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"Ihr wollt über die Berge?" "Ja." "Vergesst es. Da oben wimmelt es von den Geistern der Menschen, die es versucht und nicht geschafft haben." Er lachte. Es sollte selbstbewusst klingen, aber es tönte wie das trotzige Lachen eines Kindes im dunklen Wald. "Ich habe keine Angst vor Geistern", antwortete er. "Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen gesehen. Warum sollte ich Angst vor ihnen haben?" Sie zuckte die Schultern. "Es sind auch nicht die Geister, die euch umbringen werden, sondern die Berge selbst." Es ist eine raue Welt, in der Karo mit seinem Stamm lebt. Jeden Winter verharrt die Kälte länger in ihrem Tal am Fluss, und die meisten anderen Völker in ihrer Nachbarschaft haben schon längst vor der herannahenden Eiszeit die Flucht ergriffen. Auch das Volk von Karo überlegt sich die Wanderung in den Süden, doch noch hat eine Mehrheit mehr Angst vor dem Unbekannten als vor den lebensfeindlichen Temperaturen. Schliesslich entscheiden sich Karo und drei Freunde, auf eigene Faust einen Weg in den Süden zu finden. Ihre abenteuerliche Reise führt sie durch eine fast menschenleere Welt, in der sie auf Schritt und Tritt auf die Überbleibsel gigantischer Bauwerke - Artefakte einer längst vergangenen Hochkultur - treffen. Endlich im Süden angekommen, müssen sie feststellen, dass die Menschen dort ihrem eigenen Volk technologisch um ein Vielfaches überlegen sind.
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Seitenzahl: 423
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Ingo Boltshauser
Karo - Die Reise
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Teil I: Altes Land
Teil II: Unterwegs
Teil III: Neues Land
Teil IV: Allein
Epilog
Impressum neobooks
„Sie waren riesig. Gross wie fünf ausgewachsene Männer und stärker als ein Bär. Und aus ihren Augen hat Feuer gesprüht.“ Mit trotzig vor der Brust verschränkten Armen stand der kleine Junge im Halbkreis, den sein Stamm um ihn gebildet hatte, und schaute den Ältesten herausfordernd an.
Dieser zog das Fell enger um seine Schultern. Trotz des Feuers im Kamin des Langhauses war es kalt. Draussen fegte ein eisiger Wind durch das Dorf, der am Dach und den Fensterläden rüttelte. Er entgegnete den Blick des kleinen Karo, und Traurigkeit überkam ihn. Wie viele Lebensjahre waren dem Knirps noch beschieden? Konnte er der unbarmherzigen Kälte trotzen, die das Dorf jeden Winter für viele Monde heimsuchte, oder würde er zu den Vielen gehören, die starben, bevor ihnen der erste Flaum im Gesicht wuchs? Er hoffte es nicht. Natürlich wünschte er keinem aus seinem Volk Leid. Aber ganz besonders hoffte er, dass dieser Sechsjährige das Erwachsenenalter erreichte. Schon jetzt war zu erkennen, dass hier ein ganz besonderer Mensch heranwuchs, eigensinnig zwar, aber auch stark. Und das Dorf würde starke Menschen brauchen, um bestehen zu können.
Müde schüttelte er den Kopf und konzentrierte sich wieder auf das Gespräch. „Wer hat dir das erzählt?“, fragte er.
„Mein Grossvater“, entgegnete Karo. „Und der weiss es von seinem Grossvater. Also muss es stimmen.“
Der Älteste lächelte und blickte in die Runde. Es war höchste Zeit, dass sein Volk wieder einmal etwas zum Lachen bekam. Die endlosen Tage eng aneinander gekauert im Langhaus hatten die Menschen stumpf und aggressiv gemacht. „Wer von euch weiss, wie die Vormenschen ausgesehen haben?“, fragte er deshalb mit erhobener Stimme.
Augenblicklich schossen alle Kinderhände in die Höhe. Die Erwachsenen brachen in heiteres Gelächter aus, denn sie kannten dieses Spiel schon aus ihrer eigenen Kindheit. Stimmen schrien durcheinander, und nach einer Weile erhob sich der Älteste und breitete die Arme aus. Langsam beruhigten sich die Kinder wieder.
„Schön der Reihe nach“, sagte er. „Hat jemand von euch eine andere Meinung als Karo?“
Wieder schossen Kinderhände in die Höhe, wenn auch nicht mehr ganz so viele. Der Älteste deutete auf Matu, und dieser schritt, obwohl er ebenfalls erst sechs Winter alt war, mit dem Stolz und der Würde eines Erwachsenen in die Mitte des Halbkreises. Dort pflanzte er sich auf, wartete, bis er die Aufmerksamkeit von allen hatte und begann: „Sie waren natürlich klein. Viel kleiner und schwächlicher als wir.“
„Stimmt gar nicht!“, schrie Karo dazwischen und wäre, wenn ihn seine Mutter nicht zurückgehalten hätte, auf Matu losgegangen.
„Wir wollen nicht streiten“, ermahnte der Älteste die Kinder. „Lasst uns hören, was jeder Einzelne denkt.“ Dann, wieder an Matu gewandt: „Warum glaubst du, dass sie klein waren?“
„Ist doch klar“, sagte er. „Wenn sie so gross und stark gewesen wären wie wir, dann hätten sie nicht für alles diese Ma… Ma…
„Maschinen?“, half der Älteste nach.
„Genau. Dann hätten sie keine Maschinen bauen müssen. Dann wären sie auf die Jagd gegangen wie richtige Männer.“
Im Lauf dieses Nachmittags tauchten noch viele Theorien über das Aussehen der Vormenschen auf. Einige Kinder glaubten, sie seien riesige Ameisen gewesen, die das ganze Land mit ihren Bauwerken überzogen hatten, von denen heute noch überall Überreste zu sehen waren. Andere, sie hätten Köpfe gross wie Kürbisse gehabt, damit all ihr Wissen darin Platz fand. Die Erwachsenen und die grösseren Kinder, die natürlich längst wussten, wie die Vormenschen wirklich ausgesehen hatten, amüsierten sich prächtig und vergassen für eine Weile, dass draussen vor der Tür eine Natur lauerte, die sie umbringen wollte.
„Dann wollen wir einmal dafür sorgen, dass Ihr alle die Wahrheit kennt“, unterbrach der Älteste schliesslich die Diskussion. „Die Vormenschen sahen aus wie …“ Er machte eine Pause und wartete, bis das Gemurmel verstummt war und ihn die Kinder mit vor Ungeduld weit offenen Mündern ansahen. „… wie wir.“
Augenblicklich schwoll der Lärm wieder an. Unmöglich!“, durchdrang Karos Stimme den Krach. „Woher willst du das wissen?“
„Ganz einfach“, sprach der Älteste, „so haben es die Alten seit Anbeginn der Zeit von einer Generation an die nächste weitergegeben. Ausserdem sind alle Relikte aus der Vormenschenzeit so gearbeitet, dass sie bequem in unsere Hände passen. Wir wissen zwar nicht, wozu all die Maschinen, deren Überreste wir heute noch manchmal finden, gut waren, aber sie passen in unsere Hände, als seien sie für uns gefertigt worden.“
„Vielleicht waren es Riesen mit kleinen Händen?“, schlug Karo vor, der noch nicht von seiner Theorie ablassen wollte.
Der Älteste lächelte. „Du darfst es mir ruhig glauben“, sagte er schliesslich, „die Vormenschen waren weder Riesen noch sprühten Funken aus ihren Augen. Sie waren ganz normale Menschen wie du und ich.“
Karo legte seine kleine Stirn in Falten und dachte angestrengt nach. Dann erhellte ein triumphierendes Strahlen sein Gesicht, und er fragte: „Wenn sie gleich waren wie wir, dann müssten doch auch wir all diese Wunder vollbringen können. Warum können wir das nicht mehr?“
Das, dachte der Älteste, war die entscheidende Frage. Was war geschehen, dass eine einstmals stolze, mächtige Zivilisation untergegangen war und nur sie zurückgelassen hatte? Ein kleines Volk, das täglich hart arbeitete und trotzdem kaum das Nötigste zum Leben zusammen brachte? Er hätte viel darum gegeben, dieses Geheimnis zu lüften.
