Karpfen im Froschteich - Edith Gould - E-Book

Karpfen im Froschteich E-Book

Edith Gould

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Beschreibung

Katja mag keinen Champagner. Doch das ist bei Weitem nicht alles, was sie vor ihren neureichen Freundinnen verbirgt. Als diese nun auch noch eine Luxus-Party auf dem Zürichsee schmeißen wollen, wäre es für Katja eigentlich an der Zeit zu beichten, dass sie pleite ist. Stattdessen begibt sie sich auf eine turbulente Reise durch teils skurrile Nebenjobs, die ihr mehr als bloß Geld einbringen ... Ein heiterer Frauenroman in ländlichem Setting, ideal für alle, die Humor aber auch Tiefgang und eine Priese Romantik mögen.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Karpfen im Froschteich

 

Von Edith Gould

 

 

 

 

Über den Autor:

 

Edith Gould ist 1982 in Zug geboren und wohnt mit ihrer Familie und einem sockenfressenden Berner Sennenhund in ihrem Heimatkanton. Ihre Leidenschaft für Geschichten festigte sich während ihres Berufslebens als Putzfrau, in dem ihr Hörbücher die Arbeit versüßten. Auch nach einer professionellen Schreibausbildung kommen ihr noch heute zwischen Wischmopp und Essigreiniger die besten Ideen.

 

 

 

 

 

 

Karpfen im Froschteich

 

 

 

Von Edith Gould

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

 

 

 

 

 

1. Auflage 2024

 

Alle Rechte vorbehalten, einschließlich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks und der elektronischen Wiedergabe.

 

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sowie das Städtchen Sonnwil sind frei erfunden.

 

 

Copyright © Edith Gould, 6314 Unterägeri

Cover: Kathrin Bax-Kowitz

Satz: Melanie Gurenko von Wolftribe Autorenservices

Lektorat: Tamara Leonhard

Korrektorat: Dr. Verena Herrmann-Philippi

 

 

Dieser Titel ist auch als Taschenbuch erhältlich.

 

 

Inhaltsverzeichnis

Über den Autor:

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Ich sage Danke!

Und für alle, die es bis hier hin geschafft haben …

 

 

 

 

 

 

Für die Frau, die mich gelehrt hat, ein Koi zu sein …Dankä Mami!

 

Und für Paula, die in mir den Stein ins Rollen gebracht hat, der zu einer Roman-Lawine wurde.

 

Kapitel 1

 

 

 

«Regina, lass es mich erklären.» Ich schaue meine Chefin eindringlich an. «Ich weiß, das war nicht in Ordnung von mir. Aber die können mich nicht einfach mitten im Semester sperren. Du musst mit Baumgartner reden.»

Regina rollt mit ihrem Bürostuhl näher an die Tischkante.

«Katja, du hast mit einem Urinbeutel nach ihm geworfen. Was denkst du, kann ich da noch für dich tun?»

«Das war ein Reflex!» Ich hefte meinen Blick auf ihre Tastatur und murmle: «Außerdem ist er kaum nass geworden.» Beim Gedanken an Baumgartners aufgerissene Schweinsäuglein, als ihn das lauwarme Päckchen an der Schläfe traf, schleicht sich ein winziges Grinsen in mein Gesicht.

«Ich weiß ehrlich nicht, was es da zu lachen gibt.» Regina schüttelt den Kopf. «Du hast Glück, dass Baumgartner nach diesem Vorfall von weiteren Schritten absieht.»

Mir entfährt ein freudloses Lachen. «Ich werde acht Monate vor den Prüfungen vom Studiengang ausgeschlossen und dieser fiese Grapscher kommt ungeschoren davon. Das nennst du Glück?» Ich trommle mit den Fingerspitzen auf mein Bein. Mein Bettelarmband klimpert im Takt meiner Nervosität.

Die Falte zwischen Reginas Brauen wird steiler. «Ich glaube dir ja, dass er … na, du weißt schon. Aber es steht Aussage gegen Aussage und Baumgartner bildet seit über zwanzig Jahren Pflegefachkräfte aus. Das wird nicht einfach.»

Von einer Sekunde zur anderen wird mir kalt. Was, wenn ich mein Studium nicht weiterführen kann? Ich verlege mich aufs Betteln. «Regina, du musst es versuchen. Du weißt, wie hart ich die letzten drei Jahre dafür gearbeitet habe. Ich brauche diesen Abschluss.»

«Natürlich. Es ist schließlich auch im Interesse der Spitex Sonnwil, dass du so bald wie möglich vom Hausdienst in die Pflege wechselst.»

Ich atme auf. Regina wird mich nicht hängen lassen. Sie findet bestimmt eine Lösung. Dann putze, wasche und koche ich eben noch ein paar Monate länger. Immerhin habe ich während dieser Überbrückungszeit endlich wieder meinen vollen Lohn. «Ab wann bin ich wieder Vollzeit eingeplant?», frage ich.

Der Gesichtsausdruck meiner Chefin kippt von streng zu mitleidig. Sie dreht an ihrem goldenen Ehering. «Katja, du weißt, ich schätze dich und deine Arbeit sehr.» Sie schaut an mir vorbei und lässt die Bombe platzen. «Leider habe ich dein restliches Arbeitspensum schon neu vergeben.»

Die Härchen auf meinen Armen stellen sich auf wie Zombies, die sich aus ihren Gräbern erheben. «Wie, vergeben?»

«Du weißt ja, nächste Woche fängt die neue Pflegekraft an …» Regina dreht schneller an ihrem Ring.

«Aber das betrifft meine Arbeit doch kaum, ich bin vor allem im Hausdienst eingeteilt.»

Regina legt die Hände nebeneinander auf den Tisch und atmet hörbar ein. «Birgit hat die Gelegenheit ergriffen, um mehr zu arbeiten. Ihre kleine Klara ist ja inzwischen im Kindergarten.» Sie fegt einen imaginären Krümel von der Tischplatte. «Genieß doch einfach die zusätzlichen freien Nachmittage.»

 

Auf die Minute pünktlich klingle ich an der Wohnungstür im zweiten Stock des grauen Mehrfamilienhauses.

Ein pizzagroßes Türschild, auf dem sich eine siebenköpfige Familie an den Händen hält, darunter der Schriftzug Sieber, verrät mir, dass ich hier richtig bin.

Eine mollige Frau mit einem Baby auf dem Arm öffnet die Tür.

Ich strecke die Hand aus, um meine Klientin zu begrüßen, da drängt sich ein Golden Retriever an ihrer Batikhose vorbei ins Treppenhaus.

