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Arno Kerr

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Beschreibung

Der Selbstmord einer jungen Frau kommt Kriminalhauptkommissar Friedrich von Coes merkwürdig vor. Während er auf eigene Faust ermittelt, finden vier Jugendliche eine verweste Leiche im Wienburgpark. Was als Vorahnung begann, entwickelt sich schnell zu einem der dunkelsten und schwierigsten Fälle für Friedrich von Coes, die junge Kriminalkommissarin Hannah Wolkenstein und das ganze Team.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Arno Kerr

Tamars Schwestern

Friedrich von Coes zweiter Fall

Für Doro, die mir glücklicherweise

wieder in den Text hineingeredet hat.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar

1. Auflage

Mediathoughts Verlag - Dr. Glaw + Lubahn GbR

Copyright 2019 Mediathoughts Verlag - Dr. Glaw + Lubahn GbR

ISBN: 978-3-947724-15-4

»It has been said, ›time heals all wounds.‹ I do not agree.

The wounds remain. In time, the mind, protecting its sanity, covers them with scar tissue and the pain lessens. But it is never gone.«

Rose Fitzgerald Kennedy

Samstag, 2. November

Regentropfen hatten den Weg zwischen Hals und Kragen gefunden. Sie fröstelte. Der Weg durch den Park war länger, als sie gedacht hatte. Er war da. Sie wusste es, aber es bedeutete nichts, denn er war nicht mehr.

Ausgelöscht.

Allerseelen.

Sie hatte das Grab ihrer Mutter besucht.

Vor einem Jahr hatte die sich im Bad die Pulsadern aufgeschnitten.

Kein Abschiedsbrief.

Keine letzten Worte.

Sie war einfach gegangen.

Lass sie los, hatte ihre Freundin gesagt.

Sie ist ein Opfer, genauso wie du.

Konnte man seine Mutter loslassen?

Sie erinnerte sich, wie Mama ihr in diesem Park das Fahrradfahren beigebracht hatte. Ihrem Vater hätte dafür die Geduld gefehlt. Für ihn musste alles sofort perfekt sein.

Der Sand knirschte unter ihren Füßen, als sie neben dem eigentlichen Weg durch den Nieselregen schritt. Sie verließ den Park und ging an den stillen, kaum erleuchteten Häusern vorbei, die im Licht der Straßenlaternen glänzten.

Die Häuser ihrer Kindheit.

Geordnet.

Bürgerlich.

Makellos.

Wenn es da nicht diesen Makel gäbe.

Wenn da nicht er gewesen wäre.

Ihn, den sie vergessen wollte und nicht vergessen konnte.

Sie verharrte am Ring, auf dem die Autos lange, nasse Spuren hinter sich herzogen. Feine Tropfen, denen ein kurzes Leben beschieden war, bevor sie auf dem schwarzen Asphalt wieder vergingen.

Ob der Tod schmerzhaft war?

Du musst ihn aus deinem Leben streichen, hatte ihre Freundin gesagt. Ihn ausradieren.

Beim Radieren bleiben Spuren zurück.

Es sollte ihr letzter Weg sein.

Der letzte, vermeintliche Befreiungsschlag hatte in ihr Leere hinterlassen. Weder ein Gefühl der Befriedigung noch der Befriedung. Sie hatte nie wirklichen Hass auf ihn verspürt.

Erstaunen.

Unverständnis.

Angst.

Warum tat er es?

Warum mit ihr?

Er hatte es nie erklärt.

Er hatte es getan.

Mit ihr.

Ich.

Sie las es auf dem Kirchturm.

Ich.

Wer war sie?

Warum hatte sie in den letzten Wochen nicht zu sich gefunden, nachdem sie sich befreit hatte?

Sie betrat die Kirche durch einen der hinteren Seiteneingänge, die Vorabendmesse hatte begonnen. Sie drückte sich still in eine Ecke, als die Worte des Priesters wie durch Watte zu ihr drangen: durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld.

Er hatte sie gebraucht.

Sein Ein und Alles.

Sie könne ihm die Liebe geben, die er brauche, hatte er gesagt.

Sie drückte vorsichtig die Klinke der Tür hinunter, die zu einer schmalen Wendeltreppe führte. Leise zog sie sie hinter sich zu, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass niemand ihr Verschwinden bemerkt hatte. Langsam erklomm sie die Stufen, vorbei an der Tür, die zur Orgelempore führte, bis hin zu der verschlossenen Tür auf den Dachboden der Kirche.

Diese Kirche war Teil ihrer Kindheit und Jugend. Sie kannte jeden Winkel.

Sie griff in ihre Anoraktasche und fischte einen Schlüsselbund hervor. Die Pfarrsekretärin hatte es nie spitzbekommen, dass sie und ihre Freundinnen sich eigene Schlüssel besorgt hatten. Die Schlösser waren billig und Kopien der Schlüssel bekam man ohne Sicherungsschein für wenig Geld.

Sie stand auf dem Dachboden, den Brettersteige, zum Teil mit Handläufen, überquerten. Die Geräusche des Gottesdienstes drangen von fern zu ihr.

Der Hauptgrund, warum sie sich diese Schlüssel besorgt hatten, lag hinter einer weiteren verschlossenen Tür, vor der sie stand. Sie führte auf einen kleinen Balkon. Manchmal waren sie am Abend dort hinaufgeschlichen, nachdem sie in der Kirche Musik geprobt hatten.

Sie hatten die wenigen Sterne betrachtet, die man über dem hellen Münster sehen konnte. Sie hatten geflüstert. Von ersten Berührungen erzählt. Erste Erlebnisse, die aufwühlten, geteilt. Sie hatten die Wärme der Mauern nach einem heißen Sommertag ebenso wie den Nieselregen im Herbst auf der Haut gespürt. Man hatte sie nie erwischt. Sie hatten dichtgehalten und es geschickt angestellt.

Sie hatte ihre Geschichte nie erzählt.

Sie hätte sie nie erzählen können.

Sie schob den Schlüssel ins Schloss und öffnete vorsichtig die Tür. Jemand schien sie geölt zu haben, denn sie quietschte kein bisschen.

Von unter hörte sie die Worte:

»Herr, ich bin nicht würdig.«

»Herr, ich kann nicht mehr!«, hätte sie am liebsten geschrien.

Sie setzte sich auf den kalten Steinboden und starrte in den wolkenverhangenen Himmel. Die wenigen Empfindungen, die noch nicht tot waren, starben in diesen Momenten.

Sie stand wieder auf.

Es war Zeit.

Sie hatte gerichtet.

Jetzt würde sie sich richten.

Sie schwang ein Bein auf die steinerne Brüstung des kleinen Balkons, stand mit einem Schwung auf der schmalen Mauer und rang kurz um ihr Gleichgewicht. Einen Moment lang betrachtete sie die fallenden Tropfen im Licht der Straßenlaterne.

Dann sprang sie.

Unten spielte die Orgel.

***

Kriminalhauptkommissar Friedrich von Coes saß in der Kirche. Er saß nicht oft da. Nach dem Tod seiner Frau hatte er mit Gott gehadert. Seinen Frieden hatte er mit ihm noch nicht gemacht.

Allerseelen.

Felicitas war seit zweieinhalb Jahren tot. Krebs. Was für ein harmloses Wort für eine heimtückische Krankheit.

Er saß allein auf einer der hinteren Bänke. Ihm war es recht, dass die abendlichen Messen nicht voll waren. Es ersparte ihm Gespräche, die er nicht führen wollte. Er folgte dem Gottesdienst mehr aus Gewohnheit als aus innerem Antrieb. Seine Frau hatte im Glauben eine Stütze gefunden, er hatte in seinem Beruf viel Leid gesehen und nie den Gott entdeckt, der es ihm erklären konnte.

Aus dem Augenwinkel sah er einen älteren Herrn aus der Sakristei laufen, der am Rand des Altarraums stehen blieb und nicht zu wissen schien, was er tun sollte. Er hatte den Blick des Priesters erhascht, der nicht an seinen Platz im Altarraum zurückkehrte, sondern zu dem Mann trat, der hektisch auf ihn einflüsterte. Im selben Moment hörte Friedrich ein Martinshorn und registrierte die Reflexe von Blaulichtern auf den Fenstern der Kirche. Als er sich erhob, um nachzusehen, was geschehen war, bemerkte ihn der Pfarrer und winkte ihn zu sich.

»Herr von Coes, gehen Sie bitte mit Herrn Liekmeier. Etwas Schreckliches ist passiert.«

Als sie in der Sakristei standen, sah ihn der Mann mit kalkweißem Gesicht an und sagte:

»Jemand ist vom Turm gesprungen!«

Friedrich kniff die Augen zusammen, als er aus der Sakristei trat. Die modernen Blaulichter blendeten ihn. Mittlerweile waren mehrere Polizeifahrzeuge und ein Rettungswagen vor dem Turm der Kreuzkirche abgestellt. Als er sich nach rechts wandte, vertrat ihm ein uniformierter Beamter den Weg.

»Hier können Sie nicht durch.«

Während er die Taschen des Mantels nach seinem Ausweis durchsuchte, hörte er neben sich eine vertraute Stimme.

