Kaplans Traum - Stanislav Komárek - E-Book

Kaplans Traum E-Book

Stanislav Komárek

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Beschreibung

Prag zu Beginn der achtziger Jahre: Der junge Wissenschaftler Viktor Kaplan kann dem Ruf des Orients nicht länger widerstehen. Er träumt davon, seine Studien über die osmanische Elitetruppe der Janitscharen zu vertiefen – und setzt sich nach Österreich ab, erste Etappe auf dem Weg in die Türkei. Als er eine Ausstellung über die gescheiterte Türkenbelagerung Wiens 1683 vorbereitet, lernt Kaplan den zwielichtigen Geschäftsmann Karakaş kennen, der ihm ein Stipendium für einen Forschungsaufenthalt am Bosporus verschafft. Bald deutet alles darauf hin, dass er in die Fänge eines Geheimordens geraten ist, der das spirituelle Erbe der Janitscharen angetreten und seine Zentrale ausgerechnet im Herzen der westlichen Zivilisation errichtet hat ... Von Prag über Wien und Istanbul nach New York führt dieses hintergründige Abenteuer. Ein Bildungs- und Pikaroroman, der die Wandlung des naiven jungen Idealisten zum wissenden Helden erzählt, aber auch ein Spannungsroman, der einer mystischen Weltverschwörung nachspürt – packend, raffiniert und von großer sprachlicher Schönheit.

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EPUB

Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Stanislav Komárek

Kaplans Traum

Aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Prag zu Beginn der achtziger Jahre: Der junge Wissenschaftler Viktor Kaplan kann dem Ruf des Orients nicht länger widerstehen. Er träumt davon, seine Studien über die osmanische Elitetruppe der Janitscharen zu vertiefen – und setzt sich nach Österreich ab, erste Etappe auf dem Weg in die Türkei. Als er eine Ausstellung über die gescheiterte Türkenbelagerung Wiens 1683 vorbereitet, lernt Kaplan den zwielichtigen Geschäftsmann Karakaş kennen, der ihm ein Stipendium für einen Forschungsaufenthalt am Bosporus verschafft. Bald deutet alles darauf hin, dass er in die Fänge eines Geheimordens geraten ist, der das spirituelle Erbe der Janitscharen angetreten und seine Zentrale ausgerechnet im Herzen der westlichen Zivilisation errichtet hat ...

 

Über Stanislav Komárek

Stanislav Komárek, geboren 1958 in Böhmen, studierte Biologie in Prag. Die Jahre 1983 bis 1990 verbrachte er im Wiener Exil und auf zahlreichen Reisen durch Europa, in den Nahen und Mittleren Osten, in die USA und nach China. Seit 1990 lehrt er Philosophie, Geschichte der Naturwissenschaften und Kulturanthropologie an der Prager Karlsuniversität. «Kaplans Traum» war – nach naturkundlichen und kulturgeschichtlichen Veröffentlichungen sowie einigen Lyrikbänden – Stanislav Komáreks erster Roman.

Inhaltsübersicht

FörderhinweisVorwortMottoKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31

Förderhinweis

Die Übersetzung wurde gefördert vom Literarischen Colloquium Berlin mit Mitteln des Auswärtigen Amtes und der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur Berlin

Vorwort

Es gibt nicht viele Gründe dafür, einen Roman zu schreiben. Der wichtigste und im Prinzip einzig entschuldbare ist, dass das betreffende Werk irgendwo tief im Autor schlummert und hinauswill, und zwar um fast jeden Preis, so wie im März die Schneeglöckchen hinauswollen oder noch viel eher die Herbstzeitlosen im September. Dieses Buch ist eigentlich nicht autobiographisch, obwohl der Autor als Randfigur darin auftaucht, und wenn man es doch so nennen will, dann höchstens im Sinn einer kollektiven Biographie unserer Generation im Allgemeinen und der Emigranten im Besonderen. Auch die Handlung ist restlos erfunden. Die bizarren Details und die Darstellung eines bestimmten Milieus sind allerdings bis auf wenige Ausnahmen wahrhaftig, selbst wenn das dem geschätzten Leser an manchen Stellen unmöglich erscheinen mag. Der Roman strebt ferner, und sei es zu Unrecht, nach einigen Weihen der so genannten höheren Literatur, ob nun belletristischer oder wenigstens dokumentarischer Art. Aus diesem Grund versucht er ein paar zeitgeistige Klischees zu vermeiden, etwa den übermäßigen Einsatz naturalistischer Sexszenen oder den Grundton einer «Pseudobeichte», auch wenn das die Verkäuflichkeit des fertigen Produkts bis auf den Gefrierpunkt senken mag. Die Handlung spielt in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, und zwar überwiegend in Wien, in einer Welt, die der Autor gut kannte. Alle im Roman aufgeführten Institutionen sind freilich erfunden. Die sprachliche Vielfalt der wechselnden Schauplätze ist auf eine einzige Sprache reduziert worden, schon damit das Buch verständlich bleibt. Alle anderen werden, wie allgemein üblich, höchstens durch typische Wendungen wie «well», «maschallah» oder Ähnliches kenntlich gemacht. Es liegt nicht in der Absicht des Autors, jemanden zu kränken oder der Leserschaft gar die Idee einer Großen Weltverschwörung, die alles lenke, aufzudrängen.