Erschrocken mache ich einen Hüpfer und stolpere beinahe über das Dreirad hinter mir. Der riesige Hundekopf kommt näher und mein Puls beschleunigt sich.

Ich habe gelesen, man soll Hunden die Hand anbieten, um sie daran schnuppern zu lassen. Widerwillig strecke ich meine Linke aus. Die feuchte Nase kitzelt meine Handfläche.

Endlich erbarmt sich Frau Sieber und ruft das Tier zurück. «Soja, hier!»

Seine Nase gleitet noch mal kurz über meine erstarrten Fingerspitzen, dann trottet er in die Wohnung zurück.

Ich wische die Hand an der Hose ab und schlüpfe eilig aus den Turnschuhen um Frau Sieber, die schon in den mit Spielzeug übersäten Flur verschwunden ist, zu folgen. Dabei weiche ich zwei Jungen mit Holzschwertern aus, die unter lautem Kampfgebrüll fechten. Mein Blick gleitet flüchtig über die mit bunten Kinderzeichnungen und leicht schief hängenden Familienfotos geschmückten Wände.

Zwischen all dem herumliegenden Krimskrams trete ich auf einen Legostein. Ein stechender Schmerz durchzuckt meinen Fuß. Ich erschrecke mich selbst, als mir ein lautes «Fuck» herausrutscht.

Frau Sieber zieht die Augenbrauen zusammen. Ihr Blick wechselt von mir zu den nun mucksmäuschenstillen Jungen, die uns gespannt beobachten. «Gehts noch?» Schützend legt sie eine Hand auf den Hinterkopf des Babys. «Was fällt Ihnen ein, hier mit solchen Worten anzukommen?»

Hitze steigt meinen Hals hoch. «Entschuldigen Sie bitte, so etwas ist mir noch nie passiert», stammle ich und meine Augen werden feucht.

«Ich sollte Ihre Vorgesetzte anrufen.»

Meine Ohren glühen. «Bitte nicht, es wird bestimmt nicht mehr vorkommen.»

Ihr prüfender Blick ruht ein paar lange Sekunden auf mir. Dann seufzt sie und fordert mich mit einer Geste auf, weiterzugehen.

Ich kicke den Legostein zur Seite und folge Frau Sieber humpelnd ins Wohnzimmer.

«Ich bin ja froh, dass mir die Haushaltshilfe endlich von der Kasse bewilligt wurde», sagt Frau Sieber mit Blick auf das Chaos. «Diese Geburt hat mich mehr mitgenommen als die vier vorherigen.»

Ich atme tief durch und frage in professionellem Ton: «Womit kann ich Sie am besten unterstützen?»

Sie streicht dem Baby über den Kopf. «Schwer zu sagen, es sind so viele Baustellen.»

«Dann andersrum, was stresst Sie am meisten?»

«Wäsche!», kommt ihre Antwort wie aus der Pistole geschossen.

«Dann also Wäsche.» Ich zwinge mich zu einem Lächeln.

Ich folge Frau Sieber in eine enge Abstellkammer mit Waschmaschine und Trockner. Dort lasse ich mir den Wäscheberg zeigen, der seinen Namen wahrlich verdient. «Und wo ist das Bügelbrett?», erkundige ich mich.

Frau Sieber winkt ab. «Mit Bügeln habe ich schon beim dritten Kind aufgehört.» Ein ratterndes Geräusch ertönt. Und während Frau Sieber mir zeigt, wo sie ihr Waschmittel aufbewahrt, breitet sich ein übler Geruch in dem engen Kabuff aus. Davon unbeeindruckt erklärt sie mir umständlich die beiden Geräte. Ich habe schon lange meine Atmung von Nase auf Mund verlagert, als sie dem Baby den Rücken tätschelt und sagt: «Ich glaube, ich muss Klementinchen wickeln.» Damit verlässt sie den inzwischen bestialisch stinkenden Raum.

Zackig schmeiße ich eine Ladung Buntwäsche in die Trommel, kippe einen Schluck Waschmittel dazu und drücke den 60 Grad Knopf. Dann verlasse ich zusammen mit einem überdimensionalen Korb sauberer Wäsche fluchtartig den Raum.

Ein paar Atemzüge später wuchte ich ächzend den Wäschekorb auf den großflächigen Esstisch und beginne mit meiner Arbeit.

Dort sitzen zwei schwarzgelockte Mädchen und produzieren neue Bilder für die schon vollgeklebten Wände. Die Auswahl ist vielfältig. Meerjungfrauen, Menschen ohne Hände, dafür mit monströsen Köpfen und etwas, das aussieht wie ein Walfisch, aber eine Katze sein soll. Als das verkauft es mir jedenfalls die junge Künstlerin, der beide Schneidezähne fehlen.

«Du könntest der Katze Streifen malen», schlage ich vor.

«Warum?» Das Mädchen lässt den Stift sinken und schaut mich mit aufrichtigem Interesse an.

«Ich hatte mal eine gestreifte Katze», sage ich, weil ich schlecht zugeben kann, dass man so eher erkennen würde, dass die Zeichnung vor ihr eine Katze darstellt.

«Warum hast du die Katze nicht mehr?»

Ich falte eine löchrige Jeans zusammen und lege sie auf einen Stapel mit Jungskleidern.

Mir ist nicht ganz wohl bei der Richtung, die das Gespräch nimmt. «Sie ist im Katzenhimmel», sage ich sanft. Keinesfalls will ich sie erschrecken und Frau Sieber einen Grund liefern, Regina anzurufen.

«Ist sie tot?» Das Mädchen reißt die braunen, mit dichten Wimpern umrahmten Augen auf.

Mir wird warm. «Ja.»

«Warum?»

Geschäftig falte ich einen gigantischen Haufen Spucktücher zusammen. Sie wurde plattgefahren. Wie kann man das einem Kind erklären, ohne dass es Schaden nimmt?

«Meine Oma ist auch tot. Sie haben sie verbrannt und jetzt wohnt sie in einem Erdloch.» Sie kratzt eine kleine Schürfwunde an ihrem Arm auf.

«Oh, das tut mir leid. Vermisst du sie sehr?»

Sie überlegt kurz, bevor sie sagt: «Sie hat uns immer Gummibärchen mitgebracht.» Damit wendet sie sich wieder ihrer Zeichnung zu und malt konzentriert einen breiten Streifen um den dicken Bauch der Katze.

 

Zwei Stunden später öffnet mir eine gepflegte Dame in fliederfarbenem Kostüm und dezentem Schmuck ihre Wohnungstür.

«Guten Tag, Fräulein Katja, Sie habe ich ja lange nicht gesehen, in letzter Zeit kam immer die Frau Keiser.»

«Grüezi, Frau Gwerder, wie geht es Ihnen?»

