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Die erste Woche des Connectings ist vorüber und Jill ist froh, vorerst im Palast der Einheit bleiben zu dürfen. Aber der Wettkampf um die Gunst der fünf Prinzen wird mit jedem Tag härter. Vor allem, seitdem sich das Misstrauen seinen Weg hinter die Mauern gebahnt hat. Als Jill endlich die ersehnte Aufmerksamkeit erhält, scheint sich jedoch alles zum Guten zu wenden. Ist es also doch möglich, hier mehr zu verlieren als die Chance auf eine Krone – nämlich sein Herz?
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Seitenzahl: 218
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Kate Lillian
Wünsche dir die Liebe
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Das Buch
Widmung
Es war einmal ...
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Danksagung
Das Connecting geht in die heiße Phase über ...
Autorenvita
Impressum neobooks
Für alle, die noch auf der Suche nach der Liebe sind
– glaubt daran, dass es sie gibt
Mein Leben war stets von der Angst geprägt, Menschen zu nahe an mich heranzulassen. Zu sehr fürchtete ich mich davor, verletzt zu werden – oder andere zu verletzen.
Das führte allerdings dazu, dass ich stets allein war. Nur meine Eltern gaben mir die Liebe, die ich brauchte, um durchs Leben zu gehen. Trotzdem, oder gerade deshalb, fühlte ich mich oft wie ein Außenseiter. Wie jemand, der nicht dazugehörte. Wie jemand, der die Gesellschaft anderer nicht verdiente. Irgendwann wollte ich sie auch nicht mehr.
Doch seit der Verkündung hat sich vieles geändert. Ich habe gelernt, dass man seine Träume verfolgen muss, wenn sich die Chance dazu bietet. Egal, welche Hindernisse den Weg blockieren, man darf ihnen nicht ausweichen und sich zurückziehen. Man muss sich mit ihnen auseinandersetzen, wenn man sie überwinden will. Und es gibt noch viele Hindernisse, die ich überwinden muss, wenn ich meine Träume wahr machen will.
Bevor ich mich ihnen stellen kann, hat sich aber etwas zu ändern: Ich darf nicht länger unsichtbar bleiben. Wenn ich unsichtbar bin, werde ich nie meine Ziele erreichen. Ich werde nie eine Krone gewinnen. Und ich werde nie die Liebe meines Lebens finden.
Seit der ersten Entscheidung war kaum ein halber Tag vergangen, doch mir war bereits klar, dass ich nicht in die Vergangenheit blicken durfte. Ich musste meinen Fokus nach vorne richten, auf die Zukunft. Und ich musste mich dringend davon ablenken, wie der gestrige Abend geendet hatte. Darum hatte ich eine Entscheidung getroffen, die mir hoffentlich dabei helfen würde, mich auf den Wettbewerb zu konzentrieren – und aufzufallen.
Nur weigerte sich meine Zofe leider, das zu akzeptieren.
»Nie und nimmer, vergiss es, Jill.« Sonya stand mit verschränkten Armen hinter mir und schaute mich durch den Spiegel hindurch vorwurfsvoll an. »Das mache ich nicht. Keinesfalls.«
»Bitte, Sonya! Das ist wirklich wichtig für mich.« Ich setzte den Hundeblick auf, der bei meinem Vater immer funktionierte.
Bei Sonya schien er jedoch wirkungslos zu sein. »Das ist eine Schnapsidee! Wie kommst du denn bloß auf so was?«
Ich drehte mich auf dem Stuhl um, sodass ich sie direkt angucken konnte. »Es würde mein Selbstvertrauen stärken.« Ich zögerte einen Moment, bevor ich hinzufügte: »Und es würde mir ein wenig Aufmerksamkeit bringen.«
Sonyas Miene wurde etwas weicher. »Die bekommst du doch auch so noch. Bestimmt! Du musst nur mal den Mund aufmachen.«
Sagte die, die kaum ein anständiges Wort herausbrachte, wenn Autoritätspersonen anwesend waren oder wenn sich eine Kamera auf sie richtete. Sie sollte eigentlich wissen, wie schwierig es sein konnte, sich richtig zu artikulieren.
