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Ein Spaziergänger entdeckt den merkwürdig verkrümmten Körper eines toten, jungen Afrikaners im botanischen Garten. Die Polizei findet keine Spuren und der Gerichtsmediziner steht vor einem Rätsel. Nur eine Kleinigkeit stört Doktor Bildermann. Hauptkommissar Friedrich von Coes erfährt aus der Zeitung, was geschehen ist, doch der Fund Dr. Bildermanns stimmt ihn nachdenklich. Die Suche nach der Identität des Toten gestaltet sich schwierig, bald zeichnen sich Verbindungen zu kriminellen Gruppen im westlichen Afrika ab. In der afrikanischen Community an Münsters Universität kursieren Gerüchte um einen angeblichen „Féticheur“, einen Zauberer. Das Team um Hauptkommissar Friedrich von Coes beginnt in einem Geflecht aus afrikanischen Mythen, einem unheimlichen Mörder und einem blutigen, finanziellen Hintergrund zu ermitteln.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Arno Kerr
Karger Schatten
Friedrich von Coes vierter Fall
Für D., die auch in den Tiefen Afrikas nie fehlt.
t.
Lektorat: Ulrike Parnow
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar
1. Auflage
Dr. Glaw Verlag + Lubahn GbR – Mediathoughts
Copyright 2023 Dr. Glaw + Lubahn Verlag GbR – Mediathoughts
Druck und Bindung: scandinavianbooks.de
Printed in Germany
ISBN: 978-3-947724-28-4
Buundu si te kaare.
Ein schwimmender Baumstamm wird nie ein Krokodil sein.
Samstag, 9. Oktober
Es traf ihn unvorbereitet. Alfons Stutenkamp war Apotheker, seit über vierzig Jahren. Und genauso lang verließ er sein Haus werktags um sieben Uhr, um sich auf den kurzen Weg zu seiner Apotheke zu machen.
Für Mitte Oktober war es recht warm und schien ein schöner Tag zu werden. Er nahm gerne den Weg durch den Schlosspark und den alten Überwasserfriedhof, um dem Verkehrslärm zu entgehen. Wie an jedem Samstagmorgen seit dem Semesterbeginn fielen ihm die zahlreichen leeren Flaschen auf, die neben Parkbänken standen oder auf den Wiesen lagen. Er schüttelte kaum merklich den Kopf. Er verstand die Jugend nicht mehr. Man hatte sich während seiner Studententage durchaus mal die Kante gegeben, aber man tat es gesittet und hinter verschlossenen Türen.
Als er um die Biegung des Fußwegs kam, sah er über dem Grabmal des Generalleutnants Roth von Schrecken-stein eine Gestalt hängen. ›Verdammte Saufköpfe‹, dachte sich Stutenkamp und überquerte die Wiese zu dem, seiner Meinung nach, volltrunkenen Mann. Er rüttelte ihn an der Schulter und rief: »He, aufwachen!« Der junge Mann jedoch rührte sich nicht.
Der Apotheker ging um den Grabstein herum und sah, dass es sich um einen jungen Afrikaner handelte, der mit weit aufgerissenen Augen auf der Statue des Generalleutnants lag. Der vermeintlich Betrunkene war tot, und Stutenkamp wählte die 112 auf seinem Handy.
Einige Minuten später rollte langsam ein Streifenwagen mit blitzendem Blaulicht auf ihn zu, kurz darauf kamen ein Rettungswagen, der Notarzt und ein Beamter der Parkverwaltung, der besorgt auf die umgefahrenen Büsche blickte.
Der Notarzt bestätigte die Diagnose von Apotheker Stutenkamp, woraufhin der Streifenführer der Polizei den Kriminaldauerdienst verständigte und alle Anwesenden bat, von dem Grabmal zurückzutreten, da es sich möglicherweise um einen Tatort handele.
Während der Rettungswagen langsam zum Parkausgang fuhr, hielt ein Zivilfahrzeug neben dem Fundort der Leiche, dem zwei Kriminalbeamtinnen entstiegen.
»Morgen, zusammen. Womit haben wir es denn zu tun?« Kriminalobermeisterin Johanna Wilkens schaute den jungen Notarzt an, der ungeduldig wippend an seinem Wagen stand.
»Ich hatte zuerst den Verdacht einer Alkoholvergiftung, es könnte jedoch auch andere Gründe geben. Schauen Sie mal.« Er ging zwei Schritte auf das Grabmal zu, aber die Kriminalbeamtin ergriff seine Schulter.
»Wenn das ein Tatort ist, brauchen wir erst die KTU.«
»Sehen Sie sich doch um«, meinte der Arzt. »Alle sind hier schon herumgetrampelt. Glauben Sie ernsthaft, dass Sie da noch verwertbare Spuren finden? Ich möchte Ihnen etwas zeigen.«
Sie gingen zu der Leiche, die über dem Sarkophag lag. Der Arzt deutete auf die weit aufgerissenen Augen des jungen Mannes. »Verstehen Sie, was ich meine? Das passt nicht.«
»Haben Sie eine Vorstellung, wie lange er da liegt?«
»Ich bin kein Pathologe, ich denke vier bis fünf Stunden. Das kann Ihnen der Kollege aus der Rechtsmedizin genauer sagen.«
Die Kriminalbeamtin nickte. »Ich sage besser im Präsidium Bescheid, dass wir hier den kompletten Auftrieb brauchen.«
Als sie zum Streifenwagen zurückging, sprach sie Herr Stutenkamp an. »Ich habe den jungen Mann zwar gefunden, aber ich muss langsam zu meiner Apotheke. Es kommen in der Früh viele Leute, die ihre bestellten Medikamente abholen wollen.«
»Haben Sie ihn so vorgefunden, wie er da liegt?«
»Ja, ich dachte, es wäre wieder so ein Saufkopf. Die liegen morgens ab und an auf den Parkbänken.«
»Wir müssen auf alle Fälle ein Protokoll aufnehmen. Wie lange sind Sie denn in Ihrer Apotheke?«
»Wir schließen heute um 13 Uhr.«
»Wir schicken Ihnen jemand vorbei. Haben Sie eine Visitenkarte?«
Er holte sein Portemonnaie auf der Hosentasche und reichte ihr eine.
»Alles gut, Herr ...«, sie blickte auf die Karte, »Stutenkamp. Warten Sie bitte dort, bis unser Beamter Sie aufgesucht hat.« Sie reichte ihm ihre Karte. »Wenn es ein Problem gibt, rufen Sie mich an.«
Anschließend sprach sie mit dem Präsidium, nahm das rot-weiße Trassierband aus dem Wagen und begann gemeinsam mit ihrer Kollegin den Tatort abzusperren.
Montag
Kriminalhauptkommissar Friedrich von Coes rekelte sich kurz nach sieben im Bett. Es war ein ruhiges Wochenende gewesen. Er hatte mit seiner Tochter Annemarie den Wochenmarkt besucht, sie hatten Samstagabend zusammen Pizza gegessen und den Sonntag zuhause vertrödelt. Der Sommer war lang und heiß gewesen, der letzte große Fall hatte die Gemüter in Münster erhitzt. Er war froh um die Routine, die im Moment ihren Tagesablauf bestimmte.
In der Küche hörte er Annemarie, zog sich den alten Bademantel an und verschwand im Badezimmer. Als er frisch rasiert und geduscht die Küche betrat, saß seine Tochter am Frühstückstisch und blätterte in den Westfälischen Nachrichten, die sie sonst eher mit Verachtung strafte. Er nahm sich eine Tasse Kaffee, setzte sich ihr gegenüber und goss Milch über das Müsli, das sie für ihn zubereitet hatte.
»Du liest das Käseblatt?«, fragte er grinsend.
»Man sollte Lokalnachrichten nicht unterschätzen, Paps. Feuilleton werden sie nie zusammenbringen, dafür blickt man in Münster eher in die FAZ.«
»Und was entnimmst du unserem lokalen Presseorgan?«
»Eine merkwürdige Leiche auf dem alten Überwasserfriedhof.«
»Ehrlich?«
Sie reichte ihm die Zeitung. Er las schnell über den kurzen Artikel. »Sollte mich das interessieren?«
»Wer weiß«, murmelte Annemarie kryptisch mit vollem Mund.
Eine Dreiviertelstunde später saß Friedrich auf seinem altersschwachen Stuhl im Polizeipräsidium Münster und sah die Meldungen des Kriminaldauerdienstes, im Präsidium KDD genannt, vom Wochenende durch. Als er die Protokolle zu dem Leichenfund im Schlosspark las, öffnete sich die Tür und seine junge Kollegin, Kommissarin Hannah Wolkenstein, betrat ihr gemeinsamen Büro.
