Katastrophen - Ruth Klüger - E-Book

Katastrophen E-Book

Ruth Klüger

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14,99 €

oder
  • Herausgeber: Wallstein
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2012
Beschreibung

"Die Autoren sprechen eine Sprache, wir eine andere", schreibt Ruth Klüger, "sie sind gesättigt von ihren, wir von unseren Erfahrungen, sie werfen uns mit ihren Büchern ein Seil zu und ziehen an dessen einem Ende, wir am anderen, zwischen uns ist die Spannung." Deshalb sind es die Fragen, die der Leser einem Text stellt, die ihm diesen öffnen. Ruth Klüger markiert die ihren: Wozu die Kulisse eines bitterbösen Krieges hinter so viel Menschenfreundlichkeit bei Lessings Nathan? Oder bei Kleist: Wieso schon damals diese Katastrophen, diese Feuersbrünste, Invasionen, Revolutionen, Massenmorde und Massenbewegungen - geniale, überreizte Gestaltungen von dem, was noch kommen sollte? Stifter lesend, fragt sie nach der Angst, die hinter den Barrikaden lauert, die er wie buntes Spielzeug vor einem immanenten Terror aufbaute. Außerdem gibt es Aufsätze über die jüdischen Gestalten bei Thomas Mann, den Antisemitismus im Werk jüdisch-österreichischer Autoren, über jüdische Gestalten in der deutschen Literatur des19. Jahrhunderts sowie über die Frage, ob es ein "Judenproblem" in der deutschen Nachkriegsliteratur gibt. Den Band beschließen die neu aufgenommenen Reden Ruth Klügers zur Verleihung des Thomas-Mann-Preises und des Lessing-Preises. Im Wallstein Verlag erschienen: weiter leben. Eine Jugend (1992; Neuausgabe mit Hörbuch 2008); Gelesene Wirklichkeit. Fakten und Fiktionen (2006); Gemalte Fensterscheiben. Über Lyrik (2007)

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Ruth KlügerKatastrophen

Ruth KlügerKatastrophen

Über deutsche Literatur

In memoriamHeinz PolitzerLehrer, Lyriker,»Rabbi of Dwinelle Hall«

Inhalt

Vorwort

Gibt es ein »Judenproblem«in der deutschen Nachkriegsliteratur?

Thomas Manns jüdische Gestalten

Thomas Mann als LiteraturkritikerDankesrede für den Thomas-Mann-Preis der Stadt Lübeck

»Die Ödnis des entlarvten Landes«:Antisemitismus im Werk jüdisch-österreichischer Autoren

Die Leiche unterm Tisch:Jüdische Gestalten aus der deutschen Literaturdes neunzehnten Jahrhunderts

Der eingerichtete Mensch:Innendekor bei Adalbert Stifter

Freiheit, die ich meine:Fremdherrschaft in Kleists ›Hermannsschlacht‹und ›Verlobung in St. Domingo‹

Tellheims Neffe:Kleists Abkehr von der Aufklärung

Kreuzzug und Kinderträume in Lessings ›Nathan der Weise‹

Sittah, Recha, DajaDankesrede 2007 für den Lessing-Preis des Freistaates Sachsen

Nachweise

Vorwort

Was uns ein geliebtes oder auch ein nur anregendes Buch sagt, ist nicht dasselbe wie das, was »der Dichter uns sagen will«. Wir haben jeder und jede unsere eigene Sprache, und diese Sprachen sind so unterschiedlich wie die Handschriften und die Fingerabdrücke. Die Autoren sprechen eine Sprache, wir eine andere, sie sind gesättigt von ihren, wir von unseren Erfahrungen, sie werfen uns mit ihren Büchern ein Seil zu und ziehen an dessen einem Ende, wir am anderen, zwischen uns ist die Spannung.

Von Lessings ›Nathan der Weise‹ etwa will ich wissen: Wozu die Kulisse eines bitterbösen Krieges hinter so viel Menschenfreundlichkeit? und merke: hier ist das erste moderne Geschichtsdrama, und zwar dank dieses katastrophalen Kreuzzugs, der die Aufklärung relativiert.

Bei Kleist frage ich: Wieso schon damals diese Katastrophen, diese Feuersbrünste, Invasionen, Revolutionen, Massenmorde und Massenbewegungen – geniale, überreizte Gestaltungen von dem, was noch kommen sollte? Und die Antwort lautet: Eben, schon damals.

