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"… sie ist eine Löwin – eine Kämpferin. Meine Kleine ist stark und wird es schaffen …" Stimmt das, Katsuya? Was ist, wenn ich dir sage, dass du dich irrst? Alle sehen in mir die starke und selbstbewusste Frau, doch tief in meinem Inneren sieht es anders aus. Meine dunkle Vergangenheit hat mich mehr geprägt, als ich mir eingestehen wollte. Und die Dämonen verfolgen mich wie ein Schatten. Ich befinde mich im freien Fall, unsicher, ob ich diesen Aufprall überleben werde. Was ist, wenn ich dich brauche? Dass es einzig und allein deine Hand ist, die mich retten kann. Bist du dazu bereit? Band 2 der spicy Katsuya-Reihe – Touch Her And Die Vibes inklusive.
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Seitenzahl: 342
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Für jede gefallene Seele, die jeden Tag aufs Neue aufsteht, ihre Krone richtet und weiterkämpft.
Triggerpunkte
Prolog
Kapitel 1
Kapiel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 41
Danksagung
Über die Autorin
„Hallo, meine Liebe. Komm, setz dich bitte zu mir“, flüstere ich dir leise zu.
Unsicher schaust du mich an und machst zögerlich den ersten Schritt.
Ich strahle dich mit meinem breitesten Fake-Lächeln an und fuck …
ich seh’s in deinen Augen. Du kennst Band eins und weißt ganz genau, dass es in mir anders aussieht. Dass dieses Lächeln die reinste Lüge ist. Der Kloß in meinem Hals wird größer.
Sophie, reiß dich zusammen und fang jetzt bloß nicht an zu heulen!
Vorsichtig nimmst du neben mir Platz und schaust mich voller Mitgefühl an.
Puh … Ich schließe kurz die Augen und atme einmal tief durch.
„Okay, Liebes. Wir wissen beide, dass ich in Band eins Sch..ße gebaut habe … sehr große Scheiße.“
Ich schlucke schwer. Das hier wird kein Spaziergang. Deine Augen blicken direkt in meine und du wartest darauf, dass ich fortfahre.
Los, Sophie. Mach endlich!
„Pass auf! Wir haben sehr viel gelacht und es war sehr heiß. Aber nun nehme ich dich mit in meine Vergangenheit.
Meine komplette Welt steht Kopf und ich weiß nicht weiter. Was ist richtig und was ist falsch? Ich weiß es einfach nicht.
Das Einzige, was ich weiß, ist, dass Tränen fließen werden – sowohl bei dir als auch bei mir.“
Zaghaft greife ich nach deiner Hand, mein Herz schlägt mir bis zum Hals.
„Wenn du bereit bist, dann hör mir jetzt genau zu, denn hier sind die Triggerpunkte. Noch kannst du einfach aufstehen und gehen. Ich wäre dir nicht böse.“
Doch du rührst dich keinen Millimeter.
Okay, es wird ernst …
Gewalt an Kindern
Alkoholsucht
Spielsucht
Drogensucht
häusliche Gewalt
Panikattacken
Urophilie
vulgäre Sprache
explizite Sexszenen
explizite Thematisierung von Abtreibung/Fehlgeburt
Ihre flache Hand landet scheppernd auf meiner Wange. Der Schlag ist so fest, dass mein kleines Gesicht zur Seite geschleudert wird. Ein starker, brennender Schmerz bleibt zurück. Sie greift mir in die Haare und beginnt, mich hinter sich herzuziehen.
„Mama, bitte nicht. Es war nicht meine Schuld!“, schreie ich bitterlich und Tränen fließen über mein Gesicht.
„Lügnerin! Halt deinen verdammten Mund!“, brüllt sie zurück, während ihr Griff noch fester wird. Ich strample mit meinen Füßen auf dem Boden und versuche, mich irgendwie aus ihrem Griff zu winden.
„Mamaaaa. Bitte! Du tust mir weh.“ Mittlerweile weine ich so sehr, dass mein Körper bebt und ich kaum noch Luft bekomme.
Ohne ein Wort zu sagen, öffnet sie meine Zimmertür und schleudert mich in den Raum.
„Du gehst heute ohne Essen ins Bett. Danke, dass du uns den Abend versaut hast, Sophie!“
30 Jahre später
Luft! Ich brauche Luft! Meine Kehle schnürt sich immer weiter zu und die zwei Striche verschwimmen vor meinen Augen. Die Tränen, die ich zurückhalten wollte, fließen nun in Strömen über mein Gesicht. Das kann nicht sein! Zitternd lasse ich mich auf den Boden sinken, in das Chaos, das ich vorhin verursacht habe. Wie konnte das nur passieren? Wie wohl, Sophie? Du hast dich ficken lassen, ohne auf die Verhütung zu achten.
Mir wird schwindelig und alles um mich herum beginnt sich zu drehen. Angestrengt versuche ich, tief ein- und auszuatmen. Meistens hilft es mir, mich etwas zu beruhigen, doch dieses Mal nicht. Ungläubig schüttle ich den Kopf und probiere immer wieder, den Test neu zu fokussieren – erfolglos. Meine Tränenflut verhindert es. Ich werde ersticken, wenn ich hier weiter sitzen bleibe. Mühevoll richte ich mich auf, schlüpfe in das Höschen, das ich eben achtlos auf den Boden geschmissen habe, und renne raus auf die Terrasse. Ich beuge mich nach vorne, meine Hände stütze ich auf meinen Oberschenkeln ab. Und jetzt atme, Sophie! Keine Ahnung, wie spät es ist, aber die Sonne ist bereits aufgegangen. Neuer Tag, neues Glück, so heißt es doch, oder? Allerdings nicht in meinem Fall. Hier würde ein neuer Tag, ein neues Drama besser passen.