»Das ist nicht so einfach für mich«, versuchte ich, sie zu überzeugen. »Das Wort zu ergreifen oder mich spontan in ein Gespräch einzumischen, fällt mir wahnsinnig schwer.«
»Aber mit mir redest du doch gerade auch ganz normal«, entgegnete Sonya. »Wo liegt also das Problem?«
»Wir zwei sind ja auch allein.« Ich warf einen kurzen Blick zu den drei leeren Betten, die meinen Zimmergenossinnen gehörten.
Fabienne und Amelia nutzten das Erholungsangebot, das uns an unserem freien Tag zur Verfügung stand. Massagen, Mani- und Pediküre, Yoga ... Ich wusste selbst nicht, was man alles organisiert hatte, um die Kandidatinnen bei Laune zu halten. Und um sie von den Drohungen abzulenken, die uns alle unvorbereitet erwischt hatten.
Daria hatte erst vor einigen Minuten den Raum verlassen, um mit Fanni im Garten ein paar Runden zu joggen. Sie hatte mich gefragt, ob ich mitkommen wollte, aber ich hatte abgelehnt. Nicht nur wegen meines Vorhabens, sondern auch, weil ich sportliche Aktivitäten grundsätzlich mied.
»Mit den Prinzen wirst du auch irgendwann allein sein«, behauptete Sonya. »Dann wird alles einfacher.«
»Momentan bin ich mir nicht sicher, ob ich es im Wettbewerb weit genug schaffen werde, damit das passiert.« Vielleicht konnte ich Sonya mit Ehrlichkeit überzeugen und so ihr Mitgefühl wecken.
Für einen Augenblick schien es so, als ob die Strategie aufginge, aber dann seufzte Sonya. »Du bist so verdammt pessimistisch, Jill. Ein wenig positives Denk-«
»Positives Denken hilft mir nicht!«, unterbrach ich sie. Langsam nervte mich diese Diskussion. »Du würdest mir helfen, wenn du endlich das machen würdest, worum ich dich bitte. Dafür ist eine Zofe doch da, oder nicht?«
»Eigentlich bin ich dafür da, um dich hübsch zu machen, nicht um …«
»Verdammt, Sonya! Jetzt schneid sie endlich ab!« Ich griff nach der Schere, die meine Zofe vorhin auf den Schminktisch gelegt hatte – als sie noch geglaubt hatte, sie sollte mir nur die Spitzen schneiden. »Ich kann es auch selbst machen, aber dann wirst du beim nächsten Styling verzweifeln, weil alles krumm und schief ist.«
Sonya riss ihre blauen Augen auf, als ich die Schere aufschnappen ließ und mir die Klinge an die Haare hielt. Eilig packte sie mich am Handgelenk. »Schon gut, schon gut! Aber bitte leg die Schere weg!«
Ein triumphierendes Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, während ich ihr das Schneidewerkzeug gab. Mit Druck kam meine Zofe einfach nicht zurecht. Wäre mir das fünf Minuten früher eingefallen, hätte ich mir die Diskussion ersparen können.
Sonya schnappte sich den Kamm und fuhr durch meine nassen Haare. Beinahe wehmütig strich sie hindurch. »Bist du sicher? Ich meine, sie sind doch so schön lang.«
»Genau wie die der meisten Kandidatinnen.« Ich ließ nicht mit mir reden. »Ich muss herausstechen.«
»Na gut. Wenn du denkst, dass das die einzige Möglichkeit ist.« Sonya griff sich eine Haarklammer und steckte die obere Haarschicht auf der linken Seite weg, bevor sie die Schere einmal schnappen ließ. »Ich hoffe, das kostet mich nicht meinen Job.«
Ich schluckte. Und mich hoffentlich nicht meine Chance bei den Prinzen.
Eine gute halbe Stunde später ging die Tür auf und Daria betrat zusammen mit Fanni den Raum. Das Mädchen aus dem Ostreich plapperte wie immer, Daria hörte ihr zu. Als ihre Blicke jedoch zu mir wanderten, versiegte sogar Fannis Wortschwall – kurzzeitig zumindest.
