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Horst-Werner Willenberg

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Beschreibung

P R Ä A M B E L - Im Traum sind alle und ist jedes ich, Fragmente meiner Selbst. Ein „Ich bin“ ohne jede Einschränkung, ohne Schnörkel. Der Wachzustand ist das Konzept, ohne Schlaf zu träumen. Wach zu sein gibt uns die Freiheit der Interpretation unserer selbstgeschaffenen Wirklichkeiten - Bielefeld, 2005 / 20. Juli 2020

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

Die Roland-Saga

Die Ferne Gegenwart

I N D I S P O S

Zwischen Mauern aus Licht geschrieben

Zwischen Moral und Ethik

Pan Narrans

M e r k – M a l e

Die ungelösten Jahre

Impressum

Impressum

Horst-Werner Willenberg

Eduard-Windthorst-Str. 44 - 33604 Bielefeld

https:\\www.netzwesen.info

[email protected]

K a s s i b e r

Kassiber (Deutsch); Substantiv, m; Silbentrennung: Kas·si·ber, Plural: Kas·si·ber; Aussprache: IPA: [kaˈsiːbɐ], Plural: [kaˈsiːbɐ]

Bedeutungen: [1] Gaunersprache: unerlaubte, heimlich (oft in verschlüsselter Form) geschriebene Mitteilung eines Gefangenen, die einem anderen oder Außenstehenden übermittelt wurde.

Herkunft: seit dem 19. Jahrhundert im Rotwelschen kassiwe „Brief, Ausweis“ bezeugt; etwas früher das Grundwort kaseremen „schreiben“, das heute nicht mehr üblich ist; die hebräische Wurzel ist zwar klar, doch ist die genaue Grundform strittig; vermutlich geht es auf das Hebräische כְּתִיבָה‎, CHA keṯīvā(h), „(das) Schreiben“ zurück (dem auch die westjiddischen Formen כּתיבֿה‎, YIVO kesive, „Brief, Geschriebenes“ und כּתיבֿוענען‎, YIVO kesivurenen, „schönschreiben“ entstammen).

 Wiktionary, 12, Dezember 2010

P R Ä A M B E L

Im Traum sind alle und ist jedes ich, Fragmente meiner Selbst. Ein „Ich bin“ ohne jede Einschränkung, ohne Schnörkel. Der Wachzustand ist das Konzept, ohne Schlaf zu träumen. Wach zu sein gibt uns die Freiheit der Interpretation unserer selbstgeschaffenen Wirklichkeiten.

Bielefeld, 2005 / 20. Juli 2020

Die Roland-Saga

Vorwort zur Roland-Saga

Die Frage, ob Roland mein Alter Ego sei, lässt sich leicht beantworten: Ich weiß es definitiv nicht. Was ich weiß ist, dass Roland mir die Welt an den Stellen erklärt, an denen mir ein nüchterner, selbstkritischer Blick entweder ausgesprochen schwerfällt oder ich die Dinge nicht mehr ernst zu nehmen weiß. Einigkeit könnte darin bestehen: letztendlich wäre Roland ohne Sabine verloren. Ist Sabine real oder ein nüchterner Blick auf die Welt, den Roland sich ab und zu dann doch gönnt? Wie dem auch sei, selbst bei genauem Hinsehen bleibt ungewiss, wer hinter den Spiegeln lebt.

Roland macht Umwege

„Alles aufgeben wollte ich nicht, aber irgendwo her musste das Geld kommen. Tief in mir nagte es schon, die Ausbildung geschmissen, mehr Geld geliehen als verdienen können und niemanden Adieu gesagt zu haben.

Dafür saß ich jetzt mit Getränken, Kerzen und Reis bestückt in London, in der Premiere der „Rocky Horror Picture Show“. Schon allein die Atmosphäre rechtfertigte alles. Wie kann man nach so einen schönen Abend, mit so vielen Menschen so allein sein? Ziellos durch London wandern ist tief nachts ein Abenteuer und war für mich eine weitere Premiere. Dass ein Bierlokal zu dieser Zeit geöffnet hat, war einladend genug hinein zu gehen. Später fragte ich mich, ob eine Kneipe mit chinesischen Schriftzeichen mir nicht ungewöhnlich hätte erscheinen sollen. Da es keine freien Tische gab, saß ich mit Fremden zusammen und unterhielt mich mit ihnen bald über Gott und die Welt. Nicht lange, und die Leute am Tisch wussten, dass ich weder für die Heimfahrt noch für eine Übernachtung ausreichend Geld hatte. Später erinnerte ich mich etwas unterschrieben und danach Essen und Trinken reichlich bekommen zu haben.

