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Er hatte viele Macken. Paranoia gehörte allerdings nicht dazu. Dennoch fühlte er sich beobachtet, und das ausgerechnet von einer jungen Frau! Das störte ihn enorm, weil er seine letzten Monate in aller Ruhe verbringen wollte, ohne Aufregung und ohne Hoffnung. Selbstverständlich könnte er einfach wieder verschwinden, aber dazu gefiel es ihm hier zu gut – auf dieser einsamen Sitzbank im Kapellenhügelpark.
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Seitenzahl: 367
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Er hatte viele Macken. Paranoia gehörte allerdings nicht dazu. Dennoch fühlte er sich beobachtet, und das ausgerechnet von einer jungen Frau! Das störte ihn enorm, weil er seine verbleibenden Monate in aller Ruhe verbringen wollte, ohne Aufregung und ohne Hoffnung. Selbstverständlich könnte er einfach wieder verschwinden, aber dazu gefiel es ihm hier zu gut – auf dieser einsamen Sitzbank im Kapellenhügelpark.
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Texte: © 2023 Copyright by Michele Pirlo
Umschlag: © 2023 Copyright by Michele Pirlo
Verantwortlich
für den Inhalt: Michele Pirlo
c/o Strainsland Publishing
Tettnanger Str. 23
88099 Neukirch
Herstellung: epubli - ein Service der neopubli GmbH,
Köpenicker Straße 154a, 10997 BerlinKontaktadresse: [email protected]
ISBN 978-3-565148-61-5
2. überarbeitete Auflage 15. August 2025
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Michele Pirlo
DIE RADIOLOGIN
KAPELLENHÜGELPARK
Ein Spiel
Inhaltsverzeichnis
Prolog
I Der Kranke
II Die Radiologin
III Das Spiel
IV Kapellenhügelpark
A) Du
B) Sie
Epilog
Prolog
Schön war sie
Wunderschön
Ein fleischgewordener Männertraum
Blondes Haar, glatt und lang
Jung, groß und schlank
Mit unverkennbar weiblichen Formen
Nicht sein Typ, aber nach allen erdenklichen Maßstäben wunderschön
Sie war sich ihrer Wirkung bewusst, zweifellos
Brauchte sie nicht extra zu betonen
War einfach nur souverän, gelassen und selbstsicher
Warum auch nicht?
Es war ja nicht nur ihre Schönheit
Sondern auch ihre Intelligenz, die in ihren wachen Augen zu erkennen war
Und die besonderen Fähigkeiten, die sie zu besitzen schien
Eine außergewöhnliche Kombination
Eine außergewöhnliche Frau
Eine Frau, in die sich unzählige Männer verlieben konnten
Andere Männer
Nicht er
Aber das war auch gut so
Er wollte sich ja gar nicht verlieben
Darum ging es ihm nicht
Es ging um etwas ganz anderes
Um etwas viel Wichtigeres
Es ging um alles
I Der Kranke
1
Er hasste Beerdigungen. Das war sicherlich nicht ungewöhnlich. Beerdigungen erfreuten sich im Allgemeinen bei den Menschen nicht gerade großer Beliebtheit, abgesehen von den üblichen, meist älteren Tratschbasen, die bei jeder Gelegenheit auf Begräbnisse gingen und sich über die Anwesenden – egal ob lebendig oder tot – das Maul zerrissen und sich freuten, dass sie die Toten überlebt hatten. Bei vielen Beerdigungen – nicht bei dieser – gab es auch potentielle Erben, die leichenbittere Miene zum für sie erfreulichen Spiel machten, aber für die Mehrzahl der Menschen waren Beerdigungen ein äußerst trauriges und manchmal auch niederschmetterndes Ereignis, und einige von diesen Menschen hassten sicherlich auch Beerdigungen. Vielleicht nicht im selben Maße wie er, denn er hasste Beerdigungen auf besondere, auf komplexe und ganzheitliche Weise. Er hasste alles daran: die Förmlichkeit der Veranstaltung, die hohlen Phrasen des Pfarrers, Anwesende, mit denen man nichts zu tun haben wollte und deren Blicke permanent auf die engsten Familienmitglieder der Toten gerichtet waren, das Öffentliche der Gefühle, die besser im Privaten aufgehoben wären, und vor allem den Umstand, dass die ganze Sinnlosigkeit des Daseins noch intensiver bewusst gemacht wurde. Denn es gab keine Hoffnung auf ein Happy End, es endete immer schlecht, nämlich mit dem Tod, und die Zeit davor war meist von Krankheit, Gebrechlichkeit, Leiden, Angst und manchmal auch von Demenz geprägt, bei der im Verstand fast nichts mehr übrig blieb außer Schmerzen und Qualen, die die betroffenen Menschen trotz der geistigen Leere noch empfanden. Ein ganz mieser Trick der Natur.
Und er hasste Beerdigungen, weil man zum Anlass passende, formelle und völlig unbequeme Kleidung tragen musste, in der er sich noch unwohler fühlte als ohnehin schon. Er konnte es nicht erwarten diese Klamotten in irgendeinen Sammelcontainer zu werfen. Vielleicht würde es jemanden freuen, kaum getragene Kleidung des mittleren Preissegments als Spende zu erhalten.
Es war nur ein kleines Begräbnis in einem kleinen Ort, mit wenigen Trauergästen, aber für ihn war diese Veranstaltung besonders schlimm, weil es der Abschied eines von ihm geliebten Menschen war. Ein geliebter Mensch, obwohl die Beziehung schwierig und anstrengend gewesen war, aber das war jede Beziehung für ihn und mit ihm, auch und gerade wenn es, wie in diesem Fall, um seine nächsten Verwandten ging. Zum großen Teil waren die oft unharmonischen Beziehungen seine Schuld. Nicht absichtlich selbstverständlich, sondern weil er so war, wie er eben war. Er hatte es sich weiß Gott nicht ausgesucht.
Wenigstens würde das hier die letzte Bestattung sein, an der er aktiv teilnehmen würde, da er nun keine engen Verwandten oder gute Freunde mehr hatte. Was eine passive Teilnahme anging, so hatte er keine Vorkehrungen getroffen, es war ihm mehr oder minder egal. Alle Arten von Bestattungen waren ihm unsympathisch; See- und Feuerbestattungen am meisten, die Alternativen waren auch nicht viel besser. Sich einfach in Luft auflösen, ohne Spuren zu hinterlassen, das würde ihm gefallen. Noch besser: überhaupt nie da gewesen zu sein! Aber er würde es sowieso nicht mitbekommen und deshalb verschwendete er keine allzu großen Gedanken daran.