»Was machen Sie denn hier?«

Kriminaloberkommissar Bernd Brockmann, die Pfeife im linken Mundwinkel, hielt einen großen schwarzen Regenschirm über ihn und sich.

»Das könnte ich Sie auch fragen.«

»Ein Pils mit einem Freund, der hier um die Ecke wohnt«, meinte Brockmann und deutete auf eine Kneipe. »Als es draußen anfing, laut zu werden, wollte ich nachsehen, was los ist.«

Der uniformierte Polizist verfolgte den Austausch ungläubig.

»Ich war in der Kirche«, meinte Friedrich.

»Bitte gehen Sie einfach hinten herum«, sagte der Beamte an der Absperrung, »hier können Sie nicht durch.«

Brockmann holte seinen Ausweis aus der Jackentasche. »Oberkommissar Brockmann, das ist Hauptkommissar von Coes.«

Der Beamte, der im strömenden Regen immer nässer wurde, blickte von einem zum anderen.

»Wer hat die Einsatzleitung?«, wollte Friedrich wissen.

Als der sprachlose Polizist ihnen nicht antwortete, ließen sie ihn stehen und gingen ein Stück weiter um die Kirche herum. Fünfzehn Meter entfernt lag eine Gestalt auf dem Pflaster, um die Rettungskräfte herumstanden.

»Wer sind Sie denn?«, raunzte ein Mann sie an, dem der Regen in kleinen Bächen über das Gesicht lief und den seine leuchtend orange Jacke als Dr. Renner auswies.

»Kriminalpolizei«, sagte Friedrich. »Mein Name ist von Coes, das ist der Kollege Brockmann. Was ist passiert, Doktor?«

Der Arzt musterte sie beide, Brockmann zückte erneut seinen Ausweis.

»Es scheint sich um einen Selbstmord zu handeln. Die junge Frau hat sich das Genick gebrochen und Teile des Hinterhaupts sind zerschmettert.«

»Sie war also tot, als Sie hier eintrafen?«, fragte Brockmann.

»Ja«, antwortete Dr. Renner. »Die Rettungsassistentin, die zuerst hier ankam, ging von Selbstmord aus.«

Friedrich nickte und sah sich suchend um.

»Guten Abend, Herr Kommissar.«

Als er sich umdrehte, erblickte er Heinz Behrends, der seit einer gefühlten Ewigkeit in der Innenstadtwache Dienst tat.

»Hat man Sie auch bei diesem Sauwetter rausgeklingelt?«

»Nein, Herr Behrends, reiner Zufall.«

»Wir denken, das Mädel ist vom Turm gesprungen, aber wir wollten warten, bis die Kirche aus ist, bevor wir hineingehen.«

»Gibt es Fotos?«

»Nein, der Rettungsdienst war zuerst hier und die haben die Leiche bewegt.«

»Machen Sie bitte trotzdem ein paar Bilder.«

Er ging mit Brockmann näher an den schmalen Körper, der verkrümmt auf dem Pflaster lag. Er wirkte wie der eines Kindes, nicht wie der einer jungen Frau. Friedrich schätzte ihr Gewicht auf 45 kg, sie hatte kurze, dunkelblonde Haare, die hinten blutverkrustet waren. Die Tote schien mit geschlossenen Augen zu lächeln. Sie trug einen durchnässten, schwarzen Anorak, Bluejeans und kam Friedrich bekannt vor, ohne dass er sie in diesem Moment einordnen konnte.

»Herr von Coes?«

Friedrich drehte sich um und sah Pfarrer Kühnast am Absperrband stehen, während die Gottesdienstbesucher die Kirche verließen und verwundert die hektische Betriebsamkeit verfolgten.

Er wandte sich an Brockmann: »Sehen Sie bitte zu, dass ausreichend Fotos gemacht werden, und versuchen Sie, ihre Personalien ausfindig zu machen.«

Anschließend ging er zum Absperrband.

»Guten Abend, Herr Pfarrer.«

»Ist er tatsächlich von unserem Kirchturm gesprungen?«

»Es ist eine junge Frau und es sieht danach aus.«

Der Pfarrer schloss kurz die Augen.

»Könnten Sie mir zeigen, wie ich auf den Turm komme?«

Lukas Kühnast nickte.

Sie gingen in die Sakristei, wo er an einer Tür rüttelte, die verschlossen war.

»Das ist eine von mehreren Möglichkeiten, auf den Dachboden der Kirche zu kommen.«

»Und von dort kommt man auf den Turm?«

»Von hier aus ist es ein wenig kompliziert und ich habe keinen Schlüssel dabei. Über die Orgelempore ist es einfacher.«

Sie liefen in den hinteren Teil der Kirche, wo der Pfarrer die Klinke einer Seitentür hinunterdrückte, die sich öffnen ließ.

»Ist die immer offen?«

»Während der Gottesdienste sperren die Organisten sie auf. Sonst ist sie verschlossen.«

»Und wer hat einen Schlüssel?«

»Die Organisten, mein Mitbruder Pater Aristide Ateba, der Küster und ich. Wer außerdem einen braucht, holt ihn sich im Pfarrbüro.«

Sie stiegen eine Wendeltreppe hinauf, wo der Pfarrer eine weitere Tür öffnete. Eine Frau stand vor der Orgel, ordnete Noten und sah ihn erstaunt an.

»Es hat einen schrecklichen Unfall gegeben, Frau Althof. Das ist Herr von Coes von der Kriminalpolizei.«

»Was ist denn passiert?«

»Haben Sie während des Gottesdienstes jemanden hier oben bemerkt?«, wollte Friedrich wissen.

»Nein, heute hat der Chor nicht gesungen, ich war allein hier. Was ist denn geschehen, um Himmels Willen?«

»Es kann sein, dass jemand vom Turm aus Selbstmord begangen hat.«

»Die Türen oben sind alle abgeschlossen.«

Friedrich sah den Pfarrer an.

»Das stimmt.«

»Können wir bitte hochgehen?«

Sie erklommen weitere Stufen und standen am Ende der schmalen Wendeltreppe vor einer braunen Holztür. Als der Pfarrer in seine Tasche griff, um einen Schlüsselbund hervorzuholen, drückte Friedrich die Türklinke hinunter, um zu sehen, ob die Tür verschlossen war.

Sie war es nicht.

»Und wer hat diesen Schlüssel?«

»Ich habe einen am großen Schlüsselbund, der Küster hat einen und die anderen hängen im Pfarrbüro. Wenn Sie das genau wissen wollen, müssen wir Frau Klatt fragen, die verwaltet das Schlüsselbuch.«

Sie blickten auf ein Tonnengewölbe, über das einzelne Brettersteige führten.

»Wo geht es denn zum Turm?«

Der Pfarrer deutete auf eine Tür, die sich als verschlossen erwies.

»Ich glaube nicht, dass von dort jemand gesprungen ist. Die Fenster sind zu schmal und rund um die Glocken sind Schallluken, durch die sich niemand zwängen kann.«

Friedrich deutete auf eine weitere Tür, von der die Farbe abblätterte: »Wohin führt diese Tür?«

»Es gibt einen kleinen Balkon außen am Turm. Eine Spielerei des Architekten.«

Friedrich ging zu der Tür, sie war angelehnt.

»Ist die immer offen?«

Der Pfarrer folgte ihm.

»Nein. Da draußen hat niemand etwas zu suchen. Die Brüstung ist niedrig und es besteht Unfallgefahr.«

Friedrich zog die Tür auf und bemerkte sofort zwei Dinge: In einer Ecke des Balkons stand auf dem Boden eine weit heruntergebrannte, verloschene Kerze; auf der Steinbrüstung sah man, trotz des Regens, Spuren von Erde. Als der Pfarrer in die Tür trat, hielt Friedrich ihn auf und deutete auf die Kerze:

»Sind Sie sicher, dass hier niemand heraufkommt?«

Der Pfarrer war wie vor den Kopf geschlagen. »Ich habe keine Ahnung, wie das möglich ist, Herr von Coes. Wir werden das prüfen.«

»Das sollten Sie. Lassen Sie uns wieder hinuntergehen. Ich möchte, dass meine Kollegen hier ein paar Aufnahmen machen.«

Unten kam ihnen Brockmann entgegen.

»Wir sollten die Leiche in die Pathologie abtransportieren lassen. Die Frau hatte keinen Ausweis oder sonst etwas bei sich, anhand dessen wir sie identifizieren könnten.«

Friedrich nickte, erklärte ihm, wie er auf den Turm käme, und bat darum, oben einige Fotografien zu machen. Als er anschließend auf die Absperrung zuging, meinte der Pfarrer:

»Könnte ich bitte mitkommen? Ich möchte ein Gebet sprechen.«

Friedrich hob das Trassierband für den Pfarrer und sich hoch. Als sie sich der toten jungen Frau näherten, schien sich für einen Moment die Hektik zu verlangsamen. Die Sanitäter und Polizisten blickten Pfarrer Kühnast an. Er bekreuzigte sich und sprach ein kurzes Gebet. Danach trat er näher an den Körper der Frau. Plötzlich wurde er blass, wich zwei Meter zurück, drehte sich um und ging mit unsicheren Schritten auf die Absperrung zu. Friedrich folgte ihm mit ein wenig Abstand.