Im Langhaus war es ruhig geworden, und alle, auch die Erwachsenen, warteten gebannt auf seine Antwort. Er bemerkte, dass die Geräusche des Windes nachgelassen hatten, öffnete einen der Fensterläden einen Spalt und spähte hinaus. Tatsächlich: Der Sturm war abgeflaut, und im Nordwesten zeigte sich sogar ein blauer Streifen am Horizont.
Er wandte sich wieder seinem Volk zu. „Geht nach draussen und macht eure Arbeit“, sagte er. „Wer weiss, wie lange die Ruhe anhält.“
Mürrisch erhoben sich die Menschen. Sie zogen ihre dicken Felljacken an, streiften Mützen und Handschuhe über und verliessen langsam das Langhaus. Auch wenn sie keine Lust hatten, in die Kälte zu gehen, so wussten sie doch, dass der Älteste Recht hatte. Sie mussten das Vieh füttern und Brennholz spalten, und wenn sie Glück hatten, würde es ihnen sogar gelingen, am zugefrorenen Fluss einige Fische zu fangen. Wenn sie überleben wollten, mussten sie jeden Moment ausnützen, den die launische Natur ihnen zugestand.
Schliesslich waren alle bis auf Karo gegangen.
„Du auch“, sagte der Älteste. „Ich bin sicher, dein Vater benötigt deine Hilfe.“
„Du hast mir noch keine Antwort gegeben. Was ist mit den Vormenschen geschehen? Warum können wir die Wunder nicht mehr vollbringen, die sie einst beherrschten?“
Weil es Geheimnisse gibt, die im Strudel der Zeit untergegangen sind, dachte der Älteste. Weil es Dinge gibt, die zu begreifen wir zu dumm sind. Aber er behielt seine Antwort für sich, denn er wusste genau, dass sich Karo damit nicht zufrieden geben würde. Stattdessen sagte er: „Geh jetzt. Der Winter ist noch lang, und wir werden noch viele Gelegenheiten haben, um darüber zu sprechen.“
Neun Jahre später…
Normalerweise war es für die Jungen das Schönste, wenn sie zum Angeln und Jagen an den Fluss geschickt wurden, aber heute machten sie sich nur zögernd auf den Weg. Sie wussten, dass die Erwachsenen und die Alten zusammensitzen und über die Zukunft ihres Dorfes entscheiden würden, sobald sie um die erste Wegbiegung gegangen waren. Nur die Kleinsten, die sich noch nicht in die Diskussion einmischten, waren bei den Erwachsenen im Dorf geblieben.
Karo liess sich zurückfallen, um die Hintersten der knapp dreissigköpfigen Gruppe zur Eile zu ermahnen. Die Jüngsten waren noch keine sieben Winter alt und liessen sich von jedem bunten Stein auf dem Weg, von jeder blühenden Primel, die den Beginn des Frühlings ankündigte, ablenken. Mit seinen 15 Wintern war Karo der Älteste der Gruppe. Nur ein Jahr älter, und er wäre jetzt nicht als Kindermädchen eingeteilt, sondern würde mit den Grossen darüber debattieren, ob sie ihr Tal verlassen sollten oder nicht.
Etwas kitzelte ihn im Nacken. Er drehte sich unwirsch um und blickte in die Augen von Nara, einer vorwitzigen Neunjährigen mit Sommersprossen und blonden, zerzausten Haaren. In der Hand hielt sie einen Grashalm, und sie lächelte ihn frech an.
„Du sollst vorwärts machen“, knurrte er sie an und schlug nach ihr, so dass sie erschrocken davonrannte und zu den anderen Kindern aufschloss.
Karo tat seine Reaktion sofort leid, doch er war nicht in der Stimmung, sich zu entschuldigen. Wütend kickte er einen Stein ins Gebüsch. Seit geraumer Zeit bekam er schon zu hören, er sei so gross geworden. Wenn es darum ging, bei klirrender Kälte in den Wald zu gehen und einen Baum zu schlagen, oder bei gefrorenem Boden einen Latrinengraben auszuheben – ja, dann war er in den Augen der Erwachsenen ein Mann. Doch heute, wo sein Dorf die wohl wichtigste Entscheidung seit Anbeginn seiner Existenz fällte, sollte er plötzlich wieder ein Kind sein.
Nach kurzer Zeit erreichten sie eine Weggabelung. Hier wollten sie sich mit den Kindern aus dem Unterdorf treffen. Noch vor wenig mehr als einem Leben, sagten die Alten, gab es im Tal sieben Dörfer, doch seit Karo sich zurückerinnern konnte, gab es nur noch das Unterdorf und sie im Hauptdorf. Manchmal, wenn er mit den Männern auf Jagdstreifzüge durch die Wälder ging, sah er noch die Überreste dieser Dörfer. Früher, sagten die Alten, gab es auch in der weiteren Umgebung noch andere Stämme, zwischen denen der Handel florierte, doch in seinem ganzen Leben hatte Karo noch nie einen Menschen gesehen, der nicht hier im Tal lebte.
Karo nutzte die Wartezeit und trat auf einen schmalen Pfad, der in den Ahnenwald hineinführte. Der Zauber dieses merkwürdigen Ortes wirkte sich fast augenblicklich auf seine Stimmung aus. Sein Zorn auf die Grossen verrauchte, und seine Gedanken schweiften ab zu den Menschen, die hier unter seinen Füssen lagen.
Der Ahnenwald war der Friedhof der Talmenschen, und unter den Wurzeln der Bäume ruhten ihre Toten. Wie ein Wald im herkömmlichen Sinn sah er deshalb nicht aus. Dort, wo mehrere ältere Bäume in Gruppen beieinander standen, schlossen sich ihre Kronen zwar zu einem Dach zusammen, doch die meisten Bäume waren noch jung und mussten sich ohne den Schutz des Verbundes gegen Sommerhitze und Winterstürme behaupten. Buchen, Eichen, Föhren, Eschen, Ahorn, dicke Weisstannen, Weiden, ausladende Linden und viele andere Bäume standen wild durcheinander. Statt wie in Wäldern hoch aufgeschossen zu sein, hatten die meisten tiefe Kronen und knorrige Äste. Kaum ein Baum war älter als ein Menschenleben, doch vereinzelt erhoben sich mächtige Kronen, die schon vor drei Leben alles andere überragt hatten. Unter ihren Wurzeln ruhten die Anführer vergangener Jahre, von denen man heute noch sprach im Dorf.
Jeden Herbst, wenn die Ernte eingefahren war und die Zeit des Feierns und der Besinnlichkeit anbrach, gingen die Menschen in den Wald und ehrten ihre Ahnen mit kleinen Gaben an Getreide oder Blumenschmuck. Wurde einem Baum während mehrerer Jahre keine Gabe dargebracht, dann wusste die Gemeinschaft, dass der Mensch, dem er gepflanzt worden war, aus der Erinnerung verschwunden war. Dann wurde der Baum gefällt, um neuen Gräbern Platz zu machen, und sein Holz diente den Lebenden zum Schnitzen von Werkzeugen oder zum Heizen in den langen Wintern.
Karo trat auf eine kleine Lichtung. Drei frisch aufgeworfene Erdhaufen markierten die Beute, die der Tod letzten Winter geschlagen hatte. Im ersten lag Lura, eine alte, zahnlose Frau, deren Lebenszeit aufgebraucht war, im zweiten der unglückselige Tamu aus dem Unterdorf. Er war beim Eisfischen auf dem Fluss eingebrochen. Er konnte sich zwar noch ans Ufer retten, doch dann war er im schlimmsten Sturm des vergangenen Winters erfroren, bevor er die wärmenden Feuer seines Dorfes erreicht hatte.
