Karmaji - Edith Hummel - E-Book

Karmaji E-Book

Edith Hummel

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Beschreibung

„Raj, du bist ein Kindskopf!“ Sven grinste, als er Raj zu Karims Garküche begleitete. „Man kann die Welt nicht einfach ändern, nur weil einem das Ende eines Romans nicht gefällt.“ Was als Blödelei beginnt, bringt den Inder Raj in Teufels Küche. Nur seine Fantasie beflügelt ihn. Aufgrund seiner Herkunft und Religion ist ihm das Schicksal vorgezeichnet. Doch nach einem tiefen Fall muss er sich aufrappeln, den Staub abklopfen und seinen eigenen Weg gehen.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Glossar
Impressum

 

Karmaji

 

Das Leben ist kein Wunschkonzert

 

Roman
 
 
 

 

Edith Hummel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 1

 

»Die Allertörichsten und die Allerweisesten haben leicht Erfolg. Aber der zwischen den beiden Stehende hat zu leiden.«

Indische Weisheit

 

 

Raj sah dieses Mal nicht zu, wie das heiße Wasser in seine Teetasse plätscherte. Er war unruhig, etwas stimmte nicht. Der Teebeutel würde ohne sein Zutun kurz schwimmen, bevor er vollgesogen auf den Grund der Tasse sank. Sein Blick glitt nach draußen. Ein zartrosa Sonnenaufgang brach durch das Lila der tropischen Morgendämmerung. Die Palmen am Horizont wirkten wie ein Gemälde von Turner. Ein kurzer Monsunregen hatte Bangalore gereinigt. Es tropfte von den Bäumen und nur langsam verdampften die Pfützen von den Straßen. Er liebte den frühen Morgen, diese sanfte Frist, in der der Tag sich auf den Weg machte, bevor der Verlag und die Millionenstadt zum Leben erwachten. Spätestens gegen Mittag würde normales indisches Chaos eingekehrt sein. Aber jetzt war es friedlich.

Um ihn herum trudelten seine Kollegen ein. Alles schien wie immer, aber etwas war anders. Seit dem Aufstehen zuckte sein linkes Augenlid, ein sicheres Vorzeichen drohender Veränderung. Deshalb war er vor Arbeitsbeginn in den Tempel gefahren, um den Göttern zu huldigen. Das hatte er seiner Mutter versprochen, als er gegen den Wunsch der Familie aus Agra nach Bangalore gezogen war. Wann immer er spürte, dass etwas Ungewöhnliches seine geregelten Bahnen bedrohte, befragte er die Priester und gehorchte dem Rat der Götter.

 

Raj gab drei Zuckerstücke und einen Spritzer Milch in den Tee. Dabei fiel sein Blick auf sein Spiegelbild im Fenster.

Es schaute ihn nicht mehr der dürre Bauernjunge in abgegriffener Jeans und farbenfrohem T-Shirt an. Gegen den Rat des Vaters brach er auf und nahm den Job in einem deutschen Verlag an. Dafür zog er von Delhi in den fast 2000 Kilometer entfernten Süden.

Seine Vorgesetzte Gabi erkannte sein Potenzial recht schnell und nahm sich seiner an. In der ihr eigenen direkten Art veränderte sie sein äußeres Erscheinungsbild, erfolgreich, wie Raj fand. Form follows function war einer der wenigen englischen Sinnsprüche, den sie zitierte. Das Urteil des Auges ist schnell, der Verstand braucht etwas länger.

Heute dankte er dieser Fügung des Schicksals. Gabi wurde seine Mentorin. Sie freute sich über seine Beförderung zum Gruppenleiter vor zwei Jahren mindestens ebenso wie er. Ohne ihr Schubsen hätte er es nie so weit gebracht. Dünn, lang und schlaksig war er immer noch. Doch jetzt trug er meist ein weißes Hemd, dazu schlichte Stoffhosen und Ledersandalen im Büro. Das gab ihm das beruhigende Gefühl, passend gekleidet zu sein. Die Sonne wischte die Spiegelung seines Gesichtes weg und kündigte hinter den Palmen den jungen Tag an. Die Tasse in der Hand wandte er sich seinen Kollegen zu. Der Arbeitstag konnte beginnen.

Seine Kollegen alberten herum und begrüßten einander, als hätten sie sich ewig nicht gesehen. Viele trugen auch einen Punkt auf der Stirn. Ein Zeichen dafür, dass sie als gläubige Hindus vor der Arbeit im Tempel die Götter geehrt hatten. Er genoss diese Minuten, bevor jeder hinter seinem Computer verschwand und seiner Tätigkeit nachging. Für ihn fand der Großteil seines Lebens in Bangalore hier statt: in der unteren Büroetage der Filiale des deutschen Hopverlages.

 

 

Sein Freund Sven, der als deutscher Lektor tätig war, ereiferte sich wieder einmal über die Zustände auf den Straßen.

»Es ist unfassbar! Gegen Indien am Morgen ist die Bronx ein Freizeitpark.«

Raj fand es immer unterhaltsam, wenn Sven sich über die Missstände des indischen Alltags aufregte. Er bemerkte Dinge gegen die Raj blind war. Im Spiegel von Svens Augen entdeckte Raj sein Land und dessen Marotten neu.

