Kaspar Hausers Tod - Dieter Forte - E-Book

Kaspar Hausers Tod E-Book

Dieter Forte

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Beschreibung

Kaspar Hausers Tod am 17.12.1833 in Ansbach ist für Dieter Forte ein Beispiel für Tod durch politische Einflussnahme. Im Hinblick auf Hausers Ermordung ist das wörtlich zu verstehen. Aber nicht weniger konkret ist damit die Unterdrückung der freien Persönlichkeit durch Zensur und staatliche Überwachungspraxis gemeint – ein für unsere Zeit besonders aktuelles Thema. Forte erzählt nicht die Legende von Kaspar Hauser, sondern zeigt, wie sie entsteht: Diejenigen, die ihn unterrichteten, erkennen mit seinem Tod die Fragwürdigkeit ihrer Wertvorstellungen und flüchten angesichts der Parallelen zwischen seiner und ihrer eigenen Existenz in die Legendenbildung. Damit aber verdecken sie das Schicksal anderer junger Menschen, deren Leben durch politische Willkür vernichtet wird. Ergänzt wird Fortes Theaterstück durch einen dokumentarischen Anhang mit Texten und Fotografien zum Thema sowie einer Chronik der Jahre 1815 bis 1837.

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Seitenzahl: 127

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Dieter Forte

Kaspar Hausers Tod

FISCHER E-Books

Ein Theaterstück

Inhalt

Kaspar Hausers TodPersonenI FriedhofII WirtshaussaalIII StraßeIV WirtshaussaalV StraßeDokumentarischer AnhangChronik 1815–1837Feuerbachs MemoireLudwig BörneWillibald AlexisAugust von KotzebueHauptpunkte der »Karlsbader Beschlüsse«, 20. Sept. 1819Stichwort: DemokratieHoffmann von FallerslebenErnst DronkeLudwig BörneFranz GrillparzerDer Beschluß des Bundestages vom 10. Dezember 1835Das preußische Verbot des »Jungen Deutschland«Heinrich LaubeKarl BiedermannKarl Gutzkow an Georg Büchner nach StraßburgHeinrich HeineLudwig BörneTheodor MundtHoffmann von FallerslebenAus einem Gutachten bayerischer Ärzte von 1835Ernst WillkommGeorg BüchnerLudwig BörneWillibald AlexisBildquellennachweis

Kaspar Hausers Tod

Personen

WIRT

SCHANKBURSCHE

FRANZ JOSEPH VON STICHANER, 50, Generalkommissär und Regierungspräsident in Ansbach

FRAU VON STICHANER

ANSELM RITTER VON FEUERBACH, 58, Staatsrat u. Appellationsgerichtspräsident beim Königl. Appellationsgericht in Ansbach

JOSEPH HICKEL, 38, Gendarmerieoberleutnant in Ansbach

DR. J. H. HORLACHER, 45, Arzt in Ansbach

HEINRICH FUHRMANN, 46, evangelischer Pfarrer in Ansbach

JOHANN GEORG MEYER, 43, Oberlehrer in Ansbach

FRAU MEYER

KOLB, 35, Verleger

JAKOB FRIEDRICH BINDER,40,1, Bürgermeister von Nürnberg

FRAU BINDER

GOTTLIEB FREIHERR VON TUCHER, 35, Ratsakzessist beim Kreis- und Stadtgericht in Nürnberg

GEORG FRIEDRICH DAUMER, 33, Gymnasialprofessor am Nürnberger Gymnasium

HILTEL, Gefängniswärter in Nürnberg

1. ARBEITER

2. ARBEITER

3. ARBEITER

4. ARBEITER

EIN MANN

NACHTWÄCHTER

Das Stück spielt 1833 in Ansbach.

IFriedhof

4 Sargträger lassen an der Rampe einen Sarg an Seilen in ein Grab. Hinter dem Grab, mit dem Gesicht zum Publikum, Stichaner, seine Frau, Feuerbach, Hickel, Dr. Horlacher, Fuhrmann, Meyer, seine Frau, Kolb, Binder, seine Frau, Tucher und Daumer.

Die Sargträger ziehen die Seile heraus und gehen ab.

Die Bürger werfen nacheinander Blumen in das Grab.

FRAU BINDER

liest ab

Mein erstes Jahr begrüß ich heut

In Dank und Liebe hocherfreut,

Von vieler Not und Last gedrückt,

Von heute an genieß ich was mein Herz entzückt,

Und fühl auch jetzt mich neu beglückt.