Übelkeit und das Gefühl, die Welt würde schaukeln waren mir nicht unbekannt, die winzige Kabine mit Stahlwänden schon. Für längere Zeit gab es buchstäblich nur Wasser und Brot. Das Schiff war lange unterwegs und niemand redete mit mir. Eines Nachts wurde mir bedeutet, einem Seemann durch einen Gang in einen Lagerraum zu folgen und mit vielen anderen in einem Container zu steigen. Wie alle anderen bekam ich eine Nummer um den Hals gehängt.

Nach vielen Stunden wurden wir ins Freie gelassen. Hier erfuhren wir, dass wir allesamt einen Vertrag unterschrieben hatten, demzufolge wir als Leiharbeiter verpflichtet waren. Am Einsatzort sollte ein breiter Graben für eine Fernverbindungstrasse freigelegt bzw. gezogen werden. Nach vielen Wochen eintöniger Arbeit setzte bei den chinesischen Aufsehern eine große Aufregung um uns herum ein.

Allmählich erfuhren wir, dass eine erhebliche Anzahl von Terrakotta-Figuren gefunden worden war, Grabbeigaben irgendeines mir unbekannten chinesischen Kaisers. Als mit aufgeregter Anspannung Vorbereitungen getroffen wurden, mich und die anderen „Zwangsarbeiter“ fort zu bringen, schlich ich mich im Schutze der Ereignisse davon und verbarg mich in einer der zahlreichen Baugruben.

Erst nachdem viele Stunden später aller Lärm verklungen war, ging ich ins Freie und sah mich um. Als ich um eine Ecke kam, stand ich unversehens in einer Gruppe von etwa einem Dutzend Personen, die mich gar nicht beachteten, weil ihre ganze Aufmerksamkeit den freigelegten Terrakotta-Kriegern galt. Als ich merkte, dass zwei davon sich in meiner Muttersprache unterhielten, stellte ich mich möglichst unauffällig zu ihnen.“

„Und die haben Dich natürlich sofort durch alle Kontrollen geschmuggelt, Dir die Heimreise finanziert, dich vorher aufgepäppelt von den Strapazen – ach ja, ganz abgesehen davon dass China Leiharbeiter sonst immer exportiert und nicht entführt, um sie zu importieren“ , Sabine holte tief Luft, schaute mich lange an und sprach, wie zu einem störrischen kleinen Kind: „Roland, willst Du mir wirklich nicht einfach sagen, was Du in den letzten Monaten tatsächlich gemacht hast?“

Bielefeld, Juni 2011 / 10.8.20

Roland zeigt Zähne

„Als mir die Erste begegnete erschrak ich. Sie blaffte neben mir los, der Verkaufsraum sei ohne jede Wärme und bald wäre sie daheim. Nach draußen gehend kehrte sie mir die andere Körperhälfte zu und ich sah das kleine, mattschwarze, blaublinkende Hör- und Sprechgerät, auch Bluetooth-Headset genannt.

Die Idee, die Hände beim Telefonieren frei zu haben und die fortschreitende Miniaturisierung gaben dem Qualitätsmerkmal ‘Knopf im Ohr’ der Steiff (Plüsch) Tiere eine neue Bedeutung. Tage später in der Straßenbahn glaubte ich mich gewappnet, als der Mann neben mir völlig entnervt losschimpfte, Drohungen ausstieß und dermaßen gestikulierte, dass er mich andauernd stieß. 10 Minuten später, nachdem ich von seinem Fuß heruntergegangen war und die Versuche das Missverständnis aufzuklären aufgegeben hatte, fragte ich mich, woran ich die Lage hätte erkennen sollen. Und frag mich keiner, wie es mir mit jener Person erging, die dann tatsächlich nur vor sich hinplapperte. Das alles war sehr interessant und schien mir eine einfache Methode der Stressbewältigung und Aufarbeitung.

