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Kriminalhauptkommissar von Coes hatte schlecht geschlafen. Die Erinnerungen der letzten Monate machten ihm immer noch zu schaffen. Er hatte im Dienst einen Menschen getötet. Heute ist sein zweiter Arbeitstag nach einer längeren Pause. Ein junger Brauer wird tot in einem Läuterbottich gefunden. Sehr bald ermittelt von Coes wieder als Leiter einer Mordkommission in den Untiefen des Großbürgertums von Münster. Der Fehltritt eines Patriarchen leitet eine Kette von Ereignissen ein, die in eine Katastrophe münden.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Arno Kerr
Kreuzbube
Friedrich von Coes erster Fall
Für D. und alle meine Münsteraner Freunde,
ohne die dieser Roman nie geschrieben worden wäre.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
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1. Auflage
Mediathoughts Verlag - Dr. Glaw + Lubahn GbR
Bergstr. 12 | 82024 Taufkirchen
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Copyright 2019 Mediathoughts Verlag - Dr. Glaw + Lubahn GbR
ISBN: 978-3-947724-06-2
Mean as he was, he is my brother now
Friedrich Händel: Saul
Montag, 2. April
Gott sei Dank war es der zweite April. Kriminalhauptkommissar Friedrich von Coes betrachtete sein Gesicht im Spiegel, auf dem sich nach dem Rasieren noch einige Seifenreste befanden. Ihm würden also die üblichen Aprilscherze der Kollegen erspart bleiben. Rückkehr in den aktiven Dienst. Drei Monate lang hatte er Dienstpläne kontrolliert, Urlaubsanträge zur Vorlage beim Inspektionsleiter vorbereitet. Er sollte sich langsam wieder an den Dienstbetrieb gewöhnen, hatten die Ärzte gesagt. Als ob er Monate im Krankenhaus gelegen hätte.
Er fühlte sich alt. Die Falten auf seiner Stirn, neben seinen Augen und um den Mund hatten sich noch tiefer eingegraben. Eine Meise hatte sich auf dem Fensterbrett vor dem geöffneten Badezimmerfenster niedergelassen. Der kleine Vogel drehte den Kopf, betrachtete ihn kritisch und verschwand in der schmalen Flucht zwischen den beiden Häusern. Im Kreuzviertel klebten die Häuser fast aneinander.
Die Ringe unter seinen Augen sprachen Bände. Egal, was er den Ärzten erzählte, es gab kaum eine Nacht, in der er durchschlief. Oft wachte er schweißgebadet vom Knall eines Pistolenschusses auf, der in seinen Träumen nachhallte. Er hatte einen Menschen erschossen. Nach 27 Jahren im Polizeidienst hatte er einen Menschen erschossen. Die Untersuchung ergab, dass er völlig korrekt gehandelt hatte. Dennoch: Kann es jemals richtig sein, einen Menschen zu töten? Diese Gedanken trieben ihn seit Oktober vergangenen Jahres um und ließen ihn nicht los.
Er hörte Schritte über sich und warf einen Blick auf seine Armbanduhr, die neben dem Waschbecken lag. Annemarie, seine fünfzehnjährige Tochter, würde jeden Moment zum gemeinsamen Frühstück auftauchen, er musste sich beeilen.
Er ließ kaltes Wasser in die Mulde seiner Hände laufen, spülte die letzten Seifenreste ab, fuhr sich mit der Bürste durch die noch feuchten Haare und ging, als er nichts hörte, nackt wie er war, in sein Schlafzimmer. Eine graue Cordhose und ein weißes Hemd sollten genügen. Die Wohnungstür fiel hinter Annemarie zu und er hörte sie in die Küche gehen. Als Nächstes hörte er die Kühlschranktür. Seine Tochter bereitete sich ihr gewohntes Müsli zu. Er drückte die Klinke fest hinunter, um das altersschwache Schloss der Tür zu öffnen, und ging ebenfalls in die Küche.
»Guten Morgen, Paps.«
»Morgen, Anne. Gut geschlafen?«
»Immer. Und du?«
Er blickte aus dem Fenster.
»Vielleicht sollten wir abends wieder mal zusammen laufen gehen, « meinte sie.
»Damit du mir zeigen kannst, wo der Hammer hängt?«
Sie grinste und er goss sich eine Tasse Kaffee ein.
»Aber nicht doch, Paps.«
»Gibt es irgendetwas Besonderes heute?«
»Nö. Erster Schultag nach den Osterferien. Schon vergessen?«
Er hatte es vergessen.
Sie war die letzten zwei Wochen zuhause gewesen.
»Und bei dir?«, fragte sie.
Er hatte es ihr nicht erzählt.
Sein erster Tag zurück bei der alten Truppe.
Die Türglocke schepperte. Ein echtes Nachkriegsmodell.
»Holt dich jemand ab?«, wollte er von ihr wissen.
»Nicht dass ich wüsste«, meinte Annemarie. »Hast du vergessen, die Mülltonnen hinauszustellen?«
»Die Müllabfuhr kommt dienstags, Herzilein.«
»Nenn mich nicht immer Herzilein.«
Er zuckte zusammen.
Es klingelte ein weiteres Mal. Länger und dringender.
Annemarie sprang auf und lief zur Tür.
»Ja?«
Nachdem sie einen Moment zugehört hatte, drückte sie auf den Türöffner und kehrte gemächlich in die Küche zurück. Dort nahm sie eine große Tasse aus dem Küchenschrank, gab einen Teebeutel hinein und goss Wasser aus dem Wasserkocher, der sich gerade ausgeschaltet hatte, hinein.
Er sah sie fragend an.
»Möchtest du mir etwas sagen, Paps?«
In diesem Moment schloss Dirk Grimm die Flurtür hinter sich und lächelte sein jungenhaftes Lächeln in Richtung Annemarie. Er war zwar nur sechs Jahre jünger als Friedrich, sah aber höchstens wie Ende dreißig aus. Dirk Grimm war Kriminaloberkommissar und arbeitete wie Friedrich in der Ersten Kriminalinspektion der Polizei Münster. Sie waren seit acht Jahren Partner.
»Hallo, Kleines«, meinte er.
»Ich bin nicht dein Kleines.«
»Was verschafft mir die Ehre?«, fragte Friedrich.
»Ich dachte mir, an deinem ersten Tag könnten wir zusammen rüber laufen.«
Annemarie blickte von einem zum anderen.
»An seinem ersten Tag? Paps, was ist hier eigentlich los?«
Er sah seine Tochter an. »Ich bin den Verwaltungskram los. Ab heute darf ich wieder richtig arbeiten.«
»Das heißt, du bist wieder ganz gesund?« Sie sah ihn ernst an.
»Ich war immer ganz gesund, Anne.«
»Die Ärzte haben Fritz in vollem Umfang dienstfähig geschrieben, Annemarie«, meldete sich Dirk zu Wort. »Und glaube mir, er ist wirklich wieder ganz der Alte.«
Sie sah die beiden skeptisch an. »Da bin ich mir nicht so sicher.«
Danach trank sie ihren Tee aus, stellte Tasse und Müslischüssel in die Spüle, korrigierte den Sitz ihres Haargummis und wandte sich zur Tür. Dort blieb sie einen Moment stehen, meinte »Na dann gutes Gelingen, ihr Helden«, und ging mit zügigen, wiegenden Schritten den Gang entlang, um nach oben in ihr Reich zu verschwinden und sich für die Schule fertigzumachen.
Die beiden Männer sahen einander an und dachten in diesem Moment das gleiche. Annemarie ähnelte ihrer verstorbenen Mutter in so vielen Dingen. Der Verlust, den Felicitas Tod mit sich gebracht hatte, lastete immer noch auf Friedrich.
Dirk warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Wir sollten gehen, Fritz. Der Chef möchte dich um acht Uhr sehen.«
»Ich weiß«, murmelte Friedrich eher zu sich als zu seinem Freund. Er spürte eine innere Unruhe vor der Rückkehr in seine alte Abteilung, fühlte seinen Herzschlag, als er aufstand, legte Dirk die Hand auf die Schulter und ging in sein Zimmer, um die alte Lederjacke aus dem Schrank zu nehmen.
Sie gingen gemeinsam die alte Holztreppe hinunter und liefen in Richtung Kreuzkirche, während die schwere Haustür hinter ihnen ins Schloss fiel.
Schweigend durchquerten sie das Kreuzviertel, wo in den Vorgärten die Forsythien blühten. Friedrich von Coes Haarschopf bewegte sich ganz wie früher unruhig im Wind, auch wenn sein Blick aufs Pflaster gerichtet war. Dirk fragte sich, ob wirklich alles so werden würde wie früher. Der tödliche Schuss, den Friedrich in einer unübersichtlichen Situation abgegeben hatte, um das Leben einer Frau zu retten, hatte seinem Freund mehr zugesetzt, als er sich vorgestellt hatte. Auch wenn sie in den vergangenen viereinhalb Monaten nicht zusammengearbeitet hatten, trafen sie einander doch regelmäßig und hatten das eine oder andere Bier zusammen getrunken. Friedrich war dabei immer unverbindlich geblieben, bisweilen ein wenig grüblerisch. Er hatte ihn nicht mehr so nah an sich herangelassen wie in den Jahren davor.
Als sie den Friesenring mit seinem strömenden Verkehr erreichten, blickte Friedrich auf und seinem Partner zum ersten Mal während dem knapp zehn Minuten dauernden Fußweg in die Augen. »Was gibt es eigentlich Neues bei uns?«
»Das meiste hast du doch mitbekommen: Den Reichsbürger in Handorf, den wir davon überzeugen mussten, seine Waffen abzugeben. Die Übergriffe im Kuhviertel bei diesem studentischen Saufgelage.«
Als die Fußgängerampel auf grün schaltete, überquerten sie die Straße und gingen auf das Polizeipräsidium zu.
»Und sonst gibt es wirklich nichts? Was will der Alte dann von mir?«
»Dich wieder im Dienst begrüßen.«
Der diensthabende Beamte nickt ihnen kurz zu, als sie das Gebäude betraten, durch die Sperre gingen und die Treppe in den ersten Stock erklommen.