Obwohl er gefahren wurde, kritisierte er den Verkehr, den Müll oder die Tiere.

»...und was machen die Ziegen? Sie knabbern an einem vertrockneten Busch mitten auf der Straße.«

Raj spitzte die Ohren, um dem Gespräch zu folgen, das sich in eine hitzige Debatte verwandelte.

»Ich schwöre euch, um ein Haar hätten wir einen Unfall gebaut. Dieser kleine Pritschenwagen hat uns fies geschnitten und sich vor uns reingedrängt. Einfach so. Da fehlten nur Millimeter!«

Raj radelte den kurzen Weg vom Haus seines Onkels zur Arbeit, einige Kollegen schlängelten sich mit ihren Motorrädern durch den Verkehr, die meisten kamen mit dem Bus. Sven wurde mit dem Auto gebracht, da die deutschen Mitarbeiter nicht selbst fahren durften. Sein Fahrer hupte, schrie, beharrte auf seinem Recht und brachte Sven so sicher ins Büro.

»Glaubt ihr, der schaut? Glaubt ihr, es schert sich jemand darum? Niemand! Gibt es in diesem Land keine Straßenverkehrsordnung? Macht ihr keinen Führerschein? Und wo ist die Polizei, wenn man sie braucht?«

»Sven, beruhige dich bitte. Ist dir was passiert?«, versuchte einer der älteren Kollegen, ihn zu besänftigen.

»Nein. Gott sei Dank, aber es war haarscharf!« Vor lauter Aufregung vergaß er sogar den Knopf der Kaffeemaschine zu drücken.

»Wie könnt ihr so leben? Es ist ein Chaos! Überall stehen Kühe. Frauen huschen mit wehenden Saris zwischen den Autos durch und am Straßenrand tummeln sich Schweine und Affen im Dreck. Es ist ein Wunder, dass nicht andauernd grauenhafte Unfälle passieren!«

Nein, es war kein Wunder, dachte sich Raj, das ist Indien.

»Wozu sollte man das ändern? Es läuft doch prima. Alle fahren und finden ihr Ziel. Verkehr ist Leben«, warf Sunil ein.

»Ihr müsst klare Regeln definieren. Festlegen, wer wann in welche Spur wechseln darf, vorher blinken und dabei die Umgebung im Auge behalten. Ist doch gar nicht schwer! Da wäre das Chaos schnell strukturiert.«

»Mhm«, fragte Sunil, »wer soll das deiner Meinung nach überwachen? Wir können nicht neben jeden Fahrer einen Wachposten setzen.«

Raj verstand Svens Problem nicht, aber er merkte, wie es seinen Freund erregte.

»Sven, calm down! Du kannst nicht alles ändern, was dir nicht gefällt. So funktioniert das Leben nicht. Aber du musst deine Einstellung ändern. Erfreue dich an deinem Kaffee und atme tief durch. Schließe die Augen. Was hörst du? Nichts? Gut. Jetzt bist du bei uns, hier ist kein Verkehr, kein Gehupe und gleich beginnt unser Arbeitstag.« Zufrieden beobachtete Raj, wie Svens Brustkorb sich sachte hob und senkte. Er beruhigte sich.

 

 

Auf dem Weg zu ihren Schreibtischen fragte Raj Sven: »Woran arbeitest du?«

Er betrachtete den Freund. Sven hatte seinen eigenen, speziellen Stil. Heute trug er ein rosa Hemd mit Rüschen an der Knopfleiste. Dazu beige Bermudas. Nie würde ein männlicher Inder in verlängerten Unterhosen in der Öffentlichkeit auftauchen, aber die Europäer liebten ihre haarigen Beine. Es wunderte Raj, dass das Gabi nicht zu stören schien. Es stand ihm nicht zu, seine Meinung aufzudrängen. Selbst einem Freund gegenüber fände er es vermessen. Sollte Sven aber jemals fragen, wie er sein Outfit fand, würde er nicht schweigen und nicken oder gar lügen. Das hatte er sich fest vorgenommen. Er wartete nur, bis er ihn darum bat.

 

»Ich überarbeite ein Heilmittelbuch aus Lateinamerika«, sagte Sven, »das vergessene Wissen der Mapuche. Der Titel wird noch adaptiert.«

»Mhm, seit wann machen wir so was? Passt es in den schulmedizinischen Fachbuchbereich? Oder ist es eine populärwissenschaftliche Sache?«

Sven war Lektor und formte normalerweise aus medizinischen Standardwerken günstige Taschenbücher. Er hatte Medizin studiert, sich aber nach einer Sinnkrise und einem interkulturellen Praktikum in Indien entschlossen, lieber im Verlag zu arbeiten.

Inzwischen hatten sie Rajs Schreibtisch erreicht. Er saß als Gruppenleiter der Kleinkorrekturabteilung mit 26 Ortskräften im hinteren Teil des Großraumbüros. So hatte er seine Gruppe im Blick und konnte per Handzeichen um Hilfe gebeten werden. Jetzt waren alle Köpfe über die Arbeit gesenkt. Nur das leise Klappern der Tastaturen untermalte die Stille. Raj ließ seinen Rucksack neben den Tisch fallen und setzte sich. Sven hob die Hand, winkte und schlenderte weiter zu seinem Büro.

