Kanonenfutter - Léon Lancee - E-Book

Kanonenfutter E-Book

Léon Lancee

0,0
8,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Dieser Roman erzählt vor einem historisch korrekten Hintergrund die äußerst realistische Geschichte der Erlebnisse fünf junger Soldaten, die zusammen die Besatzung eines deutschen Panzers bilden. Sofort nach ihrer schweren Ausbildung in deutschen Kasernen werden sie in die Garnisonsstadt Leipzig kommandiert, um neues Material abzuholen. In dieser Stadt begegnet einer der Gruppe dem Mädchen seiner Träume. Eine Woche später bricht die Einheit, Panzerregiment 35 der 4. Panzerdivision, zu einem Feldlager in der Nähe der russischen Grenze auf. Es war sogar für die deutschen Soldaten eine vollkommene Überraschung, als einige Tage später der Angriff auf das große Sowjetreich eingesetzt wurde. Voll Begeisterung und jugendlichem Übermut ziehen die fünf Soldaten in den Krieg, als die übermächtige deutsche Armee am 22. Juni 1941 die russische Grenze überquert. Ein Sieg nach dem anderen wird verbucht, und der Krieg scheint ein großartiges Abenteuer zu sein, bis die ersten Opfer in den eigenen Rängen fallen, und die Ostfront mehr und mehr ihr brutales Gesicht zeigt. An Stelle der Begeisterung der jungen Soldaten treten schon bald Angst und Leid, Verzweiflung und Entbehrungen. Die neue Realität ist Töten oder Getötet-werden, Siegen oder Sterben! Massenhafte Schlachtungen und Mord, aber auch sadistische Grausamkeiten und Vergewaltigungen bilden den grässlichen Hintergrund ihres Feldzuges durch das unendlich weite russische Land. Was sie auf den Beinen hält, sind die Kameradschaft untereinander, der Humor und sogar ein Schuss Romantik. Ein beinharter Offizier der Waffen-SS kreuzt mehrmals ihren Weg, und ein erfahrener Feldwebel lehrt sie in feindlichem Gebiet zu überleben, wo sie, von den eigenen Truppen abgeschnitten, um ihr Leben kämpfen müssen. "Kanonenfutter" lässt die Leser den Zweiten Weltkrieg an der Ostfront erleben, wie er wirklich war. Spannend und fesselnd bis zur letzten Seite.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 693

Veröffentlichungsjahr: 2019

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Léon Lancee

Kanonenfutter

Die Hölle der Ostfront

Roman

Copyright © by S.R.L. Lancee 2020

Steiermark - Österreich.

Übersetzung: Ceg. de Groot

Verlag & Druck:

Tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN:

 

Paperback

978-3-7497-6648-2

Hardcover

978-3-7497-6553-9

E-Book

978-3-7497-6649-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

All Rights reserved.

1

Eine strahlende Frühjahrssonne stand am wolkenlosen Himmel an diesem Montagmorgen, dem 26. Mai des Jahres 1941. Rauchfahnen verrieten, wo eine Dampflokomotive die Ruhe in den welligen Hügeln durchbrach.

Trotz der aufgeschobenen Fenster war es ziemlich warm in den Abteilen des Militärzuges, der von Südwest nach Nordost durch die deutschen Länder tuckerte.

Der langsame, monotone Rhythmus der Waggons auf den Gleisen hatte die Insassen des Abteils 2-18 von einer Gruppe ausgelassener junger Soldaten in ebenso viele schlafende und vor sich hindösende Gestalten verwandelt, jede in ihre eigenen Träume versunken.

Die acht Soldaten im Zugabteil hingen schweigend auf den Bänken. Jeder von ihnen war durch die schwere Ausbildungszeit und die fast unmenschliche Kadaverdisziplin des deutschen Kasernenlebens abgehärtet. Die täglichen Übungen, der Drill beim Sport und die Exerzier- und Kampfübungen hatten sie körperlich und geistig in Topverfassung gebracht. Sechs lange Monate hatte diese Ausbildung gedauert.

Die schlauchende Trainingsart und die dazu gehörende Unterwerfung unter die militärische Befehlsgewalt wurden im Allgemeinen ohne Murren ertragen.

Aber das Ende der Ausbildungszeit hatten die meisten als eine Erleichterung und sogar als eine Befreiung erfahren.

Alle hatten sich nach dem gesellschaftlich mehr oder weniger obligatorischen Eintritt in die Hitlerjugend als logische Folge voller Begeisterung für die Wehrpflicht in der deutschen Wehrmacht angemeldet. Manche von ihnen, wie Manfred Kurowski und Ernst Gmeling, hatten sich schon als Freiwillige gemeldet, bevor sie eingezogen worden waren.

Viele hofften in ihrem jugendlichen Übermut und ihrem idealistischen Hang nach Heldentum noch etwas vom Krieg miterleben zu können.

Ausnahmslos waren die Soldaten im Abteil jung, sehr jung sogar. Ihr Alter lag zwischen 19 und 23 Jahren.

Fünf von diesen acht jungen Soldaten bildeten die Besatzung eines Panzers III der Wehrmacht.

Helmuth Dieter Kessler als Richtschütze, Horst Scheibert als Funker und zugleich Bugmaschinengewehrschütze, Manfred Ulrich Kurowski als Lader, Wolfgang Fuhler als Fahrer/Mechaniker und Ernst Gmeling als Panzerkommandant.

Das Schicksal hatte sie zusammengeführt, und die schwere Trainingsarbeit während fast sechs Monaten hatte sie nicht nur zu einer Einheit geschmiedet, sondern auch zu engen Freunden. Während der Dienststunden und namentlich bei den Panzerübungen bildeten die fünf Soldaten, eigentlich noch Jungen, gemeinsam mit ihrem Panzer eine gut aufeinander eingespielte und ausgezeichnet funktionierende Kampfmaschine. Ihr gemeinsamer Einsatz und der Wille, als Mannschaft gute Leistungen zu erbringen, hatten ihnen bei den Schieß- und Feldübungen oft sehr gute Ergebnisse und letztendlich eine ehrenvolle Erwähnung des Kompanieführers eingebracht. Das war etwas, worauf sie als Team besonders stolz waren.

Diese Einstellung war auch eine der Ursachen des ziemlich heftigen Wettbewerbs zwischen den einzelnen Panzerbesatzungen in ihren Einheiten. Das Ergebnis war, dass die Panzerkompanien der 4. Panzerdivision der deutschen Wehrmacht aufgrund des hohen Niveaus ihrer Geübtheit einen guten Ruf hatten. Auch außerhalb der Dienststunden blieb der Mannschaftsgeist aufrechterhalten, und er bildete die Basis für eine gegenseitige Kameradschaft, die im normalen bürgerlichen Leben nicht möglich gewesen wäre.

Die immer noch vorhandene jugendliche Verspieltheit sorgte für viele heitere und ausgelassene Augenblicke nach dem schweren Kasernendienst. Sobald die Erlaubnis zum Verlassen des Kasernengeländes gegeben wurde, gingen die fünf auch gemeinsam bummeln, und sie kamen meistens auch miteinander wieder zurück.

Alle mochten ein Bier und Spaß, sodass die Ausgangsabende oft der Höhepunkt der Woche waren. Nur während der spärlichen Urlaubszeiten war jeder seinen eigenen Weg gegangen, um Verwandte oder Freunde zu besuchen.

Die drei anderen Soldaten im Zugabteil trugen die Uniform einer Waffen-SS-Einheit.

Der Unterschied zwischen den Soldaten der Waffen-SS und den Panzersoldaten der Wehrmacht, der regulären deutschen Armee, war nur an den Kragenspiegeln, Epauletten, Emblemen und Koppelschnallen an den Uniformen zu erkennen, da sie alle in die schwarzen Uniformen gekleidet waren, die sowohl von der Waffen-SS wie auch bei den Panzertruppen getragen wurden.

Helmuth Kessler, der 20-jährige Kanonier, saß in einer Ecke beim Fenster und blickte in Gedanken versunken auf die vorbeigleitende Landschaft.

Er dachte nach über die Verlegung seiner Einheit, der 4. Panzerdivision, an die östliche Grenze des heutigen Großdeutschen Reichs.

Die betreffende Nachricht war eine vollkommene Überraschung gewesen und schien mit der Realität überhaupt nicht übereinzustimmen.

Deutschland war nach den Siegen über Polen und Frankreich erneut in einen Krieg verwickelt.

Diesmal auf dem Balkan, weil die Italiener Probleme in ihrem Kampf gegen die Griechen hatten, während auch noch die englische Armee mit fast 57.000 Soldaten in Griechenland gelandet war.

Um einer zweiten Front mit den Engländern in Südeuropa, dicht bei den für Deutschland so wichtigen rumänischen Ölfeldern, vorzubeugen, war die deutsche Armee durch Jugoslawien nach Griechenland marschiert.

In Gedanken ließ Helmuth Kessler die Fronten noch einmal vorbeiziehen: „Der Feldzug auf dem Balkan ist in diesem Moment noch nicht ganz beendet.

Englische Soldaten halten die griechische Insel Kreta noch besetzt, während der Rest von Griechenland mittlerweile von deutschen Truppen erobert wurde und laut Rundfunknachrichten von gestern schon vor sechs Tagen deutsche Fallschirmjäger auf Kreta gelandet waren.

Das deutsche Afrikakorps ist vor einigen Monaten im nordafrikanischen Land Libyen an Land gegangen, um auch dort die italienischen Truppen gegen die englische Armee zu unterstützen.

Der Krieg im Westen gegen England ist noch in vollem Gang, obgleich dieser Kampf bis jetzt von der Luftwaffe und der Kriegsmarine geführt wird. Unsere Verlegung an die Ostgrenze ist also eigentlich vollkommen unlogisch.“

Er konnte in seinen Gedanken keine auf der Hand liegende Erklärung finden, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass im Süden und im Westen eigentlich an drei Fronten zugleich gekämpft wurde, was aus militärischer Sicht unvernünftig und sogar riskant war.

