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Liebe Leserinnen, liebe Leser, die nachfolgenden Geschichten, so unwahrscheinlich sie scheinen, hat der Autor nicht erfunden. Auch wenn sie heftigen satirischen Charakter haben, ist ein großer Teil des Inhaltes tatsächlich so ähnlich passiert. Tatsächlich wurde der kleine Kater Titus, dem sicheren Tode nahe, unter erbärmlichen Umständen allein, verlassen, durchnässt und halb verhungert in der Nähe der russischen Stadt Saratov am Ufer der Wolga gefunden. Die schreckliche Odyssee des kleinen Titus nach Deutschland gestaltete sich exakt so wie es im Buch beschrieben wird.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2020
Thomas Breier
Kater Titus, der Abenteurer
Ein kleiner Kater, in höchster Not aus den Fluten der Wolga gerettet, wird zum Liebling der internationalen Katzenwelt
2020 Thomas Breier
Autor: Breier, Thomas
Umschlaggestaltung, Illustrationen: Thomas Breier
Verlag& Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN: 978-3-347-14407-1
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Liebe Leserinnen, liebe Leser,
die nachfolgenden Geschichten, so unwahrscheinlich sie scheinen, hat der Autor nicht erfunden. Auch wenn sie heftigen satirischen Charakter haben, ist ein großer Teil des Inhaltes tatsächlich so ähnlich passiert. Tatsächlich wurde der kleine Kater Titus, dem sicheren Tode nahe, unter erbärmlichen Umständen allein, verlassen, durchnässt und halb verhungert in der Nähe der russischen Stadt Saratov am Ufer der Wolga gefunden. Die schreckliche Odyssee des kleinen Titus nach Deutschland gestaltete sich exakt so wie es im Buch beschrieben wird.
Eine Freundschaft zwischen einem Kater und einer Ente ist zwar ungewöhnlich, sie gab es aber in einem Entenzuchtbetrieb unweit vom Wohnort des Autors. So lernten sich die Tiere kennen. Die beiden Tiere kamen tatsächlich gewöhnlich abends um sechs ins Wohnzimmer und wollten im Fernsehen ihre Lieblingsfilme sehen.
Im übrigen ist der Autor mit allerlei Viehzeug aufgewachsen. Er hat im zarten Knabenalter mit seiner Fürsorge sogar einmal in einem sehr kalten Frühjahr zwei Hühnerküken vor dem Tode bewahrt. Er hatte sie wochenlang jeden Abend mit in sein Bett unter die warme Decke genommen und mit ihnen gemeinsam die Nächte verbracht.
Erfunden sind allerdings die zaristischen Katzenstammbäume. Aber die hätten angesichts einer hier wenig bekannten, etwas aberwitzigen neuen zaristischen Bewegung in Russland so sein können. Wie wir dank unserer engen Kontakte nach Russland wissen, gibt es tatsächlich dort auch gewisse Sehnsüchte nach dem alten Russland. Sie sind so außergewöhnlich und extravagant, dass der Autor sie gern aufgenommen hat.
Zwei Kinder des Katers Titus leben im Hause des Autors. Einer dieser beiden ist so klug, er könnte sicher ein höheres Regierungsamt einnehmen. Zum Beispiel Verteidigungsminister. Er kann zwar nicht schießen, aber er erkennt sofort jeden Feind. Unsere Verteidigungsministerinnen können es auch nicht viel besser.
Kater Titus wurde für seine herausragenden Leistungen zur Verbesserung zwischen der russischen und deutschen Tierwelt geehrt mit dem russischen Orden des heiligen Georg.
Das kalte Bad in der Wolga
Sascha sprang am seichten Ufer der Wolga umher. Er hatte Schuhe und Strümpfe ausgezogen, die Hosen nach oben gekrempelt und suchte im flachen Wasser nach Steinen, Muscheln und irgendwelchen Krabbeltieren. Maja Ivanovna, seine strenge Mutter, saß in der warmen Sonne auf einer niedrigen Kaimauer am Rande des Flusses, schimpfte und meckerte wie alle Mütter meckern, wenn die Kinder nicht genau das machen, was sich die Eltern vorstellen. „Pass auf, da ist lauter Dreck, da sind vielleicht Glasscherben, geh nicht so weit rein, wenn du einen Krebs findest, fass ihn nicht an, der beißt. Und wehe du machst dir die Hosen nass. Wir wollen nachher zu Tante Nadja. Wenn du nasse Hosen hast, wirft sie uns gleich raus.“
Natürlich waren die Hosen längst nass.
