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Konservativ, traditionell, katholisch - eine typische Familie in Bayerisch-Schwaben. Dazu Sohn Harry, der noch während seines Noviziats eine klare Präferenz zum männlichen Geschlecht erspürt. Und das zu einer Zeit, in der »Schwulsein« ein mit heftigen Diskriminierungen belegtes Tabu war. Der blauäugige Harry wird von der Wucht des prallen Lebens mitgerissenund lernt, dass das Erwachsenwerden mitunter alles andere als ein Zuckerschlecken ist. Ob maximalpubertierender Chef der Oberdorfbande, die große Liebe im Kloster oder, am Tag der Begegnung mit dem Papst, der erste Besuch einer römischen Schwulenbar. Harrys junges Leben verläuft voller bewegter und bewegender Ereignisse. Mit sündhaft witzigem wie sarkastischem Tonus beschreibt der Autor in deutlicher Sprache die damals für ihn durchaus harte Zeit unter dem Einfluss der katholischen Sozialisation und wie er damit zurechtgekommen ist. Bei spitzbübischen Jugendsünden und heftigen Schicksalstragödien erlebt der Leser ein Auf und Ab der Gefühle, herzhaftes Lachen und betroffenes Weinen womöglich inklusive.
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Seitenzahl: 214
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Für meine Löwenmutter Elly, den Menschenfreund, meinen Vater Hans
&
Martin
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Es war einer jener sonnigen Septembertage, an dem ich mich gerne auf der anderen Seite des Käfiggitters befunden hätte.
Die Sommerferien waren vorüber und mit ihnen der betörende Wohlgeruch von sorgloser Freiheit in Form von reifen Äpfeln, Löwenzahn, Lagerfeuer mit darin verkohlten Kartoffeln und Würstchen am Stock. Die Gespräche vor dem Zelt – über Gott, die Mädels und die Welt – gehörten ebenso dazu wie das spät zu Bett gehen und noch später aufzustehen. Es war die unbequeme Luftmatratze und das Schundheft, das ich mit meinem besten Kumpel im mückenverpesteten Zelt, spätnachts mit der Taschenlampe akribisch ausleuchtete, während wir an unseren Fingermöhrchen herumspielten. Es war der Duft des Sommers, die nach Ozon schmeckende Haut, die ich so gern leckte und dann daran roch. Die Nachmittage am Baggersee. Sonnencreme im verbrannten Gesicht und lauwarme Capri-Sonne in der Kühltasche. Frisch gemähtes Gras, dunkelgrüne Füße mit schwarzen Nägeln, »Nonstop Nonsens« mit Didi Hallervorden dienstagabends und »Die Waltons« sonntags im gemütlichen Lieblingskino, dem Wohnzimmer im Haus meiner Eltern. Es war eine geschenkte Zeit, um die Freiheit zu entdecken und das Leben zu schmecken. Ich war voll erwachender Lust auf mein Dasein und erlebte alles derart intensiv, als würde ich MutterErde umarmen und gleichzeitig lustvoll in sie beißen, um sie zu erlegen. Ich freute mich abends auf den Morgen und morgens auf den Abend.
Nach dem provisorischen, weil ferienbedingten Auszug aus dem elterlichen Haus vollzog sich mein pubertäres Leben als 13-Jähriger in den vier Stoffwänden mit Reißverschluss-Tür. Sechs lange Wochenim großen Garten unter dem Nussbaum, in unbeschwerter Selbstständigkeit mit einer ganz ausgezeichneten Hauswirtschafterin, die im Hauptgebäude meines Imperiums wirkte. Es gab alles, was man zum Leben brauchte. Die Bank in Form eines in Urlaubslaune spendablen Herrn Papas, der gleichzeitig für Lagerfeuerholznachschub sorgte, zwei große Brüder als personifizierte Taxis, die in der Stadt regelmäßig und kostenlos Eis holten.Ich nutzte nämlich mein Insiderwissen über deren diverse, unzüchtige Liaisons mit alterierenden Damen des Dorfes und tauschte diesbezügliches Schweigen gegen Eisgutscheine und wiederkehrende Fahrdienste zu meinen und meiner Freunde Gunsten. Ferner gab es ein gutbürgerliches Restaurant, das von bereits erwähnter Hauswirtschafterin in Personalunion einer Köchin und Bedienung bestens geführt wurde. Hinzu kam meine engste Freundin Anka. Eine schon recht betagte, liebenswerte Hundedame, die in ihrem Leben mehr Rüden als Liebhaber hatte als die katholischen Priester unserer großen Diözese Augsburg heimliche Beziehungen. Und das soll schon etwas heißen. Anka war immer um mich herum, warf in größter Regelmäßigkeit und den kürzest möglichen Abständen ihre Welpen in die Welt (Vater unbekannt, mutmaßlich aber stets ein anderer), die, noch bevor sie die Augen öffneten, an ihre zukünftigen Menschengeschwister vermittelt wurden. Konnten nicht alle vergeben werden, wurde der Rest mit großer Wucht an die Wand geworfen. Schmerzlos und schnell, hieß es. So wurde das eben gehandhabt und ich lernte den rauen Süden der Republik als meine Heimat kennen und lieben.