Vor dem dritten Grabhügel blieb Karo stehen. Hier lag sein Bruder Saro, der gerade zehn Winter alt geworden war. Wie bei den meisten, die so viel vor ihrer Zeit gehen mussten, hatte es auch bei ihm mit einem schweren Husten angefangen, der von tief innen kam. Trotz Tee und Kräutersalben und Anflehungen der Ahnen hatte sich der Husten verschlimmert, und als sich immer mehr Blut in den Auswurf gemischt hatte, mussten sie ihre Hoffnungen auf eine Genesung aufgeben. 15 Tage hatte er sich tapfer gegen das Fieber und den Husten gewehrt, aber dann, an einem frostig klaren Morgen vor zwei Monden, hatte er den Kampf verloren.
Eine Esche, dachte Karo. Wir werden ihm eine Esche pflanzen. Das ist ein stolzer, hoch aufstrebender Baum, und wenn seine Zeit gekommen ist, wird man aus seinem zähen Holz Bogen schnitzen.
Doch dann legte sich ein Schatten auf seine Gedanken. Vermutlich würde nie jemand etwas schnitzen aus dem Holz seines Bruders. Vielleicht würden sie noch wegziehen, bevor die erste Ahnenehrung kam.
Gesenkten Hauptes machte er sich auf den Rückweg. Als er auf den Hauptweg trat, waren die Jungen des Unterdorfes schon zu ihrer Gruppe gestossen. Die Alten und Erwachsenen verabschiedeten sich gerade von ihren Kindern und machten sich auf den Weg zum Hauptdorf. Auch sie würden an der Versammlung teilnehmen, denn das Schicksal der beiden Dörfer war untrennbar miteinander verknüpft.
Es war ein jämmerlicher Haufen, nur gerade vierzig Menschen lebten noch im Unterdorf. Die Winter hatten ihnen noch schwerer zugesetzt als den Menschen im Hauptdorf. Karo trat ein paar Schritte zurück und wartete, bis die Eltern ihre Kleinsten auf den Rücken gepackt oder bei der Hand genommen hatten und Richtung Hauptdorf weiter gegangen waren. Wenn sie ihn aus dem Wald hätten treten sehen, dann wäre das Wehklagen über die schlimmen Winter und die viel zu vielen jungen Bäume im Ahnenwald wieder angebrochen, und er wollte mit seiner Trauer lieber alleine sein.
Aus der Distanz nickte er den Vorbeiziehenden zu und ging dann zu den Jungen. Matu, sein bester Freund, betrachtete ihn nachdenklich Da er aber sah, dass Karo mit seinen Gedanken weit weg war, schwieg er. Matu war nur ein halbes Jahr jünger als er, hatte aber im Gegensatz zu ihm noch die glatte Haut und die hohe Stimme eines Kindes.
Sie riefen die Kleinen zusammen und gingen ein langes Stück Weg schweigend hinter ihnen her. Dann fragte Matu: “Was meinst du, wie werden sie entscheiden?”
“Ich weiss es nicht”, antwortete Karo. “Die Meinungen im Dorf sind geteilt. Es sind vor allem die Alten, die darauf drängen, dass wir wegziehen. Sie sagen, unsere Gemeinschaft sei sonst dem Untergang geweiht.”
“Die Alten sind ängstliche Hasen”, sagte Matu verächtlich. Gleichzeitig vergewisserte er sich, dass sie keine Zuhörer hatten, denn man liess sich besser nicht dabei erwischen, über die Alten zu spotten. “Ein paar kalte Winter bedeuten noch lange nicht, dass der Sommer für immer verschwindet.”
Karo lachte. Matu hatte zwar das Herz eines Bären, aber er war grossmäulig wie eine Krähe. Dann, wieder ernst, fragte er. “Und bei euch? Was denken deine Leute?”
“Sie wollen eine Veränderung. Die meisten wollen zwar nicht aus dem Tal weg, aber die Tage des Unterdorfes sind wohl gezählt. Am liebsten würden wir zu euch ziehen. Platz genug habt ihr ja.”
Matu spielte auf das schlechte Jahr vor vier Wintern an, als jeder vierte in ihrem Dorf gestorben war. Begonnen hatten ihre Probleme schon im Sommer zuvor, der feucht und kalt gewesen war wie kein anderer seit Menschengedenken. Das Getreide und Gemüse war auf den Feldern verfault, und mehr als einmal war der Bach über die Ufer getreten und hatte wertvollen Ackerboden mit sich gerissen. Das Wild hatte sich tief in die Wälder zurückgezogen, und noch nie waren die Jäger so oft mit leeren Händen zurückgekommen. Der darauf folgende Winter war der härteste, an den sich Karo erinnern konnte. Noch heute schauderte ihn, wenn er an die endlosen Tage zurückdachte, an denen er vor Kälte zitternd und hungrig im tiefen Schnee nach essbaren Wurzeln gegraben hatte. Nach fünf langen und eisigen Monden hatte die Sonne zwar wieder an Kraft gewonnen und ihnen einen guten Sommer gebracht, doch bis dahin waren Hunger, Krankheit und Tod stete Begleiter gewesen. Die Häuser der Toten waren seit da unbewohnt, und im Langhaus, wo sie sich für ihre Feste und die Versammlungen trafen und an den dunkelsten Wintertagen beieinander sassen, um sich gegenseitig warm zu geben, blieben viele Stühle leer.
Matu stiess ihn an. Karo schreckte aus seinen Gedanken hoch. “Und du? Willst du gehen oder bleiben?”, fragte er.
Zum Glück gerieten sich genau in diesem Moment zwei der Kleinen in die Haare, und er konnte davoneilen, um den Streit zu schlichten und sich so vor der Antwort zu drücken. Das Problem war: Er wusste es selber nicht, und er wollte vor seinem Freund nicht als Zauderer dastehen.
Kurze Zeit später erreichten sie den Fluss, der an dieser Stelle sein Bett tief in die Felsen gegraben hatte. Dort, wo der Weg ans Ufer stiess, ragte ein kühn geschwungener Bogen aus einem steinähnlichen Material, hoch wie zehn und ausladend wie fünfzehn ausgewachsene Männer, weit über das Wasser. Dieses Material hiess bei ihnen Gussstein, denn es sah aus, als sei flüssiger Stein in eine Form gegossen worden und dann erstarrt. In seiner Position gehalten wurde der Bogen durch eine feine, aus dem gleichen Material bestehende Strebe, die von seiner Mitte aus schräg nach oben verlief und mit einem Felsvorsprung im oberen Teil des Steilabsatzes verwachsen schien.
Die Talmenschen konnten sich keine Vorstellung darüber machen, wie man so eine kühne Form gestalten konnte. Aber sie wussten, wer die Erbauer gewesen waren: Die Vormenschen. Diesen Namen sprachen alle, selbst der vorlaute Matu, mit tiefer Ehrfurcht aus. Die Alten meinten, dass der Bogen einst Teil einer gewaltigen Brücke war, die den ganzen Fluss überspannte, aber Karo konnte das schlicht nicht glauben. Der Fluss war an dieser Stelle so breit, dass selbst gute Schwimmer viel Mut brauchten, ihn zu überqueren, und ein Bauwerk dieser monumentalen Grösse überstieg seine Vorstellungskraft bei weitem.
Sie gingen noch ein Stück flussaufwärts und machten dann dort Rast. Hier stürzte der Fluss über eine Steilstufe, die viel zu regelmässig geformt war, um von der Natur geschaffen zu sein. Auch dabei, meinten die Alten, hatten die Vormenschen ihre Hände im Spiel gehabt. Darüber staute sich der Fluss zu einem schmalen, lang gezogenen See, in dem sich meist viele Forellen und Saiblinge tummelten und wo fast keine Strömung herrschte.
