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"Dort oben rauchten wir dann Zigaretten und blickten auf den Spielplatz herab mit einer Geringschätzung, als würde uns das alles - die verbeulte Rutsche und der klumpige Sand, das Klettergerüst und die Federwippen im Tierdesign, auf denen wir jetzt nicht mehr sitzen konnten, ohne unkontrolliert auf eine Seite zu kippen - schon lange nicht mehr interessieren, als wären wir nie hier gewesen und auch nie todtraurig darüber, wenn unsere Mütter uns am Ende des Tages abholten und wieder mit nach Hause nahmen." Genau zehn Jahre nach PUSSYKILLER lässt Pavo Pejic seinen Erzähler Paul sich erinnern: An den Geschmack des erstes Bieres, wenn man fünfzehn Jahre alt ist, und an den Geruch von Mädchen. An Schuleschwänzen in der Hoffnung, davonzukommen. Eltern, denen alles zu entgleiten droht. Und vor allem an seine Freunde und wie Paul sich dagegen stemmt, dass sie sich von einander entfernen. Aus einem anderen Blickwinkel erlebt er die Geschehnisse noch ein Mal mit und berichtet dabei von der Sehnsucht, unterwegs zu sein, ohne irgendwo anzukommen. Rasant, optimistisch und mit Gespür für die wichtigen Details schildert Pavo Pejic die neugierige Suche der Jungen nach Freiheit und den Wunsch, wegzulaufen, dem Bedürfnis, sich zu verstecken, und der Angst, zurückzubleiben. Die Erinnerungen daran sind wie Träume - ineinander gewoben, mit fließenden Übergängen, dann grell und laut, Erinnerungen durch Geräusche, Konturen, Gefühle. Das titelgebende Karussell, die Drehscheibe, wird zum Symbol für Herunterspringen oder Weitermachen, für Festhalten oder Loslassen. Mit dem Abstand von Jahren will Paul verstehen, was vorgefallen war, was diese Geschichten ausmacht, und wie sicher er sich in ihnen sein kann.
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Seitenzahl: 129
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Pavo Pejić, Jahrgang 1984, lebt in Hamburg. Sein Debüt-Roman Pussykiller ist 2009 erschienen.
Eine späte
Rakete
irrt umher
so sehr
auf der Suche nach Glück,
findet nie mehr zurück,
hat sich verlaufen
beim Raufen
und sieht,
was nie geschieht.
Bleibt sie allein,
schlägt sie nicht ein.
- Pussykiller, 2009
Als Kinder wollten wir fliegen.
„Fliegen“ nannten wir eine Methode, die Karusselle zu benutzen, die es früher auf Spielplätzen gab.
Wir kannten alle Spielplätze in unserer Gegend.
Zur Not tat es zwar auch ein Stehkarussell, aber eines mit einem Handrad in der Mitte war optimal.
Wir hielten uns seitlich am Karussell fest und knieten uns auf dem Rand der Scheibe hin und zwei von den „Großen“ betätigten das Rad. Manchmal waren wir so viele, dass wir uns Schulter an Schulter drängten. Das Karussell kam zuerst nur schwerfällig in Bewegung, dann nahm es Fahrt auf. Die beiden Großen kurbelten schnaufend und kichernd. Nach und nach verabschiedeten sich die ersten Kinder, denen es zu schnell wurde, bis nur noch zwei, drei Mutige gegen den enormen Sog ankämpften, den sie in ihren Rücken und Schultern spürten. Wenn die beiden Großen vom Handrad abließen, weil sie keine Kraft mehr hatten, war die Geschwindigkeit am höchsten. Dann musste man vom Rand der Scheibe steigen. Die Beine hoben in die Luft, der Körper schwang in die Höhe, man fühlte sich einen Moment lang schwerelos, flog.
Ich bin ein Mal auf diese Weise geflogen. Ich war der Letzte auf der Scheibe. Die anderen Kinder gratulierten mir ohne Neid, obwohl ich einer der jüngsten war, und klopften mir anerkennend auf die Schulter. Meine Hände taten mir weh von dem Metall, aber ich fühlte mich auf einer Ebene mit allen anderen.
