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Katja wächst als Tochter russisch-britischer Emigranten in Tientsin in China auf. Es sind die 1940er Jahre und später, die Spuren von Krieg und Gewalt überall spürbar. Als junges Mädchen wird sie die Entscheidung treffen, fortan in der Sowjetunion zu leben, und reist mit dem Zug nach Taschkent. Während draußen Schnee und Landschaft vorbeiziehen, wallen in ihr die Erinnerungen an das privilegierte Leben in der ausländischen Konzession auf, an die Wunder und Wunderlichkeiten, die Drachen, Stoffe, Texturen, an das oft rätselhafte Verhalten der Erwachsenen, deren Leben von der Geschichte durchgewirbelt wurde.
Und dann ist da noch der Erzähler, der die sanften, auch absonderlichen Bilder jener russischen Kindheit in China immer wieder mit der eigenen im trüben sowjetischen Plattenbau verschaltet, als die Moskauer »Patriarchenteiche« gerade zu »Pionierteichen« geworden waren.
In seinem letzten Roman erforscht Dmitri Prigow den fremden Kontinent einer Kindheit und birgt die kindliche Wahrnehmung, Welterfahrung, in wunderbar zarte poetische Bilder.
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Seitenzahl: 342
Veröffentlichungsjahr: 2022
Dmitri Prigow
Katja chinesisch
Eine fremde Erzählung
Aus dem Russischenund mit einem Nachwort von Christiane Körner
Suhrkamp Verlag
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Die vorliegende Übersetzung von Katja kitajskaja folgt der Ausgabe Dmitrij Prigov, Monady. Sobranie sočinenij v 5 tomach, die 2013 im Verlag Novoe Literaturnoe Obozrenie (NLO), Moskau, erschien.
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2022
Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe der Bibliothek Suhrkamp 2022.
Erste Auflage 2022Deutsche Erstausgabe© der deutschsprachigen Ausgabe Suhrkamp Verlag AG, Berlin, 2022Alle Rechte vorbehalten. Wir behalten uns auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG vor.
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Umschlaggestaltung: Willy Fleckhaus
eISBN 978-3-518-77512-7
www.suhrkamp.de
Katja chinesisch
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Informationen zum Buch
Cover
Titel
Impressum
Katja chinesisch – Eine fremde Erzählung
Das ganze flirrende Phantom des Lebens.
Dmitri Prigows »fremde Erzählung« von Kindheit und Krieg
Dank der Übersetzerin
Informationen zum Buch
Es war 1944 oder 1945. Genau, 1945. Das Mädchen ist fünf Jahre alt. Nein, eher vier. Also dann doch 1944. Es ist Krieg. Irgendwo weit weg ist Krieg. Hier dagegen Besatzung. Japanische. Wie jeder weiß. Allerdings geht sie schon dem Ende zu. Natürlich mit all den jedermann erinnerlichen unglaublichen, schwer vorstellbaren Grausamkeiten und Gewalttaten sowie purem, kaltem, kalkuliertem menschlichem Irrsinn. Wie das üblicherweise so ist. Doch hier liegt trotz allem etwas Besonderes vor. Etwas Außerordentliches.
Die Erinnerungen allerdings gingen wohl am ehesten auf die zahlreichen besorgten Geschichten und Berichte Erwachsener zurück, die beim Anblick des aufmerksam lauschenden Mädchens die Stirn runzelten und verstummten. Wozu muss das Kind das wissen? Stopp, was soll das heißen – wozu? Es wissen doch ohnehin alle alles. Und sie auch.
Im Allgemeinen aber – das übliche, gleichmäßig fließende Leben. Nur dass vor dem riesigen weißen, zurückhaltend und flach mit einem allgemeinpflanzlichen Rankenornament geschmückten Alabastertorbogen, dem Eingang zum Territorium der ausländischen Konzessionen, ein ungewöhnlich braunhäutiger, knäblich wirkender japanischer Wachsoldat steht. Regungslos. Quasi glasartig. Verglast. Bolzengerade, klar umrissen. Seine schier marmorglattpolierten Wangenknochen sitzen wie bei Katzen weit auseinander. Manchmal scheint es gar, als überzögen sie sich plötzlich blitzschnell mit dicht anliegendem schimmerndem Pelz. Ein junger Fuchs vielleicht, ein kleiner Bär?
Er ist winzig. Ein richtiger Winzling. Nicht größer als das Mädchen, was ihr auch die Gelegenheit gibt, ihn aufmerksam zu betrachten. Indessen ist er mit seiner fast bestialischen Ausrüstung und gleichsam jenseitigen Unbeteiligtheit an diesem Leben hier geradezu irrsinnig und schreckerregend.
Das Mädchen starrte ihn verblüffend durchdringend an. Die Eltern führten sie besorgt und eilends weg. Verständlich. Sie drehte sich noch lange um und hatte ihn trotz allem ziemlich gründlich gemustert. Man verstand nicht, ob er zurückgeblieben war oder ein Kind. Oder einfach ein fremdes, außerdimensionales Wesen, das eine ganz normale menschliche Gestalt angenommen hat. Na ja, fast menschlich. Vorübergehend. So was gibt’s. Was dann später passiert, weiß Gott allein. Der Mensch sollte es besser nicht wissen.
So hatte ihn das Mädchen in Erinnerung. Behielt ihn in Erinnerung. Ja, ja, wie Billardkugeln mattglänzende, straffe Wangenknochen, mit einem Hauch von Rosa mitten auf der Wölbung. Man hatte den Eindruck, dass außer ihnen gar kein Gesicht da war. Aber ein Lächeln. Es schien zu lächeln.
In der Erinnerung des Mädchens flammten auf seltsame Weise Bilder aus längst vergangenen Tagen auf. Womöglich sogar aus der Zeit vor ihrer Geburt.
Irgendwelche brettflachen, in unerhörte Weiten ausgedehnten, geschlossenen, bedickten bläulichen Schneedecken. Vergnügte, übermütige, weißzähnige, rotwangige Leute mit zottigen, keck auf der Seite sitzenden Pelzmützen. Glänzende städtische Goldkuppeln in Frostdunst unter gleißendem Sonnenlicht. Leiser, hoch oben schwebender, alle sichtbaren oder gemutmaßten Konturen gleichmäßig nachschreibender samtener Glockenklang. Sie konnte ihn hören.
Ruhige, beschauliche Flüsse an langen Dämmerabenden – na, das ist ganz sicher schon im viel reiferen Alter aus literarischen Texten herausgelesen. Vermutlich von Iwan Sergejewitsch Turgenjew. Oder Gontscharow.
Natürlich, man könnte all das ihrer Empfänglichkeit zuschreiben, den zahllosen Erzählungen des Vaters und der zahlreichen Gäste. Ebenjenen stundenlangen Unterhaltungen bei Tisch, die endlos um das unwiederbringlich entschwindende, ferne Vaterland kreisten, das im schwächelnden Gedächtnis der alternden Erinnerer unrettbar dahintaute. Das ihnen jedoch gleichzeitig in unwiderruflicher Klarheit und Unausmerzbarkeit direkt vor Augen stand. Ja. Für sie war das so. Und für das Mädchen auch.
Die Mutter saß normalerweise ruhig, aufrecht, schweigend dabei. Was man verstehen kann.
