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Ein Anwesen, weit abgelegen von der Großstadt. Eine Landschaft, im Winter bedeckt von Schnee. Der Inbegriff von Idylle. Doch in der Nacht wird der Boden des Wohnzimmers von Schwärze verschlungen. Kennt ihr das Gefühl, wenn der Boden in eurem Zimmer nicht mehr sicher ist? Falls Katharina sich DAS LOCH nur einbildet, wohin ist dann die Olive verschwunden, die sie in die Schwärze geworfen hat?
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Autor: Jaana Redflower
Originalausgabe: November 2023
Covermotiv: Jaana Redflower
© Edition Paashaas Verlag
www.verlag-epv.de
Printausgabe: ISBN: 978-3-96174-134-2
Die Handlung ist frei erfunden, Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
https://dnb.d-nb.de abrufbar.
Jaana RedflowerKATHARINA?
1664-1696-1724-1731-1757-1782-1811-1843-1868-1900-1941-1998-2018
Katharina musste hier weg! Ein Hauseingang nach dem anderen raste an ihr vorbei, als sie über die Hauptverkehrsstraße heizte. Die Sommerhitze staute sich im Innenraum des Wagens und trieb ihr den Schweiß auf die Stirn. Mehrmals wischte sie die Tropfen mit der Hand weg, doch sie konnte nicht verhindern, dass immer mehr Flüssigkeit in ihre Augen geriet und sie eintrübte.
Dann klingelte auch noch das Handy. Sie fluchte und schaltete auf Freisprechanlage. „Was gibt’s?“
„Na, du hast heute aber eine Laune! Hast du denn kein liebes Wort für dein Schwesterherz übrig?“
„Verpiss dich!“, schrie sie den Mann an, der sich mit seinem Mercedes vor ihr in die Schlange drängelte.
„Wie bitte?“, kam es aus der Leitung.
„Nicht du! Der Kerl vor mir.“ Sie hupte zweimal laut.
Der Idiot zeigte ihr den Stinkefinger.
Sie machte eine Geste, die seiner in nichts nachstand. Dann scherte sie nach rechts aus, auf den Standstreifen.
Ihre Schwester plauderte munter drauf los, während Katharina sich durch den Verkehr kämpfte. Sie bremste erst knapp vorm Stoppschild. „Sind denn hier alle wahnsinnig? Ich halte das nicht mehr aus – jeden Tag dieser Stress nach der Arbeit. Und überall Menschen! Lärm!“
„Hörst du mir überhaupt zu?“, kam es aus der Leitung. „Ich bin befördert worden, hast du gehört?“
„Schön für dich!“, schnappte Katharina und lenkte das Auto knapp an einem Hydranten vorbei. „Kriegst du jetzt mehr Geld?“
„Das auch. Aber vor allem kann ich endlich nach New York ziehen. Hast du gehört? Ich gehe nach Amerika!“
„Wie bitte?“, entfuhr es Katharina, ehe sie sich zurückhalten konnte. „Ich meine: Dann bist du ja auch noch weg. Dann sind nur noch Clara und ich übrig – von den alten Leuten überhaupt niemand mehr!“
„Freust du dich denn überhaupt nicht für mich?“
„Schon“, brachte sie hervor. Aber es klang nicht überzeugend. Ganz und gar nicht. Sie konnte einfach nicht anders, als an ihre Entscheidung von früher zu denken: Sie war damals dageblieben, damit sie ihre Freunde nicht verlor. Hatte sich gegen die Karriere entschieden. Aber anscheinend war sie die einzige, der ihre Clique so wichtig gewesen war; alle anderen waren nach und nach gegangen. Jetzt will mich selbst meine Schwester noch verlassen, dachte Katharina frustriert.
„Du könntest ruhig etwas mehr Begeisterung zeigen; immerhin habe ich mir das schon lange gewünscht!“ Lana klang aufgebracht.