Adalbert Stifter frage ich nach der Angst, die hinter den Barrikaden lauert, die er wie buntes Spielzeug vor einem immanenten Terror aufbaute. Verschiebt man seine biedermeierlichen Verschanzungen, so flackern die erahnten Katastrophen in den Ritzen auf, und ihr Licht fällt noch durch unsere Fensterscheiben.

Schließlich steckt in mir die Empörung und Nostalgie der Nachzüglerin, die von jenen 200 Jahren zwischen Aufklärung und Endlösung, als die Juden teilhatten am deutschen Kulturleben, nur noch einen letzten Zipfel erwischen konnte, und ich ziehe kräftig an diesem Zipfel eines Seils, unter dem sich der Abgrund der jüdischen Katastrophe auftut.

Auch davon handelt das vorliegende Buch.

R.K.

Gibt es ein »Judenproblem« in der deutschen Nachkriegsliteratur?

In Shakespeares England, ähnlich wie im Nachkriegsdeutschland, gab es praktisch keine Juden. Sie waren im Mittelalter vertrieben worden. Trotzdem stand eines Tages im Jahre 1594 ein merkwürdiges Scheusal auf der Londoner Bühne, ein Mann, der nichts im Kopf hat als Geld und Haß, der sich wünscht, seine Tochter läge als Leiche vor ihm, falls ihr Tod den Verlust seiner Dukaten rückgängig machen könnte, und der seinem Feind kaltblütig und öffentlich das Herz aus dem Leib schneiden würde, wenn ihn eine kühne, hochherzige Christin nicht im letzten Augenblick daran hinderte. In den Händen seines großen Schöpfers gewann der Jude Shylock, von dem hier die Rede ist, bei aller Groteskerie nicht nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit, sondern er wurde mit der Zeit geradezu der Inbegriff des Juden in der Literatur. Wann immer wir von der europäischen Judendarstellung der Neuzeit sprechen, müssen wir auf Shylock zurückgreifen, denn er hat sich uns eingeprägt wie nur wenige Gestalten der Weltliteratur.

Zu Shylocks eben erwähnten Haupteigenschaften, nämlich Grausamkeit bis zur Mordlust und Habgier bis zur Verdrängung der Elternliebe, kommt aber noch eine dritte: die Rachsucht gegen seine Verächter. Shylock hat bekanntlich zwei große Reden, einmal im ersten Akt, dritte Szene, wo er in Blankversen sagt »Du nanntest mich ungläubig, einen Hund / Und einen Halsabschneider, und du spucktest / Auf meinen Judenkittel« (und doch erwartest du, daß dir der Hund Geld leiht), und die zweite, berühmte Prosarede im dritten Akt, die beginnt: »Ich bin ein Jude. Hat ein Jude nicht Augen? […]« und endet, »wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? und wenn ihr uns Unrecht tut, sollen wir uns nicht rächen?« Auf Grund dieser beiden Gefühlsausbrüche ist es möglich, Shylock als Opfer des Judenhasses zu sehen, und so wird er auch auf modernen Bühnen oft und teils im Widerspruch zum Text als Verstoßener der erbarmungslosen Christenwelt dargestellt. Besonders in Deutschland, wo ›Der Kaufmann von Venedig‹ in den letzten Jahren auf dem Spielplan bemerkenswert vieler Bühnen erscheint, wird Shylock meist als eine Art pervertierter Nathan gespielt. Anders als Nathan, der Respekt einflößen soll (und daher das Publikum oft langweilt), ist Shylock in solchen Inszenierungen sowohl grauenerregend wie mitleidheischend. Doch da er ja kein tragischer Held, sondern der Schurke in einer Komödie ist, so erweckt er im Publikum wohl weniger den Jammer und Schrecken einer Katharsis als vielmehr eine Mischung von brutaler Ablehnung und sentimentaler Einfühlung. Und damit kommen wir zum eigentlichen Thema dieser Ausführungen, der Behandlung jüdischer Gestalten in der deutschen Nachkriegsliteratur, in der, wie zu zeigen sein wird, weitgehend dieselbe ungute Mischung vorherrscht.

Es ist mir hier nicht um Vollständigkeit zu tun, nicht darum, die ganze Skala des heutigen Kulturbetriebs zu mustern. Auch wie sich deutsche Kulturschaffende außerhalb ihrer Werke zu jüdischen Menschen und Problemen verhalten und äußern, ist relativ nebensächlich. Was uns beschäftigen soll, ist die eigentliche Darstellung von Juden auf verschiedenen Geschmacksebenen, einschließlich der Populärliteratur und des Films.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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