Und nun höre ich bereits die Musen – nicht flüstern oder leise singen, sondern angelegentlich raunen.

 

Prag, Juli 2001

Stanislav Komárek

Motto

Österreich, du edles Haus,

Steck deine Fahne aus,

Laß sie im Winde wehn,

Österreich muß ewig stehn.

 

Franz Grillparzer

Kapitel 1

Im Jahre des Herrn 1982 blühten in der Aprilsonne auf dem Gelände des Traiskirchener Flüchtlingslagers die Kastanien. Sie standen dort nicht zufällig. Die Kastanie, freilich nicht jene echte, sondern die Rosskastanie, Aesculus hippocastanum, war der typische Baum Altösterreichs, der vor alle öffentlichen Gebäude, in Städte und Alleen gepflanzt wurde, wohin die Macht des Kaisers auch reichte. Noch heute könnte man an ihnen leicht die Ausdehnung der k.u.k. Monarchie kartografieren, denn Kastanien sind beständig, pflanzen sich ohne menschliches Zutun fast nicht fort und wurden nach dem Fall des zweiköpfigen Adlers kaum noch ausgesetzt – in Lemberg, Prag und Sarajewo markieren sie bis heute, was dem Kollektivgedächtnis allmählich verloren geht. Weshalb diese bizarren Bäume der alten Monarchie so ans Herz gewachsen waren, ist schwer zu beurteilen. Wahr ist jedenfalls, dass der österreichische Gesandte in Istanbul namens Busbeck sie 1588 das erste Mal ins westlichere Europa schickte, und zwar just nach Wien an die beiden Botaniker Clusius und Mattioli. Ebenso wahr ist allerdings, dass er damals auch Tulpen schickte, die sich dann eher in Holland verbreiteten. Denke man darüber, wie man will.

Auch die Gebäude des genannten Flüchtlingslagers besaßen den typischen Stil altösterreichischer Behörden: diszipliniert, solide und auf bürokratisch-feldwebelhafte Weise finster – eine Kombination, die hauptsächlich, wie in diesem Fall, provinzielle und weniger repräsentative Bauten aufwiesen. Das ganze Areal war nämlich zur Zeit des alten Regimes eine Kaserne oder, besser gesagt, eine Kadettenschule gewesen. Das Städtchen Traiskirchen selbst ist ein abgelegenes Nest inmitten der Steppe, die heute natürlich in Ackerland umgewandelt ist, südöstlich von Wien, mit einer Kirche, ein paar Geschäften und uferloser Langeweile. Das Ganze veranschaulicht gut die oft wiederholte These, dass die nordöstliche Grenze des Balkans auf dem Kamm des Wienerwaldes verläuft und die hiesige Landschaft sich prinzipiell nur in kaum wahrnehmbaren Details von der walachischen Tiefebene unterscheidet. Die Einheimischen hatten Angst vor den Flüchtlingen, die sich zu manchen Zeiten bis in die Zehntausende summierten und ihre eigene Anzahl übertrafen. Teils war ihre Angst begründet, teils waren sie in ihrer schildbürgerhaften Winzerborniertheit auch zu nichts anderem fähig.

Hinter den Gittern der geschlossenen Abteilung, in der die Ankömmlinge bis zur Abfassung des Asylprotokolls bleiben mussten, damit sie nicht von erfahreneren Mitflüchtlingen aufschnappen konnten, was dort am besten anzugeben sei, saß Viktor Kaplan. Er war ein schwarzhaariger und ein wenig gedrungener junger Mann von etwa vierundzwanzig Jahren, dessen Name sich nur zufällig mit dem des Erfinders der Turbine neuen Typs deckte. Dafür passte der Name sehr gut zu seinen Interessen und seinem Beruf, ja seinem Schicksal überhaupt. Viktor hatte nämlich Turkologie studiert, also die Wissenschaft von den Sprachen und Kulturen der Turkvölker, und das Wort kaplan bezeichnet im Türkischen, bekanntlich oder auch nicht, den Tiger. In den einschlägigen Kreisen verschaffte ihm das wenn nicht gerade Respekt, so doch ein freudiges Interesse.