 

 

Der Duft von Curry aus unzähligen Lunchboxen, der die Etage erfüllte, kündigte die Mittagszeit an. Unter lautem Gerede gingen die indischen Angestellten in die Kantine. Das Essen und die Chapatis brachten sie in Lunchboxen mit zur Arbeit. Begleitet von Schmatzen und Schlürfen, Neckereien und Gelächter sorgten sie so für einige Momente orientalischen Trubels im sonst so sterilen Bürogebäude.

 

Rajs Magen knurrte, was ihn daran erinnerte, dass er etwas essen sollte. Leider hatte er nicht das Glück einer kochenden Mutter oder Frau. Deshalb ging er meist zu einer Straßenküche, die jeden Mittag auf einem unbebauten Grundstück schräg gegenüber auftauchte.

 

 

Der fahrbare Bretterwagen mit einer offenen Feuerstelle stand keine 200 Meter vom Haupteingang des Verlages entfernt. Raj hatte ein Faible für den Besitzer, den lebhaften Karim, der immer behauptete, ein Großcousin vom berühmten Karim in Old Delhi zu sein. Raj glaubte nicht an diesen engen Verwandtschaftsgrad zur bekanntesten Mogulküche in Indiens Geschichte, aber Karim kochte ausgezeichnet, das Essen schmeckte hervorragend und Karim fabulierte gern. Dabei kam es durchaus vor, dass er in die zauberhafte Welt aus 1001 Nacht abdriftete, in der märchenhaft reiche Maharadschas über das Land herrschten. Manchmal, fand Raj, war Karim sogar ein besserer Erzähler als Koch. Darin bestand für Raj der Charme des Landsmannes mit dem Aussehen eines gewitzten Kobolds. Wie immer drängten sich viele hungrige Inder um die kleine Garküche.

 

»Oh mein Freund Raj, wie schön, dich hier zu sehen«, begrüßte Karim ihn. Seit drei Jahren war Raj regelmäßig am Mittag Essensgast und genoss die schmackhafte indische Küche, die Karim für wenig Geld bot.

»Es riecht überaus köstlich. Was ist es? Koriander? Kurkuma? Ein Hauch Zimt, etwas Kardamon? Was hast du Leckeres gekocht?«

»Deine Nase trügt dich nicht, mein Freund, es gibt Matar Paneer, das den Augen ebenso schmeichelt wie dem Gaumen. Das Grün der Erbsen im Rot des Sugo und das helle Gelb des Paneer spiegeln die Farben Indiens wider. Laut einer Legende wurde es immer dann serviert, wenn Feinde unseres Staates im Herrscherpalast logierten. Dazu habe ich ein Kokos-Okragemüse. Ein Sultan soll süchtig nach dem Rezept gewesen sein. Möchtest du ein oder zwei Rotis?« Karim bot ihm das indische Fladenbrot, das in Rajs nördlicher Heimat Chapati hieß, an. Rasch wechselten Essen und Geld den Besitzer.

 

Nachdem Raj mit dem Chapati die Reste vom Bananenblatt gewischt hatte, das Karim als Wegwerfgeschirr benutzte, klemmte er sich das Telefon zwischen Ohr und Schulter und versuchte, seine Schwester Meena zu erreichen. Ihr Sohn Nagar war schon sieben Monate alt und wurde immer lebhafter. In zwei Wochen würde Raj in seiner Heimatstadt Agra über den Winter als Fremdenführer arbeiten. Dann lernte er den kleinen Kerl endlich persönlich kennen. Eine aufgeregte Meena meldete sich und erzählte ihm, dass sich Nagar morgens selbst gedreht hatte. Sie würde ihm ein Video per WhatsApp schicken.

Sein Mobiltelefon ließ ihn die 1850 Kilometer, die sie trennten, kurz vergessen. Er hörte ihre Stimme, wann immer er sie vermisste. Sie war für ihn die Gleichgesinnte, die ältere Schwester, mit der er so viele Erlebnisse teilte.

»Wie geht es Baba? Ist sein Rücken besser?« Raj machte sich Sorgen um seinen Vater, der dickköpfig und stur war, wenn es um seine Gesundheit ging. Seit einigen Jahren plagten ihn Rückenschmerzen, aber er traute den Ärzten nicht.

»Du weißt doch, wie er ist. Alle außer ihm sind Scharlatane und Quacksalber. Er ist überzeugt, dass die Ärzte nur sein Geld wollen. Mama-ji pilgert indessen zum Priester des Schlangengottes und opfert für ihn. Wenn es wirklich schlimm wäre, würde er sich behandeln lassen. So mault er rum. Ich denke, er ist alt und verbraucht.«

Raj war weit weg und konnte nur einmal im Jahr mit eigenen Augen beurteilen, wie es um seine Eltern stand. In Momenten wie diesem war er froh, Meena zu haben. Dinge, die ihn zur Verzweiflung brachten, wurden harmlos und klein, wenn er sich mit ihr, seiner Stimme der Vernunft, besprach. Darüber hinaus verwaltete ihr Mann, sein Schwager Rakesh die Buchungen der Touristen und plante Rajs Termine vor Ort.

