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Karelia ist nicht die Geschichte Kareliens , aber sie ist eine Liebeserklärung an dieses Land, dessen ungezählte Seen und tiefe Wälder Leitmotiv der Handlung sind. Der Arzt Karel –ehemaliger Prager-Deutscher – flüchtet aus seinem bisherigen Leben in einer westdeutschen Universitätsstadt und begibt sich auf eine ausgiebige Reise durch Finnland. Auf imaginäre Weise verlebendigen sich während seiner Wanderung durch das Land – von Süd-Karelien bis in den hohen Norden nach Lappland – entscheidende Phasen seines bisherigen Lebens, wodurch er sich Schritt für Schritt einer neuen Lebensfindung nähert. Dabei taucht er tief in die für ihn heilsame Atmosphäre dieses Landes ein. Die Begegnungen mit der Finnin Lia und dem Sotteniemi-Mauri werden zu Schlüsselfiguren auf seinem neuen Wege, bis er endlich bei sich selbst ankommt. Dieser Roman ist eine Hommage an Finnland, das 2014 Gastland auf der Frankfurter Buchmesse war.
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Seitenzahl: 247
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Enna Pertim
Karelia
Eine Reise durch Finnland auf dem Weg in ein neues Leben
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Laiva
Ulvila
Unterwegs
Lossi
Sauna
Pakosaari
Jussi
Ellen
Gleisdreieck
Tansilaulau
Kokko
VOCES INTIMAE
Rapu
Pierre
Abschied
Dämmerung
Sotteniemi-Mauri
Pallas
Winter
Ruska
Nordlicht
Anhang
Impressum neobooks
„Nichts geht mehr, meine Herrschaften, bitte nichts mehr!“
Er setzt doch noch schnell auf den Blauen, mit dem eine Frauenhand zuvor die Achtundzwanzig bedeckt hat.
Das Hüpfen der Kugel: „Achtzehn!“
Beide Marken werden eingezogen.
Und wieder: „Nichts geht mehr, bitte nichts mehr.“
Er legt seine Marke abermals auf die Achtundzwanzig.
Diesmal setzt die Frau nach ihm.
„Siebenundzwanzig!“
Er sieht zwei große Augen, die bald in die seinen, bald auf die Zahl starren.
Warum spielt sie die Zahl Achtundzwanzig weiter, ob sie so alt sein mag?, denkt er.
Auch er bleibt bei seiner Zahl, lächelt … und verliert erneut. Sie mit ihm.
Dann verlässt er den Spielsaal.
Wenig später steht er inmitten einer Masse von Fahrzeugen vor dem Schiff. Ein riesiges Loch, eine dunkle, stählerne Höhle gähnt dem Pulk entgegen.
„Haben Sie gebucht?“
Er reicht seine Fahrscheine vom Fahrersitz durch das geöffnete Seitenfenster hinaus.
„ Achtundzwanzig!“
„ … achtundzwanzig??“
Doch der Mann mit den Bordkarten ist bereits zum nächsten Wagen weitergegangen.
Es ist eben heute der 28., denkt er … und wartet.
Schließlich schiebt sich die Fahrzeugschlange in den Schiffskörper. Zentimetergenau weist man ihn ein. Kaum hat er das große, dunkle Loch passiert, blendet ihn das helle Neonlicht auf dem Wagendeck.
Er zwängt sich aus dem Fahrzeug. Menschen rennen durch das Schiff: hinauf, herunter, hinüber, herüber; stehen Schlange vor noch verschlossenen Kiosken, drücken die Nasen an die Glastüren des Speisesaals. Er geht über schmale Treppen in seine Kabine: Sie trägt die Nummer Achtundzwanzig! Das war es, was ihn auf dem Warteplatz erschreckte.
Er legt sich bäuchlings auf das Bett, stützt den Kopf auf die Unterarme und kann so durch das Bullauge blicken. Das Spielkasino an der Trave schwimmt vorbei, bleibt zurück. Dann ein paar Segler, ein Küstenschiff, schwarze und rote Bojen … drüben immer noch Land. Die ersten Lichter flammen am Ufer wie verhangene Sterne im Halbdunkel auf. Ahnbar befindet sich ein mit Menschenleibern überfüllter abendlicher Strand in Auflösung.
Ein Küstenstrich – wie erlebt – für sich ganz allein? Praia grande – Jequiti mar – Brasilien?
Die Fahrt geht Richtung NORDEN!
Nie zuvor war er in einem Spielsaal gewesen. Die pure Langeweile trieb ihn vorhin hinein. Er mochte keine drei Stunden in der Autoschlange warten, auf das dunkle Schiffsdeck stieren, den kriechenden Uhrzeiger vor sich, der träge Minute um Minute schwinden lässt.
Es wird nun Zeit, nach oben zu gehen, denkt er.
Die Kabinentür gegenüber öffnet sich: Die Nummer 26 steht darüber.