Die Ausgabe für das Headset war minimal und mein Ohr blieb unbelastet in Anbetracht der von mir eingehaltenen Funkstille. Aber nun konnte ich meinen Unmut in großen wie in kleinen Dingen einfach so vom Stapel lassen. Erboste Blicke von Passanten, Nachbarn, Kollegen und anderen ließen sich mit dem Fingerzeig auf den Knopf im Ohr in die Diskussionsunfähigkeit verdammen. Immer mehr wurde es mir zu Eigen, früher nie angeschnittene Themen so auszusprechen, dass jeder wissen musste, was gemeint ist, aber keiner beweisen konnte, von mir angesprochen zu werden. Mehr und mehr wurde es mir zur zweiten Haut, nichts unausgesprochen zu lassen. Ich lebte in einer Sphäre aufrichtiger Lebensweisheit. Natürlich gab es Unbelehrbare und Zweifler. Wirklich störend waren nur die Neider, die mir nachzuweisen suchten, dass das alles nur eine Farce sei. Dessen ungeachtet, selbst auf der Konferenz, fernab meiner Heimatstadt, fern meinen Kreisen, gewöhnten sich alle schnell daran, dass SIE ja nicht gemeint waren - genossen den Lerneffekt ohne Schuldgefühl. Allerdings...“

“Ja, allerdings...”, unterbrach mich Sabine. “...allerdings musstest Du ja bis zum bitteren Ende den coolen Macker spielen. Nicht nur, dass Du in einer wildfremden Stadt die Einkaufspassagen durchkämmst, um boshafte... Nein, wage es nicht, alles zu verharmlosen! ...um boshafte Bemerkungen in alle Richtungen zu versprühen. Bevor ich es vergesse, ich soll Dich von dem Polizisten, der Dich hierhergebracht hat, grüßen. Du seist ja nicht der erste, der nach einer gepfefferten Beamtenbeleidigung mit einem dümmlichen Grinsen auf seinen Kopf zeigt - jedoch warst Du der Allererste ohne ein Bluetooth-Headset. Er fand sich anscheinend auch witzig, Dich, anstatt Dir eine Anzeige zu verpassen oder auf die Wache mitzunehmen, hier in einer Nervenheilanstalt wegen selbstgefährdenden Verhaltens abzuliefern.

Wie es auch sei, der Arzt sagte mir, diese Form des Realitätsverlustes könne sich auch nur am Bluetooth-Headset festmachen, es sei fraglich, ob Du wirklich nur Unfug getrieben hast. Immer mehr erkrankte Menschen nutzen die “Deckung” hinter einem solchen Headset. Er fragt sich, ob es nicht doch nötig sei, eine längere Untersuchung bei Dir vorzunehmen, um jede Erkrankung auszuschließen ...”

Ich muss sehr blass geworden sein, Sabine streichelte mir über das Ohr und sagte nur: “Komm.”

Bielefeld, 2011 / 10.8.20

Roland macht Kohle

„Dass es eine Gaunerei würde, wusste ich eigentlich recht schnell. Als Gauner wollte ich mich aber nicht fühlen. Es war kein Lawinenlotto oder Webseiten-Abo, dennoch… Ich muss wohl von vorne anfangen.

Ich hatte schon immer ein Faible für Menschenrechte, die Umwelt und so. Besonders Kinder in menschenverachtenden Ländern lagen mir am Herzen. Kein Wunder also, dass ich bei der Internet - Fragebogen-Aktion: Wie sehen Sie die Kinder dieser Welt – mit mehr als nur Neugierde mitmachte. Zugegeben, die Fragen erschienen mir nach kurzer Zeit äußerst unprofessionell. Aber aller Anfang ist schwer und man gibt ja auch gerne Starthilfe. Viel interessanter war, dass wenige Tage später eine E-Mail an mich eintraf, in der mir für die offenen und berührenden Antworten gedankt wurde. Man wolle meine knapp bemessene Zeit wirklich nicht beanspruchen. Aber wenn ich doch die eine oder andere Minute bereit wäre, für menschenfreundliche Zwecke einzusetzen…, natürlich gibt es auch eine durchaus respektable Entschädigung für allen Aufwand.