»Wie sieht die Auftragslage aus? Bei uns kommen dieses Jahr kaum Touristen.«

»Mach dir da mal keine Sorgen. Ganz ehrlich, Bruderherz, was soll man sich in Bangalore anschauen? Wir hier oben haben das goldene Dreieck mit dem Taj Mahal. Rakesh hat fast den ganzen Oktober voll. Die Agentur in Delhi arbeitet jetzt mit der österreichischen Botschaft zusammen. Rakesh meinte, es gäbe pro Tour zwar weniger Geld, dafür bist du aber den ganzen Monat ausgelastet. Ich muss auflegen, Nagar wird gleich wach werden und ich möchte vorher mit Mama-ji einen Tee trinken.«

Meena hatte Recht. Der Norden war der Hotspot des indischen Tourismus. Wenn man nur für kurze Zeit in das unendlich große Land kam, fand man in Rajasthan genau das Indien vor, das in der Fantasie der Gäste existierte und die Tourismusindustrie farbenfroh bewarb. Bangalore stand für die Internetbubble. Raj fehlte der lebhafte Austausch mit seiner Verwandtschaft und den Freunden. Gelegentlich verfluchte er das indische Wetter, die glühende Hitze, die von April bis September den Norden plagte. In dieser Zeit gab es nicht genug Touristen, um seinen Geldbeutel zu füllen. Seltener verdammte er die indische Gesellschaftsform, in der es ihm als Sohn der Familie oblag, für die Eltern zu sorgen. Das zwang ihn sowohl im Verlag als auch in Agra zu arbeiten, um genug Geld zu verdienen. Anfangs hatte er nur deshalb die Trennung und den Aufenthalt im fernen Süden in Kauf genommen. Mittlerweile wollte er sich ein Leben ohne die Arbeit im Verlag nicht mehr vorstellen.

Er zerknüllte das Bananenblatt und warf es über die Mauer neben der Garküche. Mit einem Winken verabschiedete er sich von Karim und schlenderte zurück ins Büro.

 

 

Im Aufzug traf Raj Sven.

»Hey Raj, wo kommst du her? Du bist fast nie in der Kantine.«

»Das ist nichts für mich. Zu eintönig. Ist ja ständig nur eine Variation derselben Gerichte. Ich mag`s einfach. Außerdem bin ich mittags gern draußen.«

»Gehst du immer zum gleichen Straßenstand? Wundert mich, dass du dir da noch keine Mörderlebensmittelvergiftung eingehandelt hast. Ist doch alles nicht hygienisch.«

»Da wäre ja schon halb Indien verendet. Ein bisschen Dreck härtet ab. Außerdem sagte ich dir schon, dass Garküchen sicher sind. Das Essen wird frittiert, wie sollen da Bakterien überleben? Du kannst alles essen, was gekocht, frittiert oder geschält ist. Die Gerichte dort sind lecker und vielfältig. Und wenn man zurückkommt, ist es im Büro kühl, sauber und riecht klinisch rein nach Limonen.«

 

Mehr als nur das billige Essen genoss er den Spaziergang an der frischen Luft. Inmitten des lauten, bunten Durcheinanders, das entstand, wenn hungrige Inder aufeinandertrafen, fühlte er sich wohl. Die Eindrücke der Straße, der Duft des Essens, vom leckeren Gebackenen bis zur Kokosnussnote des Chutneys und der Koch Karim erfrischten ihn. Es war wie ein Kurzurlaub für die Sinne und es gab ihm das Gefühl, trotzdem noch ein Sohn Indiens zu sein.

»Du bist ja fast ein Philosoph! Hast eh schon oft davon geschwärmt. Wäre es in Ordnung, wenn ich morgen mal mit zu diesem Straßenhändler, Karim heißt er doch, käme?«

Sven schaute Raj abwartend an. Raj schwieg. Wie Sven wäre, wenn er nicht sein deutsches Selbstbewusstsein hätte, wunderte sich Raj. Wäre er weniger offen und etwas zurückhaltender? Trotz oder sogar wegen seiner gnadenlosen Direktheit mochte er ihn. Sven war oft so gutmütig, dass es fast naiv wirkte. Ohne seine Hilfe würde Sven im indischen Alltagsdschungel untergehen, denn Raj wusste, wie sich die gefährliche Mischung aus Bestechung, falschem Lächeln, Machtspielchen und einem extremen Kastenbewusstsein auf das Leben auswirken konnte. Sven nicht. Seine erlebte Realität war anders. Er nahm kein Blatt vor den Mund, weil er es aus seinem Leben in Deutschland gewohnt war. Er atmete die gleiche Luft und sah dieselben Farben wie Raj, aber er nahm sie unterschiedlich wahr.