»Ach, du heilige ...!«, stieß sie hervor. Mit schnellen Schritten lief sie auf meinen Schminktisch zu und betrachtete mich im Spiegel. »Was hat deine Zofe denn mit dir veranstaltet?«
»Nur, was sie wollte«, gab Sonya zurück. Sie stemmte sich auf den Stiel des Besens in ihrer Hand. »Mich trifft keine Schuld.«
»Sie wollte das? Echt?«, fragte Fanni, sichtlich erstaunt. Anscheinend war es ihr nicht ganz geheuer, dass ich Anweisungen gab. Oder fand sie meine Frisur so schrecklich?
Ich betrachtete mich unsicher im Spiegel. Meine mittelbraunen Haare reichten mir bis knapp unters Kinn und wiesen keinerlei Stufen mehr auf. Bis auf meinen herausgewachsenen Pony, der mir leicht seitlich ins Gesicht fiel. Hochsteckfrisuren würde man damit nicht mehr machen können, aber der Bob schmeichelte meinem rundlichen Gesicht, wie ich selbst fand.
Daria stellte sich auf meine andere Seite und legte mir eine Hand auf die Schulter. »Sieht doch hübsch aus.«
Dankbar lächelte ich ihr zu. Immerhin eine, die mir das Gefühl gab, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Fanni beugte sich zu mir hinab und musterte mein Spiegelbild. »Na ja, gut. So schlimm sieht das wirklich nicht aus. Wenn man kürzere Haare mag.«
»Eigentlich tue ich das.« Sonya fuhr sich durch ihren blonden Kurzhaarschnitt. »Aber ich hielt das trotzdem für keine gute Idee.«
»Wie kommst du denn eigentlich auf so was, Jill?«, wollte Fanni von mir wissen.
»Ich habe gehofft, das gibt mir etwas Selbstvertrauen.« Das war zwar nur einer der Gründe, aber ich konnte schlecht die ganze Wahrheit sagen. Denn wenn ich das mit dem Auffallenwollen erwähnte, würden mich die anderen Mädchen entweder als verzweifelt oder als manipulativ einstufen. Und ich wollte wahrlich nicht, dass sie in mir eine zweite Fabienne sahen.
»Also um diese Frisur zwischen all den langhaarigen Mädchen zu tragen, muss man auf jeden Fall Selbstvertrauen haben.« Fanni brachte sich wieder in eine aufrechte Position. Dann wandte sie sich an Daria. »Ich gehe mal duschen. Kommst du später noch mit in den Wellness-Bereich?«
»Ich glaube, da passe ich«, antwortete meine Zimmergenossin. »Aber genieß die Erholung.«
»Werde ich.« Fanni wandte sich in Richtung Tür. »Bis dann, ihr zwei.«
»Ich sollte auch gehen«, meinte Sonya. Sie hob die Kehrschaufel mit meinen Haaren auf und schnappte sich die Schere. »Wenn du mich das nächste Mal herbestellst, warne mich bitte vor, was du planst.«
Ich nickte und mit einem Seufzen verschwand Sonya aus dem Raum. Mein Blick wanderte erneut zum Spiegel, wo mir ein Mädchen entgegenschaute, das irgendwie ich war und doch auch wieder nicht.
»Bereust du die Entscheidung?«, wollte Daria wissen.
»Nein«, sagte ich nach einem kurzen Zögern. Es war wie mit meiner Entscheidung, mich für das Connecting zu bewerben. In den Augen anderer vielleicht falsch, aber für mich selbst die richtige Wahl.
Daria lächelte mir zu. »Manchmal sollte man auf sein Herz hören.«
Ich nickte. Ja, das sollte man wirklich. Vor allem, wenn es darum ging, seine Träume zu verwirklichen.
Als ich zum Abendessen hinunterlief, fühlte ich mich wie unter Beobachtung. Die anderen Kandidatinnen starrten mich an, als hätten sie mich noch nie gesehen. Manche sahen so aus, als wollten sie mich auf meine neue Frisur ansprechen, aber weil Daria an meiner Seite blieb, schienen sie sich nicht zu trauen. Sogar Fabienne stierte mich nur aus der Ferne an – wobei ich sicher war, dass sie sich spätestens nach der Rückkehr in unser Zimmer über mich lustig machen würde.
Jessica nickte mir dagegen anerkennend zu, als wir uns an unserem gewohnten Tisch niederließen. »Du hast kurze Haare. Finde ich gut.«
»Bestimmt nur, weil du damit nicht mehr allein im Kurzhaar-Club bist«, meinte Fanni und wedelte mit ihrer Gabel in Jessicas Richtung.