Die älteren Kinder liessen sich auf einer flachen Steinplatte nieder. Sie hatten es nicht eilig, mit der Fischerei zu beginnen. Sie wussten, dass sie nur fortgeschickt worden waren, damit die Erwachsenen ungestört sprechen konnten. Die Jäger waren von ihrem letzten Streifzug mit fetter Beute heimgekehrt, und die Räucherkammern hingen noch voller Fische.
Die Kleinsten, die normalerweise zum Beeren- und Holzsammeln geschickt wurden, realisierten, dass sich ihnen heute eine Chance bot, und sie bestürmten Karo, endlich auch einmal fischen zu dürfen.
Dieser überlegte kurz, dann nickte er. Verfolgt von einer aufgeregt schnatternden Horde ging er zum Holzunterstand, in dem ihre Ausrüstung lagerte, und gab ihnen die Fischspeere heraus. Eine Weile schaute er den Kleinen lächelnd zu, wie sie von der Wehrmauer aus versuchten, die Forellen zu erwischen. Wenn sie etwas zum Mittagessen haben wollten, dann müsste er später wohl ein paar erfahrenere Kinder zum Fischfang schicken. Die Kleinen waren zwar mit Hingabe bei der Sache, aber mit ihrem aufgeregten Gequietsche und Herumgestochere erreichten sie nur, dass die Fische eilends das Weite suchten
Dann entnahm er einem geschützten Fach im Unterstand eine Handvoll Reisig und trug es zur Feuerstelle. Dort lag immer noch ein grosser Holzhaufen, den sie in den letzten Tagen aufgeschichtet hatten. Er öffnete das mit kleinen Löchern versehene Metallbehältnis, das er von zu Hause mitgebracht hatte, liess das grosse Stück glühender Holzkohle darin behutsam auf einen flachen Stein gleiten, legte das Reisig auf und blies die Kohle vorsichtig an, bis das Reisig Feuer fing. Danach legte er Holz auf, und es dauerte nicht lange, bis ein munteres Feuer loderte. Wie alle Talmenschen kannte Karo zwar ein halbes Dutzend Methoden, um ein Feuer zu entfachen, aber es von Daheim mitzubringen war mit Abstand die einfachste.
Einen Moment überlegte Karo, ob er sich zu den Grösseren gesellen sollte, dann entschied er sich anders. Er ging ein Stück flussaufwärts bis zu einem Felsblock, der von der Sonne schon ein wenig erwärmt worden war, rollte die mit Hasenfell gefütterte Kapuze an seiner Jacke so zusammen, dass sie ihm als Kissen diente und legte sich auf den Rücken. Eine Weile schaute er in den Himmel und beobachtete die ersten Wildgänse des Jahres auf ihrem Zug nach Norden. Dann schloss er die Augen und hing seinen Gedanken nach.
Etwas kitzelte ihn an der Nase.
Er schlug die Augen auf und blickte direkt ins Gesicht von Nara. Sie hatte wieder einen dünnen Zweig in der Hand und schaute ihn mit einer Mischung aus Vorwitz und Misstrauen an. Ihr dünner Körper war angespannt, bereit zur Flucht, falls er wieder wütend werden sollte. Doch er lächelte sie beruhigend an.
„Du hast geschlafen“, sagte sie.
Er wandte den Blick zur Sonne. Tatsächlich. Nur noch ein kurzes Stück Zeit, und sie würde ihren Zenit erreicht haben. Er wollte schon aufspringen, um die Grösseren zum Fischfang zu schicken, da stach ihm der Duft von gebratener Forelle mit wildem Thymian in die Nase.
Verlegen ging er zum Feuer. Da war er doch zum Aufpassen abkommandiert worden, und jetzt lief alles ohne ihn bestens. Beim Näherkommen sah er, dass mindestens 25 Fische auf dicke Stecken aufgespiesst waren und über dem Feuer garten. Auf erhitzten Steinen rund um das Feuer buken ausserdem mehrere Teigfladen. Brot würde es aber für jeden nur ein kleines Stück geben, gerade genug, um damit den Saft in den Bäuchen der Fische aufzusaugen und sich den Mund abzuwischen. Die Kornspeicher im Dorf waren schon zu drei Vierteln leer, und bis zur nächsten Getreideernte würde noch fast ein halbes Jahr vergehen - oder anderthalb Jahre, wenn ihnen wieder ein schlechter Sommer bevorstand. Oder, dachte Karo und seine Stirn umwölkte sich, sie würden nie wieder Getreide anpflanzen, mindestens nicht an diesem Ort.
Karo ass seine Forelle schweigend und ein wenig abseits der anderen. Dann übergab er die Aufsicht Matu, machte ein Kanu klar, paddelte auf den zum See gestauten Fluss hinaus und hielt auf die schmale, langgezogene Insel zu. Da er nicht in Stimmung zum Reden war, konnte er sich ebenso gut absetzen und etwas Sinnvolles tun.
Als er die Insel erreicht hatte, fuhr er mit viel Schwung auf einen kleinen Sandstrand auf und gelangte so ans Land, ohne ins kalte Wasser springen zu müssen. Die Insel hiess bei ihnen im Dorf Kanincheninsel, denn hier wimmelte es von den Tieren und sie zu erlegen war fast so einfach wie ein Kornfeld abzuernten. Das Wasser hielt Raubtiere wie Wölfe, Füchse und Luchse fern, und der dichte Weidenbestand bot einen guten Schutz gegen Räuber aus der Luft. Hätten die Talmenschen hier nicht regelmässig gejagt, dann hätten die Kaninchen die Insel wohl schon längst kahlgefressen. So aber hielt sich ihr Bestand in Grenzen.
Karo nahm den Bogen aus dem Kanu, krümmte ihn und schob das zuvor lose Ende der Sehne in die dafür vorgesehene Kerbe. Es war der beste Bogen, den er je besessen hatte. Unter Anleitung von Wawa hatte er ihn an vielen kalten Wintertagen im Langhaus gefertigt. Zuerst hatte er im Holzlager mit Wawas Hilfe einen mannslangen, gerade gewachsenen und in vier Teile gespaltenen Eschenstamm herausgesucht, der hier schon fünf Jahre zum Trocknen lag. Danach hatte er diesem Viertel in mühseliger Kleinarbeit mit dem Ziehmesser seine Form gegeben. Das Geheimnis eines guten Bogens bestand darin, dass man genau dem Faserverlauf folgte und ihn um die Verwachsungen herum aus dem Holz arbeitete. Er musste nicht unbedingt gerade sein, aber man musste das Holz lesen können. Ausserdem durfte an der Aussenseite kein Jahrring verletzt werden, denn genau an dieser Stelle würde der Bogen sonst früher oder später aufsplittern.
Der Rest der Formgebung war in Karos Augen reine Magie. Er war ganz einfach Wawas Anweisungen gefolgt, hatte die Enden verjüngt, die Pfeilauflage an der angezeichneten Stelle eingekerbt, hier noch ein wenig Material abgenommen und dort etwas abgeschliffen, hatte den Bogen unter dem kritischen Blick von Wawa vorsichtig gespannt, die gedrehte Sehne aus den Sprungsehnen eines Hirsches wieder entfernt und wieder von vorne mit dem Nachbessern begonnen. Am Schluss hatte er auf der Aussenseite des Bogens mit Knochenleim einen Streifen ungegerbter Ziegenhaut aufgezogen, um ihm zusätzliche Spannkraft zu geben und ihn gegen Beschädigungen zu schützen. Manches Mal wäre er seinem pedantischen Lehrer am liebsten an die Kehle gesprungen, doch jetzt hielt er eine Waffe in der Hand, die auf der Jagd mit ihm eins wurde.
Er zog das Kanu noch ein Stück höher auf den Strand und entnahm dem Köcher seinen Kaninchenpfeil. Im Gegensatz zu den Pfeilen für die Rotwildjagd, die weit fliegen mussten und deshalb aus den leichten Ruten des Hartriegelstrauches gefertigt waren, bestand dieser aus einem fingerdicken Haselast. Die Holzkugel, die an seinem vorderen Ende aufgesteckt war, gab ihm zusätzlich ein plumpes Aussehen.
