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Vor den finalen Entscheidungen des Connectings wird der Palast der Einheit zum Schauplatz eines grausamen Angriffs. Eben noch sah Jill eine strahlende Zukunft an der Seite eines Prinzen vor sich – im nächsten Moment ist alles ungewiss. Auf einmal muss sie die schwierigste Wahl ihres Lebens treffen. Und auf dem Spiel steht weit mehr als nur ihr Herz: nämlich der Frieden der sieben Königreiche. Als die Rebellion gegen die Monarchie eskaliert, kommen Geheimnisse ans Licht, die die Moderne Welt endgültig verändern werden. Kann die Liebe in Zeiten wie diesen siegen? Oder ist eine Krone alles, was letztendlich bleibt?
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Seitenzahl: 430
Veröffentlichungsjahr: 2025
Kate Lillian
Entscheide mit dem Herzen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Das Buch
Widmung
Es war einmal ...
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Danksagung
Autorenvita
Impressum neobooks
Für alle, die es hören müssen
– ihr seid wichtig
Glück ist etwas, das man nicht findet – es findet einen. Man kann es lediglich willkommen heißen. Oder abwehren.
Letzteres habe ich getan, vielleicht sogar mit einer gewissen Absicht. Weil ich nicht glauben konnte, dass mir ein Leben vergönnt sein könnte, in dem ich glücklich bin. Inzwischen glaube ich, dass ich das verdient habe. Ich habe so viel durchgemacht, bin dadurch so vielen Menschen nähergekommen. Die mich wertschätzen und die mir immer wieder sagen, ich solle für mein Glück kämpfen. Also habe ich damit angefangen, als mir eine letzte Chance gewährt wurde. Eine, von der ich immer geträumt habe. Die ich mir gewünscht habe. Auf die ich nur hoffen konnte. Hier ist sie.
Aber etwas blockiert mich. Etwas, das stärker ist als jeder Traum, jeder Wunsch oder jede Hoffnung. Es sind die Gefühle tief in meinem Herzen. Die ich begraben habe wegen einer Zukunft voller Zufriedenheit. Nur könnten sie der Schlüssel sein, um etwas viel Wertvolleres zu finden: die Liebe. Und damit das Glück.
Allerdings könnte es längst zu spät dafür sein. Nicht nur wegen meiner eigenen Fehler. Auch wegen alldem, was um uns herum geschieht. Denn das Schicksal vergibt nicht nur Chancen – es kann sie auch jederzeit wieder nehmen.
»Wie schlimm ist es?«
Die Stimme drang durch den dichten Nebel, der sich über mich gesenkt hatte. Er hatte bis jetzt alles geschluckt – warum ließ er diese Worte nun durch?
»Es hätte sie härter treffen können. Sie hatte Glück.«
Nein, das hatte ich nicht. Und warum wusste ich das mit absoluter Sicherheit?
»Was denkst du, ist passiert?«
»Unsere Wachen sagen, sie stand im Weg. Also haben sie sie grob aus jenem entfernt.«
»Da muss doch mehr dahinterstecken.« Ein Schnauben. »Sie kann nicht einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen sein.«
»Du meinst, angesichts dessen, was sie mit den anderen Mädchen geplant hatten? Sie war wohl einfach nicht das Ziel.«
»Also glaubst du nicht, dass sie ...«
»Dass sie dazugehört und nur zum Schein verletzt wurde?«
»Sag nicht, dass du nie darüber nachgedacht hast.«
»Das hat nach den Warnungen in der ersten Woche wohl jeder von uns getan.«
»Und was hat dich zu dem Schluss gebracht, dass sie unschuldig ist?«
»Wahrscheinlich das Gleiche wie dich. Ihre Ehrlichkeit. Sie wäre nicht dazu imstande, einen von uns anzulügen.«
»Sie hätte es einem von uns einfach verschweigen können. Sie behält viel für sich.«
»Haben wir diese Zweifel nicht längst überwunden, dass sie es nicht ernst meinen könnte? Warum führen wir diese Diskussion eigentlich? Du wärst gar nicht hier, wenn du die Wahrheit nicht längst akzeptiert hättest.«
Kurze Stille trat ein. Ich versuchte, sie zu nutzen, um das zu verarbeiten, was ich eben gehört hatte. Aber es war so schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Der Nebel nahm wieder zu. Träumte ich vielleicht nur?
»Du hast recht. Ich sollte gar nicht hier sein.« Sich entfernende Schritte.
»Nur ist das der Ort, an dem du sein wolltest.« Ein Schaben, wie über festen Boden. »Ich muss mich noch um ein paar Dinge kümmern.«
Wieder Schritte. Von einer anderen Person? Sie klangen so nah und doch so weit entfernt. Und ich hatte das Gefühl, als würde ich mich entfernen. Als würde ich immer tiefer in ein Loch fallen. Tiefer hinein in den Nebel ...
»Was ist das zwischen euch? Warum lässt er zu, dass ich hier bin? Vertraut er dir so sehr?«
Die Worte kamen so schnell, ich konnte ihnen kaum noch folgen. Dabei wollte ich es! Ich wollte weiter zuhören. Ich wollte nicht immer tiefer fallen.
»Es tut mir wirklich leid, dass ich das nicht konnte, Jill ...«
Mir auch.
Im nächsten Moment empfing mich bereits die bodenlose Dunkelheit.
Als ich wieder zu mir kam, war ich von dem Licht um mich herum geblendet. Blinzelnd schlug ich die Augen auf, kämpfte darum, in der Realität zu bleiben. Es fühlte sich so anders an als das von vorhin – war es überhaupt vorhin gewesen? Und war das wirklich passiert?
Die Frage erhärtete sich, als ich Stephan auf dem Stuhl neben mir entdeckte. Er hatte Schatten unter seinen hellen blauen Augen, dennoch lächelte er mich an. »Jillian, wie schön, dass du wieder da bist. Wie geht es dir? Ich habe mir Sorgen um dich gemacht.«
Ich, nicht wir.
Selbstverständlich hatte mir mein vernebelter Geist etwas vorgespielt.
Wegen dieser Enttäuschung schaffte ich es lediglich, zu nicken, wodurch sich etwas an meiner Stirn bewegte. Als ich dorthin fasste, spürte ich den Stoff eines Verbandes.
»Dein Kopf hat ein bisschen was abbekommen«, sagte Stephan voller Mitleid in der Stimme. »Erinnerst du dich daran, was vorgefallen ist?«
Bilder schossen durch meinen Geist, begleitet von einem dumpfen Schmerz hinter meiner Stirn. »Die Aufrührer sind in den Palast eingedrungen. Ich bin weggelaufen, zusammen mit Amelia ... Oh nein, Amelia!«
Als ich mich aufrichtete, begann sich alles zu drehen. Mit einem Stöhnen ließ ich mich zurück ins Kissen sinken.
»Vorsichtig«, erinnerte mich Stephan, sich vorsichtshalber ein wenig in meine Richtung lehnend. »Ich sagte doch, dein Kopf hat ein bisschen was abgekriegt.«
»Amelia«, wiederholte ich, seine Worte ignorierend. Was war schon ein Stoß gegen die Wand im Gegensatz zu ...
»Es geht ihr den Umständen entsprechend, würde ich sagen. Deinen anderen Freundinnen ist nichts passiert.«
Erleichterung machte sich in mir breit. Amelia lebte. Sie alle lebten. Gott sei Dank.
»Aber Amelia ist traumatisiert. Sie steckt das Erlebte im Gegensatz zu dir nicht gut weg.« Stephan schien zu wissen, dass ich mehr erfahren wollte. »Was kein Wunder ist, immerhin wurde vor ihren Augen eine unserer Wachen getötet. Und dann hat man den Rebellen erschossen, der sie in die Finger gekriegt hatte. Sie muss Todesangst durchgestanden haben. Das ist um einiges mehr, als ihr Mädchen erleben solltet.«
Man konnte Stephan am Gesicht ablesen, wie schuldig er sich fühlte. Sein Kiefer war verkrampft, sein Blick hinter mich gerichtet. Auf ein Gerät, das immer wieder leise piepte. Dass ich in einem Krankenzimmer war, fiel mir erst jetzt auf. Wahrscheinlich weil ich daran gewöhnt war, hier zu sein. Nach meinem Zusammenbruch hatte ich schließlich schon mal einige Tage hier verbracht.