Ich streife die blauen Plastiküberzieher, die wie Duschhauben aussehen, über meine Turnschuhe und trete in den nach Kuchen duftenden Flur. Mein Magen reagiert mit einem leisen Gluckern.

«Vorige Woche ist auch noch Frau Suter vom zweiten Stock gestorben.» Ein Anflug von Trauer huscht wie ein Schatten über ihr blasses Gesicht.

«Oh, das tut mir leid.» Ich folge ihr in das helle Wohnzimmer. Auf der Fensterbank blühen dicht aneinandergedrängt Orchideen in bunten Töpfen. Über einem mannshohen Käfig auf Rollen liegt eine schwere Wolldecke. Doch selbst die dämpft das laute Pfeifen, das darunter hervordringt kaum.

«Der war beim letzten Mal noch nicht da. Das ist aber echt laut.»

Frau Gwerder verzieht das Gesicht. «Eine Erbschaft. Nehmen Sie die Decke runter. Nützt sowieso nichts.»

Vorsichtig ziehe ich an einer Ecke und der dicke Stoff rutscht vom Käfig. Ein grauer Vogel mit orangenen Bäckchen und einem hellgelben Kamm flattert aufgeregt hin und her. Das Pfeifen schwillt zu einer Schimpftirade an.

«Der Vogel macht aber ganz schön Krach.» Ich halte mir mit dem Zeigefinger das linke Ohr zu, in dem es surrt.

«Da haben Sie recht. Friedrich Wilhelm macht einen furchtbaren Lärm.» Sie seufzt und setzt sich an den Tisch.

Ich krame grinsend in meinem Rucksack nach dem Blutdruckmessgerät, während Frau Gwerder den Ärmel hochkrempelt. Dann beuge ich mich über sie und lege die Blutdruckmanschette um ihren Arm. «Friedrich Wilhelm?» Ich ziehe die Manschette enger um den schmalen Arm.

«Am liebsten würde ich ihm den Hals umdrehen, aber Rosi war es wichtig, dass er einen guten Platz bekommt, darum hat sie ihn mir anvertraut.»

Ich werfe einen kritischen Blick auf das Messgerät. «Das erklärt auch Ihren hohen Blutdruck. Sie sollten sich eigentlich nicht aufregen», mahne ich im selben Ton, wie der Nikolaus die Kinder rügt, wenn sie nicht brav waren. Mit einem Ruck löse ich den Klettverschluss der Manschette, die einen roten Abdruck auf Frau Gwerders blassem Arm hinterlässt.

Energisch reibt sie über die Druckstelle. «Ich schlafe kaum noch, seit ich ihn in der Wohnung habe.» Sie schaut vom Käfig zu mir und senkt die Stimme. «Gestern habe ich ihn für ein Stündchen in die Tiefgarage gestellt, damit ich endlich mal meinen Frieden habe. Aber dann haben sich die Nachbarn beschwert und Frau Lehner aus dem Parterre hat mich verpetzt.»

«Gibt es denn keine Möglichkeit, ihn mal jemandem ein Weilchen abzugeben?»

Frau Gwerder schüttelt betrübt den Kopf und sieht zu wie ich das Messgerät zurück in den Rucksack packe und das Tablet hervorziehe.

«Stört es Sie, wenn ich meinen Bericht gleich hier schreibe? Geht ganz schnell.»

«Machen Sie ruhig, ich freue mich, wenn ich nicht so alleine bin. Möchten Sie ein Stück Kuchen? Frisch gebacken.»

«Gerne, ich habe sowieso Feierabend.» Ich öffne das Dossier und tippe in die dafür vorgesehene Spalte den Blutdruckwert ein.

Reginas Worte hallen in mir nach. Ich solle die freien Nachmittage genießen. Dabei würde ich lieber arbeiten. Seit ich mich wieder regelmäßig mit Vera und Jessica treffe, ist mein Leben um einiges teurer geworden. Heute Abend gehen wir schon wieder auswärts essen. Und die beiden werden wie immer Top gestylt dort auftauchen. Hoffentlich ist das eBay-Paket mit dem Gucci-Pullover angekommen. Alle meine anderen vorzeigbaren Klamotten kennen sie schon.

Frau Gwerder kommt mit dem Kuchen aus der angrenzenden Küche zurück. Mit einem spitzen Messer säbelt sie ein fingerbreites Stück von dem duftenden Marmorkuchen ab, platziert es auf eine Serviette und schiebt es neben mein Tablet. Danach legt sie umständlich eine Kapsel in die Kaffeemaschine ein. Ein Surren ertönt. Gerade als die Maschine verstummt, drücke ich auf senden und habe offiziell Feierabend.

Sie stellt erst eine Tasse vor mir auf dem Tisch ab, dann setzt sie sich mit einer Zweiten in der leicht zitternden Hand zu mir und der Kaffeeduft hüllt uns ein.

Ich knabbere die Schokoglasur von meinem Kuchenstück ab. Die Schokolade schmilzt auf der Zunge und der tröstliche Geschmack lässt meine Augen heute das zweite Mal feucht werden.

«Schmeckt der Kuchen nicht?» Frau Gwerder schaut mich erschrocken an.

«Im Gegenteil, er ist himmlisch.» Ich spüle den Kloß in meinem Hals mit einem Schluck Kaffee runter. «Vielleicht ist ihr Vogel einsam. Wie wäre es, wenn wir ihm eine Frederike Wilhelmine besorgen?»

Sie reibt sich die Schläfen. «Einen Versuch wäre es wert, schlimmer werden kann es ja kaum. Aber wie komme ich zu so einem Vogel? Ich weiß nicht mal, was das für eine Art ist.»

«Lassen Sie das ruhig meine Sorge sein, das kriegen wir schon hin.»

 

Kapitel 2

 

 

 

Ich sitze an meinem Schreibtisch und mein Blick wandert auf dem Bildschirm nach rechts unten. Laut Zeitanzeige meines Rechners ist es 14:05.

Es wird höchste Zeit. In mir steigt das nervöse Kribbeln auf, das ich bis dahin erfolgreich unterdrückt habe. Wie von selbst tanzen meine Finger über die Tastatur, als ich die Adresse der Auktionsplattform eingebe. Zögerlich baut sich die schlichte Startseite mit der orangenen Schrift auf dem Bildschirm auf. Ich logge mich mit meinem Benutzernamen ein, öffne den Reiter Gebote und atme erleichtert auf. Es ist kein weiteres Gebot für die cognacfarbene original MCM-Ledertasche eingegangen. Ich bin noch immer Höchstbietende.

