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Arno Kerr

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Beschreibung

Seit mehreren Jahren brennen im Münsterland an Mittsommer Bauernhöfe. Als man nach einem Brand eine 7,65 mm-Kugel im Schädel einer verkohlten Leiche findet, kommen die Mordermittler um Friedrich von Coes ins Spiel. Die Routineermittlung im Rahmen einer vermeintlichen Brandstiftung entwickelt sich zur Jagd auf einen Mörder, dessen Motiv, lange Rätsel aufgibt. Die Wirren der Nachkriegszeit, der Hass auf Außenseiter, vor allem jedoch die Aktivitäten rechtsextremistischer Kreise im Ruhrgebiet haben Folgen, die außer Kontrolle geraten und auch für Hauptkommissar von Coes, seine Familie und sein Team gefährlich werden.

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Arno Kerr

Simsons Füchse

Friedrich von Coes dritter Fall

Für Doro,

lesend, liebend, und zu viel arbeitend.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im

Internet über http://dnb.de abrufbar

1. Auflage

Lubahn + Glaw Verlag GbR – Mediathoughts

Copyright 2021 Lubahn + Glaw Verlag GbR – Mediathoughts

Gedruckt by Alfred Nordmann in Jerusalem

Printed in Israel

ISBN: 978-3-947724-19-2

»Es ist das Vorrecht der Jugend, in der Zukunft zu leben,

in all der schönen, stetigen Hoffnung,

die keine Pausen und keine Selbstbetrachtungen kennt.«

Joseph Conrad

Die Schattenlinie

Sonntag

Alles begann mit einem ohrenbetäubenden Knall kurz vor Mitternacht. Sekunden später erhellte ein orange-gelber Feuerball die Ebene nördlich von Münster.

Der Abend war warm gewesen. Menschen hatten in den Gärten gesessen, gegrillt und das schöne Wetter genossen. Während sich manche verwirrt im Bett ansahen, griff der eine oder andere nach einem Blick aus dem Fenster zum Telefon.

Kurz darauf heulten die ersten Sirenen, rückten die Feuerwehren aus. Die Fahrzeuge aus Kinderhaus trafen zusammen mit der Berufsfeuerwehr Münster ein. Sie konnten jedoch nichts mehr retten. Der Flüssiggastank war explodiert und hatte das alte Gemäuer vollständig in Brand gesetzt. Die Flammen schlugen zehn Meter hoch in den Himmel.

Ein Dutzend Menschen verfolgten in sicherer Entfernung das Spektakel.

»Das ist der vierte Hof in vier Jahren«, sagte eine Frau zu dem Mann neben ihr, der zwei Pullover übereinander trug und den sie noch nie vorher gesehen hatte. »Der Vierte.«

Als die Feuerwehr gegen drei Uhr den Brand unter Kontrolle hatte, meinte der Kommandant aus Kinderhaus zu seinen Leuten:

»Wo steckt eigentlich die alte Dörte?«

»Vielleicht ist sie ja bei ihrer Schwester in Altenberge«, antwortete einer der Männer, die den Schlauch im Tanklöschfahrzeug verstauten.

Sie ließen eine Brandwache zurück, um etwaige Glutnester zu bekämpfen, und rückten wieder ein. Die Schaulustigen hatten sich schon gegen zwei Uhr verdrückt.

Montag

Kriminalkommissar Martin Bohn, zuständig für Brandermittlungen bei der Kriminalpolizei Münster, stocherte mit einem metallenen Stock in der Asche des bis auf die Grundmauern abgebrannten Bauernhauses.

»Sag mal, glaubst du an diesen Feuerteufel, der immer zur Sommersonnenwende zuschlägt?«, fragte er seinen Kollegen Peter Neuhaus, der mit zwei anderen Mitarbeitern der Kriminaltechnischen Untersuchungsstelle vor Ort war.

»Komisch ist es schon«, meinte der. »Das ist das vierte Feuer innerhalb der letzten vier Jahre an diesem Tag.«

»Aber der Typ, wenn es ihn geben sollte, hat nie ein Haus abgefackelt. Eine Scheune oder eine Garage wurden in Brand gesetzt. Objekte, die man löschen konnte, bevor Schlimmeres geschah.«

»Unter Umständen hat er den Gastank übersehen, als er den Brandsatz gelegt hat, denn Brandstiftung war es auf alle Fälle.«

»Es waren völlig unterschiedliche Vorgehensweisen. Ich glaube nicht, dass es ein Einzeltäter war.«

»Sondern?«

»Mittsommernacht. Da kann man einem unliebsamen Nachbarn schon mal einen Streich spielen.«

»Das sind aber keine Streiche.«

Kommissar Bohn stieß mit seinem Stock auf etwas und hielt inne. »Peter?«

»Was denn?«

»Für was hältst du das?«

Sie bückten sich und der Kriminaltechniker benutze einen breiten Pinsel, um den Gegenstand freizulegen.

»Für einen Schädel.«

Die Mitarbeiter der KTU hatten das Skelett freigelegt, als der Rechtsmediziner an der Brandstelle eintraf. Doktor Bildermann trug einen weißen Overall, dunkelgrüne Gummistiefel und stellte einen Aluminiumkoffer auf den Boden, bevor er zu den ähnlich gekleideten Beamten trat. Die Luft roch nach verbranntem Holz, an einigen Stellen quoll nach wie vor Rauch aus den herabgefallenen Balken und zwei Feuerwehrmänner der Berufsfeuerwehr Münster ließen sie nicht aus den Augen.

Doktor Bildermann rückte seine randlose Brille zurecht: »Gibt es einen guten Grund, warum Sie mich an diesem Montagmorgen in aller Herrgottsfrühe hierher zitieren?«

Kommissar Bohn deutete mit dem Metallstab auf die Stelle, wo die Kriminaltechniker das Skelett freigelegt hatten, und Doktor Bildermann nahm es in Augenschein.

»Ist das schon fotografiert worden?«

Bohns Kollege nickte und der Rechtsmediziner ging in die Knie:

»Eine Frau, würde ich sagen, und bei hohen Temperaturen verbrannt.« Er deutete mit dem behandschuhten Zeigefinger auf feine Risse in den langen Röhrenknochen. »Ich denke, wir packen das alles ein, setzen es im Rechtsmedizinischen Institut erneut zusammen und dann bekommen Sie meinen Bericht.«

Er stand auf, hielt jedoch, nachdem er einen abschließenden Blick auf die sterblichen Überreste geworfen hatte, inne und ging zu seinem Aluminiumkoffer, dem er ein großes Vergrößerungsglas entnahm. Anschließend kniete er sich wieder hin und unterzog den Schädel der Toten, der zahlreiche Risse aufwies, einer genaueren Untersuchung. Dann blickte er auf und sagte:

»Werfen Sie doch einmal einen Blick auf das, Herr Bohn.« Gleichzeitig drückte er dem erstaunten Kriminalbeamten sein Vergrößerungsglas in die Hand.

»Was ist das?«, wollte der wissen. »Kann das eine Folge des Brandes sein?«

»Ich denke, es ist eher die Folge einer 7,65 Millimeterkugel.«

***

Eine Stunde später klingelte das Telefon auf dem Schreibtisch von Kriminalhauptkommissar Friedrich von Coes.

»Kommen Sie bitte kurz zu mir«, sagte Kriminalrat Frank Petersen, sein Chef.

Als Friedrich ihm gegenüber saß, fragte Petersen: »Haben Sie schon von dem Brand heute Nacht gehört?«

»Ja, meine Tochter hat es beim Frühstück im Netz gelesen. Angeblich gibt es einen Feuerteufel, der immer in der Mittsommernacht im Münsterland zuschlägt.«

»Nicht im Münsterland. Auf einer Fläche von ein paar Quadratkilometern zwischen Gievenbeck und Kinderhaus.«

»Ich habe das nicht so genau verfolgt.«

»Bis jetzt hat es Sie und Ihre Kollegen auch nicht betroffen. Es waren stets kleinere Brände, lokal begrenzt, die Feuerwehr hatte sie immer in kurzer Zeit unter Kontrolle.«

»Ich habe gehört, dass Nachbarn verdächtigt wurden.«

»Das stimmt, aber die Brandfahndung konnte nie etwas beweisen. Niemand hat fremde Personen in der Nähe der Brände bemerkt, es gab keine Indizien, die auf einen Täter hindeuteten, lediglich unterschiedliche Formen von Brandstiftung.«

»Und Sonntagnacht war es anders?«

»Zum einen wurde eine nicht leicht zu beschaffende Substanz als Brandbeschleuniger verwendet.«

Friedrich sah ihn fragend an.

»Die KTU geht von Thermit in Verbindung mit Napalm B aus. Es brennt bei etwa 2400 Grad ab und ist nicht leicht zu zünden.«

»Und zum anderen?«

»Die Ermittler haben die Überreste einer weiblichen Person gefunden. Vermutlich die Eigentümerin des Hofes, eine gewisse Dorothea Rodemund.« Er sah Friedrich an. »Die Frau ist laut Bildermann bei hohen Temperaturen bis auf die Knochen verbrannt.«

»Ist sie eindeutig identifiziert?«

»Das wird laut Bildermann schwierig, denn ein DNA Abgleich ist so gut wie ausgeschlossen. Er hofft, mit dem Gebiss weiterzukommen.«

»Und was hat das mit uns zu tun? Das fällt doch in das Hoheitsgebiet des geschätzten Kollegen Bohn.«

»Bildermann hat das Einschussloch einer 7,65 mm Waffe im Frontolobalbereich, wie er sich ausdrückte, gefunden.«

»Und was heißt das für Normalsterbliche?«

»In der Stirn. Und genau da kommen Sie und Ihre Kollegen ins Spiel. Setzen Sie sich bitte mit Bohn, Bildermann und der KTU ins Benehmen und fordern Sie die Untersuchungsergebnisse an. Oberstaatsanwalt Dr. Gerdkamp möchte, dass Sie die Ermittlungen übernehmen.«

»Soll ich mich jetzt geehrt fühlen?«

»Das können Sie halten wie ein Dachdecker, Herr von Coes. Ich erwarte morgen erste Ergebnisse.«

Damit war Friedrich entlassen.