Die Ferienzeit war nun aber wieder vorbei.
»Schrumpf!«, schrie mich das dozierende Unheil an. »Hör auf, aus dem Fenster zu träumen, und komm an die Tafel!«
Die weiblichen Mitgefangenen kicherten und die männlichen Kumpels grinsten in einer Mischung aus Schadenfreude und Sorge, die Nächsten zu sein. Mein Nachname hatte mir nie Freude bereitet und ich buchstabierte ihn stets mit geniertem Humor »S-C-H-rumpf«. Die Sozialisation um mich herum fand ihn lustig und die Pädagogen von Gottes Gnaden konnten ihn wollüstig brüllen, um mich aus meinen Tagträumen zu reißen. An jenem Morgen informierte uns die Lehrkraft über die Diversität der Bodenschätze Südamerikas und speziell Brasiliens. Mich interessierten jedoch gerade die während der Ferien von mir auf der Erdoberfläche bayrisch Schwabens entdeckten Schätze, nur dreieinhalb Kilometer von besagtem Pädafängnis entfernt, deutlich mehr, als ES mich aus meinen Ferienreflexionsgedanken riss.
»So – Schruuumpf, dann zeichne hier doch einmal den Umriss Südamerikas auf die Tafel und dazu die ungefähren Landesgrenzen Argentiniens, Chiles, Brasiliens und Venezuelas«, wurde ich süffisant aufgefordert.
Wahrscheinlich hätte man mich damals in den betreffenden Staaten für meine Zeichnungen als Volks- oder Revolutionsfeind entführt, gefoltert und verscharrt. Hier in der bayrischen Klosterschule gab es eine mündliche Sechs und mitleidige Blicke unserer beiden Klassenstreberinnen von Tisch eins. Die zwei, die stets maximal aufmerksam und todernst zur Tafel schauend an selbem saßen und heute vermutlich im hiesigen Finanzamt oder ähnlichen Einrichtungen Karriere gemacht haben. Vielleicht sitzen sie auch irgendwo sehr gescheit in Berlin, hinter hornumrandeten Monsterbrillengläsern versteckt in den Redaktionen der »taz« oder gar bei Springers und keifen weiterhin schadenfroh gegen ihre blödenMitbürger.
Ich mochte sie nicht wirklich.
Vor unserem Haus befand sich eine große Kuhweide. Das helle Läuten der Kuhglocken ist mir heute als Relikt einer beinahe unbeschwerten Zeit in den Ohren.Während ich Freigang hatte und eigentlich Berichte fürs Gefängnis schreiben sollte, saß ich, sobald es das Wetter zuließ, auf unserer großen Veranda und schaute den Kühen zu. Eigentlich lauerte ich mehr, denn jetzt im Spätsommer, wenn es abends mitunter schon etwas kühler wurde, hatte ich kalte Füße, und so wartete ich auch oft gemeinsam mit meinem Hausaufgabenleidensgenossen Schubi darauf, bis sich eine der milchgebenden Damen entleerte. Wir sprinteten danach um die Wettezum Ort des Geschehens.Wer als Erster angekommen war, durfte sich auch zuerst wärmen. Genussvoll ließ ich den an pürierten Spinat erinnernden Kuhfladen zwischen meinen Zehen hoch-quellen, bis ich komplett in der körperwarmen Masse stand. Neugierig betrachteten die freundlichen Mädels das Geschehen und kratzten mit ihren nassen, rauen Zungen an unseren Waden und Kniekehlen, bis wir den Kitzel nicht mehr aushielten und zurückrannten. Schade, dass ich meinen aktuellen Garten nicht an einer Weide habe. Ich hätte, just in diesem Moment, über 40 Jahre später, große Lust dazu.