Er musste nur ein paar Schritte gehen, bis er den ersten Kaninchenbau erreicht hatte. Er kontrollierte den Sonnenstand und die Windrichtung und entschied sich dann für einen noch lichten Schwarzdornstrauch fünf Schritte vom Eingang als Deckung. Dort liess er sich auf die Knie nieder, legte den Pfeil auf, spannte den Bogen und verharrte dann regungslos in dieser Position. Sämtliche Gedanken fielen von ihm ab, und es gab nur noch ihn, den Eingang des Baus und die Geräusche und Düfte der Natur, die der leise Wind an ihn herantrug.
Er hätte ewig so verharren können, konzentriert und völlig eins mit der Umgebung, doch er musste nicht lange warten. Schon bald streckte ein Kaninchen den Kopf aus dem Bau, hielt schnuppernd die Nase in den Wind und verschwand wieder im Loch. Kurz darauf kam es wieder heraus, drei Jungtiere in seinem Gefolge. Karo liess sie davon hoppeln. Nicht aus Mitleid, diese Regung konnten sich die Talmenschen auf der Jagd nicht leisten, sondern weil er wusste, dass die Jungtiere ohne Mutter noch verloren waren. Und Verschwendung konnten sich die Talmenschen noch weniger leisten als Mitleid.
Kurz darauf erschienen wieder zwei Tiere im Eingang des Baus. Männchen, vermutete Karo aufgrund ihrer Grösse, aber das liess sich bei Kaninchen auf diese Entfernung nur schwer sagen. Er fixierte den Kopf des linken Tieres, zielte und gab die Sehne frei. Der Pfeil traf das Tier exakt zwischen den Augen, und es sank benommen zu Boden. Karo packte es und schlug ihm mit einem Knüppel wuchtig ins Genick. Diese Form der Jagd, hatte sich bei ihnen durchgesetzt, weil die Tiere nicht nur wegen ihres Fleisches geschätzt wurden, sondern auch wegen ihres Felles, das nach dem Gerben geschmeidig und weich blieb.
Aus diesem Bau, wusste er, würde sich so schnell kein Tier mehr trauen. Also band er das erlegte Tier an seinen Gürtel und ging zum nächsten Loch. Auch dort winkte ihm das Jagdglück, und die Sonne war erst eine gute Handbreit gewandert, bis er an allen drei Bauten auf diesem Teil der Insel seine Beute eingefahren hatte.
Dann ging er zurück zum Kanu. Er legte Pfeil und Bogen und die erlegten Kaninchen hinein und schob es zu drei Vierteln ins Wasser. Er kletterte ins Boot, balancierte zur Sitzbank im Heck und lehnte sich weit zurück. Dadurch hob sich der Bug leicht an, und mit einem einzigen kräftigen Schlag mit dem Paddel kam er von der Sandbank frei.
Gemächlich fuhr er flussaufwärts. Vereinzelt trieben noch Eisschollen auf der weiten Wasserfläche, aber diese waren klein und stellten keine Gefahr für das Kanu dar. Hier am Südufer der Insel machte sich langsam der Frühling breit. Haseln, Pfaffenhütchen und Silberweiden trieben schon aus. Das Seggengras zeigte die ersten grünen Spitzen, und im Halbschatten bildete der junge Bärlauch sattgrüne Matten. Am schmalen Uferstreifen, wo die Sonne ihre volle Kraft entfalten konnte, standen gelbe Schlüsselblumen, und die Gänseblümchen bildeten auf dem noch kurzen Gras dichte Teppiche.
Je mehr er sich der Westspitze der Insel näherte, desto kräftiger wurden seine Paddelschläge, denn hier oben wurde der See wieder zu einem Fluss, und er musste gegen die Strömung halten. Dann umrundete er die mächtige Bruchsteinmauer, die noch von den Vormenschen gebaut worden war und die sich wie ein Keil in die Strömung stemmte.
Auf der anderen Seite der Insel präsentierte sich ihm ein völlig anderes Bild: Die Bäume und Sträucher hatten noch kaum Triebe, der Waldgrund war braun, und vereinzelt lagen noch immer letzte Schneereste. Lediglich die ersten Blausterne streckten schon zaghaft ihre Köpfe in die Höhe.
Weil der nördliche Flussarm viel schmaler war, kaum breiter als der Steinwurf eines Kindes, zog hier die Strömung stärker an seinem Kanu. Aus dem gleichen Grund gab es hier auch keine flachen Uferstellen, an denen er hätte aufsetzen können. Karo hielt sich deshalb nahe am Ufer und fixierte den dicken Ast einer ausladenden Weide, der weit über das Wasser ragte. Als er ihn erreichte, packte er ihn und zog sich daran ans Ufer, wo er das Kanu festmachte.
Gerade als er ausgestiegen war, hörte er vom anderen Ufer her ein leises Winseln. Aufgeregt spähte er übers Wasser. Auf Streifzügen kam es immer wieder vor, dass man auf ein verletztes Reh oder Wildschwein stiess, und das war ein Geschenk, das kein Talmensch leichtfertig ausschlug.
Doch jetzt war nichts mehr zu sehen oder zu hören. Er wollte seine Wahrnehmung gerade als Sinnestäuschung abtun und sich wieder der Kaninchenjagd zuwenden, als es im niedrigen Weidengebüsch auf der anderen Seite raschelte. Jetzt war er ganz sicher: Da war etwas.
Er sprang zurück ins Kanu und setzte über. Wegen der Strömung wurde er weit abgetrieben. An der erstbesten etwas flacheren Stelle sprang er ungeduldig ins eiskalte Wasser und watete, das Kanu hinter sich herziehend, auf die Uferböschung zu. Mühsam kletterte er durch dichte Brombeerranken und Schwarzdorngeäst, in dem sich viel Schwemmholz verfangen hatte, auf den Damm. Auf diesem bewegte er sich, sorgsam darauf achtend, auf keinen trockenen Ast zu treten, leise flussaufwärts, bis er fast gegenüber der ausladenden Weide stand. Das letzte Stück legte er auf allen Vieren zurück.
Einen Moment lang zögerte er. Was, wenn dort unten kein wundes Reh lag, sondern ein Bär, der eben erst hungrig aus seiner Winterhöhle gekrochen war? Dann fasste er sich ein Herz, nahm einen Jagdpfeil mit schwerer eiserner Spitze aus dem Köcher, spannte den Bogen und stand auf.
Doch was er jetzt zu sehen bekam, erschreckte ihn mehr, als der grösste Bär es vermocht hätte: Unten am Ufer lag ein Mann.
Der Fremde starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an und tastete mit der rechten Hand hektisch nach seinem Wurfspeer, der aber ausserhalb seiner Reichweite lag. Karo merkte, dass er den Bogen noch im Anschlag hielt und liess ihn langsam sinken. Allerdings hielt er die Sehne nach wie vor unter leichter Spannung.
Er besah sich den Mann, der sich nun erschöpft zurücksinken liess, etwas genauer: Irgendwie hatte er sich immer vorgestellt, dass Fremde auch fremdartig aussahen, doch das traf nicht zu. Mit seinem langen, braunen Haar und der hellbraunen, wettergegerbten Haut wäre er in ihrem Dorf nicht aufgefallen. Auch seine Kleidung aus Leder und grober Wolle unterschied sich nicht von der ihren. Allerdings musste der Mann eine schwere Zeit hinter sich haben. Seine Gesichtshaut spannte über die Wangenknochen, und die geöffnete Jacke gab den Blick auf einen dreckigen und ausgemergelten Oberkörper frei. Am linken Oberschenkel war seine Hose zerrissen, und Karo sah eine tiefe, schlecht verschorfte Wunde. Was er dann bemerkte, liess ihm den Atem stocken: In der Wunde steckte noch der abgebrochene Schaft eines Pfeils.