Dieselben großen Augen wie im Spielsaal irren hin und her, von der Zahl zu ihm und wieder zurück.
„Verzeihung“, sagt er, „Verzeihung, habe ich vielleicht die falsche ..?“
Sie schüttelt kaum merklich den Kopf und ist plötzlich fort. Eine Spur von Verlegenheit bleibt im Gang zurück.
Die mollige Stewardess weist nebenan ein Ehepaar mit zwei unaufhörlich schreienden kleinen Kindern ein. Wo waren die Leute bis jetzt?
Am Eingang zum Speisesaal gibt es Platzkarten. Er erhält den Platz 14/b. Es ist ein Tisch für zwei Personen.
Verbeugung, Erstaunen … und ein kurzer Gruß.
Sie dankt mit einem Kopfnicken und sagt: „Hyvää
päivää“ – guten Tag.
Er rechnet: 2x14 ergeben achtundzwanzig – weniger zwei sind 26 ! Aber er behält die seltsame Zahlenkombination bei sich.
Er muss sich umstellen auf die warme Mahlzeit am Abend, denn er ist es gewohnt, zu dieser Stunde kalt zu speisen. Sie bestellt ein Glas Milch, er eine halbe Flasche französischen Rotwein.
Der Himmel ist fahl, nach Norden zu färbt er sich wässrig-grün.
Nach dem Dinner geht er in die Bar auf dem Bootsdeck. Die Frau sieht er nicht wieder. Auch im Salon auf dem Achterschiff suchen seine Augen vergebens nach ihr. Dort spielt eine Combo. Ein junges Mädchen tanzt in roten Socken, vollführt wilde Verrenkungen. Ihr Partner hat kurzgeschorenes Haar, trägt einen abgewetzten gestreiften Pullover … irgendwie passt das tanzende Paar nicht in diese Umgebung.
Menschen stauen sich vor nun geöffneten Läden: kaufen … kaufen …
Es ist sinnlos, hier oben herumzusitzen, sich durch das Knäuel der Menschen zu schieben, sagt er sich:
Nummer 28 ist eine stille Schlafkammer!
Er denkt nicht mehr an die lärmende Familie, doch immer wieder an die Unbekannte: schön und makellos ihre Figur, die zarten Hände sprechen Musik. Ihr Alter? Eine reife Frau; unauffällig gekleidet, fast schlicht, doch mit dezenter Betonung ihres schönen Körpers. Eine Pariserin? Dazu aber passt das „Hyvää päivää“ nicht …
Die Fahrt geht Richtung NORDEN!
Schlafen, nachdenken … Nichts geht mehr, nichts mehr, bitte, meine Herrschaften!
Rien ne vas plus!
Das Schiff beginnt zu rollen.
Nebenan werden die Kinder unruhig: ein Kind weint, das andere hustet unaufhörlich. Wo sind die Eltern ?
„Äiiiti … ti! Äiiiii … tiiii “!
Er drückt auf den Klingelknopf. Der rundlichen Stewardess bedeutet er: „Nicht hier … dort!“
Sie öffnet die Tür: süßlicher, schlechter Geruch dringt nach draußen.
Sein Blick streift die Kabinentür mit der Zahl 26 … welches Wesen verbirgt sich dahinter???
Schlafen ..!
Ein „Anteeksi!“ – Entschuldigung, reißt ihn wach.
Ehe er den Irrtum begreift, ist die Tür schon wieder zu. Er tastet nach dem Lichtschalter – vergeblich!
Die Stimme, weich und dunkel, klingt in ihm nach … eine Ahnung von Wärme, Zauber und Schmerz.
Aus der Nachbarkabine gibt es erneut heftige Laute aus dröhnenden Kinderkehlen.
Nun verschließt er die Ohren, holt aus seiner Reisetasche ein Buch und ließt: „Wo Raum und Zeit nicht mehr existent sind, die Zahl zur Farce wird, endlich ihre zweifelhafte Bedeutung verliert und das Geschöpf ins Nichts zerfällt, wo Raum und Zeit aufgehört haben zu sein, weil sie auffraßen, die mit ihnen spielten, beginnt die wahre Ruhe: ein Paradies für den, der nur Auge ist, dessen inneres Ohr einen Klang aufnimmt, der seinen Resonanzboden im Unbegreiflichen hat - sonst ist da nichts … nichts …“
Er überlässt sich lieber dem philosophischen Gedankenspiel des Komponisten ERNST KRENEK über die Zahl, über Raum und Zeit, denkt an die Reihentheorie in seiner musikalischen Sprache – und schläft darüber ein.
Der Morgen verrinnt wie der Mittag und der Abend. Zwei mal Vierzehn schweigen sich an und denken über die Zufälle von Zahlen nach. Man grüßt sich, wünscht sich guten Appetit, verweilt zwischen zwei Bissen einen Augenblick mit den Augen bei seinem Gegenüber. Dieses Schauen ist Sehen in die Ferne: Die Augen halten nicht fest.