Ein solches Fach im Prag der siebziger Jahre zu studieren war ein verzweifeltes Unterfangen und ähnelte ein wenig dem Unterricht im Trockenschwimmen. In die Türkei, die Kaplan als heimlichen Bewunderer des reaktionären Osmanischen Reiches wirklich interessiert hätte, durfte er selbstverständlich nicht reisen, und das einzige Land mit einer Turksprache, das er je mit eigenen Augen zu sehen bekam, war das sowjetische Aserbaidschan. Auch die Unterweisung durch den einzigen leidlichen Muttersprachler weit und breit, den linken Dichter und kurdischen Exilfunktionär Ahmet Pınarcı, brachte nicht viel, und wer sich nicht selbst ins Zeug legte, kam nicht sehr weit. Die gesamte Atmosphäre der nichttechnischen Hochschulen jener Zeit, wo die halbe Dissidentenschaft mit ständiger politischer Heuchelei und Kriecherei vor der Macht zurechtkommen musste und zugleich das Gefühl einer isolierten Elite im Stil russischer Akademien vorherrschte, war erdrückend und zermürbend. Gefahrlos konnte man sich dort nur Abstrusitäten oder Torheiten wie der Keilschrift oder der Systematik der Strudelwürmer hingeben und diese gründlich studieren, denn Zeit gab es genug, und die zählte nicht. In dieser statischen Zeitlosigkeit herrschte ein ewiger Kreislauf aus Festen und Jahrestagen, nicht unähnlich dem alten Ägypten oder dem vergangenen Yucatán. So gesehen war es höchste Zeit gewesen zu verschwinden, besonders wenn man jung war, relativ intelligent und relativ gesund. Die Trauer beim Verlassen der Plattenbauwohnung in einem Prager Vorort mit den unerträglich monotonen Streitereien zwischen Vater und Mutter – einem Lokführer und einer Beamtin –, nicht eingerechnet eine jüngere Schwester mit unklarem Persönlichkeitsprofil, hielt sich in Grenzen. Wie die überwältigende Mehrheit der Emigranten ging Kaplan fort, ohne jemandem ein Wort davon zu sagen – angesichts der allgegenwärtigen Spitzel konnte man nicht vorsichtig genug sein, außerdem fiel es bei einer so radikalen Entscheidung schwer, sich von der Familie zu verabschieden.

Viktors Charakter prägte eine eigentümliche Verbindung aus so genanntem reinem Idealismus, verstärkt durch jene Sehnsucht intellektueller Mittelstandssöhnchen nach etwas Schönem, Interessantem und wesentlich anderem, für das es sich lohnte, die normalen weltlichen Freuden zu opfern und sich vielleicht gar in Lebensgefahr zu begeben, und einer besonderen Rücksichtslosigkeit sich selbst und anderen gegenüber, die zu diesem Menschentyp untrennbar gehört. Daraus resultierte eine Melange aus Komplexbeladenheit, Vorurteilslosigkeit und Abenteuerlust, deren Anteile je nach Situation variierten. Seine einzelgängerische und introvertierte Natur brachte es mit sich, dass ihn die Trennung von Verwandtschaft und Heimatland nicht allzu sehr quälte. Deutsch sprach er zwar nur gebrochen und ohne Praxis, aber für die Alltagsverständigung reichte es einigermaßen. Die interne Sprache des Flüchtlingslagers, der innerhalb der babylonischen Verwirrung eine Vermittlerrolle zukam, war freilich Polnisch, denn die Polen stellten den weit größten Anteil unter den Lagerbewohnern dar. Das sollte sich aber erst später zeigen. Einstweilen saß Kaplan in so genannter Quarantäne und beobachtete, ein wenig wie im Zoo, seine potenziellen Mitasylanten.

Unter seinen Landsleuten, die ein mehrköpfiges Grüppchen aus Schiebern, Kellnern und anderen Kleinunternehmern bildeten, wirkte er irgendwie fremd, und er unterhielt sich mit ihnen, teils aus übertriebener Vorsicht, teils aus intellektueller Überheblichkeit, nur halbherzig. Zwei der Burschen lagen gerade rücklings auf ihren Pritschen und träumten von den Vereinigten Staaten. Schon sahen sie in aller Farbigkeit die Villen an der kalifornischen Küste vor sich, Autos mit klangvollen Markennamen, Swimmingpools in den Gärten sowie Mädchen aller Rassen, die zuhauf herbeiströmten. Dann vertieften sie sich in ihre Englisch-Lehrbücher. Nach einer Weile des stillen Studiums hörte man: «Du, komm mal her! Ich hab hier so ein Wort gefunden, das nicht im Wörterbuch ist, so ein ‹the›!» Aller Anfang ist schwer. Gleich daneben erklärte der Sohn eines wohlhabenden Kabuler Geschäftsmannes, der recht ordentlich Englisch konnte, einer polnischen Familie die Übersetzungen diverser kleiner Schlüpfrigkeiten ins Paschtu. Ein polnisches Mädchen mit üppigem Busen schnäbelte aus Langeweile mit einem Polizisten aus Bratislava, den Gott weiß welche Machenschaften in die windigen Ebenen der Emigration getrieben hatten.