Katharina schlug das Herz bis zum Hals. Sie heizte über die Kreuzung. War da eine rote Ampel gewesen? Sie bemerkte den anderen Wagen erst, als es zu spät war. Es gab einen Knall; eine Erschütterung schüttelte das Fahrzeug durch. Von einem Moment auf den anderen konnte sie nicht mehr sehen. In ihren Ohren klingelte es. Es gab einen zweiten Aufprall, dann kam das Fahrzeug zum Stillstand. Sie zitterte am ganzen Leib.
„Hörst du mir überhaupt zu?“, keifte die Stimme ihrer Schwester weiter.
Katharina schrie.
Nach einer gefühlten Ewigkeit klopfte jemand ans Fenster. „Geht es Ihnen gut, Mrs …?“
„Aprilfrisch, wie man sich nach einem Unfall so fühlt!“
„Was hast du gesagt?“, kam es aus der Gegensprechanlage.
„Warten Sie, bis der Notarzt da ist; ich habe bereits angerufen“, riet ihr der Mann, der draußen vor dem Wagen stand. „Bis dahin sollten Sie sich nicht bewegen. Es sei denn natürlich, ihr Fahrzeug steht in Brand.“
„Tut es das?“
„Sieht bisher nicht danach aus. Versuchen Sie, ruhig zu bleiben.“
Katharina knurrte.
„Hast du dir was gebrochen?“, erkundigte sich ihre Schwester.
„Keine Ahnung.“
„Das klingt gut; ich hab nämlich keine Zeit, vorbeizuschauen. Hab gleich noch einen Termin beim Umzugsunternehmen, du weißt schon …“
„Dann verpiss dich doch in dein beschissenes New York und lass mich hier in Ruhe sterben!“ Katharina legte auf. Ihrer Schwester weiter zuzuhören, brachte sie mehr aus der Fassung als der Unfall an sich.
Sie musste aus dem Auto raus, weg von den Plänen der Schwester, den Werbeagenturen, die sie bis spät in die Nacht schindeten, dem Lärm und der Hektik. Es war Zeit für einen Neuanfang, beschloss sie.
Sie missachtete jeden Ratschlag, den der Mann ihr gegeben hatte, und lehnte sich weit aus dem Fenster. „Mister …?“
Er sprang herbei. „Cotton. Aber nennen Sie mich gleich Ferdinand.“
Es herrschte Winter; die Gewässer schlummerten unter einer dicken Schicht Eis. Bäume spiegelten sich darin und streckten ihre Äste, Tintenklecksen gleich, in den Himmel. Die Nacht würde bald beginnen.
Ein dunkelgrüner Wagen schleppte sich über den Feldweg. Er kroch den Hügel empor und steuerte geradewegs auf das einzeln stehende, vor kurzem erst fertig renovierte Haus zu. Die Motorengeräusche des Oldtimers wirkten seltsam fehl am Platz und übertönten alle weiteren Laute, bis das Auto neben dem Gebäude stoppte und die Beifahrertür mit einem Knall gegen die hüfthohe Bruchsteinmauer schlug.
Aus dem Wagen stiegen Katharina und Ferdinand, in ihre neuen Kleidungsstücke gehüllt: Er trug ein dunkelgrünes Sakko und setzte sich soeben eine Melone auf den Kopf. Sie war in einen Pelzmantel gehüllt, dessen Kragen ihr bis fast an die Augen reichte. Mit der linken Hand hielt sie einen riesigen Hut fest. Auf diesem war eine violette Feder befestigt, die im Wind tanzte. Mit der rechten klammerte sie sich an eine Handtasche, die farblich auf die Feder abgestimmt war.
„Schön werden wir es hier haben!“, rief er ihr zu.
Sie nickte und bemühte sich dabei, die Haarsträhnen aus ihrem Gesicht zu streichen, damit diese nicht in ihren Mund gerieten. „Ich bin so froh, dass wir uns hierzu entschieden haben: keine Betrunkenen mehr, die einem in den Vorgarten pissen, keine grölenden Horden, kein Verkehrslärm; hier werde ich endlich zur Ruhe kommen können. Das Landleben wird uns gut tun.“
„Wie gut, dass ich nun ausschließlich im Homeoffice arbeiten kann. Und abseits der Arbeitsstunden bleibt das Diensthandy aus, versprochen.“
„Kein Social Media, kein Druck von außen.“ Katharina griff noch ein wenig fester nach ihrer Tasche, während sie leise „Hashtag: Entschleunigung“ murmelte. Sie wirkte ein wenig wie eine Drogensüchtige, die eine Entzugskur durchmachte.