Das Mädchen nun erinnerte sich mit einer für ihr Alter unfassbaren Gewissheit an zahlreiche Details der Hauseinrichtung, an die Lage der Zimmer und die Stellung der Möbel. An die unterschiedlichen Gewänder der Menschen. An Gesichter. Geräusche und Stimmen. Das seltsame Tages- und Abendlicht. An Gäste bei Tisch. An das ganze flirrende Phantom des Lebens, das sich aus dem Gedächtnis auch der unerschütterlichsten Zeugen verflüchtigt. Ja, das tut es. Fast immer und bei fast allen. Gut, es kann auch erhalten bleiben, jedoch nur in gewissen geheimen, verborgenen Gefäßen überirdischer Erinnerung und ewigen Lebens. Freilich ist das nur eine Ahnung, eine Vermutung. In der sich der unausrottbare Wunsch aller menschlichen Wesen zeigt, den unabwendbaren Tod und das vollständige Verschwinden ihrer selbst und des reizvollen Seins um sie herum zu überwinden. Verzeihlich, aber leider durch nichts garantiert außer durch einen unausrottbaren Glauben. Wobei der für viele Menschen eine weit stärkere Garantie darstellt als alle unsere primitiven lebenspraktischen oder naturwissenschaftlichen Beweise und Widerlegungen. Je nun, nehmen wir auch das zur Kenntnis.
Vor dem Mädchen entsteht mit unübertrefflicher Präzision das idyllische Bild einer sommerlichen Tischrunde. Der Monat ist in Vergessenheit geraten. Juli wahrscheinlich. Oder Anfang August. Sie sitzt im dicht beschatteten geräuschlosen Garten auf dem Schoß eines imposanten, jugendlich aussehenden Mannes mit prächtigem Schnurrbart, bekleidet mit einem weit offenstehenden und ständig von der rechten Schulter gleitenden Leinenhemd. Schneeweiß ist es. Und vermutlich doch eher aus Seide.
Dazu Sonne. Das starre Laub durchbrechende schmale und grelle Strahlen. Lichtblitze auf den scharfkantigen, purpurschillernden Facetten der Kristallschale, die mit dicker Kirschmarmelade gefüllt ist. Das weiße Tischtuch blendet. Das Mädchen kneift die Augen zusammen.
Das war doch so! Genau so!
»Die reinste Gedächtniskünstlerin«, bemerkte die Mutter in einem Tonfall, der zwischen Billigung und Argwohn schwankte, und warf einen raschen, fast vorwurfsvollen Blick auf das Mädchen. Die starrte unverwandt zurück.
»Ja, ja! Und Onkel Nikolai hatte so einen großen Ring, auf dem war noch ein Löwe mit aufgerissenem Maul.«
Und wirklich, der vor vielen Jahren in der Blüte seines sich so glücklich gestaltenden erwachsenen Emigrantenlebens plötzlich und unerwartet verstorbene Onkel Nikolai hatte einen solchen Ring mit einem klotzigen Löwen in der Mitte besessen, der gleich nach seinem tragischen Tod flöten gegangen war. Das beschäftigte auf seltsame Weise alle, die an Totenmesse und Beerdigung teilnahmen. Er wurde auch nie gefunden. Seltsam. Doch alle erinnerten sich an ihn.
Als ob es nicht genug seltsame Dinge gäbe. Nehmen wir zum Beispiel seinen Namen. Die Chinesen staunten nicht schlecht darüber – Nikolai! »Ni« bedeutet auf Chinesisch »du«. Und »guolai« »komm her«. Wer denkt sich denn einen so sonderbaren Namen aus? Dabei haben die Einheimischen ebenfalls sprechende Namen, wie Blühender Zweig oder Wilder Strom. Chuan dong – Östlicher Fluss. Chunxia – Frühlingsabendröte. Na ja, das leuchtet ein. Und ist sehr schön. Darum erschien gerade diese konkrete inhaltliche Füllung eines Namens sonderbar: »Komm her!« Das ist wirklich sonderbar.
Wobei er, wie dieselben Chinesen bemerkten, zweifellos als Kompensation für diese Ungereimtheit im Jahr des Schafes geboren war, dem Zeichen für Edelsinn, Ausgeglichenheit und Anstand, was im Grunde durchaus dem wahren Charakter des charmanten Nikolai entsprach. Umso mehr, als sein Horoskop zwei Zehnen enthielt – der zehnte Tag des zehnten Monats. Freilich, das verhieß schon einen gewissen Hyperüberfluss an Fülle, der offenbar zur Ursache seines allzu frühen Todes wurde. So sagte man. Oder dachte es, wenn man dazu schwieg.
Äußerlich war Nikolai das absolut klassische Bild eines blühenden russischen Mannes, das durch nichts an die Umgebung seines jetzigen, vielmehr damaligen Wohnorts erinnerte. Er war ein entfernter Onkel oder Neffe zweiten oder dritten Grades. Beziehungsweise Onkel und Neffe gleichzeitig. Ein Mitglied des riesigen Verwandtschaftsclans, der in ganz Russland, das es bis zu den traurigen Ereignissen des Oktoberumsturzes immer gut mit ihnen gemeint hatte, ins Kraut geschossen war.
Noch als Kind in die Emigration geraten, hatte er sich perfekt im hiesigen Dasein eingelebt, das diesen seltsamen internationalen, vielmehr, wie man damals sagte, kosmopolitischen Persönlichkeitstyp hervorgebracht hatte, der in der ganzen Welt umherzog und sich überall wohl, aber nirgends zu Hause fühlte. Was übrigens nicht immer einherging mit den aus Memoiren und Emigrantenliteratur bekannten tragischen russischen Migrantenleiden und ihren noch tragischeren Folgen. Allerdings wusste das Mädchen aus den Gesprächen der Erwachsenen, dass er unter unbegreiflichen, furchtbaren Zornesausbrüchen litt und, unberechenbar, während solcher Anfälle weiß der Teufel was anstellen konnte. Und anstellte. Ein Russe trotz allem. Solches tritt auch oft in den heimischen Breiten auf, ohne bei Ort und Zeit wählerisch zu sein. Zornmütig sind sie – und basta. Da ist nichts zu machen.
Seine junge chinesische Frau nahm diese Attacken unerklärlichen Jähzorns ergeben hin. Ging bloß aus irgendwelchen Gründen zum ihr gänzlich unbekannten Russisch über und wiederholte leise:
»Ist es gut, ist es gut.«
Er beruhigte sich. Alles wurde tatsächlich wieder gut.
Derlei und Derartige waren üblich in ihrer Familie. Männer und Frauen ihres Blutes waren über die Maßen zornmütig. Bisweilen geradezu bis zum momentanen Verlust jeder Besinnung. Doch schnell versöhnt. Schnell. Freilich war es dem Mädchen nicht beschieden, das mitzuerleben, sonst hätte sie, die Gedächtniskünstlerin, sich unbedingt daran erinnert. An so etwas erinnert man sich. Doch sie erinnerte sich nicht. Wobei nein, nein, irgendwelche Erinnerungen gab es da doch.