Sieht er in ihres, das genau das seine trifft, sucht sie ein weites Ziel.
Sieht sie ihn bewusst an, kommen ihr Zweifel, ein Gesicht vor sich zu haben. Da ist eher eine lebendige Optik, die durch sie in weite Räume schaut.
Beide sehen nach innen in einen Hohlspiegel … in ein Wunschland, das sich auftut und wieder versinkt.
Die profanen Herrlichkeiten auf den Tellern nehmen sie nur beiläufig wahr. Man verzehrt die Speisen eben, weil sie da sind.
Er verlässt den Platz immer nach ihr.
Dann und wann entdeckt er sie bei einer Tasse Kaffee verloren auf das Meer hinausschauend.
Abends nimmt er noch einen Drink in der Bar und sucht bald die Kabine auf. Ihn stört die kreischende Tanzmusik im Salon bis in die Nacht – und der ungebärdete Tanz.
Er sinnt sich eine andere Musik heran – ein Liebeslied des finnischen Komponisten YRJÖ KILPINEN nach Texten von CHRISTIAN MORGENSTERN: „ … Dort erst, dort erst kommt es zur Ruh/liegt am Grund seines ewigen DU“. Warum gerade jetzt dieses Lied?
Und wieder wendet er sich voll der Lektüre vom Vorabend zu, in die er sich aber schwer hineinlesen kann: „Wo braucht man keine Zeit, weil es sie nicht mehr gibt? Wo ist der Raum auf dieser Welt, der keiner Trägerrakete bedarf, keiner Vehikel, die hinaus zu den Sternen tragen? Wo ist dieser Raum, dem die Zeit fremd ist? Wo ist die Zeit, die diesen Raum besitzt, der sie überflüssig macht?“
Die Fahrt geht Richtung NORDEN!
Er hat sie an einem Achtundzwanzigsten angetreten. Das war an seinem Geburtstag.
Eben diese Zahl spielte sie. Also musste sie auch ihr etwas bedeuten!
Er hat mit der Unbekannten etwas gemein: Sechsmal saßen sie zusammen am selben Tisch, der – verdoppelt – die Zahl ergab, von der sie vorgestern am Roulette Gewinn erhofften.
Die Reise ist vorbei - und beginnt doch erst!
Es hat keinen Sinn, nach den Gründen zu forschen, deretwegen er aus seiner Umwelt floh. Es sind ihrer zu viele und daher im Jetzt bedeutungslos. Den wahren Grund will (oder kann?) er noch nicht erkennen.
Er lässt sich von seiner aufgewühlten Seele treiben. Ihm ist nach Weite zumute, die nicht dadurch begrenzt ist, dass an ihren Grenzen das Ende beginnt.
Ihm ist nach Wahrheit zumute, die nichts zu tun hat mit der heuchlerischen Gemeinschaft, welche dem Zwang des Schlagwortes folgt.
Ihm ist nach Heimat zumute. Nicht der verlorene Krieg raubte sie, die nie zu einem Reich gehörte, sondern frei war, wie die Menschen in ihr.
Er verlor sie allmählich. Das Geschrei einer Masse brachte den langsamen Tod, ließ das Bild in seinem Herzen, blutverschmiert und geschändet, ersterben. Das Geschrei in der eigenen Muttersprache, gelenkt und kollektiv, nach Rechten verlangend, die keine Rechte sind, machte ihn Jahre nach der Vertreibung aus Prag zum wahren Flüchtling.
Vielleicht löste er deshalb die eine Karte: Nur HINREISE, nicht zurück! Nichts soll mehr gehen … nichts mehr.
Was später sein könnte, versinkt – geht unter zwischen Schiff und Kai.
Die Fahrt geht Richtung NORDEN!
Die Frau tritt in ihre Wohnung ein, die sie noch nicht kennt.
Die neuen Wohnblocks am Stadtrand von Helsinki sind ihr etwas Neues. Als sie die Hauptstadt verließ, war hier noch wilder Wald.
Den väterlichen Besitz drunten an der Seurassarentie hat sie vor geraumer Zeit verkauft und über einen Makler die kleine und moderne Wohnung erworben. Sie will in Zukunft hier leben.
Was sie aber nie verkaufen will, ist das Fleckchen Erde draußen auf dem Land zwischen Lappeenranta und Savitaipale.
Die Anschrift ihrer neuen Wohnung lautet:
Ulvilantie 28A –14!
Seit Monaten kennt sie diese Ziffer und baut darum ihr eigenes Reich.
Seit Monaten denkt sie sich nichts dabei, bis sie diesem Fremden am Roulette begegnete, kurz vor der Überfahrt … und bis dieser Irgendwer auch so hartnäckig auf die Achtundzwanzig setzte.
Kabine sechsundzwanzig fügt sich nicht ein – aber Tisch vierzehn mit zwei Plätzen …
Hätte sie ein Gespräch herausfordern sollen?