Das konnte sogar ein einfacher Soldat wie er einsehen. Also musste das Gerücht, dass es sich um ein Scheinmanöver handelte, das die Engländer glauben lassen sollte, dass die Deutschen keine Pläne für einen Angriff auf England hatten, wohl wahr sein.

Der Kessler gegenübersitzende Waffen-SS-Mann, der sich beim Betreten des Abteils als Kurt Hausser vorgestellt hatte, hatte ihn eine Zeit lang stillschweigend gemustert und sprach ihn mit einem breiten Grinsen an: „Also, Kessler, worüber grübelst du denn so schwer?

Hast du Angst, das du deine Liebste nicht mehr wiedersehen wirst oder hast du jetzt schon Heimweh?“

Helmuth sah ihn einen Augenblick bedächtig an, während er sich unterdessen fragte, ob der andere seine Bedenken lächerlich finden würde. Aber er beschloss dann doch seine Gedanken zu äußern: „Nein, Kurt, ich fragte mich einfach, warum unsere Panzerdivision an die Ostgrenze verlegt wird. Die Wehrmacht kämpft zurzeit in Afrika und auf dem Balkan, während England auch noch nicht geschlagen ist.“

„Nicht so angeben, Kessler!“ lachte der Waffen-SS-Mann, „Ihr Wehrmachtsoldaten seid nicht die Einzigen, die kämpfen. Die Waffen-SS-Divisionen holen für euch überall die Kastanien aus dem Feuer und tragen also auch ein ordentliches Scherflein zu den Kriegsanstrengungen bei.“

„Das weiß ich auch schon, Kurt, aber du verstehst schon, was ich meine, wenn ich Wehrmacht sage, dann meine ich alle Armeeteile zusammen.“

Der SS-Mann sah Helmuth Kessler noch immer lachend an und sagte: „War nur ein Witz … Klar kapiere ich das und ich weiß auch verdammt gut, was dich beschäftigt, Mann. Wir haben diese Diskussion in unserer Einheit auch schon geführt, als man uns sagte, dass wir an die Ostgrenze versetzt werden würden.“ „Ihr auch schon?“ fragte Helmuth überrascht. „Ja, und wir sind nicht die Einzigen. Außer unserer Division ´Das Reich' werden die Waffen-SS-Divisionen ´Totenkopf``, ´Wiking` und ´Leibstandarte Adolf Hitler` auch an die Ostgrenze verlegt. In diesem Moment mischte Wolfgang Fuhler sich ins Gespräch. „Habt ihr euch in den letzten Monaten auch so abschinden müssen?“ fragte er den Waffen-SS-Soldaten Kurt Hausser.

„Ja, das kann man wohl sagen“, antwortete dieser.

„Obgleich das für uns als Eliteeinheit natürlich ziemlich normal ist.“ „Hör doch auf, die Jungs aufzuziehen, Kurt“, brummte der zweite SS-Mann, Michael von Losswitz, der in seinem Oberhemd ohne Rangabzeichen in einer anderen Ecke des Abteils saß.

Kurt sah ihn an und lachte wieder: „War nur ein Witz, Michael, nicht böse gemeint.“

„Weiß ich doch“, antwortete dieser und wandte sich wieder an Helmuth: „Hör mal her, Junge, dann will ich euch verraten, wozu unsere Diskussionen führten. Nach unserer Ansicht hat der Führer vor, unser Drittes Reich Richtung Osten zu erweitern. Es wird in diesem Moment eine riesige Menge Truppen an die Ostgrenze verlegt. Sieh dir doch mal an, was auf den Bahnhöfen passiert: nichts als Züge mit Fahrzeugen und Soldaten, und die fahren alle in die gleiche Richtung.

Die Züge, die aus der entgegengesetzten Richtung kommen, sind fast alle so gut wie leer. Achte mal darauf! Was das bedeutet, kannst du an deinen Fingern abzählen. Übrigens, wenn du Mein Kampf gelesen hättest, dann wüsstest du, dass die totale Vernichtung des Bolschewismus ein Hauptziel unseres Führers ist. Krieg gegen die Russen und nichts Anderes. Dass wir Lebensraum im Osten brauchen, steht auch klar drin. Ihr habt wahrscheinlich genauso wie wir gerade eine Woche Urlaub gehabt. Geht davon aus, dass es vorläufig euer letzter Urlaub war. Bis Weihnachten können wir den nämlich vergessen, außer du zählst einen Ausflug über die Steppen und Felder Russlands mit Endziel Moskau auch als Urlaub.“

Die anderen im Zugabteil waren aus ihren Gedankengängen losgerissen und hatten sich die Ausführungen von Michael von Losswitz aufmerksam angehört.

Die fünf Wehrmachtsoldaten blickten einander verwundert an. Es trat nach dieser für sie überraschenden Auseinandersetzung eine kurze Stille ein.

Daran hatten sie überhaupt nicht gedacht.

Helmuth war der erste, der die Stille durchbrach: „Verdammt, Michael, da könntest du wohl Recht haben. Wir dachten immer, dass es ein Ablenkungsmanöver war, um bei den Engländern den Eindruck zu erwecken, dass Deutschland Frieden schließen wollte und keine Invasion in England plante. Aber dieses Getue mit den Zügen stimmt tatsächlich. Das erklärt auch, warum wir über Leipzig reisen sollen, wo wir neue Panzer erhalten werden. Unsere alten Panzer-III haben wir in Koblenz zurücklassen müssen. Wir werden jetzt mit nagelneuen Panzern-III ausgerüstet, mit der neuen 50 mm Panzerkanone, und dieses Ding ist ein ganzes Stück schwerer als unsere jetzigen 37 mm Kanonen.“ „Ich weiß“, antwortete Michael, „mit dieser neuen Kanone kannst du auf fast 500 m Entfernung eine Panzerplatte mit einer Stärke von 47 Millimeter durchbohren.“

Dann fingen alle im Abteil an, mit- und durcheinander zu reden, über was alles wohl oder nicht geschehen könnte.

Schließlich blieben die Wehrmachtsoldaten dabei, dass es sich um ein Ablenkungsmanöver handelte, während die Waffen-SS-Männer weiterhin meinten, dass ein Krieg gegen die Sowjetunion drohte.

Nach einer Weile merkte Michael von Losswitz an, dass niemand außer der Heeresleitung sicher wissen konnte, ob es tatsächlich eine Geste Richtung England war oder eine Vorbereitung Richtung Russland, und dass sie das letztendlich von selbst erfahren würden.

Er kramte eine ordentliche Portion Brot, Wurst, Bier und Obst aus seinem Tornister hervor und schlug vor, gemeinsam zu essen.

Alle waren einverstanden.

Jeder trug das Seine aus seinem Tornister bei, sodass die Männer kameradschaftlich ein reichliches Essen zu sich nehmen konnten. Danach lehnten sich die Soldaten satt zurück.

Einige steckten sich eine Zigarette an, während Manfred Kurowski sein Akkordeon aus dem Gepäcknetz nahm und anfing einige bekannte Soldatenlieder zu spielen.

Schon bald sangen alle Kameraden mit und es wurden Spielkarten hervorgeholt.

Das Soldatenleben war gar nicht mal so schlecht!

Wegen der gemütlichen und entspannten Atmosphäre im Abteil schien die Zugreise nicht so lange zu dauern, und viel schneller als erwartet hielt der Zug mit einem Ruck auf dem Bahnhof von Leipzig.

Die fünf Wehrmachtsoldaten verabschiedeten sich ausführlich von den drei Waffen-SS-Soldaten.

Ernst Gmeling warf die Tür des Abteils auf, worauf sie auf den Bahnsteig sprangen. Dort herrschte Hochbetrieb, es wimmelte nur so von Panzersoldaten, die alle mit dem gleichen Zug, aus dem die fünf gerade ausgestiegen waren, hatten fahren müssen.

Alle Richtung Ostgrenze!

Ernst Gmeling, der Panzerkommandant der fünf, riet beim Gang zum Ausgang des Bahnhofs dicht beieinander zu bleiben. Es würden dort irgendwo Lkws stehen, die sie zur Kaserne außerhalb der Stadt bringen würden.

Als die Männer ihr Gepäck aufhoben, hörten sie ein lautes Gebrüll. Als sie sich umdrehten, sahen sie Kurt und Michael aus dem Abteilfenster hängen.

Kurt schrie mit seinem bekannten breiten Grinsen: „Tüchtig üben mit euren neuen niedlichen Schießeisen, Burschen, dann dürft ihr uns vielleicht Richtung Osten noch nachreisen, um das Fest nicht zu verpassen.

Michael brüllte zurück: „Wir werden euch wohl wieder treffen. Es ist nur ein kleiner Krieg, weißt du. Viel Glück und auf Wiedersehen!“

Die fünf hoben zum Gruß ihre Hand und gingen zum Bahnhofsausgang, wo in der Tat eine lange Reihe Lkws bereitstanden.

Vermutlich waren die abreisenden Soldaten mit diesen Lkws zum Bahnhofsgebäude gebracht worden.

Ein streng dreinschauender Feldwebel lief vor den Wagen hin und her und brüllte: „Los, Beeilung, Panzerbesatzungen des Panzerregiments 35 der 4. Panzerdivision, einsteigen! Und zwar ein bisschen plötzlich, ich habe nicht vor, den ganzen Abend auf euch Schuljungen zu warten!“

Die Männer gingen zu einem der Lkws, kletterten in die überdachte Pritsche und ließen sich auf die Holzbänke fallen. „Was für ein Sklaventreiber“, murrte Ernst Gmeling, „Mit der deutschen Armee ist es doch überall das Gleiche. Je höher der Rang, umso größer die Klappe!“

„Hoffentlich wirst du dann nie Feldwebel, Kamerad“, grinste Helmuth, „Deine Mundwinkel sitzen ja jetzt schon fast bei deinen Ohren.