Er mochte Hannah sehr, vielleicht zu sehr, aber in den letzten zwei Monaten waren sie einander aus dem Weg gegangen. Er wusste, dass seine Tochter sich mit Hannah getroffen hatte, aber er hatte nie gewagt zu fragen, worüber sie gesprochen hatten. Sie schien nach wie vor den Tod Adam Dawns in ihrem letzten großen Fall nicht verwunden zu haben.
»Guten Morgen, Friedrich«.
Als er antworten wollte, läutete sein Telefon.
»Coes.«
»Guten Morgen, Herr von Coes.«
»Morgen, Herr Doktor.«
Doktor Marcus Bildermann war Leiter der Rechtsmedizin und ein solch früher Anruf von ihm eher selten.
»Haben Sie schon die Berichte vom Wochenende gelesen?«
»Ich bin gerade dabei.«
»Lesen Sie den über den Leichenfund auf dem alten Überwasserfriedhof und dann kommen Sie auf eine Tasse Kaffee vorbei.«
Bildermann hatte aufgelegt.
Erst Annemarie, jetzt Bildermann, dachte sich Friedrich.
»Wer war das denn?«, wollte Hannah wissen.
»Bildermann möchte mich gerne sehen. Außerdem soll ich mir vorher einen Bericht ansehen.«
»Den über die Leiche auf dem alten Überwasserfriedhof?«
Friedrich sah sie schräg von unten an. »Du auch noch?«
»Wie meinst du das?«
»Anne beim Frühstück, Bildermann per Telefon und jetzt du. Warum?«
»Der Artikel in den Westfälischen Nachrichten klang merkwürdig.«
Friedrich kratzte sich hinter dem Ohr und blickte auf den leeren Stuhl ihm gegenüber. Sein alter Partner Dirk Grimm war diese Woche nicht im Dienst. Er hatte sich beim Fußballspiel in einer der Altherrenmannschaften von Preußen Münster einen Kreuzbandriss zugezogen und wurde heute operiert.
»Was fandest du denn merkwürdig?«
»Du hast doch den Artikel gelesen, oder? Die aufgerissenen Augen. Die Platzierung der Leiche. Was sagt denn der Bericht?«
Friedrich wandte sich wieder den Papieren vor ihm zu, während Hannah das Dokument nach wenigen Sekunden auf dem Bildschirm vor sich hatte.
»Warum lässt du dir immer noch die Berichte vom KDD auf Papier kommen?«, fragte sie.
»Weil ich da leichter Anmerkungen mit Bleistift machen kann«, knurrte er und blickte auf seine Armbanduhr, nachdem er fertig gelesen hatte. Kurz nach neun. Da sich Petersen, der seit Neuestem zum Kriminaloberrat avanciert war, noch nicht gemeldet hatte, ging Friedrich davon aus, dass es für sein Team im Moment nur Routinearbeit anstand. Vielleicht war ein Kaffee in der Rechtsmedizin keine schlechte Idee.
»Lust auf einen Kaffee bei Bildermann?«
»Hat er uns beide eingeladen?«
»Er hat mich gebeten, vorbeizuschauen, und ich gehe ungern allein spazieren.«
Ein Lächeln umspielte ihren Mund. »Nichts vom großen Chef?«
Er schüttelte den Kopf. »Und? Kommst du mit?«
Sie nickte.
Als sie das Präsidium verlassen hatten und er sich anschickte, die Straße zu überqueren, zog sie ihn am Ärmel. »Sollen wir nicht den Ring entlanglaufen?«
Er sah sie schelmisch an. »Ich dachte, wir könnten einen ruhigeren Weg wählen, einen besseren Kaffee als bei Bildermann trinken und einen Blick auf den Fundort der merkwürdigen Leiche werfen.«
Ihre Hand blieb in seiner Armbeuge.
Sie liefen schweigend die Finkenstraße hinunter und tranken bei ›Herrn Hase‹ einen Kaffee. Nachdem sie gezahlt hatten und in Richtung Schloss gingen, ergriff Friedrich vorsichtig ihre Hand.
»Keine Angst, dass uns jemand sieht?«, fragte Hannah neckend.
»Das ist mir im Moment egal«, antwortete Friedrich. »Ich bin froh, dass ich dich wieder berühren darf.«
Sie sah ihn an. »Danke, dass du mir Zeit gelassen hast«, sagte sie und nahm seine Hand fester, »damit und mit vielem anderen.«
Als sie den Park betraten, sahen sie von weitem, dass einige Blumengebinde am Grabmal des preußischen Generalleutnants Roth von Schreckenstein lagen.
»Sag mal«, meinte Friedrich, »stand in der Onlineversion ein Hinweis auf die Identität des Toten?«
Hannah schüttelte den Kopf. »Die Ermittlungen laufen. Keine Ahnung, wer den Fall hat, aber die werden vermutlich zuerst die Flüchtlingsunterkünfte abklappern.«
Beim Näherkommen sahen sie, dass neben den Blumen zwei brennende Friedhofskerzen standen.
»Irgendjemand scheint ihn zu vermissen«, murmelte Friedrich.
»Ist es nicht schlimm genug, dass jemand so sterben musste?«, sagte eine Stimme hinter ihnen.
Als Friedrich sich umdrehte, erblickte er eine ältere Frau, die einen kleinen Blumenstrauß in der Hand hielt.
»Kannten Sie den jungen Mann?«
»Nein, aber wahrscheinlich haben wir jetzt auch in Münster Gewalt gegen Flüchtlinge. Dass ich das noch erleben muss!«
»Wir wissen nicht, ob es ein Asylbewerber oder ein ausländischer Student war.«
»Und wer ist wir?«, fragte die Dame.
»Mein Name ist von Coes, Kriminalpolizei. Das ist die Kollegin Wolkenstein.«
»Na, wenigstens kümmern Sie sich. Das ist beruhigend.« Sie legte ihre Blumen nieder und wandte sich zum Gehen. »Aber seit wann hält man bei der Kripo auf Streife Händchen?« Damit verschwand sie mit energischen Schritten Richtung Parkausgang.
Hannah lachte verhalten. »Ich hatte dich gewarnt. In Münster ist man nie vor den Augen einer wachen Öffentlichkeit sicher.«
Ein junger Mann kam den Weg entlang und hielt eine rote Kerze in der Hand. Als er an dem Grab des alten Soldaten stand, wandte er sich unsicher an Hannah. »War es hier?«
»Sie meinen, ob man die Leiche des jungen Mannes hier gefunden hat?«
Der junge Farbige nickte.
»Ja.«
Er nahm ein Feuerzeug aus der Jackentasche, zündete die Kerze an und stellte sie neben die zwei anderen. »Es ist furchtbar.«
Friedrich sah in an.
»Dieser Rassismus ist furchtbar. Man ist seines Lebens nicht mehr sicher.«
»Glauben Sie denn, dass sein Tod einen rassistischen Hintergrund hat?«, fragte Hannah.
»Was soll es denn sonst sein!« Er würdigte sie keines weiteren Blickes und kehrte auf demselben Weg zurück, den er gekommen war.
»Das kann unangenehm werden«, ließ sich Friedrich vernehmen.
»Wir sollten zu Bildermann«, antwortete Hannah. »Ich bin gespannt, was er für uns hat.«
Fünfzehn Minuten später liefen sie die Treppen zu Doktor Bildermanns Reich hinunter. Er saß hinter seinem Schreibtisch, sah sie lange an und meinte dann: »Sie sind spät, Herr von Coes.«
»Der Montag war voll von Überraschungen, lieber Herr Doktor«, antwortete Hannah an seiner Stelle.
»Was haben Sie denn für uns?«, fügte Friedrich hinzu.
»Einen merkwürdigen Toten.«
Doktor Bildermann ging nach nebenan und deckte die Leiche eines jungen Farbigen auf einem seiner stählernen Tische auf.
»Eine erste Einschätzung, Frau Wolkenstein?«
Hannah war überrascht, aber sie nahm die angebotenen Latexhandschuhe und wandte sich dem bereits obduzierten Körper zu. Sie befühlte seinen Kopf, die Arme, zog das Tuch ein wenig weiter vom Körper und betastete seine Oberschenkel. Friedrich stand daneben und beobachtete fasziniert, wie sie agierte.
»Jung«, meinte sie dann, »und fit. Blutalkohol?«
»Null Promille«, antwortete Doktor Bildermann.