Nachdem sie ihre Mappen in ihrem Dienstzimmer abgelegt hatten, machten sie sich auf den Weg zu Kriminaloberrat Petersen, dem Leiter des 11. Kommissariats. Kaum dass sie in seinem Zimmer angekommen waren, stand er auf, ging um seinen Schreibtisch herum und reichte Friedrich die Hand.
»Herr von Coes, schön, dass Sie wieder bei uns sind. Wir haben Sie schmerzlich vermisst.«
»Vielen Dank, Herr Petersen. Nach allem, was ich in meinem Verwaltungsjob mitbekommen habe, hielt sich die Zahl der Fälle ja in Grenzen.«
»Umso besser für unsere Statistik, lieber Coes! Außerdem wird die Routinearbeit auch nicht weniger.« Er zwinkerte seinen beiden Beamten jovial zu. »Es wird schon mal wieder eine Leiche für Sie geben.« Er zögerte einen Moment. »Jetzt sollten Sie allerdings noch schnell bei Kriminaldirektor Mühsam vorbeigehen. Er wollte Sie beide heute früh noch gerne sprechen.«
»Wissen Sie, worum es geht?«, fragte Friedrich.
»Das wird er Ihnen gleich selbst sagen, meine Herren«, meinte Petersen und setzt sich wieder an seinen Schreibtisch. »Danke, einstweilen.«
So entlassen machten sie sich auf zum Leiter der Kriminalinspektion 1.
Nach kurzem Klopfen traten sie ins Vorzimmer, wo Mühsams Sekretärin, Frau Taube, aufsprang und Friedrich umarmte.
»Herr von Coes! Geht es Ihnen gut? Was macht denn die Annemarie?«
»Unkraut vergeht nicht, Frau Taube, und Annemarie hat heute ihren ersten Schultag nach den Osterferien.«
»Na, dann gehen Sie mal rein, der Chef erwartet Sie schon.«
Sie betraten Kriminaldirektor Mühsams lichtes Büro, der mit einer jungen Frau am Besprechungstisch saß.
»Schön, Sie wieder bei uns zu haben, Herr von Coes«, sagte Mühsam und nickte Dirk zu. Er deutete auf die junge Frau, die sich erhob. »Das ist Kommissarin Hannah Wolkenstein.« Er stellte Friedrich und Dirk kurz vor und forderte sie auf, Platz zu nehmen. Dann fuhr er fort: »Frau Wolkenstein gehört zu den besten Absolventinnen des Jahrgangs 2016 und soll vorzeitig in den Kriminaldienst wechseln. Ich dachte mir, dass sie bei Ihnen beiden einen hervorragenden Einblick in unsere Arbeit bekommt.«
»Herr Kriminaldirektor«, begann Friedrich, aber Mühsam hob die Hand.
»Ich weiß, lieber Herr von Coes, Sie sind gerade erst zurück im Dienst, aber ich finde es gar nicht schlecht, wenn wir die junge Dame langsam an den Dienst bei der Kriminalpolizei gewöhnen.« Er lächelte in die Runde. »Das ist doch etwas anderes als der Schichtdienst auf der Wache, nicht wahr, Frau Wolkenstein?«
»Gewiss, Herr Kriminaldirektor«, ließ sich die junge Frau vernehmen.
In ihrem Gesicht las Friedrich eine gewisse Ungeduld, die der Chef nicht wahrnahm oder geflissentlich übersah.
»Dann will ich Sie nicht länger aufhalten«, meinte Mühsam, der es entweder eilig hatte oder jede weitere Debatte über die Verwendung der jungen Kollegin abwürgen wollte.
Die drei erhoben sich, reichten ihm die Hand und fanden sich auf dem Gang wieder.
»Dann kommen Sie mal mit in unser kleines Reich, Frau Wolkenstein«, meinte Friedrich. »Wo haben Sie denn bisher Dienst getan?«
»In der Innenstadtwache und in der Moltkestraße. Die Einsatzhundertschaft ist mir erspart geblieben.«
»Wieso erspart?«, mischte sich Dirk ein.
»Gleichschritt und Helm sind nicht so mein Ding.«
»Sollte aber jeder mal kennengelernt haben.«
»Aber nicht jede«, meinte sie spitz.
Das konnte ja heiter werden, dachte sich Friedrich und meinte zu Dirk, während er die Tür zu ihrem Büro öffnete: »Du warst doch auch nicht bei der Bereitschaftspolizei.«
Kaum standen sie im Zimmer, fragte Hannah Wolkenstein: »Und welcher der Herren tritt mir jetzt seinen Schreibtisch ab?«
Sie sagte es, ohne zu lächeln.
Friedrich setzte sich auf seinen Schreibtisch und sah die junge Frau an: »Frau Wolkenstein, vor 15 Minuten wussten wir nicht einmal, dass Sie zu unserem Team stoßen, und jetzt möchten Sie gleich einen unserer Schreibtische?«
»Das war ein Scherz«, meinte sie.
»Klang aber nicht so«, sagte Dirk säuerlich.
»Soll ich mich vielleicht auf den Fußboden setzten, oder am besten gleich in die Ecke stellen?«
Bevor Dirk etwas sagen konnte, ließ sich Friedrich auf seinen Schreibtischstuhl fallen und schob der jungen Kollegin einen freien Stuhl zu.
»Vielleicht setzen Sie sich erst einmal und hören mir einen Moment zu.«
Er hob die Hand, als sie etwas erwidern wollte.
»Bitte. - Sie platzen in ein seit Jahren eingespieltes Team. Uns hat niemand gefragt, ob wir jemand möchten oder brauchen. Sie stehen ganz unten in der Nahrungskette und ich kann Sie schneller loswerden, als Sie denken.«
Sie lächelte.
»Egal, wie gut Sie vernetzt sind. Jemand wie Sie wird auf der Wache hinter vorgehaltener Hand Kinderkommissar genannt, das wissen Sie genauso gut wie ich. Kommen Sie runter von Ihrem hohen Ross, sonst fallen Sie hier genauso auf die Nase wie im Wachdienst.«
»Woher wollen Sie denn wissen, dass ich auf die Nase gefallen bin?«, fragte sie erstaunt, aber immer noch kampflustig.
»Weil ich seit 23 Jahren in dem Laden arbeite.«
Es klopfte. Vor der Tür standen zwei Männer von der Liegenschaftsverwaltung mit einem Schreibtisch, ein dritter zog einen Drehstuhl hinter sich her.
»Wo sollen wir das denn hinstellen?«, wollten sie wissen.
»Schieben Sie den Tisch erst einmal hier hin«, sagte Friedrich und deutete auf die Seite ihrer gegenüberstehenden Schreibtische. Die Tür würde immer noch aufgehen und der jungen Kollegin wurde nicht der Eindruck vermittelt, man wolle sie in eine Ecke abschieben.
»Sehen Sie«, meinte Dirk, »schon haben Sie einen Schreibtisch. Jetzt müssen Sie nur noch Bleistift und Kugelschreiber beantragen und dann können Sie loslegen.«
Hannah setzte sich auf ihren Drehstuhl, verschränkte die Arme und sah die beiden Männer an. »Und jetzt?«
Friedrich schaute auf die Uhr. »Mit etwas Glück bekommen wir noch einen Kaffee in der Friesenschmiede.«
Die Friesenschmiede war die neue Polizeikantine. Seit ihre Espressomaschine das Zeitliche gesegnet hatte, hatten sie sich nicht auf ein neues Modell einigen können. Die einzige Alternative war die Kantine.
»Was möchten Sie denn, Frau Wolkenstein?«, fragte Friedrich.
Er erwartete einen Latte macchiato, aber sie wollte einen Espresso. Drei Espressi also. Oder was die Kantine dafür hielt. Jetzt saßen sie sich auf unbequemen Plastikstühlen an einem langen Tisch gegenüber.
»Und jetzt?«, brach Hannah abermals das Schweigen.
Friedrich streckte ihr die Hand entgegen. »Friedrich von Coes, freut mich.«
Hannah musste lachen. »Hannah Wolkenstein.«
Dirk Grimm schaute beide an, trank seinen Espresso aus und wollte aufstehen. Friedrich hielt ihn am Ärmel fest und zog ihn auf seinen Stuhl zurück.
»Das ist mein Kollege Dirk Grimm. Er ist nicht so grimmig, wie Sie denken, und einer der besten Ermittler, die ich kenne.«
Hannah brachte ein weiteres Lächeln zustande und reichte auch Dirk die Hand. Nach einem kurzen Zögern nahm er sie an.
»So schwer?«, meinte sie.
»Denken Sie mal über die letzten dreißig Minuten nach«, meinte er.
»Auf dreierlei hat die Welt Bestand: auf Recht, Wahrheit und auf Frieden.«
Dirk wusste nicht, was er sagen sollte und Friedrich meinte: »Ist das von Ihnen?«
»Nein, von meinem Großvater.«
»Scheint ein Philosoph gewesen zu sein.«
»Irgendwo schon, auch wenn er sein Geld eher mit Wirtschaft verdiente.«
»Hatte er eine Kneipe?«, wollte Dirk wissen.
»Nein, er hat Volkswirtschaftslehre unterrichtet.«
»Hier in Münster?«, fragte Friedrich.
»Nein. Zuerst in Köln, dann in Düsseldorf.«
»Ein Kölner geht freiwillig nach Düsseldorf?«
»Meine Familie stammt ursprünglich aus Düsseldorf und man bot Großvater die Leitung eines Instituts an.«
»Und wie sind Sie hier in Münster gelandet? Die Ausbildung hätten Sie doch auch in Düsseldorf machen können.«
Sie blickte einen Moment durchs Fenster auf das junge Grün. »Vielleicht wollte ich Abstand gewinnen.«
Er sah sie nachdenklich an. »Das müssen Kinder wohl.«
»Haben Sie Kinder?«
»Eine Tochter. Sie ist fünfzehn.«
Das Gespräch stockte einen Moment, als ob sie beide Angst vor der nächsten Frage hätten.
Dirk räusperte sich. »Sollen wir mal wieder ins Büro gehen? Ich meine ja nur. Vielleicht gibt es ja eine Leiche für uns.«
»Das glaubst du ja selbst nicht«, sagte Friedrich, schob seinen Stuhl zurück und erhob sich.
