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Das Mittelalter war dunkel, rückständig und mies? Nein! Wein, Intrigen, Kerkerhaft und ein Möbelstück sind nur ein paar Gründe, weshalb ein junger Mann mit Verstand und Durchhaltevermögen seine Chance auf Macht wittert. Denn nach dem Tod seines Vaters will der unehelich geborene Karl es bis ganz nach oben schaffen -- wenn da nur die Familie nicht wäre.
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Seitenzahl: 181
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Für Julia
Kastensitz
(Dezember 714)
Pippin saß in seinem mit weichem Fell versehenen Kastensitz, diesem liebevoll und großzügig verzierten Objekt, das ihn immer an seinen Opa erinnerte, der aus für ihn unerfindlichen Gründen auch Pippin geheißen hatte, und ärgerte sich. Warum mussten eigentlich alle Mütter, oder zumindest ein Teil von ihnen, ihre Söhne Pippin nennen? Allein der Name strahlte schon so etwas aus, so etwas – Kindisches. Ja, er hatte diesen Geschmack. Diesen Geschmack von – , kurzum es hatte einfach etwas Negatives an sich, ausgerechnet Pippin zu heißen. Andererseits konnte er da jetzt im Nachhinein auch nichts mehr daran ändern. Doch er regte sich eigentlich wegen etwas anderem auf.
Wie war er denn jetzt nur auf dieses leidige Namensthema gekommen? Ach ja, des Sitzmöbels wegen, das ihn tatsächlich immer an seinen Opa erinnerte. Dieser wunderschöne, dieser göttliche und überaus bequeme Kastensitz – ein Gedicht von einer Sitzgelegenheit, in dem man so bequem saß und in dem bereits sein Opa Pippin schon so bequem, ja, man muss es durchaus so formulieren, gethront hatte.
Pippin ertappte sich dabei, wie er schon wieder auf abwegige Gedanken kam; es war wirklich wie ein Teufelskreis und er scheinbar (er musste sich konzentrieren!) nicht in der Lage, gründliche und präzise Überlegungen anzustellen, so wie er es, sozusagen, im Normalfall gewohnt war. Er hatte doch eben noch einen Grund gehabt sich zu ärgern, das wusste er noch, aber über was genau, war ihm natürlich wieder einmal entfallen.
War es wegen einer der Söhne? Wegen seiner Frau? Oh, diese Frau; ständig wollte sie etwas von ihm: Pippin solle dies tun, Pippin solle jenes tun, ob Pippin schon die Aufgaben abgearbeitet habe, zu ihrer vollsten Zufriedenheit, wie sie es angeordnet habe? Er hörte sie in einer Tour keifen, und das, obwohl sie sich nicht hier im Raum befand, so traumatisiert war er bereits. Sie war von Anfang an ein Fluch, eine Prüfung jeden Tag, aber er konnte nicht anders, er hatte sie heiraten müssen, allein der Ländereien wegen und auch politisch war es klug gewesen. Aber trotzdem, eine Prüfung war es und allein schon bei diesem Gedanken erschütterte ein heftiges Zittern seinen Körper vom Scheitel bis zur Sohle. Sie war eine gemeine Frau, aber ihretwegen hatte er sich nicht aufregen wollen – damit hatte er abgeschlossen.
Es musste also wegen eines seiner Söhne gewesen sein. Drogo kam ja wohl nicht mehr in Frage, der war ja schon seit einigen Jahren tot. Dabei hatte Pippin all seine Hoffnung in ihn gesteckt. Er hatte ihn ordentlich erzogen, nach guter, alter fränkischer Manier, hatte ihm gezeigt, wie man sich Frauen gegenüber verhielt, wie man sich erfolgreich gegenüber anderen Großen im Frankenreich behauptete und, was das wichtigste war: er hatte ihm gezeigt, wie man es schaffen konnte, mit einer geschickten Heiratspolitik und durch die hohe Kunst Bündnisse zu knüpfen im Frankenreich nach ganz nach oben zu kommen.
Pippin hatte auch konsequent dafür gesorgt, Drogo ordentlich zu verheiraten und ihn anschließend zum dux gemacht, sogar zum dux der Burgunder! Der Bub hatte einen guten Start gehabt in das richtige, das fränkische Leben und dann, dann starb er plötzlich, einfach so.