Auch ich erinnere mich. Lärm, Gebrüll, fuchtelnde Hände, rote Gesichter. An die Wand fliegende Gegenstände. Ein Krachen, dann Scherben. Aufspringen, Fortstürzen, Geschrei:
»Es ist aus! Es ist aus! Ich gehe! Du siehst mich nie wieder!«
»Geh doch! Ich gehe selber weg von euch! Das hält ja keiner aus!« Und knallt mit der Tür. Seitab knallt eine andere. Irgendwo weit hinten eine dritte, eine vierte.
Eine Stunde später sitzt man bereits wieder mit angespannten Gesichtern im geräumigen und hellen Wohnzimmer am Tisch und trinkt stumm Tee, schlürft mit gereckter Oberlippe aus einer knallbunten tiefen Untertasse oder aus einer fast durchsichtigen bläulichen Schale mit kaum sichtbarem absonderlichem Muster. Schweigt lange. Dann spricht man miteinander.
Sowas kam vor. Und kommt auch vor.
Das Mädchen setzte sich auf seinen Knien zurecht, die riesig waren wie ein Bollwerk oder besser wie ein Modell abgerundeter Gebirgsterrassen. Schmiegte sich mit dem Rücken an den mächtigen weichen Körper, fühlte, wie dort drinnen ein geheimnisvolles Leben pulsierte. Durch das Laub drang sonderbar aufwühlend die Sonne. Das Mädchen kniff, das Gesicht mit der kleinen Handfläche beschattend, die Augen zusammen und schmiegte sich noch enger an Onkel Nikolai. Er wusste wahrscheinlich von seinem baldigen plötzlichen Tod, dachte das Mädchen, weshalb er auch so still und sanft war. Irgendwie versöhnt und deshalb unbekümmert.
Und er starb also.
Dem Mädchen ging das sehr nah.
Etwas Ähnliches hatte sie schon einmal erlebt. Sie war noch ganz klein, als man ihr eine entzückende amerikanische Puppe schenkte. Eine blonde, rosenwangige, die »Mama« und »wäh-wäh« sagen und mit ihren langen harten Schmachtwimpern die glänzenden Porzellanaugen beschatten konnte. Dem Mädchen war sie so lieb wie nichts auf der Welt.
Und da – fiel sie runter und zerbrach! In tausend Stücke! Ihr Porzellankopf zersprang in eine Unzahl von Teilen, die ein unvorstellbares Wirrwarr spitzer Scherben bildeten. Es war furchtbar! Die reinste Tragödie! Das Mädchen war untröstlich.
Damals begriff das Mädchen die ganze Zerbrechlichkeit des vergänglichen Lebens. Soweit ein Kind das verstehen kann. Sie konnte es.
»Na, na«, die Mutter schüttelte den Kopf.
Das Mädchen aber überlegte, dass sich, wenn alle Erwachsenen stürben, niemand auf der Welt mehr an den lieben Onkel Nikolai erinnern würde. Niemand! Sie sterben, überlegte sie. Verschwinden. Und zusammen mit ihnen verschwindet auch er aus der Welt – dieser große und fröhliche Mann. Das Mädchen nahm sich fest vor, sich an ihn zu erinnern, damit wenigstens ein Mensch auf der Erde seiner gedachte. Und sie hat es wirklich getan.
* * *
Dann erinnerte sich das Mädchen noch daran, wie dieses trockene Knallen anfing. Ununterbrochen ertönte, allmählich vorrückte. Es hallte, kam, näherte sich von allen Seiten. Das war die berühmte Invasion der Japaner.
Die in ihrer stillen Straße aufgetauchten kleinen japanischen Soldaten ließen sich gewandt auf ein Knie nieder und streckten schwarze Stöcke nach vorne. Okay, das waren Gewehre. Auf ihren Köpfen saßen riesenhafte grüne Helme, überzogen mit ebenfalls grünen grobmaschigen Tarnnetzen. Dem Mädchen kamen die Soldaten vor wie mechanische Aufziehfiguren mit grünen Riesenköpfen.
Klar, einem fixen Kind der Gegenwart käme dergleichen vor wie eine Invasion der heute so populären Außerirdischen. Aber groß- und grünköpfige Aufziehfiguren – das ist auch nicht ohne. Nicht ohne.
Die Mutter schüttelte erneut den Kopf.
Doch am meisten hatten sich dem Mädchen natürlich die Neujahrsfeierlichkeiten eingeprägt, die mit der traditionellen Begrüßung unbegüterter Besiedler unbegüterter chinesischer Viertel aus der Verwandtschaft ihrer Njanja und des Kochs begannen: Gongxi facai (Wir wünschen euch viel Geld!). Als Antwort neigten alle bescheiden den Kopf und lächelten dankbar. Und tatsächlich, viel Geld wäre nicht verkehrt gewesen. Wenig übrigens auch nicht. Aber irgendwie ergab es sich nicht.
Dann folgte ein allgemeines Tohuwabohu. Ein richtiger Massenirrsinn. Das Mädchen und die Njanja rannten auf die Straße zum nächstgelegenen Platz. Ringsum tat sich Unglaubliches. In der Nähe, ganz dicht, direkt über ihren Köpfen, explodierten mit ohrenbetäubendem Krach blindwütige Knallkörper. Sie hatten die unvorhersehbarsten Ausmaße – von winzig klein, fast wie die rührende Handfläche des Mädchens, bis riesig, mehr als doppelt so groß wie sie selbst. Überall schlugen rasselnd gewaltige Trommeln, um die allgegenwärtigen bösen Geister zu verjagen. Die schienen noch schlimmer zu sein als die Japaner mit ihrer derzeitigen Okkupation, die ja nur jetzt und vorübergehend stattfand. Jene hingegen waren überall und ungezählte Jahrtausende hindurch da. Für immer. So stellte es sich das Mädchen wenigstens vor. Und nicht nur sie.
Während eines Jahres ungestraften Wirkens hatten die Übeltäter sich den menschlichen Heimstätten so sehr angenähert, ja angeschmiegt, dass ihr schweres Atmen und schreckliches Schnüffeln, wie dasjenige zähnefletschender Riesenhunde, mit unbewaffnetem Ohr mühelos zu hören war. Viele nahmen sogar den süßlichen Brandgeruch wahr, vielmehr den Geruch ihres angesengten, durch ein grausiges inneres Feuer verflüssigten nichtmenschlichen Fleisches. Das Feuer versengte sie von innen, freilich ohne ihnen auch nur den geringsten erkennbaren Schmerz oder Schaden zuzufügen. Doch Gott bewahre, dass es eine Menschgestalt berührte! Ein einziger Tropfen der vernichtenden Säure, und der Unglückliche verglömme im Nu bis zur völligen Auflösung. Zu einem Fädchen Dampf, leicht aufschwebendem Rauch, der schwach an die Umrisse des aufgelösten Körpers erinnert. Da hat ein Mensch gelebt – und ist nicht mehr! Viele wurden zufällig zu Zeugen solcher Episoden. Jedenfalls wussten viele davon zu berichten.
Das Mädchen schmiegte sich an ihre – nicht weniger als sie selbst verschreckte – winzige Njanja, die ihrem Zögling seit frühester Kindheit Schühchen und Mützchen mit einem zähnebleckenden Tigerkopf als Schmuck anzog, der vor alledem Schutz bot. Angeblich Schutz bot. Aber er hat sie ja wirklich geschützt!