»Was wollte denn der Alte?«, fragte Oberkommissar Dirk Grimm, als sich Friedrich mit einem Ächzen auf seinem alten Schreibtischstuhl niederließ.

»Habt ihr das mit dem abgefackelten Hof zwischen hier und Kinderhaus mitbekommen?«

»Stand auf der Internetseite der Westfälischen Allgemeinen«, meinte Kriminalkommissarin Hannah Wolkenstein. Sie war die Jüngste in Friedrichs Team und ihr dunkles Haar fiel in sanften Wellen auf die weiße Bluse, die sie an diesem Morgen trug. »Angeblich Brandstiftung. Der Hof ist bis auf die Grundmauern abgebrannt.«

»Ich habe gehört, es gibt einen Feuerteufel, der immer an der Sommersonnenwende zuschlägt«, fügte Dirk Grimm hinzu.

»Und wo hast du das gehört?«, wollte Friedrich wissen.

»Meine Schwiegermutter hat letztes Wochenende davon erzählt. Im Kleingartenverein hatten sie Wetten abgeschlossen, wo es als Nächstes brennt.«

Hannah Wolkenstein schüttelte den Kopf. »Wisst ihr, manchmal denke ich, ich hätte doch in Düsseldorf bleiben sollen.«

»Ich denke, du bist hier genau richtig«, kommentierte Friedrich. »Es geht nicht mehr um Brandstiftung. Die Brandfahndung hat eine Leiche in den Ruinen gefunden.«

»Das heißt noch gar nichts!«, ließ sich Dirk vernehmen.

»Oh doch, mein Lieber. Doktor Bildermann glaubt, sie ist mit einer 7,65 mm Waffe erschossen worden und Doktor Gerdkamp möchte, dass wir uns mit dem Fall befassen.«

»Du oder wir?«

»Wo ist da der Unterschied, Dirk?«, meinte Friedrich grinsend.

Oberkommissar Bernd Brockmann betrat, wie immer ohne anzuklopfen, den Raum. Das Tweedjackett hing an seinem hageren Körper, die kalte Pfeife aufgrund des Rauchverbots im Präsidium in seinem linken Mundwinkel: »Ich habe gehört, Sie sollen unseren angeblichen Feuerteufel fangen, Herr von Coes.«

Friedrich barg sein Gesicht in den Händen: »Und woher wissen Sie das schon wieder?«

»Vom Herausgeber der Westfälischen Allgemeinen«, meinte Dirk.

»Zu einfach«, ergänzte Hannah. »Wahrscheinlich hat er mit dem Polizeipräsidenten gefrühstückt.«

Brockmann lächelte. Er genoss den Ruf, gut vernetzt zu sein. Nur drei Jahre älter als Friedrich und überzeugter Junggeselle, hatte er eine der ältesten Schulen Münsters, das Paulinum, besucht und stand nicht nur mit der Geschichte der Stadt, sondern auch mit etlichen Würdenträgern auf vertrautem Fuß.

»Herr Petersen hat es mir im Treppenhaus anvertraut und vorgeschlagen, in Ihrem Büro vorbeizuschauen.«

»Sie haben Recht«, sagte Friedrich, »Petersen hat mir diesen Fall ans Bein gebunden. Oberstaatsanwalt Dr. Gerdkamp soll ihn darum gebeten haben. Was halten Sie denn von den Gerüchten um einen Brandstifter?«

»Es gab in den letzten Jahren immer wieder Brände in der Nacht zur Sommersonnenwende, überwiegend auf allein stehenden Höfen zwischen Kinderhaus und Gievenbeck.«

»Gab es einen Zusammenhang zwischen den Bränden?«

»Meines Wissens nein, aber Petersen sagte etwas von einer Leiche.«

»Stimmt. Nur wissen wir nicht mit Bestimmtheit, wer es ist. Was wir wissen ist, dass die Person nicht im Feuer umgekommen ist, sondern erschossen wurde.«

Brockmann schien diese Aussage nicht zu berühren. »Interessant«, bemerkte er.

»Ich wäre für ein warmes Mittagessen«, warf Hannah ein. »Was haltet ihr von Christos?«

Christos war der Inhaber einer griechischen Taverne, die die Ermittler regelmäßig aufsuchten, um den Produkten der Friesenschmiede, wie die Polizeikantine in eingeweihten Kreisen genannt wurde, zu entgehen.

Bernd Brockmann sah sie kritisch an. »Ich würde da gerne noch ein paar Sachen prüfen«, entgegnete er, drehte sich abrupt um, und verschwand.

»Diesmal hast du es vermasselt«, kommentierte Dirk.

»Er war einfach schneller als ich.«

Friedrich erhob sich. Brockmann stand im Ruf, geizig zu sein. Vermutlich hätte er den Begriff ›sparsam‹ bevorzugt.

»Der bleibt uns erhalten«, schmunzelte Friedrich, »auch wenn er nicht bereit ist, einen Euro extra in erträgliches Essen zu investieren. Diese Kiste interessiert ihn viel zu sehr.«

Zwanzig Minuten später saßen sie in der Taverna Theodosios, und Christos hatte eine enorme Vorspeisenplatte vor ihnen platziert.

»Ihr braucht Kraft«, meinte er, »wenn ihr diesen Feuerteufel fangen wollt.«

Friedrich sah ihn schräg von unten an. »Was soll jetzt das wieder heißen?«

»Wenn ihr am Montagmittag bei mir auftaucht, muss es einfach euer Fall sein«, kommentierte Christos.

»Wo er Recht hat, hat er Recht«, sagte Dirk, den die anderen beiden nur schlecht verstehen konnten, da er eine größere Menge an Meeresfrüchten im Mund hatte.

Friedrich aß konzentriert und schien in Gedanken versunken.

»Dürfen wir wissen, was du denkst?«, fragte Hannah.

»Ich denke, wir sollten einfach anfangen.«

Sie sahen ihn an, während Christos die Vorspeisen entfernte.

»Ernsthaft. Wir haben zu viele Gerüchte gehört und zu viele Bilder im Kopf. Ich fahre nach dem Essen da raus und sehe mich um. Ihr tragt zusammen, was Bildermann und die KTU herausgefunden haben.« Er schwieg einen Augenblick, als Christos die Hauptgerichte vor ihnen platzierte. »Außerdem sollten wir alles über die Ereignisse der letzten Jahre herausfinden.«

Hannah bemühte sich, ihre Moussaka auf eine essbare Temperatur zu pusten. »An diesem Thema dürfte vermutlich unser gemeinsamer Freund Brockmann schon dran sein.«

Kurz nach zwei saß er hinter dem Steuer eines Dienstwagens. Er war nicht gerne allein unterwegs und hatte keine Lust auf diesen Fall. Ein Feuerteufel, der immer zur Mittsommernacht zuschlug? Hirngespinste. Er wollte abwarten, was Bildermann hatte. Wenn die Person tatsächlich erschossen worden war, galten in diesem Spiel andere Regeln.

Kollege Bohn hatte ihm beschrieben, wo der Tatort lag, und er fuhr auf der B 54 stadtauswärts. Nach einer Viertelstunde bog er in Richtung Haus Wilkinghege rechts ab, wenig später stand er vor den Ruinen des abgebrannten Bauernhauses. Absperrband von Feuerwehr und Polizei flatterte im Wind und eine Tafel verkündete, dass das Betreten der Unglücksstelle verboten sei.

Friedrich nahm die Plastiktüte aus dem Kofferraum, in der er die Gummistiefel verstaut hatte, zog sie an und betrat die Brandstelle. Grobe Asche knirschte unter seinen Stiefeln, in der Luft hing immer noch der Geruch von schwelendem Holz.

»Was machen Sie da?« Ein Mann in dunkler Hose und dunkelgrüner Jacke, auf dessen Kopf eine Schirmmütze saß, stand an der Absperrung. »Da ist Betreten verboten«, fügte er hinzu.

»Und Sie sind?«, fragte Friedrich.

»Das geht Sie nichts an.«

»Ich denke schon«, sagte Friedrich, ging auf den Mann zu und zückte seinen Dienstausweis. »Mein Name ist Coes, Friedrich von Coes, Kriminalpolizei Münster. Was wissen Sie über den Vorfall hier?«

Der ältere Mann wich einen Schritt zurück.

»Ich weiß gar nichts.«

»Und warum mischen Sie sich dann ein?«

»Na, das Betreten hier ist verboten. Das wird man doch sagen dürfen.«

»Wie heißen Sie?«

»Warum wollen Sie das wissen?«

»Weil ich von der Polizei bin und Sie quasi aus dem Nichts an einem Tatort auftauchen.«

Der Mann sah sich vorsichtig um.