Die letzte Beerdigung, an der er teilnehmen würde. Er hatte niemanden mehr um den er sich kümmern musste, für den er da sein musste und wollte; er war frei von Verantwortung und Verpflichtungen. Das gab ihm die Gelegenheit, endlich diesen Ort, diese Gegend und alles, was damit zusammenhing, zu verlassen und nie mehr wiederzukehren. Nicht, dass er große Pläne oder Ziele hatte, und er konnte auch kein neues Leben anfangen, aber zumindest eine räumliche Distanz herstellen und vielleicht, nur vielleicht, würde sich auch eine gewisse geistige Distanz, etwas Ruhe im Kopf einstellen. Das alles hinter sich lassen, ein paar Angelegenheiten ordnen und dann ein Fleckchen Erde finden, wo er seine innere Mitte finden und noch ein paar halbwegs erträgliche Tage verbringen konnte – nur das wollte er noch.
***
Es gab eigentlich für alles immer einen Grund, und der Grund, warum dieser Platz weder als Sehenswürdigkeit im Stadtplan gekennzeichnet war, noch von einem ihrer Bekannten als besichtigenswert erwähnt wurde, war vermutlich, dass es hier nichts zu sehen oder zu besichtigen gab. Von hier oben konnte man zwar weit über die Mittelgebirgslandschaft schauen, aber das gab es anderswo auch. Die Gegend bestand ja fast nur aus Bergen und Hügeln. War diese Anhöhe ein Berg oder ein Hügel, und wo genau verlief die Grenze zwischen den beiden Begriffen? Für sie war es ein Berg, aber für sie war eigentlich alles ein Berg, was höher war als eine große Sanddüne. Die Parkanlage war wohl konzipiert als Ort zum Verweilen, zum Innehalten, denn es gab Sitzbänke und ein Gebäude, in dem sich offensichtlich Toiletten und ein kleiner Verkaufsstand befanden, aber alles sah eher schäbig und vernachlässigt aus. Das galt auch für den Imbisswagen, der auf dem Parkplatz stand und ebenfalls nicht sonderlich verlockend aussah. Es befand sich auch nur eine überschaubare Anzahl von Menschen im Park, aus welchem Grund auch immer sie überhaupt hier waren, und ja, auch sie sahen eher vernachlässigt aus.
Wirklich kein schöner Ort, aber sie lebte erst seit wenigen Wochen in dieser Stadt und es machte ihr Spaß, zu Fuß die Gegend zu erkunden, Neues zu entdecken und Plätze und Stellen zu finden, die dazu einluden, entspannende Stunden im Freien zu verbringen. Dieser Park gehörte eher nicht in diese Kategorie und zudem war es anstrengend, hier hinaufzulaufen, was ihr jedoch nichts ausmachte, denn sie war jung, gesund und fit, und das Hinaufsteigen auf diesen Berg hatte sie kaum außer Atem gebracht. Gutes Kardio-Training, dachte sie, und wenn die Wege hier hoch in einem besseren Zustand wären, könnte sie das durchaus in ihre Joggingstrecke einbinden. Aber so? Nein, lieber nicht.
Da es anscheinend auch sonst hier oben nichts Interessantes gab, würde sie innerlich den Berg als "besichtigt und nicht weiter wichtig" kennzeichnen und sich auf die Suche nach schöneren Plätzen machen, an denen sie entspannen und ein wenig Sonnenlicht einfangen konnte. Und an denen sie nicht belästigt wurde, das war ihr ganz besonders wichtig.
***
Er übergab dem Vermieter sämtliche Wohnungsschlüssel, kassierte die Kaution ein – abzüglich der außerordentlichen Renovierungskosten – stieg in sein Auto und fuhr los. Für ein paar hundert Euro hatte er einen kleinen Anhänger erworben, in dem er sein Fahrrad und diverse andere Sachen, die nicht mehr in sein Auto gepasst hatten, transportieren konnte. Er war nie gut im Packen gewesen und er hatte immer noch zu viel Kram für jemanden, der eigentlich mit allem abgeschlossen hatte. Das war die übliche Schizophrenie, die ihn sein ganzes Leben begleitete, gepaart mit der Unfähigkeit, sich von Dingen zu trennen. Richtig zu trennen, endgültig, auch von Erinnerungen. Er hatte das noch nie gekonnt.
Ein klares Ziel hatte er nicht, nur Himmelsrichtungen, in die er fahren wollte: Ein wenig nach Westen und ein wenig nach Norden, also irgendwie nordwestlich; in Gegenden, die er nicht kannte und die nicht mit schlechten Erinnerungen oder Assoziationen verbunden waren. Er suchte einfach einen relativ ruhigen Ort, eine mittelgroße Kleinstadt oder eine kleine Mittelstadt ohne große Aufregungen, in der aber das Notwendigste problemlos zu bekommen war. Dazu gehörten vor allem Tabletten; und zwar von der Sorte, die nicht jeder Arzt verschrieb, was ein Problem darstellte, aber er hatte sich im Netz eingehend informiert und eine umfängliche Liste von Ärzten erstellt, die weniger Zicken als andere machten und den Gemeinden und Städten, in denen sie ihre Praxis hatten. Durch zwei der gelisteten Orte war er gleich durchgefahren. Der eine war zu klein und provinziell, um dort nicht aufzufallen, der andere zu sauber, zu schön und vermutlich viel zu teuer, als dass er eine Wohnung finden könnte, die in seinem veranschlagten Budget lag.
Doch schon am nächsten Morgen war er in dieser Stadt hier gelandet, einer mittelgroßen Kleinstadt, die von der Struktur her wie eine verkleinerte Großstadt wirkte. Es gab gute Viertel, schlechtere Viertel, eine schöne Altstadt, ziemlich viel Natur und sie lag verkehrsgünstig an einer Bundesstraße und in der Nähe der Autobahn. Die Grundvoraussetzungen waren also gegeben, jetzt galt es den Arzt auszutesten, der auf seiner Liste stand. Er täuschte eine Notsituation vor und wurde nach nur kurzer Wartezeit aufgerufen. Die Hinweise und Kommentare im Netz bestätigten sich rasch: Es war nicht nur ein kompetenter Arzt, sondern auch ein einfühlsamer und mitfühlender, der zuhörte und keine voreiligen Schlüsse zog, sondern auf die individuellen Bedürfnisse seiner Patienten einging. Der Mediziner erklärte sich bereit, als sein neuer Hausarzt zu fungieren und ihm die benötigten Schlaftabletten zu verschreiben. Alle anderen Tabletten selbstverständlich auch, was ihm allerdings nicht so wichtig war, denn davon hatte er noch einen stattlichen Vorrat, da er des Öfteren vergaß, sie einzunehmen oder sie auch absichtlich nicht schluckte. Entscheidend waren die Schlaftabletten, denn ohne die konnte er überhaupt nicht leben, nicht einmal für ein paar Wochen.