Da fiel ihm wieder ein, dass es durchaus schon einige dunkle Kapitel in der Familie gegeben hatte, was er niemals in der Öffentlichkeit zugeben würde, aber hier auf seinem Kastensitz war er alleine, konnte die Wahrheit schonungslos ausbreiten. Auf seine beiden Opas Arnulf und Pippin (aha, nochmals der doofe Name) war er freilich stolz und erzählte jedem, ob er es nun hören wollte oder nicht, wie die beiden damals gemeinsame Sache gemacht hatten. Es war aber auch wirklich beeindruckend gewesen, wie sie an der Spitze der sogenannten Großen im Frankenreich Chlothar, dem alten Merowinger, in Austrien zur Macht verholfen hatten. Gegen diese Brunichilde – ein geschickter Schachzug!
Natürlich war diese Unterstützung nicht aus reiner Menschenliebe gewährt worden. Er musste seinen Opas ja irgendwie danken, und so kam sein Opa Pippin an das elegante und nach dem Sieg Chlothars mehr als anständig erweiterte Hausmeieramt. Welch überdurchschnittliche Macht sein Opa plötzlich inne hatte!
Pippin musste an dieser Stelle jedes Mal schmunzeln und leise in sich hineinlachen, denn diesem Hausmeieramt hatte er selbst, verdammt nochmal, vieles zu verdanken. Er würde ohne das Amt heute nicht das sein was er war, ein princeps! Er kannte außer sich keinen weiteren princeps, außer selbstredend denen von früher, die bei den Römern geherrscht hatten, aber das war ja auch schon lange her und die Gegebenheiten hatten sich doch leicht geändert, die hatten auch länger Zeit gehabt, um ihr Reich zu etablieren! Das hatten sie ihm voraus. Die Römer hatten ihm aber auch noch mehr voraus: ihr Reich war einfach größer! Viel größer! Und diese principes von früher waren legitime Herrscher, ganz im Gegensatz zu ihm. Er hatte zwar Macht, ja, aber er konnte einfach kein richtiger König sein. Es war ungerecht, soviel wusste er auf jeden Fall.
Er schweifte schon wieder ab, wie immer. Aber wo war er stehen geblieben? Ach ja, bei den Opas. Pippin als Hausmeier und Arnulf, der damals Erzieher von den kleinen minderjährigen und dummen Merowingerkindern geworden war. Ja, ja, da hatten die beiden großen Einfluss ausüben können. Es musste eine schöne Zeit gewesen sein, früher, als noch alles besser war.
Es lief für seine Familie gut an damals, bis sein Onkel Grimoald alles kaputt gemacht hatte, der Idiot. Warum war er nicht zufrieden gewesen mit dem Hausmeieramt? Alles wäre gut geworden. Idiot! Idiot! Idiot! Pippin bekam jedes Mal einen großen Zorn wegen dieser unnötigen Geschichte, die er natürlich nicht so gerne und auch nicht so oft erzählte. Aber das Schlimmste war, dass er seinen eigenen Sohn auch Grimoald nennen musste, nur um von dem anderen Grimoald abzulenken und endgültig Gras über diese unschöne Sache wachsen zu lassen. Und dieser Name war nicht nur der Geschichte wegen ein Graus, nein, er klang auch so düster, so nach trostlosem dunklen Wald voller abgestorbener Bäume und viel nacktem, grauen Fels, an dem Blut klebte. Naja, immerhin lenkte sein Sohn Grimoald von Onkel Grimoald ab, gewissermaßen war der Name durch seinen eigenen Sohn wieder reingewaschen worden. Zum Glück.
Pippin war jedoch mit seinem eigentlichen Gedanken immer noch kein Stück weitergekommen. Er hatte sich doch ursprünglich über etwas Bestimmtes geärgert, wusste jedoch immer noch nicht über was und auch nicht warum. Er wurde einfach älter, das war nicht länger zu verleugnen, zumindest nicht vor sich selbst. Nach außen würde er das freilich niemals zugeben. Aber statt weiter über das eigentliche Problem nachzugrübeln, reflektierte er die komplette Familiengeschichte, als wäre das alles neu für ihn.
Wieder driftete er ab in die Welt der Träume, erinnerte sich nun an Chalpaida, wenn auch nur noch dunkel. Wie lange war es jetzt her, dass er sich von ihr getrennt hatte und wieder zu Plektrud zurückgekehrt war? Zwölf Jahre, eine lange Zeit. Es war eine schöne Zeit gewesen mit ihr, der kleine Karl hatte sich zu einem strammen jungen Mann entwickelt und gutes Aussehen war ihm sowieso gegeben; im Endeffekt konnte es ja auch kaum anders sein, bei dem Vater.
