Karelia - Enna Pertim - E-Book

Karelia E-Book

Enna Pertim

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Beschreibung

Karelia ist nicht die Geschichte Kareliens , aber sie ist eine Liebeserklärung an dieses Land, dessen ungezählte Seen und tiefe Wälder Leitmotiv der Handlung sind. Der Arzt Karel –ehemaliger Prager-Deutscher – flüchtet aus seinem bisherigen Leben in einer westdeutschen Universitätsstadt und begibt sich auf eine ausgiebige Reise durch Finnland. Auf imaginäre Weise verlebendigen sich während seiner Wanderung durch das Land – von Süd-Karelien bis in den hohen Norden nach Lappland – entscheidende Phasen seines bisherigen Lebens, wodurch er sich Schritt für Schritt einer neuen Lebensfindung nähert. Dabei taucht er tief in die für ihn heilsame Atmosphäre dieses Landes ein. Die Begegnungen mit der Finnin Lia und dem Sotteniemi-Mauri werden zu Schlüsselfiguren auf seinem neuen Wege, bis er endlich bei sich selbst ankommt. Dieser Roman ist eine Hommage an Finnland, das 2014 Gastland auf der Frankfurter Buchmesse war.

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Seitenzahl: 247

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Enna Pertim

Karelia

Eine Reise durch Finnland auf dem Weg in ein neues Leben

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Laiva

Ulvila

Unterwegs

Lossi

Sauna

Pakosaari

Jussi

Ellen

Gleisdreieck

Tansilaulau

Kokko

VOCES INTIMAE

Rapu

Pierre

Abschied

Dämmerung

Sotteniemi-Mauri

Pallas

Winter

Ruska

Nordlicht

Anhang

Impressum neobooks

Laiva

„Nichts geht mehr, meine Herrschaften, bitte nichts mehr!“

Er setzt doch noch schnell auf den Blauen, mit dem eine Frauenhand zuvor die Achtundzwanzig be­deckt hat.

Das Hüpfen der Kugel: „Achtzehn!“

Beide Marken werden eingezogen.

Und wieder: „Nichts geht mehr, bitte nichts mehr.“

Er legt seine Marke abermals auf die Achtund­zwan­zig.

Diesmal setzt die Frau nach ihm.

„Siebenundzwanzig!“

Er sieht zwei große Augen, die bald in die seinen, bald auf die Zahl starren.

Warum spielt sie die Zahl Achtundzwanzig weiter, ob sie so alt sein mag?, denkt er.

Auch er bleibt bei seiner Zahl, lächelt … und verliert erneut. Sie mit ihm.

Dann verlässt er den Spielsaal.

Wenig später steht er inmitten einer Masse von Fahr­zeugen vor dem Schiff. Ein riesiges Loch, eine dunkle, stählerne Höhle gähnt dem Pulk entge­gen.

„Haben Sie gebucht?“

Er reicht seine Fahrscheine vom Fahrersitz durch das geöffnete Seitenfenster hinaus.

„ Achtundzwanzig!“

„ … achtundzwanzig??“

Doch der Mann mit den Bordkarten ist bereits zum näch­sten Wagen weitergegangen.

Es ist eben heute der 28., denkt er … und wartet.

Schließlich schiebt sich die Fahrzeugschlange in den Schiffs­­­körper. Zentimetergenau weist man ihn ein. Kaum hat er das große, dunkle Loch passiert, blen­det ihn das helle Neonlicht auf dem Wagen­deck.

Er zwängt sich aus dem Fahrzeug. Menschen ren­nen durch das Schiff: hinauf, herunter, hinüber, herüber; stehen Schlange vor noch verschlossenen Kiosken, drücken die Nasen an die Glastüren des Speisesaa­ls. Er geht über schmale Treppen in seine Kabine: Sie trägt die Nummer Achtundzwanzig! Das war es, was ihn auf dem Warteplatz er­schreck­te.

Er legt sich bäuchlings auf das Bett, stützt den Kopf auf die Unterarme und kann so durch das Bullauge blicken. Das Spielkasino an der Trave schwimmt vorbei, bleibt zu­rück. Dann ein paar Segler, ein Küstenschiff, schwar­­­­­­­­­­­­­­­ze und rote Bojen … drüben immer noch Land. Die ersten Lichter flammen am Ufer wie verhan­gene Sterne im Halb­dun­­­kel auf. Ahnbar befindet sich ein mit Menschenleibern über­füllter abendlicher Strand in Auflösung.

Ein Küstenstrich – wie erlebt – für sich ganz allein? Praia grande – Jequiti mar – Brasilien?

Die Fahrt geht Richtung NORDEN!

Nie zuvor war er in einem Spielsaal gewesen. Die pure Lan­geweile trieb ihn vorhin hinein. Er mochte keine drei Stunden in der Autoschlange warten, auf das dunkle Schiffsdeck stieren, den krie­chen­den Uhr­zeiger vor sich, der träge Minute um Minute schwin­den lässt.

Es wird nun Zeit, nach oben zu gehen, denkt er.