Als sie wieder in ihrem Büro waren, stellten sie fest, dass auf Hannahs Schreibtisch mittlerweile ein Flachbildschirm, eine Tastatur und eine Maus standen. Unter dem Schreibtisch stand ein Computer und daneben lag ein Haufen verknoteter Kabel.
»Jetzt brauchen wir nur noch die IT«, meinte Dirk. »Das kann dauern.«
Im nächsten Moment hatte Hannah ein Schweizer Messer in der Hand, durchtrennte die Kabelbinder und begann, die einzelnen Teile zusammenzustöpseln.
»Und wie wollen Sie das Ding ans Netz bekommen?«, fragte Dirk grinsend.
Sie hob, entspannt lächelnd, ein leuchtend gelbes Kabel in die Luft, begann unter dem Schreibtisch umherzukriechen und schaltete, nachdem sie wieder aufgetaucht war, den Computer ein. Auf dem Bildschirm erschien nach einigen Minuten der übliche Startbildschirm der Polizei in NRW und kurz darauf hatte sich Hannah eingeloggt.
Dirk schüttelte den Kopf. »Chapeau, Frau Kollegin, jetzt wissen wir wenigstens, wer unsere IT-Probleme in Zukunft löst.«
»Warten Sie ab, bis Sie meinen Stundensatz kennen, Herr Grimm«, meinte sie. »Aber mal im Ernst: Was machen Sie denn im Moment?«
Dirk sah Friedrich an, der zuckte mit den Schultern.
»Ich war eine längere Zeit krank, Frau Wolkenstein und nach dem, was Dirk mir heute Morgen erzählt hat, wird Münster jeden Tag sicherer. Zumindest was die Zahl der Gewaltverbrechen angeht.«
»Ich denke, wir sollten Frau Wolkenstein, erst einmal mit unserer Vorgehensweise vertraut machen«, sagte Dirk. »Die Praxis unterscheidet sich ein wenig von der Theorie.«
Hannah nickte.
»Und dann schauen wir uns gemeinsam die Fälle der letzten drei Monate an«, meinte Friedrich.
Als die tief stehende Sonne ihnen das Maß an Staub in ihrem Büro vor Augen führte, war es Friedrichs Idee, den Tag mit einem letzten Kaffee zu beschließen. Sie überquerten die Straße und gingen ins Café Aimé, das sich im neu gestalteten Außenbereich der Brauerei Blankenburg etabliert hatte.
»Und? Was halten Sie von Ihrem ersten Tag bei der Kriminalpolizei?«
»Wissen Sie, Herr von Coes, ich hatte es mir fast so vorgestellt. Die romantischen Vorstellungen von Heldentum und Abenteuer verliert man spätestens im Wachdienst.«
Sie verbrachten weitere zehn Minuten mit Unverbindlichkeiten und gingen anschließend zum Polizeipräsidium zurück, wo Hannah ihr Fahrrad aus dem Ständer nahm.
»Wo wohnen Sie eigentlich?«, fragte Friedrich.
»Ein Stück die Promenade entlang. Am Kanonengraben.«
»Wir sollten für alle Fälle noch unsere Handynummern austauschen. Man weiß ja nie.«
»Wie war denn der erste Tag, Paps?«, fragte Annemarie, während sie am Abendbrottisch eine Gewürzgurke aus dem Glas angelte.
»Normal«, brummte Friedrich mit vollem Mund. »Der Chef hat uns eine Azubine aufs Auge gedrückt.«
»Eine Azubine?«
»Wir haben eine junge Kommissarin ins Team bekommen, die gerade von der Schutzpolizei zu uns gewechselt ist.«
»Und jetzt soll sie mit Dirk und dir arbeiten?« Annemarie klang ungläubig.
»Warum nicht? Wenn der Schüler bereit ist, kommt der Meister.«
»Hast du heimlich in meinem Zen-Buch gelesen?«
Er lachte und schüttelte den Kopf.
»Der Anfang war ein wenig verbissen, aber das wird schon.«
»Wie alt ist sie denn?«
»Anfang zwanzig.«
»Und, sieht sie gut aus?«
»Keine Ahnung.«
Seine Tochter sah ihn fragend an.
»Annemarie, darauf habe ich schon lange nicht mehr geachtet.«
Er stand auf und ließ Wasser ins Spülbecken, sodass sie abwaschen konnten.
»Trocknest du ab?«, fragte er.
Sie nahm schweigend das Geschirrtuch zur Hand, trocknete die ersten Gläser ab und räumte sie in den Schrank. Sie hatte Angst davor, sich ihren Vater an der Seite einer anderen Frau vorzustellen. Wie sehr ihr die Mutter fehlte, begann sie erst langsam zu realisieren. Eine Mutter war einfach da. Manchmal war sie lästig, aber sie war einfach immer da. Natürlich gab es ihren Vater, aber es war nicht dasselbe.
Dienstag, 3. April
Der Wecker hatte, wie gewohnt, um 6:45 Uhr geklingelt. Friedrich stand auf, befüllte die altersschwache Kaffeemaschine in der Küche und ging ins Bad. So gerne er Espresso mochte, in der Früh ging nichts über einen normalen Filterkaffee.
Kaum hatte er sich ausgezogen, um zu duschen, klingelte das Telefon. Sicher wieder irgendein Idiot, der ein Taxi brauchte. Irgendwann sollte er eine neue Nummer beantragen, die jetzige unterschied sich nur in einer Stelle von der Taxizentrale. Kaum hatte der Anrufer aufgegeben, läutete es schon wieder. Friedrich ging ins Wohnzimmer, suchte das tragbare Telefon und drückte die grüne Taste.
»Ja?«
»Kriminalhauptkommissar von Coes?«
»Ja?«
»Kriminalwache, Sie sollen bitte sofort zur Brauerei Blankenburg kommen.«
»Was ist denn los?«, wollte Friedrich wissen.
»Die Frühschicht hat einen Toten im Sudhaus gefunden.«
»Haben sie Kommissar Grimm schon benachrichtigt?«
»Machen wir als Nächstes.«
»Dann schicken Sie mir bitte einen Wagen.«
Friedrich warf einen Blick auf die gegenüberliegenden Häuser. Die Morgendämmerung hatte die wenigen Wolken am Himmel in ein sanftes Rot getaucht.
Ein Toter an seinem zweiten Tag. Er schüttelte den Kopf. Polizist ist wirklich kein Beruf, dachte er, erst recht keine Berufung, bestenfalls ein Fluch.
Als er Annemaries Schritte über sich hörte, wurde ihm bewusst, dass er splitterfasernackt durch die Wohnung lief. Er ging ins Bad, um sich zumindest ein paar Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Die Dusche konnte er vergessen. Er seifte sich den Bart ein und begann sich zu rasieren. Mit den neumodischen Designerbärten hatte er sich nie wirkliche anfreunden können. Kaum hatte er den verbliebenen Schaum abgespült, klingelte es an der Tür. Er bat die Beamten im Streifenwagen, einen Moment zu warten und ging in sein Zimmer, um sich anzuziehen. Als er wieder auf den Flur trat, stand er Annemarie gegenüber, die ihn skeptisch ansah.
»Leiche?«
Er nickte.
Sie ging in die Küche, nahm eine schmale Thermoskanne aus dem Schrank, goss den schwarzen Kaffee hinein und drückte sie ihrem Vater in die Hand.
»So wird das aber nichts mit den ruhigen Nächten.«
»Ich weiß, Herzilein.«
Sie umarmte ihn. »Ich bin nicht Herzilein, Paps. Du wirst damit leben müssen. Ich auch. Pass auf dich auf.«
Er sah seine Tochter ungläubig an, dann lächelte er, hielt sie noch einen Moment fest im Arm, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und ging die Treppe hinunter, die Thermoskanne fest in der linken Hand.
Als er aus dem Haus trat, erinnerte er sich, dass sie eine neue Kollegin hatten. Er griff zum Handy und rief sie an. Zehn nach sieben. Eine schnell atmende Stimme antwortete:
»Wolkenstein.«
»Coes. Morgen, Frau Wolkenstein. Ich hoffe, ich störe nicht.«
Nach einem Moment der Stille meinte Hannah: »Nein, ich habe gerade meinen Morgenlauf beendet. Was gibt es denn?«
»Einen Toten in der Brauerei Blankenburg.«
»Mord?«
»Frau Wolkenstein, bitte! Wollen Sie kommen?«
»Klar. Ich dusche schnell und komme dann mit dem Rad.«
»Ich lasse Sie in 15 Minuten abholen.«
»Auch recht.«
»Dann bis gleich.«
Er begrüßte kurz die Beamten im Streifenwagen, wenige Minuten später fuhren sie auf den Hof der Brauerei. Friedrich bat die Kollegen, Kriminalkommissarin Wolkenstein in ein paar Minuten abzuholen. Ein uniformierter Beamter begleitete ihn zu einer Tür, von der aus sie einen langen Gang betraten. Nach einigen Metern gingen sie links durch eine Tür und kamen in eine große Halle, zu der eine Stahltreppe hinunterführte. Insgesamt sechs Kupferkessel standen am Boden der Halle. Durch mehrere hohe Fenster strömte das Morgenlicht herein. Rund um einen dieser Kessel hatte sich eine größere Menge Menschen in weißen Overalls versammelt. Während er die Treppe hinunter ging, kam ihm Dirk mit einem Overall in der Hand entgegen. Friedrich grinste schief.
»Du magst sie immer noch nicht.«
»Nö«, meinte Friedrich und zog ihn dennoch an. »Was haben wir?«
»Einen Toten in einem Läuterbottich.«
»Bitte?«
»Die zwei Dinger da drüben heißen so.«
Sie gingen zu dem in einem Backsteinring eingelassenen Kupferbehälter. Friedrich nickte Stephan Gerson von der Spurensicherung zu und begrüßte Dr. Bildermann, den Gerichtsmediziner, mit Handschlag.
»Was haben Sie für uns, Doktor?«
Bildermann wirkte etwas gereizt.
»Noch gar nichts. Herr Grimm wollte nicht, dass die Leiche bewegt wird, bevor Sie einen Blick darauf geworfen haben.«
»Tut mir leid, Doktor, dass es so lange gedauert hat, bis ich hier war.«
Er klopfte Dirk auf die Schulter und trat an den Kupferkessel. Am Boden lag der verkrümmte Körper eines jungen Mannes. Am Hinterkopf sah man ein wenig verkrustetes Blut, daneben lagen ein Schrubber, ein umgefallener Eimer und eine Bürste. Blutspuren innerhalb des Kessels waren nicht zu erkennen.