Doch warum eigentlich einer profanen Zahl so viel Bedeutung geben!
Allein sein, das wollte sie – und Stille! Nicht über Zeit und Zahl nachdenken, mit niemandem sprechen, die eigene Seelenlandschaft durchforschen.
Von der kleinen Wohnung aus dem Hochhaus geht ihr Blick hinüber zum Wasserturm, der so merkwürdig aussieht: Wie ein Pilz!
Stand er vor Hiroshima – oder danach? Architekteneinfall oder Mahnung?
Möglicherweise hat der Erbauer sich gar keine Gedanken um den grausamen Pilz gemacht …
Auf der Geraden zwischen Pilz und Hochhaus-Wohnung – ungefähr in der Mitte dieser Strecke – muss sich der große Mannerheim-Friedhof befinden. Ihr Vater liegt dort in einer langen Reihe. Sie hört nie auf, nach dem „Warum“ zu fragen.
Ist sie seinetwegen hierhergereist?
Nie wird ein Mann so sein wie er: stark und zuverlässig, elegant und gescheit, beherrscht … und zärtlich, fröhlich und nachdenklich, liebenswert und verständnisvoll!
Er sagte Ja zum Leben, konnte über die Liebe reden, ohne sie zu zerreden, und erahnte die Wünsche, die ihr Herz bewegten.
Wenig später sucht sie den Friedhof auf. Auf der Anhöhe – im Mittelpunkt – steht das Kreuz … und wenn es nicht der Mittelpunkt ist, so zwingt es dazu, ihn dorthin zu denken.
Der Marschall liegt ein paar Schritte abseits davon. Der Retter des Vaterlandes nach dem Winterkrieg genau dann, als es der Uniformen nicht mehr bedurfte.
Zwei Gipfelpunkte, von denen das Gelände sanft zur Kirche hin abfällt. Dazwischen Reihen … Reihen … Reihen!
Und ihr Vater in einer solchen!
Was ist eine ‚Reihe’, fragte das fast erwachsene Mäd- chen ihren Vater damals.
Musik … Zwölftonmusik! Zunächst noch recht seltsame Musik – Zukunftsmusik, antwortete er.
Warum zunächst noch?, wollte sie wissen.
Nun, weil diese Reihentheorie in meiner Zeit keinen Raum hat, oder mein Raum der Reihe keine Zeit bietet, oder die Zeit für die Reihe keinen Raum … dreh es, wie du willst. Reihe ist Ordnung … und Zwang – und was aus deines Vaters Kopf kommt, passt dort nicht hinein.
Nun liegt er hier in einer endlosen Reihe … einer von Millionen!
Die quälende Frage nach dem WARUM hat sie in all den Jahren nicht losgelassen.
Neben wem schläft er wohl?, kommt es ihr in den Sinn.
Lass, mein Kind, diese Fragen!, hört sie ihn plötzlich zu sich sprechen. Ich bin doch nur ein Häufchen Asche, das der raue Wind hierher trug. Den größten Teil streute er über unser Land. Ein Körnchen davon findest du auf jener kleinen Insel, auf der ich dich zeugte. Es ist noch immer lebendig, es ist stark genug, dich zu erhalten. Was hier an dieser Stelle liegt, schweigt als Ton von vielen, der seinen Klang verlor im Furioso einer Sinfonie, welche Chaos, aber nie Klanggemälde war, tödlicher, unaufhaltsamer Sturm, der zu Zeiten wiederkommt: In der Natur – in der Musik – in der Liebe … Warum besuchst du mich hier? Es ist ein heißer Sommer, Kind. Warum fährst du nicht weiter?
Ratlos, verstört sieht sie um sich und starrt wieder auf die kleine Steinplatte, die seinen Namen trägt.
Und erneut raunt es aus der Tiefe: Diese Reihe hier ist in Wahrheit namenlos, sie klingt nicht nach zwölf – und auch nicht nach bedeutungsvollen Zahlen: Sie klagt Frieden auf Dissonanzen, klagt Kampf und Kanonen, deren Sinn im Jenseits seine Farben verwandelt; die Reihe klagt Trauer und Sehnsucht.
Und das Kreuz dort?, fragt sie sich, sucht nach einer Antwort, die sie selbst nicht findet.
Doch dann ist ihr so, als ob ein Gefühl wohliger Wärme sie durchströmt und ihr Vater sie wie eine schützende Hülle umgibt: Die Lebenden, Kind, glauben an Erlösung, klingt seine Stimme fort, sie sehen es immer in der Mitte … in der Mitte. Doch was du suchst, findest du nicht hier. Dort, wo das Staubkorn Asche liegt, ist deine wahre Mitte, die du jetzt brauchst. Fahr hinaus und erkenne: Ich habe dort mit Wonne geliebt – und du bist daraus geworden.