Das Wichtigste erledigt, suchte er ein äußerlich wenig einladendes Restaurant auf, in dem er eine Kleinigkeit aß und sich nach geeigneten Wohngegenden erkundigte. Die Wohnungssuche würde jedoch bis morgen warten müssen, denn er war erschöpft und musste schnellstens eine Pension oder ein billiges Hotel finden, in dem er ein paar Tage verbringen und Kräfte sammeln konnte. Zum Glück kannte der Wirt dieser Kaschemme hier jemanden, der jemanden kannte, dessen Cousin ein kleines Hotel betrieb, in dem garantiert ein Zimmer frei war. Wie das eben immer so war, mit den Menschen.
2
Es hatte sich als nicht allzu schwierig erwiesen, eine günstige 2,5-Zimmerwohnung in dem alten Arbeiterviertel zu bekommen. Es gab zwar in dieser Stadt noch einiges an Industrie, aber die große Maschinenfabrik hatte ihre Pforten geschlossen und war gen Osten gezogen, wo die Vorschriften weniger, die Steuern niedriger und die Arbeitskräfte billiger waren. Und deshalb die vielen freien Wohnungen in dem Arbeiterviertel, dem alten. Und vermutlich deshalb stellte der Mitarbeiter der vermietenden Wohnungsgesellschaft auch nicht allzu viele Fragen, freiberuflicher IT-Dienstleister reichte dem als Bonitätsnachweis völlig aus, andere Lügen und Halbwahrheiten brauchte er nicht aufzutischen. Zum Glück, denn er war ein lausiger Lügner. Mittelgroße Küche mit Essbereich, Schlafzimmer, Wohnzimmer und ein halbes Zimmer, das als Büro und Fahrradabstellplatz diente. Die Räumlichkeiten waren absolut zufriedenstellend.
Zu dieser Wohnung gehörte auch ein Keller, doch er wollte sein teures Gravelbike dort lieber nicht abstellen, um die Nachbarn gar nicht erst in Versuchung zu führen. Einen Aufzug gab es nicht, aber die Wohnung lag im zweiten Stockwerk. Selbst in seinem schlechten Allgemeinzustand war es möglich, wahlweise das Fahrrad, Getränkekästen oder die Möbelstücke, die er noch besorgen wollte, hier herauf zu schleppen. Er könnte ja in der ersten Etage eine kleine Pause einlegen. Eine Garage hätte er anmieten können, aber das Geld dafür war ihm zu schade, und selbst in dieser Gegend würde sein alter Hyundai keine großen Begehrlichkeiten wecken. Und selbst wenn, er hatte nicht vor weiterzufahren, das hier war die Endstation.
Für jemanden, dem die Anwesenheit anderer Menschen und vor allem räumliche Nähe zu ihnen immer großes Unbehagen bereitete, hatte er stets erstaunlich viele soziale Kontakte. Er wusste nicht, warum das so war. Anscheinend hatte er etwas an sich, das die Menschen animierte, ihn vollzutexten, was meistens ziemlich nervig war, mitunter aber auch durchaus nützlich, äußerst nützlich sogar. Der Gebrauchtwagenhändler zum Beispiel, dem er den Autoanhänger für 100 € verkaufte, versorgte ihn ungefragt mit einigen nicht unwesentlichen Informationen über diese Gegend. Das Viertel war soweit in Ordnung, nicht so, dass er hier gerne leben wollte, aber es ließ sich aushalten, vor allem, weil man hier nicht unnötig belästigt wurde. Wer für sich bleiben wollte, der konnte das auch. Und er wollte mit absoluter Sicherheit für sich bleiben.
***
Moderne Wohnungen waren eigentlich immer besser als Altbauwohnungen und ihre jetzige war sogar ultramodern, ausgestattet mit den neuesten technischen Errungenschaften, mit denen sie allerdings manchmal nicht zurechtkam. So wie jetzt: Es war November und es wurde kalt! Höchste Zeit, die Heizung anzustellen, aber sie hatte keine Ahnung, wie das ging. Vermutlich hatte man es ihr erklärt, als sie hier eingezogen war – das war allerdings vor einem halben Jahr gewesen, im Frühling, als es warm war, und bis jetzt hatte sie die Heizung nie benötigt. Sie war ja keine von diesen Frauen, die bei Temperaturen unter 20 Grad einen Kälteschock bekamen. Nun jedoch brauchte sie die Heizung, und egal wo sie raufdrückte oder woran sie drehte, es wurde nicht wärmer. Sie würde wohl jemanden fragen müssen, der sich damit auskannte, aber niemanden hier im Haus. Denn dieser Jemand könnte auf die Idee kommen, ihr persönlich zeigen zu wollen, wie man die Temperatur in ihrer Wohnung regelte und das wollte sie nicht. Denn wenn sie etwas wirklich nicht abkonnte, dann waren es andere Menschen in ihrer Wohnung. Deshalb lud sie auch nie Gäste zu sich ein und ließ niemanden herein, wenn es nicht unbedingt notwendig war. Sie beschäftigte nicht einmal eine Haushälterin oder Putzfee, auch wenn Putzen, Wischen und Staub entfernen nicht gerade zu ihren Lieblingsbeschäftigungen gehörten. Wenigstens hatte sie mit der Küche nicht viel Arbeit, denn dieser super-moderne Herd war ihr nicht geheuer und sie hatte ihn noch nie angestellt, obwohl er den Vorteil hatte, dass sie sich nicht den Kopf an der Dunstabzugshaube anschlagen konnte, denn dieser Herd hatte so etwas gar nicht, brauchte es wohl auch nicht. Das machte das Kochen vermutlich angenehmer, aber das reichte ihr als Argument nicht aus, um sich näher mit diesem Herd zu beschäftigen. Einen normalen Herd hätte sie vermutlich auch nicht öfter in Betrieb genommen, denn sie hatte seit ihrer Studentenzeit nicht mehr gekocht, und damals bestand Kochen im Wesentlichen aus dem Aufwärmen des Inhalts von Konservendosen. Wie für alles gab es auch für das Zubereiten von Lebensmitteln Fachleute, die dafür ausgebildet waren: Köche wurden sie genannt, und sie arbeiteten in Unternehmen, die Essen an Kunden wie sie verkauften. Ein gut funktionierendes System, das ihr die Möglichkeit gab, den Herd und die Kochutensilien in ihrer Küche komplett zu ignorieren.