Aber so vergeht die Zeit, vieles hat sich verändert.
Meine Hündin heißt jetzt Molli und ist vermutlich lesbisch, die Lagerfeuer sind rar geworden und ich brauche keine Lehrer mehr zu ertragen. Zumindest nicht jene, die vor mir stehen und Dinge erzählen, die ich gar nicht wissen will und seinerzeit auch meist nicht kapierte. Meine geliebte Frau Mamawurde mit den Jahren zur besten Freundin, sitzt inzwischen im Rollstuhl und erkennt mich nicht. Die Brüder sind leider nicht mehr erpressbar und mein Herr Papa braucht mir, Gott sei Dank, kein Taschengeld mehr zu geben. Eines jedoch ist geblieben und sogar noch stärker als je zuvor:
Die Lust zu leben, die Begeisterung für den Genuss und der unbändige Wille, meine kleine Welt zu erlegen und ihr gleichzeitig zu erliegen.
Schon früh machte ich mir die nicht ganz so simplen Gedanken, wozu ich eigentlich hier auf Erden bin. Es konnte doch nicht nur dem bloßen Dasein geschuldet sein, dass ich in dieser Form, an genau diesem Platz existent bin und auch noch längst möglich auf der Welt bleiben sollte. In besagter Klosterschule wurde ich der Antworten auf meine Lebensfragen relativ einfach fündig und die Mitgliedschaft in der Katholischen Jungen Gemeinde und einem etwas konservativeren, sehr religiösen Ableger davon, dem »Offenen Seminar«, bewirkten ihr Übriges. Ich wurde Ministrant und ein bei Gotts gern gesehener Gast.
Unsere Familie ist musikalisch und so blieb es nicht aus, dass ich als jüngster Spross ein Instrument lernen sollte. Meine im Kirchenchor und dem, wesentlich sympathischeren, weltlichen Gesangverein aktiven Eltern entschieden sich, in ausnahmsweise einvernehmlicher Absprache mit mir, für eine Ausbildung zum Heimorgelvirtuosen. Meine erste Heimorgel hieß Farfisa Larissa, eine Italienerin. Sie war so magisch vielseitig, dass ich an dem Tag, an dem sie in mein Leben trat, fast die ganze Nacht bis morgens um 3.30 Uhr an ihr herumspielte. Zufälligerweise war dies ein sogenannter Heiliger Abend, der immer auf den 24. Dezember fällt. So wurde ich um 22.30 von meiner neuen Freundin weggeholt, um bei der Christmette, dem heilig-abendlichen Spätgottesdienst, zumindest körperlich anwesend zu sein. Was für ein Schmerz, als man mich von Knöpfen, Lichtern, Schiebereglern und Basspedalen wegriss und ich Larissa an unserem erstengemeinsamen Abend stummzurücklassenmusste.