»Multiorganversagen?«
»Keine Anzeichen.«
»Haben Sie ein Kernspin vom Schädel?«
Bildermann lächelte. »Wissen Sie, Sie sollten öfter hier vorbeischauen, Frau Wolkenstein. Vielleicht kann ich Sie zu einer neuen Karriere motivieren.«
»Würdet ihr beide mir verraten, worum es hier geht?«, ließ sich Friedrich etwas ungehalten vernehmen.
»Es heißt, dass Doktor Bildermann keine Ahnung hat, woran der junge Mann gestorben ist.«
»Stimmt das, Herr Doktor?«
Bildermann hatte die Arme ineinander verschlungen. »Ihre bemerkenswerte Kollegin hat Recht. Wir stehen vor einem Rätsel. Der Tote war fit, er hat mit Sicherheit regelmäßig Sport getrieben, hat keine Drogen und keinen Alkohol im Übermaß zu sich genommen. Er ist einfach gestorben. Wenn Sie mir die Bemerkung erlauben: Das hatte der liebe Gott so nicht vorgesehen.«
Friedrich sah ihn an, wusste aber nicht, was er sagen sollte.
»Auf den Aufnahmen des Schädelkernspins fiel mir etwas am Gebiss des Toten auf. Ich habe mir einen seiner Backenzähne genauer angesehen. Dabei bemerkte ich, dass sie zwei temporäre Füllungen enthielten, was ungewöhnlich für einen jungen Mann mit ansonsten exzellentem Zahnstand ist. In einem der Zähne fand ich unter der Füllung das.«
Er holte ein kleines, verschlossenes Glasgefäß hervor und reichte es Friedrich. Der nahm es und betrachtete es skeptisch.
»Darf ich?«, meinte Hannah, und sah sich das kleine Etwas in dem Glas mit zusammengekniffenen Augen an. »Hätten Sie eine Lupe, Herr Doktor?«
Bildermann gab sie ihr lächelnd. »Und?«, fragte er kurz darauf.
Hannah stellte das Glas auf den Metalltisch und blickte Doktor Bildermann an. »Das ist ein Rohdiamant, schönes Format, mindestens 5 Karat.«
»Verblüffend«, meinte Bildermann. »Passen Sie auf, lieber Herr Kommissar, sonst ist die junge Dame hier binnen kürzester Zeit Ihre Vorgesetzte.«
Friedrich kam sich vor wie ein Schüler, der in der letzten Stunde gefehlt hatte.
»Ich glaube, ihr zwei habt jetzt genug Spaß gehabt«, sagte er trocken. »Ich hätte gerne ein paar Informationen, die für die polizeiliche Ermittlungsarbeit nützlich sind. Bitte vergesst nicht, dass Zeit stets eine Rolle spielt.« Er konnte durchaus unterkühlt wirken, wenn er wollte.
Doktor Bildermann sah ihn irritiert, Hannah eher erstaunt an. Sie berührte ihn kurz am Arm. »Friedrich, das sieht nach Diamantenschmuggel aus und das könnte eine Verbindung zur organisierten Kriminalität bedeuten.«
Er sah sie erwartungsvoll an. »Und dieser angeblich unerklärliche Tod?«
»Sie mögen doch schräge Fälle, Herr Kommissar«, warf Doktor Bildermann ein.
»Herr Doktor, ich hätte das Obduktionsergebnis bitte schnellstmöglich schriftlich. Ich weiß nicht, wie Sie das mit dem Diamanten erklären wollen, aber hier sollten wir eine Expertenmeinung einholen.«
»Ich werde einen Fremdkörper erwähnen, Herr von Coes. Der Rest ist dann Ihre Sache.«
Friedrich lächelte. »Ich sehe, wir haben uns verstanden. Vielen Dank, Herr Doktor.«
»Möchten Sie nicht doch einen Kaffee?«
»Ich befürchte, lieber Herr Doktor, wir sollten ins Präsidium zurück. Vielleicht hat der tragische Tod dieses jungen Mannes eine gewisse Brisanz. Vor allen Dingen wüsste ich gerne, wer er ist.«
Als sie die Straße hinuntergingen, fragte Hannah: »Wieso warst du so ekelhaft zu ihm?«
Friedrich ging ein paar Schritte, bevor er antwortete. »Weißt du, ich habe nichts gegen Spiele. Ich habe Jahre lang Schach mit meinem alten Herrn gespielt. Das ändert nichts daran, dass ich nicht gerne mit mir spielen lasse. Bildermann hatte seinen Spaß mit mir«, er zögerte, »möglicherweise sogar mit dir. Seine Aufgabe wäre es gewesen, uns sofort reinen Wein einzuschenken.« Er nahm wieder ihre Hand. »Ich vergeude ungern meine Zeit. Und ich lasse mich noch weniger gerne zum Narren halten.«
»Aber es war doch nur ein Scherz, Fritz.«
»Polizeiarbeit ist kein Scherz, Hannah. Nie. Öfter als wir denken, geht es um Leben und Tod.«
Zurück im Präsidium bat er Hannah, nach weiteren Ergebnissen in diesem Fall zu forschen, während er sich zu Kriminaloberrat Petersen aufmachte. Der zog gerade die Tür seines Büros hinter sich zu und blickte Friedrich mit gerunzelter Stirn an. »Ist es dringend oder können wir später telefonieren?«
»Gibt es neue Erkenntnisse zum Fall dieses Afrikaners, den man auf dem alten Überwasserfriedhof gefunden hat?«
»Nicht dass ich wüsste. Warum interessiert Sie das denn?«
»Ich war heute Morgen in der Pathologie. Es könnte sein, dass da etwas auf uns zukommt. Ich hätte gerne Ihren Segen, tiefer zu graben.«
Petersen sah ihn durchdringend an. »Was hatten Sie in der Pathologie verloren?«
»Doktor Bildermann hatte mich auf einen Kaffee eingeladen.«
»Und nebenbei hat er Ihnen eine Leiche gezeigt.«
»Ich möchte Sie jetzt nicht aufhalten, aber wir sollten darüber ein paar Worte wechseln. Ein farbiger Toter kann sich leicht zu einem medialen Problem entwickeln.«
»Kommen Sie gegen drei vorbei«, er zögerte. »Und bringen Sie mit, was Sie bis dahin aufgetrieben haben.«
Friedrich nickte. Das klang, zumindest in seiner Interpretation, nach dem Segen von oben, den er wollte.
Einige Minuten später stand er hinter Hannah, die auf ihren Bildschirm blickte.
»Irgendetwas Neues zu unserem Toten?«
»Bildermann hat wie versprochen seinen Bericht geschickt, die Todesursache ist nach wie vor ungeklärt. Die Kollegen sagen, es gibt keine Vermisstenmeldung. Der Fall hängt in der Schwebe.«
»Dann sollten wir ihn von jenen Höhen auf den Boden der Tatsachen holen.«
»Heißt das, wir kümmern uns darum?«
»So interpretiere ich Petersens Worte. Außerdem finde ich den Fall, je mehr ich darüber nachdenke, umso interessanter. Woher weißt du so viel über Diamanten?«
Sie rutschte unbehaglich auf ihrem Schreibtischstuhl von rechts nach links und zurück. »Familienbande. Ich habe mal die Sommerferien in Amsterdam verbracht und einiges über diese Steine gelernt.«
Er sah sie erstaunt an. »Ich dachte, dein Vater ist Anwalt.«
»Ich stamme aus einer großen Familie. Neben Anwälten, Ärzten, Philosophen, Gaunern und Betrügern gab es Diamantenschleifer. Ich kann verstehen, dass diese Steine Menschen bewegen und Kriege auslösen. Wer das blaue Feuer einmal erblickt hat, den lässt es kaum mehr los.« Sie berührte einen ihrer Ohrringe mit Daumen und Zeigefinger.
»Sind sie wert, dafür zu töten?«
»Das weiß ich nicht, Friedrich. Ich würde nicht dafür töten, aber die Steine sind klein, wertvoll und selbst in unseren digitalen Zeiten schwer nachzuverfolgen ... Sie sind das ideale Mittel, um Gelder ungesehen von A nach B zu transportieren.«
»Wir sollten versuchen, mehr zu dem jungen Mann herauszufinden. Es gibt doch Datenbanken zu Asylbewerbern.«
»Woher willst du wissen, dass er einer war?«
Er schaute auf die Uhr. »In zwei Stunden muss ich Petersen mehr dazu vorlegen. Was machen wir mit dem Diamanten?«
»Sollen wir mit Gerson sprechen?“
Gerson war der Leiter der KTU. Friedrich griff zum Telefon.