Wenn deine Fresse noch weiterwachsen soll, kannst du deinen halben Kopf aufklappen, denn dann sitzen deine Mundwinkel hinter deinen Ohren.“

Ernst sah ihn spöttisch an: „Du bist einfach eifersüchtig, weil ich schon eine Freundin habe und du wegen deiner spießbürgerlichen Kafferziehung nicht mehr darfst als das Händchen der Nachbarstochter halten.“

„Übrigens“, fuhr er fort, „Wenn es sich um eine große Fresse handelt, bist du bei Wolf richtig. Der macht seinem Namen Ehre, denn dieser Bursche hat wirklich ständig Hunger.“

„Hmmm“, knurrte Wolfgang Fuhler, „Sei du nur vorsichtig, Bursche, ich mache meinem Namen auch auf anderen Gebieten Ehre.

Da kannst bei meinen verstorbenen Gegnern nachfragen.“ „Du dreckiger Angeber, bei den letzten Panzerübungen hast du uns zweimal im Dreck festgefahren“, lachte Ernst.

„Wenn das so weitergeht, hast du gleich nicht nur verstorbene Gegner, sondern auch jede Menge verstorbene Mitkämpfer, inklusive deiner selbst“, mischte Manfred Kurowski sich in die mündliche Stichelei ein.

Alle lachten wegen des erstaunten und gekränkten Blickes des Panzerfahrers Wolf Fuhler auf.

Sie wussten alle, dass Wolf ein ausgezeichneter und kaltblütiger Fahrer war, der auch imstande war, die meisten mechanischen Defekte an einem Panzer selbst zu beheben.

Der 20-jährige Wolf war in seinem Arbeitsleben Autoschlosser in einer Mercedes-Werkstatt in der Nähe seines Wohnorts Bad Peterstal in Bayern gewesen.

In den Lkw hatten sich mittlerweile so viele Soldaten gepresst, dass Sich bewegen so gut wie unmöglich geworden war und fast alle schwiegen. Nach einer nicht allzu langen Fahrt hielt die Kolonne auf dem Exerzierplatz der Kaserne von Leipzig. Bei diesem Standort lag einer der größten Truppenübungsplätze von Deutschland. Nach dem Aussteigen mussten die Männer zugweise antreten und der Zugführer, Leutnant Mayer, hielt eine kurze Ansprache. Leutnant Mayer war ein junger, praktisch eingestellter Offizier, 24 Jahre alt und nicht so formal eingestellt wie es bei deutschen Offizieren am Anfang des Krieges oft üblich war.

Das war die Folge der Tatsache, dass Mayer sich ein Jahr vorher schon am Feldzug gegen Frankreich beteiligt hatte.

Dort hatte er eingesehen, dass ein gutes Verständnis zwischen Mannschaften und Offizieren im Einsatz wichtig war.

Er gab bekannt, dass das ganze Bataillon eine volle Woche in Leipzig bleiben würde, um mit den neuen Panzern des Typs III umgehen zu lernen. Der Nachdruck würde auf Schießübungen liegen, um sich den Umgang mit den schwereren Kanonen eigen zu machen, die in diese Panzer eingebaut worden waren. Der Einsatz von Panzerformationen im offenen Gelände und die Zusammenarbeit mit Gruppen von Panzergrenadieren und den Fliegern der Luftwaffe waren in der vorangehenden Zeit unendlich geübt worden.

Die Männer bekamen pro Zug1 eine Baracke zugeteilt, wonach sie vom Dienstpersonal Richtung Speisesaal dirigiert wurden. Die Mahlzeit, Bratkartoffeln, zwei Gemüsesorten, Kotelett und als Nachspeise Obst, wurde genüsslich verzehrt.

So gut wie heute Abend bekamen sie in deutschen Kasernen nicht so oft zu essen, meistens war es ein einfaches Eintopfgericht oder Gulasch. Sogar Wolf Fuhler, der im Verdacht stand, über eine komplette Sammlung Bandwürmer zu verfügen, lehnte sich nach dem Essen befriedigt zurück und ließ einen knallenden Rülpser aus seiner Kehle orgeln.

Die in der Regel sehr disziplinierten jungen Soldaten blickten erschrocken um, während einige ein Lachen kaum unterdrücken konnten. Der Feldwebel, der die Aufsicht über den Speisesaal hatte, ein Dicker mit einem feuerroten Kopf, sprang hoch und brüllte: „Wer war dieses ungehobelte faule Aas? Zwei Tage zusätzlichen Küchendienst!“ Als niemand in Wolfs Nähe reagierte und alle geradeaus blickten, geriet der Mann außer sich vor Wut. Er wurde noch röter als er schon war und fing darüber zu toben an, dass das Personal sich große Mühe gab, noch gegen zehn Uhr am Abend ein warmes Essen zu servieren, und dass eine solche Unverschämtheit nicht geduldet werden würde.

In diesem Moment ertönte hinter seinem Rücken von der anderen Seite des Speisesaals ein weiterer lauter Rülpser.

An manchen Stellen war schon ein feixendes Gelächter zu hören.

Gleich darauf tat jemand als lasse er einen Furz. Die Männer fingen an, übermütig zu werden.

Der Feldwebel ging laut tobend Richtung Küche und knallte die Tür hinter sich zu, seine Blamage hiermit komplett machend.

Die jungen Soldaten im Speisesaal brüllten vor Lachen. Derartige Siege waren in der disziplinierten deutschen Armee eigentlich undenkbar.

Der Batallionführer, Major von Korbach-Allenstein, stand auf, worauf es fast sofort still wurde im Saal.

Mit einem schwachen Lächeln blickte er kurz um sich und sagte nur: „Amen und Abtreten. Reveille wie üblich um 06.00 Uhr, Appell morgen früh um 07.15 Uhr auf dem Exerzierplatz neben dem Hauptgebäude.“

Eine solche flexible Reaktion hatten die Männer nicht erwartet.

Lebhaft redend verließ jeder den Speisesaal.

Die Popularität des Majors stieg sprunghaft an.

Müde vom Reisen suchte fast jeder sein Quartier auf, und kurze Zeit später war der Kasernenplatz bis auf die Posten verlassen.

Am nächsten Morgen standen die Männer des 35. Panzerregiments nach dem Frühstück in sechs Kompanien auf dem Exerzierplatz angetreten.

Ein Panzerregiment bestand aus zwei Bataillonen, die jede wiederum in drei Kompanien aufgeteilt waren, eine mittelschwere und zwei leichte.

Jede Panzerkompanie bestand aus vier Zügen, ausgestattet mit Panzern des Typs Panzer-II oder III.

Ein Zug mit leichten Panzern-II hatte fünf Fahrzeuge pro Zug, ebenso wie die Züge, die mit den schwereren Panzern-III ausgerüstet waren.

Die mittelschwere Kompanie hatte fünf Panzer-II im ersten Zug, während die drei übrigen Züge dieser Kompanie mit vier Panzern des Typs Panzer-IV ausgerüstet waren, die eine kurze, aber schwere 75 mm Kanone hatten.

Gmeling, Kessler, Scheibert, Kurowski und Fuhler gehörten zum vierten Zug der zweiten Kompanie und bekamen zu ihrer Freude in der Tat eine neue Ausführung des Panzers-III zugewiesen.

Die ersten Züge jeder Kompanie bekamen wieder die leichten Panzer-II zugeteilt.

Die Panzersoldaten waren den ganzen Tag mit der Entfettung der neuen Panzer, mit der Überprüfung des korrekten Funktionierens der technischen Teile, dem Anbringen von Nummern und Zeichen für die Wiedererkennung und dem Laden der Munition und Ausrüstungsteile beschäftigt.

Dieser Tag war nicht anders als jeder andere normale Kasernentag.

Die monotone Arbeit war Routine, weshalb jeder längst vergessen hatte, dass an einer der gefährlichsten Waffen der Armee gearbeitet wurde. Nach dem Abendessen erteilte Major von Korbach-Allenstein abendliche Ausgeherlaubnis bis 23.00 Uhr, was bedeutete, dass es den Männern erlaubt war, in die Stadt zu gehen.

Ernst Gmeling schlug seiner Besatzung vor, gleich loszugehen.

Er hatte schon mit einem der Fahrer des Versorgungsdiensts vereinbart, dass dieser Leute in der Stadt absetzen würde, sodass nur der fünf Kilometer lange Rückweg zu Fuß zurückgelegt werden musste. Selbstverständlich waren alle mit diesem Vorschlag einverstanden.

Die Männer gingen zum Kasernentor, wo der Fahrer schon mit seinem Opel Blitz 3-Tonnen-Lastwagen wartete. Nach dem Einsteigen gab er gleich Gas. Knappe zwanzig Minuten später hielt der Wagen vor einem von Soldaten vielbesuchten Wirtshaus mit dem Namen “Der Stammtisch“, in der Danziger Straße. Bevor er weiterfuhr, steckte der Fahrer seinen Kopf aus dem Fenster und warnte die Männer davor, dass die „Kettenhunde“ der Militärpolizei hier in Leipzig besonders streng waren.

Die fünf betraten das Lokal und sahen, dass es schon ordentlich voll war. Der Schnapsgeruch war durchdringend, während sich überall Zigarettenrauch hochkringelte.

Ernst entdeckte eine freie Ecke am Ende der Bar und lotste die anderen mit.

Die Kneipe war im Innern größer als sie von außen aussah.

Die L-förmige Bar stand an der Hinterwand während der Raum davor mit Tischchen und Stühlen gefüllt war.

Ein kleiner Tanzboden mit daneben einem noch kleineren Podest befand sich links neben dem Eingang.

Auf dem Podest stand ein Klavier, auf dem ein hagerer Klavierspieler mit fetten rückwärts gekämmten Haaren spielte. Die meisten Tische waren schon besetzt, hauptsächlich von Soldaten aus den unterschiedlichsten Truppeneinheiten.