Benommen geht sie weiter durch die Reihen, durch die sie nie geschritten wäre, stünden sie jetzt alle lebend hier: in Erwartung eines Kommandos!
Aber dann, wenn sie stumm hier ruhen, treibt man die Frauen endlich durch diese Reihen.
Letzte Ruhestätten der Soldaten sind ewig – ewige Ruhe sagt das allgemeine Recht …
Über Jahrtausend alte Kriegsgräber rasen irgendwo in Europa stählerne Giganten, bevor sie sich in die Luft erheben.
Was wird hier einmal sein?
Nicht weit entfernt liegt ein Zeltplatz. Die meisten, die dort kampieren, wissen nichts von ihrer stummen Nachbarschaft, ahnen nicht, dass ein Vater hier ruht – viele Väter! Kriege kennen sie meist nur noch aus dem Geschichtsbuch; je weiter sich die friedlichen Jahre von dem grausigen Geschehen entfernen, desto harmloser wird das einstige Schlachtengewühl.
Hinüber in die vertraute Stadt also, denkt sich die junge Frau. So lange fort von hier und doch gleich wieder daheim. Die alten Lehrer besuchen? Nein! Nur vorbeigehen an dem ehrwürdigen Gebäude und das
Durcheinander von menschlicher Stimme und zahllosen Instrumenten vernehmen, die skurrile Mi-schung aus Anfängertum und reifem Können, unterstützt von Schlagwerken, die aus der Tiefe röhren und klappern. Nur ein Blick hinauf, sonst nichts! Glückliche Stätte musischer Hoffnung, Wettbewerbs-Akademie der schönen Töne, zitternd geblasen und ängstlich gestrichen, tragend gesungen und träumend gezupft …
Und dann wieder die schwarze Nummer über der Tür in Ulvilla: Achtundzwanzig!
Bin ich denn ein verliebter Teenager, oder jemand, der sich nicht mehr besiegen lassen will, weil er alles nehmend geben kann, wenn er … will?, fragt sie sich.
Die Frucht war reif, als sie vor Jahren noch zu ernten war. Doch nun?
Als Pierre ihr in Südfrankreich begegnete, war von einer Bindung nicht die Rede. Sie stürmten sich entgegen und ließen die Vertrautheit vor der Tür ihrer Herzen. Kein Schlüssel öffnete sie. Das lustvolle Traumland aber entpuppte sich als Trugschluss, und die entbehrte Vertrautheit wurde zum bohrenden Schmerz. Ganz allmählich füllte er ihre Seele aus …
Im Süden Europas lieben sie anders, denken und fühlen anders – sie schlafen nicht wie wir …
Vater war aus seiner Welt der Harmonie gerissen worden. Ihn fällte das Chaos aus Gewalt und Hinterhalt. Er, dem die Stille noch zu laut war, dessen feingliedrige Hände Regungen seines Herzens sichtbar werden ließen, wurde von einer groben Faust zermalmt, die sich nicht, in einem Vorhof wartend, angekündigt hat.
Und Mutter?
Als die glücklichen Stunden der Eltern zur Wirklichkeit wurden, wusste niemand von den Viren, die ihre mütterlichen Opfer fraßen.
Dieselbe Technik, die sie einmal hätte retten sollen, wird bei ihr zum rasenden Schwert, das den Tod noch schneller bringt. Ist das der Gewinn?
Vater zeigte nie ein Bild von ihr, er wollte keines mehr besitzen. Nach Mutter befragt, strich er ihr immer nur zärtlich über den Rücken – und sie empfand stets tiefe Geborgenheit dabei.
Das Flüstern aus dem Grab in der Reihe, vor dem sie lange in Gedanken versunken verweilt hatte, begleitet sie bis herauf in ihre Wohnung: Ich hab mit Wonne geliebt und dem Körnchen Asche schon damals einen Weg gewiesen voller Lust und Sinnenfreude. Es ist ein heißer Sommer, Kind, bleib nicht in Ulvilla! Die Stadt ist nur ein Knotenpunkt, er zeigt dir immer wieder den Pilz dort hinten und reißt zwischen ihm und dir die Stille ohne Leben auf. Du aber genieße in der Stille, die Leben heißt! Suche deines Lebens Mitte dort, wo das Körnchen Asche liegt und dich daran erinnert, dass es auch mein Leben war. Du wirst zu dir finden und nicht den Gedanken nachhängen, was wahre Erlösung verspricht: ein Kreuz, ein Friedhof mit den traurigen Resten tausender braver Männer, deren Namen nichts mehr sind. Draußen, umspült von den reinen Wassern, ist Liebe und erregender Sturm, der stets neues Verlangen fordert, gebiert, wieder verliert und verzehrt – und doch nie endet. Dort ist dein DU, dort löst sich die nichtssagende Zahl auf. Eine unbekannte Weite erschließt sich dir und du wirst endlich vertraut sein mit dir und dem, was deinen Weg kreuzt. Verlangen und Nehmen gehören in den Raum, der dich umgibt, die verwirrten Gedanken werden vergehen. Es ist das schönste Stück der Erde, wohin sich jener lebendige Rest meiner Asche verlor, der dein Ursprung ist …
Es ist ein eigentümliches Gefühl, aus seiner Wohnung fortzugehen, noch ehe man sie in Besitz genommen hat.