»Sie haben lange nichts mehr von sich hören lassen«, meinte der. »Ich dachte schon, Münster sei endlich so ruhig geworden, wie es immer den Anschein erweckt.«
»Waren Ihre Mannen bei der Leiche auf dem alten Überwasserfriedhof involviert?«
»Ist ja sonst keiner da.«
»Irgendetwas Auffälliges?«
»Es war fast schon auffällig unauffällig.«
»Will heißen?«
»Der junge Mann war einfach tot. Mögliche Spuren waren hoffnungslos zertrampelt.«
»Kennen Sie sich mit Diamanten aus?«
»Warum? Wollen Sie Ihr Schwarzgeld anlegen oder einen Verlobungsring kaufen?«
Friedrich musste schlucken, aber er antwortete: »Weder noch. Ernsthaft.«
»Wir haben einen Mitarbeiter, der eine entsprechende Vorbildung hat, aber wenn Sie ein fachmännisches Gutachten brauchen, müssen Sie den Stein ans LKA schicken.«
»Ist jener Mitarbeiter verfügbar?«
»Normale Dienstzeiten. Was tun Sie denn so geheimnisvoll?«
»Ich komme im Verlauf des Nachmittags vorbei.«
Friedrich hatte aufgelegt und wählte Petersens Nummer.
»Sie sind zu früh«, meinte der.
»Ich kann Ihnen frühestens morgen etwas Brauchbares liefern, aber der Fall klingt nach wie vor interessant und politisch brisant.«
Petersen schien zu überlegen. »Na gut, Sie haben den Fall. Sagen Sie den Kollegen in der Vermisstenstelle Bescheid und informieren Sie mich morgen früh. Die Betonung liegt auf früh.«
Friedrich sah Hannah an. »Lust auf einen Spaziergang?«
»Wo willst du hin?«
»Wir müssen zuerst mit der Vermisstenstelle telefonieren, anschließend sollten wir Asylbewerberunterkünfte und Studentenwohnheime abklappern.«
»Wir sollten da eher telefonieren. Nichts gegen deinen Bewegungsdrang, aber Planung scheint mir hier zielführender.«
Friedrich verbeugte sich ein wenig ironisch auf seinem Stuhl und konnte nicht umhin, ein gewisses Hungergefühl zu verspüren. Kriminalbeamte in den gängigen Fernsehserien hatten keinerlei körperliche Bedürfnisse, im wirklichen Leben war es anders. Zunächst griff er erneut zum Telefon und rief Dr. Bildermann an.
»Haben Sie eine Verwendung für meinen Diamanten gefunden?«, meinte der.
»Zumindest habe ich die Lufthoheit über den Fall gewonnen, Herr Doktor. Darf ich Ihnen jemand von Gersons Mannen vorbeischicken, um den Stein abzuholen?«
»Je schneller ich ihn loswerde, umso besser. Und nichts für ungut, Herr Kommissar.«
»Wir sollten mal wieder ein Bier trinken, lieber Herr Doktor.« Damit legte Friedrich auf und wählte Gersons Nummer erneut.
»Mehr Diamanten?«, meinte der.
»Nein, nur einen. Recht groß, nach Meinung meiner Expertin. Wären Sie so freundlich und würden ihn bei Dr. Bildermann abholen lassen und im Rahmen Ihrer Möglichkeiten einer Prüfung unterziehen? Ich erwarte händeringend ein Resultat.«
»Wenn Ihre poetische Ader durchscheint, wird es meistens gefährlich«, kommentierte Gerson und legte seinerseits auf.
»Ich habe gerade mit der Vermisstenstelle telefoniert«, sagte Hannah. »In der EURODAC-Datenbank befinden sich seine Fingerabdrücke nicht. Wir können also davon ausgehen, dass er weder Asylbewerber noch geduldet noch Staatenloser ist.«
»Das macht es nicht einfacher«, meinte Friedrich und gähnte herzhaft.
»Sollen wir einen Kaffee trinken gehen?«
»Wir sollten lieber bei den Studentenwohnheimen anrufen.«
»Ich habe schon mit dem Studierendenwerk, wie das heute heißt, gesprochen. Die können keine Aussage zu ihren Mietern machen. In zwei Studentenwohnheimen habe ich niemand erreicht, da ist die Verwaltung erst morgen Vormittag wieder erreichbar.«
»Wo sind die Sachen, die man bei ihm gefunden hat?«
»Ich würde mal vermuten, in der Asservatenkammer.«
»Dann lass uns da zuerst vorbeigehen und dann einen Kaffee trinken.«
In der Asservatenkammer ließen sie sich die Kleidung des jungen Mannes und die wenigen Besitztümer, die er bei sich gehabt hatte, zeigen. Hemd, Hose, Anorak, ... alles, sogar die Unterwäsche, waren Markenprodukte.
»Das spricht eher für ein vernünftiges Einkommen«, kommentierte Hannah.
»Oder für gutes Geld aus dunklen Quellen«, mutmaßte Friedrich und leerte einen braunen A5 Umschlag auf den Tisch: Eine Armbanduhr eines japanischen Herstellers, ein kleines goldenes Kreuz an einer ebensolchen Kette, ein Stück Baumrinde, etwas, das wie ein Zahn aussah, und ein einzelner Schlüssel, an dem ein Schlüsselanhänger hing.
Hannah nahm den Schlüssel in die Hand. »Das könnte uns unter Umständen weiterhelfen.«
»Ich weiß nicht, wie viele Häuser und Wohnungen Münster hat, aber zum Probieren sind es zu viele«, antwortete Friedrich.
»Das meine ich nicht«, erwiderte Hannah. »Das hier«, sie hielt den Schlüsselanhänger hoch, »ist meines Erachtens ein elektronischer Schlüssel. Wolltest du nicht sowie bei Gerson vorbeigehen?«
Friedrich sah seinen Kaffee in weite Ferne entschwinden. »Na gut«.
Er steckte die persönlichen Gegenstände zurück in den Umschlag, unterschrieb für den Inhalt und nahm ihn mit.
Zehn Minuten später standen sie in Gersons Büro. Auf seinem Schreibtisch lag auf einem schwarzen Tablett der Diamant, den Dr. Bildermann gefunden hatte.
»Wenn man vom Teufel spricht«, meinte Gerson grinsend. »Der junge Felberer hat ihn sich gerade angeschaut. Er hat ursprünglich Uhrmacher gelernt und bei einem Juwelier gearbeitet. Er hält den Stein für sehr wertvoll.«
»Kann man das beziffern?« »Kann ich mit ihm sprechen?«
Friedrich und Hannah hatten gleichzeitig gesprochen und sahen einander verblüfft an.
»Immer schön der Reihe nach«, meinte Gerson lachend und griff zum Telefon, um Herrn Felberer zu sich zu bitten. »Felberer sprach von einem Betrag zwischen 30.000 und 60.000 Euro.«
»Für das Steinchen?« Friedrich schaute ungläubig. »Und woher kommt das große Preisspektrum?«
»Das kann mit Farbe und Einschlüssen zusammenhängen«, erwiderte Hannah, als ein schlanker, etwa dreißig Jahre alter Mann mit sonnengebräuntem Gesicht das Zimmer betrat. Er maß Hannah mit einem Blick und fragte: »Kennen Sie sich mit Diamanten aus?«
»Nicht wirklich«, antwortete sie. »Ich habe den Stein bei Dr. Bildermann ansehen können und hätte ihn geschliffen auf zwei Karat geschätzt. In dem Preisspektrum, das Sie Herrn Gerson genannt haben, muss es sich Ihrer Meinung nach um eine gute bis sehr gute Qualität handeln.«
»Sie kennen sich aus. Es ist in diesem Zustand, wie Sie vermutlich wissen, nicht einfach zu beurteilen, aber ich denke, wir können von D oder E bei der Farbe ausgehen und ich kann auf den ersten Blick keine Einschlüsse erkennen.«
»Wie kommt dann die große Preisspanne zustande?«, fragte Friedrich.
»Kleinste Einschlüsse beziehungsweise der Unterschied zwischen der Farbe D und E machen in diesem Geschäft Tausende aus. Wenn er geschliffen die Farbe E und kleinste Einschlüsse Stufe 2 besitzt, müssen Sie etwa 30.000 Euro dafür auf den Tisch des Hauses legen. Ist er, was man im Volksmund ›lupenrein‹ nennt, sprich keine Einschlüsse und die Farbe D hat, ist es glatt doppelt so viel.«
»Auf alle Fälle eine gute Wertanlage«, ließ sich Gerson vernehmen.