Als er die Kirche betrat, kniete der Pfarrer auf den Altarstufen.

Friedrich setzte sich in die erste Bank und wartete. Nach einigen Minuten kam der Pfarrer zu ihm. Sein Blick war verschlossen und er starrte auf seine gefalteten Hände.

»Kennen Sie sie?«

Pfarrer Kühnast nickte.

»Daniela Miller. Sie war Messdienerin.«

Er schwieg einen Moment.

»Ein eher stilles, nachdenkliches Mädchen, sehr zuverlässig. Ich habe sie seit längerem nicht mehr gesehen.«

Er blickte Friedrich an.

»Die meisten hören auf, wenn sie die Schule verlassen. Mit Glück sehe ich sie wieder, wenn ihr erstes Kind getauft wird.«

Er sah zu Boden.

»Falls sie dann noch hier wohnen.«

Friedrich fühlte sich verlassen in der kalten Kirche. Die nach wie vor blinkenden Blaulichter warfen merkwürdige Schatten.

Bernd Brockmann trat aus der Sakristei und blieb an der Tür stehen, nachdem er Friedrich und den Pfarrer nebeneinander sitzen sah.

Friedrich brachte es nicht über sich aufzustehen. Er kämpfte immer noch mit der Vergangenheit. Mit dem Tod. Mit dem seiner Frau und mit dem jenes Menschen, den er vor mehr als zwei Jahren erschossen hatte. Er dachte an seine Tochter. Annemarie. Dann nahm er Brockmann wahr, erhob sich und ging in Richtung Sakristei.

»Die Kollegen sind fertig.«

»Dann sollten wir Schluss machen.«

»Wahrscheinlich war es Selbstmord.«

Friedrich mochte das Wort nicht. Mord implizierte Grausamkeit und Heimtücke. Selbsttötung war meistens eine Verzweiflungstat.

»Der Pfarrer kennt die Tote. Sie heißt Daniela Miller. Ich möchte ein wenig genauer hinsehen, aber Sie haben Recht. Die Kollegen sollen Schluss machen, die Leiche geht in die Pathologie und die Fotos hätte ich gerne morgen auf meinem Schreibtisch. Wir sollten die Angehörigen benachrichtigen.«

Der Regen hatte sich in Nieseln verwandelt, als Friedrich langsam nach Hause ging. Die Straßenlampen verhüllten mehr, als sie erhellten.

Friedrich schüttelte den Schirm vor der Haustür aus, stieg die ausgetretenen Stufen in den dritten Stock, öffnete die Tür und betrat seine Wohnung.

Warum hatte sich das Mädchen umgebracht?

Warum brachte man sich um?

Verzweiflung.

Angst.

Hilflosigkeit.

Not.

Not. Wie oft hatte es seine Mutter gesagt.

Ohne Not tut man das nicht.

Warum war sie gesprungen?

Das Bild der verkrümmt auf dem Boden liegenden jungen Frau ließ ihn nicht los. In der Rotweinflasche, die auf dem Küchentisch stand, war genug für ein Glas. Er wollte keine Musik hören. Am liebsten hätte er sich verkrochen.

Ein Geräusch schreckte ihn auf, während er die erleuchteten Fenster auf der anderen Seite der Straße betrachtete.

»Papa?«

Es dauerte eine Weile, bis Annemaries Stimme zu seinem Hirn durchdrang.

»Ja.«

»Was machst du hier im Dunkeln?«

Er war unfähig zu antworten.

Sie setzte sich ihm gegenüber, während sein Blick weiter auf der gegenüberliegenden Straßenseite ruhte.

»Eine junge Frau ist tot.«

Seine Tochter schwieg.

»Sie ist vom Kirchturm gesprungen.«

Annemarie hob den Kopf.

»Von unserem?«

Friedrich nickte, unsicher, ob Annemarie das im dunklen Wohnzimmer erkennen konnte.

Das Nächste, was er hörte, war das Geräusch eines Streichholzes, als Annemarie eine Kerze anzündete, die dem Raum ein wenig die Dunkelheit nahm.

»Und was hat das mit dir zu tun?«

»Ich war zufällig da.

Ich habe sie liegen gesehen.

Ich habe ...«

Er schwieg einen Moment.

»Der Pfarrer kannte sie.«

Er sah Annemarie an.

»Warum tut man das? Das Leben ist kostbar. Warum es vergeuden?«

Annemarie hatte sich daran gewöhnt, dass ihr Vater solche Fragen stellte. Sie dachte sich, dass er früher diese Gespräche mit ihrer Mutter geführt hatte, aber die gab es nicht mehr.

»Wahrscheinlich hat ihr niemand geholfen.«

»Wie meinst du das?«

»Wenn dir niemand hilft, verzweifelst du.«

Er schwieg.

»Und wenn man verzweifelt, ist es leicht, das Leben als sinnlos zu empfinden.«

Er starrte weiter aus dem Fenster.

»Was willst du machen?«

Er stand auf und wandte sich ihr zu.

»Genau hinschauen. Versuchen zu verstehen. Und sicherstellen, dass hinter diesem sinnlosen Tod nicht mehr steckt.«

Er küsste sie auf die Stirn.

»Das ist mein Beruf. Gute Nacht, Anne.«

Sonntag, 3. November

Kurz nach sechs klatschte heftiger Regen gegen das Fenster seines Schlafzimmers. Er war aufgestanden und hatte den Vorhang ein wenig zur Seite gezogen. Es schüttete. Angeblich regnete es in Münster, oder die Kirchenglocken läuteten. Wenn beides zusammentraf, dann war Sonntag. Bauernweisheiten.

Er öffnete die Schlafzimmertür, ging fröstelnd in die Küche, machte den Kühlschrank auf und trank einen Schluck Mineralwasser. Anschließend verkroch er sich wieder in sein Bett.

Als er erwachte, rumorte Annemarie in der Küche. Er zog sich den alten Morgenmantel an, stolperte barfuß und verhalten fluchend über die Türschwelle und fand seine Tochter bei einer großen Tasse Tee auf ihren Tabletcomputer starrend.

»Neuigkeiten zum Weltuntergang?«

»Bestenfalls zum Untergang der liberalen Demokratie.«

Sie schaffte es immer wieder, ihn in Erstaunen zu versetzen.

»Was ist es dieses Mal?«

»Nichts Neues. Meine Altersgenossen legen sich Denk- und Sprechverbote auf. Hast du gut geschlafen?«

»Ja, klar.«

Friedrich warf die Kaffeemaschine an und suchte das Toastbrot.

»Willst du nicht einmal ein Müsli anstelle von Toast versuchen?«

»Heute ist Sonntag.«

»Montags isst du auch keins.«

Er grinste.

Als er ihr mit einer Tasse schwarzen Kaffees und einem Buttertoast gegenüber saß, fragte sie: »Was machst du heute?«

»Chillen.«

»Lass es, Paps. Das ist meine Sprache und nicht deine. Gehen wir Mittagessen?«

»Wenn du magst. Ich will nur kurz im Präsidium anrufen, ob sie die Familie der jungen Frau ausfindig gemacht haben.«

»Muss das heute sein?«

Als er mit den Schultern zuckte, stand sie auf und deponierte Tasse und Müslischüssel im Spülbecken.

»Wann gehen wir?«

»Wohin willst du?«

»Mir egal.«

Kurz vor elf rief Friedrich beim Bereitschaftsdienst an. Die junge Frau lebte zusammen mit ihrem Vater, aber die Kollegen konnten dort niemand erreichen. Frustriert legte er auf. Vor Montag würde sich nichts machen lassen.

Er ging nach oben, um Annemarie zu fragen, ob sie Lust hatte, ins Klein Marrakesch zu gehen.

Montag, 4. November

Kurz nach halb acht war Friedrich auf dem Weg ins Polizeipräsidium. Mütter und Väter transportierten ihre Kinder mit Lastenrädern in den Kindergarten. Farbige Anoraks und freudige Mienen machten ihm Hoffnung auf einen guten Tag.

Als er das Büro betrat, saß Dirk Grimm an seinem Schreibtisch und widmete sich mit mürrischem Gesicht liegengebliebenem Papierkram.

»Kein gutes Wochenende?«

»Wir hatten eine große Familienfeier.«

»Ist doch schön.«

»Einmal, wenn Schalke gewinnt, kann ich das Spiel nicht sehen.«

Friedrich verbiss sich ein Lachen. Hannah betrat den Raum und legte die Westfälische Allgemeine auf den Tisch.

»Schon gelesen?«, fragte sie und deutete auf die Schlagzeile ›Dramatischer Selbstmord‹.

Dirk schüttelte den Kopf.

»Nö. Wieso dramatisch?«

»Die junge Frau ist von Kirchturm gesprungen.«

»Von einem Balkon am Kirchturm«, korrigierte Friedrich.

»Du hast es also schon gelesen.«

»Anne liest die FAZ und ich trinke morgens Kaffee.«

»Woher weißt du dann die Details?«

»Ich war vor Ort.«

Die beiden schauten ihn an.