Eigentlich bin ich kein Markenjunkie. Aber seitdem ich im letzten Herbst meine Pfadfinderfreundinnen wiedergetroffen habe, durchstöbere ich regelmäßig eBay, Ricardo und Flohmärkte nach günstigen Markensachen.

Mir bleiben noch sieben Minuten bis zum Auktionsende.

Ich schiebe das Bildschirmfenster mit der Tasche, die bald mir gehören wird, in die obere Ecke. Dann öffne ich ein weiteres Fenster und durchsuche verschiedene Bildergalerien nach Frau Gwerders Vogel. Tatsächlich entdecke ich bei Vogelfreunde.ch einen Doppelgänger von Friedrich Wilhelm. Die Bildunterschrift verrät mir, dass es sich bei Frau Gwerders Mitbewohner um einen Nymphensittich handelt.

Zufrieden springe ich zurück zu meiner Auktion.

14:11 Uhr. Superweib80C ist Höchstbietende.

Ich bin aber nicht Superweib80C, ich bin Waschbär.

Nachdem ich drei Mal auf den Button mit der Aufschrift überbieten geklickt habe, liegt das aktuelle Gebot bei 390.- Franken. Damit hat es sich rasant in Richtung meiner Schmerzgrenze von 400.- Franken bewegt.

In vier Minuten ist Angebotsende. Ich knete meine eiskalten Hände. Wenn sie weiter mitbietet, verlängert sich die Auktion jedes Mal um drei Minuten. Das könnte den Preis ewig hochtreiben. Ich überschlage mein Budget im Kopf und starre weiter auf den Bildschirm. Mehr als 400.- Franken für eine Handtasche auszugeben wäre irre. 400 sind schon irre. Andererseits, es ist eine original MCM, der Neupreis für diese Tasche liegt bei über 1400.- Franken. Das habe ich im Internet recherchiert.

Ein schnarrendes Geräusch lässt mich hochfahren. Meine Türklingel. Ich lege den Kopf in den Nacken und schließe kurz die Augen. Jetzt habe ich wirklich keine Zeit für Besuch! Ich bin nicht da. Ich sitze ganz still und schaue auf dem Bildschirm zu, wie die Sekunden heruntergezählt werden.

Superweib80C bietet 400.- Franken. Mein Herz klopft. Mist! Wenn ich nicht mitgehe, ist die Tasche weg. So ein Angebot kommt nie wieder.

Ich klicke auf den orangenen Button. Waschbär ist Höchstbietende mit 410.- Franken.

An meiner Wohnungstür klingelt es inzwischen Sturm. Eine männliche Stimme schreit: «Frau Roth, machen Sie sofort auf! Ich weiß, dass Sie da sind!»

Mein Herzschlag setzt kurz aus. Dober. Der hat mir gerade noch gefehlt. Sicherheitshalber gebe ich ein – hoffentlich letztes – Gebot ab: 420.- Franken.

Ich habe drei Minuten Zeit, um meinen Vermieter abzuwimmeln.

Auf Socken haste ich durch den engen Flur zur Tür und öffne diese schwungvoll.

Mir gegenüber baut sich Dober mit Bierbauch und hochroter Glatze auf. Er sieht aus wie ein hochschwangeres Streichholz. «Frau Roth! Das ist der Gipfel der Frechheit, mir die Tür nicht zu öffnen!»

«Entschuldigen Sie, Herr Dober, ich musste erst was anziehen. Was gibt es denn?», gebe ich mich reumütig.

Über die Schulter schaue ich zurück ins Innere meiner Wohnung. Wie viel Zeit wohl bereits vergangen ist? Eine Minute? Oder sogar mehr? Mein Zeitgefühl ist miserabel.

«Da fragen Sie noch? Ihr Schuhregal steht immer noch im Treppenhaus. Ich habe Sie schon mehrfach mündlich und zwei Mal schriftlich aufgefordert, dieses Möbel in Ihre Wohnung zu nehmen. Brandschutztech…»

«Ja, ich hatte es auch vor aber ... Nur einen kurzen Moment.» Ich hebe die Hand und mache ihm die Tür vor der Nase zu. Dann jage ich zurück in mein Gerümpel Zimmer, das man wohlwollend als Büro bezeichnen könnte, und hechte an den Computer.

Superweib80C ist Höchstbietende. 430.- Franken und sieben Sekunden Zeit, um mitzubieten.

Ich habe keine 430.- Franken übrig. Aber ich werde im Leben nie wieder zu so einem Preis eine echte MCM bekommen. Ich trommle mit den Fingerspitzen auf die Tischplatte.

Dabei streicht mir das Engelchen auf meiner Schulter sanft über den Kopf und sagt in einem beruhigenden Singsang: «Das ist ein Zeichen. Lass es.»

Gleichzeitig führt das Teufelchen meine Hand zur Maus. Linksklick. Ich klicke so oft auf Bieten, bis die Anzeige sich grün färbt. 460.- Franken. Waschbär ist Höchstbietende. Mein Pulsschlag hämmert in meinem Kopf.

Dober hämmert gegen die Tür. Ich eile zurück, schlittere den letzten Meter auf Socken und reiße die Tür atemlos auf.

«Wie können Sie es wagen, mir die Türe vor der Nase zuzuknallen, verdammt?» An seiner Schläfe tritt eine dicke Ader hervor.

«Ich hatte noch Milch auf dem Herd.» Eine bessere Ausrede fällt mir nicht ein.

Seine Augen verengen sich. «Sie haben exakt zehn Tage Zeit, dieses regelwidrige Möbelstück zu entfernen. Ansonsten wird das ein Nachspiel haben.»

«Natürlich, wird gemacht. Auf wiedersehen.» Die Tür fällt unsanft ins Schloss.

Wieder bei meinem Schreibtisch angekommen, bin ich noch immer Höchstbietende, dann drücke ich die F5-Taste. Klack. Die Seite wird aktualisiert.

Superweib80C, diese blöde Trulla, hat tatsächlich 470.- Franken geboten.

Das Angebot läuft in fünf, vier, drei, was solls, diese zehn Franken machen den Braten nicht mehr fett! Ich lege meine schwitzige Rechte auf die Maus und führe den kleinen weißen Pfeil auf den orangen Button.

Waschbär bietet 480.- Franken.

Es klingelt wieder an der Tür. Genervt schnaube ich auf. Was ist bloß los heute? Ich schlittere den Flur entlang, öffne, und schaue abermals in Dobers feistes Gesicht. Immerhin hat es wieder seine herkömmliche Farbe angenommen.

«Sie sind diese Woche mit der Treppenreinigung dran, Frau Roth, vergessen Sie das nicht.»

Wie könnte ich. «Wird gemacht, auf Wiedersehn.»