Karo kannte die Geschichten von verfeindeten Stämmen, die mit Waffen aufeinander losgingen. Aber seit er sich erinnern konnte, war noch nie ein Mensch im Tal durch die Hand eines anderen gestorben oder auch nur schwer verletzt worden. Kämpfe auf Leben und Tod waren für ihn nur Schauergeschichten, die die Alten an langen Winterabenden erzählten.
Bis jetzt.
Der Fremde sah ihn immer noch aus schreckgeweiteten Augen an. Karo traf eine Entscheidung. Er legte den Bogen weg, schnallte seinen Dolch ab und ging, die Handflächen nach aussen gedreht, langsam zum Verletzten hinab. Er kniete sich hin, tippte an seine Brust und sagte: „Ich heisse Karo.“
„Dast“, stöhnte der Fremde, der sich nun merklich beruhigt hatte.
„Du heisst Dast?“, fragte Karo und zeigte auf ihn.
„Dast“, wiederholte dieser, blickte aufs Wasser und wedelte nachdrücklich mit der linken Hand.
Karo folgte dem Blick und verstand. Zwei Schritte neben dem Mann lag sein Bündel, daneben ein leerer Wasserbeutel. Er füllte ihn am nahen Fluss und reichte ihn dem Fremden, der mit gierigen Schlucken trank.
Karo wühlte in den Taschen seiner Jacke und förderte zwei getrocknete Apfelringe und einen Streifen geräuchertes Ziegenfleisch zutage. Beides bot er dem Fremden an. Zum ersten Mal zeigte dieser den Anflug eines Lächelns, als er das Essen annahm.
„Dank.“
„Bitte.“
Ermutigt durch diesen Erfolg versuchte Karo erneut, mit dem Fremden zu reden. Dabei erfuhr er, dass dieser Walda hiess, aber das war es dann auch. Zu gerne hätte er erfahren, ob er allein war, ob er Freunde in der Nähe hatte oder - davor fürchtete sich Karo am meisten - ob seine Feinde noch auf ihn lauerten. Doch weder seine Worte noch seine Gesten wurden von diesem verstanden.
Schliesslich versuchte er, ihm mit Worten und Handzeichen klar zu machen, dass er das Kanu holen und ihn in sein Dorf bringen wollte, doch auch das verstand der Fremde nicht. Also begnügte er sich damit, ihm beruhigend auf die Schulter zu klopfen. Dann ergriff er seine Waffen und ging zu seinem Kanu.
Der Weg flussaufwärts war eine mühselige Plackerei. Paddelnd kam er gegen die Strömung nicht an, deshalb hangelte er sich durch das Unterholz am Ufer und zog das Kanu hinter sich her. Einmal brach ein Ast, und er fiel in den Fluss und trieb fast den gesamten Weg zurück, den er sich schon erkämpft hatte.
Doch schliesslich hatte er es geschafft. Wenige Schritte oberhalb des Verletzten fand er eine junge Weide, an der er sein Boot anbinden konnte. Er gab gerade so viel Leine, dass es direkt neben diesem zu liegen kam.
Er kletterte die Böschung hoch. Der Fremde lag noch am gleichen Ort. Er hatte die Augen geschlossen. Sein Atem ging flach und rasselnd, und er reagierte auch nicht auf Karos Rütteln. Also warf Karo sein Bündel ins Boot. Dann zog er den Fremden an den Schultern ans Wasser. Jedesmal, wenn sich sein Bein bewegte, entrang sich seiner Kehle ein Stöhnen, doch er kam nicht mehr zu Bewusstsein. Als es Karo endlich gelungen war, den Fremden ins Kanu zu hieven, waren seine Beine taub wegen der Kälte des Wassers. Am Oberkörper hingegen triefte ihm der Schweiss aus allen Poren. Er machte die Leine los und paddelte so schnell er konnte zurück zu seinen Freunden.
Als sie das Dorf endlich erreicht hatten, war es früher Nachmittag, und die Versammlung noch immer in vollem Gang. Boro, der Dorfälteste, stand sofort auf, als sie das Nordtor passierten, und wollte sie wieder wegschicken, denn abgemacht war, dass sie erst kurz vor dem Eindunkeln heimkehren sollten. Doch dann bemerkte er, dass die Jungen eine improvisierte Bahre aus den Stämmchen junger Tannen zwischen sich trugen, und hielt inne.
Neugierig trat er näher. Karo, Matu und die beiden anderen Jungen, die den Verletzten das letzte Wegstück geschleppt hatten, setzten die Bahre entkräftet ab. Boro beugte sich tief über den verletzten Mann und musterte ihn von oben bis unten.
„Ein Fremder“, sagte er, mehr zu sich als zu den anderen Erwachsenen, die inzwischen ebenfalls näher gekommen waren. „Wo habt ihr ihn gefunden?“
Karo erzählte seine ganze Geschichte: Die Kaninchenjagd, die Geräusche vom anderen Flussufer, seine vergeblichen Versuche, mit dem Fremden zu reden, der anstrengende Weg zurück. Als er geendet hatte, blickte er Boro erwartungsvoll an. Dieser schwieg lange. Dann sagte er so laut, dass alle es hören konnten: „Du hast richtig gehandelt.“
Jetzt drängte sich Nala durch die dicht stehende Menge und kniete sich neben dem immer noch Bewusstlosen nieder. Nala war die Heilerin des Dorfes. Sie war weder jung noch alt und lebte seit dem Tod ihres Mannes allein in ihrer Hütte. Die beiden Töchter die ihr geblieben waren, hatten schon längst eigene Familien gegründet. Solange sie den Blick abgewendet hielt, war sie keine eindrucksvolle Erscheinung. Eher kleingewachsen, die Schultern schmal und hängend, die Haare meist zu einem langen Zopf geflochten. Doch wenn sie einen ansah, schlug sie jeden sofort in ihren Bann. Ihre Augen waren reine Güte und reines Verstehen.
Sie legte die Hand auf die Stirn des Fremden, um seine Temperatur zu fühlen. Danach suchte sie an seinem Hals nach dem Puls und legte ihr Ohr an seinen Mund, um die Atmung abzuhören. Schliesslich wandte sie sich dem verletzten Bein zu. Ganz lange besah sie sich die Wunde nur. Dann roch sie daran, drückte vorsichtig auf die aufgeschwollenen Ränder und zog schliesslich ganz leicht am abgebrochenen Pfeil, was dem Fremden sofort ein leises Stöhnen entlockte. Offenbar befriedigt erhob sie sich und sagte: „Bringt ihn in meine Hütte.“ Dann, als sie bemerkte, dass alle Dorfbewohner sie neugierig musterten, fügte sie hinzu: „Ich glaube, er wird überleben.“
Sie nahmen die Bahre wieder auf und trugen sie zu Nalas Hütte. Da Nala allein lebte, hatte sie die Trennwände, die bei Familien normalerweise die Schlafkojen abtrennten, herausgenommen, was die Hütte grösser wirken liess. Ihre Bettstatt stand nahe beim Ofen. Direkt daneben, im dämmrigen Zwielicht kaum zu erkennen, gab es einen Durchbruch, der in einen Anbau führte. Dort befand sich das Krankenlager. Das Bett war direkt an die Rückwand des Steinofens gestellt, so dass Kranke und Verletzte auch im tiefen Winter nicht frieren mussten. Eine Ecke des Raumes war durch eine Holzwand abgetrennt. Dahinter, wusste Karo, befanden sich die Heilmittel: lange Regalreihen, voll mit getrockneten Kräutern, Salben, Ölen und Tinkturen. Schon oft hatte er hier gestanden und gewartet, bis ihm Nala ein Mittel gegen Fieber, Prellungen, Schnittwunden oder was immer ihn plagte zusammengestellt hatte.
Vorsichtig legten sie Walda aufs Bett. Er stöhnte leise, wachte aber noch immer nicht auf. „So, und jetzt raus hier“, sagte Nala.