Die Hauswirtschafterin, die auch gleichzeitig meine Erzieherin war, entschied und verkündete, dass ich einmal in der Woche in die nahe gelegene Stadt radeln sollte, um die Karriere im Musikhaus Kräner zu beschleunigen. Ich hatte keine Chance, mich gegen diese Verfügung zu wehren, und folgte artig. Der Seniorchef war gefühlte 101 Jahre alt. Tatsächlich dürften es um die 85 gewesen sein. Er war ein stiller, leicht muffliger, weißhaariger Mann und mit immer derselben dunkelbraunen Strickweste bekleidet. Stets setzte er sich auf einen quietschenden Stuhl neben die Klavierbank, um mir Unterweisungen zu geben. Er hatte einen seltsamen Geruch an sich, den ich nicht näher definieren konnte, aber es roch irgendwie alt. Tragischerweise fiel meine Unterrichtsstunde fast immer in die Zeit, zu der der musikalische Greis sein Vesperbrot auspackte und mir zu »Capri-Fischer« und »Tulpen aus Amsterdam« seinen mit allen Sinnen deutlich wahrnehmbaren Wurstbrotverzehr ins Ohr schmatzte. Bedauerlicherweise hinderten ihn auch über mindestens 50 Gramm »Leberwurstbrot mit Gewürzgurkenspeisebrei« nicht daran, mich bei Fehlern verbal zu verbessern. In besonders schweren Fällen griff er dann mit Leberwurst-Fingern ins Geschehen ein, was insbesondere auf den weißen Tasten glitschige Spuren hinterließ. In der Regel blieb es jedoch bei verschiedenen Essensresten an und in meinem Ohr. Je nachdem wie ungeschickt ich mich zu ihm wandte, auch mal Mittenim Gesicht. Die Leberwurst kratzte er aus einer Dose vom regional bekannten Hausschlachter, der nie mit Knoblauch sparte. So hatte ich nicht sehr viel Freude am Heimorgelunterricht und bat die Hauswirtschafterin, die auch als Retterin aus Nöten, in die ich ohne sie nie geraten wäre, fungierte, um Begnadigung. Meinem Antrag wurde jedoch erst stattgegeben, als ich einen kapitalen Leberwurstbrotbrocken mit Gewürzgurke, entgegen sonstiger Gewohnheit, am Hals beließ, um ihn, ob der halbstündigen Fahrradfahrt schon angetrocknet und vergammelt, als beweiskräftiges Argument in Augenschein nehmen zu lassen. Meine Hauswirtschafterin, die zudem als Amtsrichterin fungierte, holte zum Ortstermin zwei Schöffen (die Brüder) und den Staatsanwalt (den Vater) hinzu. Nach kurzer Beratung wurde ich, ohne weitere Schilderungen der Tatumstände, freigesprochen.
Die Frau Mama, die ebenso meine Karrieremanagerin war, holte nach diesem misslungenen Versuch einen Lehrer ins Haus, der allen Klischees eines sogenannten Alleinunterhalters gerecht wurde.Mit einem fürdamalige Verhältnisse extrem aufgemotzten Renault Fuego, einer Art Porsche für Landesverräter, schneite der lustige Karl, den alle Charly nannten, zu mir und Larissa herein. Er setzte sich in seiner immer hellblauen Schlaghose und dem bis zum knotigen Bauchnabel offenen Hemd neben mich, zog etwas Schnupftabak über seinem Porno-Seehundschnauzer durch die Knollennase in vermutlich spärlich gefüllte Kammern, und kraulte sich an seiner üppigen Brustbehaarung. Larissa, die über einen echten »Leslie«-Lautsprecher (Googeln Sie das mal) verfügte, spielte mit mir zusammen die »Tulpen aus Amsterdam« herbei, die ich tausendfach in verschiedenen Farben mitbringen würde, wenn ich wiederkäme. Charly kratzte sich derweil wiederholt an seinem, sich an der leichten Stoffhose überdeutlich abzeichnenden Gemächt.
Nach etwa einem halben Jahr wurde das Schöffengericht erneut zu einer Dringlichkeitssitzung zusammengerufen und ich stellte den Antrag, zukünftig als Autodidakt weitermachen zu können. Mit der genervten Bemerkung, ich sei schon etwas kompliziert und nicht einfach als Heimorgelschüler, wurde mir stattgegeben.
Fortan ging es aufwärts mit meinen Künsten und ich holte alles aus der in hübschem Furnierholz gefassten Larissa heraus.
Wie ich schon erwähnte, verfügte unsere Familie über ein großes Wohnzimmer. So kam es häufig vor, dass die trinkfreudigsten Hobbysänger des Ortes, nach Beendigung der freitagabendlichen Singstunde, zusammen mit der Richterin und dem Staatsanwalt, der praktischerweise auch Vorstand des Gesangsvereins war, gutgelaunt in unser kleines Lichtspielhaus quollen. In diesem hatte inzwischen auch Larissa eine neueHeimstatt gefunden. Ungeachtet der späten Stunde wurde meinschlafender Körper aufgefordert, zur Nachtunterhaltung der Freunde meiner Frau Mama,die in diesem Fall Eventmanagerin war, beizutragen. Da es bei uns in Bayrisch-Schwaben, wie bereits erwähnt, durchaus auch einmal rustikal zugeht, wurde die mangelhafte Abendgarderobe gerne akzeptiert und so absolvierte ich meine ersten öffentlichen Auftritte im Schießer-Schlafanzug.