Chalpaida war immer zärtlich zu ihm, Pippin, gewesen, hatte ihn verwöhnt und als dumm hatte man sie auch nicht bezeichnen können. Aber was sollte man machen? Liebe hin oder her, er musste ja damals auch irgendwie die Macht sichern. Hinzu kam noch, dass der kleine Karl im Grund genommen kein legitimer Sohn war und so sehr Pippin ihn mochte, denn er mochte alle seine Kinder gerne, an der Spitze der Familie konnte er kaum stehen. Die jetzige Situation war zudem im höchsten Maße unbefriedigend, denn es gab noch weit mehr Probleme. Irgend so ein Friese, und Pippin hasste die Friesen, hatte vor kurzem seinen Sohn Grimoald erschlagen, hinterrücks und feige. Er hasste sie, diese Drecksfriesen.
Pippin kochte innerlich vor Wut. Er hatte schon Drogo verloren und jetzt auch noch das. Es war schlichtweg ungerecht. Wer sollte jetzt seine Nachfolge antreten? Er hatte als junger Mann für all das gekämpft, was jetzt in seinem Macht- und Einflussbereich lag, hatte sich gegen viele andere fränkische Große behaupten müssen, teils auch mit Mitteln, über die er weniger gern sprach, aber er hatte es schließlich geschafft nach ganz vorne zu kommen und seitdem diese Vormachtstellung im Frankenreich 27 Jahre lang behauptet! Und jetzt? Jetzt starben ihm alle seine Söhne weg und keiner war mehr übrig für seine Nachfolge, zumindest keiner, den andere fränkische Große auch akzeptieren würden. Es war wirklich total ungerecht.
Pippin glaubte sich daran zu erinnern, dass er auf Druck von Plektrud eingewilligt hatte, Theudoald, seinen Enkel, zum Nachfolger zu machen, aber auch der war kein richtiger legitimer Sprössling. Aber er konnte sich selten, eigentlich nie, gegen den Plektrudschen Druck zur Wehr setzen. Da hörte seine Macht schlichtweg auf.
Diesen Theudoald gab es nur, weil sein Sohn Grimoald dieser einen Frau, dieser Konkubine, damals nicht widerstehen konnte. Pippin fing plötzlich wieder an innerlich zu grinsen und sein Hass war kurzzeitig wie weggeweht, er konnte ja selbst den Frauen kaum widerstehen, das hatte der Bub auf jeden Fall von ihm geerbt! Theudoald war nicht die beste Wahl und noch minderjährig dazu, aber sonst gab es niemanden mehr, dem man hätte das Hausmeieramt übertragen können. Außer Karl, aber der stand nicht zur Debatte.
Mit einem Mal wusste Pippin wieder, über was er sich geärgert hatte. Über genau diese blöde Nachfolgesache. Ja genau das war es, alles tot um ihn herum, was als brauchbar zu bezeichnen war, und er allein am Kamin. Wenigstens saß er in diesem wahnsinnig bequemen Sitzmöbelstück, jedenfalls das würde ihn niemals verlassen. Er ärgerte sich trotzdem immer weiter. Er kochte mehr und mehr in seinem Inneren und wurde dazu roter und roter im Gesicht.
Bildete er sich das jetzt nur ein oder bekam er plötzlich keine Luft mehr? So ein Mist, er konnte tatsächlich nicht mehr atmen und alles nur wegen dieser blöden Nachfolgesache. Er machte sich jetzt langsam Sorgen wegen der Luft, die er zum Weiterleben so dringend brauchte, doch sie kam nicht. Sie sollte auch nie wieder kommen.
Das Jahr endete somit sehr schlecht. Pippin war tot, Plektrud Witwe, kein ordentlicher Nachfolger in Sicht; und die Probleme fingen gerade erst an.
Karl schlenderte durch die alten Gemäuer seines bescheidenen Heims, und plötzlich sah er ihn – den Kastensitz, auf dem Pippin seinerzeit immer gesessen und über die Welt, seine eigene kleine Welt sinniert hatte. Karl verspürte das dringende Verlangen, sich auf dem Sitz niederzulassen – wenn ihn ein solches Verlangen packte, konnte er, wie in diesem Fall auch, niemals widerstehen. Er wollte selbst über ein paar Dinge nachdenken. Dinge, die ihm schon seit langer Zeit im Gedächtnis herumschwirrten. Schlimme Dinge die womöglich in seinem Tod gipfeln könnten. Er machte sich Sorgen wegen Plektrud, denn die hatte ihn nie gemocht.