»Ich war in der Kirche, als sie sprang, und habe mich danach ein wenig umgesehen. Apropos.«

Er griff zum Telefon.

»Habt ihr die Eltern des Mädchens, das sich am Samstag umgebracht hat, benachrichtigt?«

Er hörte zu.

»Und warum nicht?«

Friedrich wurde sichtbar ärgerlich: »Warum mich das interessiert? Es interessiert mich eben. Schicken Sie mir bitte die Unterlagen hoch.«

»Was war das denn?«, wollte Hannah wissen.

»Ein Döskopp«, brummte Friedrich.

»Und was haben wir mit diesem Selbstmord zu tun?«

»Ihr habt damit nichts zu tun, Dirk. Ich habe die junge Frau dort liegen sehen und mir will es nicht ins Hirn, warum man so etwas macht. Ich möchte es besser verstehen.«

In diesem Augenblick schob sich Bernd Brockmann durch die Tür.

»Morgen, Kollegen.« Zu Friedrich meinte er: »Ich habe zu unserer Selbstmörderin ein wenig nachgeforscht. Danielas Mutter hat vor einem Jahr auch Selbstmord begangen und ihr Vater ist nicht auffindbar.«

»Wie meinen Sie das?«

»Er war in den letzten Wochen krankgeschrieben, hatte am 10. Oktober eine Bandscheibenoperation und sollte vergangene Woche nach Bad Rothenfelde zur Reha. Dort ist er allerdings nie aufgetaucht.«

»Und woher wissen Sie das alles?«, fragte Hannah.

Brockmann lächelte verschmitzt.

»Ich habe ein wenig telefoniert.«

»Haben Sie geprüft, wo sie gemeldet war?«

»Bei ihrem Vater in der Wermelingstraße.«

»Gibt es sonst irgendetwas?«, fragte Friedrich Dirk.

»Nö, nur Papier, Papier, Papier.«

»Dann werde ich einen Spaziergang machen. Kommt jemand mit?«

»Wenn es sonst nichts gibt«, meinte Hannah.

Brockmann gab Friedrich ein Stück Papier.

»Ich habe Ihnen hier das Wichtigste aufgeschrieben. Lassen Sie mich wissen, falls Sie mehr brauchen.«

Nachdem er das Büro verlassen hatte, fragte Dirk: »Wieso interessiert der sich denn für diesen Selbstmord?«

Friedrich, der im Gehen war, drehte sich um und sagte: »Er war vorgestern Abend zufällig auch vor Ort.«

Friedrich und Hannah gingen eine Weile schweigend den Ring entlang. Seine Gedanken kreisten um die tote junge Frau. Eine Situation, die er nicht verstand, ließ ihn oft nicht mehr los.

»Wohin gehen wir eigentlich?«

»Ich möchte einen Blick auf Millers Haus werfen.«

»Warum mischst du dich in die Sache ein?« Hannahs Worte schnitten durch die Kühle des Morgens.

»Verstehst du nicht, dass ich gerne mehr wissen möchte?«

»Normalerweise ziehst du eine klare Trennlinie zwischen unserer Arbeit und deinen Gefühlen.«

Er vergrub die Hände tiefer in die Taschen seiner Lederjacke.

»Ich kann es dir nicht erklären, Hannah. Irgendetwas passt da nicht. Dieser Balkon mit der Kerze, eine Mutter, die sich umgebracht hat, ein Vater, der nicht auffindbar ist.«

»Ein Balkon mit einer Kerze?«

»Der Pfarrer sagte, niemand dürfe auf den Balkon, weil es gefährlich sei – trotzdem stand da eine abgebrannte Kerze auf dem Boden. Er meinte, die Tür sei immer abgeschlossen. Wer hat sie aufgeschlossen? Und dann haben wir eine junge Frau, die sich umgebracht, aber keine Notiz, keinen Abschiedsbrief hinterlassen hat.«

Sie standen an einer roten Ampel, er strich sich nachdenklich durch die dünner werdenden Haare, schnippte mit einem Finger und griff zum Handy.

»Das ging aber schnell, Herr von Coes«, meinte Brockmann.

»Wissen Sie zufällig, ob man bei ihr Schlüssel gefunden hat?«

»Ich kümmere mich darum.«

Brockmann musste er seine Gedankengänge nie erklären.

Hannah sah ihn an.

»Wenn es kein Fremdverschulden gibt, muss sie ja irgendwie auf diesen vermaledeiten Balkon gekommen sein. Sie hatte einen Schlüssel. Woher?«

Sie bogen rechts ab.

»Und was machen wir bei ihr zu Hause?«

»Wir sehen uns um.«

Zehn Minuten später standen sie vor einem Reihenhaus, das in dem gleichen verschlissenen Beige gestrichen war wie die anderen daneben. Im Erdgeschoss gab es keine Gardinen; man sah eine aufgeräumte Küche und blickte durch eine offen stehende Tür in ein kleinbürgerlich eingerichtetes Wohnzimmer. Friedrich öffnete die Gartentür und klingelte an der Haustür.

Nebenan ging die Tür auf und eine ältere Frau trat ins Freie.

»Da ist niemand zu Hause. Was wollen Sie denn?«

Dieses Mal hatte Friedrich seinen Ausweis griffbereit. »Mein Name ist von Coes, Kripo Münster. Wir müssen Herrn Miller sprechen.«

»Herr Miller ist auf Reha und seine Tochter war in den letzten Tagen nicht da.«

»Wohnt seine Tochter nicht hier?«

»Sie kommt und geht. Worum handelt es sich denn?«

»Reine Routine, Frau ...?«

»Overkamp. Hilde Overkamp.«

»Können Sie sich erinnern, wann Sie hier das letzte Mal Vater oder Tochter gesehen haben?«

»Bei Herrn Miller ist das eine Woche, wenn nicht länger her. Daniela war vor fünf oder sechs Tagen mit einer Freundin hier.« Sie zog nachdenklich die Stirn kraus. »Diese Frau war auch gestern Nachmittag hier. Sie hatte einen Schlüssel und kam mit einer Plastiktasche wieder heraus. Wissen Sie«, fügte sie entschuldigend hinzu, »vom Küchenfenster aus schaut man auf die Vorgärten.«

»Haben Sie eine Ahnung, wo wir seine Tochter finden können?«

Die Zeitungen hatten den Namen der Toten nicht veröffentlicht.

»Die studiert. Ich denke, sie wohnt in einer WG oder einem Studentenwohnheim. Wie gesagt, sie kommt und geht, aber ich denke nicht, dass sie hier wohnt.«

»Vielen Dank, Frau Overkamp.«

»Und was machen wir jetzt?«, fragte Hannah.

»Findest du das nicht merkwürdig?«

»Merkwürdig schon, aber gibt es sicher eine plausible Erklärung.«

Friedrich angelte das Handy aus der Jackentasche und wählte Brockmanns Nummer.

»Bei ihr wurde ein Schlüsselbund sichergestellt«, meinte der.

»Wissen Sie, wo Herr Miller gearbeitet hat?«

»Er ist einer der Marktleiter in dem großen Supermarkt in der Kanalstraße.«

Als sie ein Stück in Richtung Präsidium gelaufen waren, schlug Friedrich vor: »Sollen wir in dem Supermarkt vorbeischauen, wo er gearbeitet hat?«

»Was versprichst du dir davon?«

Er zuckte mit den Schultern.

Kurze Zeit später betraten sie den Supermarkt und fragten nach dem Marktleiter.

»Montags gibt es keine Vertreterbesuche«, meinte eine streng blickende Mitarbeiterin, die sie beim Einräumen von Babywindeln unterbrochen hatten.

»Wir wollen nichts verkaufen.«

Friedrich zeigt ihr seinen Dienstausweis.

»Worum geht es?«

»Bitte, wo finden wir den Marktleiter?«

Sie deutete unwillig auf eine Tür im hinteren Bereich des Marktes. Als auf ihr Klopfen niemand antwortete, drückte Friedrich die Klinke und sie betraten einen kleinen Raum, wo ein Mann vor einem Computer saß.

»Wer sind Sie denn?«, fuhr der sie an. »Ich möchte nicht gestört werden.«

Tolles Betriebsklima, dachte sich Hannah.

»Ich bin Hauptkommissar von Coes, Kripo Münster, das ist die Kollegin Wolkenstein.«

Der Mann stand auf und reichte ihnen die Hand. »Vorderbrügge. Tut mir leid, dass ich Sie angeblafft habe, aber wir müssen Montagmorgen seit neuestem jede Menge Statistiken fertigstellen und dafür brauche ich einfach Ruhe. Womit kann ich Ihnen dienen?«

»Wir wüssten gerne, wann Sie ihren Kollegen, Herrn Miller, das letzte Mal gesehen haben.«

»Ist ihm etwas passiert?«

»Wir müssten ihn dringend sprechen.«

»Rolf ist seit einiger Zeit auf Reha und kommt erst Mitte November zurück. Waren Sie bei ihm zu Hause?«

»Ja.«

»Konnte Ihnen seine Tochter nichts Näheres sagen?«

Friedrich und Hannah sahen einander an.

»Lebt sie denn bei ihrem Vater?«

»Nach dem, was Rolf sagte, dachte ich das.«

»Was für ein Typ ist Herr Miller?«, mischte sich Hannah in das Gespräch ein.