Die Kabinentür gegenüber öffnet sich: Die Nummer 26 steht darüber.

Dieselben großen Augen wie im Spielsaal irren hin und her, von der Zahl zu ihm und wieder zurück.

„Verzeihung“, sagt er, „Verzeihung, habe ich viel­leicht die falsche ..?“

Sie schüttelt kaum merklich den Kopf und ist plötz­lich fort. Eine Spur von Verlegenheit bleibt im Gang zurück.

Die mollige Stewardess weist nebenan ein Ehepaar mit zwei un­aufhörlich schreienden kleinen Kindern ein. Wo waren die Leute bis jetzt?

Am Eingang zum Speisesaal gibt es Platzkarten. Er er­hält den Platz 14/b. Es ist ein Tisch für zwei Per­sonen.

Verbeugung, Erstaunen … und ein kurzer Gruß.

Sie dankt mit einem Kopfnicken und sagt: „Hyvää

päivää“ – guten Tag.

Er rechnet: 2x14 ergeben achtundzwanzig – weni­ger zwei sind 26 ! Aber er behält die seltsame Zahlen­kom­bination bei sich.

Er muss sich umstellen auf die warme Mahlzeit am Abend, denn er ist es gewohnt, zu dieser Stunde kalt zu speisen. Sie bestellt ein Glas Milch, er eine halbe Fla­sche französischen Rotwein.

Der Himmel ist fahl, nach Norden zu färbt er sich wäss­rig-grün.

Nach dem Dinner geht er in die Bar auf dem Boots­deck. Die Frau sieht er nicht wieder. Auch im Salon auf dem Achterschiff suchen seine Augen vergebens nach ihr. Dort spielt eine Combo. Ein junges Mädchen tanzt in roten Socken, vollführt wilde Verrenkungen. Ihr Part­ner hat kurzgeschorenes Haar, trägt einen ab­ge­­wetz­ten gestreiften Pullover … irgendwie passt das tan­zende Paar nicht in diese Umgebung.

Menschen stauen sich vor nun geöffneten Läden: kau­fen … kaufen …

Es ist sinnlos, hier oben herumzusitzen, sich durch das Knäu­el der Menschen zu schieben, sagt er sich:

Nummer 28 ist eine stille Schlafkammer!

Er denkt nicht mehr an die lärmende Familie, doch immer wieder an die Unbekannte: schön und ma­kel­los ihre Figur, die zarten Hände sprechen Mu­sik. Ihr Alter? Eine reife Frau; unauffällig ge­kleidet, fast schlicht, doch mit dezenter Betonung ihres schönen Körpers. Eine Pariserin? Dazu aber passt das „Hyvää päivää“ nicht …

Die Fahrt geht Richtung NORDEN!

Schlafen, nachdenken … Nichts geht mehr, nichts mehr, bitte, meine Herrschaften!

Rien ne vas plus!

Das Schiff beginnt zu rollen.

Nebenan werden die Kinder unruhig: ein Kind weint, das andere hustet unaufhörlich. Wo sind die Eltern ?

„Äiiiti … ti! Äiiiii … tiiii “!

Er drückt auf den Klingelknopf. Der rundlichen Ste­war­dess bedeutet er: „Nicht hier … dort!“

Sie öffnet die Tür: süßlicher, schlechter Geruch dringt nach draußen.

Sein Blick streift die Kabinentür mit der Zahl 26 … welches Wesen verbirgt sich dahinter???

Schlafen ..!

Ein „Anteeksi!“ – Entschuldigung, reißt ihn wach.

Ehe er den Irrtum begreift, ist die Tür schon wieder zu. Er tastet nach dem Lichtschalter – vergeblich!

Die Stimme, weich und dunkel, klingt in ihm nach … eine Ahnung von Wärme, Zauber und Schmerz.

Aus der Nachbarkabine gibt es erneut heftige Laute aus dröhnenden Kinderkehlen.

Nun verschließt er die Ohren, holt aus seiner Rei­se­tasche ein Buch und ließt: „Wo Raum und Zeit nicht mehr existent sind, die Zahl zur Farce wird, endlich ihre zweifelhafte Bedeutung verliert und das Ge­schöpf ins Nichts zerfällt, wo Raum und Zeit aufge­hört haben zu sein, weil sie auffraßen, die mit ihnen spielten, beginnt die wahre Ruhe: ein Para­dies für den, der nur Auge ist, dessen inneres Ohr einen Klang aufnimmt, der seinen Resonanzboden im Unbe­greif­lichen hat - sonst ist da nichts … nichts …“

Er überlässt sich lieber dem philosophischen Gedan­kenspiel des Komponisten ERNST KRENEK über die Zahl, über Raum und Zeit, denkt an die Reihentheorie in seiner musikalischen Sprache – und schläft darüber ein.

Der Morgen verrinnt wie der Mittag und der Abend. Zwei mal Vierzehn schweigen sich an und denken über die Zufälle von Zahlen nach. Man grüßt sich, wünscht sich guten Appetit, verweilt zwischen zwei Bissen einen Augenblick mit den Augen bei seinem Gegenüber. Dieses Schauen ist Sehen in die Ferne: Die Augen halten nicht fest.