Die international agierende Organisation „Thanksgiving“, der Name sei eine Hommage an den Gründungstag, wäre erfreut, ein Angebot machen zu können, dass allen Beteiligten zum Vorteil gereiche. Diskretion wird zugesichert und vorausgesetzt. Wie ich ja wüsste, ist es gerade in den Ländern, in denen Kinder am stärksten Leiden, am schwersten, Hilfe vor Ort zu leisten. Geradezu himmelschreiend sei die Tatsache, dass ausgerechnet schnöder Mammon, ja Bargeld, am einfachsten sein Ziel erreiche und wirkungsvoll arbeite. Gerade das aber könne man im Sinne schneller Aktionen umsetzen.

Geld, das von Privatpersonen in meinem Land komme, von Menschen wie mir, ohne nachvollziehbare Verbindungen zu sozialen oder caritativen Netzwerken. Dieses Geld an Unternehmer des Ziellandes zu überweisen, die den Willen und die Macht besitzen, das Geld seiner Bestimmung zuzuführen wäre meine Aufgabe. Auf diesem Weg könne ich die erforderliche Hilfe ermöglichen. Gegen eine Aufwandsentschädigung (wegen der Steuer) und einem Honorar, wie es sich für jede anständige Leistung gehöre. Ich brauchte nur meine Kontodaten zu nennen. Im Laufe der Zeit kamen Emails, welche Beträge ich, abzüglich meines Salärs, wohin bzw. an wen überweisen solle. Nichts Kriminelles, denn den Bösen ein Schnippchen schlagen ist gut, und für die Kinder, das ist etwas Edles. Gut und edel fühlte ich mich also, bis, ja bis…“

„Ja, bis Dir wildfremde Leute die Wohnungstüre eingeschlagen haben und Deinen Computer zertrümmerten, um die Festplatte schnell rauszuholen. Bis dir K.O.-Tropfen eingeflößt wurden, nachdem man Dir klargemacht hat, dass die angeblich böse Tyrannenregierung nur eines will: Du sollst aufhören, die Geldwäsche für die im Untergrund agierende Opposition zu leisten, sonst sähest Du bald aus wie Deine Wohnung.“

Sabine ließ einen Blick durch mein Zimmer wandern, in dem quasi alles irgendwie zerschlitzt, zerrissen, zerstampft war – manchmal sogar alles auf einmal. Sie nahm ihren Laptop aus Ihrer Tasche und sprach, für meine Begriffe gefährlich gut gelaunt: „Gut, dass wir Schlüssel voneinander haben. Dann wollen wir mal Deine unrechtmäßigen Gewinne an ein seriöses Kinderhilfswerk überweisen. Solltest Du Deinen Gewinn behalten wollen, kann ich gerne die Polizei anrufen. Gefesselt ist das Telefonieren nicht einfach, ich weiß. Bin gespannt, wie die Geschichte Deines Wohnungszustandes sich dann anhören wird. Nein? Gut, dann nenne mir mal Deine Kontodaten, da bist Du ja wohl schon geübt drin.“

Bielefeld, 7.3.12 / 10.8.20

Roland zählt Schafe

„Es wirkte alles sorglos, überschaubar. Die blökend weidende Schafherde am gegenüberliegenden Flussufer ließ die Kaserne und das Übungsgelände des 22. Pionierbataillons fast ländlich erscheinen. In den ersten Augenblicken schienen es mir nur ein, zwei Dutzend grasende Schafe zu sein. Ich ließ mich zu der Rast, zu der ich mich von der Szene auffordern ließ, gerne nieder.