Besonders beliebt war das sogenannte Potpourri aus verschiedenen Volksliedern, die übergangs- wie gnadenlos aneinandergefügt wurden. Da kommen Jäger aus Kurpfalz, übrigens meiner jetzigen Heimat, vor und speziell ein Waidmann blies anschließend »wohl in sein Horn« – Gottlob nicht in das etwaiger Jagdgenossen. Müller wandern lustvoll in schönsten, deutschenWiesengründen, die jählings in polnische Städtchen übergehen, wo angeblich die hübschesten Mädchenwohnten, die freilich, welch monumentales Ungemach, nie Küssen mochten. Es konnte durchaus sein, dass man im Handumdrehen aus dem lustfeindlichen Polenstädtchen wieder am Rhein landete, der so wunderschön ist und – so beteuern die Vortragenden – ewig Deutschlands Zierde sein solle. Die Elbe hätte ich ja gerade noch durchgehen lassen, aber, wenngleich meine geografischen Kenntnisse über Südamerika, wie Sie wissen, recht bescheiden sind, so wusste ich doch, dass das Polenstädtchen nicht sehr nahe am Rhein liegt. Es gab noch weitere Absurditäten, die mich mehr und mehr an der Zurechnungsfähigkeit der mit zunehmender Stunde immer lauter singenden Schar Zweifeln ließ. Je unglaubwürdiger die Geschichten, desto schallender sangen sie. So wurde zum Beispiel in die Ritterzeit gewechselt und das Leben der Ritter anhand zweifelhafter Mären geschildert und dabei stur behauptet: »Ja so warn’s die oiden Rittersleut’.« Im nächsten Stück war man wieder flugs an der schönen blauen Donau, im Wien zur kaiserlich-königlichen Zeit. Also ich kann Ihnen sagen, die Damen und Herren aus dem Freundeskreis meiner Vorgesetzten waren hin und wieder, von frischem weißen Wein genährt, so blau, dass die Donau im Vergleich dazu als blasses Rinnsal daherkommt. Sie durchschauten nicht mehr so ganz, was sie da sangen. Die sangesfrohe Hauswirtschafterin hatte üblicherweise auch schon glasige Augen und zwinkerte mir stolz zu. Sie war nämlich auch meine Agentin. Immer endete der fröhliche Kultur- und Heimatabend mit freundlich auf die Schulter klopfenden Freunden, die spätnachts friedlich und zufrieden Arm in Arm nach Hause gingen. Ich mochte die Leute in unserem Dorf und speziell die Freunde meiner Eltern. Wo man singt, da lass dich nieder, schlechte Menschen haben keine Lieder! Wie wahr …
Die katholische Kirche spielte in meinem bisherigen Lebenslauf keine unerhebliche Rolle und ich fürchte, der vor Jahren stattgefundene Kirchenaustritt wird daran auch nichts mehr ändern. Ich glaube, das hat man lebenslang. Getaufter Christ bleibt man – Austritt hin oder her. Wer widerspräche mir da?!
Als Ministrant liebte ich es, die Kirchenglocken zu läuten, um die mehr oder weniger Gläubigen zum Gottesdienst zu rufen. In unserer Dorfkirche gab es vier Glocken, die man von einem elektrischen Schaltkasten aus einzeln ansteuern konnte. Es war eine hohe Kunst, die zeitlichen Abstände der Aktivierung so zu wählen, dass es als Ergebnis ein harmonisches Geläut ergab. Es wurde »Leute zusammenläuten« genannt. Ich konnte so gut wie sonst niemand Zusammenläuten, bildete ich mir jedenfalls ein. Zuerst die kleinste, am hellsten klingende Bimmel allein, dann die anderen zwei und zum Schluss die dicke, fette Bass-Glocke. Wow – das rockte und ich war es, der das ganze Dorf damit beschallte. Ausschalten funktionierte dann in umgekehrter Reihenfolge. Ich war sozusagen der sakrale Hood-DJ.
Eines Tages erkrankte der Kirchenorganist und sein Ersatzmann war im Urlaub. So wurde bei mir gefragt, ob ich samstags die große Orgel zum Abendgottesdienst spielen könnte. Der Gedanke, dass ich allein an der Kirchenorgel sitzen würde, um den Volksgesang zu begleiten, ließ mich vor Aufregung zittern. Die gemütliche Runde der Gläubigen unterschied sich doch fürwahr sehr von der nächtlichen Singsause, die ich vom hohen Gericht samt Gefolgschaft kannte. Alles war ein wenig ernsthafter, obwohl sie ja von der Frohbotschaft redeten und sangen. Außerdem trank nur einer, nämlich der Pfarrer, ganz spärlich einen pappsüßen Wein, der noch dazu im Laufe des Gottesdienstes zu Jesu Blut wurde. Igitt!