»Ist das alles so wie vorgefunden?«, fragte Friedrich.
Dirk nickte.
»Schon fotografiert?«
Noch ein Nicken.
»Gehört Ihnen, Herr Doktor.«
Dr. Bildermann schnaubte ungeduldig und machte sich daran, in den Kupferkessel zu klettern.
»Was soll denn das?«
Die laute Frage kam von einem großen, schlanken Mann in einem ausgezeichnet geschnittenen dunklen Anzug, der oben auf der Metalltreppe stand.
»Und Sie sind?«
Dirk Grimm schritt energisch auf den Neuankömmling zu, der die Treppe herunterkam.
»Mein Name ist Blankenburg. Ich bin der Geschäftsführer.«
Sie standen sich fast wie Gegner im Boxring gegenüber. Dirk hatte den Kopf leicht eingezogen, als Friedrich neben ihn trat.
»Kriminalhauptkommissar von Coes. Morgen, Herr von Blankenburg. Hat man Sie nicht informiert?«
Konstantin von Blankenburg schien sich zu beruhigen und sah Friedrich an. Hannah tauchte oben auf der Treppe auf und ging die Stufen hinunter. Als von Blankenburg sie sah, straffte sich sein Körper und sein Gesicht entspannte sich. Als sie den Betonboden erreicht hatte, streckte er ihr die Hand entgegen.
»Das ist doch mal ein erfreulicher Anblick. Konstantin von Blankenburg, und mit wem habe ich das Vergnügen?«
Die sonst so selbstsichere Hannah war offensichtlich sprachlos. Friedrich kam ihr zur Hilfe.
»Das ist meine Kollegin, Kriminalkommissarin Wolkenstein«, antwortete er, und zu Hannah gewandt: »Kümmern Sie sich bitte um den Tatort?«
Hannah nickte und ging in Richtung des Kupferkessels, froh, dieser merkwürdigen Situation entkommen zu sein.
»Aber um auf meine Frage zurückzukommen«, meinte Friedrich, während Dirk staunend neben ihm stand, »hat man Sie nicht informiert, was passiert ist?«
»Keine Ahnung, Herr Kommissar. Ich bin gerade erst angekommen und sah zunächst einmal nichts als Polizeifahrzeuge.«
Friedrich zögerte einen Moment. »Dirk, kannst du dich bitte um Frau Wolkenstein kümmern und aufnehmen, wer sich zum Zeitpunkt des Leichenfundes im Gebäude befand?«
»Klar, Chef.«
Wenn Dirk ihn Chef nannte, verhieß das nichts Gutes. Friedrich von Coes wusste das.
»Herr von Blankenburg, können wir irgendwo einen Moment ungestört sprechen?«
Konstantin von Blankenburg deutete auf ein gläsernes Häuschen, das sich in einer Ecke befand. Sie schlossen die Tür hinter sich.
»Hier ist die technische Produktionssteuerung für das Sudhaus. Was ist denn nun eigentlich los?«
»Einer Ihrer Mitarbeiter hat vor einer dreiviertel Stunde hier einen Toten gefunden.«
»Hier? Einen Toten?«
»Ja. Einen jungen Mann. Er befindet sich noch in diesem«, Friedrich deutete in die Halle, »Kupferkessel, bis unser Pathologe und die Spurensicherung fertig sind.«
»Einen Toten?«, fragte von Blankenburg zum zweiten Mal.
Friedrich nickte.
»Etwa einer meiner Mitarbeiter?«
»Das wissen wir noch nicht, Herr von Blankenburg. Vielleicht könnten Sie nachher einen Blick auf den Toten werfen? Im Moment würden mich allerdings einige andere Fakten interessieren. Wann ist hier eigentlich Arbeitsbeginn?«
»Das hängt von der Tagesplanung ab«, meinte von Blankenburg. »Es kommt darauf an, was wir brauen. Manchmal sind die Ersten um drei hier, manchmal um fünf.« Er lächelte zum ersten Mal. »Bierbrauen hat viel mit Natur zu tun, da müssen sich auch industrielle Prozesse anpassen.«
»Sind Sie Braumeister?«
»Gott bewahre. Ich bin Betriebswirt. Mein Bruder war der Brauer von uns beiden.«
»War?«
»Er kam letztes Jahr bei einem Autounfall um.«
»Das tut mir leid.«
Sie schwiegen einen Moment.
»Wer weiß denn, was heute geplant war und wann wer zur Arbeit kam?«
»Der Braumeister. Die Einsatzplanung. Dafür gibt es heute Computer.«
»Wir werden diese Daten brauchen.«
Beide blickten in Richtung des Kupferkessels. Dr. Bildermann hatte ihn gerade verlassen und zwei Mitarbeiter hoben den leblosen Körper durch die Einstiegsluke. Konstantin von Blankenburg wirkte seltsam unbewegt.
»Denken Sie, Sie könnten einen Blick auf den Toten werfen?«, fragte Friedrich.
»Ja, sicher«, meinte von Blankenburg, »wir müssen doch wissen, wer das ist.«
Als sie zu den anderen traten, hatten die Mitarbeiter des Gerichtsmedizinischen Instituts den Toten in einen Zinksarg gelegt. Dirk trat auf Friedrich und Konstantin von Blankenburg zu.
»Der Braumeister hat den jungen Mann identifiziert. Es ist ein gewisser Jan Vosskamp. Studiert wohl Brauwesen und arbeitet hier in den Semesterferien.«
Konstantin von Blankenburg blickte starr auf den in ein Tuch eingeschlagenen Körper im Zinksarg.
»Jan?«
»Sie kannten den jungen Mann?«, fragte Friedrich.
Von Blankenburg nickte. »Er hat bei uns gelernt. Brauer und Mälzer. Später hat er das Abitur nachgeholt und letztes Jahr in Berlin angefangen, Brauereiwesen zu studieren.«
»Kannten Sie ihn gut?«
Von Blankenburg sah Dirk an. »Er ist der Sohn der Assistentin meines Vaters.«
»Ich denke, wir sollten seine Mutter benachrichtigen«, sagte Friedrich.
Konstantin von Blankenburg blickte auf seine Uhr. »Sie sollte eigentlich schon im Haus sein. Vater sitzt ab acht Uhr am Schreibtisch und Frau Vosskamp ist eigentlich immer vor ihm da.«
»Könnten Sie mir den Weg zeigen?«
»Sicher, Herr von Coes.«
»Lassen Sie mich noch kurz mit meinem Team sprechen.«
Von Blankenburg nickte, zog ein silbernes Etui aus der Jackentasche und ging auf eine grün gestrichene und als »Notausgang« markierte Tür zu. Er öffnete sie, trat auf eine Laderampe und zündete sich ein Zigarillo an.
»Arroganter Schnösel«, meinte Dirk.
»Nun mal langsam mit den jungen Pferden«, sagte Friedrich und wandte sich Dr. Bildermann zu. »Ihr erster Eindruck, Herr Doktor?«
»Sieht nach einem stumpfen Schädeltrauma aus.«
»Unfall?«
Dr. Bildermann wiegte den Kopf hin und her. »Haben Sie sich diesen Bottich innen angeschaut? Alles rund und glatt. Ich halte das für ziemlich unwahrscheinlich.«
Friedrich nickte nachdenklich. »Dann bekommen wir ja doch noch Arbeit. Sie schicken Ihren Bericht, Doktor?«
»Selbstverständlich. Ich schaue ihn mir heute Morgen noch an.«
Friedrich wandte sich an Hannah und Dirk, die in Hörweite standen.
»Wenn das kein Unfall war, dann müssen wir hier dringend nach möglichen Blutspuren suchen. Wenn wir von Fremdeinwirkung ausgehen, auch nach Spuren eines Kampfes.« Er hielt einen Moment inne. »Dirk, du sagst der Spurensicherung, wonach wir suchen. Schaut euch Treppen, Abgänge und so was an. Sucht nach Blut.»
Er dachte einen Moment nach.
»Frau Wolkenstein, Sie kommen mit mir. Wir müssen mit der Mutter sprechen. Sagen Sie Herrn von Blankenburg bitte, dass wir so weit sind?«
Hannah atmete tief ein.
»Problem?«, fragte Friedrich.
»Ich mag den Typ nicht.« Dann zuckte sie mit den Schultern und ging zu Konstantin von Blankenburg.
»Was hältst du von ihr?«, fragte er Dirk.
»Nach dem Einstieg gestern?« Er schmunzelte. »Für eine Anfängerin nicht schlecht.«
Friedrich nickte. »Ich bin sobald wie möglich wieder hier, denn ich bezweifle, dass wir den Laden allzu lange untersuchen können. Macht schnell aber gründlich.«
»Geht klar.«
Konstantin von Blankenburg ging mit Hannah in Richtung Treppe. Sein strahlendes Lächeln schien Friedrich nicht zur Situation zu passen. Am Treppenabsatz blieb Hannah plötzlich stehen. Als Friedrich hinzutrat, deutete sie auf ein paar dunkle Flecken auf der untersten Stufe und am Boden. Friedrich steckte zwei Finger in den Mund und pfiff. Als alle aufschauten, winkte er Dirk zu sich.
»Schaut euch das an«, sagte er und zeigte ihm die Flecken.
Hannah und er zogen ihre Plastikoveralls aus und Friedrich meinte zu von Blankenburg: »Lassen Sie uns gehen. Ich möchte nicht, dass es die Mutter durch den Flurfunk erfährt.«
Sie liefen durch ein verwinkeltes Gebäude und zwei verschiedene Treppenhäuser in den oberen Stock.
»Haben Sie hier keine Aufzüge?«, wollte Hannah wissen.
»Doch, aber die sind am anderen Ende des Gebäudes. Warum? Geht Ihnen die Puste aus?«
Sie lächelte abschätzig: »Sehe ich so aus? Ich dachte eher an Menschen mit Behinderung.«
Er schüttelte, offenbar belustigt, den Kopf: »Bierbrauen ist harte, körperliche Arbeit, Frau Wolkenstein.«
Sie kannte einige Leute, die das trotz Behinderung nicht abhalten würde.