»Das können Sie laut sagen«, meinte sein Mitarbeiter und fuhr fort: »Den haben Sie bei dem toten Afrikaner entdeckt?«
»Nicht wir«, präzisierte Friedrich, »Doktor Bildermann.«
»Spannend.«
»Warum?«, fragte Hannah.
»Hat er ihn in seinen Gedärmen gefunden?«
»Nein, in einem Zahn.«
»Das wäre meine nächste Frage gewesen.«
»Woher kennen Sie sich denn so gut damit aus?«, wollte jetzt sein Chef wissen.
»Sie wissen ja, dass ich für einen Juwelier gearbeitet habe. Da konnte ich an ein paar Weiterbildungen zu diesem Thema teilnehmen.«
»Zu Diamantenschmuggel?«, fragte Hannah verwundert.
»Mit den berüchtigten Blutdiamanten möchte sich niemand die Finger schmutzig machen. Wir hatten ein Seminar mit Experten vom LKA und der Firma De Beers in Düsseldorf«. Er sah Gerson an. »Da wurde im Übrigen das erste Mal mein Interesse an kriminalistischer Arbeit geweckt.«
Friedrich nickte. »Wir würden den Stein einstweilen gerne bei Ihnen lassen.«
»Mir wäre die Asservatenkammer lieber«, meinte Gerson. »Wenn das gute Stück Beine bekommt ...«
»Gut, dann dort. Und sonst haben Sie nichts an der Leiche gefunden?«
Gerson schüttelte den Kopf. »Sagte ich Ihnen ja schon. Am Fundort der Leiche waren alle möglichen Spuren hoffnungslos ... zertrampelt.«
Als der junge Mann gegangen war, fiel Hannah ein, dass Sie Gerson wegen des Schlüsselanhängers fragen wollte. »Friedrich, gibst du mir bitte den Schlüssel des jungen Mannes?«
Sie zeigte ihn Gerson und fragte: »Das ist doch ein elektronischer Türöffner, oder?« Gerson drehte ihn kurz in der Hand und nickte dann. »Kann man herausfinden, zu welchem Schloss er gehört?«
Gerson wiegte den Kopf hin und her. »Wenn Sie ihn mir dalassen, prüfen wir die Programmierung. Wenn es eine Schlüsselanlage ist, gibt es oft eine Kennung, die man zurückverfolgen kann. Wenn nicht, ist es aussichtslos.«
»Gut, dann prüfen Sie das bitte und sagen uns Bescheid. Das ist im Moment unsere größte Hoffnung, um den Toten zu identifizieren.«
Hannah nahm den Chip vom Schlüsselring, gab ihn Gerson und steckte den Schlüssel zurück in den Umschlag.
Wieder auf der Straße schlug Friedrich vor: »Jetzt besorgen wir uns wirklich einen Kaffee.«
Als sie wieder bei Herrn Hase eintrafen, entdeckte Friedrich nicht nur ein Stück Käsekuchen in der Vitrine, sondern auch seinen Freund Pater Aristide Ateba, der mit einer Frau an einem der Tische saß und einen Cappuccino vor sich stehen hatte. Als der Pater sie bemerkte, breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus und er winkte die beiden zu sich. Hannah zog die Augenbrauen hoch, als sie nähertraten, sagte aber nichts.
»Monsieur le Commissaire«, sagte Pater Aristide, »schön Sie zu sehen. Das ist Frau Scherer, eine Bekannte, die hier im Kreuzviertel wohnt.«
»Hallo Sylvia«, sagte Hannah.
»Ihr kennt euch?«, fragte Friedrich.
»Schon länger, Herr von Coes«, antwortete Frau Scherer. »Ich arbeite in der zweiten Kriminalinspektion.«
»Kennen wir uns?«, fragte Friedrich erstaunt.
»Sie mich vermutlich nicht, aber ich Sie. Sie haben früher Weiterbildungen zu Ermittlungstaktik gehalten, erinnern Sie sich?«
Das war eine ganze Zeit her und er hatte seine Lehrtätigkeit nach dem Tod seiner Frau nicht wieder aufgenommen. Das war eine der vielen Baustellen in seinem Leben.
»Du hast Weiterbildungen gehalten?«, fragte Hannah erstaunt.
»Ja, das ist aber ein Weilchen her.«
Glücklicherweise kam die Kellnerin und fragte nach ihren Wünschen, so war Friedrich dieses Gespräch erst einmal los.
»Haben Sie etwas zu dem jungen Mann herausgefunden, den man Samstagmorgen gefunden hat?«, fragte Pater Aristide.
»Wir haben nichts zu seiner Person, denn er hatte keine Papiere bei sich. Ein Foto von ihm dürfte mittlerweile an die Presse gegangen sein, hoffentlich meldet sich jemand, der ihn kennt.«
»In der EURODAC steht er nicht, oder?«, fragte Sylvia Scherer.
»Nein. Erste Anfragen bei den Studentenwohnheimen waren auch eine Niete.«
»Können Sie mir sein Foto schicken?«, fragte Pater Aristide. »In der Zeitung von heute war keines. Vielleicht kenne ich ihn ja.«
Hannah zog ihr Handy aus der Hosentasche, wischte darauf herum und hielt es dem Pater hin. Der runzelte die Stirn. »Den habe ich schon einmal gesehen.«
»Und wo?«, fragte Friedrich.
»Wahrscheinlich in einem der französischen Gottesdienste, die ich hier ab und zu halte.«
»Versuchen Sie sich zu erinnern«, bat Hannah. »Fällt Ihnen mehr zu ihm ein?«
Pater Aristide nahm ein Amarettino von der Untertasse und steckte es in den Mund.
»Er kam aus Kamerun. Deshalb erinnere ich mich. Aus Yaoundé, da lebt meine Familie. Und er studierte Medizin, wenn ich mich richtig entsinne.«
»Wo er wohnt, wissen Sie nicht?«
»Ich habe ihn nur ein- oder zweimal im Gottesdienst gesehen. Aber viele Medizinstudenten aus Kamerun dürfte es nicht geben. Das finden Sie sicher schnell heraus. Hatte er keinen Ausweis bei sich?«
Friedrich schüttelte den Kopf. »Nein. Nur einen Schlüssel, eine Armbanduhr und eine goldene Kette mit einem Kreuz.«
»Und irgendwelche Glücksbringer«, ergänzte Hannah.
»Dürfte ich die einmal sehen?«
Friedrich sah ihn ein wenig verwundert an, zog aber den Umschlag aus der Jackentasche und leerte den Inhalt auf den Tisch. Pater Aristide betrachtete den Inhalt, wirkte für einen Moment verunsichert, sagte aber dann: »Ja, das sind Amulette. Erstaunt mich bei einem jungen Mann, der ein Kreuz trägt.«
»Ist dieses Zusammenspiel zwischen Naturreligion und christlichem Glauben nicht typisch für Afrika?«, fragte Hannah.
Ihre Kollegin sah sie verdutzt an, der Pater wiegte den Kopf hin und her: »Ja und nein. Auch in Afrika hat sich in den letzten Jahrzehnten einiges geändert.«
Friedrich sah auf seine Uhr. »Was meinst du, Hannah? Sollen wir morgen weiter machen?«
»Können wir. Wir brauchen die Uni, und da erwischen wir jetzt niemand mehr. Wenn Sie etwas hören, Pater, rufen Sie uns bitte an?«
»Selbstverständlich.«
»Ciao, Sylvia«, meinte Hannah zu ihrer Kollegin, Friedrich nickte ihr freundlich zu.
»Damit wären wir zumindest einen Schritt weiter«, sagte sie zu Friedrich, als sie wieder auf der Straße standen.
»Hast du seine Reaktion bemerkt, als er auf den Inhalt des Umschlags geschaut hat?«
Hannah nickte. »Er wirkte ein wenig erschrocken.«
»Hatte sich aber gleich wieder im Griff«, meinte Friedrich.