Ich wusste also, dass hier nicht von kussverweigernden, bildhübschen Mädchen und hörnerblasenden Jägern gesungen, sondern das höchst ernsthafte Unterfangen des Gott Lobens praktiziert würde.
Harry, dachte ich mir, du kannst das, und bat aufgeregt um den Or-gelschlüssel, um noch etwas üben zu können. Ich erinnere mich zu gut an das erste Stück, das ich anschlug: »House of the rising sun« – wir hatten diesen Song so oft am Lagerfeuer gesungen und er klang auf der Kirchenorgel einfach himmlisch. Dass er von einem Puff in New Orleans handelt, störte mich derweil nicht. Es reichten meine theologischen Kenntnisse doch schon so weit, als dass ich wusste, dass Jesus sich auch mal mit Nutten unterhalten und sogar eine Ehebrecherin vor der nicht erstrebenswerten Erfahrung des Steinigens bewahrt hatte. Es klang herrlich und machte großen Spaß. Nun, es war ja das Ende der Siebziger, in denen ich aufwuchs, und alles war ein wenig revolutionärer und aufgeschlossener als noch ein paar Jahre zuvor.
So begann eine sieben Jahre dauernde Tätigkeit als Organist. Samstagabend, Sonntagfrüh und alle möglichen Feiertage dazwischen. Zur andächtigen Kommunion »A wither shade of pale« von Prokol Harum und zum Auszug des einzig leicht angetrunkenen Mannes der Party, mit seinen kleinen, in fesche Kleidchen gehüllten und süßen Jungs, das fröhliche Lied »Guantanamera«. Ein derzeit beliebtes Stück, zumal die The-matikMittel- und Südamerika sowie Afrika sehr aktuell war. Unsere Kirchengemeinde unterstützte vielerlei Projekte und dadurch kam auch ein ebenso sehr dunkelhäutiger wie gut aussehender Gottesmann in die Gemeinde, was zur Folge hatte, dass die Frauenquote bei den Gottesdienstbesuchern in die Höhe schoss. Überhaupt war Pfarrer Jeremy aus Ghana ein überaus netter Mensch und als ich beim ersten Mal zum Auszug der kleinen Demonstrantengruppe »Guantanamera« erklingen ließ, blieb er ganz selbstverständlich am Altar stehen und fing mit groovigem Hüftschwung an zu klatschen. Leider konnte ich die entglittenen Gesichtszüge der oberschwäbischen Omis, die schon Alice Schwarzer und Oswald Kolle hatten ertragen müssen, nicht ganz genau sehen. Nun schwang ein schwarzafrikanischer Pfarrer froh die Hüften. Ich fürchte, der eine oder andere fromme Christenmensch trug an diesem Anblick schwerer als an den aktuellen Bildern aus Mogadischuoder jenen, der etwa 35 Jahre zuvor stattfindenden Deportationen der Nachbarn.
Am zweitschönsten waren die »Rorate« – Messen in unserer kleinen Wallfahrtskirche, die der neuen Hauptkirche, einem nüchternen, nachkonziliaren Versammlungshaus, benachbart war. Rorate sind Adventsmessen und finden immer sehr früh am Morgen statt. Die Kirche wird nur mit Kerzen erhellt und Maria, angeblich auch biologische Jungfrau, obwohl sie den kleinen Jesus auf natürliche Weise zur Welt gebracht hat, steht im Mittelpunkt. Dazu wird das »Allerheiligste« auf den Altar gestellt. Damit ist die Monstranz gemeint, die eine in Jesu Fleisch verwandelte Hostie, die eigentlich ein Oblatengebäck ist, welches wir von den adventlichen Nusshäufchen oder vom Lebkuchen als Unterlage kennen, schmuckvoll präsentiert.