»Ich heiße Pröbsting. Josef Pröbsting.«

»Und was wollen Sie hier?«

»Na ja, man sagt doch, dass die Verbrecher immer wieder zum Ort der Tat zurückkommen. Da wollte ich mal kucken.«

Friedrich sah sich um. »Und deshalb standen Sie hinter der alten Buche dort?«

»Genau, Herr Kommissar.«

»Haben Sie denn außer mir jemand bemerkt?«

Herr Pröbsting blickte auf seine Fußspitzen. »Nö.«

»Ich habe gehört, es hat hier schon öfters gebrannt.«

»Na, öfters nicht. Aber es brennt schon mal, Herr Kommissar. Meistens Unachtsamkeit. Mein Sohn ist bei der freiwilligen Feuerwehr. Die Leute schlafen bei einer brennenden Kerze ein oder eine Zigarettenkippe setzt einen Heuschober in Brand. Aber das hier ist etwas anderes.«

»Warum?«

»Weil es in dieser Ecke seit vier Jahren immer zu Mittsommer brennt.«

»Mittsommer? Was soll denn der Quatsch? Das haben wir doch in Westfalen noch nie gefeiert.«

»Trotzdem brennt es hier jedes Jahr in dieser Nacht.«

Friedrich verkniff sich einen weiteren Kommentar. »Wo wohnen Sie eigentlich?«

»Da hinten.«

Er deutete auf ein Haus, von dem man nur den Dachfirst zwischen zwei Bäumen am Horizont sah.

»Dann gehen Sie jetzt besser nach Hause. Wenn hier eine Streife vorbeikommt, machen Sie sich verdächtig.« Er griff in die Tasche seiner alten Lederjacke und gab dem Mann eine Visitenkarte. »Sollte Ihnen etwas Verdächtiges auffallen, rufen Sie mich bitte an. Wir sind für Hinweise aus der Bevölkerung immer dankbar.«

»Schönen Dank. Dann geh ich jetzt besser.«

Friedrich blickte ihm nach wie er mit kurzen, schlurfenden Schritten, dem Schotterweg folgend, in Richtung Horizont lief. Dieser Besuch hatte ihm zwar einen Eindruck des Tatorts vermittelt, ansonsten aber nichts gebracht. Was sie brauchten, waren Fakten. Er entschloss sich, ins Büro zurückzufahren, um zu sehen, was Hannah und Dirk bei Bildermann und der KTU herausgefunden hatten. Außerdem sollten sie klären, wem der Hof gehört.

Als er kurz nach vier ihr Büro betrat, saß nur Hannah an ihrem Schreibtisch.

»Wo ist Dirk?«

»Seine Frau hat angerufen. Da hängt der Haussegen schief.«

»Mal abgesehen davon: Was habt ihr?«

»Doktor Bildermann hat in seinem Bericht den Tod durch Fremdeinwirkung bestätigt. Die Frau ist mit einer 7,65 mm Waffe erschossen worden. Sie dürfte auf der Stelle tot gewesen sein. Er hat zwei Kugeln gefunden. Die erste steckte in der hinteren Schädelkalotte, die zweite in einem Halswirbel.«

»Wie sind die Geschosse erhalten?«

»Gut genug, um einen Vergleich durchzuführen.«

»Wir brauchen also die Waffe, um den Schützen zu identifizieren.«

Hannah nickte. »Die KTU versucht, mögliche Waffen zu ermitteln.«

»Aber Bildermann ist sicher, dass es sich um eine Frau handelt?«

»Sie haben das Skelett bis auf vier oder fünf kleine Knochen im rechtsmedizinischen Institut vollständig zusammengesetzt.«

»Wem gehörte der Hof denn?«

»Einer Dorothea Rodemund, genannt Dörte. Sie ist verwitwet, 76 Jahre alt und dort gemeldet.«

»Was wissen wir sonst über sie?«

»Die Anfragen laufen, Friedrich, wir können nicht hexen.«

»Petersen möchte morgen erste Ergebnisse.«

»Petersen will viel, wenn der Tag lang ist. Die Frau ist heute Nacht in ihrem Hof erschossen worden und verbrannt. Wir werden herausfinden, wer dafür verantwortlich ist. Aber wir tun es auf unsere Weise.« Sie sah ihn an. »Hinter diesem Mord steckt mehr, wir müssen gründlich vorgehen.«

»Was sagt die KTU?«

»Ich habe mit Gerson gesprochen. Er war fuchsteufelswild, dass man ihn nicht früher informiert hat. Er ist mit seinen Männern die Ergebnisse noch einmal durchgegangen, kümmert sich um die Kugeln und will sich mit Bohn absprechen. Es scheint Thermit in Kombination mit Napalm B verwendet worden zu sein.«

»Das erwähnte Petersen schon. Mit Thermit schweißt man Eisenbahnschienen zusammen.«

»Oder befüllt Brandbomben. Münster dürfte vor rund 70 Jahren einiges davon abbekommen haben. Die Kombination ist zumindest ungewöhnlich.«

»Wer benutzt denn so was als Brandbeschleuniger? Haben wir vergleichbare Fälle?«

»Nein, aber der angebliche Feuerteufel ...«

»Ich kann diesen Quatsch nicht mehr hören!«

»Du wirst dich daran gewöhnen, denn die Presse wird ihn uns um die Ohren hauen. Das interessante ist, dass dieser Brandstifter bisher jedes Mal einen anderen Modus Operandi verwendet hat.«

Friedrich hatte den Ring überquert und war gemächlich in Richtung Kreuzviertel gelaufen.

Hannah hatte Recht, aber es gefiel ihm nicht. Er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass er und sein Team instrumentalisiert wurden.

Er ging an der Kreuzkirche vorbei und erblickte zu seinem Erstaunen seine Tochter, die mit einem jungen, rothaarigen Mann in ein intensives Gespräch vertieft schien. Die beiden saßen vor der Kirche, wo jemand Stühle aufgestellt hatte. Friedrich verharrte einen Moment, dann wandte er den Blick ab und bog in die Dettenstraße ein.

Annemarie. Seit dem Tod seiner Frau war sie zu seinem Rückgrat geworden. Sie war es, die ihn bestärkte und in Frage stellte. Sie war es, die er nicht verlieren wollte. Was bist du für ein Egoist, dachte er sich. Annemarie war sechzehn Jahre alt, warum sollte sie nicht mit einem Jungen auf einem Plastikstuhl vor einer Kirche sitzen und reden. Doch der Stich saß.

Er lief die Straße hinunter, starrte aufs Pflaster, öffnete die alte Haustür, wie immer mit dem Sicherheitsschloss kämpfend, und erklomm die Stiegen in den dritten Stock. Er goss sich ein Glas seines Vaters Burgunder ein und setzte sich auf den kleinen Balkon, den man von der Küche aus betrat und der auf die anderen Hinterhöfe blickte. Was würde er tun, wenn Annemarie erwachsen war? Sie war es in vielerlei Hinsicht schon, wenn er an das letzte Jahr dachte. Wenn er ehrlich mit sich selbst war, lautete die Frage, was würde er tun, wenn er allein war.

Er hörte den Schlüssel im Schloss und Annemaries leichte Schritte, die den Flur entlang kamen.

»Du bist früh dran, Paps.«

»Wir haben einen neuen Fall und sind nicht weit gekommen.«

Annemarie sah ihn skeptisch an.

»Du hast doch irgendetwas?«

Er schüttelte den Kopf: »Nein. Ich habe ein wenig Kopfschmerzen.«

»Hältst du Rotwein für eine gute Therapie?«

Nachdem er ihr nicht antwortete, entschloss sie sich, das Thema zu wechseln.

»Lust auf einen griechischen Salat?«

Jetzt wurde sein Blick skeptisch.

»Keine Sorge, Paps, wir haben alles da. Du darfst Tomaten und Paprika schnippeln.«

Eine halbe Stunde später saßen sie in der Küche und aßen.

»Bist du an dem Fall mit dem Brandstifter dran?«

»Danke, dass du ihn nicht Feuerteufel nennst. Aber wie kommst du überhaupt darauf?«

»Opa ließ so etwas durchblicken.«

Friedrichs Vater, Carl August von Coes, war pensionierter Strafverteidiger, der, bisweilen zum Leidwesen seines Sohns, ein lebhaftes Interesse an dessen Fällen hatte.

»Opa?«

»Ich habe heute Nachmittag kurz bei ihm vorbei geschaut. Was hat es denn mit diesem merkwürdigen Brandstifter auf sich?«

»Das ist reine Spökenkiekerei.«

»Paps?«

»Ach, da glauben Leute, dass irgendwer jedes Jahr zu Mittsommer ein Feuer legt. Völliger Blödsinn. Dieses Mal haben wir allerdings eine Frau, die offenbar erschossen wurde. Und wenn du das ...«

»Geschenkt. Aber warum nervt dich das so?«

»Wer sagt, dass es mich nervt?«

»Du. Du wirkst total genervt.«

Friedrich wusste nicht, was er sagen sollte.

»Wir haben übrigens heute einen Austauschschüler bekommen. Einen echten Schotten. Andrew McKenzie.«

»Hatte er einen Rock an?«

»Erstens wäre das ein Kilt, Paps, und zweitens bist du albern.«

»Warum?«

»Das trägt doch kein Mensch im Alltag. Außerdem haben wir etwas gemeinsam.«

»Du und dieser Schotte?«

Annemarie nickte.