Konstantin von Blankenburg öffnete eine Tür und bedeutete ihnen einzutreten. »Morgen, Wölkchen«, meinte er zu einer blonden Dame, die sein Vorzimmer zu bewachen schien. »Frau Wolke, meine persönliche Assistentin«, fügte er erklärend hinzu. »Ist mein Vater schon da?«
»Natürlich, Herr von Blankenburg.«
»Und Frau Vosskamp?«
Sie sah ihn über ihre Lesebrille an.
»Das heißt dann wohl ja. Das ist übrigens die Kriminalpolizei, Wölkchen.« Zu Friedrich und Hannah gewandt meinte er: »Dann gehen wir mal in die Höhle des Löwen.«
Er öffnete eine lederbespannte Tür und danach eine weitere.
Hannah konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Das ist ja fast wie in einem Edgar Wallace-Film aus den Fünfzigerjahren, dachte sie sich.
Sie standen in einem Vorzimmer ähnlich dem von Konstantin von Blankenburg. Hinter einem funktionalen Schreibtisch saß eine dezent geschminkte Frau, auf deren weißer Bluse eine Perlenkette schimmerte. Perlenohrringe glänzten durch die dunkelblonden, gelockten Haare. Das Ebenbild einer perfekten Chefsekretärin lächelte: »Guten Morgen, Konstantin, habe ich einen Termin übersehen?«
Anscheinend hatte die Wirklichkeit den jungen von Blankenburg jetzt eingeholt, denn er stand einen Moment in der Mitte des Raums und wusste nicht, was er sagen sollte.
»Mein Name ist Friedrich von Coes, Frau Vosskamp«, ergriff Friedrich das Wort. »Das ist meine Kollegin Hannah Wolkenstein. Wir sind von der Kriminalpolizei und müssten Sie kurz sprechen.«
»Oh Gott, ist etwas passiert? Hatte Jan einen Unfall?«
Konstantin von Blankenburg stand immer noch wie versteinert in der Mitte des Raums.
»Frau Vosskamp, es tut uns leid, aber wir haben eine sehr schlechte Nachricht.«
Sie war aschfahl im Gesicht geworden. Hannah ging um den Schreibtisch herum und als sie neben Mathilde Vosskamp stand, sagte sie:
»Ihr Sohn hat im Sudhaus einen Unfall gehabt. Er ist tot.«
Mathilde Vosskamp schluchzte und sackte in sich zusammen. Hannah beugte sich zu ihr hinunter und sprach leise mit ihr, als eine weitere lederbezogene Tür aufging und ein großer, grauhaariger Mann in einem fast altmodisch wirkenden Anzug mit Weste das Zimmer betrat. Ein kurz geschnittener Bart betonte sein asketisches Gesicht.
»Was geht hier vor?«
»Friedrich von Coes, Kriminalpolizei Münster. Und Sie sind?«
»Mein Name ist Theodor von Blankenburg. Ich bin der Hausherr und ich wiederhole meine Frage: Was geht hier vor? Konstantin?«
»Könnten wir in Ihr Büro gehen, Herr von Blankenburg?«, schlug Friedrich vor.
»Ich habe vor meinen Mitarbeitern keine Geheimnisse.«
»Vater, bitte.« Konstantin von Blankenburg schien aus seiner Starre erwacht zu sein.
»Konstantin, ich wüsste nicht, was wir vor Mathilde verheimlichen sollten.«
»Wir haben den Sohn Ihrer Mitarbeiterin tot im Sudhaus gefunden, Herr von Blankenburg«, sagte Friedrich. »Ich würde vorschlagen, wir besprechen alles Weitere nebenan.«
Theodor von Blankenburg hielt sich mit der rechten Hand am Türrahmen fest.
»Sie haben…«
Konstantin von Blankenburg versuchte, seinen Vater am Ellenbogen zu ziehen, aber der schüttelte ihn ab.
»Jan ist tot?«
»Herr von Blankenburg, machen Sie es für Frau Vosskamp doch nicht noch schwerer.« Hannah war aufgestanden und sah den sichtlich gealterten Mann direkt an.
»Sie haben ja keine Ahnung, junge Dame.«
Der alte Blankenburg drehte sich um und ging mit unsicheren Schritten in sein Büro zurück. Sein Sohn und Friedrich folgten ihm. Auf Friedrichs einladende Geste hin schüttelte Hannah den Kopf, sie wollte bei Frau Vosskamp bleiben. Friedrich ließ die Bürotür offen.
Theodor von Blankenburg hatte sich hinter seinen Schreibtisch gesetzt und blickte Friedrich ungläubig an.
»Jan ist wirklich tot?«
Friedrich nickte.
»Ein Unfall?«
»Wir gehen von einem unklaren Todesfall aus, Herr von Blankenburg.«
»Was heißt das genau?«
»Wir wissen nicht, wie Jan Vosskamp gestorben ist. Wir müssen den Bericht des Gerichtsmediziners abwarten und können Fremdeinwirkung nicht ausschließen.«
Der Körper des alten Mannes straffte sich.
»Und was heißt das für meine Firma?«
»Wir brauchen noch etwas Zeit, um Spuren und Beweise zu sichern.«
»Wir müssen produzieren, Herr Kommissar.«
»Wir arbeiten, so schnell wir können.«
»Gibt es noch etwas, das Sie von mir brauchen?«
»Wir brauchen mehr Informationen zu Jan Vosskamp, aber da kann uns Ihr Sohn sicher weiterhelfen. Gegebenenfalls müssen wir Sie in den nächsten Tagen noch einmal sprechen.«
»Dann tun Sie das, Herr Kommissar.« Er schien sich jetzt wieder völlig gefasst zu haben. »Konstantin, du sorgst dafür, dass die Herren alles bekommen, was sie benötigen.« Er nickte Friedrich zu. »Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden?«
Die Audienz war offensichtlich beendet, denn der Sohn deutete auf die Tür. Was für eine merkwürdige Familie, dachte sich Friedrich. Auch Frau Vosskamp im Vorzimmer schien sich beruhigt zu haben. Sie saß wieder aufrecht hinter ihrem Schreibtisch, der, wie bei ihrem Chef, wohl eine Barriere zur Außenwelt darstellte.
»Wollen Sie nicht nach Hause gehen, Mathilde?«, fragte Konstantin von Blankenburg.
»Ihr Vater braucht mich jetzt mehr denn je.«
»Wie meinen Sie das, Frau Vosskamp?«, erkundigte sich Friedrich.
Frau Vosskamp sah ihn groß an und Konstantin übernahm die Antwort:
»Jan hatte bei uns von Anfang an so etwas wie Familienanschluss. Für meinen Bruder und mich war er fast wie ein kleiner Bruder und für Vater…«
Er zögerte.
»So etwas wie ein Sohn?«, versuchte Friedrich.
Konstantin von Blankenburg schüttelte energisch den Kopf: »Soweit würde ich nicht gehen. Aber auch Vater mochte ihn sehr.«
Mathilde Vosskamp starrte ihn an.
»Frau Vosskamp, wollen Sie nicht doch lieber nach Hause gehen?«, schlug Hannah vor.
»Nein, nein.« Sie sah Hannah an und brachte ein Lächeln zustande. »Dort wäre ich nur allein. Ich möchte lieber unter Menschen sein.«
»Gehen wir doch in mein Büro«, schlug Konstantin von Blankenburg vor. »Dort können wir Ihre Fragen in Ruhe besprechen.«
Friedrich sah Hannah an, die zuckte unmerklich mit den Schultern und so folgten sie dem jungen von Blankenburg in sein Büro. Sie gingen an der geschäftigen Frau Wolke vorbei und Konstantin von Blankenburg schloss die Bürotür hinter ihnen.
»Nehmen Sie doch bitte Platz«, er deutete auf eine Sitzgarnitur. »Was möchten Sie noch über Jan wissen?«
»Alles«, meinte Friedrich trocken, »denn im Moment wissen wir so gut wie nichts.«
»Jan ist«, er zögerte und korrigierte sich, »war 28 Jahre alt. Mathilde war seit vier oder fünf Jahren bei Vater beschäftigt, als er geboren wurde.«
»Als was war sie beschäftigt?«, wollte Hannah wissen.
»Zunächst als Sachbearbeiterin, dann ab 1989 als seine persönliche Assistentin.«
»Jan wurde also 1990 geboren?«, fragte Friedrich.
Konstantin von Blankenburg nickte.
»Wer ist der Vater?«
Konstantin von Blankenburgs Blick bewegte sich unruhig zwischen Hannah und Friedrich, dann sagte er: »Das hat Mathilde nie gesagt. Meine Mutter hat sie unter ihre Fittiche genommen und so kam es, dass Max und ich viel Zeit mit dem Kleinen verbracht haben.«
»Sie sagten, mit dem Kleinen?«, warf Hannah ein.
»Jan war 10 Jahre jünger als ich und 7 Jahre jünger als mein Bruder.«
»Wie ist Jan dann in die Firma gekommen?«
»Er hat sich von klein auf hier herumgetrieben, ähnlich wie mein Bruder. Das Brauen lag ihnen beiden im Blut. Mein Bruder hat nach dem Abi dann in Weihenstephan Brauwesen studiert und Jan hat nach dem Realschulabschluss hier Mälzer und Brauer gelernt.«
»Sagten Sie nicht vorhin, er studiere?«
»Das stimmt. Er hat 2012 das Abitur nachgeholt und dann noch ein paar Jahre hier gearbeitet und gespart, um studieren zu können.«
»Wo studierte er?«
»In Berlin.«
»Und in den Semesterferien arbeitete er hier?«
»Das ist perfekt für uns und für ihn. Er studiert Brauwesen und ist ausgebildeter Brauer. Er kann eigentlich überall eingesetzt werden – dementsprechend verdient er gut.«
»Unterstützt ihn seine Mutter nicht?«
»Jan hatte schon immer seinen eigenen Kopf. Er wollte auf eigenen Beinen stehen, sein Ding machen. Mein Vater hat ihm angeboten, das Studium zu finanzieren, das hat er ziemlich schroff zurückgewiesen. Da gab es zum ersten Mal richtig Krach zwischen den beiden.«
»Können Sie nachsehen, wann Jan heute in die Brauerei gekommen ist?«, versuchte Friedrich das Gespräch auf das heutige Geschehen zu lenken.