Insgesamt dominierten in dem riesigen Saal mit den etwa sechzig Betten die jungen Männer, und das Lager als Ganzes machte ebenfalls eher den Eindruck einer Kaserne, der die Offiziere weggelaufen waren. Das Phänomen hängt damit zusammen, dass im gesamten Tierreich die jungen Männchen sozusagen mobiler und neugieriger sind, während die jungen Weibchen sich nicht allzu weit vom mütterlichen Schoß entfernen, so wenig wie die alten Männchen von ihren eroberten Territorien, und seien sie noch so erbärmlich. Bei den Menschen verhält es sich da nicht anders als bei den Wühlmäusen. Auch die jungen Handwerksburschen gingen ja früher auf jahrelange Wanderschaft, während die Mädchen auf der Küchenbank saßen oder das zumindest von ihnen erwartet wurde. Falls sie mit dem Prinzipal einer Komödiantengruppe durchbrannten, kamen sie besser nicht wieder zurück, selbst wenn sie die weite Welt nun schon in- und auswendig kannten. Es verwundert also nicht, dass das Geschlechterverhältnis unter den Emigranten grob zehn zu eins ausmachte. Die meisten Damen flohen zusammen mit ihren Männern oder Partnern, manche unter ihnen schlossen sogar speziell zu diesem Zweck eine Bekanntschaft und stachelten den neuen Liebhaber zur Emigration an, um sich nach den schlimmsten gemeinsam überstandenen Strapazen von dem nun unbrauchbaren Tölpel zu trennen. Das war jedoch keine allzu verbreitete Strategie, und weil im Lager nur ordentlich vermählte Paare zusammenwohnen durften, bestand ein Großteil der Aktivitäten des Traiskirchener Pfarrers und des Bürgermeisters in Trauzeremonien für die Ausländer. Ein nicht zu vernachlässigender Bestandteil der priesterlichen Tätigkeit war auch die Ausrichtung von Beerdigungen – hier ein beim Kartenspiel erschlagener Pole, dort ein Rumäne, der von einer albanischen Gang in einen Eisenschrank gesperrt und aus dem fünften Stock geworfen worden war usw. Heiden wurden ohne Zeremonie bestattet.

Kaplan verkürzte sich die Wartezeit zunächst im Gespräch mit einem rumänischen Knastbruder, der von kleiner Gestalt, dafür vermutlich selbst hinter den Ohren tätowiert war. Das Vergnügen war ziemlich eintönig. Zum einen hatte Viktor von seinen Reisen auf den Balkan nur bruchstückhafte Rumänischkenntnisse, zum anderen stellte der Ganove immer nur eine Frage, und zwar die nach der genauen Uhrzeit. Seine Erkundigungen «Ce ora?» nahmen in geometrischer Reihe zu. Es wurde sichtlich später. Nach seiner letzten Frage kamen zwei Polizisten zur Tür herein, ließen Handschellen um die Hände des Delinquenten schnappen und schleppten ihn ab. Kaplan musste sich nach einer anderen Konversationsmöglichkeit umtun.

Er fand sie in einem in der Nähe sitzenden Peruaner, einem Mestizen. Anders als der Bandit vom Balkan war dies ein Student, ein gebildeter Mensch, der irgendeine Hochschule in Lima besucht hatte. Vielleicht war er Diplomand bei Guzmán gewesen, aber Kaplan dachte nicht daran, ihn zu fragen. Der Indio namens Pedro López, der nach einem Umweg über die Vereinigten Staaten in Österreich gelandet war, sprach Englisch und sogar ein wenig Deutsch, und das Gespräch kam erfolgreich in die Gänge. Viktor erzählte in allen Farben von der Verrohung und Verderbtheit der Husák-Tschechoslowakei, was sich sein Gegenüber mit lebhaftem Interesse anhörte. «Sie haben dich gefoltert, was?», fragte er schließlich. Nach einer abschlägigen Antwort folgerte er: «Aha, dann haben sie wohl jemand aus deiner Familie umgebracht?!» Als auch dies nicht der Fall war, besann er sich auf die letzte Möglichkeit: «Aber hungern musstest du doch, oder?»

Der Peruaner schüttelte verständnislos den Kopf – wo lag denn dann das Problem? Das interkontinentale Missverständnis verdichtete sich und hing peinlich in der ohnehin schon dick gewordenen Luft. Wieder war es vorbei mit der Konversation. Dafür nahte ein Gespräch, das wesentlich entscheidender und schicksalhafter sein sollte, fast wie in dem Volkslied, in dem Gevatter Tod zum Häusler spricht: «Sollst mir Red und Antwort stehen, sollst mit mir von hinnen gehen …»

«Kaaplan Fiektor!», erklang es von der Tür, und wenige Minuten später saß der Gegenstand der Ermittlung bereits im Büro beim Asylgespräch, das gemeinhin «Interview» genannt wurde. Ihm gegenüber saß ein warziges Männlein von grimmigem Aussehen an einer Schreibmaschine und hackte wild auf sie ein. Fügen wir hinzu, dass die Geschichte zu einer Zeit spielt, wo es in den Behörden noch fast keine Computer gab und die ersten einfachen Tischrechner, die mehr Ordner als etwas anderes darstellten (übrigens heißt der Computer im Französischen ordinateur), das Privileg von Banken und Großfirmen waren – der Staatsdienst war bisher noch ein Tummelplatz für Karteien, Briefordner und Amtssiegel.

Jagen und Kämpfen stand nun an, allerdings kannte die Beute weder die Anzahl der Felder auf dem Spielbrett noch die Regeln des Ziehens. Das Ganze war gewissermaßen exemplarisch für die Darwin’sche Selektion anhand von Schlagfertigkeit, Kaltblütigkeit und der Fähigkeit, sich in die Wünsche der Gegenseite einzufühlen.