Sieht er in ihres, das genau das seine trifft, sucht sie ein weites Ziel.

Sieht sie ihn bewusst an, kommen ihr Zweifel, ein Gesicht vor sich zu haben. Da ist eher eine leben­dige Optik, die durch sie in weite Räume schaut.

Beide sehen nach innen in einen Hohlspiegel … in ein Wunschland, das sich auftut und wieder ver­sinkt.

Die profanen Herrlichkeiten auf den Tellern nehmen sie nur beiläufig wahr. Man verzehrt die Speisen eben, weil sie da sind.

Er verlässt den Platz immer nach ihr.

Dann und wann entdeckt er sie bei einer Tasse Kaffee verloren auf das Meer hinausschauend.

Abends nimmt er noch einen Drink in der Bar und sucht bald die Kabine auf. Ihn stört die kreischende Tanz­musik im Salon bis in die Nacht – und der unge­bärdete Tanz.

Er sinnt sich eine andere Musik heran – ein Liebeslied des finnischen Komponisten YRJÖ KILPINEN nach Texten von CHRISTIAN MORGENSTERN: „ … Dort ­­erst, dort erst kommt es zur Ruh/liegt am Grund seines ewigen DU“. Warum gerade jetzt dieses Lied?

Und wieder wendet er sich voll der Lektüre vom Vor­abend zu, in die er sich aber schwer hin­ein­lesen kann: „Wo braucht man keine Zeit, weil es sie nicht mehr gibt? Wo ist der Raum auf dieser Welt, der keiner Trägerrakete bedarf, keiner Vehikel, die hinaus zu den Sternen tragen? Wo ist dieser Raum, dem die Zeit fremd ist? Wo ist die Zeit, die diesen Raum besitzt, der sie überflüssig macht?“

Die Fahrt geht Richtung NORDEN!

Er hat sie an einem Achtundzwanzigsten ange­treten. Das war an seinem Geburtstag.

Eben diese Zahl spielte sie. Also musste sie auch ihr etwas bedeuten!

Er hat mit der Unbekannten etwas gemein: Sechs­mal saßen sie zusammen am selben Tisch, der – verdop­pelt – die Zahl ergab, von der sie vorgestern am Roulette Gewinn erhofften.

Die Reise ist vorbei - und beginnt doch erst!

Es hat keinen Sinn, nach den Gründen zu forschen, deretwegen er aus seiner Umwelt floh. Es sind ihrer zu viele und daher im Jetzt bedeutungslos. Den wah­ren Grund will (oder kann?) er noch nicht erkennen.

Er lässt sich von seiner aufgewühlten Seele treiben. Ihm ist nach Weite zumute, die nicht dadurch be­grenzt ist, dass an ihren Grenzen das Ende beginnt.

Ihm ist nach Wahrheit zumute, die nichts zu tun hat mit der heuchlerischen Gemeinschaft, welche dem Zwang des Schlagwortes folgt.

Ihm ist nach Heimat zumute. Nicht der verlorene Krieg raubte sie, die nie zu einem Reich gehörte, sondern frei war, wie die Menschen in ihr.

Er verlor sie allmählich. Das Geschrei einer Masse brachte den langsamen Tod, ließ das Bild in seinem Herzen, blutver­schmiert und geschändet, erster­ben. Das Geschrei in der eigenen Muttersprache, gelenkt und kollektiv, nach Rechten verlangend, die keine Rechte sind, machte ihn Jahre nach der Vertreibung aus Prag zum wahren Flüchtling.

Vielleicht löste er deshalb die eine Karte: Nur HINREI­SE, nicht zurück! Nichts soll mehr gehen … nichts mehr.

­­­Was später sein könnte, versinkt – geht unter zwi­schen Schiff und Kai.

Die Fahrt geht Richtung NORDEN!

Ulvila

Die Frau tritt in ihre Wohnung ein, die sie noch nicht kennt.

Die neuen Wohnblocks am Stadtrand von Helsinki sind ihr etwas Neues. Als sie die Hauptstadt verließ, war hier noch wilder Wald.

Den väterlichen Besitz drunten an der Seuras­sarentie hat sie vor geraumer Zeit verkauft und über ei­nen Makler die kleine und moderne Woh­nung erwor­ben. Sie will in Zukunft hier leben.

Was sie aber nie verkaufen will, ist das Fleckchen Er­de draußen auf dem Land zwischen Lappeen­ranta und Savitaipale.

Die Anschrift ihrer neuen Wohnung lautet:

Ulvilantie 28A –14!

Seit Monaten kennt sie diese Ziffer und baut darum ihr eigenes Reich.

Seit Monaten denkt sie sich nichts dabei, bis sie die­sem Fremden am Roulette begegnete, kurz vor der Überfahrt … und bis dieser Irgend­wer auch so hartnäckig auf die Acht­und­zwanzig setzte.

Kabine sechsundzwanzig fügt sich nicht ein – aber Tisch vierzehn mit zwei Plätzen …

Hätte sie ein Gespräch herausfordern sollen?