An ihnen vorbei strömte eine lange Prozession seltsam gekleideter, barfüßiger und hüpfender Leute. Feine Staubwölkchen stoben um ihre unaufhörlich tänzelnden Füße, die unter schwingenden vielfarbigen Tüchern dunkel schimmerten. Sie kamen aus dem nahegelegenen Tempel des Feuergottes, des schreckerregenden und hochverehrten, da die Häuser der chinesischen Bezirksarmut allesamt aus Holz waren und im Brandfall augenblicklich von den Flammen erfasst wurden. Alles brannte stracks und mehr als einmal nieder. Versteht sich, dass der Feuergott hier uneingeschränkter Herrscher war, da er gleichzeitig Gefahr und Rettung brachte.
Dutzende dunkelhäutiger sehniger Männer in knöchellangen Gewändern trugen ihn auf einer riesigen buntbemalten Sänfte an dem Mädchen vorbei. Er thronte in einem gewaltigen Purpursessel, bärtig, haarig, mit schrecklichen roten Händen, bereit, jeden zu ergreifen, der ihm gerade unterkam.
Das Mädchen schmiegte sich an die Njanja.
Die Löwen und Untiere seines Gefolges brachen durch die Menge, streiften dabei die Umstehenden, versengten sie und warfen sie beinahe um. Musiker und Tänzer versetzten sich mit ihren irrsinnigen Sprüngen und Klängen in Raserei.
Doch eine Figur erschütterte das Mädchen besonders. Entsetzliche Angst erfasste sie. Ein Grauen. Das war, hinten auf dem Trittbrett eines ultralangen Traggestells, ein winziges schneeweißes kraushaariges Lamm, an dessen Zunge mit einer riesigen Zange zwei schwarze haarige Dämonen zerrten. Ach, das arme, arme Lamm! Es hat vielleicht eine unschuldige Lüge geäußert, jemanden angeschmiert. Hat sich versprochen. Verplappert. Und jetzt gab es kein Erbarmen und keine Rettung! Ja, ja, man sollte nie jemanden anschmieren! Ist schon besser so.
Und da erschien direkt vor dem Gesicht des Mädchens ein furchterregender Drachenkopf, geschmückt mit Hörnern und zwei riesigen, in der gleißenden Sonne aufblitzenden Porzellanaugen. Den grellroten halbgeöffneten Rachen säumten endlose Reihen funkelnder und klackender Zähne. Eine Art knöcherner Schnabel, der mitten aus der Stirn des Ungetüms hervorbrach, wippte wild vorneweg und drohte jeden zu durchbohren, der es wagte, sich auf Armeslänge zu nähern.
Das Mädchen fuhr zurück. Aber es gab keinen Weg zurück – die Njanja und sie waren von einer Mauer zusammengedrängter Gaffer umstellt. Der Drache wich keinen Schritt von ihr. Offenbar war er, wie alle Besiedler des Himmlischen Reiches der Mitte, fasziniert, ja geradezu magnetisch angezogen von dem goldenen Haar des Mädchens. Es war Provokation und Rettung zugleich.
Der gigantische reptilienhafte Drachenkörper wand sich, so weit das Auge reichte, die Straße entlang und verschwand in einer durchscheinenden Staubwolke. Zimbeln, Gongs und Trommeln erfüllten die Umgebung mit unerträglichem Donnern. Es war, als wäre die Luft, wie ein Sack Erdnüsse, prall gefüllt mit einzelnen dicken Tönen, die sich nicht zu einer Harmonie fügten. Und doch war sie dabei leicht.
Der Drachenkopf beugte sich mal zur Erde nieder, mal reckte er sich gen Himmel. In dem Moment unterschied das Mädchen darunter die unaufhörlich trippelnden und huschenden dunkelhäutigen bloßen Füße eines Tänzers. In gewisser Entfernung schritt neben dem Drachen ein scheinbar an dem ganzen Irrsinn unbeteiligter hochgewachsener Mann mit einem großen grünlichen Fischriesen, der sich von Zeit zu Zeit am Drachen festsaugte, ihn biss und wieder wegschnellte. Aus dem schweren Leib lösten sich leichte Bläschen, stiegen spielerisch in der warmen Luft auf und verschwanden in der fahlen Bläue. Der Drache warf wilde Blicke um sich. Der Mann mit dem Fisch reagierte überhaupt nicht. Der Drache beugte sich erneut zu den Füßen des Mädchens herunter.
Zahllose bloße Tänzerfüße huschten unter dem Körper des Ungeheuers her, wirbelten kleine Staubsäulen auf. Ein feiner weißlicher Dunst verhüllte die ganze Erscheinung und verlieh ihr den Anstrich eines irrealen, dabei aber gut erkennbaren Bildes.
Den gigantischen Zug in der zerstiebenden staubigen Umgebung beschlossen langsam schreitende Reihen verschiedenartig gekleideter Menschen. Alle trugen verschiedenfarbige kleine Papierpropeller. Die bei einzelnen Windstößen einmütig erzitterten und mit dem gleichmäßigen Surren einer Riesenhummel rasend schnell losrotierten, so dass jeder von ihnen sich in einen leuchtenden durchscheinenden Nimbus verwandelte. Eine Gloriole. Ein Gloriolenmeer. Der Wind legte sich. Die Propeller hielten inne und nahmen erneut die Form winziger Hakenkreuze an. Kreisten erneut in rasendem Tempo. Und standen von neuem still.
Langsam entschwand die Prozession.
Alles geriet wieder in seine unorganisierte, chaotische, regellose Bewegung.
Die Njanja umfasste den Kopf des Mädchens, und beide erstarrten vor Angst, versuchten, so nah wie möglich bei den explodierenden Knallkörpern und irrsinnigen Trommeln zu bleiben, obwohl die hocherschreckend waren. Aber dann doch nicht so sehr wie die von allen Seiten herandrängenden Ungeheuer, Drachen, Bestien und die besonders scheußlichen und hässlichen unsichtbaren, jedoch eindeutig zu spürenden Geister und Dämonen. Hinweg mit euch!
Der Anfang des neuen Jahres war wenigstens in gewissem Maße garantiert. Und versprach die allerdings keineswegs ferne und andauernde Verbannung der Dämonen von den menschlichen Behausungen.
Gab es in meinem Leben etwas Vergleichbares mit dem oben Beschriebenen? Ich strenge mein Gedächtnis an. Ich weiß es wieder.
Das Einzige, was das Gedächtnis hergibt, sind langsam über den dämmrigen, allmählich bis zur völligen Schwärze dunkelnden Himmel dahingleitende finster-silbrige Flugzeugkreuzchen. Und dann – ein unvorstellbares Krachen und Zusammenbrechen alles Lebendigen, das schwächlich auf der bebenden Erde steht und gleichsam fortgetragen, vielmehr von seiner restlichen Lebenskraft emporgetragen wird, nach oben, gen Himmel, in Gestalt der schnurgeraden Strahlen der Suchscheinwerfer, die sich irgendwo dort schneiden, in der unbestimmten Tiefe des bodenlosen schwarzleuchtenden Raumes.