»Und das wäre?«

»Sein Vater ist auch bei der Polizei. Er ist Superintendent beim CID in Edinburgh.«

»Ihr scheint euch ja schon näher gekommen zu sein.«

»Er ist nett. Außerdem mag ich seine Art.«

»Wie meinst du das?«

»Er ist anders als unsere Jungs. Irgendwie reifer, freundlicher, höflicher. Außerdem hat er echt was drauf.«

»Echt was drauf?«

»Ja, in Mathe und Geschichte. Er weiß viel, lässt es aber nicht raushängen.«

»Woher weißt du das alles?«

»Das merkt man, Paps.«

Dienstag

Nachdem Annemarie nach oben gegangen war, hatte er noch eine Weile auf dem kleinen Balkon verbracht. Das Bild des, wie er vermutete, rothaarigen Andrew McKenzie hatte sich mit dem Bild der vom Wind langsam verwehten Asche der Ruine vermischt. Er war sich nicht im Klaren, was er aus dem einen oder dem anderen machen sollte.

Als sein Wecker am Dienstagmorgen rappelte, hörte er Annemarie bereits in der Küche hantieren, überquerte den Flur, stellte sich unter die Dusche und schnitt sich beim Rasieren. Kurze Zeit später sog er genießerisch den Duft des Kaffees ein, den ihm seine Tochter bereitet, und beäugte kritisch das Müsli, das sie vor ihn gestellt hatte und das neben irgendwelchem Getreide auch Pfirsiche zu enthalten schien.

»Was treibst du heute so?«, wollte er wissen.

»Nicht viel«, antwortete seine Tochter. »In zwei Wochen gehen die Ferien los. In der Schule zeigen sie Filme oder wir diskutieren über alles Mögliche. Die Lehrer haben auch keine Lust mehr.«

»Wieso ist der neue Austauschschüler so spät gekommen?«

»Andrew bleibt bis Weihnachten. Er wollte seine neue Schule schon einmal kennenlernen, weil die Ferien in Großbritannien früher beginnen als bei uns. Außerdem hat er einen entfernten Onkel hier, bei dem er den Sommer verbringt. Und du?«

»Wir werden schauen, was an den Brandstiftungen dran ist und wie wir bei dem Mord an der alten Frau weiterkommen.« Er widmete sich dem Müsli und hob die leere Tasse, um Annemarie um eine zweite zu bitten.

Kurz nach halb neun betrat er das Polizeipräsidium und ging in sein Büro, wo Hannah und Dirk vor ihren Bildschirmen saßen.

»Gibt es etwas Neues?«, fragte er, nachdem er seine Lederjacke aufgehängt hatte.

»Ich habe zu den vermeintlichen Brandstiftungen zur Sommersonnenwende recherchiert«, erwiderte Dirk. »In den letzten Jahren hat es tatsächlich in diesem Teil Münsters mit schöner Regelmäßigkeit an diesem Abend gebrannt.«

»Gibt es Ähnlichkeiten im Modus Operandi zwischen den Bränden?«

Dirk verwies mit der linken Hand auf einen Stoß roter Akten. »Die sind erst heute Morgen von der Brandfahndung gekommen. Ich habe sie nur überflogen. Es wurden ausschließlich ehemalige oder existierende Höfe angezündet, keine Neubauten. Auffällig ist, dass der Brand immer kurz vor Mitternacht begann. Es wurden unterschiedliche Brandbeschleuniger verwendet, und der oder die Täter hatten offenbar nicht die Absicht, das ganze Gebäude abzufackeln.«

»Wie kommen die Kollegen zu diesem Schluss?«

»Der Täter benutzte langsam brennende Substanzen und er hat Gebäudeteile in Brand gesetzt, von wo aus sich das Feuer nicht so schnell verbreiten konnte. Die Feuerwehr traf immer zeitnah ein und hat das Schlimmste verhindert.«

»Was wissen wir zu der getöteten Person?«

»Was ich dir gestern Abend schon erzählt hatte«, sagte Hannah. »Dorothea Rodemund gehört das Anwesen und sie hat da auch gewohnt.«

»Hat Bildermann etwas zur Identifikation über den Zahnstand vermeldet?«

»Nö.«

»Was wissen wir über Kinder und Erben?«

»Noch nichts.«

Er sah Hannah mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Sollten wir aber.«

Sie zog einen Schmollmund.

»Dirk, hast du eine Liste der in den letzten Jahren betroffenen Gebäude?«

»Klar.«

Er suchte zwischen den Papieren auf seinem Schreibtisch und reichte sie ihm.

»Ich gehe mal zu Petersen«, schloss Friedrich das Gespräch ab und verschwand durch die Bürotür.

»Sag mal, hat er was?«, wollte Dirk wissen.

»Keine Ahnung«, antwortete Hannah.

»Ist das alles?«, wollte Petersen wissen. »Der Name einer Frau und eine Liste von Brandstiftungen?«

»Ich bin froh, dass wir so weit sind, Herr Petersen. Wir werden jetzt zur Besitzerin und zu den anderen Betroffenen ermitteln.«

»Haben Sie schon die Lokalpresse gelesen?«

»Ehrlich gesagt interessieren mich die Theorien nicht, die man dort verbreitet.«

»Sollten Sie aber! Wir leben in Zeiten von Social Media und Internet. Vielleicht machen Sie einmal eine Weiterbildung.«

»Bevor ich die mache, würde ich gerne herausfinden, was es mit diesem sogenannten Serienbrandstifter auf sich hat, der genau einmal im Jahr zuschlägt.«

Petersen sah ihn über seine Brille an.

»Dann sollten Sie sich beeilen.«

Als er zurück ins Büro kam, brüteten die beiden immer noch vor ihren Bildschirmen.

»Ich fahre jetzt Mal raus und spreche mit den Leuten, die in den letzten Jahren angeblich Opfer dieses mysteriösen Brandstifters wurden. Möchte jemand mitkommen?«

Nach einem kurzen Schweigen sagte Hannah: »Wenn du nicht willst Dirk, nehme ich die Landluft.«

Dirk schwieg.

»Damit wäre das geklärt«, meinte Friedrich. »Dirk, du findest mehr über diese Dörte heraus. Wenn du Genaueres weißt, ruf mich an. Hannah, organisiere uns bitte einen Wagen.«

Zwanzig Minuten später waren sie auf dem Weg in die Ebene nordwestlich von Münster.

»Was ist anders?«, fragte Hannah, die hinter dem Steuer saß.

»Wie meinst du das?«

»Friedrich, etwas ist anders. Mir fehlt unsere Vertrautheit.«

Er schwieg. Sie starrte durch die Windschutzscheibe.

»Ich habe nichts vergessen«, antwortete er dann. »Den Abend, dich in dem Kleid, die Kerzen, die Musik.« Er verharrte einen Moment. »Ich erinnere mich aber auch an dich mit der Waffe. Den Hass in deinen Augen.« Er legte seine Hand auf ihre und versuchte zu lächeln. »Du bist nicht einfach zu verstehen.«

Das erste Haus, das sie aufsuchten, stand einen halben Kilometer von der Brandstelle entfernt. Hannah parkte den Wagen auf dem kiesbestreuten Hof. Kaum dass sie ausgestiegen waren, erschien eine Frau in der Haustür.

»Kann ich Ihnen helfen?«

»Mein Name ist Coes, Friedrich von Coes, Kriminalpolizei. Das ist die Kollegin Wolkenstein.«

»Sie haben doch sicher einen Ausweis«, meinte die kurzhaarige, resolut wirkende Dame, die in Reithose und Stiefeln näher getreten war. Friedrich zog seinen Dienstausweis aus der Jacke und zeigte ihn ihr.

»Sie müssen entschuldigen, aber man kann heutzutage gar nicht vorsichtig genug sein.«

»Da haben Sie völlig Recht«, bemerkte Hannah lächelnd.

»Geht es um den Brand?«

»Genau, Frau Radke.«

»Woher wissen Sie denn meinen Namen?«

»Wir suchen alle Opfer des Brandstifters in den letzten Jahren auf.«

»Ach so. Bei uns hat es 2017 gebrannt.«

»Können Sie uns zeigen, wo genau?«

»Da sehen Sie nichts mehr.«

Sie ging mit Friedrich und Hannah im Schlepptau um das Haus herum. »Wir hatten damals diese Werkstatt angebaut. Mein Mann restauriert in seiner Freizeit Oldtimer. Seinerzeit stand sie leer, heute würde ein beträchtlicher Schaden entstehen und wegen der ganzen Chemikalien ein größerer Brand.«

»Chemikalien?«, fragte Hannah.

»Na ja, Lacke, Schmiermittel und so.«

»Und was ist genau passiert?«

»Wir schlafen auf der anderen Seite des Hauses, aber kurz nach Mitternacht kam unsere Tochter ins Schlafzimmer gelaufen und hat geschrien: ›Mama, es brennt!‹. Mein Mann ist rüber gerannt, da schlugen die Flammen schon bis in den ersten Stock hoch. Er hat dann sofort die Feuerwehr gerufen, die war sehr schnell da und hat alles gelöscht.« Sie sah die beiden an. »Wenn ich daran denke, läuft es mir immer noch kalt über den Rücken.«

»Wie groß war denn der Schaden?«

»Am Ende größer als wir zuerst dachten. Wir mussten die Verkleidung hier erneuern, den Anbau abreißen und neu errichten. Außerdem gab es Wasserschäden durch den Löscheinsatz. Es hat fast ein Jahr gedauert, bis wir alles beseitigt hatten.«

»Hat man damals schon von diesem sogenannten Feuerteufel gesprochen?«

»Es gab Gerüchte, aber die Polizei konnte keinen Zusammenhang mit den anderen Bränden feststellen.«

»Können Sie sich vorstellen, wie ein Brandstifter hier auf den Hof gelangen konnte?«

»Sie sehen ja selber, hier ist alles relativ offen. Wir wollen das so«, fügte sie erklärend hinzu. »Wir möchten nicht hinter Zäunen leben.«

»Erinnern Sie sich, ob Ihnen vor dem Brand irgendwelche Fremden hier aufgefallen sind?«

»Das haben wir doch schon zu Protokoll gegeben. Nur die Bauarbeiter, die den Anbau ausgeführt haben, waren in den Wochen davor regelmäßig hier.«

»Vielen Dank, Frau Radke«, sagte Friedrich. »Es kann sein, dass wir später noch einmal auf Sie zukommen müssen.«

»Hoffentlich erwischen Sie den Kerl endlich.«

Es war mittlerweile kurz nach zwölf und es stand zu befürchten, dass sie beim nächsten Opfer des Brandstifters zum Mittagessen hineinplatzten.