Plötzlich fischte Sascha ein Stückchen dunkles Fell aus dem Wasser, ein kleines quietschnasses Bündel. Es piepste jämmerlich, zappelte und zitterte trotz sommerlicher Julihitze vor Angst, Schrecken und Nässe. Als Maja sah, dass das kein Stein war, den Sascha in den Händen hatte, fing sie gleich an zu schreien: „wirf das weg, wirf das sofort weg, hörst du?“
Sascha hörte natürlich nicht. „Ein Kätzchen“, rief er aufgeregt. „Mama, guck mal, ein kleines Kätzchen“, rief er weiter und rannte zu seiner Mama. „Mama, woher kommt das Kätzchen? Guck“, sagte er und zeigte es seiner Mutter, „es hat die Augen schon offen“.
Seine Mutter nahm das kleine nasse Bündel in die Hand und besah sich das kleine hilflose Kätzchen. Ihr strenges Herz wurde zart und weich, sie streichelte das kleine nasse Bündel, der Zorn über die nassen Hosen war sofort verflogen. ‚Wie kommt ein kleines Kätzchen in die Wolga?’ fragte sie sich sofort. ‚Sicher hatte ein böser und herzloser Mensch das arme Tier ertränken wollen. Aber ein russisches Kätzchen überlebt sogar den Tod in der Wolga.’
Tatsächlich erinnerte sich das kleine Kätzchen noch lange an die schrecklichsten Momente am Anfang seines Lebens. Es erinnerte sich an seine drei Geschwister. Ein böser Mann hatte sie eines Tages von ihrer Katzenmama weggenommen, in einen Sack gesteckt und in ein großes Wasser geworfen. Das Kätzchen hatte in großer Verzweiflung und im Kampf gegen das schreckliche Wasser gestrampelt und gestrampelt. Irgendwie hatte sich der Sack geöffnet, es hatte weiter gestrampelt bis es plötzlich Luft zum Atmen hatte. Aber dann hatte es alle Kräfte verloren, die Wellen hatten es vor sich hergetrieben, bis es wieder Boden unter den Füßen hatte. Dann war dieser Junge gekommen und hatte es in seinen Arm genommen. Was mit seinen Geschwistern passiert war, wusste es nicht. Wahrscheinlich waren alle, wie später Maja vermutete, in dem großen Wasser ertrunken.
Maja Ivanovna, die fast ihr ganzes Leben mit Katzen verbracht hatte, nahm das kleine Kätzchen auf ihren Arm. „Das Kätzchen muss sofort nach Haus, es stirbt sonst“, sagte sie aufgeregt und versuchte es, mit ihrem Halstuch ein wenig abzutrocknen. „Es braucht Milch, wir müssen das Fell richtig trocken.“ Sascha schlüpfte in seine Sandalen, beide schnappten sich ihre Sachen und rannten mit dem kleinen Kätzchen in der Hitze des Sommernachmittags zur nächsten Bushaltestelle. Sie hatten Glück, schon nach ein paar Minuten erwischten sie einen Bus in die Stadt. Der war, wie die meisten Busse in den Nachmittagsstunden prall mit Menschen gefüllt. Deshalb zwängten sie sich auf die hintere Plattform und standen in dem heißen Bus zwischen den Fahrgästen wie die Sardinen in der Dose und schwitzten. Maja hatte das piepsende Kätzchen sorgfältig in ihr Halstuch gehüllt und trug das feuchte Bündel, bei dem nur der kleine Katzenkopf zu sehen war, auf dem Arm. Mit diesem piepsenden Knäuel erregte sie sofort einige Aufmerksamkeit bei den umstehenden Fahrgästen. Schließlich fährt man nicht jeden Tag mit einem nassen Katzenbaby im Bus spazieren.
„Was für ein süßes Tierchen“, sagte eine junge Frau, die mit verklärtem Lächeln eine Weile auf das Kätzchen geguckt hatte. Sie fragte nach dem Alter und warum es so nass ist.