***
Er hatte sich diesen Ort nicht im Vorhinein gezielt ausgesucht, aber er hätte es wesentlich schlechter treffen können, dachte er sich, als er zu Fuß die Innenstadt erkundete. Die Straßen waren durchgehend sauber, die Geschäfte diverser als heutzutage üblich, und die allgemeine Atmosphäre ruhiger und weniger hektisch und aggressiv als anderswo. Eine Stadt, die sich zwar ähnlich zu entwickeln schien wie andere auch, allerdings gemächlicher, ohne schnelle Veränderungen und Umbrüche. Alles in allem eine gewöhnliche Mittelstadt, leicht überdurchschnittlich in den meisten Bereichen, ohne auch nur ansatzweise hip oder gar mondän zu sein. Mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht schlechter als die Orte, in denen er bisher gelebt hatte und einer Großstadt in jedem Fall vorzuziehen. Die meisten Besorgungen würde er mit dem Fahrrad oder zu Fuß erledigen können, was erfreulich war, denn der Kern der Stadt war durch ein Labyrinth von Einbahnstraßen und Fußgängerzonen, sowie einen Mangel an Parkplätzen gekennzeichnet; kein Vergnügen für Autofahrer.
In einer Seitengasse der Altstadt hatte er eine Gaststätte entdeckt, die wirkte, als sei sie direkt aus der Emilia hierher teleportiert worden. Allerdings aus der Emilia von vor dreißig Jahren. Aus der Zeit und aus dem Land gefallen, diese kleine Osteria. Die Wirtsleute, Giuseppe und Maria, waren Mitte vierzig, Eltern von zwei Kindern und aus einer Laune heraus und durch eine Empfehlung eines entfernten Verwandten, der im nächstgelegenen Landkreis eine große Pizzeria betrieb, vor einem Jahr in diese Stadt gezogen und hatten für wenig Geld eine heruntergewirtschaftete Gaststätte in der Altstadt gepachtet. Den Ratschlag ihres Verwandten, das Lokal auf deutsche Gewohnheiten und Geschmäcker einzustellen, hatten sie geflissentlich ignoriert. Eine weise Entscheidung, wie er fand, eine sehr weise sogar. Sie hatten offensichtlich eine präzise Vorstellung davon, wie ihr Restaurant sich präsentieren sollte, und zogen ihr Ding durch, auch wenn es vermutlich finanzielle Nachteile zur Folge hatte. Die Inneneinrichtung rustikal und gemütlich, wenige Speisen, die liebevoll zubereitet wurden, die Weine ausgewählt, aber erschwinglich, die Atmosphäre munter, ohne laut und aufdringlich zu sein. Er hatte sich sofort verliebt in diese Osteria, und wenn er noch herausfände, zu welchen Zeiten besonders wenig los war, würde er wahrscheinlich recht oft dort einkehren. Er konnte zwar leidlich gut kochen, aber das war mit Aufwand verbunden, und warum sich diesen machen, wenn er in einer Umgebung, die nicht völlig unangenehm war, viel bessere Mahlzeiten serviert bekommen konnte?
***
Sie legte das Buch zur Seite, es war Kitsch. Sie würde es auf dem Rückweg der alten Frau schenken, die im Schatten der großen Linde am Eingang des Parks saß und die schwach wärmenden Strahlen der Februarsonne genoss. Sie schien einsam zu sein und vermutlich würde ihr so ein Kitschroman gefallen. Sie sollte ihre Lektüre wirklich besser auswählen, dachte sie, meistens kaufte sie einfach die ausgestellten Bestseller im Buchladen. Ein Fehler natürlich, Geld- und Zeitverschwendung. Das Geld war ihr egal, sie verdiente sehr gut, aber Zeit zu verschwenden missfiel ihr. War sie zu snobistisch geworden in den letzten Jahren? Ein wenig vielleicht, attestierte sie selbstkritisch. Während ihrer Schulzeit hatte man ihr oft vorgeworfen, die Nase sehr hoch zu tragen. Das stimmte auch, allerdings nur physisch und nicht metaphorisch. Sie hatte sich nie als hochnäsig empfunden. Vielleicht kühl, aber das hatte an ihrer natürlichen Zurückhaltung gelegen, die mitunter zu Schüchternheit tendieren konnte. Wenn sie die Wahl hätte zwischen selbstsicher und arrogant einerseits und schüchtern und ängstlich andererseits, würde sie sich immer für Ersteres entscheiden.Damit fuhr man wesentlich besser im Leben, auch wenn man so keine Sympathiewettbewerbe gewann. Sie hatte sowieso nicht vor, an einem teilzunehmen, genauso wenig, wie sie dieses Buch bis zum Ende lesen würde.
3
Bahnhöfe waren besondere Orte und übten eine seltsame Anziehungskraft aus. Es ging ihm damit ähnlich wie vielen anderen Menschen, was für ihn noch durch den Umstand verstärkt wurde, dass man in Bahnhöfen herumsitzen, Bier trinken und nachdenken konnte, ohne behelligt zu werden. Zumindest war das vor der Erfindung des Mobiltelefons so gewesen. Jetzt musste man überall die Gespräche anderer mitanhören. Wie er das von diesem "Andi". Er kannte ihn nicht, aber er sah eben aus, als ob er Andi hieße; "Andi, der Zugverpasser". Es war nicht sonderlich knapp gewesen, vermutlich verpasste Andi öfter seinen Zug.
»Ich schau’ gleich mal nach«, teilte Andi seiner Gesprächspartnerin mit.
»13 Uhr 47«, rief er dem jungen Mann zu, ohne sich umzudrehen. Vielleicht würde seine unaufgeforderte Hilfestellung bewirken, dass Andi sein Gespräch schneller beenden konnte und sich wegtrollte.
»Oh, danke«, sagte Andi überrascht zu ihm, um sich dann wieder seinem Telefonat zu widmen. »Ich nehm’ dann den nächsten um 13 Uhr 47.«
Sofern er den nicht auch noch verpasste.
»Hm, weiß nicht.«
Natürlich wusste das Andi nicht, aber er wusste es. »Ankunft um 16 Uhr 22.«
Andi gab diese wertvolle Information an seine Gesprächspartnerin weiter, die das Telefonat nach ein paar wechselseitigen Floskeln beendete.
»Sie wartet auf mich«, teilte ihm Andi mit froher Miene mit.
Dieses eine Mal noch, dachte er, aber das letzte Mal.
»Schön für sie«, entgegnete er.
»Sie reisen wohl oft mit der Bahn?«
»Gelegentlich«, log er. Er hasste Bahnfahren. All diese Menschen, auf engstem Raum! Da saß er lieber allein in seinem Auto in einem langen Stau fest.
Andi machte sich daran, in Richtung Altstadt zu gehen, vermutlich um in einem Café die Zeit bis zur Abfahrt des nächsten Zugs totzuschlagen.
Er zählte im Geiste runter: 3, 2, 1 …
»Hey, woher wissen Sie, wo ich hin will?«
Er drehte sich nicht zu Andi um, sondern deutete nur mit dem linken Zeigefinger in die Richtung des kleinen Aufnähers an Andis Umhängetasche.