In meinem ersten Jahre steh ich nun,

Da gibts erstaunlich viel zu tun,

Zum Schreiben und zum Malen,

Zum Rechnen oft mit Zahlen.

Gott wollte, daß ich sehe, wie’s in der Welt hergeht,

Und zu lesen, was in den Büchern steht,

Und anzubauen mein Gartenbeet.

Gott wird die Kraft mir geben in Jugendtagen,

Um die Klugen auszufragen,

Jetzt muß ich mich vorbereiten,

Täglich fortzuschreiten,

Ein Schritt ist nicht gar viel,

Doch führt er mich noch zu mein’ erwünschten Ziel.

Pause.

Sein erstes Gedicht.

FUHRMANN

Ich sagte zu ihm, Gott sei überall unser Begleiter, er solle nur fest und zuverlässig auf ihn vertrauen. Er sagte: ›Ach, diese Wege sind sehr dunkel.‹ Ich sagte zu ihm: ›Aber Sie haben doch die Überzeugung, lieber Hauser, daß es Wege der Liebe und Barmherzigkeit sind?‹ Hauser sagte ja und faltete seine Hände. Mit sichtbarer Erhebung sprach er: ›Vater, nicht mein Wille, sondern der deinige geschehe.‹

DAUMER

Ich sehe ihn immer noch vor mir. Sein reiner, offener Blick, seine Herzlichkeit und Gutmütigkeit, seine Abneigung gegen alles, was einem Menschen oder Tier nur den leisesten Schmerz verursachen könnte.

STICHANER

Er meinte einmal, daß es doch so viel Schönes auf der Welt gäbe, und wie hart es für ihn sei, so lange gelebt und nichts davon gesehen zu haben, und wie glücklich die Kinder seien, die dies alles von ihren ersten Jahren an sehen können. Ich erwiderte, was die Schönheiten der Natur betreffe, so habe er keine Ursache, sich zu beklagen. Die meisten Menschen, unter diesen Herrlichkeiten aufgewachsen, betrachten sie als etwas Alltägliches mit gleichgültigen Augen. Ihm aber, der erst als Jüngling in die Welt getreten, seien diese Empfindungen in aller Frische und Reinheit erhalten geblieben, und hierin habe er einen bedeutenden Vorzug vor anderen Menschen.

TUCHER

Er hat mir kurz vor seiner Konfirmation unter Tränen gesagt: ›Ich weiß, man hält mich für einen Betrüger, das tut mir recht weh, ich mußte alle Nächte darüber weinen. Seitdem ich aber aus dem Religionsunterricht weiß, daß es einen Gott gibt, der in das Innere sieht, bin ich ruhig und weine nicht mehr, denn ich weiß, daß ich kein Betrüger bin. Auch beruhigt mich der Gedanke, daß ich an Gott einen Vater im Himmel habe, obwohl es mein erster Wunsch ist, zu erfahren, wer mein irdischer Vater ist, gleichviel ob arm und niedrig, wenn ich ihn nur kenne. Ich denke darüber nicht wie die Leute.‹

Meyer zieht ein großes Schnupftuch heraus und weint.

FRAU MEYER

Nun nimm dich doch zusammen.

KOLB

zu Horlacher Kennen Sie schon das Ergebnis der Obduktion?

HORLACHER

Das Messer ist zwei Zoll unter der linken Brustwarze zwischen der sechsten und siebten Rippe in die Brusthöhle eingedrungen, hat den Herzbeutel durchschnitten, den Rand des linken Leberlappens penetriert und endete im Magen zwischen der cardia und dem fundus.

BINDER

Kaspar Hauser, mein geliebter Pflegesohn, ist nicht mehr. Er starb an den Folgen der durch einen Meuchelmörder erlittenen Verwundung. Ihm sind nun die Rätsel gelöst, an welche die Vorsehung sein trauriges Dasein geknüpft hatte. Im ewigen Frühling jenseits wird der gerechte Gott ihm die gemordeten Freuden der Kindheit und die Vernichtung seines Lebens, das ihn nur 5 Jahre zum Bewußtsein des Menschen erhoben hatte, reich vergelten. Friede seiner Asche.

KOLB

zu Feuerbach Möchten Sie etwas dazu sagen?

FEUERBACH

Nein, ich möchte nichts sagen.

Pause.

FRAU STICHANER

Es ist kalt.

IIWirtshaussaal

Ein holzgetäfelter Wirtshaussaal.