„Es wird vielleicht zwei, drei Wochen alt sein“, antwortete Maja. „Die Augen sind schon geöffnet.“ Dann erzählte sie, genauer gesagt, Sascha erzählte, wie sie das Kätzchen in der Wolga gefunden hatten.
Er erzählte so laut und aufgeregt, dass die umstehenden Fahrgäste die aufregende Geschichte um die Rettung dieses kleinen Kätzchens hören konnten. Er erzählte sie mit so großer Bedeutung, als hätte er gerade den größten Stör aus der Wolga geangelt.
„Wie schrecklich“, jammerte die junge Frau und redete von Sünde an der armen Kreatur, über herzlose Menschen im Besonderen und die harte, böse Welt im Allgemeinen. Sie gratulierte und lobte Maja und Sascha, dass sie so mutig waren und selbstlos das kleine Kätzchen gerettet hatten.
Mehr und mehr wurden die umstehenden Fahrgäste neugierig und interessierten sich für das kleine Kätzchen.
Eine Frau im gesetzten Alter mischte sich in das Gespräch zwischen Maja und der jungen Frau.
„Früher“, warf die Ältere ein, „als die Zeiten noch in Ordnung waren, da hat es so etwas nicht gegeben. Damals hätte man Barbaren, die solche Verbrechen begehen, hart bestraft, jedenfalls gab es so etwas nicht in unserer Stadt. Aber man sieht ja, wenn die Ordnung fehlt, wohin das alles führt.“
Die junge Frau verzog ärgerlich das Gesicht.
„Was hat das“, fragte sie mit spitzem Ton, „mit früher und heute zu tun? Als ob in den alten Zeiten alles besser gewesen wäre. Hat es früher sowas nicht gegeben?“ fragte sie ziemlich laut und guckte die Ältere giftig an.
Irgendwie war die Luft plötzlich voller Spannung, die Alte fing an sich aufzublasen und stellte sich in Position. Die Jüngere schob ihr Kinn vor, holte tief Luft und setzte zum vernichtenden Schlag aus „Hat man früher keine Tiere umgebracht als angeblich noch alles in Ordnung war?“ rief sie laut. „Gab es keine Tierversuche in der sozialistischen Produktion? Sind keine Hunde bei den Flügen ins All im Sputnik verglüht?“
Der Älteren schwollen vor Wut Hals und Zornesadern an der Stirn. „Was verstehen Sie davon?“ schrie sie und wechselte gleich ins vernichtende „Du“. „Du bist noch viel zu jung, hast nichts verstanden, alles war für den Fortschritt…“
Die Auseinandersetzung wurde heftiger. Die junge Frau erklärte der Älteren, dass sie sich ihren Fortschritt sonst wo hinschieben könne. Und überhaupt, wie käme sie, diese Alte, dazu, sie zu duzen.
„Du bist eine von diesen neuen Russen“, kreischte die Ältere, „wühlst im Geld und liegst den ganzen Tag faul bei deinem Alten…“
„Ausgerechnet du, du alte Vettel“, schrie die Jüngere zurück, „kommst aus der Kolchose, hast dein ganzes Leben gestohlen, das ganze Volk bestohlen…“
Es fehlte nicht viel und beide hätten mit einer Prügelei begonnen. Ein älterer Herr mischte sich ein und machte Anstalten, die Aufgeregtheiten der beiden Frauen zu besänftigen. Maja und Sascha sahen zu, wie sie sich vorsichtig aus der Kampfzone entziehen konnten.
„Man muss sich nicht schlagen“, meinte der ältere Herr. Wegen einer Katze schon gar nicht. Es gibt schließlich genug davon.
„Was soll das heißen?“ wollte die jüngere Frau wissen.
„Die vielen armen Menschen sind unser Problem. Sehen Sie die vielen alten Mütterchen an, denen muss man helfen. Um sie müssen wir uns in unserem Land kümmern. Katzen haben bei uns genug zu fressen, nie gab es so viele Ratten und Mäuse…“
Er kam nicht dazu, den Satz zu Ende zu reden. Seine Äußerungen genügten, um die beiden Kampfhennen kurzfristig miteinander zu versöhnen und sich gegen den vermeintlichen Tierfeind zu verbünden. Nun bedrohten beide den Herrn mit heftigen Worten.