»Fandest du das nicht merkwürdig?«
»Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Wir können ihn bei Gelegenheit einmal fragen. Was machst du heute Abend?«
Sie lächelte. »Mal schauen. Meine Klarinette hat lange geschwiegen. Vielleicht ist heute der Tag, sie wieder zum Leben zu erwecken.«
»Ich würde dich gerne einmal spielen hören.«
»Ich bin auf der Suche, Friedrich«. Sie lächelte abermals. »Nicht nur nach den richtigen Noten.«
Er blickte sich um und als er niemand Bekanntes in der Nähe sah, nahm er sie kurz in den Arm. »Ich würde mich freuen, wenn deine Suche Erfolg hat.« Er zögerte. »Die letzten Monate ... waren eine Achterbahnfahrt. Ich würde gerne wieder ein altmodisches Karussell fahren.«
»Ein Karussell dreht sich im Kreis, Friedrich. Ich glaube nicht, dass uns das weiterbringt.« Sie gab ihm einen scheuen Kuss auf die Wange. »Bis morgen.«
Nachdem er auf dem Präsidium den Anrufbeantworter geprüft und die Aktenmappe an sich genommen hatte, machte Friedrich sich auf den Heimweg. Als er die drei Stockwerke zu seiner Wohnung in Münsters Kreuzviertel erklommen und die altersschwache Tür geöffnet hatte, die den Kollegen bei der Diebstahlprävention immer einen Schauder über den Rücken laufen ließ, hörte er Annemarie in der Küche hantieren. Der Duft von Tomaten und Basilikum wehte ihm entgegen, als er durch den Korridor ging. Er steckte die Nase durch die Türe und murmelte: »Buona Sera.«
»Buona Sera, Papa. Come stai?«
»Hast du seit neuestem Italienisch als Wahlfach?«
»Nein, aber ein paar Brocken können nie schaden. Was macht der Fall unseres toten Afrikaners?«
Seine Tochter war mindestens so neugierig wie sein Vater, aber nicht so lästig.
»Wir sind nicht viel weiter.«
»Ein verschwendeter Tag?«
»So würde ich das nicht nennen.«
»Setz dich, Paps. Ich habe Spaghetti Con Pulpo gekocht, genau das Richtige nach solch einem Tag.«
Er schüttelte den Kopf, ging in sein Zimmer, um die Lederjacke aufzuhängen sowie die Aktenmappe zu deponieren, und verschwand anschließend im Bad. Als er erneut die Küche betrat, standen eine Schüssel mit Pasta, eine weitere mit Salat, dazu Teller und eine Flasche Rotwein auf dem Tisch. Er goss seiner Tochter und sich ein Glas Wein ein und überließ es ihr, Spaghetti und Salat zu verteilen.
Nachdem sie einige Minuten schweigend gegessen hatten, fragte Annemarie: »Wirklich gar nichts?«
»Du bist schlimmer als Opa«, brummte er.
»Der hat auch schon angerufen.« Friedrich schloss theatralisch die Augen. »Aber ich konnte ihm ja nichts sagen.«
»Das ist gut so.«
Sie schob sich eine weitere Gabel der delikaten Pasta in den Mund und schaute ihn fragend an.
Er betrachtete sie skeptisch und spielte mit seinem Glas. »Wir haben die Identität des jungen Mannes noch nicht geklärt.«
»Und Hannah?«
Er hätte fast die Gabel fallen lassen, fing sich aber. »Ihre Identität kenne ich.«
Annemarie schaute auf ihre Spaghetti und sagte nichts.
»Was den jungen Mann angeht, müssen wir den morgigen Tag abwarten, Anne. Aristide glaubt, ihn erkannt zu haben. Er denkt, es ist ein Medizinstudent aus Kamerun.«
»Und wie kommt Aristide in Spiel?«
»Hannah und ich wollten einen Kaffee trinken und er saß zufällig bei Herrn Hase.«
Annemarie hielt ihren Blick weiterhin gesenkt. »Ach so.«
Friedrich widmete sich wieder den Spaghetti.
»Vertragt ihr euch wieder, du und Hannah?«
Er kaute auf seinen Spaghetti al dente. »Wir haben uns immer vertragen.«
»Vertragen ist nicht vertragen.«
Er legte seine Gabel ab. »Ich weiß nicht, über was ihr sprecht. Ich will es gar nicht wissen, Anne. Hannah und ich ... das ist etwas Besonderes ... Und es ist meins. Verstehst du das?«
Sie wickelte langsam drei Spaghetti auf ihre Gabel und hielt sie für einen Moment über dem Teller. »Ja, das verstehe ich. Ich wüste nur gerne, wo ich stehe.«
Er schob den Teller von sich, schien nicht zu wissen, was er sagen sollte, und rieb sich die Augen. »Anne, du wirst immer meine Tochter sein. Das weißt du. Alles andere überlass bitte mir. Halte dich da raus. Ich muss das allein klären.«
Er stand auf, ging in sein Zimmer und schloss die Tür hinter sich.
Dienstag
Sein Handy klingelte kurz nach sieben.
»Friedrich?«
»Ja.«
»Ich glaube, wir wissen, wer der junge Mann ist.«
»Hannah?«
»Zu früh für dich?«
»Was wissen wir?«
»Ein Kommilitone hat sich gestern spätabends gemeldet. Der Tote heißt Joseph Ngono und hat ein Zimmer in der Wohnanlage an der Bismarckallee.«
»Dann sollten wir uns da umsehen.«
»Soll ich dich abholen?«
»Organisier einen Wagen«, er zögerte einen Moment. »Komm bitte gegen acht vorbei. Danke.«
Er schlug die Bettdecke zurück, setzte seine Füße auf den Holzboden und erhob sich. Das Gefühl, zu alt für seinen Beruf zu sein, beschlich ihn seit längerem, aber heute Morgen besonders stark. Als er den Korridor kreuzte, um das Bad zu betreten, hörte er seine Tochter in der Küche hantieren. Seine Tochter, die er gestern Abend sitzen ließ, weil er nicht in der Lage war, mit ihr über die Frau zu sprechen, die er liebte.
Eine Viertelstunde später saß er ihr frisch rasiert gegenüber und schnupperte an seinem Morgenkaffee.
»Gut geschlafen, Paps?«, ließ sich Annemarie vernehmen, während sie sich auf ihr Müsli zu konzentrieren schien.
»Trotz allem, ja. Es tut mir leid wegen gestern Abend.«
»Ich wollte ...« Annemarie trank mit niedergeschlagenen Augen einen Schluck Tee. »Es tut mir leid.«
»Schon gut. Ich verstehe ...« Ihm blieben die Worte im Hals stecken.
»Gibt es etwas Neues?«
»Hannah hat angerufen. Vielleicht wissen wir, wer der junge Mann ist.«
Sie aßen eine Weile schweigend.
»Sie holt mich gleich ab.«
Annemarie stand auf, stellte ihr Geschirr in die Spüle, drückte ihrem Vater einen Kuss auf die Backe und sagte: »Viel Glück, Paps.«
Zehn Minuten später saß er in einem Dienstwagen mit Hannah am Steuer und fuhr in Richtung Bismarckallee.
»Wie heißt dieser Kommilitone, der unseren Toten erkannt haben will?«
»Mbemba, Michael Mbemba.«
»Was wissen wir über ihn?«
»Er stammt aus Kamerun und studiert hier Medizin mit einem Stipendium.«
»Irgendwelche weiterführende Informationen?«
»Warum klingst du heute Morgen so bürokratisch?«
»Weil ich in zwei Stunden unserem Chef Rede und Antwort stehen muss. Unsere Zeit ist beschränkt, Hannah.«
»Liebst du mich?«
Friedrich schwieg. Er hatte alles erwartet, aber nicht diese Frage. Er blickte auf seine Hände, die gefaltet auf seinem Schoß lagen, und wusste nicht, was er sagen sollte. »Ja«, sagte er widerstrebend. »Ja, ich liebe dich. Aber ich habe keine Ahnung, wie das gehen soll.«
Er sah sie an und nahm ein scheues Lächeln wahr. »Wir haben einen Fall, Hannah. Auf den sollten wir uns konzentrieren. Wo finden wir diesen Herrn Mbemba?«
»Er wohnt im selben Wohnheim wie Joseph Ngono.«
»Dann wollen wir hoffen, dass er zuhause ist.«
Als sie das Wohnheim betraten, fanden sie die Rezeption leer vor. Eine Staubschicht deutete an, dass dort seit Längerem niemand mehr gesessen war. Als sie sich suchend umsahen, kam ein großer blonder Mann auf sie zu und fragte: »Kann ich Ihnen helfen?«.
»Wir suchen die Verwaltung«, antwortete Hannah mit einem Lächeln.
»Die gibt es hier nicht mehr. Das ist alles online.«
»Wie findet man denn hier das Zimmer eines Bewohners?«, wollte Friedrich wissen.