Logisch – das sind die Bilder des lange vergangenen, kaum noch jemandem erinnerlichen Krieges, der das Mädchen und ihre Familie so glücklich ausgespart hat. Sie nur, wenn man sich so ausdrücken darf, in dekorativer Hinsicht tangiert hat. Also durch einen gewissen Wechsel des Dekors der allgemeinen Lebensroutine.
Für die einheimische Bevölkerung brachte er natürlich unerhörte Leiden und ungezählte Opfer mit sich. Wenn man etwa an Schanghai am Tag des japanischen Einmarsches denkt. Irrsinnig gewordene Massen von Chinesen und eben auch Europäern stürzten unter dem Kugelhagel der straflos ausgehenden Okkupanten zum Hafen – der einzigen Rettung! –, wobei sie sich gegenseitig totdrückten und alles auf ihrem Weg hinwegfegten. Und von hinten näherten sich drohend der gemessene Tritt dreier von verschiedenen Seiten in die Stadt einmarschierender japanischer Militärkolonnen und das Grollen der Panzer, die kleine Menschlein, rare Autos und klapprige Häuschen unter ihren erbarmungslosen Metallkörpern zerquetschten. Ja, so war das.
Doch das Mädchen, ihre Eltern und ihr gesamtes Umfeld lebten hier, im Norden, quasi ein paralleles, mit den einheimischen Ureinwohnern wenig in Berührung kommendes Leben. So etwas gibt es.
* * *
Die Sonne ließ die äußerste Spitze des langen flachen japanischen Bajonetts aufblitzen. Es ragte hoch über dem Kopf des Wachsoldaten empor, der regungslos vor dem Eingang zu den ausländischen Konzessionen strammstand. Hinter seiner linken Schulter hob sich, langsam schwankend, wie die riesige gelbe Sonne seiner fernen Heimat der runde Kopf eines seltsamen menschenähnlichen Wesens. Dann zeigten sich zur Gänze das schaurige Gesicht und die massige Gestalt des hiesigen Geistes von Wohlergehen und Gedeihen. Vielmehr nicht des hiesigen, sondern jenes fernen, der mit dem Soldaten aus dessen weit entferntem ständigem Wohnort hergekommen war. Wobei nein, nein, eher wohl doch des hiesigen. Die ganze Sache passiert doch hier. Dies ist sein Territorium. Ja aber, könnte man entgegnen, die Dortigen sind imstande, die siegreichen Ihrigen wohin auch immer zu begleiten und eingenommene und eroberte fremde Gebiete für ihre Zwecke zu besiedeln. Kurz, mit ungeübtem Auge ist das nicht zu unterscheiden. Und der Soldat wies nicht mit der kleinsten Regung seines Gesichts auf eine derartige Unterscheidung hin.
Die grimmige Expressivität der Grimasse entsprach in keiner Weise den profanen Funktionen, die dieser Geist von Anstand und Zufriedenheit ausübte. Nun ja, es versteht sich, dass die fehlende Entsprechung lediglich den nicht daran gewöhnten und nicht darin versierten Europäern auffiel, verorten sie doch jede emotional expressive visuelle Hyperüberfülle in der Sphäre von Übeltäterei oder diabolischer Manifestation. Aber für den Soldaten und auch für die Einheimischen, die Aborigines sozusagen, war alles in Ordnung. Hatte alles seine Richtigkeit.
Nachdem er ein bisschen dagestanden, geschwankt, wunderliche Grimassen geschnitten hatte, blickte der Geist nach rechts und entdeckte dort einen ebensolchen anderen, ernst und stirnrunzelnd. Ein unerwartetes Visavis unbekannter Tätigkeiten und Verpflichtungen. Oder ein erwartetes, ja in seiner kompensatorischen Funktion sogar erforderliches. Das ist nicht ganz klar? Tja, den Einheimischen wiederum ist alles sonnenklar, was diese von oben und ganz oben, sagen wir, aufgezwungene Erforderlichkeit der einander bedingenden Präsenz betrifft. Diese Unausweichlichkeit. Akzeptieren wir das einfach als Tatsache.
Es entstand nun die Spannung eines eindeutigen Machtkampfs, der sich jedoch auf dem unbewegten Bronzegesicht des Soldaten in keiner Weise widerspiegelte. Außenstehende verfolgten beunruhigt das ungewöhnliche Bild eines theatralisch-dramatischen Konflikts. Der ungerührte Blick des Soldaten war nach wie vor in die Ferne gerichtet, strikt geradeaus. Die Passanten bemühten sich, nicht in sein Gesichtsfeld zu geraten.
Der linke stürzte los, streifte mit einer unvorsichtigen Bewegung die hochaufragende Spitze des Bajonetts und zerplatzte lautlos. Wie ein Luftballon. Gleichsam zweifelnd wiegte sich ein wenig und verschwand dann langsam, ohne sichtbare Gründe, auch sein Opponent. Tja, unsichtbar für uns. Aber sonst, für die Wissenden, war alles sichtbar und vollkommen einsichtig.
Der Wachsoldat stand nach wie vor regungslos und leicht lächelnd.
Das Mädchen erstarrte. Und da entdeckte sie zu den Füßen des Soldaten ein breit grinsendes Löwenjunges aus durchscheinendem Alabaster. Das heißt, kein Löwenjunges, sondern definitiv einen Löwen. Doch so klein, dass nur das Mädchen ihn erkennen konnte. Er schien vorher nicht da gewesen zu sein. Nachher auch nicht. Er hatte sich als lautloses Fazit des ebenfalls lautlosen Machtkampfs der Geister quasi gebildet. Oder kristallisiert. War herausgefallen wie ein Tropfen. Vermutlich bestand er auch gar nicht aus Alabaster. Aber woraus dann? Wer kann schon dergleichen unter derartig ungewöhnlichen Umständen ausrechnen und festlegen.
Von Kopf bis Fuß mit allen möglichen Schnörkeln bedeckt, sah er nicht furchterregend aus, sondern irgendwie sogar gutmütig. Er war ein Verbündeter des Mädchens. Dankbar nickte sie ihm unmerklich zu. Er erwiderte das Nicken. Der starre Japaner schaute über all das hinweg in die Ferne.
Die Passanten warfen einen raschen Blick auf den japanischen Wachsoldaten und eilten, da sie nichts Unziemliches zu bemerken oder zu entdecken schienen, ängstlich vorüber.
Das Ganze wurde beleuchtet von einer riesigen tiefstehenden, rötlichen Spätherbstsonne und eingehüllt von der verschwommenen Zauberluft des chinesischen Reichs der Mitte, freilich in einem Augenblick unerhörter Schwäche. Fast im Augenblick des Sterbens. Davon freilich wurde der Zauber nur stärker.
Genau so sah die Erinnerung aus. Sie war ja noch ein kleines Mädchen! Die Mutter hob wieder den Blick zu ihr und wandte die Augen dann schnell ab.
* * *
An einem anderen, einem klaren sonnigen Tag, als sie über die schwankende Holzbrücke des still schimmernden, durchsichtigen, nicht sehr breiten Flusses Haihe lief und die geschnitzten Geländerpfosten mit den großen Abständen dazwischen antippte, glitt das Mädchen zufällig …
Stopp, wieso eigentlich zufällig? Wer weiß – vielleicht nicht ganz so zufällig. Vielleicht sogar mit voller Absicht.