Während sich die Kontrahenten stritten, verbreitete sich im vorderen Teil des Busses die Nachricht, dass sich auf der hinteren Plattform eine Frau mit einem aufgelesenen Kätzchen aus der Wolga befände. „Wenn das Tier nun Flöhe hat…“ gab eine Frau zu bedenken. „Oder eine ansteckende Krankheit? Die Tollwut zum Beispiel. Oder die Katzenpocken?“
Es dauerte nicht lange und in den vorderen Reihen verbreitete sich das Gerücht, dass sich auf der hinteren Plattform eine Katze mit Tollwut befände und schon die ersten Fahrgäste gebissen habe. „Hören Sie nur, wie sie hinten schreien!“ sagte eine alte Frau. „Die sind sicher schon angesteckt.“
Eine junge Mutter, die sich mit ihren drei kleinen Kindern eine Sitzbank unmittelbar hinter dem Fahrer teilte, hörte von den Gerüchten und verfiel in Panik. „Lieber Herrgott und heiliger Nikolaus von Myra helft!“ fing sie an zu jammern und bekreuzigte sich. „Wenn wir uns anstecken, ist es um uns geschehen. Ausgerechnet mit Tollwut! Halten Sie an“, rief sie dem Fahrer zu und krallte sich an dessen Arm fest. „Halten Sie an“, schrie sie mehrfach und schüttelte ihn dabei an seiner Jacke. Der Fahrer wehrte sich, schrie die Frau an, sie solle ihn augenblicklich loslassen. Durch die heftigen Bewegungen fing er an, Schlangenlinien zu fahren.
„Wir sind verloren, wenn wir uns anstecken“ rief die junge Frau. „Die asiatische Grippe, die Windpocken, Masern und Darmentzündungen hatten wir schon. Mehr halten wir nicht aus.“
Die Frau hörte nicht auf, den armen Fahrer zu drangsalieren. Andere Fahrgäste mischten sich ein. Ein Witzbold verkündete laut, ein tollwütiger Riesenkater auf der Plattform habe die ersten Passagiere gebissen.
„Anhalten“ riefen einzelne Passagiere, „machen Sie die Türen auf.“ Ein angetrunkener Arbeiter beschwichtigte die Massen. „Wo ist die kranke Katze?“ lallte er. „Kann ich gut für meine Alte gebrauchen. Die macht sich ein Rheumafell daraus.“
Der Fahrer stoppte abrupt den Bus und öffnete alle Türen. Während die Passagiere auf die Straße stürmten rief der Fahrer über sein Sprechfunkgerät seine Zentrale an und bat dringend um Hilfe. Maja und Sascha waren mit ihrem Kätzchen ebenfalls ausgestiegen. Die Passagiere, wenn sie nicht gleich das Weite gesucht hatten, hielten großen Abstand zu ihnen. Während schon die Polizeisirenen zu hören waren, liefen die beiden mit ihrem Kätzchen die Straße entlang. Es waren nur drei Minuten zur nächsten Haltestelle der Straßenbahn, die zum Haus der Großeltern führte.
Nach dem Spektakel im Omnibus hatte Maja keine Lust mehr, die Tante zu besuchen. Denn das kleine Kätzchen musste versorgt werden. Zudem liebte die Tante nur Hunde, ganz besonders kleine giftige Köter. Seit Jahren hatte sie einen kleinen weißen Spitz, der alles anbellte, was sich bewegte. Sogar das Pendel der alten Standuhr. Sie fuhren nicht zur Tante, schließlich konnte sich Sascha auch nicht mit seinen nassen Hosen bei der Tante sehen lassen.
So fuhren beide mit dem kleinen Kätzchen in der Straßenbahn ohne weitere Katastrophen nach Hause zu den Großeltern. Nur das Kätzchen winselte und nuckelte vor lauter Hunger ohne gewünschten Erfolg an Majas Zeigefinger.