Eine Böe fegte über den Platz und riss ihr den Hut vom Kopf. Schnell bückte sich der Mann, hob das Kleidungsstück auf und wischte den Dreck von der Krempe. Er drückte ihre Hand. „Keine Sorge, wir werden uns schnell einleben.“
„Bestimmt.“ Sie lächelte ihn an. „Jetzt sollten wir uns beeilen. Gleich wird es Nacht sein, und ich möchte ungern im Dunkeln die Sachen reintragen.“
Hinterm Acker, der ans Grundstück grenzte, stieg schwarzer Dunst empor, rollte übers Feld in Richtung des Hauses, wich dann wieder zurück. Vorerst. Keiner von beiden bemerkte es. Sie hatten nur Augen für sich und ihre neue Unterkunft.
In der Stube empfing sie staubtrockene Luft. In der Ecke stand eine Pendeluhr, die halb so schnell wie ihre Herzen schlug. Ein riesiger Kamin dominierte den Raum, der aus Bruchsteinen gefertigt war. Daneben hing ein gusseiserner Schürhaken.
„Ich mache ein Feuer; etwas Holz sollte hier noch liegen.“ Der Mann setzte seinen Zylinder ab und eilte zum Kamin, um Scheite darin zu schichten. Die Glut fand er in dem Fach darunter; die hatten die Arbeiter von der Renovierungsfirma auf seinen Wunsch dort zurückgelassen.
„Ich habe alles vorbereitet, damit wir gut leben können, auch wenn wir nicht in die Siedlung fahren können. Nur um einen Telefonanschluss werde ich mich noch kümmern müssen. Falls wir keinen Empfang haben – das soll hier öfter vorkommen.“
„Das hat Zeit; du hast doch noch Urlaub. Und ich gönne mir erstmal ein Jahr Auszeit, ehe ich mir etwas Neues im Internet suche.“ Die Frau legte ihren Hut auf den Hocker neben dem Kamin. „Ich will unseren ersten Abend hier ungestört genießen. Ich will ihn für immer in meinem Gedächtnis aufbewahren, ohne mir allzu viele Gedanken über den nächsten Tag zu machen. Das hat mir schon das Leben in London vergällt. Meine schlechten Gewohnheiten will ich nicht nach Wales mitnehmen. Sieh nur, wie herrlich die Flammen lodern!“
Sie kuschelte sich in die Decke auf dem Sofa, während ihr Mann aus der Vorratskammer ein paar Snacks holte und auf dem Tisch anrichtete. Er schenkte ihr und sich ein wenig Sekt ein, sie stießen an.
„Auf uns!“
„Auf den neuen Lebensabschnitt!“
Dann saßen die beiden im dunklen Raum am Feuer, beobachteten die Funken, die darin stieben. Sie schmiegten sich aneinander und sogen den Duft des neuen Hauses ein.
Ein bisschen unsicher fühlte sich Katharina schon. Es war nicht ihre Art, einfach so alle Brücken hinter sich abzubrechen. „Ich schau mal, ob ich noch ein paar Oliven und etwas Wein finde.“
Ferdinand lächelte ihr zu. „Und ich hab extra Kaviar und Sekt geholt!“
„Du weißt ja, dass ich diese abgehobenen Sachen eigentlich gar nicht mag.“ Sie bemühte sich, ebenfalls froh zu wirken, aber sie fühlte, dass er es ihr nicht abnahm. Rasch drehte sie sich um und lief Richtung Vorratskammer. Ihre Schwester war immer die gewesen, die einen auf Schickimicki gemacht hatte. Darum passte sie auch so gut nach New York. Für Katharina blieb das rustikale Landhaus, weit abgelegen von allen Hauptstraßen. Hashtag: Entschleunigung, rief sie sich in Erinnerung. Sie hatte es so gewollt.