»Guter Kollege. Ist seit fünf Jahren hier im Markt. Eher ruhig, wird demnächst 50. Dortmund Fan. Warum wollen Sie das alles wissen?«

»Wie gesagt, wir würden ihn gerne sprechen und können ihn nicht finden. In Deutschland ist das eher ungewöhnlich.«

»Haben Sie in Erfahrung gebracht, in welcher Reha- Klinik er ist?«

Friedrich nickte.

»Dort ist er nie aufgetaucht.«

Herr Vorderbrügge sah sie verblüfft an.

»Das gibt‹s doch nicht.«

»Anscheinend schon. Vielen Dank und bitte behalten Sie unser Gespräch für sich.«

Wieder auf der Straße meinte Hannah: »Reine Routine?«

»Erste Zweifel, Frau Kollegin?«

Kurz nach zwölf liefen sie im Präsidium die Treppe hoch, als ihnen Dirk entgegen kam.

»Friesenschmiede?«

Das war der Spitzname der neuen Polizeikantine.

»Grieche?« Hannah wusste, dass ihre beiden Kollegen leicht zu überreden waren.

Nachdem drei Ouzos vor ihnen standen, fragte Dirk: »Was treibt dich bei diesem Selbstmord um?«

»Es ist mehr ein Gefühl, Dirk. Es sind Teile eines Puzzles, das nicht zusammenpasst. Mutter bringt sich um, Tochter ebenso, Vater verschwunden.«

»Wir sollten versuchen, diese Freundin zu finden«, meinte Hannah.

Dirk sah sie fragend an und sie erzählte von ihrem Gespräch mit der Nachbarin.

»Und wie sollen wir das anstellen?«

Vor ihnen tauchten drei dampfende Teller auf.

Friedrich schaute skeptisch: »Wir haben noch gar nicht bestellt.«

»Das ist Stifado«, sagte Christos grinsend. »Ich habe heute Morgen frisches Lamm im Großmarkt bekommen und nachdem ihr zu meinen Lieblingsgästen gehört ...«

Sie ergaben sich in ihr Schicksal, zumal Wasser und Rotwein wie von selbst am Tisch auftauchten.

Während sie schweigend den aromatischen Schmortopf genossen, erinnerte sich Dirk an ein Gespräch zwischen ihrem Chef Petersen und Kriminaldirektor Mühsam, das er zufällig gehört hatte. Mühsam hatte Fritz mit einem Münsterländer Jagdhund verglichen. Zielstrebig, wenn er Witterung genommen hatte, kaum abzulenken und bisweilen überraschend schnell.

»Ernsthaft, Fritz«, nahm er den Faden wieder auf, nachdem er den letzten Bissen Stifado mit einem Schluck Rotwein hinuntergespült hatte. »Meinst du nicht, dass du einem Phantom hinterherjagst?«

Friedrich sah die beiden an, kratzte sich nachdenklich hinter dem Ohr und gab Christos Handzeichen, die eine Mischung aus Kaffee und Rechnung andeuteten. Dann stützte er sein Kinn auf seine rechte Hand.

»Es gibt da etwas. Ich weiß noch nicht was, aber da entwickelt sich etwas. Und es wird uns um die Ohren fliegen, wenn wir nicht aufpassen.«

Christos stellte eine Tasse griechischen Mokka unter seine Nase.

»So viele Zufälle kann es gar nicht geben.«

Als sie kurz nach zwei ihr Büro betraten, fand Friedrich einen Schlüsselbund in einem Asservatenbeutel auf seinem Schreibtisch.

»Das habe ich vergessen«, meinte Dirk. »Hat Brockmann vorbeigebracht. Du wüsstest schon.«

Friedrich nahm den Schlüsselbund aus dem Plastikbeutel. Ein gutes Dutzend Schlüssel wogen schwer in seiner Hand. Nachdem nichts weiter im Posteingang lag, zog er sich die Lederjacke wieder an und warf einen Blick aus dem Fenster, um die Regenwahrscheinlichkeit abzuschätzen.

»Hat einer von euch zwei Lust, bei der Uni vorbeizuschauen, um mehr über Daniela Miller herauszufinden?«

»Das hier dauert noch eine Stunde«, murmelte Hannah konzentriert auf den PC-Bildschirm blickend, »danach kann ich gerne dort vorbeischauen.«

»Gut, dann bin ich jetzt mal weg. Wenn du etwas zu dieser Freundin herausfindest, sag mir bitte Bescheid. Sonst sehen wir uns morgen.«

Auch wenn es nicht regnete, war Münster im November trüb. Die Fahrräder schienen langsamer zu fahren, die Fußgänger blickten eher auf ihre Schuhspitzen als in die Gesichter ihrer Mitmenschen.

Friedrich schlenderte durch das Kreuzviertel. Die Turmuhr schlug drei, als er die Kirche betrat. Der hohe Raum war leer, der Straßenlärm verstummte, nachdem die schwere Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war. Er setzte sich in die letzte Bank und starrte auf das große Kreuz über dem Altar. Es war Jahre her, dass er allein in einer Kirche gesessen hatte. Als er den tödlichen Schuss abgegeben hatte, war ihm Gott keine Hilfe gewesen. Er hatte versucht, mit ihm zu sprechen, aber nichts von ihm gehört. Nur von seinen Freunden, nicht von Gott.

Als er nach einiger Zeit aufblickte, saß zwei Reihen vor ihm ein Mann in einem blauen Anorak, dessen Kommen er nicht bemerkt hatte. Als der Mann sich umdrehte, sah er zunächst ein breites Lächeln.

»Beter sind selten geworden heutzutage«, sagte der Mann mit einem leichten französischen Akzent.

»Woher wollen Sie wissen, dass ich gebetet habe?«

»Ich habe es aus Ihrer Haltung und Ihrem Gesichtsausdruck geschlossen.«

»Werden Sie lieber kein Detektiv.«

»Habe ich nicht vor«, meinte der lächelnde Mann in dem dicken Anorak. »Ich bin Pater Aristide.«

Friedrich sah ihn erstaunt an, erinnerte sich aber, dass Pfarrer Kühnast den Namen am Sonntagabend erwähnt hatte. »Wie ist es denn in Münster?«

»Nass und kalt, zumindest wenn man aus Kamerun kommt.«

Friedrich musste lachen: »Und was machen Sie hier?«

»Ich bin Priester und schreibe meine Doktorarbeit in Theologie. Und Sie?«

»Ich bin Kriminalkommissar und mich lässt eine junge Frau nicht los.«

»Samstag?«

Friedrich nickte.

»Waren Sie der Polizist, der im Gottesdienst war?«

Friedrich nickte wiederum.

Zwei dunkle, nachdenkliche Augen blickten ihn an. »Manchmal lässt uns der Tod eines Menschen nicht los.«

Sie saßen einige Minuten schweigend. Friedrich hasste diese Momente. Er hatte Vertrauen zu diesem jungen Mann gefasst, wusste aber nicht, wie er das Gespräch weiterführen sollte.

»Wenn Sie mal reden wollen ...«

Pater Aristide hatte sich aus der Kirchenbank geschoben. Auch Friedrich erhob sich.

»Kommen Sie auf ein Glas Wein vorbei«, meinte er. »Ich wohne nicht weit von hier.«

Er zog eine Visitenkarte aus der Brieftasche und schrieb seine Privatadresse auf die Rückseite.

»Ich nehme Sie beim Wort, Monsieur le Commissaire.«

Nachdem der junge Priester gegangen war, ging Friedrich zu der Treppe, die er mit Pfarrer Kühnast zur Orgelempore hochgegangen war. Beim Griff nach dem Schlüsselbund in der Jackentasche, um die Tür zu öffnen, meldete sich sein Handy.

»Papa?«

»Ja, Anne?«

»Opa hat einen Hasen geschossen.«

Friedrich wusste nicht, was er sagen sollte.

»Oma hat daraus ein Hasenpfeffer gekocht.«

Ach so.

»Hast du Lust?«

Die Frage war eher, ob er eine gute Ausrede hatte.

Er hatte keine.

»Wann sollen wir denn da sein?«

Er hörte seine Tochter aufatmen.

»Wann immer wir wollen.«

Bei seinem Vater hieß das spätestens um 19 Uhr. Es war kurz nach vier.

»Sag Oma, wir kommen um halb sieben.«

Das Schloss sah nach einem altmodischen Bartschloss aus. An dem Schlüsselbund befanden sich drei Schlüssel, die passen könnten. Der zweite öffnete die Tür.

»Was machen Sie da?«

Eine gedrungene, ältere Frau, die einen Karton Kerzen im Arm hielt, hatte durch den Seiteneingang die Kirche betreten. Friedrich musterte sie und sagte lakonisch:

»Die Tür aufschließen.«

Die Frau hatte den Karton abgestellt, die Arme in die Hüften gestemmt und raunzte ihn an: »Woher haben Sie den Schlüssel? Da oben hat niemand etwas verloren. Es ist erst ein Unfall passiert.«

Es gab einen Tonfall, bei dem es Friedrich schwerfiel, ruhig zu bleiben.