Die kniff die Augen zusammen, äußerte sich allerdings nicht zu dem Kommentar. Stattdessen wandte sie sich wieder mir zu. »Ich wette, damit fällst du den Prinzen nächstes Mal sofort auf. Ein kluger Schachzug.«
Fanni, die eben zu essen hatte anfangen wollen, hielt inne und betrachtete mich kritisch. Anhand ihres sich wandelnden Gesichtsausdrucks konnte ich erahnen, dass sie es nicht guthieß, wenn ich die Aufmerksamkeit auf mich zog – oder dass ich so berechnend handeln könnte.
Was in mir leider den dümmsten Gedanken überhaupt aufkommen ließ. Dachte sie jetzt etwa, ich wäre Teil der Aufrührer? Und ich würde mich nun wichtigmachen wollen – nur um später alles ins Chaos zu stürzen?
Doch dann lachte Fanni auf einmal auf. »Wahrscheinlich fragen sie dich, wie du auf diese dumme Idee gekommen bist!«
Einerseits atmete ich auf, weil sie mir nichts Böses unterstellte. Andererseits hätte ich mir ihre Worte beinahe zu Herzen genommen. Wäre ich mir nicht sicher gewesen, dass sie nur ihren Unmut zu kaschieren versuchte.
Weil ich nicht wollte, dass sie sich von mir ausgestochen fühlte, sagte ich lächelnd: »Wahrscheinlich.«
Fanni und Jessica sahen mich daraufhin mehr als überrascht an und sogar Caroline richtete ihren Blick auf mich. Das schüchterne Mädchen aus dem Südreich mischte sich selten in Gespräche ein, darum war ich es gewohnt, dass sie höchstens durch Mimik reagierte.
Einzig und allein Daria schien ihre Stimme nicht verloren zu haben. »Wenn sie das wirklich fragen würden, wären sie allerdings die Dummen. Immerhin bist du ja ein kluges Mädchen, wie sie aus der ersten Woche wissen. Und kluge Mädchen treffen keine dummen Entscheidungen.« Sie sah mich an. »Nicht wahr?«
Ich war vollkommen perplex wegen des indirekten Kompliments, das mir Daria mit ihren Worten machte. Darum stammelte ich bloß ein »Ähm, kann sein« als Antwort. Auch die anderen drei wirkten irritiert. Ihre Reaktionen bestätigten die Frage, die sich mir im Stillen stellte: Womit hatte ich mir Darias Anerkennung verdient?
Der restliche Abend verging ohne weitere Vorkommnisse. Sogar Fabienne hatte nur ein paar abwertende Sätze über meine neue Frisur auf Lager. Amelia dagegen überraschte mich mit einem Lächeln und einem erhobenen Daumen, sobald Fabienne sich abgewandt hatte. Ich erwiderte ihre Mimik, bevor ich dazu überging, die beiden zu ignorieren. Es war besser, wenn ich ihre Aufmerksamkeit nicht auf mich zog. Nachdem Fabienne es bereits geschafft hatte, ihre erste Zofe feuern zu lassen, wusste ich, zu was sie fähig war. Wenn sie es für nötig hielt, könnte sie bestimmt auch die Thronfolger so weit kriegen, andere Kandidatinnen aus dem Rennen zu werfen. Sie müsste ihnen ja nur glaubhaft versichern, dass ich Teil des Aufstandes war, der sich in den Reihen zusammenbraute. Dieses Risiko wollte ich wirklich nicht eingehen.
Beim Frühstück am nächsten Morgen kamen allerdings bereits andere Dinge auf mich zu, über die ich mir Sorgen machen musste. Denn der fernsehtechnische Leiter und gleichzeitig Chefmoderator des Connectings erwartete uns auf dem kleinen Podest im Speisesaal, im Gepäck mehrere Kameraleute. Arnd, der für das Zentralreich zuständig war und stets unsere Reporterin Mirjam begleitete, war dieses Mal nicht dabei. Aber so langsam erkannte ich auch andere Gesichter wieder. Im Merken war ich schon immer gut gewesen. Wahrscheinlich hatte mich das durch die erste Woche gebracht. Denn so hatte ich das nötige Wissen anhäufen können, das die Prinzen hatten testen wollen. Die Überraschung mit dem Punktesystem war nicht bei allen gut angekommen und ich fragte mich, ob es diese Woche fortgesetzt werden würde.