Zurück vor dem Bildschirm sehe ich keine laufende Zeitanzeige mehr. Die Auktion ist zu Ende. Waschbär ist Höchstbietende. Ich lasse mich auf den quietschenden Bürostuhl fallen und eine wohlige Welle durchströmt meinen Körper bis in die Fingerspitzen. Ich atme tief durch und mit einem breiten Grinsen im Gesicht aktualisiere ich die Seite.

Ein grüner Balken leuchtet auf. Das Angebot ist beendet. Ich schaue genauer hin und das Grinsen fällt mir aus dem Gesicht. Superweib80C ist mit 490.- Franken Höchstbietende.

 

Mit rot gefrorenen Fingern und tropfenden Haaren betrete ich den Speisesaal des Restaurants.

Ein Kellner mit Fliege nimmt mich fürsorglich in Empfang und hilft mir aus der durchnässten Jacke.

Ich spähe an ihm vorbei in das voll besetzte Lokal. An den weiß gedeckten Tischen sitzen Herren in Anzügen Damen mit aufwändigen Hochsteckfrisuren gegenüber.

Ich zupfe am Saum meines Gucci-Pullovers.

«Danke, ich sehe meine Leute schon.» Ich setze mich in Bewegung und versuche, das schmatzende Geräusch, das meine Turnschuhe bei jedem Schritt machen, auszublenden.

An einem Vierertisch in der Ecke unterhalten sich Vera und Jessica angeregt. Sie winken mich heran und ich bleibe vor dem Tisch stehen.

«Hallo.» Ich hebe die Hand und bemühe mich um einen selbstbewussten Ton.

«Ach herrje, Kitty, wie siehst du denn aus?» Veras Augen weiten sich.

«Warum bist du so nass?» Jessica begutachtet meine tropfenden Haare und verzieht das Gesicht.

Ich straffe die Schultern. «Ich hatte eine Panne und musste schieben. Dann kam der Regen.» Hätte ich mich doch bloß besser über das Lokal informiert. Dann wäre mir klar gewesen, dass der Schwan inzwischen ein Nobelrestaurant ist. Meine Wangen glühen.

«Du hast dein Auto geschoben? Spinnst du?» Vera schaut mich verständnislos an.

«Quatsch», erwidere ich etwas zu spitz. «Meinst du, ich bin völlig durchgeknallt?»

«Wenn du so direkt fragst …» Vera lächelt versöhnlich und klopft auf die mit Samt bezogene Sitzfläche neben ihr.

Jessica schaltet sich wieder ein: «Also, was war denn nun los?»

Ich setze mich. «Ich bin echt total pünktlich losgefahren.»

«Mit dem Auto», sagt Vera.

«Nein, mit dem Fahrrad.»

«Warum um Himmelswillen fährst du in der Kälte mit dem Rad?»

Jessica wird vom Kellner unterbrochen: «Darf ich Ihnen die Speisekarte bringen, meine Damen?»

Vera nickt und bestellt eine weitere Flasche Champagner. Ich hoffe, dass sie den bezahlt, sonst muss ich hier einen Monat lang spülen.

Dann konzentriert sie sich wieder auf mich. «Kitty, warum bist du nicht mit dem Auto da?»

Ich zögere einen Moment und entscheide mich für die Wahrheit: «Ich hab’s verkauft.»

Tatsächlich konnte ich den Suzuki für sagenhafte 150 Franken einem Herrn von Auto-Export-Süleyman überlassen. «Ist top Preis, nur wegen du so gute Frau», sagte er und ein goldener Eckzahn blitzte auf, als er die Zähne zu einem Haifischlächeln bleckte. Die gute Frau war einfach nur froh, dieses Auto, das nur noch Kosten verursacht hatte, los zu sein.

«Oh, kaufst du ein Neues?» Jessicas Augen glänzen.

«Nein, vorerst möchte ich gar keins mehr», sage ich, so lässig es mit am Kopf klebenden Haaren geht.

«Wirst du Öko?» Vera kichert.

Ich zucke mit den Schultern. «Eigentlich brauche ich gar kein Auto. Ich komme auch so überall ganz gut hin.»

«Ja, das sieht man.» Vera schaut mich an, als hätte ich den Verstand verloren.

Mein Retter stellt einen Eiskühler auf den Servierwagen zu unserer Rechten. Mit einem Hinweis auf die Tagessuppe – Hummercreme mit Curry – überreicht er uns die in Leder gebundenen Speisekarten und wendet sich der Flasche Moët & Chandon zu, die er geräuschlos entkorkt.

Jessica bewegt die Lippen beim Lesen. In die Karte vertieft wickelt sie eine honigblonde Haarsträhne um den perfekt manikürten Zeigefinger.

Ich studiere mehr die Preise als die Speisen, und entscheide mich für eine Vorspeise. Nur eine Vorspeise. Wenn ich sparsam bin, kann ich auf dem Nachhauseweg noch zu Mehmet. Bei ihm habe ich sowas wie Familienrabatt.

Vera nippt an ihrem Glas. Dabei mustert sie das Etikett der Flasche, die ihr der Kellner in makelloser Haltung präsentiert. Sie lehnt sich zurück und bedeutet ihm mit hochmütigem Blick, einzuschenken.

Hier sitze ich nun, mit meinen Pfadfinderfreundinnen. Und es fühlt sich unglaublich gut an, wieder zu ihnen zu gehören. Als kleines Mädchen allein auf dem Pausenhof herumzustehen war hart. Aber niemand sagt einem, wie schwierig es erst als Erwachsene ist, Freundinnen zu finden. Nicht, dass ich nie eine gehabt hätte. In der Lehre habe ich Anita kennengelernt. Ab da waren wir unzertrennlich. Bis sie im letzten Sommer beschloss, zu ihrem Freund Ethan nach Australien zu ziehen. Scheiß Onlinedating. Ich habe mich so verdammt allein gefühlt ohne sie. Und dann standen nach diesem Megawatt Konzert plötzlich Vera und Jessica neben mir am Parkticketautomat! Es war sofort wie früher, als sie mich das erste Mal aus der Einsamkeit gerettet hatten, und wir Freundinnen wurden. Außer, dass sie inzwischen reich sind. Und ich nicht.

Jessica wird bald Partnerin bei einem internationalen Wirtschaftsprüfer. Und Vera hat im letzten Sommer den Sohn des mächtigsten Zentralschweizer Baulöwen geheiratet und genießt seither ein sorgloses Leben als «die Frau Von …». Ein Glückstreffer. Vor allem für Veras Mutter. Schon als wir neun waren, schrie sie durch den Garten: «Halt dich gerade, mit einem Buckel wirst du nie eine gute Partie machen!» Wahrscheinlich schickten ihre Eltern sie bloß zu den Pfadfindern, weil fast alle Kinder der besseren Gesellschaft dort dabei waren.