Ich wollte den Arm nach Stephan ausstrecken, doch an meinem linken Zeigefinger befand sich ein Clip, der Puls und Sauerstoffsättigung maß. Wenn ich ihn damit berührte, fühlte er sich vermutlich noch schlechter. Also versteckte ich meine Hand unter der Decke.
»Ihr könnt nichts für die Taten dieser Leute«, versuchte ich es mit Worten. »Sie hatten es auf uns abgesehen.«
Jetzt schnellte Stephans Blick wieder zu mir. »Erinnerst du dich an etwas, das sie gesagt haben? Ich weiß, das ist sicher nichts, worüber du reden willst ...«
»Ist schon gut. Ich will helfen.« Und das stimmte. Gleichzeitig hatte ich nie so viel Angst davor gehabt, Stephan etwas zu offenbaren. Auch wenn ich potenziell in seiner Gegenwart darauf achtete, was ich preisgab – das hier war noch schwieriger auszusprechen. Darum sah ich hinunter auf die Bettdecke, als ich weiterredete. »Sie waren hinter uns her. Beziehungsweise hinter Amelia. Sie wollten ... Ehrlich gesagt weiß ich nicht, was sie mit ihr anstellen wollten.«
»Sie haben ihr gedroht. Teilweise auf brutale Weise«, entgegnete Stephan. »So viel haben wir ihr entlocken können. Leider jedoch nicht viel mehr. Weißt du vielleicht, wieso sie das getan haben?«
Wenn ich ihm das sagte, musste ich ihm auch erklären, warum ich den Aufrührern nicht so wichtig gewesen war. Stephan zu antworten, bedeutete, dass ich in ein anderes Licht gerückt werden würde. Die Anspannung kroch durch meinen gesamten Körper, als wollte sie mich davon abhalten, mich zu einer Antwort zu überwinden. Doch Stephan hatte mir bereits so viel Vertrauen geschenkt, das musste einfach Bestand haben.
Ich schluckte trocken, bevor ich die Worte aussprach. »Sie wollten den tendenziell perfekten Mädchen eine Lektion erteilen, glaube ich. Weil die nicht zu ihren Gunsten handeln.«
Die einkehrende Stille machte mich nervös. Was würde Stephan aus meiner Antwort herauslesen? Und wollte ich wirklich, dass er die Wahrheit erkannte?
»Das erklärt, warum sie auf der Suche nach Lena, Jessica und Aurora waren. Und warum sie Daria nachgejagt sind.« Stephan, bis eben noch in Gedanken versunken, schaute wieder mich an. »Trotzdem haben sie auch dich verletzt.«
Dieser eine Satz sagte mir, dass er es durchschaut hatte. Er wusste, dass ich eins der Mädchen war, die den Aufrührern mit ihren Handlungen gelegen kamen. So wie einige der anderen ebenfalls. Doch ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich eine der Kandidatinnen so schlimm verhalten hatte wie ich. Keine hatte den Eindruck vermittelt, als würde sie mehrere Prinzen gegeneinander aufhetzen oder zu schlimmen Taten anstacheln. Nicht Wiktoria, nicht Fabienne. Erst recht nicht Fanni oder Louise, die wahrscheinlich nur grundsätzlich kein gutes Licht auf das Connecting warfen, indem sie so weit gekommen waren.
Nein, ich allein war die Problemkandidatin. Und Stephan wusste das.
»Jillian, du darfst auf ihre Meinung nichts geben.« Er streckte seine Hand nach mir aus, doch ich zuckte automatisch zurück. Wie konnte ich ihn in so eine problematische Lage bringen? Erneut? Ständig mussten wir uns beide dafür rechtfertigen, dass ich mich in seiner engen Auswahl befand. Und wegen mir hatte Stephan immerhin schon gegen die Regel verstoßen, kein Mädchen aus dem eigenen Reich zu wählen. Seine Berater wollten mich nicht an seiner Seite, das hatte ich selbst gehört.
»Es sind doch nicht nur die Aufständischen!«, rutschte es mir prompt heraus, woraufhin Stephan die Stirn in Falten zog. Als mir das Blut in die Wangen stieg, musste ich mich abwenden. »Ich meine, auch innerhalb des Connectings sind die Menschen nicht mit mir einverstanden. Anders ist es gar nicht möglich. Erst recht nicht nach allem, was ich falsch gemacht habe.«
»Darum geht es aber nicht.« Stephans Stimme nahm einen energischen Klang an, woraufhin ich wieder in seine Richtung schielte. »Die Meinung dieser Leute ist genauso unwichtig wie die irgendwelcher Aufrührer. Worum es geht, sind unsere Gefühle. Die von uns Prinzen und die von euch Mädchen.«
»Und was ist mit den Völkern eurer Reiche?«, widersprach ich. »Wie kann ein Prinz ein Mädchen heiraten, das sein Volk nicht akzeptiert?«
»Haben dir die Rebellen das eingeredet? Dass du vom Volk nicht akzeptiert werden würdest?«
Der iberische Kronprinz Tomás hatte bei seinem Besuch etwas anderes angedeutet, seitdem war jedoch einiges geschehen, das alles gedreht haben könnte. »Das brauchten sie nicht. Wie sollen die Leute mich mögen, wenn ich die wichtigsten Menschen der Reiche ständig bloßstelle?«
»Denkst du das ernsthaft?« Stephan stand auf und lief zu dem Fenster hinüber, das in den Gang führte. Dort blieb er einige Sekunden stehen, fuhr sich mehrmals durch die blonden Haare. Schließlich drehte er sich wieder zu mir um. »Oh, Jillian. Die Menschen dort draußen lieben dich. Du stellst uns kein bisschen bloß. Du stellst uns wie echte Personen hin. Die fühlen. Die Fehler machen. Die wie sie sind.« Er kam zu meinem Bett zurück. »Auch wegen dir ist das Connecting ein Erfolg. Wenn die Aufrührer dir etwas anderes gesagt haben, dann, um dich zu verunsichern. Weil sie Angst vor dir haben. Oder weil sie die Wahrheit nicht sehen wollen. Ist doch egal. Du darfst nichts darauf geben.«
»Bin ich deshalb noch hier?« Ich erinnerte mich noch zu gut daran, wie Stephan mit seinem Berater über eine märchenhafte Liebesgeschichte geredet hatte. Die Stephan den Menschen zeigen wollte. Mit mir. Etwa, weil das Volk mich mochte? Und ich hatte gedacht, Stephan wäre von deren Echtheit überzeugt, weil er aufrichtige Gefühle für mich hegte ...
»Was? Nein, natürlich bist du nicht deswegen noch hier.« Er beugte sich ein Stück über mich, um mir mit der Hand durchs Haar bis zu meiner Wange zu streichen. Dabei war sein Blick unendlich traurig. »Warum tust du das nur immer wieder? Warum stellst du alles infrage? Versuchst du, uns zu sabotieren? Dich und mich, gemeinsam?«
»Nein, ich ... ich will mir nur vollkommen sicher sein, dass alles aus den richtigen Gründen passiert.« Ich biss mir auf die Unterlippe, um die Zweifel mit Schmerz zu vertreiben. »Mein Vater hat mich davor gewarnt, wie es in der Politik laufen kann. Er wollte nicht, dass ich herkomme und zu einem Spielball werde. Ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht, aber angesichts dessen, was zurzeit in der Modernen Welt vor sich geht ... da habe ich Angst.«
»Angst, dass ich es mit dir nicht ernst meinen könnte?« Stephan wirkte regelrecht schockiert. Sogar seine Hand zog er zurück. »Wie kommst du nur auf so etwas? Habe ich dir bei unserem Abendessen am See nicht offengelegt, dass ich mir eine Zukunft mit dir wünsche?«
»Nein, meine Angst besteht darin, dass du aus den unterschiedlichsten Gründen etwas Falsches tun könntest. Aus politischen oder wegen Gefühlen.« Ich wusste selbst nicht, warum ich das sagte. Vor diesem Angriff war ich mir noch sicher gewesen, dass es das Richtige war, Stephan eine Chance zu geben. Mich mit Stephan auf die Suche nach dem Glück zu machen. Was hatte sich geändert?