Amtsrat Slepitzka, wie der Name des Beamten lautete, ließ eine heftige Tirade in holprigem Dialekt vom Stapel und hämmerte dabei wild mit der Faust auf den Tisch. Zum einen ließ sich das als Zeichen der geistigen Verkrustung deuten, die sich durch den langjährigen engen Kontakt mit Flüchtlingen verschiedensten Schlags gebildet hatte, zum anderen als bewusste Strategie, die die Emigranten von ihrem Vorsatz, sich im ohnehin kleinen und überfüllten Österreich niederzulassen, abschrecken sollte. Die Karikaturen altösterreichischer Beamter, wie Hašek sie in seinen Abenteuern des Soldaten Schwejk dargestellt hatte, erschienen mit einem Mal von einem Realismus, der eines Turgenjew oder Zola würdig war.

Ein zweiter Stolperstein lag darin, dass laut Genfer Flüchtlingskonvention demjenigen Asyl gewährt werden sollte, der aus politischen, religiösen oder ethnischen Gründen in seiner Heimat verfolgt wurde oder begründete Sorge hatte, verfolgt zu werden. Da die Beweislast aufseiten des Antragstellers lag, handelte es sich um eine mehr als vertrackte Angelegenheit, und sofern der Asylant nicht über eine frisch blutende Wunde oder aussagekräftige Narben verfügte (Viktor musste unwillkürlich an den Peruaner denken – der hatte sicher welche, der Wicht), hing die Sache völlig von der Gunst dessen ab, der das Protokoll formulierte, oder auch vom Interpretationsvermögen des Rechtskundigen, der die endgültige Entscheidung fällte. Im Grunde wäre es am besten, es läge in gerichtlich beglaubigter Übersetzung eine Bestätigung der heimatlichen Amtsstelle der Geheimpolizei darüber vor, dass Herr XY von deren Zuständigen schon zwei Jahre systematisch verfolgt werde, wobei er dreimal verhört und einmal zusammengeschlagen worden sei – für die Richtigkeit Oberfähnrich Soundso. Angesichts der weltweiten Einheitlichkeit der Behörden würde sich schwerlich eine sicherere Methode finden – ein Beamter glaubt am ehesten einem Beamten so wie ein Chinese einem Chinesen. Die bloße Tatsache der abstrakten Missbilligung eines Regimes genügte jedenfalls nicht.

Unserem Helden schoss kurzfristig der Gedanke durch den Kopf, sich als Muslim auszugeben, also als Angehörigen einer im Herkunftsland nicht anerkannten Kirche und so sicherlich reif für begründete Sorge. Nun brachte sein Fach es zwar mit sich, dass er sich lebhaft für den Islam interessierte und so manches über ihn wusste, aktiv praktizierte er ihn jedoch definitiv nicht. Die Aussicht einer eventuellen schmachvollen Untersuchung durch einen Amtsarzt, der, und zwar vergeblich, unter der Gürtellinie nach den Spuren des Islam suchte, begeisterte ihn auch nicht gerade. Nach reiflicher Erwägung, die eine oder zwei Sekunden dauerte, verwarf er diese Torheit. Der Polizeijurist, der die ganze Akte bearbeiten würde, war sicher ein guter Altösterreicher, der eingedenk der noch nicht allzu lange verschwundenen Einheit von Thron und Altar alle vorgeschriebenen Feiertage ehrte, wie es sich gehörte, und daher ganz bestimmt nicht die Reihen seiner Mitbürger um einen exzentrischen Muselmann erweitern würde, der sich einmal gegen ein System aufgelehnt hatte und es zweifellos auch ein zweites Mal tun würde.

Er musste alles auf eine Karte setzen. Der kleine Mann ihm gegenüber schien jenem Teil der altösterreichischen Tradition anzuhängen, die Titel und Ränge hochschätzte, seien sie nun adelig, amtlich oder akademisch. Kaplan nahm allen Mut zusammen und brüllte mit extra gereiztem Ton, so gut er es auf Deutsch konnte: «Schreien Sie mich nicht an, ich bin Doktor!» Streng genommen stimmte das nicht einmal – sein Dr. Phil. war im Ausland noch nicht anerkannt, und er hätte problemlos ein gewisses Örtchen mit ihm tapezieren können. Die prompte Reaktion war schockierend. «Ach, verzeihen Sie, Herr Doktor, das hab ich nicht geahnt, hier, unter diesem Gesindel, g’schamster Diener!»

Weiter verlief die Aufnahme des Protokolls beinahe glatt, diesmal nicht im Dialekt, sondern hochdeutsch. Als Kaplan das Ergebnis unterzeichnete, glaubte er zu träumen. Er hatte zwar fast nichts verstanden, denn das Amtsdeutsch ist so etwas wie der Orwell’sche Newspeak und unterscheidet sich von der Umgangs- oder der normalen Schriftsprache so stark, dass ein einfacher Mensch es ohne Anwalt nicht entschlüsseln kann, aber er hatte doch den Eindruck, das Schlimmste abgewehrt zu haben. Noch wusste er nicht, dass sich das ganze Verfahren im Durchschnitt acht Monate lang hinzog, sofern nichts Unerwartetes dazwischenkam.