»Du hast dir seinen Namen gemerkt? Das überrascht mich. Natürlich kannst du mitkommen. Es ist aber kein Restaurant im üblichen Sinne. Man isst mit den Fingern der rechten Hand und dem Chapati von einem Bananenblatt. Wenn dich das nicht stört, gehen wir morgen zusammen essen.«

»Cool, super! Das mit den Fingern kriege ich hin. Aber schmeckt dann nicht alles nach Seife oder Alkoholgel?«

Da Raj um die Phobie der Deutschen wusste, sich ständig die Hände zu waschen oder zu desinfizieren, verdrehte er nur die Augen.

»Sven, man wäscht sich die Hände hinterher, okay?«

 

 

Um die Zeit bis zu seinem nächsten Auftrag zu überbrücken, ging Raj aufs Klo. Er liebte die Toiletten im Verlag. Sie waren hell, sauber und groß. Wie viele seiner Kollegen nutzte er diese in der Früh für die tägliche Hygiene. Die wenigsten Europäer wussten, dass es in Indien noch immer viele Haushalte ohne eigene Badezimmer gab.

Auch Raj teilte sich im Haus seines Onkels nicht nur das Zimmer mit einem Cousin, sondern auch die Waschgelegenheit im Hof mit der gesamten Familie. Daher bevorzugte er diesen sauberen Ort im Verlag für die tägliche Reinigung. Jetzt wusch er sich nur sorgfältig die Hände, dann schlenderte er erneut zur Pausenzone, um sich einen Nachtisch zu holen. Aus dem Obstkorb nahm er eine Banane und ließ seinen Blick über seinen Zuständigkeitsbereich wandern. Alle 26 indischen Ortskräfte waren in ihre Arbeit vertieft. Unvermittelt tauchte Sven neben ihm auf.

»Komische Stimmung heute, findest du nicht?«

Er hatte es also auch gespürt, es lag etwas in der Luft.

»Ja, ich hab den ganzen Tag schon so ein eigenartiges Gefühl. Hast du was mitbekommen?«

»Pia, die Praktikantin, sagte, dass zwei wichtige Anzugträger aus der Zentrale da sind. Sie sitzen schon den ganzen Tag im Besprechungsraum. Sie jammert, weil sie ununterbrochen Getränke hinbringen muss,« sagte Sven. Er war ein alter Fuchs, das musste man ihm lassen. Da er selbst einst Praktikant gewesen war, wusste er, wie er am schnellsten zu Hintergrundinformationen kam. Die Praktikanten, seine freien Radikalen, wie er sie gern schmunzelnd nannte, waren überall und nirgends. Auf ihren Botengängen hörten sie mehr, als den meisten Angestellten lieb war.

»Frag die Wissbegierigen. Die kennen sich im Verlag aus. Was sie nicht beobachten oder hören, erfahren sie in den Pausen, wenn sie zu dritt zusammensitzen und ihr Wissen austauschen.«

»Pia? Ist das nicht der Feuerkopf, die ist doch gar nicht im Haupthaus, sondern in der Schnittstelle zur Druckerei?«

»Ja, klar. Pia, die kleine Maus mit dem erdbeerroten Lockenkopf. Heute flitzt sie schon den ganzen Vormittag zwischen Kaffeeecke, Kantine und oberer Etage hin und her. Also ist sie wenigstens kurzfristig nicht in der Kontaktstelle. Da trifft es sich doch fabelhaft, dass sie heute Abend mit in den Druid Garden zum Praktikantenabend geht. Da können wir sie gemütlich aushorchen. Du hast es doch nicht vergessen?«

Mist, das hatte er. Ihm wäre ein Kinobesuch oder ein Lauf um den See lieber gewesen, aber er konnte schlecht fehlen. Schließlich hatten Sven und er diese After-Work Abende ins Leben gerufen.

Entstanden war die Idee, als Raj mit Sven zusammen durch Bangalore gestreift ist und dem Freund Indien erklärte. Angefangen bei Dosas, die es nur vormittags gab bis zur Wäscherei am Ghat, dem natürlichen Wasserlauf jeder indischen Stadt.

Gemeinsam halfen sie nun den deutschen Studenten beim Eingewöhnen und stellten nebenbei einen persönlichen Kontakt her. Deshalb waren diese After-Work Meetings wichtig, vor allem heute, wo offenbar etwas in der Luft lag. Damit der Abend finanziell erträglich blieb, würde Raj auf dem Weg dorthin ein Shawarma beim arabischen Straßenstand essen. Dann trank er dort nur ein Bier.

»Wann fängt das heute an?«

»Der Tisch ist auf sieben Uhr reserviert. Wir fahren von hier aus hin. Hab´ ein paar Tuktuks organisiert.«

»Alles klar, ich bin dabei, komme aber ein bisschen später.«

 

 

Im Druid Garden tummelte sich ein lebhaftes Gemisch aus ausländischen Gästen, Expatfamilien, sowie jungen und reichen Indern. Man aß und trank bei lauter Musik in der Mikro-Brauerei. Gekocht wurde so italienisch, wie es in Südindien möglich war. Raj suchte den Tisch, den Sven im klimatisierten Hauptrestaurant reserviert hatte. Die drei Praktikanten, zwei jungen Männer und eine junge Frau, unterhielten sich mit Sven. Raj trat an den Tisch.