Als sie vollbeladen aus der Vorratskammer zurückkehrte, holte sich Ferdinand gerade einen Riesenlöffel Fischeier und schmierte sie auf Käsecracker. „Das musst du mal probieren; schmeckt echt gut!“
Sie stellte die neuen Sachen auf dem Tisch ab und ließ sich von ihrem Mann füttern. „Tatsächlich!“
„Ich hab ja immer geglaubt, die Reichen behaupten nur, dass dieses Zeug schmeckt. Aber in der Kombination gefällt mir der Geschmack auch.“
Sie nahm sich noch einen, dann einen weiteren; dann vergaß sie die Oliven.
„Bestimmt vermisst du Clara schon jetzt; ich hoffe, morgen funktioniert die Leitung wieder.“
„Das hoffe ich auch.“
Er nahm sie in den Arm. „Bestimmt kommt sie spätestens Weihnachten rüber. Dann stellen wir einen Baum auf, gleich neben dem Kamin, und singen gemeinsam Lieder.“
Katharina nickte und kuschelte sich an ihn. Der Gedanke daran gefiel ihr; bestimmt würde sie dieses Haus lieben, sobald sie sich erstmal eingelebt hatten.
Keiner von ihnen bemerkte, wie der schwarze Nebel vorm Fenster rollte.
∞
Katharina erwachte mitten in der Nacht. Der Stundenzeiger stand knapp hinter der Eins – einer gusseisernen, dicken Ziffer, spitz am oberen Ende. Sie hatte einen unangenehm metallischen Geschmack im Mund.
Nun schlug ihr Herz dreimal schneller als die Pendeluhr. Sie kam aus dem Reich der Alpträume, durchlebte einen dieser Momente, in denen man einen Teil seiner Seele zurückgelassen hat im Abgrund jenseits des Bewusstseins, an den sich der Verstand nicht zu erinnern vermag.
Für einen Moment überlegte sie, ihren Mann zu wecken. Sie wollte gerade rufen – „Ferdinand!“ – Doch sie kniff die Lippen zusammen und starrte ihn nur an: wie er dort lag und sich in einem unruhigen Schlaf plagte, in der Ecke des Sofas zusammengerollt. Er warf seinen Kopf von links nach rechts, und seine Füße zuckten, als liefe er vor etwas davon. Sie kam sich töricht vor, ihm ihre Angst zu beichten.
Angst hatte sie ganz gewiss, das wurde ihr schlagartig klar. Gab es einen Grund dazu?
Sie blickte in den Raum, schob dabei unwillkürlich die Füße den Fliesen entgegen. Feuchtigkeit und Kälte krochen augenblicklich an ihren Beinen empor. Hastig zog sie ihre Gliedmaßen hoch. Für einen Moment hatte sie geglaubt, etwas anderes – nicht nur die Kälte, sondern etwas Körperloses, Unsichtbares – hätte sie berührt.
Das Pendel der Uhr schwang weiter, langsam, stetig. Wie ein Beil, schoss es ihr durch den Kopf, wie eine Ausgeburt aus Edgar Allan Poes Fantasie. Das Beil senkte sich. Sie zwang sich, an etwas anderes zu denken: Ein neues Scheit musste nachgelegt, die Glut wieder entfacht werden! Dann wich die Kälte, dann wich die Dunkelheit. Dann wäre alles wieder gut.
Wie konnte sie das tun, ohne den Boden zu berühren?
Sie erinnerte sich, wie sie diesen als Kind nicht betreten durfte. Denn dort unten war ES. Wenn sie nachts zur Toilette musste, krabbelte sie über eine Reihe von Stühlen und Kisten und sprang den letzten Meter, bis ins Bad. Was genau ES war, hatte sie nie erfahren.
Natürlich war der Gedanke an etwas Böses, das über den Boden kroch, absolut lächerlich! Kein Abgrund würde sich auftun und sie verschlingen, kein Wesen würde kommen und sie entführen.