Links an der Wand ein Schanktisch. Dahinter ein in die Wand eingebautes Regal mit Gläsern, Flaschen usw. Rechts eine Tür, die zur Schankstube führt. In der Mitte hinten der Haupteingang. Links davon, an der Wand, ein Klavier. Daneben ein vergittertes Fenster. Rechts in der Ecke führt eine Treppe zu einer Tür mit dem Schild: Toilette. Unter der Treppe eine halbhohe Kellertür. An der Wand Kleiderhaken.

Etwa in der Mitte des Raumes ein Ofen mit einem langen Ofenrohr.

Tische und Stühle stehen ungeordnet herum. Von der Decke hängen einige verblaßte Girlanden.

Es ist dunkel. Die Saaltür wird von außen aufgeschlossen. Ein Lichtstrahl fällt durch die Tür. Der Wirt und der Schankbursche kommen herein.

BURSCHE

trägt einen Korb Brot zum Schanktisch Eingeheizt hab ich schon am Nachmittag, daß es temperiert ist.

WIRT

Nachlegen. Und die Kerzen anzünden. Das sieht gleich wärmer aus. Die Herrschaften werden verfroren sein. Punschgläser?

BURSCHE

zündet Kerzen an Zwei Dutzend.

WIRT

Soviel werden nicht kommen. Tischdecken?

BURSCHE

Auf dem Klavier.

WIRT

geht zum Klavier und findet dort ein Ölbild Kaspar Hausers Was ist das?

BURSCHE

Einen schönen Gruß von der Frau Regierungspräsidentin, und sie meint, wir sollten es aufstellen.

WIRT

Wenn sie meint. Er stellt das Bild auf das Klavier Sakrament, die Girlanden!

BURSCHE

Vom Ball der Frau Geheimrat. Nächste Woche hat Frau Stadtgerichtsdirektor ihren Ball.

WIRT

Vielleicht ist es gegen die Pietät.

BURSCHE

Wen wird es stören.

WIRT

Laß sie hängen.

BURSCHE

Ich häng noch einen Trauerflor dazwischen.

WIRT

Und einen an die Tür. Das genügt. Den Leuchter da wieder aus. Es ist hell genug. Allzu hell ist auch nicht gut. Und wer bezahlt es.

Der Schankbursche holt einige Meter Trauerflor, einen Hammer und einige Nägel aus dem Regal, steigt auf einen Tisch und nagelt den Trauerflor an einen Querbalken in der Mitte des Raumes. Der Wirt nimmt die Tischdecken vom Klavier, deckt die Tische und schiebt sie zurecht.

BURSCHE

Eigentlich schad, daß er nun tot ist.

WIRT

Tot ist tot. Was ist da schad.

BURSCHE

Man hätt von ihm lernen können.

WIRT

Vom Kaspar Hauser? Was hättest du von dem lernen können? Der hat doch selber erst alles lernen müssen.

BURSCHE

Das mein ich ja. Man hätt von ihm lernen können, wie das ist, wenn einer erst alles lernen muß. Unsereins merkt das doch nicht. Ich meine, es wird einem doch alles gesagt. Da ist die Welt dann so, wie sie ist. Aber wie ist denn die Welt? Ich meine, wie ist sie wirklich? Wenn man darüber nachdenkt, dann denkt man doch immer nur – wie soll man das sagen – weiß der Herr Wirt, wann er angefangen hat zu denken?

WIRT

Ich weiß nur, wann ich aufgehört hab zu denken.

BURSCHE

springt vom Tisch und nagelt den Trauerflor an die Saaltür Wenn einer nicht immer Schankbursche bleiben will, sollte er sich Gedanken machen, schon wegen der Gäste.

WIRT

Ich kenn keine Gäste, die denken; die Leute gehen ins Wirtshaus, um nicht zu denken.

BURSCHE

Da wird es schon welche geben, die denken.

WIRT

Dann verheimlichen sie es aber sehr.

BURSCHE

Sie werden es nicht sagen wollen in einem Wirtshaus.

WIRT

Oder sie haben sich dabei so tödlich erschrocken, daß sie es gleich wieder drangegeben haben. Er geht zum Schanktisch.

BURSCHE

Eben deswegen hätt man den Kaspar Hauser einmal befragen sollen, wie das ist mit dem Denken, ob es einen da gleich zerreißt, wenn man die Welt so auf einmal vor Augen hat, so ganz neu und ohne eine Erklärung. Er steht vor dem Bild Kaspar Hausers und hängt einen Trauerflor darüber.

WIRT

Gewundert hat er sich schon.

BURSCHE

Und seine Gedanken hat er sich sicher auch gemacht.