»Die klassische Stempeluhr gibt es auch bei uns nicht mehr. Die Mitarbeiter haben eine Ausweiskarte, mit der sie elektronisch einstempeln. Jan wird das sicher auch gemacht haben.«
»Könnten Sie das bitte überprüfen?«
Er griff zum Telefon. »Wölkchen? Drucken Sie mir bitte mal das Arbeitszeitkonto von Jan für diesen Monat aus? Danke.«
»Gibt es hier im Betrieb eigentlich Überwachungskameras?«, meldete sich Hannah zu Wort.
»In den Gebäuden weniger. Nur im Lager und in der Abfüllanlage. Draußen haben wir einige Kameras, die die Zugänge überwachen. Wir hatten vor ein paar Jahren Probleme mit Einbrüchen.«
»Das Bildmaterial der letzten zwölf Stunden bräuchten wir dann bitte auch.«
»Das klingt, als würden Sie nicht an einen Unfall glauben.«
»Das Gesetz verpflichtet uns, in alle Richtungen zu ermitteln und Beweismittel sicher zu stellen. Die Todesursache ist unklar«, antwortete Friedrich.
»Verstehe«, meinte Konstantin von Blankenburg. »Was brauchen Sie sonst noch?«
»Wir werden jetzt erst einmal zu den Kollegen gehen und schauen, was sich am Tatort noch ergeben hat.«
Frau Wolke betrat das Büro und reichte Konstantin von Blankenburg ein Blatt Papier. Nachdem er einen Blick darauf geworfen hatte, schüttelte er den Kopf und sagte: »Merkwürdig.«
»Darf ich?«, fragte Friedrich und streckte die Hand aus.
»Natürlich, Herr Kommissar«, meinte Konstantin von Blankenburg und reichte ihm das Blatt.
Nachdem Friedrich es kurz studiert hatte, gab er es Hannah. »Wenn ich das richtig verstehe, hat Jan gestern den Betrieb nicht verlassen.«
»Oder er hat vergessen, aus- beziehungsweise wieder einzustempeln.«
»Was er sonst immer getan hat, oder?«, warf Hannah ein.
»Dürfen wir das mitnehmen?«, fragte Friedrich.
»Selbstverständlich.«
Friedrich und Hannah erhoben sich.
»Wo bekommen wir die Aufzeichnungen der Kameras?«, fragte Friedrich.
»Ich rufe den Verwaltungsleiter an. Er kommt dann zu ihnen ins Sudhaus.«
»Vielen Dank.«
Konstantin von Blankenburg reichte beiden die Hand und gleich danach standen sie wieder auf dem Gang.
»Und Sie wissen, wie wir ins Sudhaus zurückkommen, Frau Wolkenstein?«, fragte Friedrich.
»Logisch.«
Zwei Treppenhäuser und einige Gänge später standen sie tatsächlich wieder zwischen den Kupferkesseln.
Dirk trat auf sie zu. »Unser Adlerauge hier«, er deutete mit dem Kinn auf Hannah, »hat einen Treffer gelandet. Die Flecken waren tatsächlich Blut. Ob es von Jan Vosskamp stammt, wird die Laboruntersuchung ergeben.«
»Was habt ihr sonst herausgefunden?«, wollte Friedrich wissen.
»Die Spurensicherung hat sonst nirgends Blut gefunden, aber die Brauerei ist ein Riesenkomplex. Die Mitarbeiter kamen heute um halb sechs und ihre Aussagen stimmen darin überein, dass das Sudhaus dunkel war. Sie machten Licht, prüften die über Nacht gelaufenen Prozesse und begannen dann, die Dinge abzuarbeiten, die vor dem nächsten Brauprozess erledigt werden mussten.«
»Dazu gehörte das Reinigen von dem da?«, fragte Friedrich und deutete auf den Bottich, in dem sie Jan Vosskamp gefunden hatten.
»Stimmt. Nachdem sie den Jungen gefunden hatten, wurde der Braumeister, ein Herr Kufnagel, gerufen, der ist in den Bottich geklettert, hat gesehen, dass Jan tot war, und hat die Polizei gerufen.«
Friedrich blickte Hannah an.
»Jan Vosskamp hat gestern nicht ausgestempelt. Er ist in der Brauerei geblieben und hier möglicherweise seinem Mörder begegnet«, meinte sie.
»Ist das nicht ein wenig weit hergeholt?«, fragte Dirk.
»Sie hat da einen Punkt«, sagte Friedrich. »Wir müssen die Laborergebnisse abwarten. Irgendetwas ist gestern Abend schief gegangen. Ich glaube auch nicht an einen Unfall, aber wir sollten warten, was Bildermann zu sagen hat. Haben wir eigentlich ein Mobiltelefon bei ihm gefunden?«
Dirk zuckte mit den Schultern. Friedrich sah sich nach Stephan Gerson, dem leitenden Kriminaltechniker, um und winkte ihn her. Der Tote hatte kein Handy bei sich gehabt und in dem Bottich habe sich auch keins befunden, lautete dessen Antwort.
»Dann sollten wir es suchen«, meinte Friedrich zu seinen Kollegen.
Ein etwas fülliger Herr in den Fünfzigern kam die Metalltreppe hinunter und blickte sich suchend um. Nachdem er mit Friedrich Blickkontakt aufgenommen hatte, kam er zu ihm herüber.
»Kommissar von Coes?«
»Ja.«
»Alfred Klemm. Ich bin der Verwaltungsleiter. Der Chef hat mich wegen der Videoaufzeichnungen angerufen.«
»Haben Sie die Aufnahmen der letzten zwölf Stunden dabei?«
Er versuchte es mit einem Lächeln.
»Unser System speichert die Aufnahmen der letzten sieben Tage, dann werden sie überspielt. Ich habe allerdings keine Ahnung, wie ich Ihnen die Aufnahmen zur Verfügung stellen kann. Technik ist nicht so ganz meine Sache. Unsere IT Leute sollten aber jeden Moment eintreffen, die können das sicher regeln.«
Friedrich sah Dirk an. »Könntest du das hier abschließen? Ich würde mit Frau Wolkenstein ins Präsidium fahren und wir treffen uns dort«, er blickte auf seine Uhr, »gegen elf.«
Dirk wirkte etwas erstaunt, aber er nickte und wandte sich an Herrn Klemm.
»Wir klären das mit den Aufzeichnungen, sobald Ihre Kollegen da sind. Wo finde ich Sie?«
»Erster Stock, Zimmer 117.«
Er nickte ihnen zu, machte auf dem Absatz kehrt und marschierte auf die stählerne Treppe zu.
»Nichts für ungut, meine erfahrenen Kollegen«, meinte Hannah, »aber bin ich die Einzige, die das alles äußerst merkwürdig findet?«
Dirk grinste, aber Friedrich gab den Chef:
»Überhaupt nicht, Frau Kollegin, das ist das Spannende an unserem Beruf. Lassen Sie uns ins Präsidium zurückfahren. Ich habe das Gefühl, Herr Petersen möchte mit uns sprechen.«
»Wie kommst du darauf?«, wollte Dirk wissen.
»Weil er schon zweimal auf meinem Handy angerufen hat.«
»Und du hast ihn überhört?«
»So in etwa. Kommen Sie, Frau Wolkenstein?«
Als sie beide im Streifenwagen saßen, meinte Hannah:
»Können Sie mich bei mir zu Hause rauslassen? Ich möchte gerne mein Fahrrad holen.«
»Klar, Am Kanonengraben, oder?«
»Nummer 6.«
»Also«, sagte Friedrich zu dem Beamten hinter dem Steuer, »wir fahren zuerst in den Kanonengraben 6 und dann ins Präsidium.« Dann wandte er sich wieder an Hannah: »War das Ihr erster Toter?«
»Nein, warum fragen Sie?«
»Nur so. Nehmen Sie sich Zeit für die Dusche.«
Sie sah ihn mit offenem Mund an.
»Nein«, sagte Friedrich, »ich kann keine Gedanken lesen, aber es gibt Momente, in denen man Dinge loswerden, förmlich abwaschen muss.« Er schwieg einen Moment. »Und das war Ihre erste Leiche, Hannah.«
Es war ihm nicht aufgefallen, dass er ihren Vornamen benutzt hatte, und auch ihren erstaunten Blick hatte er nicht bemerkt. Er war mit seinen Gedanken bei dem verkrümmt in einem Läuterbottich liegenden jungen Mann und versuchte, sich an seine Gesichtszüge zu erinnern. Früher hatte er sich den Gesichtsausdruck eines Toten sofort eingeprägt. Er konnte die Bilder aus seinem Gedächtnis abrufen – auch wenn ihm die Gesichter, im Gegensatz zu dem, was die Psychologen sagten, nie verfolgten. Alles kam so schnell heute. Er war einfach noch nicht bereit. Er konnte sich nicht an das Gesicht erinnern. War es erstaunt, wütend, ängstlich gewesen? Schmerzverzerrt? Es baute sich vor seinem inneren Auge kein Bild auf.
Der Wagen hielt. Hatte er wirklich die ganze Zeit aus dem Fenster gestarrt? Er spürte Hannahs Blick auf sich. Es war ein interessierter Blick.
»Dann bis gleich, Herr von Coes.«
Er war zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um zu antworten. Als sein Blick ihr zur Haustür folgte, erinnerten ihn die Bewegungen an seine Tochter.
Geschmeidig.
Zielgerichtet.
Wenige Minuten später stieg er am Präsidium aus und machte sich auf den Weg in den zweiten Stock. Er steuerte die Tür von Kriminaloberrat Petersen an.
Petersen blickte von einem Haufen Papier auf.
»Es gibt noch Zeichen und Wunder, Herr von Coes.«
»Der Empfang in der Brauerei ist denkbar schlecht.«
Petersen zog die Mundwinkel nach unten. »Manche Gewohnheiten ändern sich nie, oder?«
»Mag sein.«
»Haben Sie erste Ergebnisse? Der ermittelnde Staatsanwalt ruft im Halbstundentakt an. Die Blankenburgs sind so etwas wie eine Münsteraner Institution.«
»Institutionen habe ich mir eigentlich immer anders vorgestellt, aber merkwürdig genug scheint die Familie zu sein.«
»Wie meinen Sie das?«
Friedrich berichtete kurz von ihren Ermittlungen in der Brauerei und den Reaktionen der Beteiligten.