Doch warum eigentlich einer profanen Zahl so viel Be­deu­tung geben!

Allein sein, das wollte sie – und Stille! Nicht über Zeit und Zahl nachdenken, mit niemandem spre­chen, die eigene Seelenlandschaft durchforschen.

Von der kleinen Wohnung aus dem Hochhaus geht ihr Blick hinüber zum Wasserturm, der so merk­wür­dig aussieht: Wie ein Pilz!

Stand er vor Hiroshima – oder danach? Architek­ten­einfall oder Mahnung?

Möglicherweise hat der Erbauer sich gar keine Ge­dan­­ken um den grausamen Pilz gemacht …

Auf der Geraden zwischen Pilz und Hochhaus-Woh­nung – ungefähr in der Mitte dieser Strecke – muss sich der große Mannerheim-Friedhof befin­den. Ihr Va­­ter liegt dort in einer langen Reihe. Sie hört nie auf, nach dem „Warum“ zu fragen.

Ist sie seinetwegen hierhergereist?

Nie wird ein Mann so sein wie er: stark und zu­ver­lässig, elegant und gescheit, beherrscht … und zärt­­lich, fröhlich und nachdenklich, liebens­wert und ver­ständnisvoll!

Er sagte Ja zum Leben, konnte über die Liebe reden, ohne sie zu zerreden, und erahnte die Wünsche, die ihr Herz bewe­gten.

Wenig später sucht sie den Friedhof auf. Auf der Anhöhe – im Mittelpunkt – steht das Kreuz … und wenn es nicht der Mittelpunkt ist, so zwingt es dazu, ihn dorthin zu denken.

Der Marschall liegt ein paar Schritte abseits davon. Der Retter des Vaterlandes nach dem Winterkrieg genau dann, als es der Uni­­formen nicht mehr be­durfte.

Zwei Gipfelpunkte, von denen das Gelände sanft zur Kirche hin abfällt. Dazwischen Reihen … Reihen … Reihen!

Und ihr Vater in einer solchen!

Was ist eine ‚Reihe’, fragte das fast erwachsene Mäd- chen ihren Vater damals.

Musik … Zwölftonmusik! Zunächst noch recht seltsa­me Musik – Zu­kunfts­musik, antwortete er.

­Warum zunächst noch?, wollte sie wissen.

Nun, weil diese Reihentheorie in meiner Zeit keinen Raum hat, oder mein Raum der Reihe keine Zeit bietet, oder die Zeit für die Reihe keinen Raum … dreh es, wie du willst. Reihe ist Ordnung … und Zwang – und was aus deines Vaters Kopf kommt, passt dort nicht hinein.

Nun liegt er hier in einer endlosen Reihe … einer von Millionen!

Die quälende Frage nach dem WARUM hat sie in all den Jahren nicht losgelassen.

Neben wem schläft er wohl?, kommt es ihr in den Sinn.

Lass, mein Kind, diese Fragen!, hört sie ihn plötzlich zu sich sprechen. Ich bin doch nur ein Häufchen Asche, das der raue Wind hierher trug. Den größten Teil streute er über unser Land. Ein Körnchen davon findest du auf jener kleinen Insel, auf der ich dich zeugte. Es ist noch immer lebendig, es ist stark genug, dich zu erhalten. Was hier an dieser Stelle liegt, schweigt als Ton von vielen, der seinen Klang verlor im Furioso einer Sinfonie, welche Chaos, aber nie Klang­gemälde war, tödlicher, unauf­halt­samer Sturm, der zu Zeiten wieder­kommt: In der Natur – in der Musik – in der Liebe … Warum besuchst du mich hier? Es ist ein heißer Sommer, Kind. Warum fährst du nicht weiter?

Ratlos, verstört sieht sie um sich und starrt wieder auf die kleine Steinplatte, die seinen Namen trägt.

Und erneut raunt es aus der Tiefe: Diese Reihe hier ist in Wahrheit namenlos, sie klingt nicht nach zwölf – und auch nicht nach bedeutungsvollen Zahlen: Sie klagt Frieden auf Dissonanzen, klagt Kampf und Ka­no­nen, deren Sinn im Jenseits seine Farben ver­wandelt; die Reihe klagt Trauer und Sehnsucht.

Und das Kreuz dort?, fragt sie sich, sucht nach einer Antwort, die sie selbst nicht findet.

Doch dann ist ihr so, als ob ein Gefühl wohliger Wärme sie durchströmt und ihr Vater sie wie eine schützen­de Hülle umgibt: Die Lebenden, Kind, glau­ben an Erlösung, klingt seine Stimme fort, sie sehen es immer in der Mitte … in der Mitte. Doch was du suchst, findest du nicht hier. Dort, wo das Staub­korn Asche liegt, ist deine wahre Mitte, die du jetzt brauchst. Fahr hinaus und erkenne: Ich habe dort mit Wonne geliebt – und du bist daraus geworden.

Benommen geht sie weiter durch die Reihen, durch die sie nie geschritten wäre, stünden sie jetzt alle le­bend hier: in Erwartung eines Kommandos!