Es saßen sogar einige Matrosen an einem Tisch.

Vier junge Serviererinnen bewegten sich durch das Gedränge, alle in ein ziemlich kurzes Kleidchen gekleidet, mit einer kleinen weißen Schürze davor.

Die Barfrau, eine stämmige, aber sehr gepflegt aussehende Frau mit einem freundlichen Gesicht kam in die Ecke, in die sich die fünf jungen Panzersoldaten gestellt hatten.

„Hallo, Jungs“, sagte sie freundlich, „Ihr seid wohl vom neuen Jahrgang Panzertruppen, der hier gestern angekommen ist. Ich bin die Inhaberin dieses Lokals. Alle nennen mich Tante Bertha. Fragt mich nicht warum, aber das ist schon seit Jahren so. Ihr hübsch aussehenden Jungs mit diesen Totenköpfen auf der Uniformjacke werdet jedes Mal jünger, scheint mir. Den ersten Schluck für euch geht aufs Haus. Sagt mir, was ihr trinken möchtet.“

Die fünf jungen Männer waren von dieser freundlichen Begrüßung angenehm überrascht.

Sie stellten sich einer nach dem anderen Tante Bertha vor und bestellten jeder ein Glas Bier, das auch sofort gebracht wurde. Wie auf Kommando hoben sie ihr Glas zu Tante Bertha, die ebenfalls ihr Glas hob und „Prosit“ rief.

„Dieser Fahrer von dir wusste schon, wohin er uns brachte“, sagte Manfred zu Ernst. „Ein netter Laden hier.“

„Kann man schon sagen!“ antwortete dieser, „Und man kann hier auch noch schön mit den Mädchen tanzen, die dort neben dem Tanzboden an dem Tischchen dort sitzen.“

Dabei zeigte er auf einige luftig gekleidete und ordentlich geschminkte Mädchen an einem Tisch neben dem Tanzboden.

Alle fünf blickten sie beifällig in die angedeutete Richtung. „Verflixt“, sagte Horst, „Von mir aus bleiben wir den Rest des Jahres hier. Ich will diesen Leuten hier mal zeigen, wie wir Panzersoldaten eine Frau und einen Tanzboden erobern.“ Er stiefelte gleich durch das Lokal zum Tisch mit den Frauen, verbeugte sich tief vor einer von ihnen und führte sie dann auf den Tanzboden.

Manfred und Ernst folgten sofort seinem Beispiel, worauf auch einige andere ihre Scheu ablegten und den Tanzboden betraten. In kurzer Zeit war der Tanzboden voll heiterer junger Menschen. Helmuth, der Frauen gegenüber ziemlich verlegen war, bestellte noch eine Runde Bier, indem er seine Hand hob.

Etwas später kam Tante Bertha mit dem bestellten Bier und sprach ihn an, als sie die Gläser auf die Theke setzte.

„Ihr seid noch mal gesellige Jungs. Von mir aus könnt ihr öfter vorbeikommen.“

„Wir bleiben hier nur eine Woche“, antwortete Helmuth, „Dann geht es wieder weiter.“

„Ich weiß.“ sagte Tante Bertha, „An die Ostgrenze, genauso wie all die anderen Jungs, die hier ihr neues Material abholen mussten.

Wir sehen in den letzten Monaten nichts Anderes als Eisenbahnzüge mit Panzern und Soldaten kommen und gehen.“ In diesem Moment bemerkten sowohl Tante Bertha als Helmuth, dass Wolf, der an der Ecke der Theke stand, mit seinen Augen ununterbrochen einer der Serviererinnen folgte.

Es war ein zierliches Mädchen mit einer hübschen Figur und lange schlanke Beine.

Sie trippelte auf ihren halbhohen Absätzen fleißig von einem Tisch zum anderen, um Bestellungen entgegenzunehmen oder zu bringen.

Ihr aufgestecktes Haar verlieh ihrem lieben Mädchengesicht einen besonderen Akzent.

„Versuchst du etwa mein Personal mit den Augen auszuziehen oder sieht es nur so aus, Soldat?“ fragte Tante Bertha neckisch, nachdem sie sich hinter ihn gestellt hatte.

Wie von einer Wespe gestochen drehte Wolf sich um.

Wolf war ein breitschultriger, selbstsicherer Junge von zwanzig Jahren, der mit seinem dicken blonden Haar und seinen blauen Augen gut aussah.

Er sah Tante Bertha an und errötete bis in seinen Haarwurzeln. „Wie meinen Sie?“ stammelte er, ohne dass er sich eine Haltung zu geben vermochte.

Sowohl Helmuth als Tante Bertha lachten auf.

Wolf glich einem ertappten Schuljungen, was er in Anbetracht seines Alters und seiner Lebenserfahrung im Grunde auch war. „Ich meine, dass das arme Ding wohl sehr ängstlich werden könnte, wenn ihr klar werdet, dass du ihr die Kleider vom Körper herunterschaust.“ sagte Tante Bertha quasi ernsthaft mit glitzernden Augen.

„Abe… abe…, aber das mache ich ja gar nicht“, stotterte der unterdessen knallrote Wolf.

„Da muss ich wohl zum Augenarzt“, erwiderte Tante Bertha und lief zur anderen Seite der Bar, um eine Bestellung entgegenzunehmen.

Helmuth kugelte sich vor Lachen.

Auch einige Soldaten, die etwas weiter an der Bar saßen, grinsten voll Schadenfreude in der Richtung des immer unsicherer werdenden Wolf Fuhler.

Währenddessen sahen Wolf und Helmuth, dass Tante Bertha an der anderen Seite der Theke etwas zur betreffenden Serviererin sagte und auf den unglücklichen Wolf zeigte.

Das Mädchen blickte kurz in Wolfs und Helmuths Richtung und lud dann mit gesenktem Kopf ihr Serviertablett wieder voll mit Bier. „Ach du“, sagte Wolf, der das gesehen hatte, „wenn du mich fragst, können wir uns besser davonmachen.“

„Aber nein, Mann“, antwortete Helmuth mit einem sadistischen Grinsen, „ich bestelle besser noch ein Bier für dich, das wird dir guttun.“

Er hob seine Hand, worauf Tante Bertha wieder auf sie zukam. „Dich kriege ich noch, du mieser Dreckskerl, zischte der schon wieder errötende Wolf zwischen seinen Zähnen.

Tante Bertha stellte zwei Gläser Bier hin und fragte Wolf mit einem belustigten Glitzern in ihren Augen, wie er denn eigentlich hieß. „Wolfgang Fuhler, gnädige Frau, aber meine Freunde nennen mich Wolf.“

„Das hatte ich mir fast gedacht, antwortete sie, „ein Wolf im Schafspelz, oder genauer gesagt, in einer Panzeruniform.“

Sie winkte zum Kellner, dass er ihren Platz hinter der Theke einnehmen sollte, und setzte sich auf einen Hocker gegenüber von Helmuth und Wolf „Ich habe das arme Ding dort eben mal gewarnt, Wolfchen“, lachte sie freundlich, „dann weiß sie wenigstens, woher die Brandlöcher in ihrem Kleidchen herkommen, wenn du sie mit deinen brennenden Augen anstarrst. Warum interessierst du dich so sehr für sie?“ Der arme Wolf wusste nicht mehr, wie ihm war.

Helmuth folgte dem Gespräch mit einem breiten Grinsen auf seinem Gesicht, aber hielt sich voller Schadenfreude wohlweislich zurück.

Als Wolf keine Antwort gab und stattdessen stillschweigend mit seinem Glas Bier spielte, zwinkerte Tante Bertha Helmuth zu und sagte: „Komm, Junge, wie ist das nun eigentlich? Hast du meine Frage nicht gehört oder hast du deine Sprache verloren? Das kann ich mir nicht recht vorstellen bei einem so großen Burschen wie du.“

Wolf sah hilfesuchend zu Helmuth, aber dieser reagierte nicht und studierte umständlich die Spiegel hinter der Theke.

Wolf sah Tante Bertha an und sagte schließlich: „Ich habe noch nicht oft ein so attraktives Mädchen gesehen wie sie, gnädige Frau.

Wenn ich nicht um elf Uhr wieder zurücksein sollte, würde ich wohl auf sie warten, um sie anzusprechen.“

„Du brauchst nicht „gnädige Frau“ zu mir sagen, alle nennen mich Tante Bertha, also kannst auch du das tun, mein Junge. „Sag mal, hast du zu Hause oder in einem der Garnisonsorten, wo du kaserniert warst, denn kein Mädchen oder eine Verlobte?“ „Nein, Fra.… Tante Bertha“, sagte Wolf, schon wieder errötend,

„ich habe noch nie ein Mädchen gehabt.“

„Das kann ich bestätigen, Tante Bertha.“ mischte Helmuth sich endlich in das Gespräch, „Nach uns ist Wolf bisher nur an Auto- und Panzermotoren interessiert gewesen und nicht am anderen Geschlecht.“ „Ach so“, sagte Tante Bertha und sah Wolf forschend an, „aber stört es dich denn nicht, dass sie in einer Kneipe arbeitet, mit jeden Tag diesen quasi-verliebten Kerlen um sie herum?“

Wolf fuhr hoch: „Nein, natürlich nicht. Warum sollte ich? Sie verdient doch ihr Brot auf ehrliche Weise? Wer weiß, wie sehr sie das Geld braucht.“

Ein Lächeln flog über Tante Berthas Gesicht.

„Du brauchst mich nicht gleich zu attackieren, Wolfchen. Ich glaube, es hat dich gehörig erwischt. Warum bittest du das arme Kind nicht mal zum Tanz? Vielleicht ist sie aus nächster Nähe ja eine schwere Enttäuschung oder hat sie die Stimme eines alten Seemanns.“

„Ich weiß nicht“, zögerte Wolf, „Vielleicht will sie das nicht.