»Das muss nicht unbedingt heißen, dass ich auch dahin will.«
»Nein, aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit; educated guess.«
»Ah ja, na dann ein schönes Wochenende Ihnen.«
»Danke, Ihnen auch.«
Niemand von uns beiden wird ein schönes Wochenende haben, dachte er. Deines Andi, wird die Hölle sein und meines auch. Aber für ihn war jedes Wochenende eine kleine Hölle oder zumindest eine Vorhölle, auch ohne Beziehungsstress, den er ja nicht hatte, weil er allein war. Allein mit sich und seinen Dämonen.
***
Sie hatte nie Schwierigkeiten, einen Sitzplatz in ihrem Lieblingsrestaurant zu bekommen, obwohl es eines der beliebtesten Lokale in der Stadt war. Da sie fast ausnahmslos alleine hier essen ging, fand sich immer ein kleiner Tisch, oft in einer stillen Ecke oder Nische, der noch frei war. Außer ihr gab es so gut wie keine Einzelpersonen und der überwiegende Teil der Gäste war in kleineren Gruppen da. Ob das etwas mit der vegetarischen Ausrichtung des Restaurants zu tun hatte? Nun ja, die Mehrzahl der Leute, vor allem die jüngeren, waren gesellig und hatte viele Bekannte, und wer allein war oder allein essen wollte, konnte das Essen ja auch bestellen und abholen oder gleich vorn im Ladenbereich sich etwas von der Frischtheke zusammenstellen lassen. Dort gab es eine große Auswahl an verzehrfertigen kalten und warmen Speisen: Suppen, Salate, Hauptgerichte, Desserts, Kuchen und Süßspeisen. Für jeden Geschmack etwas dabei, sofern man nicht zwingend tote Tiere im Essen benötigte.
Alle Produkte waren "Bio", nachhaltig, gesund und zudem appetitlich angerichtet, weswegen sie fast jeden Tag hierher kam, entweder um im Restaurantbereich zu dinieren oder um sich eine Lunchbox für zu Hause mitzunehmen, und das, obwohl sich die Bediensteten ihr gegenüber eher unfreundlich verhielten, und die Kundschaft nicht die Art von Leuten war, mit denen sie normalerweise Umgang hatte. Allerdings gab es im privaten Bereich sowieso nur wenige Menschen mit denen sie überhaupt Zeit verbrachte, und das Publikum hier im "Meet&Potatoes" machte auf sie einen besonders langweiligen Eindruck. Die Herren der Schöpfung wirkten überwiegend ziemlich asexuell und die Frauen waren entweder übertrieben affektiert zurechtgemacht oder auf prätentiöse Weise gar nicht. Gelegentlich wurde sie von jungen Männern, meist ausländischen Studenten, angesprochen und wenn sie höflich waren und einigermaßen amüsant wirkten, durften sie sich auch an den Tisch setzen und mit ihr ein wenig plaudern. Doch auch wenn der Altersunterschied, sofern überhaupt vorhanden, nur gering war, hatte sie kein Interesse an weiteren Treffen oder gar einer – wie auch immer gearteten – Beziehung.
***
Es gefiel ihm recht gut hier oben. Nein, sogar ausgesprochen gut. Obwohl oder vermutlich weil es in diesem Park nicht wirklich schön war, sofern es überhaupt ein Park war. Er war sich da nicht so sicher, aber es gab Sitzbänke, öffentliche Toiletten und Parkplätze, die wie alles hier oben schon mal bessere Zeiten gesehen hatten. Sein Auto war das einzige, das auf der Abstellfläche stand, die wohl als Parkplatz gedacht war. Nicht verwunderlich, es war noch relativ früh am Tag und die Anzahl der Menschen, die sich auf diesem doch recht weitläufigen Gelände aufhielten, war überschaubar. Das war ihm nur allzu recht, so konnte er in Ruhe die Aussicht genießen. Und die Aussicht, im Gegensatz zum Rest des Parks, war schön! Ein Panoramablick der dicht bewaldeten, sehr profilierten und nur wenig bebauten Umgebung der Stadt, an deren östlichem Ende sich dieser Hügel befand. Eine Kopfsteinpflasterstraße führte hier hinauf, die im Bereich der Kuppe asphaltiert war und dann in südöstlicher Richtung abwärts weiterging und zu ein paar Weilern und Bauernhöfen in der Umgebung führte. Zumindest wenn er sich an den Stadtplan richtig erinnerte, den er in einem Schaukasten vor dem Rathaus in der Altstadt studiert hatte.
Für jemanden wie ihn war das kein schlechter Aufenthaltsort, er fiel nicht sonderlich negativ auf, was Alter, Aussehen, Einkommenskategorie und Lebensqualität anging. Das kam ihm gut zupass; es war schwer zu ertragen, wenn er in einer Ansammlung von Menschen der älteste, unattraktivste oder unglücklichste war. Fast immer war er in seinem Leben eine Kombination aus diesen Attributen gewesen.
Er scannte die anwesenden Personen und ordnete sie verschiedenen Kategorien zu. Schubladendenken war ihm weder fremd, noch schämte er sich dafür. Es war ja eine objektive Einordnung, auch wenn sie zu einem geringen Teil von Vorurteilen beeinflusst war. Seine Lebenserfahrung hatte gezeigt, dass diese Einstufungen sich zu einem sehr hohen Prozentsatz als richtig erwiesen.
Drei einzelne ältere Personen, rechtschaffene Menschen aus der unteren Mittelschicht, die still auf ihrer jeweiligen Parkbank saßen und in Gedanken versunken waren.
Ein halbes Dutzend zwielichtig und bösartig aussehender Männer, vermutlich keine Schwerstkriminellen, aber dennoch keine angenehmen Zeitgenossen.
Zwei Drogendealer lungerten an einer schlecht einsehbaren Stelle am Rande des Parks herum, wo sie vermutlich auf Kunden warteten. Wenigstens belästigten sie nicht die übrigen Parkbesucher, die vermutlich nur ihre Ruhe und eine kleine Auszeit von ihrem trostlosen Leben nehmen wollten.
Einige Jugendliche, bei denen man noch nicht voraussehen konnte, wie sie sich entwickeln würden.
Eine Handvoll ziemlich fertig wirkender Menschen, überwiegend Männer und vermutlich Obdachlose oder Alkoholiker, aus denen nichts mehr werden würde, die aber nicht aggressiv oder gar bösartig wirkten.
Der Lärmpegel hielt sich in Grenzen, auch wenn es hier wie überall ein paar Gestalten gab, die der Meinung waren, ihre Unterhaltung wäre so bedeutsam, dass sie jedermann mitanhören sollte. Vielleicht versuchten sie auch nur mittels Lautstärke diesen Ort als ihr Revier zu markieren.