Sergiu schien es jedoch nicht darauf anzulegen, diese Frage zu beantworten. Nachdem sich alle auf ihre Plätze gesetzt hatten, sagte er: »Guten Morgen, meine Damen. Ich begrüße Sie recht herzlich in der zweiten Woche des Connectings. Neunzehn von Ihnen sind übrig geblieben und haben noch die Chance, die Herzen unserer Prinzen zu gewinnen. Leider können uns die fünf heute nicht beehren, da sie wichtige politische Angelegenheiten zu regeln haben. Doch ab morgen sind sie wieder für Sie da.«
»Mann, dabei haben wir sie gestern schon nicht gesehen«, beschwerte sich Fanni im Flüsterton. Und auch einige andere Mädchen gaben murmelnd ihren Unmut preis. Was ich überhaupt nicht verstehen konnte. Es hatte immerhin eine ernst zu nehmende Drohung gegen das Connecting gegeben – natürlich mussten sie sich damit befassen.
Sergiu unterband die lauter werdenden Geräusche durch ein Räuspern, bevor er fortfuhr. »Keine Sorge, wir können Sie auch ohne die fünf jungen Männer beschäftigen. Es liegt ohnehin in ihrem Interesse, was wir mit Ihnen vorhaben.« Er machte eine dramatische Pause, während er seinen Blick über uns schweifen ließ. »Unsere Prinzen suchen nicht nur intelligente Mädchen, die über die Geschichte der Modernen Welt informiert sind. Sie suchen auch nicht nur willige Bräute. Sie suchen jene, die es wert sind, Prinzessinnen zu sein. Königinnen zu werden. Darum werden Sie diese und nächste Woche auf Ihre herrschaftlichen und repräsentativen Qualitäten geprüft. Dazu bekommen Sie Unterricht in Etikette.«
Ich sah automatisch zu Daria hinüber. Ich war mir nicht sicher, was alles hinter diesen Tests stecken würde, doch seit unserer ersten Begegnung wusste ich, dass ihr Herrschaftlichkeit im Blut lag. Ihr Benehmen und ihre Ausdrucksweise waren stets tadellos. Wahrscheinlich würde sie zweimal in Folge an erster Stelle der Punkteliste stehen.
»Wir haben dafür die beste Lehrerin unserer fünf Reiche hergebracht. Sie kümmert sich auch um die Erziehung der Königskinder aus dem Südreich.« Sergiu deutete auf die Tür links von sich. »Begrüßen Sie mit mir Mrs. Violetta Davis.«
Allein anhand ihres Nachnamens konnte man erkennen, dass die Frau eine wichtige Persönlichkeit war. Nur Leute mit internationalen Beziehungen heirateten für gewöhnlich jemanden aus einem anderen Reich. Und ihr Nachname deutete auf einen Mann aus dem Nordreich hin, während ihr Vorname auf ihre südländische Herkunft verwies.
Diese sah man ihr auch an, als sie wie eine Königin in den Saal spaziert kam. Dabei trug sie weder ein aufwendiges Kleid noch viel Schmuck. Es waren vielmehr ihre aufrechte Haltung, ihr nach oben gerecktes Kinn und ihr offener Blick, die sie für ihren Job mehr als qualifiziert erscheinen ließen. Dazu waren ihre dunklen Haare hochgesteckt und auf ihrer spitzen Nase ruhte eine Brille mit breiten Rändern, was ihr einen strengen Ausdruck verlieh. Man musste einfach Respekt vor ihr haben, obwohl sie noch kein einziges Wort gesagt hatte.