»Glaubst du wirklich, dass ich das so leicht zulasse?«, fragte Stephan, klang nun bitter. »Schätzt du mich so ein?«
Mir stiegen Tränen in die Augen. »Ich frage mich nur immer wieder, wie ein so perfekter Mann wie du ein Mädchen wie mich wollen kann. Und ob jemand wie du jemanden wie mich lieben kann.«
Stephan und ich schauten uns für einige Sekunden in die Augen. So lange, bis das Blau vor mir verschwamm. Dann wandte ich mich ab.
»Du hörst nur auf deinen Kopf, was mich angeht«, sagte Stephan schließlich. Seine Stimme versuchte er neutral zu halten, was ihm nur zum Teil gelang. »Vielleicht wird es Zeit, dass du auf dein Herz hörst.«
Damit erklangen Schritte und das Öffnen der Tür. Als ich es kurze Zeit später schaffte, meinen Kopf wieder nach links zu drehen, war Stephan längst verschwunden.
Nach diesem Gespräch wollte ich niemanden sehen und schon gar nicht über irgendetwas sprechen. Nicht über den Angriff, nicht über seine Konsequenzen. Vor allem nicht darüber. Wie sollte ich auch erklären, dass mich die Zweifel vielleicht meine sichere Zukunft mit Stephan kosteten?
Nach allem, was ich zu ihm gesagt hatte, könnte das durchaus passieren. Womöglich war ihm meine Unsicherheit doch zu groß. Womöglich entschied er sich lieber für eine sichere Zukunft mit Daria. Wie es ihr wohl ging, nachdem die Aufrührer es auf sie abgesehen hatten? War sie verletzt worden? Bedroht? So wie Amelia?
Ich traute mich nicht, jemanden danach zu fragen. Ich konnte damit im Moment nicht umgehen. Mir war einfach nur nach Heulen zumute.
Dr. Jankovic untersuchte erneut die Wunde an meinem Kopf. Glücklicherweise war nicht die Stelle betroffen, wo ich mir die Stirn an der Tischkante aufgeschlagen hatte, also machte er sich keine großen Sorgen. Sarah, die Krankenschwester, fragte mich immer wieder nach Schmerzen, Schwindel oder Übelkeit. Ich verneinte jedes Mal. Mir ging es lediglich emotional schlecht. Alles Körperliche war durch Medikamente betäubt.
Als es am nächsten Morgen gegen meine Tür klopfte, hatte sich meine Stimmung kaum verändert. Darum hatte ich den Arzt gebeten, immer noch jeden Besuch abzuweisen. Wer war wichtig genug, dass er durchgelassen wurde?
Nach kurzer Zeit öffnete sich die Tür einen Spalt breit und Auroras Kopf kam zum Vorschein. »Jill, ich wollte mich noch verabschieden. Ich reise in gut einer Stunde ab.«
In mir krampfte sich alles zusammen. Ich hatte ganz vergessen, dass Aurora den Kampf um Grayson aufgegeben hatte. Doch war das jetzt eine offizielle Entscheidung seinerseits oder wollte sie gehen?
So sehr mich die Erinnerung an unser letztes Gespräch auch belastete, das musste ich noch herausfinden. Abgesehen davon war sie trotz allem eine gute Freundin für mich geworden. »Komm rein.«
Erleichtert schob sie sich ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Danach hockte sie sich auf den Stuhl, auf dem Stephan gestern gesessen hatte. Auf dem wir miteinander gestritten hatten – oder wie auch immer man das bezeichnen wollte.
»Es tut mir leid, dass du schon wieder hier sein musst.« Aurora musterte den Raum, anstatt mich anzusehen. Ihr ganzes Gesicht sprach davon, wie erschöpft sie war. »Ist es schlimm?«
»Nein, ich ... hatte Glück.« Nach unserem letzten Gespräch und dem bösen Ende mit Stephan bezüglich dieses Themas war mir nicht danach, meine Antwort weiter auszuführen.
»Das ist gut. Ich ...« Aurora stockte, schien nicht zu wissen, wie sie fortfahren sollte. »Nach alldem, was gestern vorgefallen ist, habe ich einen Vorwand, um zu gehen. Selbst wenn ich nicht verletzt wurde, keiner nimmt mir meine Entscheidung übel.«
»Du hättest auch einfach die Wahrheit sagen können. Das hätte dir bestimmt auch niemand übel genommen«, behauptete ich. »Zumindest Grayson nicht, wenn er das Gleiche empfindet.«
»Ja, ich weiß. Aber so ist es für uns beide einfacher.« Sie lächelte schief. »Über unsere Gefühle zu reden, dafür sind wir zwei nicht geschaffen.«
»Darin ist Grayson wirklich nicht sonderlich gut.« Dafür hatte er mir immer gezeigt, was ich ihm bedeutete. Durch Blicke, durch Berührungen, einfach durch seine Anwesenheit. Ich hatte immer gedacht, das würde reichen.
Ich hatte mich geirrt.
»Du im Übrigen auch nicht.« Aurora hob abwehrend die Hände. »Kein Vorwurf. Ich weiß, wie schwer das ist. Aber es wäre vielleicht anders gekommen, wärt ihr beide über euren Schatten gesprungen.«
»Vielleicht.« Ich hatte es satt, es abzustreiten. Mich gegen die Vorwürfe zu wehren. Aurora hatte recht. Grayson und ich hatten das zwischen uns beiden auf dem Gewissen. Keiner hatte stark genug gekämpft.
Aurora stand auf, legte mir eine Hand auf die Schulter. »Es tut mir leid, wie alles gekommen ist. Hätte ich früher erkannt, dass ich hier fehl am Platz bin, wäre es zwischen euch anders gelaufen. Er hätte dir sein Veto gegeben und ihr wärt euch schneller nähergekommen.«
»Ich glaube nicht, dass das etwas geändert hätte. Grayson und ich hatten das mit dem Veto geklärt.«
»Dadurch habe ich dich jedoch näher zu Stephan gestoßen. Was deine Zweifel ausgelöst hat, ob Grayson wirklich der Richtige ist. Ob Stephan nicht die bessere Wahl für dich wäre.« Als ich widersprechen wollte, hob Aurora die Hand. »Ich weiß, alles nur Spekulation. Aber du sollst wissen, dass ich mich deshalb ziemlich mies fühle.«
»Und ich fühle mich mies, weil unser letztes Gespräch so schlecht gelaufen ist«, entgegnete ich. »Dafür wollte ich mich noch entschuldigen.«
»Schon gut.« Aurora lächelte. »Gefühle bringen einen durcheinander.«
»Es waren nicht meine Gefühle, die das ausgelöst haben.« Ich senkte den Blick. »Sondern mein Kopf.«
Stephan lag richtig damit, dass ich zu viel nachdachte. Über alles, was passiert war, was hätte passieren können oder was noch passieren würde. Mich fallen zu lassen, war neu und kompliziert.