So langsam sie konnte, senkte sie ihren Fuß ein weiteres Mal. Mit jedem Zentimeter – nein, mit jedem Millimeter! – konnte sie spüren, wie es kälter wurde. Als wäre der Untergrund mit einer dünnen Schicht aus Eis überzogen. Doch nichts glänzte, wo die sterbende Glut die Dielen erhellte. In den Tiefen der Schatten gaukelte ihr die Finsternis die Ränder eines Lochs vor, das auf sie lauerte.
Sie stellte sich vor, was passieren würde, wenn es weiter auf sie zukroch: Dann müssten das Sofa, der Tisch, müsste alles hinunterstürzen! Sogar der Teppich, der rote, müsste fallen, die Außenseiten nach oben geklappt, und sie hätte Wind in den Ohren gespürt!
Doch sie hörte nur das Uhrwerk, das immer langsamer lief. Denn ihr Herz konnte nicht wirklich so schnell schlagen, oder?
Nein, unter ihren Füßen befand sich kein Abgrund; das war absolut unmöglich.
Aber weiter hinten, hinter dem Tisch, war das Schwarz dort nicht noch ein wenig tiefer? So dunkel wie das Nichts; als wäre dort ein Tor zu einer anderen, finsteren Dimension, vielleicht ein Tor zu den Alpträumen selbst!
Vor ihr, auf einem Tablett, stand noch immer das Glas, randvoll mit Oliven – salzige, grüne Früchte. Davon gab es noch einige in der Vorratskammer, wo Ferdinand viele Konserven gelagert hatte, für den Fall, dass sie eingeschneit werden würden. Das geschah an diesem Ort manchmal bereits im November; der Winter war kalt und lang. Und düster, hatte ihr Mann gesagt. Er hatte wirklich an alles gedacht.
Nur nicht an das schwarze Loch im Wohnzimmer.
Sie konnte spüren, dass es da war.
Sie schraubte den Deckel ab und nahm eine der Oliven. Wenn sie sie warf, würde sie den Aufprall hören. Dann wäre sie beruhigt.
Und wenn sie keinen Aufprall hörte? War das dann die Bestätigung, dass sich dort drüben tatsächlich ein schwarzes Loch im Boden befand?
Die salzige Frucht, deren Öl ihre Finger benetzte, war so einfach in den Mund zu legen – auf die Zunge, ihre Geschmacksknospen – und das Salz würde sich in ihrem Mund verteilen. War es nicht viel einfacher, sie zu essen? Sie konnte herausfinden, ob ein Stein darin war. Vielleicht enthielt die Frucht auch eine Mandel, etwas Paprika oder ein Stück Knoblauch? Danach konnte sie sich wieder auf dem Sofa hinlegen und schlafen bis zum nächsten Morgen. Theoretisch.
Ihre Hand zitterte, als sie zum Wurf ausholte. Sie schwitzte heftig. Schweißperlen standen auf ihrer Stirn. Sie hatte einen bitteren Geschmack im Mund, obwohl sie die Olive nicht gegessen hatte. Sie leckte sich über die Lippen.
Dann warf sie.
Horchte.
Einen Aufprall hörte sie nicht.
Hieß das nun, dass die Frucht wirklich in der Schwärze versunken war?
Oder war deren Fleisch zu weich, um hörbar über die Bretter zu rollen?
Bestimmt schlug die Uhr zu laut; ihr Pendel zerteilte alles. Sogar diesen einen wunderbaren Satz zerteilte es, den sie so gerne hörte – „Ich liebe dich, Katharina!“ Wie „Ich KLACK!be dich!“ hatte es geklungen, als Ferdinand in diesem Raum gesprochen hatte. Und sie musste daraufhin „Ich KLACK!be dich auch!“ sagen. Vorhin hatte sie sich dabei nichts gedacht, doch inzwischen kam es ihr vor, als verhindere das Pendel absichtlich, dass man einen solchen Satz aussprechen konnte.
Liebe war in diesem Haus nicht erwünscht, das war ihr nun klar. Die Erkenntnis fuhr ihr kalt in die Glieder, wanderte hindurch wie ein Fadenwurm, nistete sich in ihrem Rückgrat ein. Dort blieb die Furcht, auch, als sie in einen unruhigen Dämmerschlaf verfiel.
Sie brütete weiterhin in Katharina, als die Morgensonne ins Wohnzimmer schien.