Karo warf noch einen letzten Blick auf den Verletzten und wandte sich ab, da spürte er Nalas Hand auf seiner Schulter. „Du nicht“, sagte sie. „Du hast ihn zu uns gebracht, also kannst du mir auch helfen.“
Nala holte eine Schere und schnitt damit vorsichtig die Hose rund um die Beinwunde auf. Dann betrachtete sie die Verletzung eingehend. „Wir brauchen Wasser“, sagte sie. „Viel heisses Wasser.“
Karo ging in den vorderen Raum und öffnete die Ofenklappe. Die Glut war vollständig heruntergebrannt. Bis wieder ein Feuer brannte und genügend Wasser kochte, würde viel Zeit vergehen. Also trat er vor die Hütte. Die Versammlung hatte sich inzwischen aufgelöst, aber noch immer standen viele Dorfbewohner in Gruppen beieinander und diskutierten die Ereignisse dieses aufregenden Tages. Karo sprach mit ihnen. Sofort gingen einige Leute los mit dem Versprechen, ihm so viel kochendes Wasser zu bringen, wie er brauchte.
Als er zurück in die Hütte kam, war Nala nirgends zu sehen. Dann hörte er sie hinter der Bretterwand hantieren, und kurz darauf kam sie mit Töpfchen und Büscheln getrockneter Kräuter zurück. Er nahm ihr die Sachen ab, legte sie auf einen kleinen Tisch und kniete dann neben ihr am Bett nieder.
„Was machen wir nun?“, fragte er. Er glaubte schon, sie habe ihn nicht gehört, denn sie konzentrierte sich wieder ganz auf die Beinwunde, doch dann sagte sie: „Zuerst einmal muss der Pfeil raus. Wo bleibt das Wasser?“
„Kommt gleich“
„Gut.“ Sie holte im Nebenraum verschiedene Krüge und Becken. In ein breites Becken gab sie feine Holzschnitzel und grosszügig bemessene Mengen verschiedener Kräuter. „Beinwell, Taubnessel, Wundklee und Thymian“, erklärte sie dazu. „Mit dem Sud werden wir die Wunde auswaschen.“ In einen hohen Krug gab sie Brennnessel, Hauhechel und ein wenig Johanniskraut. „Das hilft ihm, das Gift aus dem Blut zu spülen“, sagte sie. Karo hörte nur halb hin. Wenn die Jungen unter sich waren, lachten sie oft über Nalas Schrulle, jede ihrer Handlungen mit einem Vortrag zu begleiten.
Schliesslich setzte sie in einem dritten Gefäss Lindenblüten an. „Und wogegen helfen die?“, fragte Karo der Höflichkeit halber. Nala lächelte. „Gegen den Durst. Den wird er sicher haben, wenn er alles überstanden hat.“
Dann trug sie ihm auf, getrocknete Sanddornbeeren zu zerstossen und mit ein wenig kaltem Wasser anzusetzen. Hier brauchte er keine Erklärung. Sanddorn war Nalas Lieblingsarznei, denn die Beeren halfen, nach einer Erkrankung oder Verletzung, schnell wieder zu Kräften zu kommen.
Er war gerade fertig damit, als Nalas ältere Tochter als erste einen Topf kochendes Wasser brachte. Sie übergossen die Beinwellmischung und warteten, bis sie gezogen hatte. Dann schöpfte Nala mit einem Sieb sorgfältig sämtliche Kräuter und Holzschnitzel ab, tränkte ein sauberes Tuch im Sud, wartete, bis es nicht mehr ganz so heiss war und reinigte damit das Bein rund um die Wunde. Aus einem weiteren Tuch drehte sie einen dicken Knebel. „Steck ihm den zwischen die Zähne. Er wird ihn brauchen, damit er sich nicht die Zunge abbeisst“, sagte sie.
Langsam wurde Karo nervös. So ernst und konzentriert hatte er Nala noch nie erlebt. „Wird es gefährlich?“, fragte er.
Sie lächelte gezwungen. „Ich kann es dir nicht sagen. Wenn wir beim Herausziehen des Pfeils keine wichtige Blutbahn verletzen, wird es keine grosse Sache sein. Sonst…“
„Sonst?“
„Es wird schon gut gehen. Halt sein Bein.“
Karo gehorchte und fixierte das Bein beidseits der Wunde mit den Händen.
„Nicht so, du musst es richtig fest halten.“
Er überlegte, dann schob er das gesunde Bein auf die Seite und setzte sich rittlings auf den Unterschenkel des verletzten. Mit seinem ganzen Gewicht drückte er Waldas Knie nach unten.
„Gut so. Halt fest.“ Sie packte den Pfeil. Zuerst zog sie nur vorsichtig daran, doch dann riss sie ihn mit ganzer Kraft aus der Wunde. Die Widerhaken rissen Fleisch und Haut mit. Waldas Oberkörper bäumte sich auf. Seine Augen waren weit aufgerissen, und trotz des Knebels hallte ein entsetzlicher Schmerzenslaut durch das kleine Krankenzimmer. Auf seiner Stirn standen Schweisstropfen, und sein Atem ging stossweise. Sein Bein zuckte spastisch und Karo wäre um ein Haar abgeworfen worden.
Dann sackte er kraftlos in sich zusammen. Karo glaubte schon, er sei tot, doch Nala beruhigte ihn. „Er ist nur wieder besinnungslos.“
Karo spürte etwas Feuchtes an den Händen und schaute nach unten. Aus der Wunde quoll das Blut über den Oberschenkel. Die Tücher unter dem Bein waren schon ganz rot. Seltsamerweise lächelte Nala zufrieden. „Keine Sorge“, sagte sie. „Wenn die Verletzung schlimm wäre, dann würde das Blut nicht fliessen, sondern spritzen. Es ist sogar gut, wenn es blutet. So wird der Dreck aus der Wunde gespült.“
Nach einigen Augenblicken legte Nala aber doch eine kleine Stoffkompresse auf die Wunde und hielt Karo an, diese festzudrücken. Sie selbst begann, die Wundränder mit der Beinwelltinktur gründlich zu reinigen. Anschliessend entfernte sie vorsichtig den Schorf, was Walda immer wieder ein Stöhnen entlockte. Sein Bein zuckte, und Karo versuchte, es mit der freien Hand zu fixieren. Schliesslich sagte ihm Nala, er solle die Kompresse von der Wunde nehmen. Die Blutung war noch nicht restlos gestillt, aber schon stark verlangsamt.
Nala setzte ihre Reinigungsarbeit fort. Sie stiess auf eine eitrige Beule, die sie mit einem spitzen, scharf geschliffenen Messer aufschnitt. Den Ausfluss tupfte sie vorsichtig ab, dann kratzte sie das entzündete Gewebe mit dem Messer weg. Zuletzt tröpfelte sie Johanniskraut-Öl auf die Wundränder, legte eine frische Kompresse auf und verband das Bein. „Fertig“, sagte sie und lächelte breit. „Es war einfacher als ich dachte.“
Karo erhob sich. Ihm zitterten die Beine, und wenn Nala ihn nicht gestützt hätte, wäre er hingefallen. Er atmete tief durch. Als er sich wieder einigermassen im Griff hatte, ging er in den vorderen Raum. Dort standen inzwischen zahlreiche Krüge mit heissem Wasser, und jemand hatte unbemerkt ein Feuer im Ofen entfacht. Er goss die Tees an und fragte dann: „Gibt es noch etwas zu tun?“ Er brauchte dringend frische Luft.
„Geh nur, ich komme jetzt gut alleine klar.“, sagte Nala. Sie wusste genau, wie ihm zumute war, und er wusste, dass sie es wusste.
Als er vor die Tür trat, war dort keine Menschenseele zu sehen. Die Sonne stand nur noch zwei Fingerbreit über dem Horizont. Ohne dass ihm das bewusst geworden wäre, hatten er und Nala den halben Nachmittag gebraucht, um Walda zu verarzten. Er ging über den Hof zur Hütte seiner Familie, doch auch dort war niemand.