Der Umschlaghafen Stadt, die Drehscheibe Bahnhof, tun zum ersten Male ihre Pflicht.
Der Pilz, der den Blick auf sich zieht, spiegelt die rötlichen Strahlen der Sonne, tiefer Schatten hüllt den Hort der Toten ein, das Raunen ihrer Stimmen verstummt.
Ein neuer Tag bahnt sich an …
Hitze brütet über der weißen Stadt am Meer. Helsinki ist fast menschenleer. Wer nicht hier bleiben muss, sucht Kühlung irgendwo in einer der vielen Buchten, die das Meer ins Land gegraben hat, oder am Ufer einer der unzähligen Seen.
Auch er wird nicht in der ungewohnten Harmonie aus Fels und Wasser, Beton und Wald bleiben: Reisen, wandern, fahren … ohne Ziel … und doch nicht ins Unbekannte.
Wer fährt schon nirgendwohin?
Der Tourist hat ein Ziel. Der Erholung Suchende fährt zum Ort seiner Buchung, ins Blaue tragen Sonderzüge Betriebsbelegschaften.
Es besteht kein Grund, wild durch das Land zu rasen, das er weder kennt noch schnellstens durchmessen will. Und dennoch fährt er, als hingen ihm tausend Verfolger an den Fersen.
Das Unwetter kündigte sich schon in der brütenden Hitze über der Stadt an. Glaubte er, schneller zu sein, ihm ausweichen, davonfahren zu können?
Unheimlich schnell baut sich Düsternis ringsherum auf. Jetzt fährt er in eine schwarze Wolkenwand, Blitze zucken aus ihr hervor, Wasserströme stürzen vom Himmel herab …
Der Wagen gleicht einem Schiff, das sich mühsam einen Weg durch die plötzlich entstandenen Wassermulden bahnt: gestoßen, herumgeschleudert und doch glücklich wieder auf geraden Kurs gebracht. Die Scheibenwischer versagen ihren Dienst, die Sicht verschwimmt …
Wer fährt schon nirgendwohin?
Es ist wie Höllenjagd in Wolkengründe, Unterseeboot und Düsenflugzeug zugleich – so stürmt es um ihn herum. Felsen eilen vorüber, rote Holzhäuser, brodelnde Seen, bunte Tanksäulen, Reklamen.
Der Wind pfeift schrill durch die Fugen der Karosse, die müde gewordenen Wischblätter zucken hin und her, haben es aufgegeben, sich dem Sturm zu stellen.
Doch der Mann am Steuer hält stand – er, der sich vorgenommen hatte, geruhsam zu wandern, beschaulich durchs Land zu fahren. Gedanken schießen ihm wie die Blitze vor seinen Augen durch den Kopf. Fast wäre er auf ein Pferdefuhrwerk aufgefahren!
Weiter! Nichts geht mehr … nichts …
Ein Stein donnert gegen die Windschutzscheibe. Das Glas hält stand, splittert nicht; ein Wegweiser rast vorbei …
Wohin?? Es ist einerlei. Die Kugel tanzt im Kreise, Scheiben drehen sich … achtundzwanzig, achtundzwanzig! Und dann wieder die samtweiche Stimme: Hyvää päivää! Wo ist die Zeit?
Die Achsen ächzen auf immer raueren Straßen. Halt! Links und rechts der Straße drohen Felsen, hocken lauernd, als wollten sie gleich zusammenschlagen. Die Symplegaden des Nordens? Skylla und Charibdis hier?? Sie werden stehenbleiben, nicht zusammenschlagen wie die Symplegaden. Hindurch! Hier beginnt das Land, das dich anzog wie ein gewaltiger Magnet – das dich nicht mehr loslässt …
Sein Herz stockt: Hier ist die Erde, wo er im Krieg um sein Leben bangte … das nun zerrissene Land.
Gespenstern gleich rasen „Symplegaden“ neben ihm her, drohen: wenn du nur Vergnügen suchst, Erleben für dein Skizzenbuch, so kehre schleunigst um … kehr um …, scheinen sie ihm warnend zuzurufen.
Aber die Felsen schlagen nicht zusammen, wie im Theater, schrammen nicht das Schiff. Sie bleiben stumm und unbeweglich, doch sie lassen den Fliehenden, der sich sucht, nicht mehr zurück. Die Felsen verletzen nicht die Haut – sie treffen das Herz, noch eh es bemerkt, welch ein Land ihm hier Willkommen bietet …
Die Verwandlung geschieht plötzlich: Blauer Himmel spannt ein leuchtendes Zelt, kleine Wolkenberge ziehen wie weiße Schiffe darunter hin, die Sonne blendet ihn und verwischt einen Moment lang den Blick. Dann – so weit das Auge reicht – da und dort, nahe der Straße, große Flächen ruhiger Seen, grüner Wiesen, gesäumt von dunkelblau schimmernden Wäldern, eingeschlossen von Granitbergen, die eine Urgewalt hierher gewälzt hat.