Aber dann, wenn sie stumm hier ruhen, treibt man die Frauen endlich durch diese Reihen.

Letzte Ruhestätten der Soldaten sind ewig – ewige Ruhe sagt das allgemeine Recht …

Über Jahrtausend alte Kriegsgräber rasen irgendwo in Europa stählerne Giganten, bevor sie sich in die Luft erheben.

Was wird hier einmal sein?

Nicht weit entfernt liegt ein Zelt­platz. Die meisten, die dort kampieren, wissen nichts von ihrer stum­men Nachbar­schaft, ahnen nicht, dass ein Vater hier ruht – viele Väter! Kriege kennen sie meist nur noch aus dem Geschichts­buch; je weiter sich die fried­li­chen Jahre von dem grau­sigen Geschehen ent­fernen, desto harm­loser wird das einstige Schlach­ten­gewühl.

Hinüber in die vertraute Stadt also, denkt sich die junge Frau. So lange fort von hier und doch gleich wieder daheim. Die alten Lehrer besuchen? Nein! Nur vorbeigehen an dem ehrwürdigen Gebäude und das

Du­rch­­einander von menschlicher Stimme und zahl­losen Instrumenten vernehmen, die skurrile Mi-schung aus Anfängertum und reifem Können, unter­stützt von Schlagwerken, die aus der Tiefe röhren und klappern. Nur ein Blick hinauf, sonst nichts! Glück­liche Stätte musischer Hoffnung, Wettbe­werbs-Akademie der schönen Töne, zitternd gebla­sen und ängstlich gestrichen, tragend gesun­gen und träu­mend gezupft …

Und dann wieder die schwarze Nummer über der Tür in Ulvilla: Achtundzwanzig!

Bin ich denn ein verliebter Teenager, oder jemand, der sich nicht mehr besiegen lassen will, weil er alles neh­mend geben kann, wenn er … will?, fragt sie sich.

Die Frucht war reif, als sie vor Jahren noch zu ernten war. Doch nun?

Als Pierre ihr in Südfrankreich begegnete, war von einer Bindung nicht die Rede. Sie stürmten sich ent­gegen und lie­ßen die Vertrautheit vor der Tür ihrer Herzen. Kein Schlüssel öffnete sie. Das lustvolle Traum­­­­­­­­­­­­­land aber entpuppte sich als Trug­schluss, und die entbehrte Vertrautheit wurde zum bohrenden Schmerz. Ganz allmählich füll­te er ihre Seele aus …

Im Süden Europas lie­ben sie an­ders, denken und fühlen anders – sie schlafen nicht wie wir …

Vater war aus seiner Welt der Harmonie gerissen wor­den. Ihn fällte das Chaos aus Gewalt und Hin­terhalt. Er, dem die Stille noch zu laut war, dessen fein­gliedrige Hände Regungen seines Herzens sicht­bar wer­­­den lie­ßen, wurde von einer groben Faust zer­malmt, die sich nicht, in einem Vorhof wartend, angekündigt hat.

Und Mutter?

Als die glücklichen Stunden der Eltern zur Wirklich­keit wurden, wusste niemand von den Viren, die ihre müt­ter­lichen Opfer fraßen.

Dieselbe Technik, die sie einmal hätte retten sollen, wird bei ihr zum rasenden Schwert, das den Tod noch schneller bringt. Ist das der Gewinn?

Vater zeigte nie ein Bild von ihr, er wollte keines mehr besitzen. Nach Mutter befragt, strich er ihr immer nur zärtlich über den Rücken – und sie empfand stets tiefe Ge­borgenheit dabei.

Das Flüstern aus dem Grab in der Reihe, vor dem sie lange in Gedanken versunken verweilt hatte, begleitet sie bis herauf in ihre Wohnung: Ich hab mit Wonne geliebt und dem Körnchen Asche schon damals einen Weg ge­wiesen voller Lust und Sinnenfreude. Es ist ein heißer Sommer, Kind, bleib nicht in Ulvilla! Die Stadt ist nur ein Knotenpunkt, er zeigt dir immer wieder den Pilz dort hinten und reißt zwischen ihm und dir die Stille ohne Leben auf. Du aber genieße in der Stille, die Leben heißt! Suche deines Lebens Mit­te dort, wo das Körnchen Asche liegt und dich da­ran erinnert, dass es auch mein Leben war. Du wirst zu dir finden und nicht den Gedanken nachhängen, was wahre Erlösung verspricht: ein Kreuz, ein Fried­hof mit den traurigen Resten tausender braver Männer, deren Namen nichts mehr sind. Draußen, umspült von den reinen Wassern, ist Liebe und erre­gender Sturm, der stets neues Verlangen for­dert, gebiert, wieder verliert und ver­zehrt – und doch nie endet. Dort ist dein DU, dort löst sich die nichts­sagende Zahl auf. Eine un­bekannte Weite er­schließt sich dir und du wirst endlich vertraut sein mit dir und dem, was deinen Weg kreuzt. Verlangen und Nehmen gehören in den Raum, der dich umgibt, die verwirrten Gedanken werden vergehen. Es ist das schön­ste Stück der Erde, wohin sich jener lebendige Rest mei­­ner Asche ver­lor, der dein Ursprung ist …

Es ist ein eigentümliches Gefühl, aus seiner Woh­nung fortzugehen, noch ehe man sie in Besitz ge­nom­men hat.