»Sollen wir ins Präsidium zurückfahren?«, fragte Friedrich.

»Willst du hier draußen später weitermachen?«

»Ich denke, wir sollten.«

»In Kinderhaus gibt es einen kleinen Italiener. Nichts großartiges, aber grundsolide Qualität.«

Kurze Zeit darauf saßen sie in einem etwas düsteren Ristorante, dessen grell moderne Einrichtung nicht in den Raum zu passen schien. Man servierte ihnen durchaus einladende Vorspeisen.

»Gar nicht schlecht«, meinte er zu Hannah. »Das Ambiente ist gewöhnungsbedürftig, aber sie können kochen.« Er berührte ihre Hand auf dem Tisch und sah sie an.

»Bitte, jetzt nicht«, sagte Hannah.

Er schob seinen Teller zur Seite. »Was hältst du von der ganzen Sache?«

»Warum sollte irgendjemand einmal im Jahr ein Feuer legen?«

»Das genau ist das Problem. Und warum musste beim letzten Mal eine alte Frau durch einen Schuss sterben? Unser üblicher Brandstifter läuft nicht mit einer 7,65er durch die Gegend.«

»Ich frage mich, ob es einen Auslöser gab.«

»Wie meinst du das?«

»Das wäre die klassische Fragestellung im Profiling. Gab es ein Ereignis, das den Täter oder die Täterin zu der Tat bewegte? Handelt es sich um Rache? Ist es eine Ersatzhandlung?«

Ein Kellner räumte die Vorspeisenplatte ab und kam kurz darauf mit gegrilltem Wolfsbarsch zurück. Wer auch immer in der Küche stand, konnte tatsächlich kochen.

»Schauen wir mal, was die anderen Betroffenen zu sagen haben«, erwiderte Friedrich und widmete sich dem Fisch. Beim Espresso vibrierte sein Telefon.

»Wie weit seid ihr?«, wollte Dirk wissen.

»Wir haben einen ersten Hof besucht und nehmen uns jetzt den zweiten vor.«

»Und dazwischen Currywurst mit Pommes?«

»So ähnlich.«

Dirk lachte verhalten. »Diese Recherchen sind ein Fischen im Trüben. Die Brandstiftungen ähneln einander bis auf die verwendeten Brandbeschleuniger. Da findet sich Benzin ebenso wie Schwarzpulver oder Phosphor. Wenn es der gleiche Typ ist, spielt er gerne.«

»Was meinst du mit ähneln?«

»Das ist nur ein erster Eindruck. Er scheint es nicht darauf angelegt zu haben, das Gebäude komplett in Brand zu setzten, aber er möchte einen gewissen Schaden verursachen und auf alle Fälle die Bewohner erschrecken. Für mich sieht es nach einem präzise geplanten Vorgehen aus. Er scheint sich in der Materie auszukennen.«

»Du meinst, es könnte ein Feuerwehrmann sein?«

Sie alle wussten um das Phänomen, dass Feuerwehrleute Brände legten, um dann bei den Löscharbeiten oder der Rettung von Menschen zu glänzen.

»Ich weiß es nicht, Fritz, aber ich denke, nein. Diese Täter agieren in kürzeren Abständen. Diese ›einmal pro Jahr‹ Kiste ist schräg. Keine Ahnung.«

»Hast du etwas zur Eigentümerin des zuletzt abgebrannten Besitzes gefunden?«

»Ihr Mann ist 2011 verstorben, er war zehn Jahre älter als sie. Seitdem lebt sie allein auf dem Hof. Es gibt einen Sohn namens Mathias Rodemund, den ich nicht erreichen kann. Er wohnt in Duisburg.«

»Versuche es weiter. Er kann uns hoffentlich mehr zu seiner Mutter erzählen.«

Als sie im Wagen saßen, fragte Hannah: »Kommst du wieder zu mir?«

Ohne nachzudenken, antwortete er: »Ja.«

»Warte bitte nicht zu lange.«

Der nächste Hof war deutlich größer und offenbar vor kurzem umfangreich renoviert worden. Ein Schild an der Zufahrtsstraße wies darauf hin, dass es sich um eine Privatstraße handelte. Kaum dass sie ihren Wagen geparkt hatten und ausgestiegen waren, kam ein junger Mann in Jeans und Hoodie um die Hausecke und blaffte sie an: »Das ist Privatbesitz, hier können Sie nicht parken.«

»Wir möchten gerne einen Herrn Antonis van Waal sprechen.«

»Mein Vater ist beschäftigt. Was wollen Sie denn von ihm?«

Friedrich zeigte ihm seinen Dienstausweis.

»Das sagen wir ihm lieber selber.«

Nachdem er den Ausweis genau studiert hatte, drehte sich der junge Mann auf dem Absatz um und ging zurück ins Haus. Kurze Zeit später kam ein beleibter Herr in dunklem Anzug aus der Haustür, der sie aus lebendigen, kleinen Augen ansah und Friedrich die Hand reichte.

»Van Waal. Was kann ich für Sie tun, Herr Kommissar?«

»Wir untersuchen die Brände hier in der Gegend, Herr van Waal. Unseren Unterlagen zufolge hat es hier letztes Jahr gebrannt.«

»Das stimmt. Es geschah während der Renovierungsarbeiten.«

»Wohnen Sie schon lange hier?«

»Nein. Ich habe den alten Hof vor drei Jahren erworben und hatte nach umfangreichen Verhandlungen die Genehmigung erhalten, ihn grundlegend instand zu setzen.«

»Da kam der Brand eher ungelegen«, warf Hannah ein.

»Da haben Sie Recht, Frau ...«

»... Wolkenstein. Kriminalkommissarin Hannah Wolkenstein.«

»Darf ich fragen, warum die Kriminalpolizei sich jetzt erneut für diese Fälle interessiert?«

»Es hat wieder gebrannt.«

»Es brennt hier jedes Jahr, und in den letzten Jahren zeigten Ihre Kollegen nur ein eingeschränktes Interesse, den Vorfällen nachzugehen.«

»Wir kommen Sie darauf?«, wollte Hannah wissen.

»Ich war betroffen, Frau Wolkenstein. Der Brand hat einen Schaden von knapp 150.000 Euro verursacht, aber niemand schien sich dafür zu interessieren. Innerhalb von zwei Wochen war alles erledigt und ich konnte mich mit der Versicherung und dem Denkmalschutz herumschlagen.«

»Was ist denn damals abgebrannt?«

»Der linke Flügel des Hauses wurde so schwer beschädigt, dass wir ihn von Grund auf erneuern mussten.«

»Und was hat der Denkmalsschutz damit zu tun?«

»Das hat die ganze Geschichte etwa um 40.000 Euro verteuert«.

»Was hat sich genau zugetragen?«

»Das sollten Sie in Ihren Unterlagen finden. Zu diesem Zeitpunkt wohnte hier niemand. Ein Nachbar hat zufällig kurz nach Mitternacht das Feuer bei einem Blick aus dem Fenster gesehen und die Feuerwehr gerufen. Die konnten dann zwar das Schlimmste verhindern, aber der Schaden war substanziell.«

»Und wenn das ganze Gebäude abgebrannt wäre?«, fragte Hannah unschuldig.

Antonis van Waal zog eine Augenbraue in einer dramatischen Geste hoch. »Wenn Sie eine warme Sanierung, wie man das in Deutschland nennt, ins Spiel bringen wollen, müsste ich mit meinen Anwälten und Ihrem Vorgesetzten sprechen.«

»Wir sind vom Morddezernat, Herr van Waal«, sagte Friedrich. »Bei dem Brand Sonntagnacht ist eine Frau ums Leben gekommen. Deshalb sind wir hier, deshalb stellen wir diese Fragen.«

Van Waal wich einen Schritt zurück. »Mord?«

Friedrich nickte. »Wir versuchen herauszufinden, ob es einen Zusammenhang zwischen dieser Tat und den Verbrechen der letzten drei Jahre gibt.«

»Herr Kommissar, ich bin Kunsthändler. Ich habe Galerien in Amsterdam, Düsseldorf und jetzt auch in Münster. Wir haben hier gekauft, weil uns Münster gefällt, weil meiner Frau und mir dieses Haus auf den ersten Blick zusagte und weil wir hier einen Teil unseres Lebens verbringen möchten. Wir haben nichts mit irgendwelchen Bränden zu tun.«

»Haben Sie von den Gerüchten gehört?«

»Ganz ehrlich, wir haben kaum Kontakt zu den Nachbarn. Man scheint hier viel Wert auf Privatsphäre zu legen, zumindest ist das unsere Erfahrung. Wir kennen einige Leute in der Stadt, aber diese Brände waren nie ein Thema.«

»Als es letztes Jahr gebrannt hat, wo haben Sie da gewohnt?«

»In Amsterdam. Wir haben dort nach wie vor ein Haus.«

»Wer hatte Zugang zu diesem Anwesen?«

»Im Prinzip jeder. Man hat uns versichert, das sei kein Problem. Zäune sind hier nicht gerne gesehen, Hecken sind erlaubt.« Er schnaubte vernehmlich und zog wiederum eine Augenbraue hoch.