»Dann hoffe ich für dich, dass dein Herz dich von nun an auf den richtigen Pfad führen wird.« Aurora beugte sich zu mir herunter, um mich zu umarmen. »Ich wünsche dir alles Gute, Jill. Denn auch wenn ich es bereue, zu lange gezögert zu haben, ist doch etwas ziemlich Gutes dabei herausgekommen. Dass ich neben Lena auch dich als Freundin gefunden habe. Und Jessica, Wiktoria und Amelia. Du hast uns zusammengebracht. Und egal, wo wir alle in Zukunft landen werden – wir werden uns hoffentlich nicht aus den Augen verlieren.«
»Bestimmt nicht.« Als wir uns wieder losgelassen hatten, schauten wir uns noch einmal an. »Das werde ich nicht zulassen. Ihr seid die Einzigen, die nachvollziehen können, was hier im Palast geschehen ist. Ich brauche euch, werde euch immer brauchen.«
»Das hast du wie immer sehr schön ausgedrückt.« Aurora blinzelte und wischte sich einmal über die Augen. »Tut mir leid. Eigentlich bin ich nicht so emotional. Sich von seinen neuen Freundinnen zu verabschieden, ohne zu wissen, wann man sich wiedersieht, ist allerdings gar nicht so leicht.«
»Spätestens wenn eine von uns einen Prinzen heiratet, kommen wir alle wieder zusammen«, versuchte ich, sie aufzumuntern. Doch es war auch die Wahrheit. Mindestens eine von uns würde von einem Prinzen als Zukünftige ausgesucht werden. Entweder Lena oder Jessica würde Ondrejs Auserwählte werden.
»Mal sehen, wie viele königliche Hochzeiten ich demnächst besuchen muss.« Aurora schenkte mir noch ein letztes Lächeln. »Ich hoffe, eine davon wird deine sein.«
»Heißt das, du segnest das mit mir und Stephan doch ab?«, wollte ich wissen, den Stich in meiner Brust ignorierend, wenn ich an unseren Streit dachte.
Aurora musterte mich einen Augenblick lang, bevor sie antwortete. »Ich will nur dein Bestes, Jill. Und ich hoffe, du wirst das Beste finden.«
»Danke, das hoffe ich auch. Und viel Glück dir ebenfalls dabei, deinen Weg zu entdecken.«
Damit war alles gesagt. Und mit Aurora verschwand nach Tess nun schon die Zweite unserer Clique innerhalb kürzester Zeit vorerst aus meinem Leben.
Damit ich nicht gleich noch eine Freundin verlor, wollte ich später am Tag unbedingt mit Amelia sprechen. Doch als ich auf den Gang hinaustrat, entdeckte ich am Eingang zur Krankenstation Sarah. Sie hatte sich demonstrativ so aufgebaut, dass niemand hereinkam. Auch nicht die Person, die es versuchte.
»Ich habe Ihnen erklärt, dass Miss Amelia keinen Besuch empfangen möchte. Abgesehen davon hält es der Arzt für das Beste, wenn sie ein wenig Ruhe vor dem ganzen Stress des Connectings hat nach ... den Vorfällen.«
»Aber ich bin nicht irgendwer!« Das war eindeutig Lucas Stimme. »Ich bin der Prinz des Südreiches. Und ihr Freund.«
»Es ist an dieser Stelle egal, wer Sie sind. Ich habe Anordnungen. Und die werden Sie befolgen, wenn Sie das Beste für Ihre Freundin wollen.«
Ich vernahm ein Grummeln, als würde Luca mit sich ringen. Normalerweise hätte ihn bestimmt nichts und niemand daran gehindert, seinen Willen durchzusetzen. Aber Amelia war ihm wirklich wichtig.
Genau wie mir. Und ich hatte ihr versprochen, mit Luca zu reden. Wenn sie nicht in der Lage war, zwischen uns zu vermitteln, musste ich meinen Mut zusammennehmen und mich ihm allein stellen. Wer wusste schon, ob ich noch einmal die Möglichkeit dazu bekam.
»Entschuldigung, Sarah«, wandte ich mich an die Krankenschwester, nachdem ich ein paar Schritte auf sie zugemacht hatte. Sie wirbelte herum und hielt sich eine Hand vors Herz, als hätte ich sie zu Tode erschreckt.
»Meine Güte, Jillian, wenn du dich so anschleichen kannst, kann es dir gar nicht so schlecht gehen.«
»Tut es auch nicht.« Ich schaute über ihre Schulter und entdeckte den Südreich-Prinzen noch immer vor dem Eingang stehen. Sein Blick war inzwischen auf mich gerichtet, eine Mischung aus diversen Gefühlen spiegelte sich in seinen braunen Pupillen. Ob er bereits vergessen hatte, was er mit Amelia bezüglich unseres Gesprächs vereinbart hatte? »Aber vielleicht könnte mich Prinz Luca ein paar Meter durch den Palast begleiten. Du sagtest vorhin, ich dürfte ein wenig herumlaufen. Ich will das aber lieber nicht allein tun. Nur, falls mein Kopf auf einmal doch entscheidet, dass er lieber Pause machen möchte.«
Sarah zog die Augenbrauen hoch, schaute skeptisch zwischen uns hin und her. Für einen Moment glaubte ich, sie würde es mir verbieten. Doch dann gab sie nach – vermutlich auch, um Luca loszuwerden. »Von mir aus. Aber in einer halben Stunde bist du wieder hier, junge Dame. Unbeschadet, wenn ich bitten darf.«
»Ich gebe mein Bestes.« Ich lächelte ihr zu, bevor sie mir Platz machte. Kaum war ich in den Gang getreten, schloss sie die Tür hinter mir.
In der folgenden Stille warf ich Luca einen Blick zu. Er war ein Stück zurückgetreten, damit ich hinausgelangen konnte. Ansonsten zeigte er keinerlei Bereitschaft, mit mir ins Gespräch zu kommen. Allerdings trommelten seine Finger gegen seine Unterarme. War er etwa nervös? Oder einfach nur genervt?
»Amelia wollte, dass wir reden«, fing ich an, selbst unsicher, wie diese Unterhaltung laufen würde. Unser letztes direktes Aufeinandertreffen hatte in Vorwürfen und Tränen geendet. Seitdem hatten wir die Existenz des jeweils anderen weitgehend ignoriert.
Luca schaute mich noch immer nicht an. »Ja, das wollte sie.« Als daraufhin wieder Schweigen eintrat, ballten sich seine Hände zu Fäusten. »Verdammt, das wäre so viel einfacher, wenn sie dabei wäre.«
»Doch wäre es dann genauso ehrlich?«, tastete ich mich voran. Ich hatte eine Wahnsinnsangst davor, dass er mich erneut so angehen könnte wie zuletzt. Ich war zwar schon etwas resistenter gegenüber Vorwürfen geworden, jedoch kamen unschöne Erinnerungen schnell wieder hoch. Und Lucas Verhalten hatte Spuren hinterlassen, die mich immer noch die Finger in die Ellenbogen krallen ließen, um die unangenehmen Gefühle nicht heraufzubeschwören.
Luca betrachtete noch für ein paar Sekunden die Wände neben uns, dann stieß er ein Seufzen aus. »Na gut, lass uns ein paar Meter gehen. Dann können wir offen reden.«
Er drehte sich um und marschierte den Gang entlang. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.
Die Krankenstation lag in dem Teil des Palastes, den wir ohne Erlaubnis nicht betreten durften. Im Grunde befand sie sich zwischen den Zimmern der Kandidatinnen und den Gemächern der Angestellten. Um keinem dieser Teile – oder den Wachen – zu nah zu kommen, blieb Luca schon bald wieder stehen. Direkt an einem Fenster, das wie beinahe alle anderen den Garten im Blick hatte. Ich blieb gut zwei Meter von ihm entfernt stehen, die Distanz gab mir etwas Sicherheit.
Genau wie ihm, wie es schien.
»Falls du eine Entschuldigung hören willst, muss ich dich enttäuschen«, begann er, wieder einmal, ohne mich anzusehen. »Denn es tut mir nicht leid, meine Freunde beschützen zu wollen.«
»Das verstehe ich«, erwiderte ich vorsichtig. »Aber du hättest es etwas weniger offensiv tun können.«
»Offensiv?« Er überlegte kurz. »Ja, das bin ich wohl gewesen. Doch ich dachte, du hättest eine Lehre verdient. Damit du aufhörst, Stephan und Grayson gegeneinander auszuspielen.«
»Das habe ich nie getan!«, stellte ich klar, in Erinnerung die Worte des Rebellen, der mir Ähnliches gesagt hatte. Doch diese Situation hier stellte keine Bedrohung dar, ich konnte meine Gedanken aussprechen – auf diesen Unterschied musste ich mich konzentrieren.