Franz Kafka war kein morbider Visionär oder religiöser Symbolist. Als erfahrener und vorbildlicher Beamter war er für die Behörde das, was Adalbert Stifter für den Böhmerwald bedeutete. Unsere Prozesse ziehen sich durch unser ganzes Leben, und nur weil wir sie immer wieder hätscheln, in Maßen päppeln und unter Kontrolle halten, schnüren sie uns nicht sofort und total die Luft ab. Leben ist eben eine riskante und ungesunde Tätigkeit, im Grunde eine geschlechtlich übertragbare Krankheit, die tödlich endet. Auf der Schwelle zur Emigration, die ja so etwas wie eine halbe Neugeburt ist oder besser ein Aufatmen, nachdem man unter Wasser zu ersticken drohte, kam es einem allerdings ganz anders vor.

Kapitel 2

Die Emigration lässt sich natürlich auch mit dem Sterben vergleichen, ein augenfälliger Beweis für die Anwendungsbreite von Metaphern oder noch besser für den Zusammenhang polarer Gegensätze (die Liebe ist nicht nur ein hoher Gipfel, sondern auch eine tiefe Grube). Die westliche Welt hinter dem Eisernen Vorhang unterschied sich nicht allzu sehr vom Jenseits, auch dort führte schließlich kein Weg hin, und ob sich ein verschwundener Onkel nun im Hades oder in Stuttgart befand, war in der praktischen Konsequenz eigentlich egal. Die Unterschiede fielen kaum ins Gewicht, höchstens dass ein Onkel im Jenseits in der Regel keine kaderpolitischen Schwierigkeiten bereitet und keine Briefe schreibt.

Unter den Habichtsturm-Gedichten von Robinson Jeffers gibt es eine bewegende Ballade mit dem Titel Come Little Birds. Darin gelingt es einer alten Indianerin, den Vater des Dichters mit Hilfe eines Blutopfers dem Jenseits zu entlocken. Jeffers unterhält sich mit dem alten Herrn, aber es ist im Grunde nur ein zärtlicher Austausch von Höflichkeiten, in Wirklichkeit gehören sie schon verschiedenen Welten an und haben sich nichts mehr zu sagen. Zum Schluss verabschieden sie sich ohne Bedauern voneinander.

Nach all den Jahren, die man so radikal woanders verbracht hat, ist es schwer, nicht an Jeffers zu denken. Man war nun auf befreiende Weise von allen Bindungen losgelöst, die einen zugleich erstickt und gestützt hatten wie ein fest zugeschnürtes Korsett. Für die Freunde von früher war es, als sei man in einen Brunnen gefallen, und für die neuen, als sei man gerade erst geboren. Zurück blieb eine Leere, die alles Mögliche bergen kann und je nach Perspektive verheißungsvoll oder abschreckend erscheint. Es war, als würde das Leben in die Kindheit oder ein ähnlich undifferenziertes Stadium zurückkehren, ein bisschen so, wie man einem kleinen Embryo noch nicht ansieht, ob daraus ein Mensch, eine Eidechse oder ein Pferd wird. Auch die Sprache des Ausländers ist zu Beginn kindlich, wortarm, in der Komposition sehr schlicht und voller Neubildungen. Ein Ausländer zu sein ist in vieler Hinsicht unvorteilhaft, in mancher jedoch gerade das Gegenteil. Ein Fremder hat gewissermaßen das «Recht», geheimnisvoll oder seltsam zu sein, eben allein aus dem Umstand heraus, dass er ein Fremder ist. Seine persönlichen Eigenheiten lassen sich nur schlecht von jenen nationalen unterscheiden, und auch ob er klug oder dumm ist, ist bei ihm ungewiss. Durch einen geschickten Wechsel beider zuletzt genannten Register und die Betonung einer Art pseudokindlicher Naivität und Unerfahrenheit kann er manche Handicaps kompensieren, die er zweifelsohne besitzt. Gerade in seiner Eigenschaft als Ausländer gibt es für ihn in der Gesellschaft einen Platz, und daran sollte er nichts zu ändern versuchen – schließlich gibt es auch Platz für Nomaden oder Bärenführer, sie dürfen sich nur nicht unter die Ratsherren setzen wollen. Wenn man aus einem Land der ehemaligen Doppelmonarchie kommt, ist man in Österreich ohnehin kein Ausländer im vollen Wortsinn, schließlich hat hier jedermann eine Großmutter, «die übrigens auch Tschechin war, sie hieß Procházka und kam aus diesem Brünn».

Derart neugeboren oder verstorben zugleich, wälzte sich unser Held wieder auf einem Eisenbett herum, diesmal in der Unterkunft der Firma Korotwischka & Matzek, wohin man ihn aus dem Hauptlager überwiesen hatte. Formell hatte er es nicht verlassen – diese unerfreuliche Bleibe wurde unter der hochtrabenden Bezeichnung «Pension» wie viele ähnliche Einrichtungen von der Leitung des Flüchtlingslagers gemietet. Das Hauptlager platzte aus allen Nähten, und eine gute Hälfte der Flüchtlinge lebte in solchen Dependancen, die über ganz Österreich verstreut waren. Ein paar von ihnen befanden sich sogar weit weg in den Alpen, wo sie ohne Zweifel die Kasse des Innenministeriums ruinierten. Sie boten einen zauberhaften Blick auf immense Berggipfel sowie uferlose Frustration darüber, in einem Landstrich ohne Arbeitsmöglichkeiten zu leben und vielfach auch ohne Verständigungsmöglichkeit – die Dialekte der abgelegenen Täler unterschieden sich vom Schuldeutsch wie eigenständige germanische Sprachen. Kaplans Pension hingegen hatte einen großen Vorzug: Sie lag nicht nur direkt in Wien, sondern auch an einer ungewöhnlich guten Adresse – in nächster Nähe zu Schloss Belvedere, wo immer noch der Schatten des Thronfolgers Ferdinand d’Este herumzugeistern schien.