Doch, doch, in ihrem Leben gab es allerlei Einfälle, Ereignisse und Erlebnisse, die solcherart Erwägungen und Verdächtigungen nahelegten. So starrte sie zum Beispiel, reglos auf der Innentreppe des großen Kolonialhauses sitzend, häufig hoch auf die schräg herabführenden Stufen des oberen Treppenlaufs. Starrte lange und beharrlich. Beharrlich und lange.
Während sie schon das Bewusstsein verlor, in Ohnmacht fiel, lächelte sie beinahe zufrieden. Nein, eher befriedigt. Die arme Njanja, die sie auf den Stufen liegend fand, war entsetzt:
»Ganädige! Ganädige!«, schrie sie mit dünner Kinderstimme.
Die Mutter lief herbei, hob das Mädchen auf und trug sie ins Schlafzimmer.
Das passierte immer wieder.
Die Mutter hegte sogar langsam den Verdacht, dass sie mit einer gewissen Absichtlichkeit zu Werke ging. Und war nicht weit von der Wahrheit entfernt.
Also, das Mädchen glitt ruckzuck durch den ausreichend großen Zwischenraum oder Abstand zwischen den erwähnten Holzpfosten und stürzte hinab. Nein, sie stürzte eben nicht, sondern glitt, definitiv. Ohne Platsch, ohne aufspritzende Tropfen. Eine Ruhe und Stille sondergleichen.
Ja, ja, gut möglich, dass es tatsächlich mit Absicht geschah. Auf eigenen grillenhaften Wunsch. Ihre Wünsche und Einfälle waren, das wurde schon deutlich, bisweilen extrem unberechenbar, wie es so schön heißt. Tja, ein Kind eben! Jedenfalls erzählten die Eltern nachher mehrmals in ihrem Beisein, rasche Blicke wechselnd, mit einer speziell gesenkten Stimme und einem spezifisch besorgten Tonfall jene seltsame Begebenheit Bekannten. Worauf wollten sie hinaus? Sie erwähnten auch ihre unerklärlichen, regelmäßig auftretenden Ohnmachten. War ein medizinischer Sachverständiger anwesend, und man sah Sinn und Nutzen darin, ihm diese Einzelheiten mitzuteilen? Vielleicht wollte man sich auch einfach Luft machen, den ständigen Ängsten Ausdruck verleihen, die sich im Übrigen etwas später auf höchst unvorhergesehene Weise als begründet herausstellen würden. Doch dazu, auch hier, später mehr. Geduld.
Das Mädchen lauschte den Erzählungen, wandte sich ab und lächelte. Worüber?
Damals aber folgten sommerlich durchscheinend gewandet, ohne Eile und ohne jeden Verdacht, in einiger Entfernung die Erwachsenen als sonntäglich herausgeputzte Gruppe. Die Mutter trug ein leichtes weißes enganliegendes Kleid im Schnitt der 30er, der Vorkriegsjahre. Dabei hat sich all das Mitte des Jahrhunderts abgespielt. Schon Ende der 40er Jahre. Selbst der Krieg war schon lange aus! Leider, leider erreichten Nachrichten und Moden aus Europa, das versteht sich, die hiesigen so weit entfernten Orte mit beträchtlicher Verspätung. Man war ja ungeheuer weit weg, zieht man die Langsamkeit der damaligen Verkehrsmittel und entsprechend des Informationsverkehrs in Betracht.
Das Mädchen erinnerte sich bis zu den kleinsten Pailletten und Knöpfen an die schmückenden Details der mütterlichen Kleidung. Am interessantesten fand sie die riesigen Damenhüte, die in ausreichender Menge im oberen Fach einer großen altmodischen, auf den Treppenabsatz zwischen erstem und zweitem Stock verbannten Kommode aufbewahrt wurden. Das Mädchen stellte einen Stuhl davor, und während sie sich am Rand festklammerte, fast daran hing, öffnete sie langsam die tonnenschwere geschnitzte Tür, geschmückt mit Schnitzereien von idyllischem, gebirgsnatürlichem und mythologisch besiedeltem chinesischem Dasein. Spähte in das schwül-aromatische Schrankfinster. Erstarrte für einen Moment. Alles verschwamm, wich kreiselnd ins Innere. Langsam gewöhnten sich die Augen an das samtige Halbdunkel, das in dem riesigen abgeschlossenen Eichenraum herrschte.
Eines Tages sah sie, als sie den hohen dunkelbraunen Schranktürflügel aufklappte, in einem hellerleuchteten Fleck am Boden die schwachen Regungen winziger, rosafarbener, fast durchsichtiger Kügelchen. Das Mädchen hatte sich kaum runtergebeugt, um das rührende Gewimmel zu betrachten, als sie hinter sich die dünnen Rufe der Njanja hörte:
»Laoshu! Laoshu! Mäuse! Mäuse!«, wehklagte sie, während sie mit ihrem schmächtigen kleinen Körper das ziemlich stämmige und dickköpfige Mädchen vom Schrank wegdrängte. Ja, es waren neugeborene Mäuse. Buchstäblich vor einer Minute zur Welt gekommen. Sie wurden zusammengeharkt und weggebracht. Ins Unbekannte.
Das Mädchen holte vorsichtig einen der Prachthüte aus dem oberen Fach, setzte ihn auf, sah sich kokett nach den geschnitzten Drachenungeheuern um und tauchte dann, der Gang ein klein wenig geziert, die Lippen zusammengepresst und mit einem speziellen Gesichtsausdruck, bei der Mutter in der oberen Küche auf. (In der Küche im Untergeschoss herrschte, nebenbei bemerkt, uneingeschränkt ein dicker chinesischer Koch.)
Das Mädchen spazierte lange auf und ab, der Mutter graziös mal die eine, mal die andere Seite zugewandt. Mal den Rücken. Die Mutter ließ die Küchenroutine für kurze Zeit ruhen, um ihr lächelnd mit dem Blick zu folgen. Dann nahm sie ihr sachte den Hut ab und brachte ihn wieder zurück.
Auf den Kopfbedeckungen türmten sich gewisse sonderbare, exotische, ja fast paradiesische pflanzliche Aufhäufungen. Hin und wieder funkelten dort plötzlich schmale Katzenaugen, ließ sich Geraschel und Gepiepse hören. Gleich war’s wieder weg. Verschwunden, als wäre nichts gewesen. Dann wieder da. Wahrscheinlich diese Mäuse, dachte das Mädchen. Es schüttelte sie. Mäuse und Nagetiere aller Art ertrug sie einfach nicht.
Das Mädchen lief vorneweg, sie trug einen luftigen blassrosa Sarafan und Schuhe, dessen Riemchen von einem winzigen Perlmuttknopf mit zwei Löchlein festgehalten wurde, angenäht mit rotem Seidengarn. Sie war schon oft über diese Brücke gelaufen und hatte ihrem beständigen zarten Knarren gelauscht. Man konnte hören, wie in der Tiefe unter Wasser leise die Fische plauderten. Jedes Mal stellte sie sich vor – noch ein bisschen, ein Moment, und ihr wird alles absolut klar. Das Mädchen erstarrte. Unten jedoch nichts mehr, Stille.