Es wäre durchaus reizvoll, hier oben zu sitzen, Zigaretten zu rauchen und ein paar Bierchen zu trinken. Dazu würde er allerdings sein Fahrrad benötigen, zu Fuß war es von seiner Wohnung aus zu weit und alkoholisiert fuhr er grundsätzlich nie Auto. Er hegte jedoch Zweifel, ob er es mit dem Rad schaffen würde; die Auffahrt war ziemlich steil, der Höhenunterschied zur Altstadt nicht unwesentlich. In einem normalen, gesunden körperlichen Zustand absolut machbar, aber nicht in seinem. Er könnte allerdings bis zum unteren Ende des Hügels fahren und dann das Fahrrad hinaufschieben. Das wäre ihm zwar peinlich, aber es würde ja kaum jemand mitbekommen. Immer nur in seiner Wohnung herumhängen und ab und an in die Osteria gehen war ihm zu wenig, er brauchte einen Ort im Freien, in der Natur, wo er gemütlich sitzen und nachdenken konnte. Dieser unansehnliche Park auf diesem Hügel hatte eine ganz besondere Atmosphäre, die ihn ansprach. Warum also etwas anderes suchen? Er nahm sich vor, nach Möglichkeit regelmäßig hier hochzufahren oder zu gehen, wenn es mit dem Rad nicht zu schaffen war, um auf einer Parkbank ein paar besinnliche Stunden zu verbringen.
***
Sie war magisch! Eine Zauberin, eine Wundertäterin! Na ja, jedenfalls hatte sie das heute wieder gehört. Warum mussten die Menschen immer so dick auftragen? Klar, sie war gut in ihrem Job, weil sie sich auch mehr Mühe gab als andere, genauer analysierte, den Dingen auf den Grund ging und sie besser verstand. Und ja, sie war eine Spezialistin für schwierige und besondere Fälle, aber Zauberin? Das war ein bisschen übertrieben und irgendwie auch langweilig. Genauso langweilig wie der Inhalt ihres Kühlschranks: etwas Käse, fettarmer Naturjoghurt, eine halbvolle Lunchbox vom Veggieladen und Buttermilch. Wenigstens stand da auch eine Flasche gut gekühlten Weißweins, so wie immer. Dazu könnte sie sich eine Packung Pralinen gönnen. Ziemlich ungesund und viele Kalorien, aber sie hatte nie Probleme, ihr Gewicht zu halten, und würde die Kalorien später wieder abtrainieren, wenn sie den Berg hinauflief. Und für den Gesundheitsaspekt war der Wein zuständig. Wein war gesund! Das konnte man ständig in irgendwelchen Zeitschriften lesen. Gut, es bezog sich zwar auf maßvollen Genuss und meistens auf Rotwein, aber sie bevorzugte nun einmal Weißwein, der war weniger aufdringlich als Rotwein und hinterließ nicht so hässliche Flecken. Ja, Wein, Pralinen und noch ein gutes Buch im Bett lesen.
***
Wenig überraschend hatte er es nicht geschafft, den Hügel mit dem Fahrrad hinaufzufahren. Musste schon nach nicht mal hundert Metern die Sinnlosigkeit des Unterfangens einsehen, war abgestiegen und hatte das Rad geschoben. Er war eben nicht mehr der Jüngste und schon gar nicht der Fitteste. Nichtsdestotrotz ärgerte das ihn. Der Anstieg war sehr fordernd, aber durchaus machbar, auch wenn man keine Zwanzig mehr war, wie diverse Radfahrer täglich bewiesen. Einige davon waren sicherlich älter als er und auch nicht gerade superschlank. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, als er solche Anstiege auch hatte bewältigen können, aber diese Zeit war lange vorbei. Vielleicht war es auch Zeit, sich von diesem Fahrrad zu trennen. Giuseppe hatte einen Sohn, Stefano hieß er wohl, dem könnte er das Rad schenken. Wenn man von der Figur seines Vaters ausging, würde Stefano höchstwahrscheinlich auch nicht gerade eine Bergziege, sondern eher ein Sprintertyp werden, aber vielleicht könnte er sich zu einem bergfesten Sprinter entwickeln. Allerdings hing er an seinem bewährten und hochwertigen Markenfahrrad und würde es erst einmal behalten. Er könnte es später immer noch an Stefano verschenken.
Wenigstens hatte er eine schöne Parkbank entdeckt. Nun ja, schön konnte man sie wirklich nicht nennen, sie war nicht gerade neu und hatte schon lange keinen Pinsel mehr gesehen, aber für ihn war sie ideal. Es war die Parkbank, die am weitesten entfernt von allen anderen stand, was die Gefahr reduzierte, dass jemand auf die Idee kam, sich zu ihm zu setzen und dann vermutlich ein Gespräch mit ihm anzufangen. Von dieser Bank aus konnte man fast das gesamte Parkgelände, Teile der Stadt und das schöne Umland überblicken. Sie stand am nordwestlichen Ende des Parks. Ein schmaler Trampelpfad führte von ihr zwanzig Meter weiter unten zur Straße, dort wo sie eine 90-Grad-Kurve nach Süden machte. Das war praktisch, so musste er nicht die Straße bis zum Ende fahren, beziehungsweise laufen, um zu dieser Bank zu gelangen.
Weniger praktisch war, dass es hier oben keine Getränke zu kaufen gab. An der Vorderseite des Toilettengebäudes gab es zwar etwas, das aussah wie ein Kiosk, der aber anscheinend derzeit nicht in Betrieb war. Ob der grundsätzlich nie auf hatte oder nur zu bestimmten Zeiten, wusste er nicht, und es war gerade auch niemand in der Nähe, den er hätte fragen können. Wozu auch: Offensichtlich war der Kiosk jetzt geschlossen und das würde sich auch durch Nachfragen nicht ändern. Er sollte sich wohl etwas mitbringen, wenn er hier hochfuhr, zusätzlich zu den Wasserflaschen seines Fahrrads. Ohne etwas zum Trinken hier zu sitzen, würde ihm nicht allzu viel Spaß bereiten. Davon abgesehen störte ihn im Moment, dass er nicht wusste, wohin mit seiner ausgerauchten Zigarette. Um die Bank herum lagen zwar schon einige Kippen, aber es bereitete ihm Unbehagen, die Zigarette einfach so auf den Boden zu schnippen. Allerdings hatte er auch keine Lust aufzustehen, die Zigarette mit dem Schuh auszutreten, den Stummel mit der Hand wieder aufzuheben, die fünf Schritte zu dem Abfalleimer zu gehen und dann die Kippe dort einzuwerfen. Der Behälter quoll bereits mit allem möglichen Müll über und das, obwohl sich hier oben nicht viele Menschen aufhielten. Allzu oft wurde der Abfall anscheinend nicht abgeholt. Ein kurzer Blick verriet ihm, dass sich schon dreizehn Zigarettenkippen auf dem Boden um diese Bank herum befanden. Eine Unglückszahl und er hatte ohnehin schon genug Unglück. Deshalb schnippte er die Zigarette auf den Boden, trat sie aus, setzte sich auf sein Fahrrad und fuhr die Straße hinunter zur Stadt.