Der Umschlaghafen Stadt, die Dreh­schei­be Bahn­hof, tun zum ersten Male ihre Pflicht.

Der Pilz, der den Blick auf sich zieht, spiegelt die röt­lichen Strahlen der Sonne, tiefer Schatten hüllt den Hort der Toten ein, das Raunen ihrer Stimmen ver­­­stummt.

Ein neuer Tag bahnt sich an …

Unterwegs

Hitze brütet über der weißen Stadt am Meer. Helsinki ist fast menschenleer. Wer nicht hier blei­ben muss, sucht Kühlung irgendwo in einer der vielen Buch­ten, die das Meer ins Land gegraben hat, oder am Ufer einer der unzähligen Seen.

Auch er wird nicht in der ungewohnten Harmonie aus Fels und Wasser, Beton und Wald bleiben: Rei­sen, wandern, fahren … ohne Ziel … und doch nicht ins Unbekannte.

Wer fährt schon nirgendwohin?

Der Tourist hat ein Ziel. Der Erholung Suchende fährt zum Ort seiner Buchung, ins Blaue tragen Son­derzüge Betriebsbelegschaften.

Es besteht kein Grund, wild durch das Land zu rasen, das er weder kennt noch schnellstens durch­messen will. Und dennoch fährt er, als hingen ihm tausend Ver­folger an den Fersen.

Das Unwetter kündigte sich schon in der brütenden Hitze über der Stadt an. Glaubte er, schneller zu sein, ihm ausweichen, davonfahren zu können?

Unheimlich schnell baut sich Düsternis rings­herum auf. Jetzt fährt er in eine schwarze Wolken­wand, Blitze zucken aus ihr hervor, Wasserströme stür­zen vom Himmel herab …

Der Wagen gleicht einem Schiff, das sich mühsam ei­nen Weg durch die plötzlich entstandenen Was­ser­mulden bahnt: gestoßen, herumgeschleudert und doch glück­­lich wie­der auf geraden Kurs gebracht. Die Schei­­benwischer versagen ihren Dienst, die Sicht ver­schwimmt …

Wer fährt schon nirgendwohin?

Es ist wie Höllenjagd in Wolkengründe, Untersee­boot und Düsenflugzeug zugleich – so stürmt es um ihn herum. Felsen eilen vorüber, rote Holzhäuser, bro­delnde Seen, bunte Tanksäulen, Reklamen.

Der Wind pfeift schrill durch die Fugen der Karosse, die müde gewordenen Wischblätter zucken hin und her, haben es auf­gegeben, sich dem Sturm zu stellen.

Doch der Mann am Steuer hält stand – er, der sich vorgenommen hatte, geruhsam zu wandern, be­schau­­lich durchs Land zu fahren. Gedanken schie­ßen ihm wie die Blitze vor seinen Augen durch den Kopf. Fast wäre er auf ein Pferdefuhrwerk aufge­fahren!

Weiter! Nichts geht mehr … nichts …

Ein Stein donnert gegen die Windschutzscheibe. Das Glas hält stand, splittert nicht; ein Wegweiser rast vor­bei …

Wohin?? Es ist einerlei. Die Kugel tanzt im Kreise, Scheiben drehen sich … achtundzwanzig, achtund­zwanzig! Und dann wieder die samtweiche Stimme: Hyvää päivää! Wo ist die Zeit?

Die Achsen ächzen auf immer raueren Straßen. Halt! Links und rechts der Straße drohen Felsen, hoc­ken lauernd, als wollten sie gleich zusammen­schlagen. Die Symplegaden des Nordens? Skylla und Charib­dis hier?? Sie werden stehenbleiben, nicht zu­sam­men­schlagen wie die Symplegaden. Hindurch! Hier be­ginnt das Land, das dich anzog wie ein gewal­tiger Magnet – das dich nicht mehr loslässt …

Sein Herz stockt: Hier ist die Erde, wo er im Krieg um sein Leben bangte … das nun zerrissene Land.

Gespenstern gleich rasen „Symplegaden“ neben ihm her, drohen: wenn du nur Vergnügen suchst, Erle­ben für dein Skizzenbuch, so kehre schleunigst um … kehr um …, scheinen sie ihm warnend zuzurufen.

Aber die Felsen schlagen nicht zusammen, wie im Thea­ter, schrammen nicht das Schiff. Sie bleiben stumm und unbeweglich, doch sie lassen den Fliehenden, der sich sucht, nicht mehr zurück. Die Felsen ver­letzen nicht die Haut – sie treffen das Herz, noch eh es bemerkt, welch ein Land ihm hier Will­­kommen bietet …

Die Verwandlung geschieht plötzlich: Blauer Him­mel spannt ein leuchtendes Zelt, kleine Wolken­berge zie­hen wie weiße Schiffe darunter hin, die Sonne blendet ihn und verwischt einen Moment lang den Blick. Dann – so weit das Auge reicht – da und dort, nahe der Stra­ße, große Flächen ruhiger Seen, grüner Wiesen, ge­säumt von dunkel­blau schimmern­den Wäl­dern, einge­schlossen von Granitbergen, die eine Ur­gewalt hierher gewälzt hat.