Auch als Jugendliche gingen wir noch oft auf Spielplätze, obwohl wir dafür eigentlich schon zu alt waren. Die meiste Zeit saßen wir auch bloß auf einer Bank herum und unterhielten uns. Darüber hinaus boten Spielplätze uns praktisch keinen wirklichen Nutzen mehr; sie ließen unsere Herzen nicht mehr höher schlagen, strahlten kein Abenteuer mehr aus – im Gegenteil, in meiner Erinnerung sind sie menschenleer, kalt, und keine Kinder trauen sich dort mehr hin, vielleicht wegen solchen wie uns.
Niemand mag fünfzehnjährige Jungen.
Wie sie alle einen Bogen um uns herum machten.
Wenn es einen Geräteschuppen auf dem Spielplatz gab oder ein Haus der Jugend, dann mussten wir einfach über die Regenrinne das Dach erklimmen. Die Hände rieben aufregend über das raue Bitumen des Flachdaches.
Dort oben rauchten wir dann Zigaretten und blickten auf den Spielplatz herab mit einer Geringschätzung, als würde uns das alles – die verbeulte Rutsche und der klumpige Sand, das Klettergerüst und die Federwippen im Tierdesign, auf denen wir jetzt nicht mehr sitzen konnten, ohne unkontrolliert auf eine Seite zu kippen – schon lange nicht mehr interessieren, als wären wir nie hier gewesen und auch nie todtraurig darüber, wenn unsere Mütter uns am Ende des Tages abholten und wieder mit nach Hause nahmen.
Marko betonte „Karussell“ auf dem U, weil seine Eltern eigentlich nicht aus Hamburg waren.
Stehkarusselle boten meistens nur Platz für vier Personen. Weil sie kein Handrad besaßen, an dem man bequem drehen konnte, musste man neben dem Karussell her laufen und es anstoßen. Dann sprang man auf und stieß sich weiter mit einem Fuß ab. Das war anstrengend.
Ein Stehkarussell war außerdem im Durchmesser kleiner und der Schwung reichte für uns „Große“ deshalb meist nicht aus zum Fliegen. Die Scheibe stand auch nicht in einem Sandkasten oder auf Baumrinde, die einen auffingen, wenn man stürzte, sondern auf Staub oder auf einem Bodenbelag aus Kunststoff, an dem man sich richtig wehtun konnte.
Wenn wir zu viert waren, erreichte die Scheibe eine völlig verrückte Geschwindigkeit. Dann wurde einem schwindelig und man gab auf und sprang herunter, so lange man noch einigermaßen sicher landen konnte. Ein Mal stolperte Tobi über seinen eigenen Fuß und riss sich beim Sturz einen Ärmel seiner Jacke auf, ein anderes Mal musste Dominik sich hinterher übergeben.
Marko war meistens als erster von dem Karussell runter, er war einfach zu groß geworden für diese kleine Scheibe und seine Gliedmaßen waren zu lang, er fand keine geeignete Position mehr.
Manchmal habe ich mich so lange auf der Scheibe gehalten, bis sie wieder zum Stehen kam.
Ich umklammerte die kalte Stange ganz fest mit beiden Händen und spürte die Stellen, an denen der bunte Lack rissig geworden und abgeblättert war und das raue Metall darunter freigelegt hatte.
In meinem Kopf drehte sich alles.
Die Jugendlichen aus der Gegend benutzten den Spielplatz am Eulenkamp, um dort am Neujahrstag ihre restlichen Böller anzuzünden, die ihnen aus der Silvesternacht übriggeblieben waren. Wir saßen auf einem verwitterten Baumstamm und Tobi ließ Musik auf dem Handy laufen.
In diesen Tagen faszinierte Marko eine Geschichte von zwei Jungen aus unserem Viertel, zwei Dealern angeblich, ein Streit mit blutigem Ausgang, den Marko mit angehört haben wollte. Dominik widersprach Marko, er glaubte ihm kein Wort.
Es war im Januar, als Marko sich entschied, auch ein Dealer zu werden, denn überall lagen noch vom Schnee aufgeweichte und von der Sonne wieder ausgetrocknete Böller herum. Durchfall nannten wir das, wegen der Ähnlichkeit.
Mit fünfzehn glaubten wir den Quatsch, den man über unsere Gegend erzählte, dass wir nämlich in einem sozialen Brennpunkt lebten, einem Problemviertel. Hohe Arbeitslosigkeit, viele Ausländer, zumindest gemessen am Hamburger Durchschnitt.