»Regelmäßig waren also nur die Bauarbeiter da?«, fragte Hannah.

»Davon gehe ich aus«, entgegnete Herr van Waal. »Sie können gerne mit dem Architekten sprechen, der die Arbeiten beaufsichtigt hat.«

»Wenn Sie uns Namen und Adresse oder Telefonnummer geben, werden wir das tun«, meinte Friedrich.

Der Kunsthändler verschwand kurz im Haus und kam mit einer Visitenkarte zurück, die er Friedrich überreichte. Nachdem sie sich verabschiedet hatten, gingen sie zum Wagen.

»Adam Dawn«, bemerkte Hannah, als sie die Wagentüren geschlossen hatten. »Klingt Englisch.«

»Noch sind sie ja in der Europäischen Union«, kommentierte Friedrich lächelnd.

Zwanzig Minuten später saßen sie wieder in ihrem Büro und Dirk sah sie betrübt an.

»Ich kann euch nicht viel bieten«, meinte er. »Mathias Rodemund kann man privat nicht erreichen. Er lebt allein, ist in Kamp-Lintfort gemeldet und arbeitet als Ingenieur bei Thyssen Krupp in Duisburg. Die haben mir erzählt, er sei bis Ende der Woche im Urlaub. Mehr könne man mir nicht sagen.«

»Wir sollten die Kollegen dort bitten, sich einmal umzusehen«, erwiderte Friedrich.

»Das habe ich schon getan. Von denen erfahren wir morgen Weiteres. Wenn er in Urlaub ist ...«

»Gibt es etwas Neues von der Technik?«, unterbrach ihn Hannah.

Dirk wies auf zwei Mappen auf Friedrichs Schreibtisch. »Die ausführlichen Gutachten sind gekommen, aber mit denen sind wir so schlau wie zuvor. Alles, was Bildermann und die Brandfahnder vermutet hatten, hat sich bestätigt. Wir haben allerdings immer noch weder ein Motiv noch einen Verdächtigen.«

Friedrich griff zum Telefon. »Ist der Chef da, Frau Baumann? Schon gegangen? Nein, nichts Dringendes, wir besprechen das morgen. Danke.«

»Heißt das, wir gehen«?, fragte Dirk, während er begann seinen Schreibtisch aufzuräumen.

»Ich bin dann mal weg«, fügte Hannah hinzu, die bereits ihre Schreibtischschubladen absperrte und den Computer ausschaltete.

Kurze Zeit darauf saß Friedrich allein in ihrem Büro. Es gibt Fälle, die beginnen im Nichts und es gibt Fälle, die enden im Nichts. Letztere sind die Frustrierenderen. Bis jetzt verfügten sie nur über wenige Teile eines Puzzles, das unter Umständen gar keines war, sondern nur eine Sammlung wild zusammengewürfelter Fakten. Vier Brände, die oberflächlich nicht das Geringste miteinander zu tun hatten, und eine Frau, die man erschossen hatte, bevor sie verbrannt war.

Er warf einen leeren Kugelschreiber in den Papierkorb, die Ermittlungsakten in die zweite Schublade von oben und schloss alles ab. Dann griff er die alte Lederjacke, angelte seine Tasche unter dem Schreibtisch hervor und machte sich auf den Heimweg.

Als er gedankenverloren in die Kettelerstraße einbog, stieß er mit einem jungen Mann zusammen, der so schwungvoll um die Ecke gekommen war, dass seine dunkelblaue Baskenmütze auf dem Pflaster landete.

»Monsieur le Commissaire«, meinte Pater Aristide Ateba, nachdem er seine Mütze aufgehoben hatte, »seit wann träumt die deutsche Polizei auf offener Straße?«

»Ich arbeite gedanklich an der Lösung eines Falles«, antwortete Friedrich. »Kann doch niemand mit einem rasenden Pfarrer rechnen.«

»Allzeit bereit«, meinte der Pater. »Waren Sie nie bei den Pfadfindern, M. le Commissaire?«

»Sie haben auf alles eine Antwort, oder?«

»Auf alles nicht, sonst wäre ich nicht Priester geworden, sondern in die Politik gegangen.«

»Wohin geht es denn so eilig?«

»Ob Sie es glauben oder nicht: Es gibt noch junge Leute, die heiraten wollen.«

»Eine Trauung? Jetzt?«

Der Pater lachte. »Nein, ein Vorbereitungsgespräch. Und Sie?«

»Mir geht ein Brand im Kopf herum.«

»Davon habe ich gehört. Ist eine Frau dabei umgekommen, oder? Sehr traurig.« Er hielt einen Moment inne. »Haben Sie schon eine Spur?«

»Zur Zeit komme ich mir vor, als hätte ich 20 Teile von einem Puzzle, das mindestens 300 umfasst, und ich habe keine Ahnung, wer die anderen 280 hat.«

Pater Ateba klopfte ihm auf die Schulter und sagte: »Gottvertrauen, mein Sohn. Aber im Ernst: Sie schaffen das schon.«

»Kommen Sie mal wieder vorbei«, meinte Friedrich. »Anne und ich würden uns freuen.«

»À bientôt«, meinte der Pater nach einem Blick auf die Uhr. »Mache ich gerne«, fügte er hinzu.

Friedrich hatte den aus Afrika stammenden Pater im Rahmen einer Ermittlung kennengelernt. Er mochte dessen durch nichts zu erschütternden Optimismus und sein Vertrauen auf einen Gott, mit dem er selbst seit dem Tod seiner Frau haderte.

Als er vor der Haustür ankam, klingelte sein Telefon.

»Bist du noch im Präsidium, Paps?«

Annemarie.

»Ich bin schon fast zuhause.«

»Ich bin bei Oma. Kommst du mich abholen?«

Das hieß vermutlich, seine Mutter hätte ihn gerne zum Abendessen da.

»Klar.«

Kurz vor sechs klingelte er bei seinen Eltern. Zuerst begrüßte ihn der Jagdhund, der auf den Namen Barolo hörte, dann kam ihm seine Mutter entgegen und nahm ihn in den Arm. In dem geräumigen Wohnzimmer stand Annemaries Cello. Sie war zum Üben bei ihrer Großmutter gewesen, einer bekannten Cellistin und gefragten Lehrerin.

»Wir essen nur kalt«.

»Das passt mir ausgezeichnet, ich war in Kinderhaus Mittagessen.«

»In Kinderhaus?« Sein Vater war hinzugetreten. »Die Brände, vermute ich mal. Da soll es eine Tote gegeben haben.«

Im Präsidium hatte man seinen Vater früher ›das Orakel von der Wüllnerstraße‹ genannt, da er stets mehr wusste, als der Polizei lieb war.

Friedrich lächelte. »Wie kommst du darauf?«

»Weil sonst nichts los ist.«

Auf dem Tisch standen westfälischer Knochenschinken, Käse, Butter und ein gefüllter Brotkorb.

»Was habt ihr denn bis jetzt?«, fragte der alte von Coes.

»Kaum etwas Greifbares. Vier angeblich zusammenhängende Brandstiftungen in den letzten Jahren, die alle unterschiedliche Modi hatten.«

»Und die Tote?«

Friedrich sah seinen Vater nicht an: »Darüber können wir frühestens nach dem Essen sprechen.«

»Und warum?«, wollte Annemarie wissen.

»Ermittlungstaktische Gründe.«

»So ein ...«

»Weißt du, Anne«, sprang der Alte seinem Sohn bei, »da hat dein Vater gar nicht so Unrecht.«

»Du willst dir nur das Exklusivrecht erhalten, Opa«, antwortete Annemarie.

Carl August von Coes hätte sich fast verschluckt.

»Du wirst einmal eine prima Staatsanwältin abgeben«, meinte er dann.

»Ich habe nicht die Absicht.«

Friedrich nahm sich eine größere Portion des Knochenschinkens.

»Wisst ihr«, meinte der alte von Coes, »in den fünfziger Jahren gab es in der Ecke schon einmal einen spektakulären Brand.«

»Da warst du doch noch im Kindergarten«, meinte Annemarie.

»Danke für das Kompliment, aber da war ich schon auf dem Paulinum. Ich erinnere mich gut. Ich muss fünfzehn oder sechzehn gewesen sein. Eines Nachts ist ein alter Hof in derselben Gegend in Flammen aufgegangen. Er gehörte einem aus der Schöller Familie.«

»Sollte man die kennen?«

»Heute sicher nicht mehr, aber um die Jahrhundertwende stand der Name für eine aufstrebende mechanische Werkstätte hier. Die haben für Thyssen und Krupp gearbeitet.«

»Was haben sie denn produziert?«, wollte Friedrich wissen.

»Das weiß ich nicht genau, aber im Verlauf des Ersten Weltkriegs waren sie am Flugzeugmotorenbau beteiligt und während der Nazizeit angeblich an den sogenannten V-Waffen.«

»Und was hat das alles mit diesem Brand zu tun?«

»Das müsste man recherchieren. Ich erinnere mich nur, dass es damals eine Tote gab und der Eigentümer des Hofes, verschwunden war. Das war ein ziemlicher Skandal Mitte der fünfziger Jahre. Zu der Zeit hatten die Tommies noch das Sagen und waren angeblich involviert.«

»Die Tommies?«, fragte Annemarie.