Anfangs sah ich kein Muster in den Laufbewegungen und das Blöken klang einfach nur chaotisch. Auch das Fehlen von Menschen oder auch nur Hirtenhunden war mir anfangs nicht bewusst. Je ruhiger mein Atem und mein Herzschlag wurden, desto aufgeregter erschienen mir die Schafe. Immer mehr Gruppen von bis zu zwei Handvoll Schafen wurden mir gewahr. Einige von Ihnen drängten sich an einem Steilufer eines kurzen Seitenarmes und blökten sich gegenseitig an, nicht zu drängeln. Zwar sei der Rasen am Hang grüner als alles andere Gras, aber in der Enge könne auch mal jemand ins Wasser fallen. Die, die das frische Rasengelände nur rochen, widersprachen denen, die sie zurückhalten wollten, um selbst gefahrlos an die Reihe zu kommen. Inzwischen sprach sich bei den abseits weidenden Schafen schnell herum, dass eine Gruppe Außenseiter neuen Weidegrund für sich in Anspruch nehme, ohne teilen zu wollen. Die zum Konfliktherd strebenden Schafe machten mit ununterbrochenem Blöken klar, dass sie die neue Elite nicht akzeptieren würden und drängten mit aller Macht in den Ereigniskessel.

Die selbsternannten Statthalter des Hangweidegrundes griffen nach kurzer Beratung zur religiösen Kriegsführung. Botschafter liefen zur weit abseitsstehenden Hauptherde und kündeten von der Respektlosigkeit der Angreifer gegenüber der heiligen Stätte, die doch schon immer ein Ort des Friedens gewesen sei und baten alle Rechtgläubigen um Unterstützung. Schon bald eilten Gruppen Gläubiger zum geweihten Ort, um die Priester vor den Übergriffen der Barbaren und Heiden mit Leib und Leben zu schützen. Die Stimmen einzelner, noch besonnener Schafe gingen unter in dem wilden Blöken der zum Kampf entschlossenen. Doch nun sandten auch die Angreifer Boten zu den abseitsstehenden Gruppen um Anhänger zu gewinnen. Ein heiliger Bürgerkrieg – um 10 Quadratmeter niedergetrampelten Rasen in gefährlicher Hanglage – schien unausweichlich.

Doch zwischen dem Schlachtblöken drangen Stimmen durch, dass nur die Große Herde stark sei und es gewiss einen Sündenbock gäbe, der dies alles eingebrockt habe.

Es ist ein seltsames Gefühl, von Dutzenden über Dutzenden sowieso schon fremdartig dreinblickender Schafe angestarrt zu werden. Als die Schafe einfach mit Ihrer Masse den Zaun des Pionierbataillons eindrückten und begannen, Brückenpontons zur Flussfurt gegenüber meinem Standort zu schieben, dämmerte mir, wen die Anführer obskurer weise als Sündenbock auserkoren hatten. Ich fing an um Hilfe zu rufen, denn ich saß paralysiert und konnte nicht einmal aufstehen, um davonzulaufen. Die Brücke wuchs blitzschnell auf mich zu und Hunderte von bleckenden Schafgebissen…“

„Roland, Roland, Roland!“ Sabine schien völlig unbeeindruckt. „Und Du willst mir nun wirklich einreden, dies sei nur geschehen, weil ich Dir „Schäfchen zählen“ gegen Deine Schlaflosigkeit empfohlen habe?“

Sommer 2010 / Schloss Corvey / Bielefeld, 2020

Roland abonniert Lifestyle

„An fing es denkbar harmlos. Ich habe doch nur ein wenig Spaß gewollt. Wirklich süchtig bin ich auch nicht. Es bereitet mir halt Vergnügen. Ich kann andere teilhaben lassen. Es lässt sich verschenken. Eigentlich braucht es jeder und fast jeder, na gut, ganz viele haben es. Es ist Ausdruck unserer Zeit, unseres Zeitverständnisses, weit mehr als eine Mode, Lifestyle eben. Es mit Designerdrogen zu vergleichen ist nur ein billiger Trick von Menschen, die totlangweilig sein wollen. Dass es so leicht zu beschaffen ist, dass fast jeder, der es hat, gleich ganz viele Zwischenhändler kennt, und wie billig es ist… Gut, natürlich gibt es da Auswüchse, Verlust von Selbstkontrolle und so.