Der große Blonde bedeutete ihnen ihm zu folgen. Kurz darauf standen sie vor einer großen Tafel, auf der alle Bewohner in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt waren.
»Datenschutz?«, fragte Hannah grinsend.
»Das dauert, bis sich das in Münster durchsetzt«, antwortete der junge Mann. »Wen suchen Sie denn?«
Friedrich deutete mit dem Finger auf den Namen Ngono. Hinter dem Namen stand 3-42.
»Heißt das, er wohnt im dritten Stock?«
»Genau«, antwortete der junge Mann. »Wenn Sie mich entschuldigen würden, ich komme ungern zu spät.«
»Ich dachte, der Generation Z wäre das egal«, murmelte Friedrich und erntete dafür einen Rippenstoß von Hannah.
Sie betraten einen altersschwachen Aufzug und suchten im dritten Stock nach dem Apartment mit der Nummer 42. Die Tür war verschlossen und auf ihr Klopfen antwortete niemand.
»War nicht anders zu erwarten«, sagte Hannah. »Was tun wir?«
»Wir probieren den Schlüssel aus«, meinte Friedrich und zog den Umschlag, den sie aus der Asservatenkammer mitgenommen hatten, aus der Innentasche seiner Lederjacke. Er passte nicht.
»Hast du Siegelband dabei?«
»Klar doch.«
»Dann weißt du ja, was wir tun.«
»Und wenn es der falsche Student ist?«
»Wird er sich beschweren. Wir versiegeln diese Tür und suchen den Herrn auf, der ihn erkannt haben will.«
»Herrn Mbemba. Er wohnt auf dem gleichen Stockwerk.«
Friedrich sah sie bewundernd an, sagte aber nichts.
Eine Minute später kamen sie zu dem Apartment mit der Nummer 28 und klopften. Die Tür öffnete sich und vor ihnen stand ein hochgewachsener Afrikaner in schwarzem T-Shirt und Jeans, der sie fragend ansah.
»Mein Name ist von Coes, Hauptkommissar Friedrich von Coes, Kriminalpolizei Münster. Herr Mbemba, Sie haben uns angerufen.«
»Das stimmt, ich denke, ich habe einen Kommilitonen auf einem Bild in der Zeitung erkannt.«
»Sie sprechen ausgezeichnet Deutsch.«
Michael Mbemba sah ihn ein wenig mitleidig an. »Ich studiere hier seit drei Jahren.«
»Dürfen wir kurz hereinkommen?«, fragte Hannah.
»Ich muss um 10 Uhr in der Pathologie sein.«
»Es dauert nicht lange.«
Sie betraten ein perfekt aufgeräumtes Zimmer, an dessen linker Wand sich ein gemachtes Bett befand. Zwei in die Jahre gekommene dunkelbraune Kunstledersessel standen vor einer weißen Metallwand, an der ein Poster von Munchs ›Schrei‹ mit Magneten befestigt war.
Michael Mbemba setzte sich auf einen grauen Schreibtischstuhl, der an der rechten Wand vor einem schmalen Schreibtisch stand, auf dem zahlreiche Bücher wie Zinnsoldaten aufgereiht waren, und deutete auf die zwei Sessel. »Was kann ich für Sie tun?«
Hannah zückte ihr Handy und reichte es Herrn Mbemba. »Werfen Sie bitte einen Blick auf das Bild. Ist das der Mann, den Sie anhand der Zeitung als Joseph Ngono identifiziert haben?«
Der Student nahm das Handy, vergrößerte das Bild mit zwei Fingern, betrachtete es einen Moment und nickte dann. »Ja, das ist Joseph.«
»Woher kennen Sie ihn.«
»Er wohnt hier, links den Korridor runter. Wir studieren zusammen. Er ist zwei Semester unter mir.«
»Wie gut kennen Sie ihn?«
»Warum wollen Sie das wissen?«
»Weil wir nichts über ihn wissen.«
»Wie ist er gestorben?«
»Das wissen wir auch nicht«, beantwortete Friedrich die Frage.
»Aber die Forensik wird doch mittlerweile die Ergebnisse vorgelegt haben!«
»Das stimmt, aber sie können sich den Tod Ihres Kommilitonen nicht erklären.«
»Das müssen Sie mir erklären.«
»Herr Mbemba, wir haben keine Ahnung. Unser Rechtsmediziner konnte keine Todesursache feststellen.«
»Natürlicher Tod?«
»Das ergibt zwar keinen Sinn, aber so sieht es aus.«
Mbemba schüttelte den Kopf. »Das kann ich nicht mir nicht vorstellen.«
»Wir uns auch nicht. Deshalb sind wir hier.«
Er drehte seinen Stuhl zum Fenster. »Wir lernten uns kennen, als er nach Münster kam, vor etwas mehr als zwei Jahren. Wir kamen beide aus Kamerun, sprachen beide Französisch und waren beide katholisch.«
»Stammen Sie aus der gleichen Stadt?«
»Kamerun ist größer als Deutschland«, sagte der junge Mann lächelnd. »Die Antwort auf ihre Frage ist nein, er stammte aus Jaoundé, ich komme aus Bafoussam.«
»Gibt es eine andere Person, die Ihre Identifikation bestätigen könnte?«, fragte Hannah.
»Sicher. Seine Lehrer, andere Kommilitonen.«
»Können Sie uns die Namen geben?«
»Selbstverständlich, nur, wie gesagt, ich muss in die Uni. Ich verpasse nicht gerne ein Seminar.«
»Eine letzte Frage«, meinte Friedrich, »zumindest für den Moment. Wissen Sie, wie und wo wir die Angehörigen benachrichtigen können?«
»Nein. Joseph war da nicht sonderlich offen. Ich bin mir sicher, dass Sie Informationen dazu in seinem Zimmer finden. Wenn Sie Hilfe benötigen, lassen Sie es mich wissen.«
»Danke für das Angebot, Herr Mbemba«, erwiderte Friedrich, »aber wir müssen uns heute noch einmal mit mehr Zeit zusammensetzen. Wann passt es Ihnen?«
»Eigentlich heute gar nicht.«
Hannah sah ihn an. »Einer Ihrer Landsleute ist tot. Möchten Sie uns nicht helfen, diesen Tod aufzuklären?«
»Das war deutlich netter als ›Ich kann Sie auch vorladen lassen‹. Ich bin etwas im Stress im Moment, aber heute Abend nach 17 Uhr können wir uns gerne sehen.«
Friedrich nickte. »Gut, dann kommen Sie bitte um 17 Uhr zur Kriminalpolizei, Herr Mbemba.« Er reichte ihm seine Karte und stand auf. »Danke für Ihre Zeit.«
»Eines noch«, war Hannah ein. »Geben Sie uns bitte Ihre Mobiltelefonnummer, damit wir Sie erreichen können, falls sich etwas Neues ergibt.«
Nachdem Hannah die Nummer notiert und sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, griff Friedrich zum Telefon. Hannah sah ihn fragend an. »Dr. Gerdkamp dürfte sich über einen Anruf freuen.«
Dr. Marius Gerdkamp war Oberstaatsanwalt und hatte die Ermittlungen in ihren letzten Fällen geleitet.
»Herr von Coes«, antwortete der Staatsanwalt, »ich hatte gerade Ihren Chef am Telefon. Sie hätten sich den Toten auf dem Überwasserfriedhof gekrallt und ließen ihn im Dunkeln stehen, meinte er.«
»Das hat er nie im Leben gesagt.«
Der Staatsanwalt lachte. »Zugegeben, das ist meine Interpretation. Was gibt es denn?«
»Wir haben den Toten identifiziert und brauchen einen Durchsuchungsbeschluss für sein Zimmer in einem Studentenwohnheim.«
»Also kein Flüchtling?«
»Nein, ein Medizinstudent im fünften Semester, soweit wir das überblicken. Zudem ein reicher Medizinstudent.«
»Wie meinen Sie das?«
»Dr. Bildermann hat in einem Zahn des Verstorbenen einen Diamanten gefunden, der nach einer ersten Einschätzung zwischen 30.000 und 60.000 Euro wert ist.«
Der Staatsanwalt schwieg einen Moment. »Haben Sie eine Theorie?«
»Nein. Laut Bildermann war es ein natürlicher Tod. Ich traue dem Ganzen nicht.«
»Gut, Sie bekommen Ihren Durchsuchungsbeschluss. Schicken Sie mir eine Mail mit den genauen Daten.«
»Je schneller, desto besser, Herr Dr. Gerdkamp.«
»Ich weiß.«
Hannah tippte bereits auf ihrem Handy.