Darf sie denn während der Arbeitszeit tanzen?“

„Wenn ich das sage, darf sie das natürlich immer. Ich bin hier schließlich die Chefin. Tanz du nur darauf los mit dem armen Kind. Sie heißt übrigens Cindy. Kein echter deutscher Name, was?“

Tante Bertha machte eine Armgebärde in Richtung desMädchens, das gerade eine Bestellung beim Tanzboden abgeliefert hatte. Wolf hatte keine andere Wahl als seine Verlegenheit zu überwinden und er ging auf das Mädchen zu, das abwartend mitten im Lokal stehen geblieben war.

Tante Bertha wandte sich zu Helmuth und sagte: „Das scheint mir wohl ein netter und ordentlicher Junge zu sein.“

„So ist es auch“, antwortete dieser, „Wolf ist ein prima Kamerad, der einen nie im Stich lassen wird, was auch immer passiert.

Er ist unser Panzerfahrer und war schon ein diplomierter Autoschlosser, bevor er einberufen wurde. Immer gut gelaunt und gesellig.“

„Den Eindruck hatte ich auch schon. Ich fand ihn eigentlich auf der Stelle sympathisch, trotz seiner Verlegenheit. Cindy hat immer schon viele Bewunderer gehabt, seit sie hier im Geschäft arbeitet, aber sie weiß sich immer mit einer witzigen Bemerkung oder einem freundlichen Wort aus der Affäre zu ziehen. Sie hat noch nie seriös einen Freund gehabt. Aber ja, sie ist auch gerade erst achtzehn Jahre alt geworden. Sie hat allerdings verdammt gut durchschaut, dass dein Freund Wolf sie ständig beobachtete, so aufmerksam ist sie schon.

Offenbar störte es sie diesmal nicht. Gewöhnlich meldet sie mir solche Sachen, aber diesmal nicht. Sie errötete sogar ein wenig, als ich sie auf das Verhalten deines Kameraden hinwies, und sah nur ganz kurz in eure Richtung. Daran bemerkte ich, dass es ihr wirklich schon klar war.“

„Ich würde fast meinen, dass das Mädchen mehr für dich bedeutet als nur eine Serviererin“, bemerkte Helmuth und nahm einen tüchtigen Zug aus seinem Glas.

„Demnächst soll ich auch noch glauben, dass es Liebe auf den ersten Blick gibt.“

„Blöd bist du nicht“, lachte Tante Bertha, „aber zynisch schon, und das in deinem Alter, Bursche.

Eines Tages wirst auch du lernen, dass Liebe auf den ersten Blick durchaus besteht, glaub mir!

Komm, du bekommst noch ein Bier von mir, und dann gehe ich wieder an die Arbeit. Das Geld fließt nicht von selbst herein.“

Wolf fühlte sich nicht sehr selbstsicher, als er auf die Serviererin zuging, die von Tante Bertha Cindy genannt wurde.

Er blickte auf ihr Gesicht und sah, dass sie ein Lächeln um ihren Mund hatte, während ihre Augen schalkhaft glitzerten.

Als er das sah, fühlte er sich auf einmal etwas selbstsicherer, und sein Gesicht entspannte sich ebenfalls zu einem Lächeln. „Hallo“, sagte er und streckte seine Hand aus. „ich bin Wolf Fuhler, Soldat des 35. Panzerregiments, 4. Panzerdivision.“

Das Mädchen hatte ihm unterdessen ihre Hand gereicht, eine Hand, die Wolf ohne es zu bemerken, nicht mehr losließ.

„Ich möchte dich gern zum folgenden Tanz bitten.“

„Natürlich, wenn du meine Hand loslassen kannst, könnten wir es versuchen“, antwortete das Mädchen lachend, was zur Folge hatte, dass Wolf wieder errötete.

Beide gingen auf den Tanzboden, und Wolf legte vorsichtig seinen rechten Arm um ihre Taille, während er ihre linke Hand fasste.

Er spürte, dass ihr Körper schlank und geschmeidig war. Seine Hand um ihre Taille schob beim Tanzen leicht mit ihrem Kleidchen über ihre glatte Unterwäsche hin und her.

Das Mädchen war auf ihren halbhohen Absätzen fast genauso groß wie er. Ihr aufgestecktes braunes Haar umrahmte ihr hübsches Gesicht.

Sie hatte große braune Augen, und ihr strahlendes Lachen zeigte eine schöne Reihe regelmäßiger Zähne.

Ihre Haut war von der Frühjahrssonne leicht gefärbt.

Sie war ihrerseits genauso verwirrt wie Wolf, obgleich sie es besser zu verheimlichen wusste.

Der robuste Panzersoldat in seiner schwarzen Uniform war ihr schon in dem Moment aufgefallen, als er mit seinen Kameraden durch die Tür trat. Mit einem Schock wurde ihr im selben Augenblick bewusst, dass dieser ihr völlig unbekannte junge Mann nie gekannte Gefühle in ihr erweckte. Mit ihren achtzehn Jahren hatte sie bislang nur ein wenig harmlos geflirtet und sie war schon mal mit einem Jungen ausgegangen, aber bis jetzt eigentlich noch nie wirklich verliebt gewesen.

Sie hatte kurz nachdem dieser Panzersoldat eingetreten war, schon bemerkt, dass er ihr mit seinen Augen überallhin folgte. Als Tante Bertha, die es auch bemerkt hatte, sie auf Wolf aufmerksam gemacht hatte, war sie errötet.

Sie hatte kurz in seine Richtung geblickt und hatte dann mit leicht zitternden Händen weiter Gläser auf ihr Serviertablett gestellt.

Tante Bertha hatte in dem Moment sofort heraus, dass Cindy, die immer jeden Jungen mit einem Scherz auf Abstand hielt, ihr Selbstvertrauen wegen des Anblicks dieses Wolfs völlig verloren hatte.

„Die hat es zum ersten Mal in ihrem Leben erwischt und dazu noch von einem vollkommen Fremden“, hatte Tante Bertha bei sich gedacht und gleich darauf lachend zu Cindy gesagt, dass sie diesen Soldaten Wolf wohl mal auf ein Tänzchen zu ihr schicken würde.

Hierauf war Cindy sofort von der Theke fortgestürzt.

Sie hatte aber die Theke nicht aus den Augen verloren, und als Tante Bertha eine Armgebärde zu ihr machte, hatte sie mit klopfendem Herzen unbeweglich gewartet, bis Wolf auf sie zugekommen war.

Während dieses ersten Tanzes sagten sie kein Wort zueinander. Sie sahen sich nur an und studierten eines das Gesicht des anderen.

Ohne dass ihnen die Zeit bewusst war, schwebten sie über die Tanzfläche. Cindy durchbrach als erste die Stille zwischen ihnen beiden und sagte: „Ich glaube, dass ich mich noch nicht mal vorgestellt habe. Ich heiße Cindy Müller. Wie ich meinen Lebensunterhalt verdiene, ist wohl nicht so schwer zu erraten.“

„Das gilt auch für mich“, antwortete Wolf, „ich heiße Wolfgang Fuhler, aber meine Freunde nennen mich Wolf. Ich hoffe, dass ich dich mit meinem Anstarren nicht in Verlegenheit gebracht habe, aber ich musste dich einfach anstaunen. Ich konnte eigentlich nichts dafür.“

Cindy sah ihn verlegen an: „Das darf ich wohl als ein Kompliment betrachten, oder?“

Wolfs Selbstvertrauen kehrte langsam zurück.

„Ganz gewiss! Hast du schon einen Freund oder bist du noch frei?“

Cindy sah Wolf lachend in die Augen: „Du bist vielleicht direkt.

Wenn ich zugebe, dass ich frei bin, machst du mir gleich einen Heiratsantrag oder?“

Wolf lachte auch und sagte: „Hmm, wenn du darauf anspielst, mir ist es recht. Ich bin hier nur für eine Woche, aber ich bin bereit, dich noch heute zu heiraten. Wenn es sein muss, desertiere ich noch heute Abend, um mit deinen Eltern Bekanntschaft zu machen.“

Cindy errötete wieder und sagte lachend: „Du weißt überhaupt nichts von mir. Wenn ich du wäre, würde ich nicht gleich so überstürzt handeln, obgleich ich zu glauben anfange, dass du mich nicht auf den Arm nimmst.“

„Es hört sich vielleicht ein wenig komisch an, aber ich nehme dich wirklich nicht auf den Arm. Ich hoffe sehr, dass du nicht denkst, dass ich falsche Absichten habe, und dass du wenigstens bereit bist, mich besser kennen zu lernen.“

Cindy schmiegte sich beim Tanzen etwas mehr an Wolf an, und schweigend tanzten sie weiter.

Als der Musiker eine Pause einlegte, bemerkten die zwei nicht mal, dass die Musik aufgehört hatte und dass sie allein auf der Tanzfläche standen. Sie kehrten erst in die Realität zurück, als Soldaten im Lokal kollektiv zu klatschen und zu pfeifen anfingen.

Erschrocken blickten sie auf und wussten nicht recht, wie sie sich verhalten sollten.

Wolf reagierte als erster, nahm Cindy bei der Hand, verbeugte sich eiskalt vor dem Saal und ging mit ihr zur Außentür.

Als die Tür hinter ihnen zuschlug, verstummte das Gegröle drinnen.

Es war ein schöner warmer Frühlingsabend, und die frische Luft im Freien tat den beiden wohl.

„Pfff, das war nicht gerade ein unauffälliger Abgang“, lachte Wolf, „Ich glaube, dass es besser ist, mal kurz wegzubleiben, und nicht sofort wieder hineinzugehen. Traust du dich ein Stück mit mir zu spazieren, um uns kurz ein wenig abzukühlen oder bekommst du dann Probleme mit deiner Arbeit?“

„Nein, ich nicht … Etwas weiter ist der Eingang zum Stadtpark.