»Ihr kennt ja schon Raj, er ist der Gruppenleiter der Kleinkorrekturabteilung.«

Sie schauten ihn neugierig an. Raj war für sie ein Exot. Er sah aus wie ein Inder und sprach trotzdem akzentfrei deutsch. Außerdem war er die einzige Ortskraft in der unteren Führungsebene. Die drei waren sichtbar hin- und hergerissen.

 

Raj bestellte sich ein Wasser und ein Bier. Als hätte Sven nur auf sein Auftauchen gewartet, wandte er sich an Pia: »Und Pia, was war heute los? Du hast ganz schön genervt gewirkt, als ich dich auf dem Gang gesehen habe.«

Die junge Studentin verdrehte die Augen und griff in ihre langen Locken, um sie in einer Art Vogelnest auf dem Kopf zu befestigen.

»Keine Ahnung. So genau weiß ich nicht Bescheid, aber es waren zwei Chefs aus München da und die haben lange mit Gabi und dem Personalchef gequasselt. Ich musste ununterbrochen kalte Getränke bringen und vorhin kam der Zweigstellenleiter auch noch dazu«, erzählte sie. »Helen aus der Personalabteilung hat mich aus meiner Abteilung angefordert. Sie durfte das Büro nicht verlassen, falls etwas zu organisieren sei. Jetzt«, sie sah auf ihre Applewatch, »sind die alle im Taj Hotel bei einem Arbeitsessen.«

Raj und Sven sahen sich kurz an. Sven bohrte nach: »Weißt du noch was?«

Da es, soweit sie wussten, um einen seltenen Besuch aus der Firmenzentrale ging, schien diese Neugierde begreiflich.

»Nein, aber es lagen einige Bücher auf dem Tisch.«

»Mhm, was für Bücher? Taschenbücher oder Hardcover? Waren welche aus der grünen Reihe dabei? Du weißt schon, die medizinischen Fachbücher?«

Das war Svens Fachgebiet. Pia hatte zwei Monate bei Sven verbracht und in der Zeit kurz bei Raj volontiert.

»Nein, normale Romane. Belletristik. Einige hatten so einen orangefarbigen Kleber drauf. Ihr wisst schon, die Empfehlungen der Spiegelbestsellerliste. Ich glaube, einer war von diesem Schweden mit dem Hundertjährigen. Ach ja, und ein Arto Paasilinn, aber ich habe den Titel vergessen.«

 

 

Da unterbrach Frederick, ein schwedischer Nachbar von Sven, das Gespräch und setzte sich mit an den Tisch. Damit war jedes weitere Aushorchen passé.

Schade, dachte Raj, aber Höflichkeit ging vor.

Er hatte Frederick schon kennengelernt. Der Hüne würde mit Sven bechern, was ein salopper Ausdruck für zechen war, und dann über Indien, die Frauen und den Rest der Welt sinnieren. Die Augen des Schweden hafteten an einer Gruppe junger Inderinnen, die einige Tische entfernt kicherten. Raj erfasste mit einem Blick, dass hier nicht nur verschiedene Welten, sondern zwei Generationen aufeinanderprallten.

»Raj, altes Haus, du musst mir helfen. Wie lerne ich eine indische Frau kennen?«

Die glasigen Augen starr auf den Frauentisch gerichtet, nahm Frederick einen Schluck Bier und wartete auf Rajs Antwort. Für Raj ein unmögliches Vorhaben.

Froh darüber, dass die Praktikanten abgelenkt waren, wandte sich Raj Frederick zu. Es war ihm peinlich, dieses Thema zu erörtern.

»Ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll, aber das kannst du vergessen. Wenn du nicht ernsthafte Absichten hast oder das Mädchen im Umfeld der Arbeit kennenlernst, sehe ich schwarz. Ehen werden von den Eltern arrangiert. Und ich glaube, dass die jungen Frauen, die dir gefallen, niemals eine andere Beziehung akzeptieren. Damit wäre ihr Wert dahin.«

Man kriegt nicht immer, was man sich wünscht, dachte sich Raj. Das behielt er für sich. Die drei Praktikanten verabschiedeten sich und machten sich auf den Heimweg. Die Zurückgebliebenen stießen mit dem frisch servierten Bier an.

»Ehrbar wäre mir jetzt nicht das Wichtigste«, witzelte Frederick und bestellte sein nächstes Bier.

»Ernsthaft Raj, Zwangsehe? Das ist doch mittelalterlich. Wir leben im 21. Jahrhundert! Ich darf mir gar nicht vorstellen, wen ich an meiner Seite hätte, wenn meine Mutter da was zu sagen hätte. Sicherlich die Tochter einer ihrer Freundinnen.«

»Sven, man lebt, wie man erzogen wird. Diese ›arranged marriages‹ sind ein Teil unserer Kultur. Dafür gibt es bei uns keine Scheidungen und trotzdem jede Menge Kinder. Ich sehe nichts Böses darin, den Eltern und dem Horoskop zu vertrauen.«

Frederick lachte. »Das Horoskop! Also, was soll man denn daraus sehen? Die Potenz des Löwen? Oder den Facettenreichtum der Zwillingsfrau? Oder lest ihr aus dem Kaffeesatz, wie viele Kinder man bekommt?«

Verwundert sah Raj den Schweden an. Wie war es möglich, hier zu leben, ohne zu sehen, was doch auf der Hand lag? Warum suchte er keine Frau aus seinem Kulturkreis und versuchte, mit ihr glücklich zu werden?