Wenn jemand, dem ein Handy und ein Internetvertrag schon gehören, für jemanden, der auch schon einen Vertrag hat, ein Handy mit zwei Internetverträgen kauft… Oder wer sich ständig bei neuen Anbietern einkauft, aber die Überschneidungen der laufenden Verträge ignoriert… Ja da wird doch nicht mehr richtig gerechnet. Aber zurück zu mir. Vielleicht habe ich ja ein ganz klein wenig zu viel haben wollen.  Mir ging es ja darum, wirklich stimmige Klingeltöne zu bekommen. Klar gibt es kostenlose Standardvorlagen auf den Handys, aber erst in einer großen Auswahl lässt sich bestimmen, was zu welchem Anrufer passt. Selbst bei drei Dutzend Anrufern schon vom Klingelton her entscheiden zu können, wer mich zu sprechen wünscht. Echt schick ist aber die Möglichkeit, Anrufbeantwortertexte herunterladen zu können.

Nicht nur allgemein oder je nach Anrufer und/oder Situation einen Text aufzulegen, sondern auch der eigenen Gemütslage entsprechende Hörstücke – dass erfordert schon ein geschmackvolles Repertoire und den entschlossenen Einsatz entsprechender Finanzmittel. Vielleicht, ja wirklich, vielleicht hätte ich die Konditionen hinterfragen sollen. Aber eigentlich ist es doch logisch, ein Abonnement auf so einfach kopierbare Leistungen zu legen, um den absehbaren Wildwuchs wirtschaftlich auszugleichen. Nicht nur die Leichtigkeit der Dinge („…senden Sie eine SMS an…“), sondern der direkte Austausch mit Freunden, Bekannten und ja, selbst Reisebekanntschaften („…ich gebe es Dir mal eben per Bluetooth rüber...“), das alles macht es so einfach, sich dazu gehörig zu fühlen. Tja, und dazu gehört eben auch zu zahlen. Nur…“ Schroff unterbrach mich Sabine.

„Ja, ja… Nur! Nur hast Du keinen Prepaid-Vertrag. Dann könntest Du einfach die Sim-Karte des Telefons fortwerfen und eine neue kaufen. So laufen auf Deinem Vertragshandy fast 40 Abo-Verträge für Klingeltöne, Ansagetexte und einiges, von dem Du vielleicht nichts wissen willst. 38 Verträge, mindestens mal 4, macht € 162,-- monatlich Minimum. Ich wage gar nicht zu fragen, was davon wirklich zum Einsatz kam. Nur 1 Euro pro Abo, ja klasse, für die Anbieter versteht sich, weil das dann wöchentlich gilt, was natürlich erst auf der Monatsrechnung sichtbar wurde. Verträge mit unbegrenzter Laufzeit!“

Mich beschlich das Gefühl, dass Sabine nun richtig sauer würde.

„Aber Du hoffst monatelang, diese Probleme würden sich von allein erledigen. Dass erst der Verlust der Urlaubskasse Dich zur Besinnung bringt ist es, was mich wirklich nervt. Ich habe der netten Dame an der Hotline Deiner Mobilfunkgesellschaft gegenüber behauptet, was Sie mir zwischen den Zeilen nahegelegt hat. Dass es um ein Handy geht, dass Du Deinem minderjährigen Neffen spendiert hast und Du alle Abos Deines Handys auf dieser Grundlage sofort gekündigt bekommen hast. Ich hoffe Du weißt, wie dunkelblau das Auge ist, mit dem Du nun davongekommen bist!“

Bielefeld, 7.1.12 / 10.8.20

Roland organisiert sich

„Sie werden in 2 Minuten die Pünktlichkeitsgrenze überschreiten.“ „Inzwischen schätzt mein iMem™ jede Mitteilung dringend ein. Es weiß via Satellitendaten nicht nur, wann ein Termin ansteht, sondern an welchen Koordinaten, hat Kenntnis wo ich bin und in welcher Richtung mit welcher Geschwindigkeit und welchem Verkehrsmittel unterwegs. Es lotet die dementsprechenden Wege und Verbindungen aus, berücksichtigt meine finanziellen und sonstigen Möglichkeiten – um mir Bescheid zu geben, wann genau ich nicht mehr pünktlich sein…können…werde. Eine großartige Sache.