»Was finden Sie daran merkwürdig, Herr von Coes?«, wollte Petersen wissen.
»Sie kennen mich doch lange genug, Herr Petersen. Ich kann das nicht eindeutig an etwas festmachen. Die Emotionen, vielmehr der Gegensatz zwischen Wärme und Kälte, stimmt bei keiner der direkt betroffenen Personen.«
Petersen sah ihn fragend an.
»Familiengeheimnisse gibt es überall.«
»Ein Toter erschüttert alles, das wissen Sie so gut wie ich. Ich befürchte, hier werden nicht nur Familiengeheimnisse verborgen.«
»Das ist eine mehr als nur wohlbeleumundete Familie. Wahrscheinlich war das ein ganz gewöhnlicher Unfall.«
Hatte er überhaupt zugehört, fragte sich Friedrich. In diesem Fall passte eigentlich nichts zu einem Unfall. »Herr Petersen«, sagte er laut, »lassen Sie uns doch einfach die Ergebnisse von Dr. Bildermann und der KTU abwarten.«
»Na gut«, meinte Petersen, »und was sage ich dem Staatsanwalt?«
»Ich würde ihm sagen, dass wir einen Anfangsverdacht haben. Was Sie ihm sagen, weiß ich nicht.«
Er brachte ein Lächeln zustande und ging in sein Büro.
Kaum saß er hinter seinem Schreibtisch, kam Dirk herein, hängte seine Windjacke an den wackeligen Haken an der Tür und ließ sich auf seinen Schreibtischstuhl fallen.
»Was meinte der Alte?«
»Er hätte vermutlich am liebsten einen Unfall.«
»So dämlich kann doch nicht einmal Petersen sein.«
»Du kennst ihn genauso gut wie ich, Dirk. Er ist Wachs in den Händen seiner Vorgesetzten. Ich schätze, da möchte jemand, vielleicht sogar ungewollt, den Blankenburgs einen Gefallen erweisen.«
»Aber die Fakten…«
»Die Fakten werden wir ihnen hoffentlich heute Nachmittag präsentieren können. Jetzt warten wir erst einmal auf Hannah und dann sollten wir einen Happen essen.«
»Wieso Hannah?«
Hatte er Hannah gesagt? Er schüttelte unbewusst den Kopf. »Ich meine Frau Wolkenstein.«
»Das war mir schon klar. Aber warum nanntest du sie gerade Hannah?«
»Keine Ahnung. Unbewusst.«
In diesem Moment kam Hannah Wolkenstein durch die Tür. Sie hatte sich umgezogen, trug eine Jeans und ein weißes Herrenhemd, dazu eine kleine goldene Kette mit einem Anhänger. Unter dem Arm hatte sie eine große Schachtel.
Dirk schaute interessiert.
»Lassen Sie uns raten. Eine Trockenhaube?«
Hannah fuhr mit der Hand durch ihre kurzen dunklen Haare. »Eher unwahrscheinlich, Watson. Zweiter Versuch.«
»Eine Kaffeemaschine«, meinte Friedrich.
»Beeindruckend«, sagte Hannah verblüfft, »woher wissen Sie das?«
»Ich kann lesen«, antwortete Friedrich und deutete auf ein kleines Schild auf der Schachtel.
Hannah drehte die Schachtel um, kniff die Augen zusammen, um das kleine Schild zu lesen, und nickte anerkennend. »Es würde uns den Gang zur Kantine ersparen«, fuhr sie fort. »Mein Opa hat sie mir geschenkt, aber ich trinke zu Hause nur Tee.«
Dirk war aufgestanden und betrachtete den Karton mit großem Interesse. »Darf ich mal?«
Hannah gab ihm den Karton, setzte sich und lächelte Friedrich an.
»Opa ist ein Mann mit Geschmack und technischem Verständnis«, ließ sich Dirk vernehmen. »Das ist eine erstklassige Siebträgermaschine mit einem Mahlwerk.«
»Wenn Sie jetzt glauben, dass ich das Ding täglich sauber mache, haben Sie sich geschnitten, Herr Grimm«, meinte Hannah.
Dirk zog die Augenbrauen hoch. »Darum kümmere ich mich schon.«
»Wir sollten das im Protokoll festhalten, Frau Wolkenstein. Solche Zugeständnisse macht er sonst nie«, sagte Friedrich. »Im Übrigen würde ich sagen, dass wir uns nach dem Frühstart ein gutes Mittagessen verdient haben. Die kriminaltechnischen Ergebnisse kommen sowieso erst am Nachmittag und ich würde mit euch gerne das weitere Vorgehen durchgehen.«
Sie gingen zum Griechen, der nur wenige hundert Meter die Straße entlang Richtung Schlossplatz lag. Kaum hatten sie das Lokal betreten, kam Christos hinter der Theke hervorgeschossen.
»Welch Glanz in meiner Hütte!« Er dämpfte seine Stimme. »Wo haben denn zwei alternde Kriminaler eine solche Schönheit aufgegabelt?«
»Prosektiki, agapiti mon«, kommentierte Hannah lächelnd.
Christos trat einen Schritt zurück und musterte sie. »Sie sind doch nicht auch bei dem Laden?«
Hanna griff in ihre Hosentasche und ließ ihre Marke aufblitzen. Christos griff sich an die Stirn:
»Och thee mon«, rief er verzweifelt.
»Wenn die griechische Tragödie vorbei ist«, meinte Dirk, »gibt es hier vielleicht auch etwas zu essen? Ich bin kurz vor dem Verhungern.«
Christos deutete auf einen Tisch am Fenster. Kaum hatten sie sich gesetzt, kam er mit einem Tablett zurück, auf dem sich einige hohe Gläser mit einer klaren Flüssigkeit und ein Krug Wasser befanden.
»Giouvetsi ist heute gut«, war sein Kommentar, als er ihnen die Karte reichte.
»Sie gehen hier wohl öfter essen«, meinte Hannah.
»Ab und zu«, antwortete Dirk.
»Können Sie wirklich griechisch?«, fragte Friedrich.
»Ich hatte Altgriechisch in der Schule. Außerdem kenne ich ein paar Worte, um den üblichen griechischen Windbeutel zu stoppen.«
Dirk war sich nicht sicher, ob er sie bewundernd oder doch lieber weiterhin skeptisch ansehen sollte. Irgendwie war ihm die Neue immer noch unheimlich.
»Sie wollen also den Nachmittag mit Ouzo einläuten«, stellte Hannah fest.
»Kleine Beigaben von Alkohol beschleunigen das Denkvermögen«, meinte Friedrich.
»Ihre Theorie?«, fragte Hannah.
»Die meines Vaters.«
»Zweifellos Mediziner.«
»Anwalt, Frau Wolkenstein.«
In diesem Moment stand Christos wieder an ihrem Tisch, um die Bestellung aufzunehmen.
Friedrich sah in die Runde. »Giouvetsi?«
Die beiden nickten. Christos verzog sich in die Küche.
»Dann lasst uns mal rekapitulieren«, leitete Friedrich zum dienstlichen Teil über.
»Macht das denn Sinn, bevor die KTU und Dr. Bildermann geliefert haben?«, wollte Hannah wissen.
»Spekulieren wir doch einfach mal.«
»Der Knabe ist nie und nimmer in diesem Läuterbottich gestorben«, meinte Dirk.
»Das würde ich auch so sehen«, ergänzte Hannah.
»Gehen wir einmal davon aus, dass ihr recht habt und dass er«, hier blickte Friedrich Hannah an, »am Fuß dieser Metalltreppe, wie auch immer, zu Tode kam.«
»Wir brauchen auf alle Fälle die Videos«, unterbrach ihn Dirk. »Die Techniker von der Brauerei haben sie irgendwann heute Nachmittag fertig.«
»Gut, darum kümmerst du dich.«
»Wir haben doch noch keinen Todeszeitpunkt«, warf Hannah ein.
»Den bekommen wir, wenn wir zurück im Büro sind. Wir brauchen auch mehr Informationen aus der Brauerei. Das übernehmen Sie, Frau Wolkenstein. Wir brauchen alles über die möglichen Beteiligten. Gerüchte, Geschichten, Lügen, Wahrheit. Treiben Sie sich dort ein wenig herum. Sie sehen harmlos genug aus.« Friedrich lächelte. »Ich werde mit Petersen über die weitere personelle Ausstattung verhandeln. Um eine Mordkommission werden wir, wenn wir recht behalten, nicht umhinkommen, aber ich möchte sie klein halten.«
Er pausierte, weil Christos begonnen hatte, die wohlgefüllten Teller vor ihnen abzustellen. Das Lammfleisch duftete verführerisch. Christos platzierte zudem eine Flasche Rotwein und einen Krug mit Wasser in die Mitte des Tisches. Hannah beäugte den Wein kritisch.
»Wir müssen doch heute noch arbeiten.«
»Aber sicher doch«, meinte Dirk und schenkte ein.
»Bevor wir hier alle in gefräßige Stille verfallen, würde ich vorschlagen, dass wir zunächst einen weiteren Beamten hinzuziehen. Ich hatte an Brockmann gedacht.«
»B. B.?« Dirk blieb der Mund offen stehen. »Warum, um Gottes Willen, B. B.?«
»Wer, bitte, ist B. B.?«, wollte Hannah wissen.
»Warum essen wir nicht erst einmal«, antwortete Friedrich schmunzelnd.
Nachdem er die Hälfte seines Tellers geleert hatte, begann er zu erklären: »Bernd Brockmann ist so etwas wie das Gedächtnis der Abteilung. Sein Kopf funktioniert besser als die INPOL Datenbank und er verfügt über jede Menge Informationen zur Münsteraner Lokalgeschichte, die sich in keiner Datenbank finden.« Er trank einen Schluck Rotwein. »Er ist zudem ein systematischer, logisch vorgehender Ermittler, der einen immer wieder in den Senkel stellt, wenn die Fantasie mit einem durchgeht.«
»Außerdem kennt er jede und jeden in der sogenannten besseren Gesellschaft«, fügte Dirk hinzu. »Wie er das macht, wissen wir auch nicht.«
Christos erschien mit einem Tablett, auf dem sich drei Kaffeetassen und Gläser mit einer goldenen Flüssigkeit befanden. Hannah sah Friedrich an.