Wir brauchten nicht lange nach Beweisen zu suchen, dass sie alle Recht hatten, dass wir in einem regelrechten Ghetto lebten; es gab Geschichten über Jugendbanden, über Drogendealer, in der Nachbarschaft sollte es sogar einen Puff geben und ein Mal war es tatsächlich zu einer Schießerei gekommen. Nicht in dem Puff, sondern auf der Straße, aber immerhin. Die Beweise lagen also quasi auf der Straße, waren es die Trinker vom Straßburger Platz (die lagen tatsächlich auch mal besoffen auf der Straße) oder die unzähligen Türken, Araber und Afrikaner oder mindestens die alleinerziehenden Mütter.
Und es passte uns auch gut in den Kram, zu den Unterschätzten zu zählen – man brauchte sich nicht anzustrengen, irgendwen vom Gegenteil zu überzeugen, und konnte nur überraschen.
Marko freundete sich mit einem der beiden Dealer an und nahm ihm eine größere Menge Gras ab, die er weiterverkaufen wollte.
Marko mochte meinen Vater.
Mein Vater mochte Tobi. Weil Tobi höflich war und nie viel sprach, wie mein Vater sagte, es sei denn, man fragte ihn etwas. Tobi sei „einfach wie Bohnensuppe“, sagte mein Vater.
Meiner Mutter tat Tobi leid, weil er „so eine“ Mutter hatte. Tobis Mutter saß bei den Trinkern auf dem Straßburger Platz. Sagte meine Mutter. Tobis Mutter war schon lange arbeitslos, mein Vater immerhin seit vier oder fünf Jahren.
Manchmal las er mir Artikel aus der Bild vor, in denen unser Viertel unter den schlimmsten der Stadt aufgelistet war.
Mein Vater pflegte unsere Zimmerpflanzen. Er hatte ein Händchen für Efeu, den zog er binnen kürzester Zeit zu beträchtlicher Größe hoch und stellte tolle Sachen damit an; zum Beispiel band er Kränze aus den Ranken, einen Sichtschutz für unseren Balkon, und er umwickelte ein Herz aus Draht, wie man sie auch in Geschäften kaufen konnte, und schenkte es meiner Mutter zum Geburtstag.
Mein Vater mochte Binsenweisheiten. Er wurde nie müde, zu betonen, wie wichtig ein guter Schulabschluss ist, weil er einem angeblich alle Türen öffnet.
Die Predigten meines Vaters waren ermüdend.
Mein Halbjahreszeugnis in der neunten Klasse war eine kleine Katastrophe.
An dem Tag, an dem die Zeugnisse verteilt wurden, ging ich gemeinsam mit Marko den Heimweg. Er hatte das Fahrrad dabei, das er ein paar Tage zuvor geklaut hatte, und schob es beim Gehen. Beim Torgang, der zum Naumannplatz führte, wo Marko lebte und wo wir uns normalerweise von einander verabschiedeten, überredete ich ihn, dass wir eine Spritztour den Ring hinauf machen und nochmal nach Bramfeld und dann nach Wellingsbüttel fahren.
Ich saß auf dem Gepäckträger und Marko trat in die Pedale dieses alten Herrenrades, dessen Gänge sich nicht mehr verstellen ließen und das Geräusche machte, wenn Marko die Rücktrittbremse benutzte.
Er hatte das Fahrrad eine Weile beobachtet, wie es dort bei der S-Bahn-Haltestelle herumstand. Als er sicher war, dass jemand es vergessen hatte, knackte Marko das Schloss und wir fuhren damit davon. Außer den Bremshebeln waren noch alle beweglichen Teile intakt.
Diesmal drehten wir aber nicht nach Farmsen um, sondern blieben auf der Saseler Chaussee und gingen in das Alstertal-Center, das sind zehn Kilometer. Es roch kühl und erfrischend dort.
Mein Halbjahreszeugnis hatte ich zusammengerollt und trug es immer in der Hand, die gerade frei war. Marko hatte sein Zeugnis gefaltet, bis es bequem in seine Hosentasche passte.