Maja Ivanovna und ihr Sohn Sascha waren in den Sommerferien zu Besuch bei den Großeltern in Saratow an der Wolga. Eigentlich lebten sie im fernen Deutschland, nur in den sommerlichen Schulferien besuchten sie jedes Jahr die Großeltern. Die alten Herrschaften waren beide Ärzte gewesen und lebten in einem dieser Wohnblöcke aus der Chruschtschow-Zeit. Sie hielten seit vielen Jahren in ihrer Wohnung Cäsar und Kleopatra, ein inzwischen deutlich in die Jahre gekommenes, schönes Katzenpärchen, das ihnen schon um die dreißig Kinder gebracht hatte. Alle dreißig Kätzchen waren über die ganze Stadt, den ganzen Oblast, ja über ganz Russland verteilt, einige waren mit ihren Besitzern bereits nach Amerika ausgewandert und befruchteten dort die amerikanische Katzenwelt. Gerade kurz zuvor hatten sie das letzte Kätzchen an eine frühere Kollegin von Maja gegeben.
Babuschka, die Großmutter, liebte ihre Katzen wie die eigenen Kinder, aber Djeduschka, der Großvater, war die ganze Katzengesellschaft mit den Jahren leid. Wenn er in seinem Sessel saß – und er saß täglich oft viele Stunden lesend oder Kreuzworträtsel ratend in seinem Sessel – hockte meistens der Kater Cäsar auf seiner Schulter und knabberte und leckte aus lauter Liebe und Zuneigung gelegentlich am Ohrläppchen des Großvaters. Trotz dieser Zuneigung fragte der alte Mann regelmäßig mit einigem Unwillen bei Babuschka, warum denn der Kater immer auf seiner Schulter säße und an seinem Ohrläppchen knabbere.
„Er könnte doch auch mal woanders sitzen“ beschwerte sich der alte Großvater. „Nein, immer sitzt er auf meiner Schulter und immer knabbert und leckt er an meinem Ohr. Nie hat man seine Ruhe.“ Und wenn er den Kater leid war und ihn auf den Boden setzte, dauerte es nicht lange und der Kater saß wieder auf seiner Schulter, döste oder guckte zu wie der alte Großvater las oder seine Kreuzworträtsel löste und knabberte gelegentlich an dessen Ohr.
Wenn es dem Großvater mit den Katzen lästig war, dachte er schon mal laut darüber nach, dass Katzen eigentlich Mäuse fangen sollten oder zur Not auch in der pharmazeutischen Industrie nützlich sein könnten. Diese laut geäußerten Gedanken hatten ihm aber nur häusliche Verachtung, Liebes- und Nahrungsentzug eingebracht.
Als Maja und Sascha mit dem kleinen Kätzchen ankamen, war die Aufregung besonders bei den alten Katzen groß. Sie schnüffelten an dem kleinen wimmernden Kätzchen und wussten nicht so recht, was sie von diesem neuen Bewohner halten sollten. Nach einer Weile des Beschnüffelns fanden sie sich wohl damit ab, dass dieses Tierchen zwar ein fremdes Wesen, aber keine bedrohliche Konkurrenz sein würde. Ein bisschen hochnäsig waren die beiden alten Katzen schon. Sie stammten schließlich aus einem bürgerlichen Zuhause, das kleine Kätzchen war nur aus der Wolga gefischt, wahrscheinlich war es unterstes Katzenproletariat.
Djeduschka, der viele Jahre als Arzt eine medizinische Klinik geleitet hatte, setzte das kleine Kätzchen auf den Tisch, nahm eine Lupe und untersuchte es mit aller Sorgfalt wie er früher seine Patienten untersucht hatte.
„Es ist ein Kater“ stellte er mit Entschiedenheit fest, nachdem er die kleinen Geschlechtsteile gefunden hatte. „Flöhe hat er nicht“, sagte er zufrieden, „die hat er wahrscheinlich beim Bad in der Wolga verloren.“ Aber die Großmutter hatte schon die Tüte Insektentod aus dem Schrank geholt und streute daraus auf den kleinen Kater ein gelbes Pulver, das sie gewöhnlich gegen die Kakerlaken in der Küche einsetzte. Das gefiel dem kleinen Kater nicht, und er fing gleich an, heftig zu zappeln und zu pienzen.