Die Ministranten-Kollegen nannten die Rorate Messen auch »Morgen-grauen«, weil diese immer viel zu früh morgens begannen, wenn es noch dunkel war. Dazu gab es jede Menge Weihrauch und wer da nicht von besonders stabiler Konstitution war, und/ oder nicht kräftig gefrühstückt hatte, den haute es schon mal vor dem Hochaltar um. Aber das ist halt das Berufsrisiko als Ministrant.
Das definitiv Schönste an den Sonntagsgottesdiensten war jedoch die anschließende Einkehr im Dorfgasthaus beim »Oberen Wirt«, der praktischerweise in direkter Nachbarschaft zur Kirche lag. Die ausschließlich männlichen Kirchgänger, trafen sich hier zum sogenannten »Frühschoppen«. Einige davon waren während des Gottesdienstes nur für wenige Minuten physisch anwesend und nahmen gar nicht Platz. Somit war die Sonntagspflicht erfüllt. Katholiken können mitunter raffinierte Schlitzohren sein, wenn es darum geht, die Regeln der Kirche auszulegen. Sie stellten sich »hinten rein«, um sich dann, sobald die frommen Katholiken mit dem Verzehr des Jesusfleisches in Form der, übrigens veganen, Hostie abgelenkt waren, aus dem Gotteshaus zu schleichen. Dort erwarteten sie die Vollzeitkatholiken mit einer Halbe Hellem, um sogleich miteinander anstoßend in die aktuellen Themen der dörflichen Politik-, Sport- und Kulturlandschaft einzusteigen. So erlebte man zum Teil hitzige Debatten am Stammtisch. Da saßen der Bürgermeister, seine Gemeinderäte und das »Volk« am großen Tisch und stritten mitunter recht laut. Basisdemokratie vom Feinsten.
Kurz vor 12 Uhr mittags wurde es ruhiger und die eben noch kämpferischen Streiter zogen lammfromm nach Hause, dorthin wo schon der Sonntagsbraten duftete. Die weniger »braven« Stammtischbrüder, ließen sich jedoch per Anruf im Gasthaus nach Hause zitieren. Läutete das Wirtstelefon, wurde laut gelacht und man durfte gespannt sein, wer nun von höchster Regierungsstelle abberufen werden würde.
Es gibt ja Sachen, die sollte man genauer hinterfragen.
Als kleiner Steppke hatte ich mir beispielsweise häufig Gedanken gemacht, wer oder was eigentlich bestimmt, wie viele Kinder ein Mann und eine Frau zusammen bekommen. Da gab es welche, die hatten fünf Sprösslinge, wir waren zu Hause zu dritt und dann gab es wieder Paare, die Pech hatten und nur ein Kind geschenkt bekamen. Besonders übel traf es die, die kinderlos blieben.
Für mich war klar, dass Kinderkriegen ein Geschenk ist, das man nach der Hochzeit automatisch bekommt. Man durfte sozusagen gespannt warten und wenn man viel Glück hatte, waren es ganz viele Kinder. Diese Theorie wurde erst dann zu einem unumstößlichen Faktum, als meine Hauswirtschafterin, die auch persönliche Lebensberaterin war, bestätigte, dass dem zu einhundert Prozent so sei. Sie log zu meinem Wohle, wie sie zu ihrer Verteidigung auf spätere Vorhaltungen hin ausführte. Sie selbst wurde als Halbwaise von ihrer immens lustfeindlichen wie liebenswerten Mutter erzogen und glaubte die Geschichte wohl selbst bis zum Tag, an dem sie den lebensfrohen Zimmermeister, dritter Spross aus zwölf Kindern, kennenlernte. Aber vielleicht unterschätze ich meine Frau Mama da. Ihre damalige Fake-Info sei ihr jedenfalls verziehen.
Ein wenig später bekamen die Grundpfeiler dieser Fortpflanzungstheorie deutliche Risse, als mein Kumpel Mäx ein Kondom mitbrachte und mir erklärte, wofür es gedacht sei. Außerdem schauten wir mit drei anderen Jungs in seinem Partykeller ein VHS-Video, auf dem unbekleidete Menschen zu sehen waren, die sich recht sportlich damit beschäftigten, unter heftig-freudigen Lauten Dinge zu tun, die von größter Einvernehmlichkeit kündeten. Ich erinnere mich gut daran, dass eine der Damen in besagtem Lichtspiel andauernd »JA« rief, während ihr Drehpartner, körperlich nahest möglich, an ihr virtuos aussehende, gymnastische Übungen vollzog. Das sah nach echtem Spaß aus und gefiel mir enorm.