Man merkte es an vielen kleinen Details, zum Beispiel bekam er beim Essen immer das kleinste Stück Fleisch mit dem größten Fettanteil, dazu oft mit verbrannten, ekeligen Stellen. Oder wenn es neue Kleidung gab, war seine nie so schön und nie so gut verarbeitet wie die seiner Halbgeschwister Drogo und Grimoald, Gott hab` sie beide selig. Auch sein Schlafgemach schien bäuerlicher ausgestattet zu sein als das der Anderen.
Nein, er durfte sich nicht wieder hinein steigern in die ewige Opferrolle, er war kein Opfertyp, das wusste er, aber es war leicht, die Schuld auf andere zu schieben und sich selbst zu bemitleiden. Nein, er durfte es nicht so weit kommen lassen. Karl erhob sich sofort heroisch aus dem Kastensitz und reckte die geballte Faust gen Himmel, er musste etwas unternehmen! Egal wie viele Steine Plektrud ihm in den Weg werfen würde, er musste und er würde es schaffen! Er würde der Herrscher des Frankenreiches werden!
Er war nach diesem Selbstlob sehr zufrieden mit sich, seinem neuen Selbstbewusstsein und seinem Ziel, so dass er auch noch die zweite Faust ballte und nach oben ausstreckte. Dabei merkte er, dass er auf der Sitzfläche des Kastensitzes nicht angemessen hoch stand und stellte sich mit beiden Füßen auf die Seitenwände, auch um dem Himmel ein Stück näher zu sein und um seinen Plan richtig zu bekräftigen und dessen Ernsthaftigkeit vor sich selbst und vor Gott zu verdeutlichen, ja gleichsam zu besiegeln.
Er dachte an all die Helden aus vergangener Zeit, die sich in eine ungewisse Zukunft begeben hatten, mit nichts weiter als einem Ziel vor Augen, und selbst das war oft kein konkretes, meistens hatten sie es nur als vage Vorstellung dabei. Im Grunde genommen begaben sich diese Helden ja auch auf komische Missionen. Sie setzten sich völlig freiwillig den größten Gefahren aus, aber warum? Wegen Frauen und wegen der eigenen Ehre? Es musste sich also lohnen, denn Karl glaubte seit diesem, eben erlebten, besonderen Moment fest daran, zu dieser Gruppe von Helden dazuzugehören. Es wusste nur außer ihm keiner davon, was sich aber bald ändern würde – davon war er überzeugt. Das breite Grinsen auf seinem Gesicht wurde breiter, breiter und breiter, bis es sich schließlich zu einer grotesken Grimasse verzog. Der Kastensitz begann unter der schweren Last zu wackeln, nur um letztendlich vollends nachzugeben und mitsamt dem stehendem Karl umzukippen.
Karl fand sich sogleich mit blutendem Hinterkopf auf dem kalten, harten Steinboden wieder. Ein erster Rückschlag. Aber ein kleiner, nichts, was einen beunruhigen müsste, oder war es ein böses Omen, dass er umgekippt war? Nein, er war nur im Eifer des Gefechts übermütig geworden, wollte zu hoch hinaus auf den Kastensitz und deshalb war er gekippt und wegen nichts anderem sonst.
Als nächstes galt es, den soeben gefassten Plan konkret auszuarbeiten; in einem nächsten Schritt würden dann Taten folgen. Er musste sich aktuell lediglich überlegen, um was für einen Plan es sich eigentlich genau handelte.
Hausmeier werden. Nun, ein einfacher Plan, der auf den zweiten Blick jedoch gewisse Probleme aufwerfen konnte. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, warf der Plan sogar schon auf den ersten Blick sehr viele und auch ganz erhebliche Probleme auf.
Bevor er jedoch weiter seine Pläne schmieden konnte, sollte er den Kastensitz wieder ordentlich aufstellen und selbst vom Boden aufstehen, auf dem er immer noch lag, es wurde schließlich nicht wärmer hier unten und eine Erkältung oder Schlimmeres konnte er jetzt ganz bestimmt nicht gebrauchen.