»Die Engländer. Sie waren hier die Besatzungsmacht.«

»Was meinst du mit involviert, Vater?«

»Ich kann mich nicht mehr genau erinnern. Es hatte etwas mit geheimen Projekten während des Dritten Reichs zu tun. Du solltest mal das Stadtarchiv aufsuchen.«

»Klingt spannend, Opa. Ich habe sowieso bald Ferien.«

»Du hältst dich da raus«, warf Friedrich ein.

»Das ist eine prima Idee für meine Projektarbeit im nächsten Schuljahr.«

»Wir wollten noch einen Cognac trinken«, unterbrach sein Vater. »Und du wolltest mir etwas erzählen.«

Altes Papier hat einen besonderen Duft, dachte Friedrich, nachdem sein Vater die Schiebetür geschlossen hatte. Er schätzte nicht nur ihre Streitgespräche, sondern saß auch gerne in diesem Raum.

»Du glaubst doch nicht ernsthaft, ...«, begann Friedrich ihr Gespräch.

»Was soll ich nicht glauben? Lass Anne doch ein wenig graben. Sie hat eine Nase für Fakten und Zusammenhänge. Ihr letztes Projekt über die Polizei in NRW während des Dritten Reichs war hervorragend.«

»Dank deiner Mithilfe.«

»Ich habe nur Fragen beantwortet und sie auf einige Bücher hingewiesen. Was hat es mit dieser Toten auf sich?«

»Vater ...«

»Ja?« Carl August von Coes hatte die Cognacschwenker gefüllt.

»Was weißt du über die Brandstiftungen der letzten Jahre?«

»Dass es immer zur Sommersonnenwende gebrannt hat und dass es jede Menge Gerüchte darüber gibt. Angeblich gab es sogar Wetten ob und wenn ja, wo es dieses Jahr brennen würde.«

»Dieses Mal war ein entscheidendes Detail anders.«

»Die Tote.«

Nach einer kurzen Pause sagte Friedrich: »Sie ist erschossen worden.«

Sein Vater lehnte sich zurück und strich sich über sein dünner werdendes Haar. »Das wirft in der Tat ein anderes Licht auf den Fall.«

»Wie meinst du das?«

»Bisher ging ich von einem Nachbarschaftsstreit, von jungen Wilden oder von Nachahmungstätern aus.«

»Du hast die Geschichte also verfolgt?«

»Das lässt sich kaum vermeiden. Ich höre davon beim Bäcker, beim Metzger und selbst im alten Gasthaus Leve.«

Friedrichs Vater hatte kein Stammlokal, das wäre ihm zu profan gewesen, aber jenes alte Gasthaus kam der Idee nahe.

»Gibt es irgendwelche konkreten Hinweise?«

Friedrich trank einen Schluck Cognac und schüttelte den Kopf. »Die Tote dürfte die Besitzerin sein, das endgültige Gutachten der Gerichtsmedizin steht noch aus. Ich habe mit zwei der anderen von Brandstiftung Betroffenen gesprochen. Zeitverschwendung, wenn du mich fragst. Wir haben nichts.«

»Ich würde abwarten und tiefer graben. Irgendetwas ergibt sich immer oder irgendjemand macht einen Fehler.«

Friedrich stand auf.

»Dein Wort in Gottes Gehörgang, Vater.«

Sie gingen schweigend nach Hause.

»Warum willst du nicht, dass ich mich damit befasse?«

»Ich wüsste gerne etwas genauer, worum es da geht, bevor ich dich mit gutem Gewissen im Trüben fischen lasse.«

»Was ist so gefährlich an ein paar historischen Nachforschungen im Stadtarchiv?«

Er schwieg.

»Du verheimlichst mir etwas, Paps.«

»Nein, Anne. Ich habe nur ein ungutes Gefühl.«

»Findest du nicht, dass du in der letzten Zeit ziemlich oft auf deine Gefühle hörst?«

»Und das aus deinem berufenen Munde?«

Sie waren vor ihrem Haus angekommen.

»Du nimmst mich einfach nicht ernst.«

»Ich nehme dich sehr ernst, Anne. Deswegen meine Bedenken.«

Sie stapfte vor ihm die Treppe hinauf und ging gleich weiter ins oberste Stockwerk, in ihr kleines Reich. Auf dem Treppenabsatz drehte sie sich noch einmal um:

»Gute Nacht, Paps. Ich sehe mir das morgen trotzdem an.«

Mittwoch

»Bist du sauer?«, fragte Annemarie, während Friedrich nachdenklich auf seinen Morgenkaffee starrte.

»Nein.«

»Aber einsilbig.«

»Du kennst mich doch lange genug.«

»Ist es, weil ich Nachforschungen zu diesem Brand anstellen will?«

»Auch.«

Sie stellte eine Schüssel Müsli vor ihn und trank einen Schluck Tee. »Was treibt dich um?«

»Wenn ich das wüsste. Ich sagte es dir gestern, es ist eine Art innere Unruhe.«

Eine halbe Stunde später war er auf dem Weg ins Präsidium. Die Luft roch langsam nach Sommer, er nahm den Duft von Rosen und Nelken wahr, die in den Vorgärten blühten.

Vor der Bürotür stieß er fast mit Dirk zusammen, der auch nicht sonderlich gesprächig wirkte. Er schaltete als Erstes ihre Espressomaschine ein.

»Probleme?«, fragte Friedrich.

Dirk schüttelte den Kopf.

»Hat Schalke verloren?«

»Ausnahmsweise nicht. Felix fällt durch.«

»Ich welche Klasse geht er denn jetzt?«

»In die Sechste.«

»Tut mir leid.«

»Ach was. Ich war immer gegen das Gymnasium für Felix. Die Realschule wäre besser gewesen.«

»Warum?«

»Weil er noch sehr kindlich ist, und ...«, er zögerte einen Moment, »... weil Lernen nicht so seine Sache ist.«

»Und was sagt Nele dazu?«

»Die ist sauer und meint, ich würde mich immer vor ihn stellen und sollte ihn lieber einmal in den Hintern treten.«

Hannah betrat das Büro und gleichzeitig läutete das Telefon auf Friedrichs direkter Durchwahl. Es war nicht wie erwartet Petersen, sondern eine Rufnummer, die Friedrich nicht kannte.

»Coes.«

»Hier spricht Pröbsting, Herr Kommissar.«

Der Name sagte ihm nichts.

»Was kann ich denn für Sie tun, Herr Pröbsting?«

»Wir sind uns doch vor zwei Tagen begegnet. Auf der Brandstelle von Dörtes Hof.«

Jetzt erinnerte sich Friedrich. Der ältere Mann, der Ordnungshüter spielen wollte.

»Ich sollte doch anrufen, wenn mir etwas auffällt.«

»Und was ist Ihnen aufgefallen?«

Dirk, der nur Friedrichs Antworten hören konnte, rollte mit den Augen.

»Also, Herr Kommissar. Da war ein Auto. Das hatte ich schon vorher ein paar Mal gesehen. Ein alter, schwarzer Mercedes. Gestern war er wieder da. Zwei Männer sind ausgestiegen, haben Fotos gemacht und sind auf die abgesperrte Brandstelle gegangen.«

»Haben Sie etwas unternommen?«

»Ich sollte doch nicht.«

»Das Kennzeichen haben Sie nicht zufällig notiert?«

»Klar habe ich das, Herr Kommissar. DU – SM 88 88.«

»Wann war der Wagen denn genau da?«

»Am Spätnachmittag, so gegen fünf.«

»Und vorher?«

»Ich habe ihn drei- oder viermal in den letzten Wochen gesehen. Er wäre mir gar nicht aufgefallen, wenn die sich nicht mal verfahren hätten und plötzlich bei uns auf dem Hof gestanden wären.«

»Waren da auch zwei Männer in dem Wagen?«

»Ich denke schon.«

»Alles klar, Herr Pröbsting. Wir kümmern uns darum.«

Er legte auf.

»Wer war das denn?«, fragte Dirk.

»Ein Mann, dem ich am Montag auf dem abgebrannten Hof begegnet bin. Er wollte ein wenig Detektiv spielen und ich hatte ihm meine Visitenkarte gegeben.«

»Und jetzt?«

»Ihm ist ein Wagen an der Brandstelle aufgefallen, den er immer wieder gesehen hat und der auch gestern dort war.«

»Hast du das Kennzeichen?«

Friedrich reichte ihm den Zettel, der vor ihm lag.

»Duisburg. Wohnt da nicht der Sohn der Besitzerin?«

»Guter Punkt, schau doch mal.«

»Hab ich gerade«, mischte sich Hannah ein.

Dirk schaute verblüfft.

»Na, der Zettel lag quasi vor meiner Nase. Ich denke nicht, dass es der Sohn ist. Der Wagen gehört einer Matysek Immobilien GmbH & Co KG.«

»Wir sollten einen Blick auf diese Firma werfen«, sagte Friedrich. »Hat sich Bildermann wieder gemeldet?«

»Abgesehen von seinem vorläufigen Autopsiebericht? Nein.«

Friedrich griff zum Telefon. »Guten Morgen, Herr Doktor.«

»Herr von Coes! Haben Sie einen Zahnarzt für mich gefunden?«

»Bitte?«

»Ich schrieb doch in meinem Bericht, dass wir einen Zahnabgleich vornehmen müssen, um zumindest eine neunzigprozentige Sicherheit bei der Identifikation der Leiche zu haben.«

»Und was haben wir damit zu tun?«

»Ja, denken Sie, ich kann den Zahnarzt finden?«

»Ich dachte, für so etwas gäbe es Datenbanken.«

»Im Land des Datenschutzes? Sie belieben zu scherzen. Ich fürchte, da werden Sie jemand auf die Straße schicken müssen. Haben Sie keinen Praktikanten zur Hand?«

»Jetzt belieben Sie zu scherzen, Herr Doktor.« Friedrich legte auf.