Da können wir mal hingehen, aber dann will ich zuerst meine Schürze ausziehen, sonst fallen wir so auf.“

„Prima, gib mal her, dann stecke ich die in eine Tasche meiner Uniformjacke … Darf ich beim Spazieren deine Hand halten?“ Nach kurzem Zögern streckte das Mädchen mit einem Lächeln ihre Hand aus, und so spazierten sie langsam in Richtung des Parks.

Als sie dort angekommen waren, führte sie ihn zu einem Teich mit drei Springbrunnen.

Im Teich schwammen Enten und einige Schwäne, während in den Bäumen um das Wasser herum Vögel ihr Lied sangen. Die Sonne war schon hinter den Bäumen verschwunden, weshalb sie lange Schatten über das Wasser warfen.

Wolf hatte nur wenig Augen für das Schöne, was die Natur hier bot. Seine Augen glitten über die schlanke Mädchengestalt im schwarzen Kleidchen, und er spürte, wie ein ungewohntes Gefühl in ihm aufkam. Sie war wirklich bildhübsch.

Sie stand in ihrer Unschuld da und erklärte ihm die diversen Entenarten, aber sie stockte, als sie zwei Hände auf ihren Schultern spürte, die sie zu ihm drehten, sodass sie ihn ansehen musste.

Ihre großen Augen blickten ihn fragend an und wurden dann niedergeschlagen.

Wolf nahm ihr Kinn in seine linke Hand und hob ihr Gesicht behutsam etwas höher, während sein anderer Arm über ihren Rücken strich und sich dann um ihre Taille legte.

Einen Augenblick lang sah er ihr in die Augen, und als er bemerkte, dass sie keinen Widerstand leistete, zog er sie quälend langsam an sich und küsste sie zart auf den Mund.

Das Mädchen erstarrte zunächst, aber entspannte sich dann und öffnete ihren Mund, um seinen Kuss zu erwidern.

Nach behutsamem Abtasten fanden sich ihre Zungen und ihre Küsse wurden leidenschaftlicher.

Cindy fühlte sich ein wenig benommen vor Freude, ihr Herz pochte wild, als sie ihre Arme um seinen Hals schlang und sich zitternd an ihn drückte. Wolf spürte ihre glatten Arme um seinen Hals und umklammerte sie so fest, dass sie fast in Atemnot geriet.

Er hatte seine Uniformjacke aufgeknöpft und spürte, wie ihre festen Brüste an seinen Brustkorb drückten.

Seine Hände strichen über ihren Rücken, was sie Zittern ließ. Sie löste sich nach einer Weile aus seiner Umschlingung und sagte, ein wenig nach Luft schnappend: „Dies alles ist herrlich, Wolf, aber geht das nicht ein bisschen zu schnell? Ich habe noch nie einen festen Freund gehabt. Ich weiß ja nicht, wie mir ist.“

„Liebes Mädchen, das gilt auch für mich.“ antwortete er heiser. „Ich habe auch noch nie ein Mädchen in dieser Weise geküsst. Es geht eigentlich wie von selbst. Ich kann nichts dafür. Ich glaube, dass ich dich liebe, und das wird für den Rest meines Lebens auch wohl so bleiben, trotz der Tatsache, dass ich nichts von dir weiß, außer deinem Namen und dass du Serviererin im“Stammtisch“ bist. Ich weiß gar nicht, wie alt du bist. Ich weiß nur, dass ich mich in dem Moment, als ich dich sah, sofort heftig in dich verliebt habe, und alles andere ist mir eigentlich total egal. Was ich jetzt empfinde, habe ich noch nie für jemanden empfunden. Ich weiß schon, dass ich …“

Cindy sah ihn mit strahlenden Augen an, schlang ihre Arme wieder um seinen Hals und schloss seinen Mund mit einem leidenschaftlichen Kuss, der nie zu enden schien.

Es wurde schon ziemlich dunkel, als sie eng umschlungen zum “Stammtisch“ zurückgingen.

Nach einer letzten festen Umarmung gingen sie wieder in das Lokal, wo Wolf von seinen vier Freunden mit lautem Jubel empfangen wurde. Obgleich fast alle die zwei ansahen, gingen sie selbstbewusst und mit einem glückseligen Lächeln auf dem Gesicht zur Theke.

Tante Bertha sah die beiden von hinter der Theke forschend an. Fast niemand sah, dass Cindy fast unmerklich den Kopf schüttelte, was von Tante Bertha mit einem Lächeln erwidert wurde.

Nur Helmuth hatte es erkannt.

Er blickte Tante Bertha fragend an, aber sie tat, als hätte sie das nicht bemerkt. „So, da seid ihr endlich mal wieder. Wenn das die ganze Woche so gehen soll, kann ich mir besser eine neue Serviererin suchen.“

Wolf holte mit einem Grinsen die Schürze aus der Tasche seiner Uniform hervor und gab sie Cindy zurück, die sich daraufhin sofort an die Arbeit machte.

Die anderen drängten sich um Wolf.

„Nie gewusst, dass du ein solcher Don Juan bist.“ fing Horst Scheibert an. „Da kommt einer zum ersten Mal nach Leipzig in eine Kneipe und erobert gleich das schönste Mädchen, das hier herumläuft. Hier, trink ein Bier mit uns, denn wir müssen in einer Viertelstunde gehen, sonst sind wir nicht vor Mitternacht in der Kaserne zurück.“

Alle fünf stießen zugleich ihre Biergläser aneinander: „Prost, auf uns alle, dass wir noch lange eine Mannschaft bleiben dürfen.“ Alle fünf kippten ihr Glas in einem Zug herunter.

„Ich denke, du hast eine prima Wahl getroffen, Wolf.“ sagte Manfred.

„Mein Glückwunsch! Dieses Mädchen ist anscheinend auch schon ein wenig in dich vernarrt. Und das ist so ungefähr das Einzige an dieser Geschichte, was wir nicht wirklich verstehen können.“

Wolf hörte den letzten Teil dieser Bemerkung nicht mal und sah seine Kameraden stolz und glücklich an: „Meinst du? Ja, ich weiß nicht recht, wie mir ist. Das ist mir wirklich noch nie passiert. Ich habe sogar noch nie eine ernsthafte Beziehung gehabt, geschweige denn, dass ich echt verliebt war. Schade, dass wir nur eine Woche bleiben. Ich muss wohl um Versetzung bitten.“ „Hoho, nicht so schnell“, meldete sich Helmuth, „Ich dachte, wir würden zusammen auf einem Panzer bleiben. Das wird doch wegen eines Mädchens nicht gleich vorbei sein?“

„War nur ein Witz, ich kann in meinem Urlaub ja wieder herkommen, wenn es ernst wird. Lasst uns zunächst mal das Ende dieser Woche abwarten. Ich gebe noch schnell einen aus, und dann gehen wir zurück.“ Manfred winkte Tante Bertha herbei und bestellte eine letzte Runde für die Gruppe.

„Diese gehen noch einmal auf den Wirt, mit den Komplimenten von Cindy“, lachte sie, als sie die fünf Gläser hinstellte. Alle fünf hoben sie das Glas Richtung des Mädchens, das lachend zurückwinkte.

Als die fünf laut „Prosit“ brüllten, blickten alle im Lokal auf sie, und mehrere Soldaten fingen zu pfeifen an, worauf Cindy errötend durch die Küchentür hinter der Theke verschwand.

Die Freunde zahlten die Zeche, grüßten Tante Bertha und gingen hinaus. Als Tante Bertha beim Abschied Wolf fragte, ob sie Cindy noch etwas bestellen sollte, bat er sie, Cindy schön zu grüßen, und sagte, dass er schnell von sich würde hören lassen.

Der Fußweg zurück zur Kaserne war eine knappe Stunde. Sie waren erst ein kleines Stück vom “Stammtisch“ gegangen, als sie eine klare Mädchenstimme hörten: „Wolf?“

Als sie sich umdrehten, sahen sie eine zarte Gestalt mit einer kleinen weißen Schürze auf dem Gehsteig stehen.

„Geht ihr schon mal weiter“, sagte Wolf, bevor er zurückrannte,

„Ich komme gleich nach.“

„Nicht zu glauben“, stöhnte Manfred.

„Wenn ihr mich fragt, wird Wolf die Kleine nicht mehr los.“ Ernst rief ihm hinterher, dass er sich beeilen sollte, weil eine zu späte Rückkehr gehörig bestraft werden würde.

Cindy war richtig erschrocken, als sie von der Küche ins Lokal zurückkam und bemerkte, dass Wolf und seine Kameraden nicht mehr da waren.

Tante Bertha sah die Enttäuschung in ihrem Gesicht, als Cindy sie fragte, wo Wolf geblieben war, und sagte, dass sie ihn leicht einholen könnte, weil sie gerade erst losgegangen waren.

Cindy lief schnell zur Eingangstür und sah die Männer gehen.

Ohne Nachdenken rief sie seinen Namen.

Sie sah, dass die Männer sich umdrehten, und spürte, wie heftig ihr Herz pochte, als Wolf auf sie zu rannte.

Auch sie fing zu rennen an, und als sie bei ihm war, fing er sie in seinen ausgebreiteten Armen auf. Er hob sie auf und drehte sie im Kreis.

Cindy, die schrecklich enttäuscht gewesen war, als sie bemerkt hatte, dass Wolf gegangen war, spürte auf einmal eine große Erleichterung.

Jung und unerfahren wie sie war, hatte sie ihre Gefühle nicht mehr im Griff. Ihre großen Augen füllten sich mit Tränen. „Warum hast du nichts gesagt, als du gegangen bist?“

Wolf erschrak über ihre Reaktion und stellte sie wieder auf die Füße: „Du warst nicht da, und wir mussten gehen. Wir sind schon spät dran, und wenn ich zu spät komme, darf ich wahrscheinlich den Rest der Woche das Kasernengelände nicht mehr verlassen. Ich habe Tante Bertha gebeten, dich zu grüßen und dir zu sagen, dass ich so bald wie möglich etwas von mir würde hören lassen. Ich hatte wirklich vor, dich morgen Abend wieder aufzusuchen.“ Cindy genierte sich jetzt ein wenig über ihre unerwachsene Reaktion: „Entschuldige, ich stelle mich wohl albern an. Ich war bis jetzt noch nie wirklich verliebt und ich spüre, dass ich das jetzt gewiss bin. Ich hatte einfach Angst, dich nicht mehr wiederzusehen. So was ist meiner Mutter früher passiert, weißt du. Darin liegt wohl der Grund, dass ich mich auf einmal so enttäuscht und unglücklich fühlte. Verrückt was? Während ich eigentlich fast nichts von dir weiß.“

Wolf zog sie an sich und wischte vorsichtig ihre tränennassen Augen trocken und küsste sie dann auf den Mund.