»Darum bin ich hier, Frau ...«

»... Klatt«, blaffte sie. »Und Sie sind ...?«

»Hauptkommissar von Coes. Kriminalpolizei. Und jetzt würde ich gerne meine Arbeit machen.«

»Weiß der Herr Pfarrer, dass Sie da sind?«

»Ich spreche mit Pfarrer Kühnast, wenn es notwendig ist. Vielen Dank.«

Da Frau Klatt nicht wusste, was sie sagen sollte, nickte Friedrich ihr zu und begann die Treppe hinaufzusteigen. Dieses Mal war die obere Tür verschlossen. Ein weiterer Schlüssel an dem Bund, der Daniela Miller gehört hatte, öffnete sie, und Friedrich fand sich auf dem Dachboden über der stillen Kirche wieder.

Auch die Tür zum Balkon war verschlossen.

Der dritte Bartschlüssel passte.

Die junge Frau hatte für alle drei Türen den entsprechenden Schlüssel an ihrem Schlüsselbund gehabt.

Als er auf den Balkon trat, sah er unten Frau Klatt mit energischen Schritten die Straße zum Pfarrhaus überqueren. Er stützte sich mit den Händen auf die Brüstung. Bei Tageslicht schien der Balkon nicht hoch zu sein. Der Wind hatte die Erde weggeblasen, in der Ecke am Boden stand immer noch eine einsame Kerze. Rot. Als wäre sie vom Adventskranz übrig geblieben.

Unten überquerte ein farbiger junger Mann gemeinsam mit Frau Klatt, die wild mit den Armen ruderte, die Straße. Friedrich, der gerne eine Weile auf dem Balkon stehen geblieben wäre, drehte sich um, trat zurück auf den Dachboden und verschloss die Tür hinter sich. Er ging die Wendeltreppe hinab, versperrte auch die nächste Tür und lief langsam die Stufen hinunter.

Als er den Kirchenraum betrat, stand Frau Klatt neben Pater Aristide und ruderte immer noch mit den Armen.

»Dieser Mann ...«, ihr Zeigefinger durchbohrte die Luft in Richtung Friedrich, »hat ohne mein Wissen ...«

»Es reicht.«

Friedrichs Stimme war ruhig.

»Ich bin sicher, Sie haben Wichtigeres zu tun.«

Es dauerte Sekunden, bis sie den Mund geschlossen, auf den Hacken kehrt gemacht und durch die Seitentür verschwunden war.

»Das ist mir noch nie gelungen«, meinte Pater Aristide.

»Ich hatte einen guten Lehrmeister.«

»Ihr Vorgesetzter, zweifelsohne.«

»Mein Vater, Pater. Münsteraner, Anwalt, Jäger, Familienmensch. In dieser Reihenfolge.«

»Ich würde ihn gerne kennenlernen.«

»Ich zeige ihn Ihnen irgendwann einmal in der Kirche. Er ist da öfters als ich.«

»Und was wollten Sie da oben?«

Pater Aristides Kinn wies in Richtung Turm.

»Ist Pfarrer Kühnast da?«

»Nein.«

»Der Tod dieser jungen Frau beschäftigt mich nicht nur aus persönlichen Gründen. Ein paar Dinge passen einfach nicht zusammen.« Er sah Pater Aristide an. »Das bleibt bis auf weiteres bitte unter uns. Daniela Miller hatte an ihrem Schlüsselbund die Schlüssel zu allen Türen, die zu diesem Balkon führen. Ich frage mich, woher hat sie die? Und seit wann sind sie in ihrem Besitz?«

Pater Aristide sah ihn verblüfft an.

»Würden Sie gerne ein wenig Detektiv spielen?«, fragte Friedrich.

Aristide Ateba hob abwehrend die Hände.

»Kommen Sie, Pater. Seelsorge ist das eine, Geheimnisse lüften etwas anderes. Ich möchte gerne wissen, warum dieses Mädchen seinem Leben ein Ende gesetzt hat. Helfen Sie mir.«

»Und wie soll ich das tun?«

»Wer konnte sich diese Schlüssel leihen? Und warum? Pfarrer Kühnast erwähnte ein Schlüsselbuch.«

»Das verwaltet Frau Klatt.« Aus seiner Stimme sprach eine Mischung von Respekt und Angst.

»Gibt es keinen guten Grund, warum Sie das inspizieren sollten?«

»Nein.«

»Wann geht Frau Klatt denn nach Hause?«

»Spätestens um fünf.«

»Dann sollte sie ja schon weg sein.«

»Sie lassen nicht locker, oder?«

»Bringt der Beruf so mit sich.«

Als sie vor die Kirche traten, verließ Frau Klatt das Pfarrhaus und wandte sich mit mürrischem Gesichtsausdruck nach links. Pater Aristide verfolgte sie mit den Augen.

»Haben Sie Angst vor ihr?«

»Sie ist anders als die Frauen in meiner Heimat.«

»Forsch und bestimmend?«

»Nein«, er grinste, »Das gibt es auch in Afrika, Herr Kommissar. Sie ist kalt, herrisch und unnahbar.«

»Können wir einen Blick in das Buch werfen?«

»Wenn es sein muss.«

Der Versuch, die Herkunft der Schlüssel zu ermitteln, schlug fehl, denn das Schlüsselbuch reichte nur drei Monate zurück und in dieser Zeit tauchte der Name Daniela Miller nicht darin auf. Die Schlüssel waren an Handwerker ausgegeben worden und an Mitglieder des Kirchenvorstands – Jugendliche gab es keine darunter. Pater Aristide schien erleichtert.

»Wir sollten die älteren Bücher prüfen«, meinte Friedrich.

»Das müssen Sie mit dem Pfarrer ausmachen.«

»Wann ist er denn wieder erreichbar?«

»Er hat eine Besprechung im Ordinariat. Morgen früh ist er sicher in seinem Büro.«

»Dann wird der Kommissar nach Hause gehen. Vielen Dank für Ihre Hilfe.«

Während er die Treppe zu seiner Wohnung hinauf stieg, meldete sich sein Handy.

»Die Idee mit der Uni war ein Flop«, meinte Hannah.

»Warum?«

»Telefonisch geben sie keine Auskunft, nicht einmal der Polizei, weil sie nicht prüfen können, ob tatsächlich die Polizei am Telefon ist. Außerdem haben sie nur am Vormittag offen«.

So viel zum Thema Datenschutz.

»Ich gehe da morgen vorbei. Bevor wir nicht wissen, was sie studiert hat, ist weitere Ermittlungsarbeit reine Zeitverschwendung.«

»Mach das, bitte. Es ist mir wichtig.«

»Ich weiß.«

Manchmal fühlte Friedrich sich Hannah näher, als ihm lieb war. Ihre Stimme löste Gefühle in ihm aus, die sich schwer beschreiben ließen. Es war das Quäntchen Wärme, das seinem Leben fehlte, seit Felicitas nicht mehr da war.

»Ist das eine neue Meditationsform, oder warum stehst du auf der Treppe und starrst dein Handy an?«

Annemarie.

Er schaute sie erstaunt an. Er hatte für einen Moment die Welt um sich herum vergessen. Er schüttelte den Kopf.

»Nein. Keine Meditation. Eine Erinnerung.«

Annemarie blickte ihn skeptisch an.

»Kein Problem, Herzilein.«

Sie schaute grimmig und er grinste. »Das sagst du immer, wenn du nicht erzählen willst, was Sache ist.«

Er verkniff sich einen weiteren Kommentar und schloss die Wohnungstür auf.

Zwanzig Minuten später trafen sie bei seinen Eltern ein, wo ihnen als erstes Carl August von Coes‹ Münsterländer Jagdhund, der auf den Namen Barolo hört, um die Beine strich.

Als sie am Tisch saßen, fragte Friedrich: »Wo hast du den Hasen eigentlich geschossen, Vater?«

»Seit wann interessiert dich die Jagd?«

»Ist im Moment keine Schonzeit?«

Sein Vater sah ihn mit hochgezogenen Brauen an.

»Erstens ist das ein Wildkaninchen und kein Hase und zweitens ist die Schonzeit dafür im Moment aufgehoben.«

»Schmeckt ausgezeichnet, Oma.«

Annemaries Versuche, die vermeintlichen Vater-Sohn- Konflikte zu hintertreiben. Sie blickten beide auf ihre Teller, ohne das Essen weiter zu kommentieren.

»Du hast ein gewisses Interesse an diesem Selbstmord.«

»Selbsttötung.«

»Von mir aus.«

Friedrichs Mutter blickte die beiden missbilligend an. »Muss das sein?«

Friedrich sah seiner Mutter in die Augen und sie erkannte den Schalk, der ihm im Nacken saß.

»Es schmeckt ausgezeichnet, Mama.«

»Was ist denn mit dieser jungen Frau?«, polterte Carl August von Coes.

»Sollten wir das nicht auf den Cognac verschieben, Vater?«

»Nun?«

Sein Vater hatte Schwenker mit seiner Lieblingsmarke reichlich befüllt und im Arbeitszimmer Friedrich gegenüber Platz genommen.