***
Sie sah ihn heute zum ersten Mal. Er fiel ihr nur auf, weil er so ungesund aussah und nicht besonders gepflegt: Fünf-Tage-Bart, schlampige Kleidung, der letzte Friseurbesuch erkennbar auch schon ziemlich lange her. Zudem schwitzte er stark, obwohl es ziemlich kühl, ja, fast kalt war. Das lag mit Sicherheit daran, dass er deutlich übergewichtig war und zudem rauchte. Eine tödliche Kombination! Warum konnten die Leute nicht besser auf sich achtgeben? Das war doch nicht so schwierig, man brauchte nur etwas Disziplin dazu. Gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung, nicht rauchen, kein Drogen- oder Medikamentenmissbrauch und die allermeisten gesundheitlichen Probleme entstanden gar nicht erst. Andere Probleme auch nicht, weil man sich besser fühlte, weniger aggressiv und übellaunig und dadurch attraktiver war.
Dieser Typ sah ziemlich unglücklich aus, was er sich vermutlich größtenteils selbst zuschreiben musste. Saß da auf dieser einsamen Parkbank vor dem kleinen Wäldchen, rauchte Zigaretten und starrte stumpf vor sich hin. Irgendwie bedauernswert, aber nicht ihr Problem, sofern der nicht auch noch einen Herzinfarkt bekam. Irgendwie schien er nicht hierher zu passen, aber so genau konnte sie auf diese große Entfernung auch nicht sagen, warum das so war. Aber es war ihr eigentlich auch egal, er schien nicht besonders interessant zu sein – nur ein weiterer Krebskandidat. Vielleicht würde sie ihn ja irgendwann kennenlernen.
4
Das Leben konnte schön sein, theoretisch zumindest, und für wenige glückliche Menschen, die er beneidete, traf das auch zu. Für ihn jedoch war es eine Unmöglichkeit, das hatte er schon ziemlich früh realisiert, auch wenn in jungen Jahren seine fast grenzenlose Phantasie das trügerische Biest der Hoffnung noch genährt hatte. Je älter er wurde, desto mehr Abstriche und immer absurdere Verrenkungen des Geistes hatte er machen müssen um überhaupt morgens aus dem Bett zu kommen. Bis zum Schluss nur noch gelegentlich die Aussicht auf entspannte und potentiell angenehme Episoden, vereinzelte Stunden, kurze Momentaufnahmen, übrig blieb. Es war ja nicht so, als ob er unfähig wäre, positive Emotionen wahrnehmen zu können. Er hatte sogar eine große Bereitschaft dazu, so etwas Ähnliches wie Glück zu empfinden, es hatte aber eben nur selten Anlass dafür gegeben. Heute allerdings war einer seiner besseren Tage der letzten Jahre, was nur deshalb möglich war, weil er weder Verpflichtungen und Termine, noch akute finanzielle Sorgen hatte und einfach den Tag nach Lust und Laune hatte gestalten können. Und er hatte Lust und Laune gehabt, den Abend in der Osteria zu verbringen, um bei gutem Wein und noch besserem Essen mit Giuseppe über die Dinge des Lebens zu debattieren und generell so zu tun, als ob alles in Ordnung sei. Er hatte es genossen und war froh, dass das Schicksal, oder der Zufall, ihn in diese Stadt und zu diesem Lokal geführt hatte. Er war überzeugt, dass er sich etwas Leichtigkeit zum Abschluss seines Lebens verdient hatte; etwas "Leichtigkeit des Seins", die für ihn ganz bestimmt nicht unerträglich wäre.
Vermutlich würde seine gute Laune morgen wieder in tiefe Depression umschlagen, vielleicht sogar schon heute Nacht, aber er hatte sich noch eine Flasche Wein mitgeben lassen und würde sie in seiner Wohnung trinken, um das Unweigerliche bis morgen hinauszuschieben und den Tag besinnlich ausklingen zu lassen. Aber morgen hatte er auch keine Termine oder Verpflichtungen und er musste auch nicht unbedingt arbeiten, weil er ausreichend Geld hatte, und deshalb würde er den nächsten Tag schon irgendwie überstehen und sich dann von Tag zu Tag, von Woche zu Woche treiben lassen, so lange es eben ging und auszuhalten war. Er hatte durchaus den Eindruck, dass es sich in dieser Stadt einigermaßen aushalten ließ, eine Zeitlang zumindest. Es war sicherlich kein schlechter Ort, um zu sterben. Vielleicht war es sogar ein richtig guter Ort, um zu sterben.
So dachte es in ihm, als er sich zu Fuß auf den Rückweg zu seiner Wohnung im Arbeiterviertel machte.
Aber er konnte ja auch nicht wissen, dass die Radiologin in der Stadt lebte.