Von Poppenbüttel aus nahmen wir den Radweg entlang der Alster bis hinunter zur Wiese am Schwanenwik, das sind sogar fünfzehn Kilometer. Ich saß jetzt auf der Stange, weil meine Schenkel vom Gepäckträger weh taten. An den Stellen, wo der hellblaue Lack rissig geworden und abgeblättert war, hatte Rost das Metall befallen. Markos Knie rieb mir beim Fahren manchmal über das Bein.
Das wunderbare Knirschen des Sandes unter den Rädern.
Marko sagte, seinen Eltern sei ziemlich egal, was er tut.
Es war nicht wichtig, anzukommen. Unterwegs sein, darum ging es.
Auf der Hamburger Straße ging im Feierabendverkehr nichts mehr, irgendwo hatte es einen Unfall gegeben. Wir fuhren zwischen den stehenden, hupenden Autos hindurch auf dem Mittelstreifen heim. In unseren Rücken konnte man die Kirchen der Innenstadt erkennen, dahinter sollte die Sonne bald auf den Horizont treffen. Nach Hause waren es immerhin noch ein Mal fünf Kilometer.
Ich kehrte erst kurz vor meiner Mutter nach Hause zurück. Ich rechnete damit, dass sie mich nach dem Zeugnis fragen würde, aber sie schien es völlig vergessen zu haben. Sie füllte sich eine der neuen Plastikschüsseln, die mein Vater im Dutzend günstig erworben hatte, mit heißem Wasser und nahm vor dem Fernseher ein Fußbad. Das Wohnzimmer füllte sich mit dem Duft von Seife.
Wenn ich eine schlechte Note mit nach Hause brachte und eine Unterschrift meiner Mutter unter der Klausur benötigte, um nachweisen zu können, dass meine Eltern über meine Entwicklung auf dem Laufenden waren, wollte meine Mutter immer wissen, wie Dominik abgeschnitten hatte.
Dominiks Mutter war Professorin und Dominik nicht automatisch ein guter Schüler, aber aus irgendeinem Grund beruhigte es meine Mutter, wenn ich ihr berichtete, dass auch Dominik eine schlechte Note erhalten hatte. Mit der Zeit gewöhnte ich mir an, meiner Mutter von Dominiks schlechten Leistungen zu berichten, bevor sie mich zuerst fragen konnte. Manchmal log ich auch über seine Noten.
Meine Mutter hatte eine unsinnig hohe Meinung von Akademikern, für sie waren das regelrecht Götter. Die einzige Ausnahme bildeten Mediziner, über die sprach sie schlecht.
Meine Mutter war Krankenschwester.
Die Fehlzeiten standen auf meinem Zeugnis ganz unten und meine Mutter muss sie einfach übersehen haben.
Der Duft von Seife. Und von Chlor.
Diese Ahnung in den Gesichtern der Kinder, wenn wir uns so lange vor das Rohr der Tunnelrutsche stellten, bis sich hinter uns eine Schlange bildete. Die älteren Kinder ließen wir vor. Im zweiten Mittelteil hatten wir den Stau verursacht, indem wir uns quer in die Röhre legten. Ein kleiner Junge erlitt sogar einen Panikanfall, sein Geschrei zitterte in der Plastikröhre.
In der Schwimmhalle war die warme Luft erfüllt vom Chlorgeruch und von rauschendem Wasser und Euphorie.
Wir hatten eine Abneigung gegen den braungebrannten Bademeister, weil er sehr kurze Shorts trug und den Fünfer scheinbar demonstrativ nicht öffnete, obwohl wir ihn sogar scheißfreundlich darum baten. Tobi traute sich als Einziger, einen Köpper vom Fünfer zu machen. Er teilte auch seinen Hotdog vom Schwimmhallenimbiss mit Marko, weil dessen Geld wie immer nur für den Eintritt reichte. Dafür zog Dominik Marko auf.
Schnorrer, sagte Dominik.
Fettsack, konterte Marko.
Tobi hatte keine Scheu, Mädchen anzusprechen.
Bei mir lief es immer gleich ab: Ich hatte Blickkontakt mit einem Mädchen und schaute weg. Marko deutete auf zwei Mädchen in unserem Alter, die am Beckenrand standen. Tobi ging hinüber und fing ein Gespräch mit ihnen an, aber sobald er Marko das Zeichen gab und der sich dazu stellte und etwas zu den Mädchen sagte, gingen die beiden wieder weg.