Die Damen wiederum, die nichts hörten und nichts spürten, setzten ihr endloses Schwatzen fort. Vielleicht, so schien dem Mädchen, rauschte aber auch bloß der Wind im hohen Flauschgras. Oder das Rascheln kam von den heftigen Bewegungen der Köpfe plus der darauf sitzenden, diffizilgebauten wunderlichen Kopfbedeckungen mit ihren erwähnten geheimnisvollen Aufhäufungen.
Später verspürte das Mädchen mehrfach tiefste Nostalgie, wenn sie sich europäische Filme aus den 30er Jahren anschaute – sie hatte all das in lebendiger Erinnerung. Das heißt, in Erinnerung hatte sie die realen Episoden aus der Nachkriegszeit, den 40er und 50er Jahren, als sie selbst, ihre Eltern, deren Freunde dieses in der stillen Halbprovinz, weit weg von den Epizentren elektrisierter westlicher Lebensart und Mode gleichsam gestrandete, prachtvolle europäische Vorkriegsdasein der 30er Jahre weiterführten.
Dieselben Gefühle flößten ihr die hochgewölbten vergilbten Fotografien ein, die die fülligen Schönheiten jener denkwürdigen Zeit, Frauen und Männer, im Bild festhielten. Schon lange tot, blickten sie sie mit einem außergewöhnlich ernsten oder innigen Lächeln an, versiegelt von der kühlen Glanzoberfläche der Abbildung.
Eine der sonderbarsten, die das Mädchen schon als kleines Kind beeindruckt hatte, war die Fotografie eines leicht abgezehrten, schlaff in einem Klappsessel lagernden Jungen in Matrosenbluse. Er schaute sie direkt an. Sogar durch sie hindurch. Das Mädchen rückte ein wenig zur Seite, um seinem direkten Blick auszuweichen. Das war der letzte russländische Zesarewitsch.
Die Fotografie hatte das Mädchen, als sie im Bücherregal ihres Vaters stöberte, in einem merkwürdigen Zeichenalbum entdeckt, das von ungeschickter Hand mit plumpen Skizzen gefüllt worden war. Dazwischen hatte jemand in fast noch schülerhafter Schrift fein säuberlich bekannte Gedichte und weißgardistische Kampflieder notiert.
Kühn hebt unser Kampf nun an:
Heil’ge Rus’, fass Mut!
Wir vergießen wie ein Mann
unser junges Blut.
Aber definitiv jung! Und definitiv Blut!
Apropos, zur selben Melodie haben wir in unserer Kindheit, weit weg von den Orten der nahezu paradiesischen Heimstatt des Mädchens und wider die Sympathien des unbekannten Chronisten, der mit seinem Geschreibsel die Blätter jenes zerfledderten Notizbüchleins bedeckt hatte, folgende etwas veränderte Zeilen gesungen:
Kühn hebt unser Kampf nun an:
Für die Sowjetmacht!
Ja, wir sterben wie ein Mann
in gerechter Schlacht.
Doch unausweichlich und erschreckend ähnlich hieß es, furchterregend und unerbittlich, in der einen wie der anderen Variante: »Wir vergießen wie ein Mann unser junges Blut« und »Ja, wir sterben wie ein Mann in gerechter Schlacht«. Doch wir haben das gesungen. Und die anderen auch.
Ob das Mädchen gesungen hat, weiß ich nicht.
Am häufigsten indessen stiegen die jenseitigen magischen Geister dahingegangener Leben und Zeiten, unhörbar oder unter den matten Klängen knisternder Stimmen, von der schwarzweißen Leinwand in die dunklen Räume kühler Kinosäle herab. Sie wanderten zwischen den still gewordenen Sitzreihen umher, fanden das Mädchen, neigten sich ihr zu, umarmten sie mit kühlen rundlichen Armen, schmiegten sich mit zarten Wangen an und wisperten, wisperten, beschworen. Baten inständig um etwas. Drängten sie mitzukommen. Flehten sie an. Wozu? Was erwarteten sie? Wer weiß. Obwohl, man kann sich’s denken.
Das Mädchen in dem halbleeren, fast leblosen Saal erstarrte. Lauschte nur und lächelte selig, ohne zu antworten. Fügte sich aber nicht. Gab nicht nach. Sie warteten ab. Zögerten. Zauderten. Und flogen dann wieder in ihr unbekanntes, unaufhörliches, unausmerzbar-halbewiges rückwärtiges Leben.
Ich habe diese Filme auch gesehen. Ja, ja, genau dieselben. In den fernen dürftigen und schäbigen, doch unschlagbar frohen Nachkriegsjahren meiner Moskauer Außenbezirkskindheit. Obwohl eine direkte Analogie zu meinem eigenen anspruchslosen Kommunalalltag fehlte, konnte der Zauber dieses längst toten und gleichzeitig quasi ewig lebenden prachtvollen Leinwanddaseins mich nicht ungerührt lassen. Wie übrigens uns alle nicht, verloren in der Tiefe des engen, überfüllten halbverlumpten Zuschauerraums, in dem sich lauter solche Leidens- und Begeisterungsgeschöpfe mit glänzenden, und zwar nicht nur kindlichen Augen drängten.
Das Licht flammte auf. Ich rieb mir die plötzlich erblindeten Gucker und ging auf entkräfteten Beinen ins Freie. Mit einem Mal stürmte das ärmliche und, ohne Umschweife gesagt, schäbige Leben in Gestalt des lebhaften Lärms und der Energie seiner allgegenwärtigen Manifestation und Besiedelung auf mich ein.
Die Eltern schritten daher und plauderten heiter. Hinter und neben ihnen folgten, ähnlich festlich gewandet, langsam ihre aufmerksamen Freunde. Zu ihren Füßen wuselte der fuchshaarige Tobik (eigentlich Sir Toby), dem die Kinder heimlich unterm Tisch den ihnen verhassten Brei ins Maul löffelten, für dessen Zubereitung Milch von weit entfernten Bauernhöfen hergeschafft wurde, wo seltsame archaische russländische Besiedler lebten. Kosaken.
Sir Toby leckte sich mit Appetit den langen schütteren beschmierten Schnauzbart, dessen künstliche graue Tönung das sträfliche Tun des Mädchens und seines jüngeren Bruders bisweilen preisgab. Die Njanja sah sie dann vorwurfsvoll an und warf gleich darauf einen Blick zur Tür – ob die Gnädige nicht einträte. »Ganädige!« Dieses Mal ging es gut ab. Na ja, Kinder eben! Wir wollen nicht zu streng über sie urteilen.
Ansonsten versuchte das Mädchen, beseelt von dem Anspruch, erwachsen zu sein, und angeblich dazu angehalten, den jüngeren Bruder zu beaufsichtigen, ihm ebenjenen Brei eigenhändig in den Mund zu stopfen. Der Bruder, mager, seiner knotigen Knie und Ellbogen wegen Gandhi genannt, blickte sie mit starr hervorquellenden Augen an. Ja, genau, eine altindische Demut war es, gepaart mit Weltschmerz, die sich in seinem Blick und im fügsam-willenlosen Ausdruck seines Gesichts mit den schlaff verzogenen Lippen erhaschen ließ. Der harte Rand des Metalllöffels schabte reichlich schmerzhaft über seine zarten Wangen und Lippen. Das Mädchen kratzte dem Bruder Essensreste vom Kinn und fuhr ihm dabei mit dem Löffel fast hinter die Ohren. Der erstarrte, fing aber doch nicht an zu weinen.