»Hatten wir das wirklich bestellt?«
»Müssen wir nicht, Frau Wolkenstein«, antwortete Dirk.
Hannah blickte skeptisch.
»Trinken Sie wenigstens den Kaffee«, meinte Friedrich. »Er ist wirklich gut.«
Zwanzig Minuten später waren sie wieder im Präsidium. Die blaue Akte mit den Ergebnissen des Pathologen lag auf Friedrichs Schreibtisch. Dr. Bildermann setzte den Todeszeitpunkt zwischen 23 Uhr und 1 Uhr morgens an. Was hatte Jan Vosskamp zu diesem Zeitpunkt noch in der Brauerei zu suchen? Er war zudem definitiv nicht durch einen Unfall im Läuterbottich gestorben, sondern an einem Schlag mit einem Gegenstand auf den Hinterkopf. Im Bottich befanden sich kaum Blutspuren, was darauf hindeutete, dass der Tod mindestens 30 Minuten vor der Ablage des Körpers eingetreten war, wie Dr. Bildermann sich ausdrückte. Die KTU vermeldete die Übereinstimmung des Blutes am Fuß der Stahltreppe mit dem von Jan Vosskamp.
Friedrich griff zum Telefon.
»Bildermann.«
»Coes. Gut, dass ich Sie persönlich erreiche.«
»Haben Sie meinen Bericht noch nicht bekommen?«
»Doch, vielen Dank. Erinnern Sie sich an die Blutspuren, die wir an der Treppe gefunden haben?«
»Ja.«
»Sie stimmen überein. Könnte es sein, dass er die Treppe hinuntergestürzt ist?«
»Und wie kommt er dann in den Bottich?«
»Das ist die nächste Frage, Herr Doktor. Kann er gestürzt sein?«
»Möglich, glaube ich aber nicht. Da war eigentlich zu wenig Blut. Müsste man sich noch einmal umschauen.«
»Sollen wir gleich vorbeischauen?«
Friedrich kannte Dr. Bildermanns Vorliebe für kriminaltechnische Eskapaden.
Der Doktor schien zu überlegen. »Warum nicht. Um drei?«
»Das schaffe ich. Dann bis gleich.«
Friedrich sah Dirk und Hannah an. »Ich gehe kurz zum Chef, danach gehen wir in die Brauerei zurück. Bildermann kommt auch. Dirk, du sammelst die Videos ein, Sie, Frau Wolkenstein, versuchen mal, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und ich bleibe bei Bildermann.« Er nahm die Ergebnisse der technischen Untersuchungen an sich und machte sich auf den Weg zu Petersen.
»Und?«, meinte Petersen.
»Definitiv Fremdeinwirkung und definitiv nicht am Leichenfundort verstorben.«
Petersen holte tief Luft und blickte Friedrich an.
»Kein Zweifel?«
Friedrich schüttelte den Kopf.
»Also brauchen wir eine Mordkommission.«
»Lassen Sie uns mal tief stapeln, Herr Petersen. Ich hätte gerne Herrn Brockmann im Team, Dr. Bildermann steht uns auch zur Seite und Gerson behandelt das mit Priorität. Wir brauchen erst einmal mehr Informationen über mögliche Hintergründe, bevor wir weitergehende Entscheidungen treffen.«
»Klingt vernünftig, Herr von Coes.«
Der Alte wollte offenbar so wenig wie möglich Staub aufwirbeln.
»Was sagen wir der Presse?«
»Unklare Todesursache, möglicher Unfall, wir ermitteln?«
»Coes, selbst die Lokalpresse wird in 24 Stunden herausgefunden haben, dass da etwas nicht stimmt.«
»24 Stunden sind 24 Stunden.«
Er schien nachzudenken. »Na gut, aber morgen brauchen wir Butter bei die Fische. Und zwar vor dem Mittagessen.«
»Wir tun unser Möglichstes, Herr Petersen«, meinte Friedrich und blickte demonstrativ auf seine Uhr.
»Haben Sie noch etwas vor?«, fragte Petersen.
»Wir treffen uns mit Dr. Bildermann in zehn Minuten in der Brauerei.«
Petersen runzelte die Stirn und sagte: »Dann will ich Sie nicht aufhalten.«
Zehn Minuten später standen sie an der Pforte der Brauerei, warteten auf Dr. Bildermann und diskutierten mit dem Pförtner.
»Rufen Sie einfach den Juniorchef an«, meinte Dirk genervt, »sonst kommen wir mit Blaulicht und Tatütata.«
Einige Minuten später kam Konstantin von Blankenburg an die Pforte. »Was brauchen Sie denn noch, Herr Kommissar?«, wollte er wissen. »Ich dachte, der Fall sei klar.«
»Nichts ist klar, Herr von Blankenburg«, sagte Friedrich. »Unser Gerichtsmediziner muss sich noch einmal eine Stelle im Sudhaus ansehen, mein Kollege möchte die versprochenen Videos abholen, und wir müssen noch einmal mit den Mitarbeitern sprechen.«
»Ist denn das wirklich notwendig? Verstehen Sie mich nicht falsch, aber es bringt Unruhe in den Betrieb und das ist das Letzte, was wir brauchen.«
In diesem Moment fuhr Bildermann in seinem alten Volvo vor.
»Ich fürchte, es wird sich nicht vermeiden lassen«, meinte Friedrich.
Er bat Herrn von Blankenburg, Dirk zum Verwaltungsleiter zu begleiten, und begab sich mit Hannah und Bildermann ins Sudhaus. Bildermann examinierte die Treppe sorgfältig, verglich die Fotos mit den noch sichtbaren Spuren, die niemand zu stören schienen, und machte weitere Aufnahmen von einzelnen Details. Hannah war im Sudhaus unterwegs und unterhielt sich mit den wenigen anwesenden Mitarbeitern.
Dr. Bildermann war gerade fertig geworden, als Dirk und Konstantin von Blankenburg die Treppe herunterkamen. Friedrich erschien es merkwürdig, dass der viel beschäftigte Juniorchef der Firma sich so viel Zeit für ihre Ermittlungen nahm.
»Hast du alles?«, wollte er von Dirk wissen.
Dirk nickte.
»Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet, Herr Kommissar«, meinte Konstantin von Blankenburg. »Was soll das alles? Ich dachte, wir hätten es mit einem Unfall zu tun.«
»Herr von Blankenburg, wie ich Ihnen heute Morgen sagte, ist die Todesursache unklar.« Er zögerte. »Im Moment erhärtet sich allerdings der Verdacht, dass es mindestens noch einen weiteren Beteiligten gab.«
»Wie darf ich das verstehen?«, wollte Konstantin von Blankenburg wissen.
Dr. Bildermann sah ihn an.
»Der junge Mann ist wahrscheinlich hier gestorben und danach wohl kaum in diesen Bottich da drüben gestiegen.«
Das war genau der Grund, warum Friedrich den Doktor nur ungern bei Ermittlungen dabei hatte. Er sah ihn strafend an, aber Bildermann grinste.
»Stimmt das, Herr Kommissar?«, wollte Konstantin von Blankenburg wissen.
»Es ist zumindest sehr wahrscheinlich.«
»Und was heißt das für uns?«
»Für uns?«
»Für die Familie, die Firma und auch für Frau Vosskamp.«
»Das heißt, dass wir weiter ermitteln, Herr von Blankenburg. Wir werden uns in den nächsten Tagen noch öfters hier umsehen müssen. Erst einmal werden wir die Videos auswerten.« Er hielt inne. »Dirk«, meinte er dann, »kannst du bitte noch einmal zu diesem Verwaltungsleiter gehen? Wir brauchen auch noch die Daten der Zugangstüren von allen Mitarbeitern.«
Dirk hielt lächelnd eine CD hoch. Friedrich schmunzelte, sagte aber nichts. Dr. Bildermann machte Anstalten, sich zu verabschieden.
»Ich sehe mir das alles noch einmal an und spreche mit Gerson. Lassen Sie uns morgen telefonieren.«
Er nickte von Blankenburg zu, nahm seinen Metallkoffer und verschwand in Richtung Ausgang.
»War es das für heute?«, fragte Konstantin von Blankenburg.
»Wir warten noch auf unsere Kollegin, dann sind wir erst einmal fertig«, antwortete Friedrich.
Einige Minuten später kam Hannah durch das Sudhaus geschlendert und sie gingen ins Präsidium zurück.
»Irgendetwas Interessantes, Frau Wolkenstein?«
»Die meisten wollten nicht mit mir sprechen, aber ein Brauergeselle hat mich auf ein Bier heute Abend eingeladen.«
»Haben Sie akzeptiert?«
»Ein Bier kann nicht schaden, oder?«
Sie waren am Präsidium angekommen und Hannah nahm ihr Fahrrad.
»Viel Vergnügen bei den Ermittlungen«, meinte Friedrich, als sein Telefon klingelte.
»Coes.«
»Brockmann. Sie haben mich angefordert.«
»Sind Sie noch im Haus?«
»Ja.«
»Treffen wir uns doch in meinem Büro.«
Dirk schaute fragend.
»B. B. kommt uns besuchen«, sagte Friedrich.
Fünf Minuten später saß Kriminaloberkommissar Brockmann in ihrem Büro und sie machten ihn mit den Ergebnissen der letzten 12 Stunden vertraut.
»Was erwarten Sie denn von mir?«
»Zunächst einmal Hintergrundinformationen zu der Familie und deren Unternehmungen. Dann alles, was Sie über den toten Jan Vosskamp herausfinden können. Ich muss am späten Vormittag Herrn Petersen unterrichten. Wir sollten uns daher spätestens um 8:30 Uhr zusammensetzen.«
Friedrich erhob sich.
»Mir reicht’s für heute«, meinte er zu den beiden. »Wir sehen uns morgen.«
Als er nach Hause kam, hörte er über sich Annemarie Cello üben. Sie hatte ihm gesagt, was sie im Moment spielte, aber er erinnerte sich nicht.