II Die Radiologin
1
Als sie ihre Wohnung betrat, sah sie sogleich das kleine Lämpchen auf dem Telefon blinken: ein verpasster Anruf. Vermutlich ihre Schwester, aber da es eine durchaus übliche Zeit für einen Schwesteranruf war, konnte sie ihn erst mal ignorieren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit lag nichts Wichtiges an, sondern nur das Übliche und darauf hatte sie jetzt so gar keine Lust. Eigentlich hatte sie ein gutes Verhältnis zu ihrer Schwester, fast innig, aber sie waren einfach zu unterschiedlich und diese Unterschiede sorgten dafür, dass nicht nur ihre Lebenswege in komplett anderen Richtungen verliefen, sondern auch, dass sie ihre Schwester mitunter als sehr nervend empfand und sich deshalb gelegentlich einem längeren Gespräch verweigerte. Denn die Anrufe ihrer Schwester dauerten unweigerlich ziemlich lang, da sie in epischer Breite ihre unharmonische Beziehung mit ihrem gerade aktuellen Freund schilderte oder über die Probleme auf der Arbeit berichtete. Oder warum gerade mal wieder Schluss war mit ihrem Ex-Freund und ihren Stress bei der Jobsuche. Ihre Schwester war immer entweder frisch in einer neuen und aufregenden Beziehung, inmitten einer problembehafteten Beziehung oder kurz nach Beendigung einer gescheiterten Beziehung. Mit den Jobs verhielt es sich nicht viel anders. Warum war sie nur so unstet? Warum kam sie nie irgendwo zur Ruhe? Dem Klischee der unterschiedlichen Schwestern entsprachen sie im Übermaß: die ältere ernsthaft, strebsam, geradlinig, organisiert und planvoll vorgehend; die jüngere überemotional, flatterhaft, flippig, vergnügungssüchtig und chaotisch. Das alles wirkte sich auf Beziehungen, Arbeit und natürlich auf das liebe Geld aus. Vielleicht war das der Grund für ihren Anruf: Sie war mal wieder knapp bei Kasse und brauchte einen schwesterlichen Zuschuss. Es machte ihr nichts aus, ihre kleine Schwester monetär zu unterstützen – sie hatte ja genug Geld, aber sie wusste, dass das langfristig nichts bringen würde, sondern nur kurzzeitig einen finanziellen Engpass verhindern konnte. Ihre Schwester war ganz bestimmt nicht dumm. Sie erfüllte alle Voraussetzungen, um eine gut bezahlte Tätigkeit zu erlernen und auszuüben, nur fehlte ihr der Wille und das Durchhaltevermögen, um bei einer Sache dabei zu bleiben, auch wenn Hindernisse auftauchten oder es Ärger gab. Das Leben war nun mal kein Ponyhof! Man konnte nicht erwarten, dass immer alles perfekt lief, und manches musste einfach ertragen werden um voranzukommen, sich etwas aufbauen zu können, besser im Job zu werden und ein erfülltes, befriedigendes Leben zu führen. Ihre Schwester wollte immer alles sofort haben, und wenn es nicht so lief, wie sie wollte, fing sie an herumzunörgeln und schmiss kurz darauf alles hin. Meistens jobbte sie in Bars und Cafés oder half kurzfristig in einem Geschäft aus, nichts was sie voranbringen konnte. Vielleicht hatte sie auch angerufen, um ihr mitzuteilen, dass sie eine neue Ausbildung angefangen hatte, was dann schon die dritte wäre, und die sich vermutlich innerhalb kürzester Zeit auch wieder als "die falsche Entscheidung" herausstellen würde. Mit den Männern verhielt es sich ähnlich. Die Exfreunde ihrer Schwester zählte sie schon gar nicht mehr. Es waren immer die falschen, das wurde anhand ihrer Beschreibungen schon deutlich, und dennoch entschied sie sich immer wieder für die gleiche Sorte Mann: Typen, die leidlich gut aussahen, Selbstsicherheit und Männlichkeit ausstrahlten, flotte Sprüche klopften und vielleicht sogar einen guten Job hatten, die allerdings aber nicht mal ansatzweise "Heiratsmaterial" waren. Es war zum Verzweifeln, sie liebte ihre kleine Schwester und wollte ihr so gerne helfen, einen soliden, sinnvollen Lebensweg zu finden, damit sie Zufriedenheit, Stabilität und etwas Glück erleben konnte; nur wusste sie nicht, wie das zu bewerkstelligen war.
Sie beschloss, jetzt erst mal eine Kleinigkeit zu essen und zu trinken, um ihr emotionales Level abzusenken, und erst später darüber nachzudenken, ob und wann sie ihre Schwester zurückrufen würde.
***
Er fühlte sich elend. Nicht besorgniserregend elend, sondern einfach nur so, wie er sich meistens fühlte. Es gab auch keinen besonderen Grund, warum er heute so mies drauf war, es war eben sein Normalzustand. Die Unzufriedenheit mit sich und seinem Leben. Eine Unzufriedenheit und eine Verbitterung, die schon Jahrzehnte bestanden und die sich auch nicht mehr ändern würden. Nicht ändern konnten, was es noch schlimmer machte. Positive Ablenkungen verschoben seine Niedergeschlagenheit nur kurzfristig ins Unterbewusstsein, bevor der Frust wieder an die Oberfläche gespült wurde. Im Laufe der Jahre hatte er gelernt, damit umzugehen; Bemühungen durch Arbeit oder hektische Betriebsamkeit diese Gefühle zu verdrängen, waren fast immer vergeblich. Das Beste war es, sich in seiner Wohnung einzuigeln und die Schmerzen, egal ob physischer oder psychischer Natur, zu ertragen und über sich ergehen zu lassen, in der Hoffnung, dass es ihm in einigen Stunden oder spätestens am nächsten Tag besser gehen würde. Diese stillen Stunden hatten jedoch auch ihren Nutzen: Sie gaben seinem Geist die Gelegenheit, Informationen und Erlebnisse zu verarbeiten und einzuordnen, wieder Struktur in seine Gedanken zu bekommen, sich daran zu erinnern, was er erledigen musste, und die nächsten Tage sinnvoll planen und gestalten zu können. Das funktionierte nur, wenn sein Gehirn "frei kreisen" konnte, wie er das nannte. Ein Ordnungsprozess, der sich meistens nach einigen Stunden ohne äußerliche Stimuli einstellte und nicht nur körperliche und mentale Entspannung, sondern auch geistige Klarheit mit sich brachte. Momentan war dieser Zustand noch nicht erreicht, und daher nutzte er die Zeit, um etwas Ordnung in seine umfangreiche Hausapotheke zu bringen: aussortieren, was abgelaufen war, notieren, was zur Neige ging und demnächst wieder zu besorgen war, die Mittel bereitlegen, die er regelmäßig einnehmen sollte, und das Ganze so anzuordnen, dass er das auch nicht wieder vergaß. Eine ziemlich stumpfsinnige Tätigkeit, aber genau die richtige für seinen aktuellen Zustand. Ordnung zu schaffen war eigentlich nie verkehrt, in jeder Hinsicht. Mehrfach vorhandene oder überflüssige Beipackzettel wanderten in eine große Mülltüte für Altpapier. Tablettenpackungen, für die er keine Verwendung mehr hatte, warf er in den neben der Schlafzimmertür stehenden Mülleimer. Das war eine beruhigende, fast meditative Übung, und obwohl der Eimer von seinem Bett aus mehr als zwei Meter entfernt stand, fanden die meisten seiner Würfe das Ziel. Er hatte genug Training darin, "muscle memory", "zelluläres Gedächtnis" oder wie auch immer man das nannte. Für einen Jungen seiner Größe war er während der Schulzeit ein recht beachtlicher Basketballspieler gewesen, zumindest auf lokaler Ebene. Ein pass- und treffsicherer Shooting Guard. Das kam ihm jetzt zu Gute. Wenn er nur in allen Dingen eine so hohe Trefferquote hätte …
***
Da sie eine liebende, verantwortungsvolle und mitfühlende große Schwester war, hatte sie schlussendlich doch zurückgerufen. Zum Glück lag keine besonders schwere Krise vor, so dass sie ihre Schwester auf morgen vertrösten konnte. Sie hatte absolut keine Lust, den ganzen Abend Probleme zu bequatschen, zumal sie ohnehin eine Verabredung für heute hatte. Eine spezielle Verabredung, eine Verabredung zum Tanzen!