∞
Katharina erwachte. Sofort brandeten unliebsame Erinnerungen aus ihren Träumen heran: Sie wurde gejagt, über Stock und Stein, quer durch das Land in der Umgebung. Dazu kam das Gefühl, von einer dunklen Macht im Schlaf niedergedrückt worden zu sein. Sie fühlte sich eigentümlich beschmutzt – nein, entweiht war das richtige Wort. Als wäre sie dem Bösen zu nahe gekommen.
Ihr Blick fiel auf den Teil des Bodens, der ihr in der Nacht so viel Kummer bereitet hatte: Dort streichelten Sonnenstrahlen die Dielenbretter, seltsam gedämpft war das Licht; es bildete eine helle Plattform auf dem honiggelben Holz. Walnuss, Spezialanfertigung, lackiert. Die Bohlen glänzten gleichmäßig und stabil. Durch diese würde sie mit Sicherheit nicht fallen.
Sie seufzte – halbwegs beruhigt –, sah dann zur Seite.
Ferdinand schnarchte leise. Ihm hing ein Speichelfaden aus dem Mund, die Morgensonne glitzerte darin. Sie beugte sich hinab, strich ihm über die Wange und flüsterte: „Gut - KLACK! Morgen!“
„W-was?“, nuschelte Ferdinand auf dem Sofa. Die Spucke löste sich von seinem Mundwinkel und versank im Stoff.
„Guten Morgen, hab ich gesagt!“ Sie versuchte das Schlagen des Pendels auszublenden. „Hast du gut geschlafen?“
„Klar hab ich das!“ Er räkelte sich auf dem Sofa und gähnte herzhaft. Dann erst bekam er die Augen auseinander und sah sie an. „Du wirkst aber so, als hättest du dich im Schlaf herumgewälzt. Vermutlich brauchst du ein paar Tage, um dich einzuleben.“
Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht. Ich hab etwas gesehen … gestern Nacht, als du geschlafen hast.“ Sie ging links um den Wohnzimmertisch herum, hockte sich auf der anderen Seite hin und fuhr nervös mit den Fingerkuppen über die Dielen – durch die Täler und Erhebungen darin, über Hügel und Wasserfälle aus hellgelbem und dunkel honigfarbenem Material. Sie fühlte Rinnen und Flächen, Wölbungen, Schluchten zwischen den einzelnen Brettern. Da war kein Loch.
Sie hörte das Knarren des Sofas, als Ferdinand aufstand. „Was machst du denn da?“
„Fühlen, siehst du das nicht?“ Ihre Stimme überschlug sich.
„Das schon. Das Holz ist doch das richtige? Oder ist etwas bei der Lieferung schiefgelaufen?“
„Es sieht genauso aus wie das, was ich mir im Katalog ausgesucht habe.“
„Dann ist doch alles bestens. Doch wieso kriechst du auf dem Boden herum und tastest die Bretter ab?“
Sie schüttelte den Kopf. Da fiel ihr etwas ein: „Die Olive! Wo ist die Olive?“
Ferdinand sank neben ihr in die Hocke und kratzte sich am Kopf. „Welche Olive? Wenn du welche essen möchtest, kannst du dir aus der Schale vom Tisch eine nehmen. Da sind noch welche.“
„Nein, ich brauche diese eine! Ich habe sie gestern Nacht in den Abgrund geworfen. Wenn ich sie nicht finde ...“ Sie sprach nicht zu Ende, sondern kroch auf Händen und Knien durchs Wohnzimmer. Sie schaute sogar in die Asche vom Kamin. Da wurde es Ferdinand allmählich unheimlich. Er rieb sich den Bauch. Dinge, die er nicht verstand, schlugen ihm schnell auf den Magen. „Wozu brauchst du eine ganz bestimmte Olive? Ist die Teil eines Gewinnspiels? Ich hab mir den Aufdruck des Deckels nicht so genau angesehen.“
„Gewinnspiel! Woran du nur immer denkst!“
„Dann erklär mir doch endlich, was das Ganze soll! Du benimmst dich, als hättest du deinen Ehering verloren!“
„Der ist noch da.“ Katharina hielt ihren Finger hoch; die Antwort auf die Sache mit der Frucht blieb sie ihm jedoch schuldig.