Im nicht weit entfernten Botanischen Garten genoss Kaplan nicht nur den ausgebrochenen Frühling, er bereicherte schließlich auch seine Speisekarte. Es gibt ein altes russisches Sprichwort: «Gott ist hoch oben, der Zar ist weit», und in der Tat – je weiter vom zentralen Flüchtlingslager entfernt, desto kleiner schienen die zum Mittagessen ausgeteilten Portionen zu werden. Vor allem enthielten sie kein Gemüse oder Obst, und diejenigen, die an Vitamin C glaubten, mussten sich nach alternativen Quellen umsehen. Bargeld gab es keines, und auf dem Markt Orangen zu stehlen ist zum einen moralisch verwerflich, zum anderen muss man dieses Metier beherrschen.

Kaplan staunte also nicht wenig, als er eines Tages von seiner Parkbank aus, auf der er im Bestreben, schneller ins Deutsche einzudringen, irgendwelche Werbezeitungen las, einen leicht buckligen jungen Mann mit rötlichem Vollbart erblickte, der sich frischweg an dem Klee gütlich tat, der dort aus dem Rasen spross. Er kannte ihn zwar vom Sehen aus der Pension und wusste, dass er ein Tscheche war, aber erst das improvisierte gemeinsame Mahl brachte sie einander näher. Anders als seine meisten Landsleute war er ebenfalls ein intellektueller Schwärmer, wenn auch deutlich anderen Schlags. Komárek, wie der Pflanzenfresser hieß, war Biologe, und zwar Verfechter irgendeiner unkonventionellen, ja ketzerischen Doktrin im Rahmen dieser Wissenschaft. Worin das Häretische eigentlich bestand, begriff Kaplan als Laie nicht, sicher war jedoch, dass sich sein Gegenüber in größter Verzweiflung befand. Sein intellektueller Guru, irgendein Schweizer Naturästhetiker, bei dem er als Doktorand anzutreten beabsichtigt hatte, war vor ein paar Monaten gestorben, was Komárek in der tschechischen Weltabgeschiedenheit nicht rechtzeitig hatte in Erfahrung bringen können, und offenbar hatte er damit auch nicht gerechnet – die großen Weisen erscheinen ja gemeinhin unsterblich und jenseits von Zeit und Raum. Nachdem er sein letztes Geld für jenes ominöse Telefonat nach Basel ausgegeben hatte, war er jetzt dem Zusammenbruch nahe und zermarterte sich den Kopf, wie er sich in dem neuen Umfeld überhaupt ernähren sollte. Zum Glück kannte er sich relativ gut in Botanik aus, und die kleine Nahrungsaufbesserung auf der Wiese stellte kein Problem für ihn dar. Er weihte Viktor, dem – wohl unter dem Eindruck der zahlreichen Giftmischer-Affären am osmanischen Hof – jedes Kraut potenziell giftig und bedrohlich erschien, in die neuen kulinarischen Methoden ein. Seinen Ausführungen über die diversen Kleearten, die Unterschiede zwischen Löwenzahn und Wegwarte und ähnlichen Dingen lauschte Viktor jedoch nur mit halbem Ohr. Ihn beschlich jenes Gefühl von Vergeblichkeit, das Adepten verschiedener Wissenschaften häufig untereinander erleben – was für ein Vorbeireden, welch gegenseitiges Missverstehen! Wo er sich doch für den Orient mit seinen Reizen hätte interessieren können, entflammte dieser Mensch beim Anblick des Rispengrases.

Dabei drängte der Orient durch alle Öffnungen nach Wien allgemein und zu Kaplan im Besonderen. Kaum war Komárek davongegangen, setzte sich eine hübsche junge Frau zu ihm auf die Bank, die ein wenig italienisch aussah. In gebrochenem Deutsch fragte sie ihn, ob sie hier Blumen pflücken könne. Nachdem unser Held es ihr erlaubt hatte – sie gehörten ja nicht ihm –, stellte sich heraus, dass sie ebenfalls politische Emigrantin war, in diesem Fall eine Lehrerin darstellender Geometrie aus Hakkari im türkischen Kurdistan. Sie war emigriert, um für die Rechte der Frauen, gegen den Islam und gegen den Imperialismus zu kämpfen. Ihr Urteil über Europa, wo sie Zuflucht gefunden hatte, fiel allerdings recht hart aus.

«Ihr Europäer wollt euch doch nur vergnügen und denkt überhaupt nicht an die Familie – dabei ist das so etwas Schönes. Haben Sie überhaupt Kinder?»

Viktor verneinte und erkundigte sich, ob sie selbst welche habe.

«Ich kann mir keine Familie leisten, schließlich muss ich gegen den Imperialismus kämpfen!»