Blöder, kalter Boden dachte er in diesem Moment und erinnerte sich an die Geschichte eines alten Weisen, den er einmal getroffen hatte. Dieser hatte ihm erklärt, dass es früher bei den Römern vor hunderten von Jahren einmal Steinböden gegeben hatte, die warm waren. Ob das allerdings wahr war oder nicht konnte Karl ad hoc nicht beurteilen. Er konnte sich noch nicht einmal vorstellen, wie so etwas wunderbares, himmelsgleiches funktionieren könnte, aber ein schöner Gedanke war es, der Gedanke an mollig warme Böden, auf denen man nicht frieren musste so wie auf diesem hier.
Karl hatte den Kastensitz zwischenzeitlich tatsächlich, aber unter großen Mühen, wieder richtig aufgestellt und dabei bemerkt, wie schwer dieser war. Er betrachtete ihn noch einmal intensiv und stellte wie so oft fest, dass es sich bei diesem Kastensitz um ein wirklich schönes, massives Exemplar handelte und mit einem Mal verstand er auch, warum sein Vater so gerne und so oft darin verweilt und seinen Gedanken freien Lauf gelassen hatte. Aber er durfte diesmal nicht abschweifen, denn er war fest entschlossen, seinen Plan auszudifferenzieren und zu zementieren, also setzte er sich wieder hin.
Karl grübelte über die potentielle Situation nach, spielte verschiedene Szenarien durch und kam zu dem Schluss, dass es für ihn selbst nicht leicht werden würde, in späteren Kämpfen um Macht und Anerkennung zu bestehen, das heißt siegreich aus den Auseinandersetzungen hervorzugehen. Er musste in Zukunft Entschlusskraft zeigen – zeigen, dass er der Richtige für das Hausmeieramt war und nicht Theudoald. Und er musste eine Lösung finden, die anderen Großen an sich zu binden und zwar nicht durch irgendwelche alten Weisheiten wie, „Hilfst du mir, helf` ich dir“.
Nein, es musste über eine Art Eid geschehen, durch Verpflichtungen und so weiter. Aber es war noch ein langer Weg bis dahin. Erst musste er sich um Plektrud kümmern. Jetzt, da Pippin tot war, trat ihr ganzer Hass offen zu Tage. Der ganze Hass der üblen Stiefmutter. Sie schaute ihn zur Zeit überhaupt nicht mehr an. Ja, es entstand durchaus der Eindruck, als würde sie ihn meiden. Und wenn sie sich doch zufällig begegneten, dann schaute sie ihn ganz böse an, wie eine Schlange. Karl zuckte bei diesem Vergleich zusammen und ihm schauderte; es half trotzdem alles nichts, er würde sie schon irgendwann besiegen, dazu war er ja immerhin schon fest entschlossen. Es gab jedoch auch noch ein weiteres, ein akutes Problem: Plektrud hatte zur Zeit mehr Macht als er selbst. Sie hatte mehr Geld, mehr Güter und sie kannte mehr Leute. Karl merkte seit dem Tod seines Vaters, wie sie versuchte, die Fäden bei sich zusammenlaufen und ihre Enkel als bloße Marionetten fungieren zu lassen. Dabei musste Karl zugeben, dass dies auch, den Umständen entsprechend, gut funktionierte. Ja, er wurde direkt ein wenig neidisch, weil er eigentlich diese Stellung haben sollte.
Unter seiner Führung würde das Frankenreich stark florieren und alle, die darin wohnten gut profitieren, aber so – wer weiß wie lange sich die Bagage, seine sozusagen Pseudobagage, da oben noch würde halten können. Hoffentlich nicht lange, war sein erster und einziger Gedanke dazu, und dann wäre seine Zeit gekommen, dann würde er herrschen, er selbst, er allein.
Karl merkte zudem, wie Plektrud versuchte, ihn um sein Erbe zu bringen, wie sie versuchte den Leuten einzureden, er sei ein Bastard und habe keine Rechte und erst recht keine Ansprüche. Dabei war er sich sicher, dass Pippin seine Mutter Chalpaida geliebt hatte und er ein in Liebe gezeugter Nachkomme war. Außerdem war er doch, wenn man es objektiv betrachtete und ehrlich zu sich selbst war, der einzige fähige Mann, den es noch gab in dieser Familie. Ja, er hatte es nicht umsonst all die Jahre ertragen, dieses kleine, fette, verkohlte Stück Fleisch zu essen, in weniger schönen Kleidern herumzulaufen als die anderen, und die Schmach zu ertragen, die ihm seine Stiefmutter jeden Tag zukommen ließ, um jetzt aufzugeben.