Der Kellner, der die Bestellungen von Vera und Jessica schon aufgenommen hat, räuspert sich. «Haben Sie Ihre Wahl getroffen?»

Ich fahre auf der Suche nach der kleinsten Zahl mit dem Finger die Karte entlang.

«Den Saisonsalat mit gerösteten Kürbiskernen bitte.»

«Und Ihr Hauptgang? Oder eine Tagessuppe?» Er schaut mich an, wie der Wolf das Rotkäppchen.

«Das ist mein Hauptgang, danke.» Mein Lächeln gerät ein wenig schief.

Vera schaut mich vorwurfsvoll an. «Das kannst du nicht machen, wir haben beide eine Vorspeise und Chateau Briand bestellt, das allein wird in zwei Gängen serviert.»

«Sorry, ich habe ganz vergessen zu sagen, ich muss nachher noch weg», lüge ich und zupfe die gestärkte Serviette auf meinen Knien zurecht.

«Dann servieren Sie ihren Salat mit unseren Vorspeisen», höre ich Vera durch das Rauschen in meinen Ohren ordern. Darauf in meine Richtung: «Wo musst du denn noch hin?»

Mein Herz stolpert kurz. «Ich muss noch mal ins Büro … Arbeitspläne schreiben», improvisiere ich und imitiere dabei die bedauernde Miene meiner ehemaligen Mathelehrerin, wenn sie mir meine Prüfungen ausgehändigt hatte.

«Ja, ja, ihr Führungskräfte.» Vera schaut von mir zu Jessica und schüttelt den Kopf.

Ich senke den Blick. Als wir damals nach unserem Zusammentreffen im Parkhaus zu dritt noch was trinken gingen, und ich erzählte, dass ich bei der Spitex arbeite, ging sie wie selbstverständlich davon aus, ich sei die dortige Pflegedienstleiterin. Und irgendwie habe ich es verpasst, dieses Missverständnis gerade zu rücken.

Glücklicherweise wechselt Jessica das Thema. «Vera und ich hatten vorhin eine Wahnsinnsidee», sagt sie und beugt sich zu mir. «Wie wäre es, wenn wir unsere ehemalige Pfadfinderclique zu einer Wiedersehensparty einladen?» Erwartungsvoll strahlt sie mich an.

«Na ja, ich weiß nicht …», druckse ich herum. Das Wort einladen schnürt mir die Luft ab wie eine Korsage.

«Klar, ihr habt beide wenig Zeit.» Vera winkt ab. «Von mir aus kann ich die Organisation komplett übernehmen. Ich habe ein Händchen für legendäre Partys.»

Jessica lehnt sich leicht vor und zieht ihren Trumpf aus dem Ärmel: «Letztens habe ich Beau im Golfclub gesehen.» Sie schaut mir tief in die Augen. «Er wäre sofort dabei, wenn es ein Treffen gäbe.»

Beau heißt natürlich nicht Beau. Das war sein Pfadfindername. Eigentlich heißt er Vasco. Und ich war unbändig verliebt in ihn.

«Okay, ich bin dabei», höre ich mich sagen und ein Kribbeln breitet sich in meinem Bauch aus.

Vera klatscht in die Hände. «Das wird der Wahnsinn! Wir drei als Gastgeberinnen. Ich habe auch schon die perfekte Location im Auge. Die MS Apollonia.»

 

Kapitel 3

 

 

Aus den schmalen Fenstern des Lokals dringt ein warmer Lichtschein, der sich neben mir in den Pfützen spiegelt. Ich drücke meine Stirn gegen das kühle Glas und werfe einen Blick in den rustikalen, schummrig beleuchteten Raum.

 

Normalerweise gehe ich ungern ohne Begleitung in Restaurants oder Bars. Es widerstrebt mir, nur mit einem Drink bewaffnet, inmitten von brünstigen Mittdreißigern im Schlachtfeld Bar als Freiwild herum zu sitzen. Meist dauert es nicht lange, bis irgendein Typ immer näher rückt und mir mit biergeschwängertem Atem zuraunt: «Na, auch hier?»

Was kann man auf so eine Frage antworten als Frau, die noch im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte ist? «Ja, und du?» oder eher: «Nein, ich bin gerade im Zoo und lackiere den Pinguinen die Zehennägel.»

Ich öffne die Tür und trete, begleitet von einem «Jololoulu», ein. Der Jodler kommt von Mehmets Eintrittsglocke, die ihm leider niemand ausreden kann. Alle Anwesenden drehen die Köpfe.

Mit einem breiten Lächeln und ausgebreiteten Armen kommt Mehmet hinter dem Tresen hervor. «Katja! Welch Glanz in meiner bescheidenen Hütte! Du warst ewig nicht mehr hier!»

Ich schlüpfe aus meiner nassen Jacke. «Wir haben uns erst vorgestern bei euch daheim gesehen.»

Er drückt mich fest an sich. Mein Gesicht liegt auf seiner Brust, das satte Gelb seines Shirts verschwimmt vor meinen Augen. Ich atme schwachen Weichspülerduft ein. Er trägt als Arbeitskleidung eines seiner obligatorischen T-Shirts mit der Say Cheese! Aufschrift. Für diesen Spruch hat er extra eine Marketingberaterin beauftragt, die ihn ein Schweinegeld gekostet hat.

Mehmet legt seinen Arm um mich und macht eine ausladende Geste in Richtung der beiden Männer. «Das ist Erkan. Und der hier», er klopft dem leicht übergewichtigen Dunkelhaarigen auf den Bauch, «ist Ali, mein Cousin. Und das ist Katja, Daniels Schwester. So, und jetzt trinken wir einen Tee!»

Ich hänge die Jacke über die Lehne eines Stuhls. «Machst du mir ein Raclette? Ich sterbe vor Hunger!»

«Kommt sofort!» Bevor er in die Küche geht, gießt Mehmet uns aus einer kupfernen Teekanne Çay ein und stellt die dampfenden Gläschen vor uns auf den Tresen.

Ich schwinge mich auf den runden Barhocker neben Ali. Der erzählt ein paar Belanglosigkeiten über die Verwandtschaft und nippt an seinem Tee. Nach einer längeren Redepause, in der wir Erkan zuschauen, wie er Bierdeckel auftürmt, sagt Ali: «Du gehörst nun auch zu unserer Familie. Schließlich sind Mehmet und Daniel schon seit über einem Jahr zusammen.» Dabei klopft er mir kumpelhaft auf die Schulter.