O Unverständnis, da war es doch besser, er kehrte auf sein kleines Zimmer zurück. Auch dort ging es überwiegend orientalisch zu. Die schon fast privilegierte kleine Dreibettkammer teilte er mit zwei Persern, die irgendwo aus Hamadan stammten. Er hatte zwar auch einmal in Farsi eine Prüfung abgelegt, doch die Konversation verlief ziemlich stockend. Nicht nur, dass beide Herren es ablehnten, sich literarisch auszudrücken, sie hielten auch noch konsequent eine auf den Kopf gestellte Tages- und Nachtaktivität ein, was in der zentralasiatischen Halbwüste vielleicht vernünftig sein mochte, unter mitteleuropäischen Verhältnissen jedoch weniger. Kaum begann es draußen dunkel zu werden, lebten sie auf und schalteten den Kassettenrecorder ein, gelegentlich legten sie auch ein Tänzchen hin. Kaplans Wunsch, dass in der Nacht geschlafen werde, betrachteten sie als überspannt und missgünstig. Es war daher nicht erstaunlich, dass sie diverse kleine Böswilligkeiten gegeneinander ausheckten und sich dann bei der Lagerleitung übereinander beschwerten, welche im Sinn einer jahrhundertealten Polizeiweisheit beiden Seiten Recht gab und nichts unternahm. Da ließ es sich schon besser mit den irakischen Kurden nebenan reden, in diesem Fall auf Arabisch, oder mit dem Bangladeschi einen Stock höher. Dieser zarte kleine Mann lebte schon seit fast fünf Jahren im Lager und zeigte keinerlei Tendenz, es zu verlassen. Er hatte es bis zu einem eigenen kleinen Zimmerchen mit Blumen sowie einem Goldfisch im Gurkenglas gebracht. Er sprach schon fließend Polnisch und fühlte sich wie im Paradies. «So viel Essen gibt es hier!», freute er sich oft über seiner Spatzenportion. Kaplan fragte sich, wie wohl erst die Bangladescher Hölle aussehen mochte.

Doch auch der Okzident drängte. In einem der Zimmer gegenüber betrieb der Chilene Alfredo Sanchéz, genannt Amigo, ein florierendes Geschäft mit der Fleischeslust. Weil er einsichtige, ja unverhältnismäßig niedrige Preise hatte, strömten die Kunden nur so herbei – Rumäninnen, die diesen Zweig traditionell im Hauptlager bewirtschafteten, gab es hier nicht, und ein Monopol neigt im Allgemeinen zum Prosperieren. Auch Amigo hatte es nicht eilig, woandershin zu kommen – wer weiß, was ihn bei Papi Pinochet erwartet hätte. Zusammen mit den narbigen alten Albanern schien er ein Anwärter auf Daueraufenthalt zu sein.

Im Prinzip konnte man das Flüchtlingslager auf zweierlei Weise verlassen – entweder durch eine Übersiedlung jenseits des Ozeans, und dem ging ein Interview in den zuständigen Botschaften voraus, oder dadurch, dass einem das Statut des politischen Asyls erteilt wurde, was ebenfalls lange dauerte, sofern es überhaupt dazu kam. Ein bestimmter, wenn auch geringer Anteil der Emigranten war nicht fähig oder nicht willens, auf die eine oder andere Weise das Lager zu verlassen, und blieb auf lange Zeit dort, theoretisch in alle Ewigkeit. Diese Leute hatten Anspruch auf Verpflegung und Unterkunft und im Winter auch auf eine wärmere Kleidung, was allerdings nur bei den Landsleuten aus Tirana oder Dhaka Ankratz fand oder auch bei dem italienischen Mafioso, dem es günstiger erschien, sich hier vor seinen Mitmafiosi zu verstecken als etwa in einem palermitanischen Gefängnis. Sonst blieben nur vereinzelte Alte oder Kranke hier hängen, die niemand wollte – manche von ihnen pendelten jahrelang zwischen diversen Krankenhäusern und dem Flüchtlingslager hin und her, zermürbt vom Getriebe der Behördenmaschinerie, die in der Regel ebenso blind gerecht war wie die Meeresbrandung. Kaplan glaubte die tiefere Bedeutung der bekannten Symbole vom wahllos schlagenden Schwert und dem Abwägen mit verbundenen Augen zu verstehen, und ihm wurde leicht mulmig. Die meisten allerdings wollten weg, und zwar unbedingt.

Auf der Türschwelle seines kleinen Zimmers begegnete Kaplan einem weiteren Landsmann, dem Postmeister Jurásek aus der südböhmischen Kleinstadt Trhové Sviny. Anders als er selbst war dies ein praktisch veranlagter Mann, und er sah aus wie die Beamtenkarikatur aus einem Satireblatt – klein, recht rundlich, mit rosigen Backen, Glatze und Brille – und so war auch seine geistige Verfassung. Völlig verzweifelt schilderte er, wie er samt Frau und drei Kindern in die Vereinigten Staaten zu gelangen versucht habe, aber unvorsichtigerweise seine Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei habe durchschimmern lassen und darauf verächtlich abgewiesen worden sei. «Aber ich musste da doch eintreten, sonst hätten sie mich nicht zum Postmeister gemacht …!», jammerte er.