Langsam ging er zum Südtor und schaute in jede Hütte, ob er jemanden fand. Dafür musste er nur quer über den Platz gehen und links und rechts durch die offenen Türen in die Hütten schauen, denn ihr Dorf hatte einen seltsamen, strengen Aufbau. Rundherum war eine hohe Mauer aus Gusssteinen gezogen, über 200 Schritte lang, 50 Schritte breit und hoch wie zwei Männer. Sämtliche Hütten waren von innen an diese Mauer angebaut. Die Mauer war ein Erbe der Vormenschen, und auch in diesem Fall mochte Karo die Erklärung der Alten, es handle sich dabei um die Fundamentmauern einer riesigen Halle, nicht recht glauben.
Im Norden und im Süden waren breite Durchlässe in die Mauer gelassen, und in weniger friedvollen Zeiten hatten die Ahnen dort Tore angebracht, die aber seit bald einem Leben nicht mehr geschlossen worden waren.
Als Karo das Tor erreicht hatte, hörte er Stimmen aus dem Langhaus dringen, das dort ausserhalb des Dorfes stand. Er näherte sich, und Leo erhob sich von der Treppe, die zum Eingang führte. Neben ihm hatte sich auch sein Hund erhoben, ein riesiges Tier mit zottigem, grauschwarz geflecktem Fell. Das heisst: eigentlich war es nicht Leos Hund. Wie alle Tiere gehörte er der Gemeinschaft. Aber die beiden waren unzertrennlich, und niemand wollte ihm den Hund streitig machen, zumal er trotz seiner Grösse zu nichts nütze war. Er konnte keine Spuren lesen, und für die Arbeit als Hütehund war er viel zu zutraulich und verspielt. Auch jetzt wedelte er mit dem Schwanz und trabte zu Karo, um sich streicheln zu lassen. Einen Namen hatte er nicht. Für alle im Dorf war er schlicht Leos Hund.
Irgendwie passten die beiden perfekt zusammen. Auch Leo war ein Hüne. Stark wie ein Bär und den Alten treu ergeben. Aber seit einem Unfall beim Bäumefällen klappte es mit dem Denken nicht mehr so richtig.
„Du musst gehen“, sagte Leo. „Nur die Erwachsenen dürfen hier sein.“
„Aber ich habe etwas Wichtiges mitzuteilen. Der Fremde wird wieder gesund“, widersprach Karo. Er bezweifelte allerdings, dass er Leo damit umstimmen konnte, und so war es denn auch.
„Geh jetzt. Die Alten haben gesagt, dass ich keine Jungen reinlassen darf. Geh.“
„Kannst du mir wenigstens sagen, wo ich die anderen Jungen finde?“
Leo richtete sich bedrohlich auf. „Geh, hab ich gesagt!“ Sein Hund blickte ratlos von einem zum andern und entschied dann, dass es das Beste sei, sich am Boden zusammenzurollen.
Karo zuckte resigniert die Schultern. Mit Leo zu diskutieren war sinnlos. Unschlüssig blieb er vor dem Tor stehen. Dann setzte er sich wieder in Bewegung. Er hatte da so eine Ahnung, wo er die anderen Jungen finden würde.
Er wandte sich nach links. Hier an der Ostmauer hatte der Wald einst fast bis ans Dorf herangereicht, doch jetzt standen hier nur noch kleine Bäume. Birken und Ebereschen zumeist, vereinzelt Föhren. Der richtige Wald begann erst viele hundert Schritte vom Dorf entfernt. Es war schon verrückt: Obwohl sie immer weniger wurden, mussten sie jedes Jahr weiter gehen, um Holz zu schlagen. Vor allem die hoch gewachsenen Eichen und Weisstannen, die das beste Bauholz lieferten, wurden immer rarer und waren immer weiter entfernt. Schuld daran, sagten die Alten, waren die immer längeren Winter und die immer kühleren Sommer. Das Holz wuchs ganz einfach langsamer, als sie es verbrauchten.
Jetzt sah er die anderen Jungen auf der flachen Wiese nahe beim Bach. Sie spielten ein albernes Spiel, das „Wolf und Reh“ hiess und das ihm schon seit Jahren zu kindisch war. Plötzlich verging ihm die Lust, sich zu ihnen zu gesellen, und er schlich unbemerkt zurück ins Dorf.
Aus der Hütte von Nala stieg ihm ein verführerischer Duft in die Nase. Zwar nur nach Lauchsuppe mit ein wenig Gerste, dem Gericht, das die Dorfbewohner während der langen Wintermonde fast täglich assen, aber er erinnerte ihn daran, dass er seit dem Mittag nichts mehr gegessen hatte.
Er zögerte einen Moment, dann trat er ein. Nala sass im vorderen Raum am Tisch, tief über einen Teller gebeugt. Als sie ihn eintreten sah, lächelte sie ihn an. „Hungrig?“, fragte sie.
Er nickte.
Sie stand auf, schöpfte ihm aus dem Topf auf dem Herd eine grosszügige Portion der aufgewärmten Suppe in eine Schüssel und lud ihn mit einer Handbewegung ein, zu ihr an den Tisch zu sitzen. Eine Weile schaute sie ihm zu, wie er die Suppe gierig in sich hineinlöffelte, dann sagte sie: „Du hast dich gut geschlagen heute Nachmittag.“
Karo errötete. Mit einem Kompliment hätte er nach seiner ungeschickten Vorstellung zuletzt gerechnet.
„Ich hatte Angst“, gab er schliesslich zu.
„Ich auch.“
„Du?“, wunderte er sich. „Du wirktest so gelassen. Du wirkst immer gelassen.“
Sie lachte freudlos. „Weisst du, wie viele Menschen schon unter meinen Händen gestorben sind? Irgendwann habe ich gelernt, dass es nichts bringt, wenn ich nervös werde. Ich kann nichts tun ausser mein Bestes zu geben, und das kann ich nur geben, wenn ich ruhig bleibe. Der Rest liegt nicht mehr in meiner Macht.“ Ihr Blick verlor sich im flackernden Licht der Kerze, und Karo bemerkte einen feuchten Glanz in ihren Augen. Das erschütterte ihn mehr als alles andere, was er heute erlebt hatte. Nala, die starke, gütige Nala weinte? Er suchte nach tröstenden Worten, doch ihm fielen nur Banalitäten ein. „Du bist die beste Heilerin, die das Dorf je hatte. Das sagen alle, sogar die Ältesten der Alten“, sagte er schliesslich
„Und ihr seid das beste Dorf, das eine Heilerin sich wünschen kann. Ich habe auch keine Angst davor, dass ihr mir einen Vorwurf macht. Sieh nur dich an. Vor zwei Monden starb dein kleiner Bruder unter meiner Hand, und du sitzt mit mir an einem Tisch und versuchst mich zu trösten.“
Karo bekam einen Kloss im Hals. Keinen Augenblick hatte er daran gedacht, Nala die Schuld am Tod seines Bruders zu geben. Er wollte ihr das erklären, doch Nala winkte ab. „Ich bin es selbst, die sich Vorwürfe macht. Jedes Mal, wenn meine Heilkunst versagt und im Ahnenwald ein neues Grab ausgehoben wird, liege ich nächtelang wach und frage mich, ob ich wirklich das Menschenmögliche gemacht habe.“ Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, setzte eine gezwungen fröhliche Miene auf und sagte: „Weisst du was? Bei Walda hat unsere Heilkunst nicht versagt. Kurz bevor du kamst, ist er für einen Moment aufgewacht. Er hat tüchtig getrunken und gegessen. Er wird es schaffen.“
Sie stand auf. „Ich sollte mich wohl noch auf der Versammlung zeigen. Kannst du hier die Nachtwache übernehmen?“ Dann ging sie zur Tür. Kurz bevor sie ins Freie trat, drehte sie sich noch einmal um und sagte. „Wehe, du erzählst jemandem, dass ich geweint habe. Das ist ein Geheimnis, das nur uns etwas angeht.“
