mein Blick schweifte weiter zu dem Foto des Kronprinzen. Dunkle Locken rahmten ein schmales Gesicht ein, braune Augen strahlten zwischen gebräunter Haut. Man erkannte eine leichte Verwandtschaft mit Luca, dessen Cousin er war. Erst da kam mir in den Sinn, dass die Prinzen alle irgendwie verwandt sein mussten, schließlich hatte man die Erben der letzten Generation miteinander verheiratet. Ich hätte bei der Vorstellung der einzelnen Familien besser aufpassen sollen, welche Königin ursprünglich aus welchem Land stammte.

»Die zwei jüngeren Söhne, Marco und Rui, sind sechzehn und vierzehn Jahre alt.« Mrs. Davis deutete auf ihre Fotos. »Es wird gemunkelt, dass Marco mit der skandinavischen Prinzessin Kaisa verheiratet werden soll, aber das ist ein Thema, über das ihr besser keine Fragen stellt. Politische Angelegenheiten sind tabu für das erste Kennenlernen, das wisst ihr ja inzwischen.«

»Nicht nur für das erste, oder?«, erwiderte Wiktoria. »Wir sind jetzt fast sechs Wochen hier und dürfen mit den Prinzen immer noch kaum über Politik reden.«

»Das hat auch gute Gründe.« Mrs. Davis’ Augen wurden schmal. »Ihr könnt ja am Beispiel Fleur sehen, wie schnell eine Kandidatin in die Medien kommt. Und solltet ihr politische Geheimnisse kennen, könntet ihr diese ausplaudern. Oder man könnte euch bedrängen, diese zu verraten. Da ist es besser, wenn ihr unwissend seid.«

»Aber im Grunde ist es doch so, dass weder Sie noch die Prinzen herausfinden können, ob wir politische Angelegenheiten verstehen.« Dass Wiktoria dieses Thema beschäftigte, irritierte mich ein wenig. Vielleicht hatte sie dieses Interesse bis jetzt versteckt, um ihre Fassade aufrechterhalten zu können. Aufblitzende Gedanken, dass man immer noch nicht wusste, ob sich noch ein Verräter – oder eine Verräterin – im Palast herumtrieb, schob ich beiseite. Abgesehen davon hatte ich diesbezüglich ja immer noch einen anderen Verdacht, von dem ich nicht wusste, was ich damit anfangen sollte. Solange ich in Verruf war, glaubte mir mit Sicherheit keiner irgendwelche Anschuldigungen, die ich nicht beweisen konnte.

Ich konzentrierte mich wieder auf Mrs. Davis, deren Mundwinkel zuckten. »Letztendlich werdet ja auch nicht ihr politische Entscheidungen treffen, sondern eure künftigen Ehemänner, falls sich diese als die Thronfolger herausstellen. Wobei ich ernsthafte Zweifel hege, ob ihr in die engere Auswahl kommt, nach allem, was ihr euch erlaubt habt.«

Also war sie noch nicht in unser Schicksal eingeweiht. Vermutlich durften nur wenige Leute Bescheid wissen, damit der iberischen Königsfamilie nichts zu Ohren kam. Wie viel Strategie und Vorsicht ein Leben in der Öffentlichkeit und Politik mit sich brachte, wurde mir immer klarer vor Augen geführt. Und in mir keimte der Gedanke, dass ich für all das nicht geeignet war – wovor mich mein Vater nach der Verkündung gewarnt hatte. Allerdings könnte diese Art zu denken auch nur ein automatischer Schutzmechanismus sein, um mir mein Ausscheiden schönzureden.

Als keine von uns noch etwas erwiderte, räusperte sich Mrs. Davis. »Gut, wenn das jetzt geklärt ist. Ihr erinnert euch hoffentlich noch an die richtigen Anreden?«

»Ja, Ma’am«, entgegnete Wiktoria. »Eure Majestät für König und Königin, Eure Hoheit für deren Kinder. Die anderen Autoritätspersonen sind mit Sir und Ma’am zu betiteln.«

Mrs. Davis wirkte etwas überrascht, und um ehrlich zu sein, war ich nicht minder erstaunt darüber, wie viel Wiktoria tatsächlich verborgen hatte. Dabei hätte ich doch wissen müssen, wie groß der Unterschied zwischen Fassade und Wirklichkeit sein konnte.

»Okay, so weit, so gut. Dann schicke ich euch jetzt zu euren Zofen in die Anprobe. Die habt ihr wegen eurer Zeit im Krankenflügel nämlich auch verpasst. Ich hoffe, dass ihr nicht zu viel abgenommen habt, es bleibt nicht sehr viel Zeit, um die Kleider zu ändern.«