Das behielt sie bei, während sie sich zu Sergiu gesellte. Es war schwer, den Blick von ihr abzuwenden, als der Mann seine Stimme erneut erhob. »Mrs. Davis wird Ihnen in der nächsten Zeit die verschiedensten Dinge beibringen. Die Unterrichtsstunden finden stets vormittags zwischen Frühstück und Mittagessen statt. Weil unsere Prinzen heute nicht anwesend sind, überlasse ich Ihnen die Damen den ganzen Tag.« Er sah kurz zu der dunkelhaarigen Frau hinüber, aber deren Fokus lag weiterhin auf uns. Sie nickte nur kaum merklich zur Bestätigung, sodass Sergiu seine letzten Worte wieder an uns Kandidatinnen richtete. »Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrem Training. Machen Sie uns stolz.«
Wir klatschten so lange, bis Sergiu den Speisesaal verlassen hatte. Dann gebot uns das deutlich hörbare Klackern eines Absatzes Einhalt. Sofort schweifte die Aufmerksamkeit zu Mrs. Davis, die sich scheinbar keinen Zentimeter bewegt hatte. Aber wer sonst hätte so ein lautes Geräusch absichtlich verursachen sollen?
»Ladys, das hier wird kein Zuckerschlecken«, verkündete unsere neue Lehrerin. Sogar ihre Stimme besaß einen herrschaftlichen Klang – voller Strenge und Freundlichkeit zugleich. »Ich habe die Aufzeichnungen der letzten Woche verfolgt und gesehen, dass wir bei manchen von euch ganz unten ansetzen müssen. Andere wiederum bringen bereits ein gewisses Maß an Etikette mit. Entweder weil sie es sich angeeignet haben oder weil sie einfach mit Talent gesegnet wurden. Das verschafft ihnen natürlich einen Vorteil. Aber wer weiß: Vielleicht entpuppt sich die ein oder andere von euch ja als Überraschung.«
Ihr Blick schweifte über die Tische hinweg, als suchte sie eben jene Kandidatinnen, denen sie das zutraute. Da landete ihre Aufmerksamkeit auf mir – und verweilte kurz dort. Glaubte sie wirklich, ich hätte das Potenzial, so zu werden wie sie? Allein dieser Moment gab mir die Hoffnung, es schaffen zu können. Doch dafür musste ich erst einmal meine persönlichen Barrikaden einreißen – und das würde ich.
Im Laufe des Tages stellte sich mir wiederholt die Frage, was eigentlich schwieriger war: meine Ängste zu überwinden oder die Etikette einzuhalten. Ich hatte immer gedacht, mein mangelndes Selbstbewusstsein würde mir in dem Wettbewerb im Weg stehen. Nun hegte ich die Befürchtung, dass mich das Benimmtraining in die Knie zwingen könnte.
Sich die ganze Zeit aufrecht zu halten, war schon schwer genug für mich – ich machte mich lieber klein –, aber dabei auch noch eine Servierplatte auf dem Kopf zu balancieren, war eine Unmöglichkeit. Meine Mutter hatte mir früher bei meinen Prinzessinnenspielchen immer ein Buch auf den Kopf gelegt. Das hatte zwar weniger Fläche, war jedoch auch schwerer und lag besser oben auf. Die Servierplatte dagegen war leicht und rutschte bei jeder winzigen Bewegung herunter. Bis ich es schaffte, fünf Minuten gerade zu sitzen, ohne dass mir ein Missgeschick passierte, brauchte ich gut zwei Stunden. Ständig lenkte mich ein Scheppern von meiner Konzentration ab. Jedes Zucken bedeutete jedoch, dass man von vorne anfangen durfte. Mrs. Davis achtete peinlichst genau darauf, dass wir die Stoppuhren, die sie uns überreicht hatte, vor jedem Versuch zurücksetzten. Bei wem ein Piepen ertönte, durfte zur nächsten Übung übergehen: fünf Minuten mit der Servierplatte auf dem Kopf stehen. Immerhin trainierte sie uns schrittweise und setzte nicht voraus, dass wir sofort hin und her liefen.
Nur wenige Mädchen schafften es an diesem ersten Tag zu dieser Station. Ich hatte den Eindruck, dass es auch diejenigen waren, die ihren Kopf immer viel zu hoch trugen – von Daria mal abgesehen. Aber Fabienne, Fleur und Tereza wirkten alle recht arrogant. Wobei Letztere meiner Meinung nach als Einzige das Recht dazu besaß. Schließlich war sie ähnlich klug wie Daria und ihre Ausdrucksweise war beinahe makellos. Vermutlich hatte Tereza auch gute Chancen auf ein Weiterkommen.