»Im Horoskop kann man die Gedanken der Götter erkennen. Sie sagen uns, ob eine Konstellation unter einem guten Stern steht. Du bist kein Inder, kein Hindu. Das ist schon negativ. Wenn du eine indische Frau haben möchtest, musst du ihre Eltern trotz dieses negativen Vorzeichens für dich gewinnen, am besten, indem du einen Mittelsmann bittest, für dich zu werben. Besser wäre es, deine Eltern würden den Kontakt herstellen. Und dann muss man die Sterne befragen, ob die Vorzeichen für eure Verbindung positiv sind.« Erneut nahm Raj einen Schluck Bier. »Wir sind Teil einer sehr alten Gesellschaftsstruktur und haben aus den Fehlern mit den Briten gelernt.«

»Du willst uns doch nicht mit diesen vertrockneten Engländern vergleichen, oder?«, fragte Sven.

»Das nicht, Sven, aber siehst du nicht ein Problem in den unterschiedlichen Religionen? Wir Hindus ehren unsere Götter und sind dankbar, dass sie uns so liebevoll durch unser Leben begleiten. Kannst du das von dir behaupten? Wann hattest du deine letzte Puja? Wie oft gehst du in deine Kirche?«

»Puja, Kirche, Religion. Nein, Kirche und Beten sind für alte Damen oder verzweifelte Loser. Ich bin selbst für mein Glück verantwortlich.«

»Mir wird das jetzt zu ernst, lass uns noch einen Whisky als Schlummertrunk nehmen und dann muss ich heim. Morgen ist wieder ein langer Tag. Eigentlich wollte ich mich hier mit Peter und Gisela treffen. Du weißt schon, meine Golffreunde. Er ist Architekt und für die Erweiterung des Airports zuständig. Die sind wahrscheinlich noch auf dem Golfplatz«, sagte Frederick.

»Ich muss langsam nach Hause«, schloss Raj das Thema und das Gespräch ab. Er schwor sich, dass das sein letzter Abend mit Frederick gewesen war und verließ das Lokal.

 

Kapitel 2

 

»Glaube ist der Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist.«

Indische Weisheit

 

 

Sven wartete am nächsten Morgen in der Kaffeeecke auf Raj. Schuldbewusst hielt er ihm einen Becher Chaitee entgegen.

»Sauer wegen gestern? Tut mir echt leid, Frederick steckt in einer blöden Phase. Und der Alkohol macht es nicht besser.«

Raj zögerte. Er wog ab, ob er unverblümt seine Meinung äußern konnte. Wenn nicht Sven gegenüber, wem dann?

»Nein, ich bin nicht sauer. Es ist offensichtlich, dass du dich um Frederick sorgst. Er ist dein Freund. Das respektiere ich. Es macht aus dir einen vortrefflichen Freund. Aber ich möchte nicht mehr oft mit ihm zusammentreffen. Sein Karma ist zäh. Seine Aura dunkel. Und er ist ungläubig. Ich bin ein Hindu. Mein Glaube ist die Basis meines Lebens!« Raj drehte sich zu einem der Stehtische. Er hatte wenig Lust darauf, dass seine Welt wieder infrage gestellt wurde.

Sven schwieg, dann hakte er nach: »Du meinst das ernst mit dem Glauben? Das ist nicht nur so eine Gewohnheit von dir? Ein Mechanismus, der seit der Kindheit besteht?«

Verblüfft sah Raj auf. »Selbstverständlich meine ich das ernst! Der Glaube ist der Anfang und das Ende. Gott ist die alles durchdringende Kraft.«

»Hey, ihr habt doch unzählige Götter! Wer ist dein Hauptgott? Rama, Shiva, Vishnu oder Ganesha?«

»Sven, das sind nur Schatten. Es gibt viele Götter in den Veden, genau genommen sind es 3306 Götter. Davon abgesehen ist der Hinduismus eine universelle Lehre. Jeder Gott ist ein Avatar. Er kommt auf die Erde, um den Menschen vor einer Gefahr zu retten. Bist du nicht der große Computerspieler von uns beiden? Du musst doch Avatare kennen. Das sind keine Erfindungen der modernen Onlinespiele. Das Wort kommt aus dem Sanskrit und bedeutet Abstieg. Das meint, eine Gottheit steigt in irdische Sphären herab. Krishna und Rama sind Avatare von Vishnu. Und alle drei sind Aspekte Gottes. Brama ist der Schöpfer, Vishnu der Erhaltende und Shiva der Zerstörer. In deiner Religion ist es genauso. Ihr habt die göttliche Dreifaltigkeit. Soweit ich weiß, gibt es in jeder Religion drei Teile: Philosophie, Mythologie und Ritual. Unser Glaube ist speziell, weil die Rituale farbenfroh und lebendig sind. Das Ziel im Leben ist das Samsara, die zeitlose Ewigkeit, der Kreislauf der Wiedergeburt. Dahin wollen wir gelangen, indem wir uns tadellos aus einem Leben ins nächste bewegen. Das ist Karma.« Er spülte seine Tasse und stellte sie zum Trocknen auf das Abtropfgitter. Er wandte sich langsam in Richtung Großraumbüro.