Er verlangsamt sein Tempo, möchte verweilen. Der Reise haftet noch der lastende Schmutz an, von heute und von gestern, von Jahren vielleicht!
Er lässt den Wagen an der nächsten Tankstelle weit draußen waschen. Er betrachtet das freundliche Land aus Wasser, Wald und Fels, betrachtet die kauernden Rinder auf den Weiden, und die Findlinge, die eine Riesenhand darüber hingestreut hat.
Wo bin ich?, fragt er sich. Warum schweigen die Felsen und lassen den Ruhelosen hindurch? Wie lange sind sie schon da und welches Eis schob sie her? Geologen wissen wohl Erklärungen, beweisen den Ursprung des wahllosen Herumliegens der granitenen Brocken. Es gibt Abhandlungen, die den Steinen gelehrte Sprache und eine Art Leben zusprechen. Aber die Felsen erschweren den Menschen ihre Arbeit: sie müssen um sie herum säen, pflügen und ernten ...
Eine Engelslaune versteckt sich hinter jedem einzelnen dieser stummen, harten Zeugen, denkt er sich, und die Engelslaune mochte den großen, alten und unbekannten Herrn da oben auch veranlasst haben, diesen Menschen hier – wie ihren Brüdern in den hohen Gebirgen überall – eine Tugend zu verleihen, die Heimweh erzeugt und zur Heimkehr zwingt.
Hier liegen mehr als nur zwanzigtausend Steine, achtundzwanzigtausend womöglich … Kreuze … Massenanfall … Nicht nachdenken!
Er erschrickt, weil ihn jemand anspricht:
„Anteeksi, Auto ist fertig“, sagt ein Mann im grauen Kittel und deutet auf den Wagen.
Aha, das Auto. Er zahlt und verlässt den Ort mit „Näkemiin“ … Auf Wiedersehen!
Die Weiterfahrt kommt ihm vor, als würde er gefahren und dächte über etwas nach, das es nicht gibt. Musik begleitet ihn und ihm ist, als spielten zwei Orchester:
Das eine in Moll – Largo maestoso: weit ausladend, sehnend, baut eine Spannung auf, die nach Entladung drängt, lässt erfüllte Wünsche unerfüllt. Immer tiefer dringt diese Musik in ihn ein, wühlt auf und besänftigt zugleich, verheißt unsagbar Schönes und beruhigt seine aufgewühlte Seele.
Das andere Orchester spielt hartes Dur – Presto furioso: Stürme wüten über ihm, Hörner jaulen aus brodelnden Tiefen ihre Töne in Fugen und Klüfte aus felsigem Urgrund, schrill fahren die kratzenden Streicher dazwischen, heftige Tanzrhythmen machen sich breit, der Donner des Schlagwerks triumphiert – rauschende Wasser, wogende Felder satter Spätsommer klingen hinein …
Moll und Dur, Largo und Prestissimo – und doch kein Inferno, keine Dissonanz. Harmonie von seltsamer Schönheit, Zwiespalt der Rhythmen: Einklang und Einstimmung in ein ersehntes, unbekanntes und doch so vertrautes Land.
Die zwei Felsen von vorhin werden deine Rückkehr nicht hindern, lassen das Auto hindurch. Aber du bleibst hier, sagt seine innere Stimme; kannst dir nicht entfliehen, auch wenn dein Körper davonzurennen versucht. Du bleibst in diesem Land, wirst Stein wie diese Granite hier, und Wasser umspült dich … umspült euch … euch??
Das Land löst keine Jubelstürme aus. Man durchfährt es nicht trunken vor Begeisterung; es stimmt nicht schwermütig und nicht himmelhoch jauchzend – aber es befreit!
Immer enger windet sich die Straße, niedrige Buckel versperren die Aussicht auf das Weiter – hinter ihnen, steil abwärts führende, nie vorausgeahnte Kehren.
Irgendwo muss dieser Weg doch einmal ein Ende haben, muss abreißen oder hinunter stürzen in einen Abgrund aus Wald oder Wasser, denkt er sich.
Der Name auf einem unerhofften Wegweiser sagt ihm nichts. Von der sich windenden Straße deutet er auf einen schnurgeraden Pfad, der hineinführt in einen nahezu vertrockneten Föhrenwald. Was dahinter ist, bleibt hier verborgen. Die Nadel auf dem Kompass zeigt, dass dieser Waldweg genau nach Norden führt.