WIRT

Sonst hätte er sich nicht so gewundert. Und die Gläser dürften auch noch ausgewischt werden. Er schenkt sich ein Glas Wein ein und setzt sich an einen Tisch. Der Schankbursche wischt die Gläser aus. Das dauert mal wieder.

BURSCHE

Wenn Pfarrer Fuhrmann predigt.

WIRT

Sobald die ersten kommen, gleich den Punsch herein. Und ordentlich im Ofen nachlegen.

BURSCHE

Die Tische zusammenschieben? Das gibt Stimmung.

WIRT

Wenn die Herrschaften sich verstehen. Wenn nicht, ist die Stimmung gleich hin. Wer weiß, wer da alles kommt. Man will sich vielleicht separieren.

BURSCHE

Ärger gibt es dann auch.

WIRT

Dann aber vom Punsch.

BURSCHE

Vielleicht kommen welche aus Nürnberg?

WIRT

Bestimmt.

BURSCHE

Oder aus dem Schloß in Karlsruhe?

WIRT

Wohl kaum.

BURSCHE

Immerhin soll er dort geboren sein.

WIRT

Dazu sag ich nichts. Begraben wird er jedenfalls bei uns in Ansbach. Und das liegt in Bayern. Karlsruhe ist weit. Was geht uns das Ausland an.

Die Schanktüre wird geöffnet. Ein Mann steht in der Tür. Man hört die Stimmen aus der Schankstube.

WIRT

Was ist?

MANN

Es fehlen Stühle.

Der Wirt zeigt auf die herumstehenden Stühle. Der Mann nimmt vier Stühle und geht damit in die Schankstube. Die Tür wird wieder geschlossen.

WIRT

Was ist denn da los?

BURSCHE

Da haben sich anscheinend alle Handwerksburschen der Stadt versammelt.

WIRT

Eine Versammlung?

BURSCHE

Irgendeiner hat Geburtstag.

WIRT

Wochenlang nichts und dann zwei Feiern auf einmal.

Gelächter aus der Schankstube.

BURSCHE

lehnt am Schanktisch Seltsam ist es schon.

WIRT

Was?

BURSCHE

Das mit dem Kaspar Hauser.

WIRT

Gar nichts ist seltsam.

BURSCHE

Ich kenn einen Schreiber vom Stadtgericht. Er sagt, sie wüßten dort alles.

WIRT

Die wissen alles, was alle anderen auch wissen.

BURSCHE

Aber es ist geheim.

WIRT

Vielleicht beim Stadtgericht. Weil es da in die Geheimakten kommt.

BURSCHE

Warum darf man dann nichts sagen?

WIRT

Weil es verboten ist. Es gibt sehr leicht ein Wirtshausgerücht.

BURSCHE

Aber wenn es alle sagen?

WIRT

Alle sagen es eben nicht. Das bringt einen zu schnell in die Geheimakten, und die Geheimakten bringen einen schnell ins Gefängnis.

BURSCHE

Wegen falscher Aussage der Wahrheit.

WIRT

Oder wahrheitsgemäßer Wiedergabe einer falschen Aussage.

BURSCHE

Warum hat man ihn aber ermordet?

WIRT

Weil ihn einer ermordet hat. Das passiert alle Tage, daß einer ermordet wird.

BURSCHE

Aber wer hat ihn ermordet?

WIRT

Weiß man? Das ist etwas für die Polizei. Ein Kriminalfall.

BURSCHE

Eigentlich wissen es alle, aber alle wissen nichts.

WIRT

Das ist so.

BURSCHE

Und deswegen stellt man sich besser dumm.

WIRT

Wie alle.

BURSCHE

Und denkt nicht viel.

WIRT

Wie alle. Stimmen vor der Saaltür Sie kommen. Hol den Punsch und leg Holz nach.

Bursche ab. Stichaner und Feuerbach kommen herein.

Herr Regierungspräsident. Herr Appellationsgerichtspräsident. Der Wirt nimmt ihnen die Mäntel ab und hängt sie an die Wandhaken neben der Tür. Stichaner in Galauniform; Feuerbach im schwarzen Schoßrock, mit hoher Seidenkrawatte, einige Orden.

STICHANER

Kalt draußen.

WIRT

Ich sage immer, ein anständiger Mensch stirbt im Sommer, im Dezember ist kein Wetter für eine Beerdigung. Dem Toten ist es schließlich egal, aber so mancher Lebende holt sich dabei den Tod.

FEUERBACH

Manch einer hat keine Wahl.