»Wir sollten herausfinden, wo sich die Hausverwaltung befindet«, meinte Friedrich. In diesem Moment kam Michael Mbemba aus seinem Zimmer gestürmt. »Herr Mbemba!«
»Was denn noch?«
»Wissen Sie, wo sich die Hausverwaltung befindet?«
»Im Stadthaus 3.« Damit drehte er sich um und lief die Treppe hinunter.
»Und jetzt?«, fragte Hannah.
»Du fährst mich zurück ins Präsidium, damit ich unseren werten Chef erleuchten kann. Dann schaust du bei der Staatsanwaltschaft vorbei und treibst anschließend die Verwaltung von diesem Wohnheim im Stadthaus 3 auf. Wenn sie uns den Schlüssel nicht geben, müssen wir die Tür aufbrechen oder Herrn Gersons Spezialistin bemühen.«
Eine Viertelstunde später saß er Kriminaloberrat Petersen gegenüber.
»Ich dachte, ich hatte früh gesagt«, begann der das Gespräch und blickte auf seine Armbanduhr.
»Früher ging nicht, wir mussten den Toten erst identifizieren.«
»Tatsächlich?«
»Er heißt Joseph Ngono, stammt aus Kamerun und studiert in Münster Medizin.«
»Haben Sie mehr zu ihm?«
»Wir haben die Bestätigung erst seit einer Dreiviertelstunde. Frau Wolkenstein holt gerade den Durchsuchungsbeschluss für sein Apartment und ich werde nach unserem Gespräch mit der Ausländerbehörde sprechen.«
»Und was war das in der Pathologie?«
»Dr. Bildermann hat im Backenzahn des Toten einen Diamanten gefunden.«
»Wie bitte?«
»Sie haben richtig gehört. Nach Aussage eines der Mitarbeiter von Herrn Gerson ist er zwischen 30.000 und 60.000 Euro wert.«
Petersen schien es die Sprache verschlagen zu haben. Dann fragte er: »Wann war der junge Mann das letzte Mal in Afrika?«
»Keine Ahnung, das müssen wir noch herausfinden. Warum halten Sie das für wichtig?«
»Es könnte sich um Diamantenschmuggel handeln.«
»Der Gedanke war mir auch gekommen. Das erklärt aber nicht seinen merkwürdigen Tod.«
Petersen sah ihn fragend an.
»Laut Bildermann war es ein natürlicher Tod. Keine Anzeichen äußerlicher Gewalt, kein Gift, kein Schlaganfall, kein plötzlicher Herztod. Ein junger, gesunder, fitter Mann stirbt nicht einfach.«
»Ich kenne Ihre Vorliebe für merkwürdige Fälle, Herr Kollege. Wir brauchen innerhalb von 48 Stunden mehr, sonst leiten wir das Ganze mit dem Verdacht auf organisierte Kriminalität ans LKA weiter.«
Wieder in seinem Büro sprach Friedrich mit dem Ausländeramt, informierte die Beamtin über den Tod von Joseph Ngono und bat um unverzügliche Übersendung aller Unterlagen per Mail. Dann rief er Hannah an.
»Ich habe den Durchsuchungsbeschluss, aber das Büro, das die Studierendenwohnheime verwaltet, ist nur Montag, Mittwoch und Freitag besetzt.«
»Komm ins Präsidium, ich rufe Gerson an.«
»Haben Sie einen neuen Diamanten?«, wollte der wissen.
»Nein, aber ich bräuchte die junge Dame mit den goldenen Händen.«
Gerson schwieg verblüfft.
»Ich glaube, sie hieß Anjuschka.«
»Wenn Sie sich an ihren Namen erinnern, muss sie Sie beeindruckt haben.«
»Das hat sie.« Anjuschka Below war eine Kriminaltechnikerin, die ihnen in früheren Fällen manche Tür geöffnet hatte. »Ist sie verfügbar?«
»Wann brauchen Sie sie denn?«
»Mehr oder weniger gleich.«
»Und wo soll sie hinkommen?
»Wir holen sie ab.«
»Na, dann schwingen Sie Ihre müden Knochen her.« Gerson hatte aufgelegt, bevor Friedrich auf diese Unverschämtheit eine passende Antwort eingefallen war.
Kurz vor zwölf saß die junge Frau in ihrem Dienstwagen und sie fuhren gemeinsam zurück ins Studierendenwohnheim.
»Was darf ich denn dieses Mal für Sie öffnen? Steigen wir wieder in den Untergrund?«
Bei ihrem letzten Einsatz war ihnen die Kriminaltechnikerin beim Auffinden eines jungen Mannes im Zwinger von Münster behilflich gewesen.
»Heute wird es bedeutend einfacher. Sie müssen uns nur die Tür eines Studentenapartments öffnen.«
»Konnten Sie da keinen Schlüssel auftreiben?«
»Die Öffnungszeiten der Verwaltung sind nicht besonders kundenorientiert«, meinte Hannah grinsend.
Es dauerte keine 20 Sekunden und die Tür war offen. »Die hättest du mit einer Haarnadel öffnen können«, meine die Expertin zu Hannah.
Die fuhr sich durch Haar und antwortete: »Wenn ich nur eine hätte.«
Sie betraten einen Raum, der dem von Michael Mbemba glich und ebenso aufgeräumt war. Wo bei Michael Mbemba ein Poster von Munchs Schrei hing, befand sich ein Poster, das die menschlichen Blutgefäße darstellte. Auf seinem Schreibtisch stand das Schwarz-Weiß-Bild eines alten Mannes, der eine Art Pfeife rauchte.
»Brauchen Sie mich noch?«, fragte die Kriminaltechnikerin.
»Möchtest du dich ein wenig umsehen?«, fragte Hannah. »Sechs Augen sehen mehr als vier.«
»Du willst mich immer noch zu den Ermittlern rekrutieren, oder?«
»Gute Leute sind rar«, ließ sich Friedrich vernehmen, während er sich Latexhandschuhe anzog und danach das Bild vom Schreibtisch in die Hand nahm. »Haltet ihr das für eine Pfeife, was der Mann da in der Hand hält?«
»Könnte sein.«
Er stellte das Bild zurück und zog eine der Schreibtischschubladen heraus. Darin befanden sich Mappen in unterschiedlichen Farben. Anatomie, Pathologie, Physiologie. Als er die erste öffnete, blickte er auf Zeichnungen von Muskeln, Knochen, Blutgefäßen.
»Zeichnen kann er«, kommentierte Anjuschka Below.
Friedrich zog eine weitere Schublade heraus, während Hannah den Schrank des toten jungen Mannes durchsuchte. Darin befand sich ein Stapel Briefe, von einem Gummiband zusammengehalten, drei Muscheln und ein ausgeschaltetes Handy. Er winkte Hannah zu sich und sah die beiden Frauen an. »Finde nur ich es hier zu aufgeräumt?«
Die Kriminaltechnikerin nickte, während Hannah auf den Inhalt der Schublade starrte. »Darf ich?«
Friedrich nickte.
Hannah nahm den obersten Umschlag aus dem Stapel und zog anschließend mit behandschuhten Fingern den Brief heraus. »Der Brief ist von seiner Mutter.«
»Von wann?«
»Das Datum ist«, sie zückte ihr Handy, »von vor zehn Tagen.«
»Was schreibt sie?«
»Dass er ein guter Junge ist. Dass sie stolz auf ihn ist. Dass sie hofft, dass er gut angekommen ist.« Sie zögerte. »Das ist merkwürdig. Sie schreibt, dass sie sehnlichst seiner Taten harren.«
»Was ist daran merkwürdig?«, wollte Friedrich wissen. »Sie benutzt einfach eine altertümliche Sprache.«
»Wir sollten prüfen, ob hier jemand aufgeräumt hat oder ob der junge Mann eine kleine Zwangsstörung hatte«, meinte Hannah.
»Also bei mir hat auch alles seinen Platz«, kommentierte Anjuschka Below.
»Tüte das Handy und die Muscheln ein«, bat Friedrich Hannah.
Sie durchsuchten den Schrank, tasteten Hosen ab, griffen zwischen Pullover, hoben die Matratze aus dem Bett und drehten die Sessel um. Außer den Notizen zum Studium und den Briefen seiner Mutter fehlte jegliches persönliche Erinnerungsstück.
»Für einen Ausländer in Deutschland gehören Pass und Aufenthaltsgenehmigung zu den wichtigsten Dokumenten.