»Kein Zahnabgleich?«, fragte Hannah.

»Kein Zahnarzt. Den müssen wir offenbar finden. Wer möchte?«

Hannah und Dirk taten, als hätten sie nichts gehört.

»Von mir aus könnt ihr knobeln. Jemand klappert die Zahnklempner ab und jemand kümmert sich um diesen Herrn Matuschek.«

»Matysek«, meinte Hannah.

»Gut, dann kümmerst du dich um ihn, und du gehst auf die Walz, Dirk.«

»Und du gehst zum Frühschoppen?«, brummte Dirk.

»Ich fahre noch einmal raus und spreche mit den Bewohnern des dritten Hofs, auf dem unser vermeintlicher Brandstifter gezündelt hat.«

Er war schon im Gehen, als ihm etwas einfiel.

»Hannah, schau doch mal, wo wir diesen Architekten finden und wann er Zeit für uns hat.«

»Wäre es nicht besser, einfach so vorbeizufahren?«

Er sah sie belustigt an. »Hast du einen Verdacht?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin lediglich ein Fan von unvorbereiteten Reaktionen.«

»Gut, dann finde so viel wie möglich über ihn heraus und wir besuchen ihn heute Nachmittag.«

Der Hof, den Friedrich aufsuchen wollte, lag in der Nähe des Kinderbachs und ließ sich nur auf schmalen, geteerten oder betonierten Wegen erreichen. Schon aus einer gewissen Entfernung sah man ein großes Wohnhaus und mehrere Nebengebäude.

Friedrich parkte seinen Dienstwagen neben einem Range Rover und stieg aus. Aus einem der Gebäude trat ein etwa fünfzigjähriger Mann, in dessen blondem Haar sich erste graue Strähnen bemerkbar machten. Er war mit einer dunkelbraunen Cordhose und einem blauen Pullover über einem weißen Hemd bekleidet.

»Kommen Sie von der Versicherung?«, wollte er wissen.

»Ich fürchte, nein.« Die Antwort trug ihm einen skeptischen Blick ein. Er nahm seinen Ausweis aus der Jackentasche. »Mein Name ist Coes, Friedrich von Coes, Kriminalpolizei. Ich möchte Herrn Heinrich Tönnies sprechen.«

»Das ist mein Vater, ich bin Gregor Tönnies. Was wollen Sie denn von ihm?«

»Wir haben die Ermittlungen zu den Bränden wieder aufgenommen und ich würde ihn gerne zu den Geschehnissen vor drei Jahren befragen.«

»Das dürfte sich schwierig gestalten, Herr Kommissar. Vater ist dement, wir pflegen ihn zuhause, aber ich befürchte, er wird ihnen keine große Hilfe sein.«

»Wohnen Sie auch hier?«

»Ja, die Tönnies haben diesen Hof in der dritten Generation. Mein Großvater hat ihn 1934 erworben.«

»Können Sie mir etwas zu den Geschehnissen vor drei Jahren erzählen?«

»Ich kann es versuchen. Möchten Sie einen Kaffee?«

»Gerne.«

Als sie in der geräumigen Küche saßen, stellte Gregor Tönnies eine große Tasse Milchkaffee vor Friedrich und holte eine Steingutflasche nebst zwei Gläsern aus dem Schrank.

»Es ist ein wenig früh, aber hier in Westfalen geht das schon. Wissen Sie, Herr Kommissar, auf dem Hof liegt ein Brennrecht, und ein kleiner Korn schadet nicht.«

Bevor Friedrich etwas sagen konnte, hatte Gregor Tönnies die bernsteinfarbene Flüssigkeit in zwei Gläser gegossen. »Prost. Was wollen Sie denn wissen?«

»Was genau ist vor drei Jahren passiert?«

»Ich kam kurz nach Mitternacht von einer Veranstaltung in Münster zurück. Als ich auf den Hof fuhr, sah ich einen Feuerschein hinter dem Haupthaus.«

»Was haben Sie getan?«

»Ich bin ausgestiegen und ums Haus gelaufen.«

»Und dann?«

»Neben dem Flüssiggastank brannte es.«

»Können Sie das genauer beschreiben?«

»Diese Tanks sind eingezäunt. An einer Ecke brannte ein Haufen.«

»Ein Haufen was?«

»Keine Ahnung. Ich bin zu meinem Wagen zurückgerannt und habe den Feuerlöscher geholt. Auf dem Rückweg habe ich 112 gewählt und die Feuerwehr angefordert. Der Tank hätte jede Sekunde in die Luft fliegen können.«

»Was geschah dann?«

»Ich habe den Brand zunächst gelöscht und dann bemerkt, dass an einem anderen Gebäude Flammen bereits meterhoch in den Himmel schlugen.«

»Es gab zwei Brandherde?«

»Richtig, aber mit Zeitverzögerung. Glücklicherweise war die Feuerwehr aus Münster schnell hier, so dass wir das Schlimmste verhindern konnten. Wenn ich zehn Minuten später nach Hause gekommen wäre, hätte es unter Umständen anders ausgesehen.«

»Was ist bei der Untersuchung herausgekommen?«

»Das sollten Sie besser wissen als ich.«

»Wir stehen am Anfang, Herr Tönnies.«

»Man hat damals über drei Monate ermittelt, am Ende wurden die Ermittlungen eingestellt. Die Behörden konnten keinen Schuldigen ausmachen.«

Er goss sich einen weiteren Korn ein, Friedrich hob abwehrend eine Hand.

»Was wissen Sie von den anderen Bränden?«

»Wenig. Der Schlimmste war ja der vor ein paar Tagen. Dörtes Hof liegt in Schutt und Asche, der war auch seit langem in Familienbesitz.«

»Und die anderen?«

»Einer von den beiden ist schon einmal abgebrannt, den hatte Opa Mitte der fünfziger Jahre billig gekauft. Ich habe ihn vor kurzem an einen Holländer verkauft.«

»Antonis van Waal?«

»Sie kennen ihn?«

»Ich habe mit ihm im Verlauf der Ermittlungen gesprochen. Glauben Sie an einen Serienbrandstifter?«

»Die Meinungen hier gehen auseinander. Persönlich glaube ich nicht an einen Irren, der immer zur Sonnenwende ein Feuer legt.«

Friedrich erhob sich. »Wenn Sie damals nicht spät nach Hause gekommen wären, hätte der ganze Hof abbrennen können, oder?«

Gregor Tönnies stand ebenfalls auf. »Ja.«

»Vielen Dank für Ihre Hilfe. Ist Ihnen sonst in den letzten Wochen hier etwas Besonderes aufgefallen?«

»Nicht, dass ich wüsste. Worauf wollen Sie hinaus?«

»Gab es ungewöhnliche Vorkommnisse, unbekannte Leute, die sich hier herumgetrieben haben?«

Der andere schüttelte den Kopf.

»Wenn Ihnen etwas einfällt, rufen Sie mich bitte an. Die alte Dörte, wie Sie sie nannten, ist ermordet worden.«

Er gab Gregor Tönnies seine Karte, der ihn mit offenem Mund anstarrte, und lief zu seinem Wagen zurück.

Als er die Treppen im Präsidium hinaufstieg, kam ihm Bernd Brockmann entgegen.

»Haben Sie kurz Zeit, Herr Kollege«, fragte der.

»Passt es Ihnen in einer halben Stunde?«

»Gerne.«

Hannah saß am Computer, Dirk war anscheinend noch auf der Suche nach dem richtigen Zahnarzt.

»Und?«, fragte sie.

»So wenig aufschlussreich wie die anderen Opfer unseres Brandstifters. Interessant ist, dass es bei diesem ersten Anschlag zeitversetzt an zwei Stellen gebrannt hat, so als ob der Täter tatsächlich einen Großbrand legen wollte.«

»Wodurch wurde das verhindert?«

»Der Sohn des Besitzers kam nach Hause, kurz nachdem die erste Ladung gezündet hatte. Hast du eigentlich etwas zu unseren Architekten herausgefunden?«

»Adam Dawn, vollständiger Namen Adam Joseph Dawn-Smythe, ist tatsächlich britischer Staatsbürger. Er hat einen Abschluss in Architektur und Geschichte in Cambridge und lebt seit Ende 2015 in Deutschland.«

»Woher weißt du das mit dem Abschluss?«

»Von der Webseite seiner Firma Dawn + Friends.«

»Das ist ein Architekturbüro?«

»Ja, und angeblich kein Schlechtes. Sie haben schon ein paar Wettbewerbe gewonnen.«

»Und wo sitzt dieses Büro?«

»In einer Villa am Kaiser-Wilhelm-Ring.«

»Die Geschäfte scheinen ja blendend zu laufen.«

»Wer weiß, Friedrich, wir könnten heute Nachmittag vorbei gehen.«

»Hast du weitere Verbindungen zu den Bränden gefunden?«

Sie schüttelte den Kopf, als Brockmann den Raum betrat.

»Herr Brockmann!« Hannah sprang freudestrahlend auf. »Ich versuche gerade Friedrich davon zu überzeugen, bei Aldo eine Pasta zu essen. Sie kommen doch mit?« Damit hatte sie ihn schon untergehakt.

---ENDE DER LESEPROBE---