Du lieber Himmel! Ich habe ja selbst, das weiß ich noch, den mir ebenso verhassten, allerdings nur mit Wasser gekochten Grießbrei voller ekelhafter unaufgelöster Klümpchen an die Wand beim Tisch geschmiert. Vielmehr hinterm Tisch. Naiv schirmte ich die von mir angerichtete Schweinerei mit dem Ellbogen vor meiner alles wissenden und scheinbar nichts sehenden herzensguten Großmutter ab, die mir manchmal die armen hungernden Kinder aus kapitalistischen Ländern vorhielt, die ohne Zaudern alles aufessen würden. Sogar gekochte Möhren und Zwiebeln, die mir bis zum Brechreiz verhasst waren. Wie übrigens auch Leber. Und alles Gemansche, etwa ein Omelett, das zu essen mir übrigens in dieser Phase meiner Kindheit gar nicht beschieden war. So eine seltsame Aberration war das: nie gegessen, trotzdem nicht gemocht!
Ja, das kam vor. Alles kam vor.
Jeder wird, wenn er an die eigenen derartigen Kindervergehen denkt, mich und das Mädchen verstehen und ihren Bruder auch. Und wird uns, wie ich hoffe, nicht verurteilen. Wird bloß die unschuldigen Fehltritte und Streiche der ins Unbekannte entschwundenen Kindheit belächeln, die indessen wie ein quirliges Tierchen schon auf einen anderen übergehüpft ist. Und erneut auf einen anderen. Während die Ex-Wirte verstört und mit schweren Zweifeln zurückbleiben. War da was gewesen? Oder nicht?
Die Ärmsten, ach die Ärmsten! Und das tückische und unbeständige Tierchen wartet nur auf den geeigneten Moment, um auf den dritten überzuhüpfen. Den vierten. Den fünften, den fünfzehnten … Ich sehe, wir verstehen uns.
Angst hatte sie nicht. Das Mädchen versank im Nu fast bis zur Mitte der Achtmetertiefe des Flusses. Ringsum gleißte und funkelte es. Das Wasser war erstaunlich warm. Zärtlich sogar. Fast Körpertemperatur, weshalb die gedankliche, nein, in erster Linie die sinnliche Grenze, sozusagen die Wasserscheide zwischen Wasser und Körper, sich nur mit Mühe ziehen ließ. Es schien, als dehnte sich der Körper bis in die Dimensionen und Distanzen der ganzen Flusswassermasse.
Kleine spaßige Bläschen sprangen aus den fest geschlossenen Mundwinkeln und aus der Nase und stiegen in ungestümen spielerischen Schwärmen empor, zur Welt der Eltern und aller dort Zurückgelassenen. Zur Welt, die noch vor kurzem ihre eigene Heimstatt war. Dort war es heiter. Aber dorthin zog sie nichts.
Angst, wiederhole ich, hatte sie nicht. Das Wasser war so durchsichtig, dass sich in unereilbarer Entfernung, in welche Richtung auch immer, alles betrachten ließ. Bis hin zum in der Ferne blauenden und, den Geschichten des Vaters zufolge, ersehnten und geheimnisvollen Russland, das er einst verlassen hatte.
Viele Jahre später, aber auch noch in reichlich unschuldigem Alter, saß das Mädchen, während sie endlose russische Schneeflächen durchquerte, am Waggonfenster und beobachtete das unablässige Vorbeiflimmern der unzähligen Fichten und Kiefern, die in dem komplett geweißten endlosen Raum dicht an dicht aufgestellt waren.
* * *
»In China, isst man da Eier?«, fragt ihre Abteilnachbarin mit echter Neugier. Die ältere Frau wirkt durchaus umgänglich, allerdings sehr erschöpft. Sogar ausgezehrt. Ihr Gesicht, von zahlreichen Runzeln so tief durchschnitten, dass sie fast schwarze Linien ziehen, strahlt Rührung und gleichzeitig Mitgefühl aus. Das Mädchen hat das schon bemerkt und sich in den langen Stunden der gemeinsamen Reise daran gewöhnt.
Ihre Beobachtungsgabe ist gut. Sehr gut sogar.
Von klein auf hat sie die Ansichten und Absichten der Eltern mit Leichtigkeit erraten. Die ganzen Erwachsenentricks und -schliche im Voraus gewusst. Über einen Gast, der ihr übrigens eine gewisse übermäßig-zärtliche Aufmerksamkeit schenkte, sagte sie zu ihrer Mutter:
»Der lügt.«
»Warum das denn?«, fragte die Mutter, während sie in einer ihrer Routinebeschäftigungen innehielt.
»Er hat dünne Lippen.«
»Nun ja«, reagierte die Mutter unbestimmt.
Logisch, von wem das Mädchen Derartiges aufgeschnappt hat. Von der Njanja, und die, ganz klar, hat das überladene und ziemlich primitive System physiognomischer Beobachtungen von ihren zahllosen Vorfahren und Urvätern geerbt. Übrigens unterscheiden sich die europäischen Varianten ähnlicher Konstrukte wenig von der östlichen, vieles wurde höchstwahrscheinlich schlicht und einfach von dort übernommen.
Struppige Brauen – Veranlagung zum Totschlag. Logisch! Dreiecksaugen – ein Betrüger und Verräter. Was denn sonst?! Breite Nasenwurzel – neigt zu Jähzorn und Irrsinn. Nichts gegen zu sagen! Gewölbte Stirn – träumerisches Wesen. Und so weiter.
»Dummes Zeug«, bemerkte die Mutter. Sie glaubte nicht an derlei Dinge, von denen das lokale Dasein bis zum Irrsinn angefüllt war, was ihr das Leben und die Beziehungen zur chinesischen Dienerschaft häufig erschwerte.
Das Mädchen antwortete nicht.
Die Mitreisende richtet ihr getupftes dunkles Kopftuch, schiebt dabei eine störrische Strähne ausgetrockneten, farblosen Altershaars zurück, mümmelt stumm mit den dünnen trockenen Lippen und fragt noch einmal:
»Isst man in China …?«
»Ja.« Das Mädchen wendet sich ihr mit verständlicher Überraschung zu.
»Na, dann iss doch ein feines Ei, mein Häschen. Hartgekocht. Kannst du dich denn noch an Mama und Papa erinnern?« Ihre Stimme klingt unübertrefflich mitfühlend.
Die Tränen steigen ganz von selbst in die Augen. Sich verschluckend, nach Luft ringend, würgt das Mädchen das hingehaltene, schon abgepellte hartgekochte kalte Ei hinunter und vermeidet es, die Mitreisende anzusehen, auf dass ihre Schwäche sich nicht kundtäte. Sie ist ja wirklich noch ein Mädchen! Ein Kind!
Das Ei krümelt in ihrer Hand. Sie nimmt die auf den Rock gebröckelten Eigelbkrümel ordentlich auf, häufelt sie auf ein Tischeckchen und wendet sich zum Fenster.