Es war in der sechsten Klasse des Gymnasiums meiner Klosterschule, als unser Biologielehrer, der passenderweise den Namen Herr Hodenmeier trug, ein Dia-Bild an die Wand projizierte, auf dem eine nackte, sich an den Händen fassende Familie abgebildet war. Ein Mann, eine Frau, ein Mädchen und ein Junge. Wortlos und ohne jede Vorbereitung warf er dieses Bild an die Wand. Wir schrien, klatschten und kreischten vor Lachen, als hätte man uns den Papst geschminkt und in Federboa gehüllt oder Bundeskanzler Schmidt mit Glatze und Teufelshörnern gezeigt. Nachdem wir uns mühsam beruhigt hatten, erklärte Herr Hodenmeier die sekundären Geschlechtsmerkmale. Der Ärmste konnte logischerweise die Hoden und den dazugehörigen Beutel nicht auslassen.
Er konnte schlecht sagen:
»Das hier sind die Eier und die sind in einem Sack«,
sodass wieder ein ungehemmter Lachanfall der gesamten Klasse, mit Ausnahme unserer beiden Regierungsrätinnen von Tisch eins, als Folge gewiss gewesen wäre.
Fortan hieß er nur noch Herr Hodeneier – Lehrer sein ist schwer.
Pädagoge Hodeneier fuhr nach dem Abklingen der allgemeinen wie hysterischen Erheiterung fort und so ging es um das Thema Fortpflanzung. Mit einer Mischung aus Argwohn und Neugier lauschte ich seinen Ausführungen.
Es müsse das Glied des Mannes in die Scheide der Frau reingetan werden und als Folge dessen komme es zu einem Samenerguss. Die kleinen Samenviecher, die aussehen wie Kaulquappen, beginnen das Ei der Frau anzuknabbern und nach genau neun Monaten gebe es dann ein Baby.
Totenstille im Raum. Peter Albers, schon mit zehn Jahren wie Bob Marley aussehender Sohn eines Psychologen, kommentierte, eine Spur zu laut flüsternd: »Wie geschwollen der redet. Die müssen halt bumsen und wenn sie nicht aufpassen, gibt’s n Balg.«
Peter verbrachte den Rest des Schultages in Einzelhaft.
Ich traute mich, durch Mäx’ Partykeller-Lehrfilm in gewisser Weise zwar vorgebildet, aber neuen Informationen dennoch interessiert gegenüberstehend, eine Nachfrage zumThema vorzubringen. Schließlich kammir diese Umschreibung bekannt vor. Die Schauspieler dort hatten es ähnlich getan.
»Muss man den Penis da einfach nur reinlegen? Und dann geht alles von allein?!«, fragte ich so unverfänglich wie möglich.
»Ja, so kann man das sagen«, antwortete der linientreue Katholik.
»Und hat der da Platz und ist das immer so, dass man den, so wie er ist, reinlegen kann, oder muss sonst noch etwas vorbereitet werden?«, fasste ich nach.
»Nein, das geht dann automatisch einfach so«, erwiderte der Pädagoge unwillig.
Ich wurde zunehmend skeptisch.
»Und wenn er da nicht reinpasst, weil er zum Beispiel zu groß ist und so?«, bohrte ich nach.
Die Klasse schrie und klatschte wie beim Dia!
»Er passt da rein!!! – Und hat sonst noch jemand eine Frage?«, hörte ich den schwer Entnervten sagen.
Ich gab ihm das Gefühl, mit der Antwort zufrieden zu sein, holte mir aber tags darauf die wissenschaftlich fundierteren Informationen bei Peter Albers. Der fertigte hierzu auch noch eine kleine Zeichnung an, die ganz besonders die Jungs in unserer Klasse mächtig interessierte. Sein Vater hätte ihm das schon lange erklärt und es solle sogar Spaß machen. Seine Ausführungen deckten sich grob mit dem Lehrvideo von Mäx. Peter wechselte noch während des Schuljahres in die städtische Schule unserer Nachbargemeinde. Dort, so hieß es, würden die Tatsachen im Biologieunterricht etwas näher an der Realität vermittelt werden.
Wo waren wir stehengeblieben?!
Rorate und Marienverehrung.