Nachdem mir die Platte im Stehen das achtunddreißigste Mal heruntergefallen war, blies Mrs. Davis mit ihrer Pfeife endlich zum Ende des Trainings. Ich war froh, als sie uns in den Speisesaal entließ. Die Halle im Keller des Palastes würde garantiert nicht zu meinen Lieblingsplätzen werden.
Wie sich herausstellte, war der Speisesaal im Moment auch nicht die bessere Wahl. Denn statt des Büffets, das sonst aufgebaut gewesen war, thronten bereits Geschirr und Besteck auf den Tischen. Und ich ahnte, was das bedeutete – unser Training war noch nicht vorbei.
»Ladys, setzt euch bitte auf eure Plätze.« Mrs. Davis, die unserem Tross gefolgt war, klatschte in die Hände. »Diese Woche werden euch die Prinzen leider nicht bei den Mahlzeiten beehren. Darum lehren wir euch solange, wie ihr gesittet esst. Wer also nächste Woche beeindrucken will, sollte gut aufpassen.«
Kaum dass ich auf meinem Stuhl saß, begutachtete ich die unterschiedlichen Bestecksorten und fragte mich, wie viele Gänge sie uns heute servieren wollten. Unser Mittagessen war zwar wegen den Balance-Übungen entsprechend klein ausgefallen, aber ich konnte unmöglich drei oder mehr Gänge in mich hineinschaufeln.
»Vor euch befinden sich verschiedene Werkzeuge, um eine Mahlzeit möglichst gesittet zu überstehen. Ich werde euch nach und nach erklären, was ihr wann verwenden dürft.« Mrs. Davis schritt langsam durch die Reihen. »Tut nur, was ich euch sage. Improvisation führt zu Fehlern und die wollen wir ja vermeiden.«
Sie klatschte ein weiteres Mal in die Hände und einige Kellner betraten den Saal. Sie trugen Flaschen mit sich herum, aus denen sie uns nun einschenkten.
»Normalerweise wird dem Ranghöchsten zuerst eingeschenkt und den Damen vor den Herren, aber das hat euch gerade nicht zu interessieren«, erklärte Mrs. Davis. »Weil ihr noch keine zwanzig seid, gibt es für euch natürlich keinen Wein. Demnächst werden wir mit Traubensaft üben, aber als Vorsichtsmaßnahme gibt es heute nur Wasser für euch.« Sie nahm eins der überschüssigen Gläser von dem Tisch, wo Fabienne mit ihrer – inzwischen geschrumpften – Clique saß. »Bevor ihr das Glas an die Lippen setzt, tupft euch mit euren Servietten den Mund ab. Ich will nirgendwo Lippenstiftflecken sehen.«
Nach kurzem Zögern griff ich nach der Serviette, die kunstvoll gefaltet auf dem Teller thronte. Ich entfaltete sie vorsichtig und folgte dann der Anweisung. Die rosafarbenen Flecken wirkten recht unschön auf der weißen Serviette und ich fragte mich, wie man die am besten verstecken konnte.
»Tupfen, nicht wischen«, tönte Mrs. Davis’ Stimme durch den Saal, woraufhin ich mich umschaute.
Unsere Lehrerin stand neben Wiktoria. Das Mädchen aus dem Ostreich hatte gestern noch recht glücklich gewirkt, weil einer der Prinzen sie in die zweite Woche geschickt hatte. Heute allerdings sah sie schon wieder so missmutig aus wie in den Tagen zuvor.
»Ja doch«, erwiderte sie und tupfte nun möglichst penibel über ihre Lippen.