Cindy fühlte sich wieder etwas beruhigt und hörte, wie er sagte: „Glaub mir, ich verschwinde nur aus deinem Leben, wenn du mich fortschickst. Was ich für dich empfinde, habe ich noch nie für jemanden empfunden. Ich komme morgen Abend wieder zu dir, wenn wir eine Ausgeherlaubnis bekommen, und sonst spätestens übermorgen, ist dir das recht?“

Cindy drückte sich noch kurz an ihn, gab ihm einen Kuss und löste sich dann von ihm.

„Geh schon, denn, wenn du zu spät kommst, kannst du morgen sowieso nicht raus. Ich warte auf dich.“

Wolf streichelte sie noch einmal über ihre Backe und trabte dann seinen Kameraden hinterher.

Cindy blickte ihm nach, bis er um die Ecke verschwand und ging wieder in den “Stammtisch“, wo sie sich mit einem glücklichen Lächeln auf dem Gesicht wieder an die Arbeit machte.

An diesem Abend, nach der Sperrstunde des Lokals, bat Tante Bertha nach dem Putzen Cindy, sich noch kurz zu setzen, um etwas zu trinken. „Sag` mir doch mal, mein Kind, wie du dich fühlst. Ich habe heute Abend gesehen, dass du etwas unsicher bist, während du normalerweise immer vor Selbstvertrauen nur so übersprudelst. Du bist noch nie so oft errötet, du hast gestrahlt, aber ich habe auch Tränen gesehen. Das ist recht viel für ein und denselben Abend. Ich meine, du bist wegen dieses blonden Panzersoldaten völlig durcheinander.“

Cindy sah sie mit strahlenden Augen an: „Du hast recht. Ich habe noch nie so viele verschiedene Emotionen zugleich gespürt. Ich war eigentlich gleich von ihm begeistert, als ich ihn erblickte. Warum weiß ich nicht recht. Ich finde ihn hübsch mit einer netten Ausstrahlung. Beim Tanzen wusste ich nichts mehr. Ich fühlte mich wahnsinnig gut, mir war, als schwebte ich. Ich fühlte mich so sicher.

Als wir zum Park spazierten, hielt er schon meine Hand oder, besser gesagt, ließ er meine Hand nicht mehr los. Und im Park haben wir uns wirklich geküsst. Aber als er dann heute Abend auf einmal gegangen war, fühlte ich mich plötzlich traurig. Deshalb bin ich ihm hinterhergegangen, und als er dann zurückrannte und mich auffing, musste ich auch wirklich weinen. Ich konnte einfach nichts dafür.

Ich hatte Angst. Angst, dass ich ihn nicht mehr wiedersehen würde.

Er sagt, dass er mich liebt. Ich fühle, dass es wahr ist. Und ich liebe ihn auch. Ich meine, ich habe mich noch nie in meinem Leben so wohl gefühlt, obgleich ich selbst nicht verstehe, wie mir zumute ist.“

Tante Bertha nahm Cindys Hände in die ihren: „Sei bitte vorsichtig, mein Kind. Überstürz` da nichts. Ich weiß schon, wie du dich fühlst, denn das hatte ich schon bemerkt, bevor du mit ihm auf die Tanzfläche gegangen bist.“

„Das hast du selbst organisiert! Ich meine, ohne deine Einmischung hätte er sich nicht einmal getraut, mich zum Tanz zu bitten. Was hältst du eigentlich von ihm? Ist er nicht hübsch?“ „Er sieht gewiss attraktiv aus und ich meine, dass er auch einen guten Charakter hat, aber du weißt, dass er in einer Woche Leipzig wieder verlässt. Überstürz nix.“

Cindys Gesicht verfinsterte sich ein wenig: „Das stimmt, aber er kommt, wenn er Urlaub hat, bestimmt wieder, da bin ich mir sicher. „Aber mach dir keine Sorgen, ich mache kein dummes Zeug.“ „Das weiß ich schon, mein Kind, ich habe volles Vertrauen zu dir, aber du weißt, wie Kerle sein können. Ich möchte nicht, dass du verletzt zurückbleibst. Dazu liebe ich dich zu sehr.“

„Ist es dir recht, wenn ich nächste Woche abends nicht arbeite, wenn er kommt? Dann können wir diese Woche auf jeden Fall voll ausnutzen, bevor er wieder gehen muss.“

„Natürlich, Mädchen, wir schaffen die paar Abende schon ohne dich.

Du hast in letzter Zeit sowieso etwas zu wenig Freizeit gehabt.“

„Du bist großartig, Mutti, ich danke dir!“

„Hast du ihm eigentlich erzählt, dass du meine Tochter bist?“ „Nein, ich fand es schon lustig, dass er sich in eine Serviererin verliebt hat, die Geld braucht, und nicht in die einzige Tochter der Chefin.

Ich habe also nichts gesagt, warum auch?“

„So dumm bist du also auch wieder nicht. Oder wolltest du auf Nummer Sicher gehen?“

„Aber nein, das ist es nicht, ich traue ihm schon und werde es ihm sowieso bei Gelegenheit erzählen. Heute Abend fand ich es aber nicht nötig. Deshalb schüttelte ich auch „Nein“, als ich wieder `reinkam. Er wollte mich wegen mir selbst, und das ist für mich in diesem Moment das Einzige, was wichtig ist.“

„Nana, das hört sich so ziemlich seriös an. Sieh` dich vor, mein Kind, du kannst dir schon vorstellen, dass ich als Mutter mir wegen meiner einzigen Tochter Sorgen mache. Ich habe sonst niemanden auf der Welt. Freunde habe ich genug, aber du bist meine einzige Verwandte.“

Cindy schlang ihre Arme um den Hals ihrer Mutter und gab ihr einen Kuss.

„Das wird sich auch nie ändern, Mutti. Du bekommst höchstens einen Sohn dazu“, setzte sie lachend hinzu, „Er wollte mich auf der Tanzfläche schon heiraten.“

„Nur zu“, lachte ihre Mutter, „Nie wolltest du etwas von Jungen wissen, und eine Stunde später ist alles anders, und höre ich sogar das Wort „Heiraten“ aus deinem Mund. Komm, wir wollen zunächst mal schlafen. Der morgige Tag hat eigentlich schon angefangen.“

Beide Frauen gingen hinauf, jede in ihr eigenes Schlafzimmer. Cindy hatte, genauso wie ihre Mutter, ihr eigenes Badezimmer neben ihrem Schlafzimmer.

Nachdem sie sich gewaschen und ihre Zähne geputzt hatte, legte sie sich in ihr Bett und dachte, bis sie einschlief, noch eine Weile über das nach, was ihr am vergangenen Abend passiert war. Sie fühlte sich aufgeregt und glücklich, und nach dem Einschlafen träumte sie von dem hübschen blonden Jungen, der in kurzer Zeit einen solchen zerschmetternden Eindruck auf sie gemacht hatte.

Im gleichen Moment lagen Helmuth, Wolf, Horst, Manfred und Ernst in ihrer Stube in der Baracke und schliefen.

Wolf hatte sich, nachdem er seine Kameraden wieder eingeholt hatte, unterwegs schon die nötigen Bemerkungen über seine neue Flamme anhören müssen.

Vor allem Manfred hatte ordentlich versucht, ihn aus seiner Reserve zu locken.

„Wieso kam die Kleine so schnell dir hinterhergerannt, Wolf? Nachdem die zum ersten Mal gevögelt hat, kann sie doch nicht gleich von deiner kleinen sauren Gurke schwanger sein.“ Auch die anderen hatten sich nach Kräften beteiligt, aber Wolf hatte alles mit einem geheimnisvollen Lächeln beiseitegeschoben.

„Davon versteht ihr Trauerklöße sowieso nichts. Ihr schnattert herum wie eine Schar eifersüchtiger lahmer Enten. Das kümmert mich einen Dreck. Ich bin verliebt, und ihr könnt mir was, aber bleibt auf eine sichere Distanz bitte“, lachte er glücklich.

Nach ihrer Ankunft in der Kaserne waren alle gleich ins Bett getaumelt, weil am frühen Morgen um 06.00 Uhr schon zum Wecken geblasen wurde und vor dem Appell von 07.15 Uhr auch noch gefrühstückt werden sollte.

Bei den ersten Trompetenstößen am nächsten Morgen sprangen alle aus ihrem Bett, außer Manfred, der wie gewöhnlich unbeirrbar weiterschlief. Als seine Kameraden aus dem Waschraum in die Stube zurückkamen, pennte Manfred noch immer herrlich weiter. Die anderen hatten - es war Helmuths Idee gewesen – ihre mit Wasser gefüllten Becher in die Baracke mitgenommen und stellten sich um sein Bett auf.

Manfred lag auf seinem Rücken und schnarchte mit halboffenem Mund. Auf Ernsts Kommando wurden alle vier Becher über seinem Gesicht umgedreht, wobei Helmuth den Inhalt seines Bechers genau in den halb geöffneten Mund goss.

Das Atmen ging in ein Röcheln über, Manfred schoss wie von einer Natter gebissen hoch, sprang in derselben Bewegung aus seinem Bett und machte eine Bauchlandung auf dem Holzboden, wobei er seinen Kopf an den Tisch stieß.