Luca schien zu merken, dass er etwas in mir ausgelöst hatte, denn er warf mir über die Schulter einen Blick zu. Eine seiner Brauen war hochgezogen.
Ich schloss die Augen, um mich zu beruhigen. »Als wir dieses Testdate hatten, hatte ich mich längst entschieden.«
»Für denjenigen, bei dem du dachtest, bessere Chancen zu haben?«
»Für denjenigen, für den ich aufrichtige Gefühle entwickelt habe.« Ich schüttelte den Kopf, versuchte dabei, die Reibung des Verbands zu ignorieren. »Aber anscheinend hat das zu dieser Zeit noch keiner erkannt.«
Außer Stephan. Der mich quasi freigegeben hatte, damit ich mich voll und ganz auf Grayson konzentrieren konnte. Das mit Stephan und mir hatte sich erst später entwickelt, wieso dachten nur alle, ich hätte mit beiden gleichzeitig angebandelt?
Als ich aus meinem Gedankenwirrwarr auftauchte und die Lider hob, bemerkte ich, dass sich Luca zu mir umgewandt hatte. Er beobachtete meine Reaktionen, wie er es bei unserem Date schon getan hatte. Zu welchen Schlüssen er wohl diesmal kam?
»Du hattest dich wirklich in Grayson verliebt. Amelia hatte recht.« Während mir das Blut in die Wangen stieg, sprach Luca bereits weiter. »Du wolltest also sicherstellen, nicht wegen einem von uns anderen rausgeworfen zu werden. Aber war dabei deine Vorgehensweise nicht genauso offensiv wie meine?«
Ich presste die Lippen aufeinander, um nichts Falsches zu sagen. Wenn ich jetzt auf einmal damit kam, dass Daria mich dazu verleitet hatte, würde er mir kaum glauben. Nicht, nachdem ich das schon so lange verschwiegen hatte. Und nicht angesichts dessen, dass Daria diejenige gewesen war, die ihn darauf gebracht hatte, ich würde es mit den Prinzen nicht ernst meinen.
»Ja, wahrscheinlich war ich wohl ähnlich offensiv. Und ich bereue es«, entgegnete ich. »Jemanden so Speziellen gefunden zu haben, hat mich überfordert. Ich hatte Angst davor, ihn gleich wieder zu verlieren.«
»Das hätte Grayson nicht zugelassen«, behauptete Luca mit einer Überzeugung, die mich erstaunte angesichts von Graysons mangelndem Kampfeswillen. »Und Stephan wohl auch nicht, auch wenn er sich keine Chancen mehr bei dir ausgemalt hat. Dafür ist er einfach zu gutherzig.« Er durchbohrte mich mit seinem Blick. »Warum konntest du nicht vertrauen?«
Weil es mir jemand ausgeredet hat.
»Weil ich das Vertrauen in die Menschen verloren hatte.« Ich war nicht in der Lage, ihm während dieses Geständnisses ins Gesicht zu sehen. »Bereits vor dem Connecting.«
»Und jetzt hast du es wiedergefunden?«
»Ja, hier habe ich gelernt, dass nicht jeder einem etwas Böses will.«
»In dieser Hinsicht bist du mir wohl voraus.«
Nun musste ich ihn doch wieder anschauen. Lucas Gesichtsausdruck wies etwas Bitteres auf, als würde er mit Erinnerungen kämpfen.
»Als das Connecting startete, war ich noch ziemlich naiv. Mädchen aus unterschiedlichen Teilen der Welt kennenlernen, hier und da flirten. Zeit mit den anderen Prinzen verbringen, die eine ähnliche Vergangenheit hatten wie ich. Doch nichts davon hat sich bewahrheitet. Die anderen vier sind nicht so häufig aus dem Palast herausgekommen, haben vorher nicht so viel erlebt. Und die Mädchen haben mich von Anfang an nicht ernst genommen. In mir nur jemanden gesehen, neben dem sie glänzen können. An der Spitze eines Reiches am besten, mit einer Krone auf dem Kopf. Oder der ihnen einen guten Ruf beschert.«
»Wie Fleur?«, hakte ich nach. Denn obwohl mich all seine Offenbarungen auch interessierten – und teilweise schockierten –, musste ich doch als Allererstes wissen, warum er mich so behandelt hatte. Und Amelia hatte angedeutet, das Mädchen aus meinem Reich hätte damit etwas zu tun.
»Sie hat mich erpresst, nicht ich sie«, stellte Luca klar. »Wir hatten während einem meiner geheimen Ausflüge mit meiner Familie, bei dem ich mich als jemand anderes ausgegeben habe, etwas miteinander. Auf dem Weingut ihrer Eltern, auf das die Königin und der König des Südreiches eingeladen waren. Damit sie niemandem erzählt, was ich vor dem Connecting so getrieben habe, sollte ich sie möglichst lange im Wettbewerb halten und ihr einen perfekten Ruf garantieren. Damit sie nach der Veranstaltung alle Chancen hätte, die sie wollte. Vor allem, von ihrer Familie weggehen zu können.«
»Dafür hätte sie dich aber doch nicht so benutzen müssen. Ich meine, wenn ihr euch kanntet, hätte sie vielleicht ahnen können, dass du Sympathie für sie hegst und ihr aus freien Stücken hilfst. Oder?« Unsicher schaute ich ihn an. Schätzte ich ihn nun völlig falsch ein? Aber er wollte stets seinen Freunden helfen, das hatte er selbst gesagt.
Auf einmal lachte Luca auf. »Vermutlich war ich in ihren Augen ein Arsch, weil ich sie ohne ein Wort verlassen hatte. Und als sie dann herausgefunden hat, dass ich auch noch ein Prinz bin, sie also belogen habe ... Tja, da ist ihr offenbar das Vertrauen in die Menschen abhandengekommen. Im Gegenzug hat sie mir meins genommen. Ausgleichende Gerechtigkeit und so.«
Darauf konnte ich nur schwer etwas erwidern. Aber das war auch nicht nötig, denn Luca fuhr schon fort.
»Wobei es nicht fair war, das alles an dir auszulassen. Im Grunde habe ich meine Ängste, dass jemandem Ähnliches wie mir passieren könnte, auf dich projiziert. Anstatt zu sehen, dass du bereits mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hast.« Er machte zwei Schritte auf mich zu. »Dass ich dir Unrecht getan habe, tut mir leid, Jillian. Ich hoffe, wir können zumindest Frieden schließen.«
»Meinst du es wirklich ernst mit Amelia?«, fragte ich, bevor ich ihm irgendetwas zugestand. »Ich will nicht, dass sie verletzt wird.«
»Ich würde ihr nie absichtlich wehtun. Sie hat stets versucht, mehr über mich als Person zu erfahren. Hat nie nur das Äußere oder den Prinzen gesehen. Das ist das Wertvollste, das sie mir geben konnte.«
»Und dafür liebst du sie?«, traute ich mich zu fragen.
Luca kratzte sich verlegen am Hinterkopf. »Vielleicht. Wer weiß. Es ist noch zu früh, um das zu sagen.«
»Aber nicht zu früh, um ihr einen Antrag zu machen?«, konterte ich. Es war erstaunlich, wie leicht man auf normale Weise mit Luca reden konnte. Ich hatte es ja schon ansatzweise beim Testdate bemerkt, dass er auch ein angenehmer Zeitgenosse sein konnte. Jetzt wurde mir jedoch erst bewusst, was für ein Mensch wirklich hinter seinem attraktiven Äußeren steckte. Anscheinend hatte ich ihn ebenfalls in eine falsche Schublade gesteckt.
»Zu einem Antrag ist es nicht gekommen«, stellte Luca klar. »Aber du brauchst gerade reden. Wie weit seid Stephan und du inzwischen gegangen?«
»Wir sind nicht ... Ich meine ...«, stammelte ich, woraufhin Luca lachen musste.