Da kommt Mehmet aus der angrenzenden Küche zurück und serviert mir die dicke, mit fließendem Raclettekäse überzogene Scheibe Brot auf einem Edelweiß-Holzbrettchen – auch Teil der Marketingstrategie seiner Racletteria.

«Und was machst du so?», fragt Ali.

«Ich bin bei der Spitex. Gerade aber nur in Teilzeit.» Ich ziehe Messer und Gabel aus der gefalteten Papierserviette und inhaliere mit geschlossenen Augen den Käseduft.

«Du klingst nicht gerade begeistert.»

«Ich bin gelernte Hauswirtschafterin und mache nebenbei ein Studium zur Pflegefachfrau. Damit bin auch fast fertig, aber meine Ausbildung wurde auf Eis gelegt.» Ich schneide das mit Käse überbackene Stück Brot in Streifen und schiebe mir den ersten Bissen in den Mund. Genau das habe ich gebraucht.

Ali hebt die buschigen Brauen. «Warum? Zu wenige Teilnehmer?»

Mehmet lehnt sich zu ihm über den Tresen und flüstert viel zu laut hinter vorgehaltener Hand: «Sie hat den Ausbilder mit einem Urinbeutel attackiert.»

Ich schiele zu ihm herüber und sehe, wie sich Alis Augen weiten.

Mit vollem Mund stelle ich klar: «Ich habe ihn nicht attackiert! Das war ein – Reflex.» Dabei werfe ich Mehmet einen scharfen Blick zu.

Der hebt die Hände, als würde ich Tells Armbrust auf ihn richten.

Ali schaut abwechselnd zwischen seinem Cousin und mir hin und her fragt: «War das jetzt einer von Mehmets schlechten Scherzen?»

Meine Lust, darüber zu sprechen, hält sich in Grenzen. Auch wenn seit dem «Vorfall», wie Regina es gerne nennt, zwei Wochen vergangen sind, kocht die Wut über die Ungerechtigkeit eklig wie klumpige Mehlsuppe in mir hoch. Widerwillig wende ich mich Ali zu und erzähle: «Der zuständige Ausbilder hat mich auf die Tour begleitet. Meine Aufgabe war, einen Urinbeutel zu wechseln.» Ich schiebe mir einen Happen in den Mund und rede kauend weiter. «Der Patient schlief und Baumgartner kam mir immer näher.» Ich gerate ins Stocken. Beim Gedanken an Baumgartner und das stickige Zimmer widersteht mir der Bissen in meinem Mund plötzlich und ich schlucke ihn hart hinunter. «Erst dachte ich, er will nur überprüfen, wie ich den Beutel ablöse. Mit seiner Sumoringerfigur beanspruchte er auch echt viel Platz. Aber dann hat er mir von hinten voll zwischen die Beine gefasst.» Mir wird heiß. Ich starre auf das von Fett glänzende Holzbrettchen vor mir und sage: «Ich habe mich umgedreht, der volle Urinbeutel war in meiner Hand … Das war …»

«Notwehr!» Ali haut mit der Faust auf den Tresen.

«Genau. Notwehr!», bestätige ich und wische mir den Mund mit der Serviette ab. Mein Kopf nickt wie von selbst. «Endlich versteht das jemand.» Cousin Ali wird mir immer sympathischer.

Mehmet stellt vier kleine Gläser in einer Reihe vor uns auf. «Zum Glück hast du dich gewehrt. Und wenn deine Chefin nichts tut, dann zeigst du ihn an.» Mit einem zielsicheren Griff holt er die Flasche Honigchrüter aus dem Regal und schenkt die Gläschen mit dem bernsteinfarbenen Likör voll. In aufrechter Haltung, wie ein Brautvater, der zu seiner Rede ansetzt, erhebt er das Glas: «Auf den Urinbeutel!»

Wir greifen synchron nach unseren Schnapsgläschen. Ich halte die Luft an und trinke in einem Schluck aus. Der Alkohol wärmt meinen Hals und auf der Zunge bleibt ein süßlicher Geschmack zurück. Ich räuspere mich. «Wenn ich wenigstens Vollzeit arbeiten könnte, bis alles geklärt ist. Ich brauche das Geld.»

«Such dir doch einen Nebenjob», kommt es aus der Ecke von Erkan, der vorsichtig zwei Bierdeckel aneinander lehnt und damit die dritte Etage seines Kartenhauses komplettiert.

«Da hat er recht, Zeit hättest du ja genug.» Mehmet greift nach der Flasche und schenkt uns nochmal ein.

«Emirs Frau putzt in einer Villa am See. Sie ist im siebten Monat schwanger. Du könntest sie vertreten. Die bezahlen bar auf die Hand. Wäre doch ein Anfang.» Ali schaut mich aufmunternd an.

Meine Begeisterung hält sich in Grenzen. Aber Ali hat recht, es wäre zumindest ein Anfang.

«Okay, ich mache es.» Mit geschlossenen Augen leere ich das Schnapsglas in einem Zug.

Kurz vor eins bezahlt Ali all meine Getränke. «Das gehört sich so in der Familie», nuschelt er.

Draußen schließe ich das Fahrradschloss auf und schiebe das Rad neben meinem schwankenden neuen Familienmitglied durch die leeren Straßen.

 

Kapitel 4

 

 

Ich ziehe das dunkelblaue T-Shirt mit der aufgestickten Sonne, dem Logo der Spitex Sonnwil, über meinen hämmernden Kopf.

Irgendwie sitzt es enger als sonst. Die müssen es in der Wäscherei zu heiß gewaschen haben. Oder ich hätte auf das zweite Raclette kurz nach Mitternacht verzichten sollen.

«Katja! Gut, dass du da bist.» Regina lehnt sich mit ihrem Morgenkaffee in der Hand in die Türöffnung des Umkleideraums. «Du hast heute Route vier. Herr Imhof bekommt neue Medikamente. Kontrolliere bitte, ob er sie wirklich genommen hat. Frau Lehmann fällt weg, sie liegt wieder mal im Krankenhaus. Dafür hast du in der Seeblickgasse einen Kaiserschnitt. Die Frau ist wohl ziemlich schwierig. Birgit war vorgestern dort, sie hat dir eine Notiz gemacht.»

Ich gehe zu meinem Ablagefach und überfliege den Einsatzplan. «Was ist mit Schneider?»

Regina kommt näher und wirft einen Blick über meine Schulter auf die Tabelle. «Wenn du nicht trödelst, solltest du den noch schaffen vor der Mittagspause. Schau, dass du ihn dazu kriegst, die Socken zu wechseln.»

Ich unterdrücke ein Gähnen und nehme den Autoschlüssel vom Haken.