Die vier anderen rannten heulend vor Lachen aus der Stube, um dem tobenden Opfer zu entkommen.

Manfred raste fluchend und schimpfend hinterher und prallte beim Verlassen der Stube auf den Dienst habenden Feldwebel, der die Stuben auf Langschläfer kontrollierte.

„Was soll das?“ brüllte dieser nach dem ersten Schrecken.

Manfred stand vor Schrecken prompt korrekt stramm und meldete sich: „Soldat Kurowski, Zweite Kompanie des 35.

Panzerregiments meldet sich, Herr Oberfeldwebel.“

Der Feldwebel besah ihn von Kopf bis Fuß und fragte mit einem verschmitzten Lächeln: „Ist das die neue Uniform des Panzerregiments, Soldat? Eine einigermaßen unsauber aussehende Unterhose in einer Farbe, die nicht vom Versorgungsunteroffizier der Wehrmacht beschafft wurde und daher verboten ist. Und ein Unterhemd, das meiner Meinung nach seit der Beschaffung noch nie Seife gesehen hat. Darin ein zu dicker unrasierter und ungewaschener Soldat, der sich längst auf dem Weg zur Kantine hätte befinden müssen.“

Manfred kam sich äußerst unglücklich vor, umso mehr als eine ganze Menge Soldaten seiner eigenen Kompanie grinsend zuschaute.

„Wie kommst du so nass, Soldat, ist das Schweiß derMorgengymnastik oder hast du auch noch in dein Bett gepisst?“

„Eh, nein, Herr Oberfeldwebel, Soldat Kurowski wollte gerade …“

„Schnauze, Soldat“, bellte der Feldwebel, der längst kapiert hatte, was geschehen war, und beschlossen hatte, diesem Soldaten das Langschlafen für immer abzugewöhnen.

Feldwebel 1. Klasse Klein war schon seit Jahren Kasernenfeldwebel, mit allen Wassern gewaschen, aber rechtschaffen und trotz seines barschen Auftretens hatte er einen ordentlichen Sinn für Humor.

„Dass du gerade gehen wolltest, trifft sich gut, Soldat“, bellte Klein, „Dann können wir gleich einige Übungen auf dem Appellplatz machen.

Rechts umkehrt und Laufschritt, Marsch, auf den Platz und schnell.“ Manfred fluchte in sich hinein und schwur, seine Kameraden zu ermorden, sobald er sie in die Hände bekam.

Im Trab lief er, hinter ihm Feldwebel Klein, in seiner Unterwäsche auf das Exerzierfeld.

Als er ins Freie trat, sah er Helmuth, Ernst, Wolf und Horst breit grinsend an der Seite stehen.

Und sie waren nicht allein, nahezu die ganze Kompanie stand da. Ein Soldat pfiff auf seine Finger, als Manfred vorbeitrabte und rief: „Knackiger Hintern, Bursche, und das Höschen steht dir großartig!“

Manfred genierte sich enorm und wäre am liebsten davongerannt, aber die Kommandos von Feldwebel Klein bändigten ihn.

Klein übertrieb nicht.

Er ließ Manfred ein paar Runden um das Exerzierfeld rennen und dann dreißig Kniebeugen und fünfundzwanzig Liegestütze machen.

„So, mein Junge“, sagte er mit einem spöttischen Lachen, „Das reicht für heute. Ich glaube, du springst nach der Reveille fortan sofort von deinem Wanzenlager. Und deine Kameraden müssen dich nicht zuerst mit Wasser wecken. Jetzt verschwinde wie ein geölter Blitz und zieh dich an, bevor du auf einen Offizier triffst.

Diesmal bekommst du noch keinen Vermerk in deiner Personalakte.“ „Danke, Herr Oberfeldwebel.“

„Und schlag“ dir aus deinem saublöden Kopf, noch einmal so ‘n unvorschriftsmäßiges Dreckszeug zu tragen. Die Wehrmacht hat dir nicht erlaubt etwas anderes als die vorgeschriebenen Klamotten zu tragen, und schon gar nicht diese Schwulentracht! Verstanden?“

„Zu Befehl, Herr Oberfeldwebel.“

Manfred stürzte davon Richtung Baracke, während das Gelächter der anderen ihm hinterherschallte.

Als die anderen nach dem Frühstück auf dem Appellplatz eintrafen, wartete Manfred dort schon auf sie.

Das Frühstück hatte er wegen der erzwungenen Exerzierübung verpasst. „Euch krieg ich schon noch, ihr Haufen elender Kerle, darauf könnt ihr Gift nehmen.“

Manfred blieb auch während des Appells Gegenstand des Spotts. Er tat aber, als hörte er nichts von alledem und es interessierte ihn nicht im Geringsten.

Er gesellte sich jedoch demonstrativ zu einer anderen Gruppe des Zuges. Der Zugführer, Leutnant Mayer, teilte mit, dass der dritte und der vierte Zug an diesem Tag die neuen 50-Millimeter-Kanonen einschießen würden, während die beiden anderen Züge mit dem Rest des Regiments zu einer Feldübung ausrücken würden, wobei zugleich die neuen Panzermotoren eingefahren werden sollten.

Die Männer gingen zu den Garagen, wo die neuen Panzer aufgestellt waren.

Beim Panzer-III mit der Nummer ´242` wartete Manfred schon, als die anderen ankamen.

„Na, Mensch, es war ja nur ein Witz. Dass Feldwebel Klein zufällig vorbeikam, war nicht unsere Schuld. Dafür konnten wir ja auch nichts. Dieser Feldwebel Klein ist übrigens ein netter Typ, er hätte auch viel mieser reagieren können, wie es die meisten dieser Kasernenidioten tun.“ „Abgesehen davon, du bist gleich der Star der Kaserne geworden mit deiner geblümten Unterhose. Wer trägt denn auch so ‘n Zelt in der Wehrmacht?“

Horst übereichte ihm ein Paket mit Butterbroten und eine Feldflasche mit Milch.

„Hier, das Frühstück, das du verpasst hast, Trottel. Wir möchten nicht, dass unser Lader vor Hunger zu schwach wird, weil wir vorhaben, den dritten Zug heute im Schießen zu schlagen.“

Ja, wir haben mit diesen Burschen gewettet.

„Der Zug, der heute gewinnt, hat heute Abend freies Trinken im “Stammtisch“ auf Kosten des Verlierers. “ Manfred grinste schon wieder. Dass die Jungs ihm ein Frühstück mitgebracht hatten, ließ ihn seinen Ärger über das Geschehen vergessen.

Schließlich war er selber zu lange in seinem Bett geblieben.

„Diese liebevolle Versorgung hat euch gerettet, Bürschchen. Sonst hätte ich euch heute doch mal ganz schön veräppelt.“

„Ach so? Und was hattest du denn so vor?“

Alle wussten, dass Manfred, obgleich er mit 1.80 m der kleinste der Gruppe war, so stark war wie ein Bär.

Er war breitschultrig, muskulös und hatte ein Paar Hände wie Kohlenschaufeln.

„Blickt mal in das Munitionsgestell in unserer Kaffeemühle, dann werdet ihr sehen, das darin auch drei Übungsgranaten liegen. Das hätte ein paar hübsche Fehlschüsse ergeben, und deswegen einen schlechten Schützen und einen miserablen Panzerführer.“ „Was für ein Miststück du bist“, lachte Helmuth, „Das hätte mich meinen Ruf als Panzerschütze gekostet.“

„Genau, weil bei uns in der Gruppe nur einer rumläuft, der ewig und immer mit Wasser herumpfuscht, wenn ein armer erschöpfter Soldat sich ein wenig ausschlafen möchte, und das bist du. Und weil dir dein Ruf als Scharfschütze so heilig ist, erschien es mir eine ideale Art, dich mal ordentlich auf die Schippe zu nehmen.

Du hast einfach Glück, dass mein Ehrgefühl es mir nicht erlaubt, einen Wettbewerb gegen den 3. Zug zu verlieren, und schon gar nicht mit einem Abend freies Trinken in Aussicht!“

Helmuth wühlte Manfred mit einer Hand durch die Haare: „Du bist genau so ‘n Schwein wie ich, und das ist mehr oder weniger das größte Kompliment, das du bekommen kannst.“

Der sprang wie von einer Natter gebissen zurück: „Rühr mich nicht an. Fieser Dreckskerl.“

„Das verdankst du dieser schwulenfarbigen Unterhose“, grinste Helmuth.

„Ich fange an, dich wirklich reizvoll zu finden.“

Ernst rief die anderen zur Ordnung.

„Kommt, Leute, wir wollen diese Kaffeemühle starten, sonst kommen wir wieder als Letzte auf die Bahn.“

Wolf kontrollierte das Öl und überprüfte das Laufwerk, dann kletterte er in den Panzer und ließ den schweren Maybach 12Zylindermotor an.

Der Auspuff spuckte dicke Rauchfahnen aus, als der Motor prustend und brüllend ansprang.

Wolf nahm sich Zeit, um den Motor ruhig warm laufen zu lassen, während er unterdessen den Öldruck und die Temperatur scharf im Auge behielt.

Horst hatte seinen Platz beim Funkgerät und hinter dem Bugmaschinengewehr rechts vorne im Panzer eingenommen, während Helmuth und Manfred die Rauchgranaten im Regal gegen Übungsexemplare austauschten und sich dann in den geöffneten Zugangsluken auf der linken und rechten Seite des Geschützturms postierten.

Ernst stand auf seinem Panzerkommandantensitz im Turm.

Er testete die Verbindung der Wechselsprechanlage und gab den Befehl, sich den anderen Panzern anzuschließen, die sich schon auf dem Weg zum Schießgelände aufgestellt hatten.

Der mächtige Maybach-Motor brüllte auf, als sich der über 18 Tonnen schwere Kampfpanzer mit einem Ruck in Bewegung setzte.

Wolf hatte die Sichtklappe vor ihm geöffnet, so dass er eine bessere Sicht hatte.