Doch er wurde schnell wieder ernst. »Jetzt mal im Ernst. Wenn du mich fragen darfst, wie ernst es mir mit Amelia ist – dann muss ich auch fragen, wie ernst es dir mit Stephan ist. Schließlich hast du vor wenigen Minuten zugegeben, dich in Grayson verliebt zu haben.«
»Es ist ... kompliziert«, gab ich zu. »Gefühle gehen natürlich nicht von heute auf morgen weg. Aber zwischen Stephan und mir, da ist etwas, das uns beide hoffen lässt. Auf eine glückliche Zukunft.«
Luca musterte mich daraufhin noch einmal ganz genau. Als würde er versuchen, zu durchschauen, was ich wirklich empfand. Doch da ich das selbst nicht genau sagen konnte, würde er wohl kaum eine Antwort finden. Darum hielt ich seinem prüfenden Blick stand.
Und bestand damit endlich mal einen seiner Tests.
»Na gut. Ich werde mich nicht mehr einmischen. Das hat keinem von euch bisher Glück gebracht.« Er streckte mir die Hand hin. »Ich hoffe, damit haben wir alles geklärt.«
Ich betrachtete erst die dargebotene Friedensgeste, dann blickte ich Luca noch einmal in die dunklen Augen. Auf mich wirkte es so, als ob er mir gegenüber aufrichtig gewesen wäre. Und er wollte sich trotz seiner offensichtlichen Zweifel nicht mehr einmischen. Das war vermutlich eine Überwindung für ihn. Die er jedoch in Kauf nahm – um Amelias und womöglich auch ein bisschen meines Seelenheils wegen.
Insofern gab es nur eine richtige Antwort.
Ich schloss meine Finger um seine. »Ja, schließen wir Frieden.«
Die Anspannung, die nach diesem Gespräch von mir abfiel, brachte eine gewisse Erschöpfung mit sich. Darum blieb ich den restlichen Tag über allein in meinem Zimmer auf der Krankenstation. Dass Amelia keinen Besuch empfangen wollte, machte mir Sorgen, doch ich würde mich nicht gegen ihre Wünsche stellen – egal, wie leicht es mir gefallen wäre, schnell von einem Raum in den nächsten zu huschen.
Am nächsten Morgen nahm mir der Arzt den Verband ab und entließ mich aus seiner Obhut. Ich war froh, zu meinen Freundinnen zurückkehren zu können. Obwohl es nach den Ereignissen mit den Aufrührern nicht einfach werden würde, zur Normalität überzugehen. Welche Spuren hatte der Angriff wohl bei den anderen hinterlassen? Ob sie auch damit kämpften, die Ereignisse zu verdrängen?
Gerade als ich das Krankenzimmer verließ, begegnete ich allerdings einer Person, der ich nicht über den Weg laufen wollte. Daria kam in die Station hereinmarschiert, ihre blanken Arme zierten blaue Flecken und sie hatte eine genähte Platzwunde im Gesicht. Schlagartig fiel mir wieder ein, dass Stephan erzählt hatte, die Rebellen hätten Daria nachgejagt. Dass sie sie allerdings erwischt hatten, war mir nicht bewusst gewesen. Vor allem angesichts meiner Vermutungen, dass sie vielleicht dazugehörte zu der ganzen Rebellion, war die Situation reichlich merkwürdig.
Sie ließ den Blick kurz über mich schweifen, bevor sie an mir vorbeilief, als wäre ich gar nicht da. Obwohl ich lange Zeit wütend auf sie gewesen war und ihre Taten nie vergessen würde, konnte ich sie nicht einfach so gehen lassen. Genau wie damals beim Raketenangriff wollte und brauchte ich Antworten.
»Daria ...«, fing ich an, da unterbrach sie mich schon.
»Spar es dir, Jill.« Sie blieb stehen, drehte sich langsam zu mir um. »Ich will nicht mit dir reden.«
»Ich wollte doch nur ...«
Wieder unterbrach sie mich, diesmal noch harscher. »Verstehst du es wirklich nicht oder tust du nur so?« Als ich sie nur erschrocken ansah, kniff sie die Augen zusammen. »Dass du hier gelandet bist, zeigt es doch deutlich: Du bist ein perfektes Mädchen. So wie ich. Oder sollte ich eher sagen: So wie ich es gewesen bin?«
»Was meinst du?« Abgesehen von mir und meinen Freundinnen wusste doch keiner von Darias wahrem Charakter. Warum sprach sie also in der Vergangenheitsform?
Daria schüttelte verständnislos den Kopf. »Du hast mir den Rang abgelaufen! Ich war die perfekte Frau! Die perfekte Kandidatin! Ich habe nie etwas falsch gemacht. Und dann kommst du daher mit deiner Unsicherheit und deinen Fehlern ... und weckst in allen den Beschützerinstinkt. Und den Stolz, wenn sie sehen, wie du dich veränderst. Du hast sie alle um den Finger gewickelt – indem du Emotionen in ihnen geschürt hast. Was für eine einfallslose und doch gleichzeitig so wirksame Strategie, ohne dass du sie dir je zurechtlegen musstest. Weil bei dir alles natürlich kommt.«
Ich hatte Daria noch nie schreien hören und auch jetzt tat sie es nicht. Aber sie war bedrohlich nah dran. Genau wie an mir, als sie auf einmal ein paar Schritte auf mich zumachte, sodass ich zu ihr aufsehen musste.
»Weißt du, wie schwer es ist, immer perfekt zu sein?«, flüsterte sie, was das Ganze noch bedrohlicher wirken ließ. »Wahnsinnig schwer. Vor allem, wenn du dann auch noch erkennen musst, dass dir ein emotionales, kleines Mädchen deine Pläne durchkreuzt. Du hast es überhaupt nicht verdient, von allen gemocht zu werden. Denn du hast nichts dafür getan.« Bevor ich ihr widersprechen konnte, redete sie schon weiter. »Ich hingegen habe alles so gemacht, wie es erwartet wurde. Sogar noch besser. Und du kannst dir sicher sein, dass ich nicht zulassen werde, dass du gewinnst. Denn du liebst ihn nicht, egal, wie sehr er sich das wünscht. Deshalb wird er am Ende mich wählen.«
Damit wandte sie sich von mir ab und verschwand in einem der Krankenzimmer. Ich blieb stocksteif stehen, zu schockiert, um mich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Allerdings nicht wegen ihrer Vorwürfe, nicht wegen ihrer Drohung. Nein, es war der Ausdruck in ihren Augen, der mich aus der Bahn warf. Denn so viel Wut und Hass ich darin erkannt hatte – da war auch Angst zu sehen gewesen. Nicht vor der Niederlage an sich. Sondern davor, Stephan an mich zu verlieren.
Was wiederum mir eine wahnsinnige Angst machte. Wenn Daria aufrichtige Gefühle für ihn hegte und er sich wider Erwarten deshalb doch für sie entscheiden würde ... ohne davon zu wissen, zu was sie fähig war, zu welchen Taten sie ihre Gefühle trieben – das wäre fatal. Erst recht mit der Unklarheit, ob sie vielleicht seit jeher im Auftrag der Rebellen handelte. Hatten sie sie deshalb so zugerichtet? Weil sie sich entgegen der Pläne in ihr Zielobjekt verliebt hatte? Immerhin hatten sie auch mich bestraft, weil ich mich nicht mehr zu ihren Gunsten verhielt.
Mist, da waren viel zu viele Fragezeichen. Darum durfte ich keinesfalls zulassen, dass sich Stephan am Schluss für Daria entschied – und mit nichts als lauter bitteren Wahrheiten dastand.
Den restlichen Tag über tauschten meine Freundinnen und ich uns über die Ereignisse aus. Da Aurora den Wettbewerb verlassen hatte und Amelia auf der Krankenstation weilte, war unsere Clique in sich zusammengeschrumpft und in gedrückter Stimmung. Zwar waren Jessica, Lena und Wiktoria nicht von den Rebellen erwischt worden, sondern rechtzeitig in die Schutztunnel gelangt, aber allein das Wissen um den Angriff und deren Gründe belastete auch sie.