»Entschuldigung, ich wollte dich nicht belehren.«

»Oh Mann, ich wusste nicht, dass das so ein Ding für dich ist. Bei uns ist die Religion was für alte Frauen und Schwächlinge. Ich glaub da nicht so dran. Bin ausgetreten.« Sven folgte ihm.

»Wie kann man aus dem Glauben austreten?«

»Antrag ans Pfarramt und fertig. Hat den Vorteil, dass man keine Kirchensteuer mehr zahlen muss.«

»Und wenn du morgen gefragt wirst, nach welchen Regeln du lebst? Welcher Gott ist dir wichtig? Was sagst du da? Welches Familienfest ist bei euch heilig? Zu welcher Gelegenheit besuchst du deine Großeltern? Außer zum Geburtstag? Wann feierst du mit ihnen? Zum moslemischen Fastenbrechen am Ende des Ramadan, zu Weihnachten oder zum hinduistischen Lichterfest Diwali?«

»Raj, du weißt doch, dass ich zu Weihnachten heimfliege. Meine Familie ist katholisch. Meine Oma weiß nicht mal, was Diwali ist. Ramadan, ja, das kennt sie.«

»Dann ist alles klar: eines Christen Kind ist ein Christ.«

Raj war an seinem Schreibtisch angekommen. »Ich muss loslegen, sonst werde ich heute nicht fertig mit meiner Arbeit. Und wo wir so wichtige Leute aus München hier haben, möchte ich nicht beim Dauerschwätzchen ertappt werden. Bleibst du bei deinem mutigen Vorhaben, dich der indischen Straßenkost auszuliefern? Sehen wir uns zum Lunch?«

Mit dieser Bemerkung schaffte er es, die Stimmung wieder in gefahrlosere Bahnen zu lenken.

»Klar, ich freu mich drauf. Ich hole dich um halb eins ab.«

Sven ging weiter zu seinem Büro, zögerte und drehte sich noch einmal um. »Ich habe vorhin nochmals mit Pia geredet. Sie ist sich sicher, dass sie gestern einige Hardcoverbücher aus der Spiegel-Bestsellerliste auf dem Tisch gesehen hat. Komisch, oder? Wir verlegen weder Hardcover noch Belletristik.«

Mit diesen Worten verschwand er in seinem Büro.

 

 

Der Straßenstand ähnelte einem Bienenkorb. Eng drängelten sich Inder aus den Bürogebäuden um den kleinen Karren. Sie bestellten, hielten ihr Geld hin und grapschten nach einem gefüllten Bananenblatt. Der ganze Vorgang ging so schnell, dass es Sven wunderte, wie das Essen seinen richtigen Besitzer fand.

Auf dem kurzen Weg hatte Raj Sven erklärt, dass es keine Speisekarte gab, weil Karim immer zwei Gerichte kochte, dazu Reis und Roti oder Chapati, je nach dem wie man es nannte. Was es war, roch man. Serviert wurde das Mahl auf Bananenblättern.

Raj besorgte ihnen etwas zu essen und zeigte Sven, wie es gehandhabt wurde. Die Kunstfertigkeit mithilfe des Fladenbrotes die Speise nur mit der rechten Hand zum Mund zu führen, brauchte etwas Übung. Heute gab es Dhal Makhani, ein Linsengericht und Goghi Samosas, eine dreieckige Teigtasche gefüllt mit Blumenkohl, Rosinen und Cashewnüssen. Mit einem zufriedenen Seufzen biss Raj in die Samosa. Es gab nichts Besseres. Das Zusammenspiel von Chili, Honig und knusprigem Teig war verblüffend. Der Duft des frittierten Teigs benebelte seine Sinne. Neben ihm schnappte Sven nach Luft.

»Alter, das ist vielleicht scharf. Höllisch, aber köstlich, süß, cremig und salzig.«

Karim, der Sven hörte, wandte sich den beiden zu.

»Die Kunst der indischen Küche liegt im Spiel mit den Gewürzen. Jedes Gericht ist eine Variation von 36 Gewürzen. Leider darf ich die uralten Rezepte nicht verraten. Es sind streng gehütete Familiengeheimnisse. Ich stimme alle Zutaten aufeinander ab. Das Ziel ist eine ausgewogene Gaumenfreude. Es muss ebenso harmonisch wie erregend sein.«

Nichts, aber gar nichts auf der Welt, ließ Karim so triumphal fabulieren, wie die Lobpreisungen indischer Errungenschaften. In diesem Fall die Vielfältigkeit seiner Küche.

»Raj, wer ist der kultivierte Gast, den du heute zu meinem bescheidenen Restaurant mitgebracht hast?

---ENDE DER LESEPROBE---