Nur… ohne die „Wahrscheinlichkeiten“-Option wäre es doch… in Ordnung, von vorne also. Trotz ihrer Umständlichkeit sprach mich die Werbung direkt an: Was nützen Terminkalender, wenn man 3 Stück davon an fünf Orten sorgfältig führen muss? Und dann erreicht man den Terminort dennoch verspätet, weil eine Viertelstunde vorher benachrichtigt zu werden nicht hilft, wenn man unvermuteter Weise 15 Minuten vorher gute 30 Minuten weit vom Treffpunkt weg ist. DAS Problem kenne ich, sagte ich Sekunden später dem Verkäufer und bat um seinen Lösungsvorschlag. So lernte ich das iMem™ 2.0 kennen. (Später erfuhr ich, ein Modell 1.0 hat es nie gegeben, weil die Werbepsychologen den Auftrag hatten, ein ausgereiftes Modell anzubieten). Natürlich kann es auch im Internet surfen und Telefonie, Musik und Videos abspielen, kleine Spiele, GPS, WLAN, UMTS sowie Dutzende denkbarer Kombinationen des Alphabets.

Den Preis war das schicke Design wert, ein wirklich gutes Design. Der Verkäufer brachte eine Schachtel, die mir sehr groß erschien und holte ein dickes Buch hervor. Diese „Betriebsanleitung“ entpuppte sich allerdings als das dazugehörige Vertragswerk. Ich begriff, dass das iMem™ nur mit uneingeschränktem Zugriff auf meine Daten ordentlich funktionieren kann. Die iMem™-Produzenten hatten vorgesorgt. Ich brauchte nur zu jeder Zusatzoption die entsprechenden Vollmachten unterschreiben. Alles Weitere wurde fast wie von selbst eingerichtet. Ach ja, habe ich die Wahrscheinlichkeits-Option schon… Ja, gut, also die brauchte eine Menge Vollmachten, sogar eine von mir an mich selbst, hahaha. Dafür wurde mir zugesichert, dass mein Bewegungsverhalten binnen eines Jahres zu 99 % hochgerechnet werden könne. Natürlich bedingt das eine riesige Menge Datenerhebungen und langfristige Speicherung beim Anbieter.

Das Gerät kann nicht ausgeschaltet und nur gewaltsam vom Handgelenk abgelegt werden. Versuche der Entfernung ziehen effiziente Stromschläge nach sich. Das stand leider nur im Kleingedruckten, wie auch, dass die Wahrscheinlichkeits-Option beinhaltet, alle bekannten Termine und Aufgaben zu suchen und ohne Möglichkeit des Ignorierens zu melden. Das kann peinlich werden, wie jene Situation, in der eine anmutige Frauenstimme jeden gefundenen Computervirus im durchsuchten Email-Fach mit dem „leisen“ Aufschrei begrüßt: „Ja was haben wir denn da? Das muss aber wieder weg.“, ungeachtet dessen, dass ich mich auf dem Bahnhofsklo erleichterte. Oder die Kollegen, die den ganzen Tag meine ihnen von meinem iMem™ aufgezählten Familientermine kommentieren. Das Gerät lässt sich nicht nur nicht entfernen, sondern hört ständig hin, ob ich Aufgaben, Termine oder sonst was formuliere, im Zweifelsfall als täglich wiederholbares Ereignis. Was soll ich bloß tun?“

„Vor allem nicht so übertreiben, wenn Du Hilfe brauchst!“, sagte Sabine, während sie auf einem Zettel kritzelte. Ich nahm den Zettel, den Sabine mir nun stumm hinhielt.

Darauf stand ‚Sage hier und jetzt laut und deutlich‘:

„Ohne Rückfragen alle Aufgaben und Termine löschen und iMem™ sofort abschalten!“   KLICK…

Bielefeld, 7.3.12 / 10.8.20

Roland geht fremd

„Warum ist das so schwer zu glauben? Ich hatte es nicht vor, es war keine Absicht. Ja, natürlich wusste ich von Anfang an, dass es ein gewagtes Spiel ist, soviel auf einmal auszuprobieren. Aber sie war so…überzeugend. Nicht wirklich besonders aufregend, eher solide wirkend. Sie gab mir halt das Gefühl mich zu verstehen, das fand ich beeindruckend.