Dass sich Jessica und Lena andauernd musternde Blicke zuwarfen, ließ die Stimmung noch angespannter werden. Erst später erfuhr ich durch Einzelgespräche, was los war: Ondrej hatte auf den Dates beide geküsst. Und jetzt wusste erst recht keine mehr, wo sie stand.
Da ich Ondrej als jemanden einschätzte, der nur so weit ging, wenn er echte Gefühle für jemanden hegte, musste er wirklich in einer Zwickmühle stecken. Ich konnte beim besten Willen nicht sagen, für wen er sich am Ende entscheiden würde.
Diese Komplikation wurde Grayson abgenommen. Ihm blieb nur noch eine Wahl. Und das bereitete mir Bauchschmerzen. Zu gerne würde ich noch einmal mit ihm reden, mir versichern lassen, dass er tatsächlich in Fanni verliebt war. Dass er glaubte, sie wäre die Richtige für ihn. Mir würde das auf jeden Fall wehtun, aber immerhin hätte ich dann die Sicherheit, dass er glücklich werden könnte.
So wie ich. Mit Stephan. Mit dem ich auch dringend sprechen musste, nur war keiner der Prinzen für uns greifbar. Und nach dem Abendessen erfuhren wir durch Sergiu, woran das lag.
»Meine Damen, da durch diesen schamlosen Angriff alles durcheinandergewirbelt wurde, muss ich Ihnen eine Ankündigung machen.« Der Chefmoderator des Connectings ließ seinen Blick über uns schweifen. »Eigentlich war für diese Woche vorgesehen, dass Sie die Majestäten offiziell kennenlernen. Da die politische Situation jedoch angespannt ist, müssen wir leider umplanen. Darum werden lediglich die Königinnen zu Besuch kommen. Und das schon morgen, damit es niemand Unerwünschtes erfährt.«
Wir konnten uns alle nur schockierte Blicke zuwerfen. So kurz nach diesem Schreck mussten wir uns einer solchen Herausforderung stellen?
»Durch diese Kurzfristigkeit können wir Sie leider nicht in die Planungen miteinbeziehen«, fuhr Sergiu fort. »Aber Sie können trotzdem etwas beitragen. Die Königinnen haben sich auf einen Cocktail-Empfang geeinigt. Da Sie alle unter zwanzig Jahre alt sind, werden diese natürlich alkoholfrei sein. Damit wir Ihnen jedoch trotzdem eine Freude bereiten können, darf jede von Ihnen einen eigenen Cocktail zusammenstellen. Diese werden dann morgen Abend serviert. Aus gegebenem Anlass dürfen Sie sich nun in die Küche begeben und sich ausprobieren. Unser Personal steht Ihnen natürlich zur Seite. Ich werde Ihnen dann morgen nach dem Frühstück alles Weitere erläutern. Viel Spaß.«
Damit überließ er uns einem der Küchenchefs, der uns in sein Reich dirigierte. Wir hatten gar nicht viel Zeit zum Nachdenken oder Sorgenmachen, da wir mit Zutaten und Erklärungen bombardiert wurden. Die Ablenkung kam mir zwar gelegen, dennoch musste ich ständig daran denken, wem ich morgen begegnen würde.
Den Königinnen! Meinen Vorbildern. Den Frauen, die das repräsentierten, was ich mein ganzes Leben hatte sein wollen. Vor allem Königin Whitney, Stephans Mutter, war ein entscheidender Faktor gewesen, der meine Träume beeinflusst hatte. Ihr bald persönlich gegenüberzustehen – das war beängstigend! Vor allem angesichts dessen, dass ich Gefühle für ihren Sohn hegte. Dass ich vielleicht sogar ihre Schwiegertochter werden würde ...
Oh Gott. Der morgige Tag würde ein Ereignis werden.
Die Aufregung stieg mit jeder Stunde, die nach dem Aufwachen verging. Ich wusste gar nicht mehr, wo oben und unten war, während ich Kleider anprobierte, Sonya an mir Frisuren testete und währenddessen von ihrem letzten Date mit Arnd schwärmte. Sie hatten lediglich im Speisesaal der Bediensteten ein Candle-Light-Dinner gehabt, nachdem alle anderen mit dem Abendessen fertig gewesen waren. Dennoch war sie so begeistert gewesen, wie viel Mühe sich Arnd gemacht hatte, dass sie ihm gleich zu Beginn um den Hals gefallen war. Typisch Sonya. Aber der Kameramann schien damit kein Problem gehabt zu haben – letztendlich hatten sie sich am Ende des Abends sogar geküsst.
Ich gönnte den beiden von Herzen, dass es mit ihnen funktionierte. Andererseits beneidete ich meine Zofe auch darum, wie einfach es sein konnte. Woran lag es bei mir, dass ich so viele Schwierigkeiten hatte, meinen Traummann zu finden? An meiner Unsicherheit? An meiner Unerfahrenheit? An der Konkurrenzsituation? Oder daran, dass ich es mit potenziellen Thronfolgern zu tun hatte?
Grübeleien über Grübeleien, die mich zumindest etwas von der anstehenden Begegnung ablenkten.
Im Gegensatz zu Jessica, die mal wieder schweigsam war. Zu schweigsam. Was durch Amelias Abwesenheit noch mehr auffiel.
»Alles in Ordnung bei dir?«, wollte ich von ihr wissen, als unsere beiden Zofen hinausgeeilt waren, um die ausgewählten Kleider noch etwas anzupassen. »Machst du dir Sorgen, dass Ondrejs Mutter dich nicht mögen könnte?«
»Auch«, entgegnete sie vage, was mich darauf schließen ließ, dass es noch ein anderes Problem gab.
»Ist es wegen Lena?« Ich ließ mich auf mein Bett sinken, was eine richtige Erholung darstellte, nachdem ich die ganze Zeit bei der Anprobe herumgestanden hatte. »Glaubst du, dass sich Ondrej für sie entscheiden wird?«
Jessica kaute auf ihrer Unterlippe herum, konnte mir nicht in die Augen schauen. Ich ließ ihr Zeit zum Nachdenken, wollte sie zu nichts drängen. Sie sollte sich mir nur offenbaren, wenn sie es wollte.
Doch gerade als Jessica den Mund aufmachte, wurde die Tür zu unserem Zimmer geöffnet – und Amelias Zofe kam herein. Mit Amelia im Schlepptau.
»Hey!« Ich sprang sofort wieder auf, blieb dann allerdings stehen, unsicher, wie sie auf mich reagieren würde. Immerhin hatten wir uns das letzte Mal gesehen, als die Aufrührer uns durch die Gänge des Palastes gejagt hatten.
Amelia sah zuerst zu Jessica, dann zu mir. Ihr gequälter Ausdruck löste sich in Luft auf und machte den Weg frei für Tränen. Mit schnellen Schritten kam sie auf mich zu und warf sich mir in die Arme. Die Situation war etwas merkwürdig, da normalerweise ich diejenige war, die getröstet werden musste. Abgesehen davon war Amelia mindestens zehn Zentimeter größer als ich. Trotzdem strich ich ihr beruhigend über den Rücken, wobei ich ihre Knochen spürte. Das war definitiv neu, auch wenn ich sie als eher zierliche Person kennengelernt hatte. Anscheinend hatte sie in den letzten Tagen nicht viel gegessen.
»Schon gut«, wisperte ich ihr zu, ein wenig überfordert. »Du bist in Sicherheit. Niemand wird dir mehr etwas antun.«
»Ich weiß. Aber ich kann es einfach nicht vergessen, wie der Mann mich festgehalten hat«, flüsterte sie, ihre Stimme klang rau, als hätte sie nicht viel geredet in der letzten Zeit. »Und dann ... dann haben sie ihn einfach erschossen. Da war Blut, so viel Blut ... Es war grauenvoll.«
Mir stieg automatisch der metallische Geruch in die Nase, der von dem toten Wachmann ausgegangen war. Der mich gelähmt und am Wegrennen gehindert hatte. Ich atmete schnell aus, um diese Imagination zu vertreiben.