Markos Erfolglosigkeit bei Mädchen tröstete sehr.
Im Duschraum blieben wir immer ziemlich lange, auch wenn wir noch gar nicht gehen wollten. Jeder nahm sich seinen eigenen Duschkopf. Wir drehten die Hitze bis zum Anschlag auf.
Dominiks krauses Haar klebte nicht an der Stirn, wenn es nass war. Er hörte es nicht gerne, wenn wir seinen Hautton „kaffeebraun“ nannten, er mochte keinen Kaffee.
Im Kinderbecken, wo das Wasser warm wie Urin war, hatte ich Blickkontakt mit einem blonden Mädchen. In dem Moment, als ich bemerkte, dass sie zu mir herüber sah und unsere Blicke sich trafen, schaute sie wieder weg. Sie war mit ihren drei Freundinnen da und Tobi fing auch mit ihnen eine Unterhaltung an. Eine Rothaarige stieß aus der Gruppe hervor. Sie war kess drauf, sie neckte Tobi und schubste ihn, aber Tobi lachte bloß darüber und schubste sie nicht zurück. Dominik und ich standen in der einen Ecke des Beckens. Marko hatte sich von uns gelöst, nachdem Tobi uns rief.
In Markos breitem Grinsen blitzt die einzelne Zahnlücke.
Die anderen drei Mädchen aus der Gruppe standen scheu in der nächsten Ecke des Beckens. Ich blinzelte die kleine Blonde an, als sie vorgab, ihren Blick ein Mal quer durch den Raum schweifen zu lassen, und lächelte sogar irgendwie, aber sie schien es nicht zu sehen und ich fühlte mich einen Augenblick dumm und sehr klein.
Dominik zog Marko auf mit dessen Erfolglosigkeit.Dominik hatte eine Freundin, Veronika.
Ich habe Veronika nur drei Mal gesehen. Beim ersten Mal nahm Dominik mich zum Schwänzen mit zu sich nach Hause. Veronikas und mein Blick trafen sich durch den Spalt der offenen Wohnzimmertür. Sie hatte blondes Haar. Sie zog sich gerade etwas an.
Veronika lebte bei Dominik und seiner Mutter.
Dominik zeigte mir Veronikas Pille. Es waren achtundzwanzig Stück in der Packung.
Sie raucht nicht so viel, sagte Dominik.
Wir saßen auf seinem Bett und rauchten seine Bong mit Odol im Wasser, das fühlte sich kühl in der Kehle an.
Wir saßen auf Markos fleckiger Schlafcouch.
Dass Marko sich als Dealer versuchte, bedeutete, dass wir problemlos an Gras kommen konnten, ohne dabei beschissen zu werden. Dealer waren immer arrogant und großspurig. Ich mochte sie alle nicht, aber man musste freundlich zu ihnen sein. Manchmal war es schwer, überhaupt etwas zu kriegen, weil man nirgends wen traf, der etwas hatte.
Marko und Tobi saßen auf dem Teppich und rupften Gras von einem größeren Klumpen und füllten es in kleine Tütchen. Sie benutzten keine Waage dabei. Ursprünglich war der Klumpen so groß gewesen wie ein Stück Seife.
Marko war mit den Gedanken woanders, man konnte sehen, wie es in seinem Kopf arbeitete. Er stellte sich an das Fenster, das zum Naumannplatz raus ging. Dominik fragte Marko vorsichtig, ob er es sich mit diesem Dealer, Dani, verscherzt, wenn er am Naumannplatz verkauft. Marko spielte das herunter.
In meinem Kopf drehte sich alles.
Auf der Umkleide hatte Dominik Ärger mit zwei Jungen, sie dröhnten. Wir kannten sie von unserer Schule.
Scheiß Neger, sagten sie zu Dominik.
Als Marko aus der Dusche kam, wichen die beiden Jungen zurück. Marko war nackt, hatte nichtmal ein Handtuch um, seine nasse Badehose trug er in der Hand.
Willst du was, du Scheißkanake fragte Marko, locker einen Kopf größer als jeder von ihnen.
Zuerst wollte er ihnen noch hinterher, aber Dominik hielt ihn zurück, spielte die Situation herunter.
Zwischen Marko und Dominik herrschte manchmal eine Spannung, die es zwischen uns sonst eigentlich nicht gab.