Da ging Ferdinand in die Hocke und nahm sie in den Arm. Das tat er immer, wenn er nicht weiterwusste. Die meisten Probleme in ihrer Beziehung hatten sich auf diese Weise lösen lassen.
Bisher.
∞
„Kommst du?“, fragte er schließlich. „Am besten, du schnappst ein bisschen frische Luft.“
„Je mehr Abstand ich zwischen mich und diese komische Stelle bringe, desto besser.“
Ferdinand seufzte. „Heute Abend wissen wir mehr. Wenn man in eine neue Wohnung zieht, ist am Anfang alles gruselig. Später gewöhnt man sich an die neuen Geräusche.“
„Und die Schatten?“
„Um die kümmern wir uns, wenn es soweit ist.“ Er reichte ihr die Hand und zog sie hoch. Als er jedoch an der Haustür rüttelte, klemmte die. „Wieso öffnet sie sich nicht? Die ließ sich doch gestern noch einwandfrei bewegen!“ Er stemmte sich dagegen und drückte so feste er konnte. Schließlich gab es einen Ruck, und die Tür öffnete sich einen Spalt weit; vor der Tür türmte sich Schnee.
„Sowas! Wir sind eingeschneit. Das ging aber schneller als erwartet!“
Katharina nickte und schlang die Arme um den Leib. Zwei Schichten Kleidung – Wolljacke und Mantel – mussten her!
Ferdinand krempelte sich die Ärmel hoch und nahm die Schneeschaufel vom Haken. Er kam zunächst nur mit der Schaufel durch den Spalt, dann hatte er etwas zur Seite geräumt und konnte sich nach draußen zwängen. Dort legte er dann richtig los mit dem Schippen.
Katharina ließ sich Zeit mit der Auswahl ihrer Garderobe. Als sie sich fertig angezogen hatte, glänzte vor der Haustür bereits eine weiße Bahn. Sie wickelte sich den Schal zweimal um den Hals, ehe sie sich ins Freie wagte.
Der Anblick der Winterlandschaft verschlug ihr den Atem: Die weiße Pracht bedeckte die Felder, türmte sich auf der Hecke, klebte daran wie Zuckerguss an einem Lebkuchenhaus. Sie genoss die Aussicht, die sich ihr bot. In der Stadt war ihr Blick an den Hochhäusern hängengeblieben. Hier sah sie alles: Den weiten, stahlblauen Himmel, der sich übers Land wölbte; die stacheligen schwarzen Äste, vom Frost verkrüppelt und entstellt, schnappten nach Luft, denn sie saßen bis zum Hals im Schnee. Die Bäume schafften es nach oben, die Büsche nicht.
Schön war es, wie in einem Märchen. Dann kam ihr ein neuer Gedanke. Ihr Hals schnürte sich zu, ehe es aus ihr hervorbrach: „Warum sind wir bereits am ersten Tag eingeschneit? Hätte der Schnee nicht warten können, bis wir uns hier eingelebt haben? Nicht einmal ein funktionierendes Telefon haben wir! Schau mal, es gibt keinen Empfang.“
„Der Sendemast wird ebenfalls zugeschneit sein. Aber wenn wir etwas brauchen, könnte ich versuchen, mich bis zur Stadt durchzuschlagen. Ich muss es zu Fuß versuchen; der Wagen wird es nicht durch den Schnee schaffen.“
„Lassen Sie es lieber!“, kam von hinten eine Stimme.
Sie klang leblos; innen hohl, bar jeden Mitgefühls – ein Baumstamm, dessen Inneres die Pilze mit winzigen Geflechten durchdrungen hatten, kleine Fäden, die kaum jemand wahrnahm und die den größten Baum zu Fall bringen konnten, wenn er nur einen Moment der Schwäche zeigte. Dann blieb er tot und vor allem leer zurück, als hätte er niemals ein lebendiges Inneres gehabt.
Diese Stimme stammte von jemandem, den sie sich schon lange geholt hatten.