»Um eure Ausdrucksweise kann ich mich heute nicht auch noch kümmern.« Mrs. Davis fixierte Wiktoria. »Aber grundsätzlich ist es besser, sich für unsittliches Benehmen zu entschuldigen.«
Glücklicherweise verstand Wiktoria den Wink. Sie legte die Serviette auf ihren Schoß und sagte an unsere Lehrerin gewandt: »Entschuldigung, Ma’am. Das wird nicht wieder vorkommen.«
»Gut.« Mrs. Davis lächelte zufrieden. Dann wandte sie sich wieder unserer gesamten Gruppe zu. »Angemessenes Verhalten ist für zukünftige Prinzessinnen enorm wichtig. Behaltet das stets im Hinterkopf, während ihr hier seid. Und nun weiter mit der Lektion.« Sie deutete auf die Serviette auf Wiktorias Schoß. »Genau das solltet ihr nun alle tun. Und am besten kaschiert ihr die eben hinterlassenen Flecken, indem ihr den Stoff entsprechend herumdreht.« Während wir ihrer Anweisung Folge leisteten, kontrollierte sie unser Tun. Als sie zufrieden war, kehrte sie zu dem Glas zurück, das sie während ihrer Runden zurück auf den Tisch gestellt hatte. »Wenn ihr trinkt, greift das Glas immer am Stil. Und nehmt nur kleine Schlucke ... Halt!«
Louise, die soeben ihr Weinglas zum Mund geführt hatte, hielt inne und blinzelte Mrs. Davis erstaunt an. Die deutete mit einem Finger auf sie.
»Man beginnt nie mit dem Trinken, bevor nicht auch die Speisen aufgetragen wurden«, erläuterte die Frau. »Ihr dürft die Gläser also nun alle wieder abstellen. Und das bitte ohne gegen die Teller zu stoßen!«
Während es trotz ihrer Aufforderung mehrmals klirrte, seufzte ich innerlich. Prinzessin zu sein, war offensichtlich viel schwieriger, als ich mir immer erträumt hatte.
Am Abend hatte ich Probleme mit dem Einschlafen. Rücken, Nacken und Schultern schmerzten, sodass ich keine bequeme Position finden konnte. Mir tat sogar der Bauch weh, weil ich diesen ständig angespannt hatte – oder kam das von den vielen unterschiedlichen Speisen? Ich war mir nicht ganz sicher.
Unsere Einführung in die Tischmanieren verfolgte mich jedenfalls bis in meine Träume. Meine Albträume, um genau zu sein. Ständig wurde ich von Mrs. Davis gescholten und alle anderen lachten mich aus. Als mich am nächsten Morgen das Klingeln aus dem Schlaf riss, schlug Mrs. Davis mich gerade mit einem Löffel – dem für das Dessert, weil ich damit irgendwas aus meiner Suppe hatte fischen wollen. Zum ersten Mal seit der Ankunft hier war ich froh über das ohrenbetäubende Weckgeräusch aus dem Lautsprecher.
Daria war bereits auf, saß mit frisch gewaschenen Haaren auf ihrem Bett und blätterte ein Notizbuch durch. Ich nahm an, dass sie sich gestern die Benimmregeln aufgeschrieben hatte, denn sie war mit dem Büchlein nach dem Abendessen in den Garten verschwunden.
Um der Diskussion um die Badezimmerreihenfolge zuvorzukommen, huschte ich schnell hinein. Seitdem ich hier war, hielt ich die Zeit in der Dusche kurz, damit Fabienne mich nicht anblaffte. Das passierte Amelia jedes Mal, wenn sie ihre Freundin nicht vorließ. Das dunkelhaarige Mädchen aus dem Nordreich tat mir zugegebenermaßen leid, weil sie oft Fabiennes Launen abbekam. Keine Ahnung, wie Amelia dieses Gezicke aushielt. Aber offenbar hatte sie Fabienne lieber zur Freundin statt zur Feindin.
Beim Frühstück – glücklicherweise war das Büffet wieder offen – herrschten rege Diskussionen über die königliche Etikette. Allerdings nicht nur darüber.
»Liva hat vorhin eine neue Zofe gekriegt.« Fanni hatte sich über den Tisch gelehnt und die Stimme gesenkt. »Es war total merkwürdig, als das Mädchen plötzlich vor der Tür stand, um sich vorzustellen. Angeblich hat Anna aus wichtigen Gründen abreisen müssen.«
»Wer’s glaubt.« Jessica gab ein schnaubendes Geräusch von sich. »Klingt für mich eher wie eine Entlassung aufgrund irgendwelcher Verdächtigungen. Die Drohung der Aufrührer wird uns noch alle paranoid machen.«
»Wahrscheinlich gab es berechtigte Gründe«, mischte sich Daria ein. »Die Prinzen werden den Tag gestern genutzt haben, um Nachforschungen anzustellen. So was muss schnell gehen, bevor sich jemand eine Strategie ausdenken kann, wie er oder sie davonkommt.«