»Es ist mehr eine Vorahnung.«

»Willst du dich als Prophet versuchen?«

»Ernsthaft, Vater. Da stimmt irgendetwas nicht. Ich weiß nicht, was, aber da kommt etwas auf uns zu.«

Carl August von Coes sah seinen Sohn skeptisch an.

»Sonst geht es dir gut, oder? Hörst du Stimmen? Irgendwelche Erscheinungen?«

Mit Ahnungen hatte man den alten von Coes noch nie beeindrucken können.

»Das Mädel hat keinen Abschiedsbrief hinterlassen, sie hatte Zugang zu einem abgesperrten Bereich der Kirche, die Mutter hat sich umgebracht und der Vater ist verschwunden.« Friedrich trank einen großen Schluck Cognac. »Und das soll mich nicht nachdenklich machen?«

»Es könnten alles Zufälle sein.« Sein Vater kaute an seiner Unterlippe. »Lehn dich nicht zu weit aus dem Fenster.«

»Ich werde das weiter verfolgen.«

Sein Handy klingelte.

»Kannst du das alberne Ding nicht wenigstens abends abschalten?«

»Was gibt es denn?«, fragte Friedrich, der Dirks Nummer auf dem Handy erkannt hatte.

»Eine merkwürdige Leiche..«

»Bitte?«

»Vier Jugendliche haben einen teilweise verwesten, männlichen Körper in einem unbewohnten Gartenhaus im Wienburgpark gefunden.«

»Und wer sagt, dass wir uns darum kümmern sollen?«

»Petersen hat mich angerufen. Er kann dich angeblich nicht erreichen.«

»Wo bist du?«

»Ich bin vor Ort. Du solltest dir das ansehen.«

»Hast du Hannah Bescheid gesagt?«

»Es reicht, wenn unser Abend ruiniert wird.«

»Schick mir bitte einen Wagen in die Wüllnerstraße.«

»Bist du bei deinen Eltern?«

»Ja.«

Sein Vater sah ihn, trotz des Cognacs, mit dem nüchternen Blick des Anwalts an: »Arbeit?«

»Man hat einen Toten im Wienburgpark gefunden. Ich sehe mir das besser einmal an.«

»Soll ich Annemarie nach Hause begleiten?«

»Das kannst du gerne versuchen, ich bezweifle, dass es von Erfolg gekrönt sein wird.«

Er wählte Hannahs Nummer.

»Wenn du nichts Besseres vorhast, würde ich dich in zehn Minuten abholen.«

»Ein spätes Glas Wein?«

»Schön wär‹s. Ein paar Jugendliche haben im Wienburgpark einen Toten gefunden und Dirk meint, wir sollen ihn uns ansehen.«

»Dirk?«

»Petersen konnte mich angeblich nicht erreichen.«

Schweigen.

»Ich mache mich fertig«, meinte Hannah dann.

Er hatte ihr nicht gesagt, dass Dirk nur ihn sehen wollte. Er hatte, ehrlich gesagt, nicht verstanden, warum Dirk das wichtig war. Aber es war seine Ermittlungsgruppe und damit seine Entscheidung.

Ein Streifenwagen stand wenige Minuten später vor dem Haus. Friedrich umarmte seine Mutter.

»Tut mir leid für den plötzlichen Aufbruch.«

Zu Annemarie sagte er:

»Soll Opa dich nach Hause begleiten?«

Sie zog die Augenbrauen hoch.

Nachdem sie Hannah abgeholt hatten, fuhren sie durch den Wienburgpark zum Tatort. In dem schmalen Weg, der zu der Kleingartenanlage nahe dem Schilfsee führte, standen zahlreiche Einsatzfahrzeuge. In einem Krankenwagen saßen vier junge Männer in Decken gehüllt, auf dem Rücken der Warnweste eines älteren Mannes las Friedrich das Wort ›Notfallseelsorger‹. Der kriminaltechnische Dienst war vor Ort und Dr. Bildermann, ihr Pathologe, kam aus dem Gartenhaus.

Dirk kam auf sie zu, nahm Friedrich zur Seite und fragte: »Warum hast du sie mitgebracht?«

Friedrich antwortete ebenso leise: »Weil sie zum Team gehört«, machte sich von Dirks Griff frei und ging auf den Gerichtsmediziner zu.

»Was haben wir?«

»Vielleicht die Mafia.«

»Ernsthaft?«

Hannah hatte sich zu ihnen gesellt und reichte Friedrich einen der von ihm ungeliebten Plastikoveralls.

»Dann kommen Sie mal«, meinte Dr. Bildermann.

Sie betraten ein kleines, heruntergekommen wirkendes Gartenhaus. Eine Eckbank hatte man vom Staub befreit, auf dem Tisch davor standen eine halb leere Literflasche Wodka und Flaschen mit Limonade.

»Die Herren hatten wohl ein kleines Saufgelage geplant«, kommentierte Dr. Bildermann.

»Und dann?«, fragte Hannah.

»Dann haben sie die Tür zu einem Lagerraum geöffnet.« Er deutete auf eine Tür. »Wollen Sie sich das antun, Frau Wolkenstein?«

Hannah sah ihn unbewegt an.

Dr. Bildermann griff in seine Tasche und zog eine Metalldose hervor. »Nehmen Sie wenigstens das. Der Tote liegt da schon ein Weilchen.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Dann bitte.«

Sie betraten einen kleinen, fensterlosen Raum, der durch die Scheinwerfer der KTU in gleißendes Licht getaucht war. Auf dem Boden lag ein verkrümmter Körper, dessen Arme und Beine mit Draht hinter dem Rücken gefesselt waren.

»Ist er bewegt worden?«

»Kommissar Grimm wollte, dass wir auf Sie warten.«

Er hörte Hannah neben sich schnell und flach atmen.

»Nimm bitte das Eukalyptuszeug vom Doc, Hannah! Ich brauche deine Augen und deinen Kopf hier.«

Sie strich sich die intensiv riechende Paste unter die Nase. Ihr Atem wurde wieder ruhiger.

Friedrich hatte der Geruch verwesenden Fleisches nie sonderlich berührt. Er wusste nicht warum, er konnte manche sensorische Einflüsse ausblenden.

»Wie ist er gestorben?«

Bildermann leuchtete mit einer kleinen, hellen Stablampe auf den Hals des Toten. Er nahm einen Teleskopstab aus der Tasche seines Overalls und deutete auf eine schmale, fahlrote Linie am Hals.

»Er hat sich erwürgt.«

»Bitte?«

»Das ist angeblich eine Methode, mit Hilfe derer sich die Mafia und andere kriminelle Organisationen in Süditalien derjenigen entledigen, die die ›Omertà‹, das Schweigegebot, verletzten. Der Draht, den Sie hier sehen, ist mit den gefesselten Händen und Füßen verbunden. Durch die Schmerzen strecken die Opfer die Gliedmaßen und erwürgen sich selbst. Man nennt das ›Incaprettato‹.«

Friedrich nahm mit einem Mal bewusst die vielen Insekten rund um den Toten wahr. Er sah Hannah an, die im Licht der Halogenlampen kalkweiß wirkte, berührte sie am Ellenbogen und zog sie sanft zurück in den Wohnraum des kleinen Hauses. Dann wandte er sich erneut an den Rechtsmediziner.

»Sie meinten, er liegt da länger?«

»Meine grobe Schätzung ist ein Monat. Die Temperaturen in den letzten Wochen waren niedrig. Wir müssen mit Hilfe der Entomologen den Todeszeitpunkt eingrenzen.«

Stephan Gerson, der leitende Kriminaltechniker, trat hinzu: »Haben Sie einen Moment Zeit?«

»Gibt es Spuren?«

»Mehr als uns lieb sind. Die vier Knaben haben so ziemlich alles verwischt. Wir werden die Insekten einsammeln und dann kann der Doc den Toten mitnehmen.«

»Und was wollten Sie mir sagen?«

»Nicht sagen, zeigen.« Er hob einen Asservatenbeutel in die Höhe, in dem sich ein kleiner, weißer Zapfen befand. Friedrich legte fragend den Kopf zur Seite.

»Das ist ein Tampon«, meinte Gerson. »Nur für den Fall, dass Sie es nicht erkannt haben.«

»Wo haben Sie den gefunden?«

»Unter dem Tisch.«

»Benutzt?«

»Ich würde sagen ja. Endgültig wissen wir das nach der Laboruntersuchung.«

»Was heißt das für uns?«

»Hier war in den letzten drei oder vier Stunden eine Frau.«

»Und Sie vermuten ...«

»Vermutungen sind Ihr Geschäft, Herr von Coes. Plaudern Sie doch einmal mit den vier Jungs.«

Friedrich ging zu Dr. Bildermann und Hannah zurück.

»Was wollte er denn?«, fragte Hannah.

»Sie haben einen benutzten Tampon gefunden.«

Dirk stand auf einmal neben Friedrich.