»Doch sie haben dir nichts getan, oder?« Ich lockerte den Griff ein wenig, damit ich Amelia ins Gesicht sehen konnte. Abgesehen von den Spuren, die ihre Emotionen in ihrem Ausdruck hinterließen, waren keine Verletzungen zu erkennen. Auch nicht am Hals oder an ihren Armen.
»Ich bin glimpflich davongekommen. Das haben alle auf der Krankenstation immer wieder gesagt.« Sie wandte den Blick ab. »Der Schaden ist woanders angerichtet worden.«
»Das wird wieder.« Ich lächelte sie an. »Wir stehen dir bei. Jessica, Lena, Wiktoria und ich, wir sind für dich da. Und Luca wird nicht zulassen, dass dir je wieder etwas passiert.«
Als sie daraufhin den Blick abwandte, bekam ich ein ungutes Gefühl. Sie würde doch jetzt nicht aufgeben, nur weil ein paar Aufrührer dachten, sie hätten das Recht, alles infrage zu stellen?
Da wurde mir bewusst, dass mir beinahe dasselbe passierte. Dass ich das tat, was sie von mir verlangten – Stephan zu vergraulen. Doch ich würde ihnen nicht erneut in die Karten spielen. Nein, es war meine Aufgabe als Kandidatin des Connectings, sie am Gewinnen zu hindern. Meine und die von allen anderen Mädchen.
»Amelia.« Ich nahm ihre Hände in meine. »Hör mir zu. Du darfst dir nicht alles ruinieren lassen. Ich weiß, dass es schwer ist, das zu verarbeiten. Mir haben die Rebellen auf den Kopf zugesagt, ich hätte ihnen geholfen! Nur um mich dann brutal daran zu erinnern, dass ich mich zuletzt nicht zu ihren Gunsten verhalten habe. Alles, um mich zu verunsichern. Und ich habe das zugelassen. Ich hoffe, dass ich dadurch nicht alles kaputt gemacht habe. Denn ich will nicht mehr zweifeln. Was du auch nicht solltest. Luca liebt dich, das hat er vor mir quasi zugegeben. Lass bitte nicht zu, dass ein blöder Angriff eure beiden Herzen bricht.«
Überrascht von meinem Wortschwall starrte sie mich an. Dann traten wieder Tränen in ihre grünen Augen und sie umarmte mich erneut. »Danke, Jill. Für deinen Trost, für deinen Zuspruch und dafür, dass du anscheinend mit Luca geredet hast. Danke, danke, danke!«
»Du hast mir beigestanden, als ich ganz unten angekommen war. Jetzt tue ich dasselbe für dich.« Ich schielte zu Jessica hinüber, die uns schweigend beobachtete. »Für euch alle, wenn es nötig ist.«
Über Jessicas Lippen huschte daraufhin ein Lächeln.
»Apropos alle.« Amelia ließ mich los und schaute zwischen Jessica und mir hin und her. »Was ist mit Aurora? Du hast sie in deiner Aufzählung von eben gar nicht erwähnt.«
»Sie ist gegangen«, erklärte ich, während ich mich wieder auf mein Bett sinken ließ.
»Oh, Jill!« Amelia setzte sich neben mich und legte mir eine Hand auf den Arm. »Das tut mir leid.«
»Sie war ja nicht bloß meine Freundin. Wahrscheinlich wird sie uns allen fehlen.«
»Das war es nicht, was ich meinte.« Als ich als Antwort nur auf meiner Unterlippe herumkaute, fuhr Amelia zögernd fort. »Du solltest noch mal mit Grayson reden. Jetzt könnte es wichtiger denn je sein.«
»Nein«, sagte ich so bestimmt, wie ich nur konnte. Obwohl ich selbst nichts lieber täte, um von ihm zu hören, dass er zufrieden war. »Ich habe darüber nachgedacht, es zu tun, aber Stephan soll nicht glauben, dass ich an uns zweifele.«
Nicht noch mehr zumindest.
»Okay. Wenn du meinst.« Amelia strich mir erneut über den Unterarm, dann wandte sie sich an ihre Zofe, die mit den Vorbereitungen für die Anprobe längst fertig war.
Während ich Amelia dabei beobachtete, wie sie das perfekte Kleid für den Cocktail-Empfang suchte, dabei immer wieder tief durchatmete und sich darum bemühte, nicht zu zittern, kämpfte ich gegen die Zweifel. Wann würde es endlich aufhören, dass man Grayson und mich miteinander in Verbindung brachte? Noch bevor oder erst nachdem wir beide jemand anderen geheiratet hatten? Denn das würde passieren. Es gab nur diesen einen Weg. Und wir hatten uns beide dafür entschieden, ihn zu gehen.
Wir standen alle aufgereiht im Speisesaal neben dem kleinen Podium und warteten darauf, dass die Königinnen eintrafen. Auch das Personal, das sich heute um die Cocktails kümmern würde, wartete hinter der Theke und hatte den Blick auf die Eingangstüren gerichtet. Das Warten war kaum auszuhalten, ich schaute ständig hin und her, mal zu den Fenstern, mal zu meinen Freundinnen. Außerdem zupfte ich an meinem Kleid herum, das wunderschöne Spitzenverzierungen an der Brust und an den Trägern besaß. Diese waren außerdem mit kleinen Kristallen besetzt, sodass es nur so glitzerte – und damit die neutrale graue Farbe aufregender wirken ließ. Nach unten hin fiel es ähnlich wie ein Vorhang, wenn man ihn zusammenschob. Diese Schlichtheit bildete jedoch einen guten Kontrast, wie ich fand. Darum hatten Sonya und ich auch dieses Kleid ausgewählt. Es war wunderschön und doch nicht zu imposant. Perfekt, um einer Prinzessin würdig zu wirken.
Als die Saaltüren schließlich geöffnet wurden, verrenkte ich mir fast den Hals, um etwas zu sehen. Ausnahmsweise waren heute keine Kameras anwesend, es sollte nicht gesendet werden, dass die Königinnen hier waren. Man wollte kein Risiko eingehen, dass die Aufrührer das ausnutzten.
Ich war ganz froh darüber, dass dieser Abend unter uns blieb. Unter uns Kandidatinnen und den Königinnen, denn auch die Prinzen würden nicht anwesend sein. Es sollte keine Beeinflussung geben, wir mussten uns selbst im besten Licht erscheinen lassen.
Im besten Licht stolzierte auch Sergiu herein. Er lief zum Podest und blieb dort stehen, den Blick auf uns gerichtet. »Verehrte Damen, bitte begrüßen Sie mit mir nun angemessen die ranghöchsten Frauen unserer fünf Reiche. Königin Whitney des Zentralreiches. Königin Ida des Ostreiches. Königin Laura des Nordreiches. Königin Carmen des Westreiches. Und Königin Karla des Südreiches.«
Wir verfielen alle in einen Knicks, sodass wir gar nicht wirklich sehen konnten, wie die fünf hereinkamen. Einzig und allein das Klackern von Absätzen verriet uns, dass das gerade passierte.
Als Stille einkehrte, war das erst einmal ein sehr unangenehmes Gefühl. Es fühlte sich so an, als ob wir unter die Lupe genommen wurden – hilflos ausgeliefert dem Urteil der Majestäten.
»Bitte kehren Sie in eine aufrechte Haltung zurück, liebe Kandidatinnen«, erlöste uns schließlich eine Stimme. Ich konnte sie nicht zuordnen, nicht einmal, als ich mich aufrichtete.
Wie magisch angezogen starrte ich die Frauen an, die uns in einigen Metern Entfernung gegenüberstanden. So stolz und prächtig gekleidet, wie ich sie aus dem Fernsehen kannte. Nur dass man ihre königliche Präsenz in diesem Moment überdeutlich spüren konnte. Es war beinahe einschüchternd, denn ihre Gesichter verrieten nichts über ihre Emotionen.