Die Felsen sind vergessen und auch der verlassene Tanzboden, den er vorhin im Vorbeifahren sah, die Bauernhäuser – ärmliche, graue Holzhütten –, die tiefdunkelbraunen Rinder auf den kargen Weiden; vergessen auch die Menschen, die dann und wann auf Rädern des Weges kamen: ihre Gesichter von Runzeln durchfurcht, die Haut wie Leder. Sind die Frauen hier alle so alt? Und irgendwann ein Bus, der eine große Staubwolke hinter sich ließ … auf dieser sandigen Schotterstraße!
Er folgt dem Wegweiser mit dem nichtssagenden Wort, fährt die schnurgerade, sandige Spur durch den Wald weiter. Und plötzlich – wie ein harter Schnitt in einem Filmstreifen – wandelt sich erneut das Bild: Vor ihm weitet sich ein azurblauer See! Er fährt auf ihn zu, an ihm entlang …
Wohin?? Wer fährt schon nirgendwohin – in sich hinein, in die eigene Einsamkeit, die er noch gar nicht kennt? In das Land, wo Dur und Moll, Presto und Largo Harmonie geworden sind, die Takte sich nicht töten, sondern Glück schlagen wollen, Frieden verheißen …
Nirgendwohin???
Die Straße endet an einer steinernen Pforte. Hier hatte man einen Felsriesen gespalten, um hinunter zum Ufer des Sees zu gelangen. Sie ist in den Fels eingegraben und führt zur Anlegestelle einer Fähre. Wer hinüber oder herüber will, benutzt die Fähre. Das Gefährt gleicht einem gewaltigen Floß, sechs Wagen finden auf ihm Platz, je drei hintereinander. In der Mitte befindet sich seitlich ein kleines Häuschen, von hier aus bedient der Fährmann den tuckernden Motor. Ein Stahlseil hebt sich aus dem Wasser, grässlich quietschend zieht es seine Last hinüber – herüber.
Es gibt den alten und den jungen Lossi. Der junge – immerhin auch ein Mann im besten Alter und Teilnehmer an beiden Kriegen – fährt einmal im Monat in die Stadt. Sonst versieht er seinen Dienst, winkt die wartenden Wagen ein, gibt ein Handzeichen zum Halt – wenn nichts mehr geht – und lässt den Schlagbaum herunter, damit keiner den Wagen ins Wasser lenke.
Der alte Lossi ist nur noch selten auf der Fähre.
Kälte und Hitze, Regen und harte Winde, klirrender Frost und Staub haben die Gesichter der beiden Männer geprägt. Beim alten Lossi kann keiner recht sagen, wie lange er seinen Dienst schon versieht. Er ist zu einem Symbol geworden. Er spricht nur wenig und dankt mit einem kaum wahrnehmbaren Kopfnicken, wenn man ihn grüßt. Man könnte ihn für verbittert halten, für unzugänglich, solange man nicht in seine Augen blickt. Nicht allzu groß, funkeln sie hell und lebhaft, nehmen alles wahr, was um ihn herum geschieht, und offenbaren ein verschmitztes Lächeln. Man fühlt sich geborgen bei dem Alten – und geehrt, wenn er die Mechanik bedient. In seiner Heimat gilt er als Symbol für Kraft und Härte, Ausdauer und Duldsamkeit. Alle in der Gegend kennen seinen Kummer, ohne dass er ihn je klagte: Er musste in den Kriegen auf seinem Posten ausharren. Man erklärte ihm, wie wichtig dies sei. Er nahm es zur Kenntnis, aber seine Selbstzweifel blieben.
Was tu ich schon für meine Heimat?, fragte er sich im-mer wieder. Lieber wäre es ihm gewesen, mit der Waffe in der Hand den Eindringlingen zu wehren, besonders, als der Feind immer näher rückte und er unerschrocken auf seinem Posten verharren musste … weil es so befohlen war.
Der Sohn ist das Ebenbild des Vaters. Er ist verschlossen wie er und ebenso zäh. Und doch ist er anders. Seine Augen wirken wie von einem Schleier bedeckt, wenn sein Blick die Passagiere streift oder über den See hingleitet, als ob er träumte …
Der Sohn heißt Pekka. Im Winterkrieg kämpfte er bei Kuusamo, im Fortsetzungskrieg weiter südlich. Viele kennen ihn und rühmen seine Widerstandskraft ebenso wie seinen Opfermut, den er vielfältig bewies.
Lass den Bären nur kommen, sagte er oft. Er wird uns in hundert Jahren nicht vernichten. Ich bin nicht der einzige Pekka – überall stehen Pekka und Pekka und Pekka; in den Wäldern und Sümpfen, mit dem Puukko in der Hand … lauernd.
Lass den Bären nur herein, sagte er. Er kennt die Pekkas noch lange nicht, er kennt nicht die Sümpfe und Labyrinthe. Unsere Wurzeln wachsen besser, wenn sie das Blut des Feindes trinken.