WIRT

Ja, das ist wahr. Der Punsch kommt sofort. Ein Gläschen Rüdesheimer zuvor, vom Besseren? Ehe die anderen Herrschaften – Ich habe mir auch schon erlaubt. Er schenkt zwei Weingläser ein. Die Herren trinken, der Wirt geht zur Saaltür.

STICHANER

Ja, nun ist er tot.

FEUERBACH

Sind Sie sicher?

STICHANER

Wieso?

FEUERBACH

Ich meine, ist er wirklich tot?

STICHANER

Ich denke, wir haben ihn eben begraben.

FEUERBACH

Wen?

STICHANER

Kaspar Hauser.

FEUERBACH

War es wirklich Kaspar Hauser?

STICHANER

Wer soll es denn sonst gewesen sein?

FEUERBACH

Vielleicht ein anderer.

STICHANER

Kaspar Hauser?

FEUERBACH

Er hat sich so genannt. Aber war er es?

STICHANER

Und wen haben wir, ihrer Meinung nach, begraben?

FEUERBACH

Einen Menschen, der sich Kaspar Hauser nannte.

STICHANER

Also doch Kaspar Hauser.

FEUERBACH

Wenn er es war.

STICHANER

Sie haben ihn doch selbst gekannt.

FEUERBACH

Wen?

STICHANER

Kaspar Hauser.

FEUERBACH

Den, der glaubte, Kaspar Hauser zu sein, oder den, der glaubte, daß er glaubte, Kaspar Hauser zu sein?

STICHANER

Und was glauben Sie, wenn man fragen darf?

FEUERBACH

Ich glaube gar nichts. Ich halte mich an die hochwohllöblichen und staatserhaltenden Akten und Protokolle, die da besagen, daß besagter Kaspar Hauser Kaspar Hauser ist. Ein ganz passabler Rüdesheimer.

STICHANER

Von dem Sie glauben, daß Sie glauben, daß es Rüdesheimer ist.

FEUERBACH

Das Etikett, mein Lieber, das Etikett und die Etikette. Das Kind muß schließlich einen Namen haben. Schenken Sie Wasser aus, und jeder wird sagen, klares Wasser. Kleben Sie ein Etikett auf die Flasche mit Wappen und Goldschrift, und die Leute werden mit der Zunge schnalzen und schwören, es sei ein besonderer Tropfen.

STICHANER

Darf ich Etikette, Wappen und Goldschrift als Anspielung auffassen?

FEUERBACH

Sie dürfen glauben, was Sie glauben.

Die nächsten Trauergäste kommen gruppenweise.

WIRT

nimmt ihnen die Mäntel ab Frau Regierungspräsidentin, Herr Gendarmerieoberleutnant, Herr Verleger. Hickel in seiner Gendarmerieuniform; Kolb im braunen Anzug mit gestreifter Weste.

KOLB

Man hätte sofort nach jedem Menschen fahnden sollen.

HICKEL

Es wurde mit dem Stadtgericht und mit dem Gendarmeriekommando beraten. Befehle wurden erlassen, Gasthäuser visitiert, Nachtzettel, Fremdenbücher, Paßregister –

FRAU STICHANER

Das ist sehr lieb von Ihnen, daß Sie das Bild aufgestellt haben.

WIRT

Aber Frau Regierungspräsidentin, das ist doch selbstverständlich.

FRAU STICHANER

Ich mag dieses Bild sehr.

HICKEL

Es wurde jedenfalls alles getan und nichts unterlassen.

STICHANER

Bei dem großen Gewicht der Sache und bei den politischen Verbindungen, die sie in den Augen des Herrn Staatsministers des Äußeren hat, beschwöre ich Sie, alles aufzubieten und Kosten nicht zu scheuen, um dieses scheußliche Attentat aufzudecken, und den Anschein zu beseitigen, als könne unter den Augen der in puncto Fremdenpolizei wachsamsten Regierung Deutschlands so etwas ungestraft geschehen.

HICKEL

Die Polizeibehörden und das Stadtgericht sind unermüdlich tätig, die Vernehmungen dauern an. Ich beantrage die Aussetzung einer Belohnung von zehntausend Gulden.

STICHANER

Seine Majestät, König Ludwig von Bayern, haben bereits zu erkennen gegeben, daß sie damit einverstanden sein werden.

KOLB

Zehntausend Gulden, eine schöne Summe.

STICHANER

Ich habe trotzdem wenig Hoffnung auf ein die Menschheit versöhnendes Resultat.

KOLB