Es ist ja nicht so, dass ich losgezogen wäre, ein solches Angebot zu suchen. Aber nachdem ich sie nun mal gefunden hatte, musste ich anerkennen, dass sie sehr schnell verstand, was ich will und kann. Ich meine, da redet man gerade ein paar Minuten miteinander und zack, kennt sie mich und meine Möglichkeiten und weiß genau, was sie mir anzubieten hat. Das erlebt man doch nicht alle Tage! Diese furchtbaren Missverständnisse, zu denen es dann gekommen ist, das hat keiner gewollt, ich sowieso nicht und sie, naja vielleicht hat sie es…hingenommen!? Aber ja, ja, ja – ich hätte deutlicher erklären sollen, was ich will, was ich machen will – von ihr will.

Genaugenommen weiß ich immer noch nicht, was sie wirklich gesagt hat, an sich habe ich inzwischen ernsthafte Zweifel, ob ihre Worte und ihr Auftreten zusammenhängend waren. Aber stimmig war es schon.

Ich meine, dass muss doch mal verstanden werden, die Worte gingen hin und her, aber handelseinig kann man sich doch nur werden, wenn einer der anderen Sprache halbwegs versteht. Deshalb empfand ich die Nutzung eines Internettranslators als Übersetzungshilfe nur konsequent, zumal so ein Videochat selten die Qualität hat, die die Werbung so überzeugend vorgaukelt. Und so ging das dann, ich sagte ihr, was ich will, sie sagte was sie machen kann und was das kosten soll, führte mir auch alles vor, so gut es ging. Sicherlich weiß ich es jetzt. Mehr als Fünf-Wort-Sätze mit überprüfter Rückwärtsübersetzung sollte man wohl nicht durch die Übersetzungsmaschine schicken. Und in die Fremde gehen, um mal was Exotisches… verflixt noch mal, woher hätte ich denn wissen sollen, dass „for the whole family“ weder…“

„…weder familiengeeignet noch für jedes Familienmitglied geeignet bedeutet, sondern sich auf die Bestellmenge „für Großfamilientreffen ab 120 Personen“ bezog.“ Sabin sah mich…abwägend(?) an. „Nun ja, nicht jeder hat ein ausgereiztes Kreditkartenkonto für eine transportable Großküche aufzuweisen, mal abgesehen davon, dass Dein Schlafzimmer wie ein Paketumschlagplatz aussieht. Jedenfalls sehr nett vom Zollamt, Deine Wohnung zur Freihandelszone zu erklären, um die Waren als Re-Import mit geringem Werteverlust im Absenderland zu verscherbeln. Aber“ und dabei drehte sie süffisant lächelnd Kamera und Laptop in meine Richtung zurück „ich bin mir sicher, Du wirst im Videochat wesentlich überzeugender wirken als ich, denn ich bin nicht bankrott. Ach ja, das Übersetzungsprogramm habe ich Dir auch schon aktiviert.“

Bielefeld, 7.3.12 / 10.8.20

Die Ferne Gegenwart

Angeblich sind wir nicht in der Lage, mit unseren Sinnen Ereignisse voneinander zu trennen, die zeitlich zu nah beieinander liegen. Für die Augen soll dies 1/17-tel Sekunde sein. Ich sehe nichts, was vor weniger als einer siebzehntel Sekunde geschah. Sicher gibt es andere Zahlen für andere Sinne. Diese geschehende noch nicht wahrgenommene Zeit nenne ich: Die Ferne Gegenwart. Diese Ereignisspanne dient mir als Synonym für die Dinge, die nicht mehr in der Zukunft liegen, aber noch nicht erlebte Gegenwart sind.

Kennen Sie John Murr?

Amerikanische und europäische Patentgerichte bestätigten: Zellbestandteile lebender Menschen können patentiert werden, das Recht auf Weitergabe liegt nicht bei der Person, der die Proben entnommen wurden, sondern beim Patentinhaber. John Murr ist als erster Mensch der euroamerikanischen Sphäre nicht mehr Eigentümer seines gesamten Zellbestandes. Beide Gerichte entsprachen der Auffassung des Antragstellers, dass die besondere Verwendbarkeit der persönlichen Milzzellen John Murr´s nach der ebenfalls patentierten Verfahrensmethode des Antragstellers bedingt, dass John Murr seine Milzzellen nicht nach eigenem Ermessen anderen Einrichtungen als der des Antragstellers zur Verfügung stellen darf.

---ENDE DER LESEPROBE---