»Was meint er mit ›benutzt‹? Mit Alkohol getränkt?«

Friedrich sah ihn fragend an und Dr. Bildermann meinte: »Das ist völliger Quatsch. Das sind moderne Mythen. Kein Mensch, der bei klarem Verstand ist, macht so etwas.«

Friedrich sah von einem zum anderen. »Würde mich einer von euch beiden freundlicherweise aufklären?«

»Bei Jugendlichen läuft das unter ›Slimming‹ «, meinte Hannah. »Man tränkt einen Tampon mit Wodka oder ähnlichem und führt ihn sich vaginal oder rektal ein, um schnell betrunken zu werden.«

»Das ist extrem gefährlich und ich habe es in Münster nie gesehen«, kommentierte Bildermann.

Friedrich winkte Gerson zu sich.

»Haben Sie schon einmal von ›Slimming‹ gehört?«

»Ja, sicher. Halte ich für eine Legende. Der Tampon roch nicht nach Alkohol.«

»Dann«, meinte Friedrich, »sollten wir ein paar Worte mit unserer Party Crew wechseln.«

Er ging mit Dirk zu dem Krankenwagen, in dem die vier jungen Männer in Decken gehüllt saßen. Ein uniformierter Beamter reichte Friedrich ein Klemmbrett.

»Wir haben die Personalien erfasst.«

Sie warfen einen Blick darauf. Der jüngste war 16, der älteste 19. Als sie sich den Jungen zuwandten, sprach sie der Mann an, den Friedrich bei ihrer Ankunft als Notfallseelsorger wahrgenommen hatte.

»Sie sind von der Kriminalpolizei?«

Dirk nickte.

»Die sind ziemlich durch den Wind. Können Sie sie nicht besser morgen befragen?«

»Ich befürchte«, antwortete Friedrich, »die eine oder andere Frage werden wir gleich stellen müssen.«

Die vier Jungen sahen ihn an.

»Mein Name ist Hauptkommissar von Coes, das ist mein Kollege Grimm. Wir sind von der Kriminalpolizei.« Dann sah er den kleinsten der vier an, der blass eine graue Rotkreuz-Decke an seine Brust presste. »Wo ist das Mädchen?«

Der Junge blickte erschrocken auf.

»Woher wissen Sie ...«

»Halt die Klappe!«, fuhr ihn ein anderer an, der Friedrich anstarrte.

»Wollen Sie mir verraten, wo das Mädchen oder die Frau ist, die bei Ihnen war?«

»Da war keine Frau«, meinte er muffig.

»Und wo ist der Fünfte von euch und wie heißt er?«, fragte Dirk.

Das war ein Schuss ins Blaue, dachte sich Friedrich, aber kein schlechter.

Der junge Mann mit den kurz geschorenen Haaren blickte hektisch zwischen Dirk und Friedrich hin und her.

»Sie reiten sich lediglich weiter rein«, fuhr Dirk fort. »Sie haben Alkohol Minderjährigen zugänglich gemacht, und wir ermitteln wegen des Verdachts auf Vergewaltigung.«

»Ist das wahr?«, fragte der Notfallseelsorger, der das Gespräch verfolgt hatte.

»Ich fürchte, ja«, sagte Friedrich.

Der Seelsorger ging zu dem Kleinsten der vier, legte den Arm um ihn und führte ihn ein paar Schritte von den anderen weg.

»Stimmt das?«

Der Junge schüttelte den Kopf. »Der Philipp hatte seine Freundin dabei.«

Dirk verstellte dem anderen jungen Mann, der im Rettungswagen aufgesprungen war, den Weg.

»Hinsetzen!«

Friedrich, der hinter dem Seelsorger stand, sagte: »Philipp ist aber nicht hier.«

Der Junge schüttelte den Kopf.

»Wo ist er?«

»Er hat Zoe nach Haus gebracht.«

»Nachdem ihr die Leiche gefunden hattet?«

Der Junge nickte. »Sie wollte unbedingt schauen und dann ist sie ausgerastet.« Er zögerte. »Sie hatte schon ziemlich einen sitzen.«

»Habt ihr viel getrunken?«

»Na ja, Wodka halt.«

»Und was ist passiert, bevor ihr den Toten gefunden habt?«

»Wir haben getrunken und herumgearscht. Mit ihr geknutscht. Und ...«

»Ihr unter den Rock gefasst.«

Der Junge sah zu Boden. »Sie hat doch mitgespielt. Ihr hat es Spaß gemacht. Und es ist wirklich nichts passiert.«

»Wer hat die Leiche gefunden?«

»Max wollte sehen, was nebenan ist.«

Der Notfallseelsorger wandte sich an Friedrich und meinte: »Reicht das nicht für den Moment?«

Friedrich sah den Jungen an.

»Wie heißt du eigentlich?«

»Felix. Felix Spilker.«

»Felix, jetzt bitte ehrlich: Was war mit dem Mädchen?«

»Nichts! Ehrlich! Wir haben sie angefasst. Sie hat uns ...«, er stockte, »in die Hose gefasst. Sie hatte Spaß dabei. Sonst war nichts.«

»Und was sollte daraus werden?«

Der Junge schaute zu Boden.

»Bitte, Herr Kommissar.«

»Wer sind Sie eigentlich?«

»Mein Name ist Lehmann. Ich bin ehrenamtlich bei der Notfallseelsorge.«

Friedrich nickte, warf einen Blick auf das Klemmbrett und ging zu dem anderen zurück.

»Herr Brüggemann«, sprach er den ältesten an, »wir sollten reden.«

Der junge Mann stand auf, ließ die Decke fallen und stieg mit trotzigem Gesichtsausdruck aus dem Rettungswagen. Friedrich bedeutete Dirk, ihm zu folgen.

»Herr Brüggemann, ich brauche von Ihnen Namen und Adresse von Philipp und Zoe. Jetzt.«

»Sonst führen wir Sie dem Ermittlungsrichter vor«, ergänzte Dirk, »und Sie verbringen die Nacht in Untersuchungshaft.«

»Dieses blöde Arschloch«, murmelte der junge Mann.

Friedrich holte tief Luft.

»Ich vermute, Sie sprechen von sich, Herr Brüggemann. Wir haben Beweise, dass das Mädchen da war. Machen Sie es sich und uns einfacher. Geben Sie uns die Informationen. Die Richter werden das berücksichtigen.«

»Wir haben nichts getan!«

»Namen und Adressen.«

Dirks Stimme klang kalt. Friedrich wusste, dass er sich mühsam beherrschte.

»Philipp Peters. Er wohnt noch bei seinen Eltern, aber ich weiß nicht genau wo. Seine Kleine heißt Zoe. Zoe van irgendwas. Die wohnt auch in der Ecke.«

»Wir sehen uns morgen im Präsidium, Herr Brüggemann. Um neun Uhr. Seien Sie pünktlich.«

Friedrich wandte sich ab und ging mit Dirk im Schlepptau zu Gerson.

»Willst du diesen Arsch laufen lassen, Fritz? Typen wie der gehören weggesperrt!«

Dirk kochte.

»Dirk, erstens hat er einen festen Wohnsitz, zweitens brauchen wir Beweise und drittens müssen wir so schnell wie möglich mit dem Mädchen sprechen.«

Stephan Gerson schaute erstaunt in das gerötete Gesicht Dirk Grimms.

»Doch so schlimm?«

»Zum Kotzen!«, kommentierte der.

»Herr Gerson, wir brauchen Tests auf psychoaktive Substanzen in den Alkoholika, GHB oder Ähnliches.«

»Sie meinen, man hat dem Mädchen K.-o.-Tropfen verabreicht?«

»Ich würde es nicht ausschließen.«

Er gab Dirk seine Notizen.

»Kannst du bitte schauen, ob du mit diesen Namen eine Adresse herausbekommst?«

Hannah stand ein wenig verloren neben dem Gartenhaus.

»War das dein erster Toter in diesem Zustand?«

Sie sah ihn an. »Denkst du, ich halte das nicht aus?«

»Ich weiß, dass du das aushältst. Aber schön ist es nicht.«

»Ich hatte einmal eine Wasserleiche im Aasee.«

Die Polizei ist, egal wie oft das Gegenteil behauptet wird, immer noch ein Macho-Verein, dachte sich Friedrich. Er hatte keine Zweifel, dass seine junge Kollegin darin ihren Platz finden würde.

Dirk kam zurück. »Es gibt eine Familie Peters, die im Erphoviertel wohnt und einen siebzehnjährigen Sohn namens Philipp hat.«

»Hast du etwas zu dem Mädchen?«

»Zwei Straßen weiter wohnt ein Dr. van Laak, dessen ebenfalls siebzehnjährige Tochter Zoe heißt.«

Friedrich warf einen Blick auf die Uhr. Viertel nach zehn. Er wollte die beiden Jugendlichen keinesfalls erst morgen früh aufsuchen.

»Dirk, kannst du das hier bitte zu Ende führen? Ich möchte gerne Hannah dabei haben, wenn wir Zoe van Laak befragen. Wir treffen uns morgen um acht im Büro. Um neun kommt der junge Brüggemann zum Verhör.«

Dirk holte tief Luft. Er ist sauer, dachte sich Friedrich. Ob es an seiner Entscheidung lag, die Jugendlichen laufen zu lassen, oder daran, Hannah mitzunehmen, wusste er nicht.

»Gut«, brummte Dirk. »Dann bis morgen.«

Es war nicht gut, aber das war Friedrich in diesem Moment egal.

---ENDE DER LESEPROBE---