Die Großmutter nahm die alte Katze und setzte sie neben den kleinen Kater auf den Küchentisch. Die Katze musste noch Milch in ihren Zitzen haben, denn ihr letztes kleines Söhnchen war gerade erst ein paar Tage zuvor aus dem Haus gegeben worden. Der kleine Kater roch schon die rettende Milchbar, aber die Katze Kleopatra dachte gar nicht daran, das fremde Kätzchen an ihre Zitzen zu lassen. Die Großmutter, eine durch tausende von Geburten in vielerlei medizinischen Dingen geschulte ehemalige Frauenärztin kramte eine Pipette aus ihrem Medizinschrank und füllte sie mit Milch, die sie schnell auf dem Herd ein wenig erwärmt hatte. Sie nahm das Kätzchen, steckte ihm einen Finger in das Mäulchen und spritzte die Milch zwischen die Zähne. Das kleine Tierchen schluckte und nuckelte, wollte mehr, mehr, mehr und immer mehr und fiel schließlich satt, müde und erschöpft auf dem Küchentisch in einen totenähnlichen Tiefschlaf.
Nach den ersten Aufregungen über den kleinen Kater begann im Hause die Diskussion, was mit diesem Katzenkind nun werden sollte. Der Großvater, der seine Katzen zwar liebte, aber eigentlich unnütz fand, brummte ärgerlich, dass nun schon wieder ein Esser mehr im Haushalt war. Seit sie im Ruhestand lebten, mussten sie mit einer Rente auskommen, die in Russland selbst für pensionierte Ärzte nicht allzu üppig war. Da wurde jeder Rubel dreimal umgedreht. Babuschka schlug vor, für das Tierchen eine Familie zu finden, was sicher das Vernünftigste gewesen wäre. Djeduschka ergänzte diesen Vorschlag mit dem Hinweis, die alte Wahrsagerin Madame Svetlana aus dem Nachbarhaus, die schon Chruschtschows Tod, die Perestroika, den Ukrainekrieg und verschiedene Ehekatastrophen vorhergesagt hatte, brauche immer mal wieder einen Kater. Dieser Vorschlag wurde von Sascha mit äußerster Missachtung vernommen und kommentiert. Djeduschkas weitere Anmerkungen, der Kater könne auch als Vorkoster bei solchen armen Familien dienen, die ihr Fleisch bei der Freibank kaufen müssen, lösten entschiedenen Protest bei der übrigen Familie aus. Diese Aufregung verstand der Großvater nicht, denn schon in der ehemaligen Sowjetunion hatte es genug Familien gegeben, die sich eigens eine Katze gehalten hatten, um den Genuss von Fleisch aus Konserven von im sozialistischen Handel angebotenen Fleischkonserven lebend zu überstehen.
Bei Sascha kullerten die Tränen, wenn er daran dachte, dass sein kleiner von ihm geretteter Kater in die Hände einer Wahrsagerin kommen oder vielleicht sogar als Vorkoster für minderwertiges Fleisch dienen würde. Sascha jammerte so herzzerreißend und drohte mit Essens- und Lernboykott, so dass schließlich seine Mutter versprach, nach einer anderen Lösung zu suchen.
Sascha drängelte sehr bald, dass der kleine Kater einen Namen bekam. Die Katzen im Hause der Großeltern wurden ausschließlich nach Persönlichkeiten der Antike benannt. Also wälzte Großvater sein Lexikon. Ein halbwegs anständiger Namensgeber sollte es schon sein. Also kein Tyrann oder Christenverfolger. Der blutrünstige Nero, der ganz gut zu dem dunklen Fell des Katers gepasst hätte, kam deshalb nicht in Frage. Nach vielen Diskussionen einigte sich der Familienrat auf den Namen Titus. Der hatte zwar die Juden besiegt und in alle Lande zerstreut, aber für einen römischen Imperator, wie Djeduschka meinte, war das ein vergleichsweise harmloses Vergehen.
Während der kleine Kater schlief, war bei der Katze Kleopatra Interesse an dem kleinen Kater geweckt. Sie beschnüffelte ihn von allen Seiten und legte sich schließlich neben ihn. Als der kleine Kater aus tiefem Schlaf erwachte, kam ihm ein natürliches Bedürfnis, das er gleich auf dem Küchentisch erledigte. Sascha fand das im Gegensatz zu der übrigen Familie sehr lustig. Die Großmutter holte aus einem ihrer vollgestopften Schränke einen Unterteller für einen großen Blumentopf und versuchte, den kleinen Titus mit dieser Katzentoilette bekannt zu machen, was ihr aber – wie sich bald herausstellte – erst nach langwierigen Versuchen gelang.