«Und sieh zu, dass du pünktlich um zwölf da bist, Irma kocht.» Regina trinkt einen Schluck aus ihrer Bergdoktor-Fan-Tasse.

Bevor mein Hirn die Gelegenheit bekommt, die Information zu verarbeiten, höre ich mich «Okay» sagen. Was ich im gleichen Moment bereue. Ausgerechnet heute mit meinem sensiblen Magen kann ich Irmas Kochkünste gar nicht gebrauchen.

Ich unterdrücke einen Rülpser und stecke mein Tablet in den ebenfalls mit Sonnenlogo bestickten Rucksack.

 

Die Stufen zu Herrn Imhofs Eingangstür knarren unter meinem Gewicht, was mich unangenehm an die Quälerei beim Anziehen erinnert. Nächstes Mal ziehe ich die verdammte Kohlsuppendiät durch.

Das Haus ist alt und verwittert, hat aber durchaus seinen Charme behalten, genau wie sein Besitzer. Ich klingle zweimal und warte ab. Ein alter Mann ist nun mal kein Eilzug.

Der Schlüssel dreht sich langsam im Schloss. Dann lächelt mir ein faltiges Gesicht müde durch den schmalen Spalt in der Tür entgegen. «Morgen, Fräuleinchen.»

«Grüezi, Herr Imhof. Haben Sie gut geschlafen?»

«Danke, es ging so. Kommen Sie doch bitte rein.»

Er öffnet die Tür und lässt mich in den spärlich beleuchteten Flur eintreten. «Ich bin noch beim Frühstück.»

«Gut. Ich mache das Bad sauber und dann werde ich hier staubsaugen. Danach kümmern wir uns um Ihre Medikamente.»

Herr Imhof kratzt sich geräuschvoll am Kopf. «Das ist nett.» Mit schleppenden Schritten bewegt er sich in Richtung Küche und erinnert mich dabei stark an ein hinkendes Schlossgespenst.

Während des Staubsaugens werfe ich einen prüfenden Blick in alle Blumentöpfe. Allein in der trockenen Erde des Ficus entdecke ich vier längliche Kapseln. Kein Wunder, sieht die Pflanze so mitgenommen aus. Kurzerhand sauge ich die Pillen ein, die ratternd durch das Saugrohr jagen. Danach gieße ich den Ficus und seine Leidensgenossen gründlich.

Einen Stapel Medikamentenverpackungen balancierend setze ich mich zu Herrn Imhof an den klebrigen Küchentisch. Ich drücke die Pillen einzeln aus ihren Blisterverpackungen und sortiere sie sorgfältig in die mit Wochentagen und Tageszeiten beschriftete Medikamentenbox. Obwohl es dem Ficus bestimmt egal ist, zu welcher Zeit Herr Imhof die Blutdrucksenker in seinen Topf fallen lässt.

«Wie geht’s mit Ihren neuen Medikamenten, sind Sie zufrieden?», frage ich unschuldig.

Etwas Schelmisches blitzt in seinen Augen auf. «Ich glaube, die nutzen überhaupt nichts.» Ungerührt leckt er seinen Zeigefinger ab und blättert eine Seite des Zentralschweizer Boten um.

Ich drücke eine weitere Reihe grau gesprenkelter Tabletten aus ihrer Verpackung. «Seltsam.» Ich versuche mich an einem strengen Blick. «Vielleicht würde es helfen, sie öfter zu nehmen.» Dabei ist mir klar, dass am Ende Herr Imhof allein entscheidet, ob er diese Tabletten nimmt oder ob er sie beim nächsten Mal einfach geschickter verschwinden lässt.

Er wechselt das Thema: «Und, haben Sie einen netten jungen Mann kennengelernt in letzter Zeit?» Er schaut mich über den Rand seiner Lesebrille hinweg erwartungsvoll an.

«Leider nein. Und Sie eine nette Dame?»

Er faltet die Hände und legt sie auf dem Bild eines Regionalpolitikers ab. «Ach, Fräuleinchen, in meinem Alter. Aber Sie sind noch so jung und so ein nettes Mädchen. Habe ich Ihnen schon von meinem Enkel Sandro erzählt? Der ist ungefähr in Ihrem Alter. Er ist Bäckermeister.»

«Ich glaube, Sie haben ihn schon erwähnt.» Genaugenommen erwähnt er ihn fast bei jedem meiner Besuche. Der arme Kerl ahnt bestimmt nicht, dass er von seinem Großvater auf dem Heiratsmarkt angepriesen wird. Durch Recherche bei meinen Kolleginnen habe ich allerdings erfahren, dass nur mir diese Ehre zuteilwird. Das macht mich ein wenig stolz.

Die Seeblickgasse endet vor einem in Jägergrün gestrichenen Tor. Ich lasse den Motor laufen, steige aus und drücke die Klingel an der Gegensprechanlage.

Schräg über mir bewegt sich surrend eine Überwachungskamera. Mein Blick bleibt an der mit Efeu überwucherten Mauer hängen, die das Anwesen von der regenfeucht glitzernden Weide trennt. In ein paar Wochen werden hier Kühe grasen und unter der alten Linde Schatten suchen.

Irgendwie auch nicht schön, hinter so einer Mauer zu leben. Ich lehne mich gegen das kühle Gestein und schaue nach oben direkt in die Linse der Kamera. Am liebsten würde ich ihr die Zunge rausstrecken.

Es knackt und aus dem Lautsprecher dringt knisternd ein: «Ja, bitte?»

Ich wende mich den Schlitzen der Gegensprechanlage zu und sage: «Guten Morgen, ich bin Katja Roth von der Spitex Sonnwil!»

«Ach, die Putzfrau. Fahren Sie rein, Ihren Wagen können Sie neben der Treppe parken», hallt mir die Stimme entgegen.

Putzfrau? Und habe ich da einen herablassenden Unterton gehört? Wir werden uns bestimmt blendend verstehen. Das erklärt Birgits Haftnotizzettel mit der Anmerkung: Aufgeblasene Zimtzicke mit verzogenen Bälgern!

Das Tor öffnet sich ächzend.

Im Schritttempo fahre ich die von perfekt getrimmtem Rasen gesäumte Einfahrt entlang.

Wenig später parke ich den dunkelblauen Smart mit der lachenden Sonne auf der Motorhaube vor der futuristischen Villa. Er passt ungefähr so gut hierher wie ein Säbelzahntiger auf eine Tee-Party.

Beim Aussteigen klopfe ich dem Smart beruhigend aufs Dach und flüstere ihm zu: «Schon gut, Fritz, ich komme bald zurück.

---ENDE DER LESEPROBE---