Eines jedoch lähmte ihn förmlich, denn ihm geisterten immer diese schlimmen Dinge im Kopf herum, in denen er seinen Tod sah, seinen viel zu frühen Tod. Er musste auf jeden Fall verhindern, dass ein solches Ereignis eintraf, denn tot konnte er kaum siegen und schon gar nicht Hausmeier sein. Er musste wachsam bleiben, mit offenen Augen durch das Leben gehen und wenn sich die Möglichkeit bot, mit den Leuten reden, Dinge herausfinden, mögliche Verschwörungen aufdecken und danach natürlich versuchen, möglichst alles zu vereiteln, was ihm in die Quere kommen könnte.
Karl merkte, dass es schon recht spät geworden war und er eigentlich noch ein paar Erledigungen zu machen hatte, statt dessen aber die ganze Zeit auf dem Kastensitz verplempert hatte.
Verplempert? Nein, irgendwann mussten ja die Pläne geschmiedet werden und jetzt war er zumindest ein bisschen schlauer als vorher und es verfestigte sich etwas in seinem Gehirn, mit dem er arbeiten konnte um sein Ziel zu erreichen. Immerhin das war ihm jetzt ein bisschen klarer geworden.
Karl stand aus dem Kastensitz auf und ging weiter in Richtung Schlafgemach, er war von der ganzen Kopfarbeit müde geworden, denn auch, wenn alle immer behaupteten, dass Arbeit mit dem Kopf gar keine Arbeit sei, so sah Karl es anders. Nur wer mit dem Kopf arbeitete, konnte es im Endeffekt zu etwas bringen, wer immer nur mit dem Körper arbeitete hingegen nicht, er war sich dieser Theorie ziemlich sicher, auch wenn sie etwas überheblich klang, aber er hatte eben bei „Platon“ gelernt.
Er schaffte es gerade noch in sein Bett, schlief zügig ein, hatte aber Albträume, was normal nicht seine Art war. Er träumte davon, wie Plektrud sich über ihn lustig machte und ihn immer und immer wieder auslachte, auf sein Essen spuckte und ihn verhöhnte. Das war nicht schön, gar nicht schön war das!
Plektrud hatte sehr starke Kopfschmerzen. Und Erinnerungslücken. Sie versuchte seit Sonnenaufgang nachzuvollziehen, was genau passiert sein mochte. Sie wusste nur noch, dass sie feiern gewesen war, auf der Feier eines befreunden Herzogs, anlässlich seines Sieges über – sie wusste es auch nicht mehr so genau, irgend so einen mickrig kleinen Volksstamm – es war ihr im Grunde auch egal, und es hatte Wein in rauen Mengen gegeben. Der auf dem Fest ausgeschenkte Wein gehörte zu dem besten, den sie je getrunken hatte. Er war vollmundig und von angenehmer Süße. Allein schon deswegen hatte sie mehr getrunken, als sie eigentlich wollte. Dazu kam noch eine Tatsache, die sie niemals zugeben würde, aber wenn sie erst einmal zu feiern begonnen hatte, gab es kein zurück mehr, dann wurde gefeiert, da kannte sie nichts. Dann waren alle guten Vorsätze vergessen und auch die Folgen des Feierns konnte sie in diesem Fall sehr gut verdrängen. Und wehe, einer der Mitfeiernden wollte nicht so recht mittrinken, da konnte sie zur Furie werden. Nein, das gab es bei ihr einfach nicht. Schon der Gedanke, dass es Menschen auf dieser Welt geben sollte, die nicht gerne feierten widerte sie jedes Mal an, einfach unvorstellbar.
So war Eines zum Anderen gekommen, Plektrud war immer heiterer geworden und hatte getrunken und getrunken und getrunken. Und jetzt, sozusagen am Morgen danach, ging es ihr überhaupt nicht gut. Sie fühlte sich hundeelend und suchte verzweifelt nach einer Sitzgelegenheit, um sich den Abend noch einmal ins Gedächtnis zu rufen.
Sie schlenderte sowohl plan- als auch ziellos durch die Räume, dann raus auf den Gang und wieder rein in irgendeinen beliebigen Raum. Sie wusste nicht so recht, wo sie sich befand, war einfach losgelaufen. Dazu spürte sie die Nachwirkungen des letzten Abends und in ihrem Kopf hämmerte es. Es war ein Gefühl, als würde jemand ihren Kopf an einen harten Gegenstand schlagen, immer und immer wieder.