Er verlangsamt sein Tempo, möchte verwei­len. Der Rei­se haftet noch der lastende Schmutz an, von heute und von gestern, von Jahren vielleicht!

Er lässt den Wagen an der nächsten Tankstelle weit draußen waschen. Er betrachtet das freundliche Land aus Wasser, Wald und Fels, betrachtet die kauernden Rinder auf den Weiden, und die Find­linge, die eine Riesenhand darüber hingestreut hat.

Wo bin ich?, fragt er sich. Warum schweigen die Fel­sen und lassen den Ruhe­losen hindurch? Wie lange sind sie schon da und welches Eis schob sie her? Geo­logen wissen wohl Erklä­rungen, beweisen den Ur­sprung des wahllosen Herum­liegens der gra­nitenen Brocken. Es gibt Ab­hand­lungen, die den Stei­­nen ge­lehr­­te Sprache und eine Art Leben zu­sprechen. Aber die Felsen erschweren den Men­schen ihre Arbeit: sie müssen um sie herum säen, pflügen und ernten ...

Eine Engelslaune versteckt sich hinter jedem ein­zelnen dieser stummen, harten Zeugen, denkt er sich, und die Engelslaune mochte den großen, alten und unbe­kann­ten Herrn da oben auch veranlasst haben, diesen Men­schen hier – wie ihren Brüdern in den hohen Gebirgen überall – eine Tugend zu ver­leihen, die Heimweh er­zeugt und zur Heimkehr zwingt.

Hier liegen mehr als nur zwan­zigtausend Steine, acht­undzwanzigtausend wo­mög­lich … Kreuze … Massen­anfall … Nicht nachdenken!

Er erschrickt, weil ihn jemand anspricht:

„Anteeksi, Auto ist fertig“, sagt ein Mann im grauen Kittel und deutet auf den Wagen.

Aha, das Auto. Er zahlt und verlässt den Ort mit „Näkemiin“ … Auf Wiedersehen!

Die Weiterfahrt kommt ihm vor, als würde er ge­fahren und dächte über etwas nach, das es nicht gibt. Musik begleitet ihn und ihm ist, als spielten zwei Orches­ter:

Das eine in Moll – Largo maestoso: weit ausladend, sehnend, baut eine Spannung auf, die nach Entla­dung drängt, lässt erfüllte Wünsche unerfüllt. Immer tiefer dringt diese Musik in ihn ein, wühlt auf und besänftigt zugleich, verheißt unsagbar Schö­nes und beruhigt sei­ne aufgewühlte Seele.

Das andere Orchester spielt hartes Dur – Presto furi­oso: Stürme wüten über ihm, Hörner jaulen aus bro­delnden Tiefen ihre Töne in Fugen und Klüfte aus felsigem Urgrund, schrill fahren die krat­zenden Strei­cher dazwi­schen, heftige Tanzrhyth­men machen sich breit, der Donner des Schlagwerks trium­phiert – rau­schen­de Was­ser, wogende Felder satter Spätsom­mer klingen hinein …

Moll und Dur, Largo und Prestissimo – und doch kein Inferno, keine Dissonanz. Harmonie von sel­tsamer Schön­­heit, Zwiespalt der Rhythmen: Ein­­klang und Ein­­­stimmung in ein ersehntes, unbe­kanntes und doch so vertrautes Land.

Die zwei Felsen von vorhin werden deine Rückkehr nicht hindern, lassen das Auto hindurch. Aber du bleibst hier, sagt seine innere Stimme; kannst dir nicht entfliehen, auch wenn dein Körper davonzurennen ver­sucht. Du bleibst in diesem Land, wirst Stein wie diese Granite hier, und Wasser umspült dich … um­spült euch … euch??

Das Land löst keine Jubelstürme aus. Man durch­fährt es nicht trunken vor Begeisterung; es stimmt nicht schwer­mütig und nicht himmelhoch jauch­zend – aber es befreit!

Immer enger windet sich die Straße, niedrige Buckel ver­sperren die Aussicht auf das Weiter – hinter ihnen, steil abwärts führende, nie vorausgeahnte Kehren.

Irgendwo muss dieser Weg doch einmal ein Ende haben, muss abreißen oder hinunter stürzen in einen Abgrund aus Wald oder Wasser, denkt er sich.

Der Name auf einem unerhofften Wegweiser sagt ihm nichts. Von der sich windenden Straße deutet er auf einen schnurgeraden Pfad, der hineinführt in einen nahezu vertrockneten Föhrenwald. Was dahin­ter ist, bleibt hier verborgen. Die Nadel auf dem Kompass zeigt, dass dieser Waldweg genau nach Norden führt.

Die Felsen sind vergessen und auch der verlasse­ne Tanzboden, den er vorhin im Vorbeifahren sah, die Bauernhäuser – ärmliche, graue Holzhütten –, die tief­dunkelbraunen Rinder auf den kargen Wei­den; ver­ges­sen auch die Menschen, die dann und wann auf Rädern des Weges kamen: ihre Gesichter von Runzeln durchfurcht, die Haut wie Leder. Sind die Frauen hier alle so alt? Und irgendwann ein Bus, der eine große Staubwolke hinter sich ließ … auf dieser sandigen Schotterstraße!

Er folgt dem Wegweiser mit dem nichts­sa­genden Wort, fährt die schnurgerade, sandige Spur durch den Wald weiter. Und plötzlich – wie ein harter Schnitt in einem Filmstreifen – wandelt sich erneut das Bild: Vor ihm weitet sich ein azurblauer See! Er fährt auf ihn zu, an ihm entlang …

Wohin?? Wer fährt schon nirgend­wohin – in sich hinein, in die eigene Einsamkeit, die er noch gar nicht kennt? In das Land, wo Dur und Moll, Presto und Largo Harmonie geworden sind, die Takte sich nicht töten, sondern Glück schlagen wollen, Frieden ver­heißen …

Nirgendwohin???

Lossi

Die Straße endet an einer steinernen Pforte. Hier hatte man einen Felsriesen gespalten, um hinunter zum Ufer des Sees zu gelangen. Sie ist in den Fels einge­graben und führt zur Anlegestelle ei­ner Fäh­re. Wer hinüber oder herüber will, benutzt die Fähre. Das Gefährt gleicht einem gewaltigen Floß, sechs Wagen finden auf ihm Platz, je drei hinter­einander. In der Mitte befindet sich seitlich ein kleines Häuschen, von hier aus bedient der Fähr­mann den tuckernden Motor. Ein Stahlseil hebt sich aus dem Wasser, grässlich quietschend zieht es sei­ne Last hinüber – herüber.

Es gibt den alten und den jungen Lossi. Der junge – immerhin auch ein Mann im besten Alter und Teil­nehmer an beiden Kriegen – fährt einmal im Monat in die Stadt. Sonst versieht er seinen Dienst, winkt die warten­den Wagen ein, gibt ein Hand­zeichen zum Halt – wenn nichts mehr geht – und lässt den Schlag­baum herunter, damit keiner den Wagen ins Was­ser lenke.

Der alte Lossi ist nur noch selten auf der Fähre.

Kälte und Hitze, Regen und harte Winde, klir­ren­der Frost und Staub haben die Gesichter der beiden Männer geprägt. Beim alten Lossi kann keiner recht sagen, wie lange er seinen Dienst schon versieht. Er ist zu einem Symbol geworden. Er spricht nur we­nig und dankt mit einem kaum wahrnehmbaren Kopf­nicken, wenn man ihn grüßt. Man könnte ihn für verbittert halten, für unzu­gänglich, solange man nicht in seine Augen blickt. Nicht allzu groß, funkeln sie hell und lebhaft, nehmen alles wahr, was um ihn herum geschieht, und offen­baren ein ver­schmitztes Lächeln. Man fühlt sich geborgen bei dem Alten – und geehrt, wenn er die Mechanik bedient. In sei­ner Heimat gilt er als Symbol für Kraft und Härte, Aus­dauer und Duldsamkeit. Alle in der Gegend kennen sei­nen Kummer, ohne dass er ihn je klagte: Er musste in den Kriegen auf sei­nem Posten ausharren. Man erklärte ihm, wie wichtig dies sei. Er nahm es zur Kenntnis, aber seine Selbstzweifel blieben.

Was tu ich schon für meine Heimat?, fragte er sich im-mer wieder. Lieber wäre es ihm gewesen, mit der Waffe in der Hand den Eindringlingen zu wehren, besonders, als der Feind immer näher rückte und er unerschrocken auf seinem Posten verharren musste … weil es so be­fohlen war.

Der Sohn ist das Ebenbild des Vaters. Er ist ver­schlossen wie er und ebenso zäh. Und doch ist er anders. Seine Augen wirken wie von einem Schleier bedeckt, wenn sein Blick die Passagiere streift oder über den See hin­gleitet, als ob er träumte …

Der Sohn heißt Pekka. Im Winterkrieg kämpfte er bei Kuusamo, im Fortsetzungskrieg weiter südlich. Viele ken­­nen ihn und rühmen seine Widerstands­kraft ebenso wie seinen Opfermut, den er vielfältig bewies.

Lass den Bären nur kommen, sagte er oft. Er wird uns in hundert Jahren nicht vernichten. Ich bin nicht der einzige Pekka – überall stehen Pekka und Pekka und Pekka; in den Wäldern und Sümpfen, mit dem Puukko in der Hand … lauernd.

Lass den Bären nur herein, sagte er. Er kennt die Pekkas noch lange nicht, er kennt nicht die Sümpfe und Laby­rinthe. Unsere Wurzeln wachsen besser, wenn sie das Blut des Feindes trinken.