Fuck! Was habe ich nur getan? Das Herz hämmert mir wie wild in der Brust und das Rauschen in meinen Ohren wird immer lauter. Ich habe doch die Pille danach genommen. Wie war das möglich? Tränen tropfen nun auf den harten Steinboden und ich zittere immer mehr. Kann es sich um einen Fehler handeln? Moment … Bis wann war der Test gültig? Er lag sicherlich schon monatelang, wenn nicht sogar jahrelang, im Schrank. Ja, das Testergebnis kann nicht stimmen. Schwangerschaftstests haben doch ein Verfallsdatum. Oder? Verzweifelt klammere ich mich an jeden Strohhalm, den ich gedanklich zu fassen bekomme. Selbst wenn dieser fernab der Realität ist, ich bin noch nicht bereit, dieses Schicksal zu akzeptieren. Also renne ich zurück ins Badezimmer und suche nach der Verpackung. Und da liegt sie – auf dem Boden neben den Binden – fick dich, Schicksal! Wütend hebe ich die Verpackung auf und trete voller Wucht gegen die Einlagen.
Okay, als Erstes muss ich mich jetzt beruhigen. Emotionen wie Wut, Verzweiflung und Panik helfen mir gerade nicht weiter. Ich schließe die Augen und zähle gedanklich bis drei. Der Test kann nur falsch sein. Anders ist es gar nicht möglich. Ja, die zweite Linie ist ein Irrtum. Mit einem kleinen Hoffnungsschimmer wische ich mir die Tränen aus dem Gesicht und wende die Verpackung hin und her, so lange, bis ich das Mindesthaltbarkeitsdatum finde. 01/2024 – der Test ist seit über vier Monaten abgelaufen. Erleichterung sollte sich in mir ausbreiten und jede Faser meines Körpers durchfluten. Sollte – sie tut es allerdings nicht. Es ist egal, wie lange ich auf dieses Datum starre, mein Instinkt von heute Morgen lässt sich nicht beirren.
Das leise Flüstern, tief in mir, brüllte mir heute Morgen den Satz: Du bist schwanger, entgegen. So laut und so deutlich, dass ich es nicht länger ignorieren konnte. Fassungslos nehme ich den Test erneut in die Hand – zwei Linien, die mein Leben völlig verändern werden …
Jede Art von Emotion weicht aus meinem Körper – es bleibt nichts zurück außer Leere. Bin ich in der Lage, mich um zwei Kinder zu kümmern? Eine ganz rationale Frage, die ich nicht beantworten kann. Aber auf der anderen Seite kann ich auch keinem unschuldigen Wesen das Leben verwehren. Oder? Egal, wie häufig ich zwischen diesen zwei Fragen hin und her switche, ich komme auf kein Ergebnis. Das Einzige, was sich verändert, ist die Wut in mir. Katsuya! Während ich hier stehe und nicht weiter weiß … Was macht er gerade? Verschwendet er auch nur einen scheiß Gedanken daran, dass ich schwanger sein könnte? Unwahrscheinlich, denn sonst hätte er sich zumindest einmal bei mir gemeldet. Seine einzige Reaktion war, dass er sauer davongestürmt ist, als er das Sperma – SEIN Sperma – an meinen Oberschenkeln gesehen hat. WIR BEIDE sind schuld an dieser Situation. WIR BEIDE müssen die Verantwortung übernehmen. Der ironische Teil in mir fängt an, hysterisch zu lachen. Wer kümmert sich um Maja? Ich – ich ganz allein. Der Erzeuger interessiert sich einen Scheiß für seine Tochter. Ich bin zwar damals mitten in der Nacht mit ihr abgehauen, aber wenn er gewollt hätte, hätte er sie sehen können – zwar unter der Aufsicht vom Jugendamt, trotzdem hätte er mit Maja Zeit verbringen können. Doch daran bestand nie Interesse. Wäre es mit Katsuya ähnlich? Überfordert schleudere ich den Test in die Ecke.
Die Vergangenheit hat mir deutlich gezeigt, dass ich mich auf keinen Mann verlassen kann … Egal, wie ich mich entscheiden werde, ich werde es allein schaffen.
Elena hatte recht! Mein komplettes Leben läuft völlig aus dem Ruder. Und nun bin ich an der Reihe, es wieder geradezurücken. Als Erstes brauche ich dafür einen klaren Kopf, denn es hilft niemandem weiter, wenn ich jetzt schon durchdrehe. Morgen vor der Arbeit werde ich einen neuen Test, okay, vermutlich mehr als nur einen, kaufen. Und dann? Wird dann mein Kartenhaus zusammenstürzen? Noch wird es gestützt durch den Gedanken, dass die zweite Linie ein Fehler ist.
Immerhin hat Elena mir die Pille danach besorgt, ich habe sie ordnungsgemäß eingenommen und keinen Alkohol getrunken – und ein paar Stunden später hast du dich übergeben, Sophie … War das von großer Bedeutung? Wirkt die Pille dann nicht? Wie lange braucht der Wirkstoff, bis er vom Körper aufgenommen wird? Warum zum Teufel habe ich mich darüber nicht früher informiert? Ich raufe mir die Haare, während ich ins Wohnzimmer gehe und dort auf und ab laufe. Mein Gehirn versucht, die Ereignisse zu sortieren und die Wahrscheinlichkeit auszurechnen, ob ich wirklich schwanger sein könnte. Erneut schwanger von einem Psychopathen – Applaus, Sophie. Meine Wut richtet sich nun gegen mich selbst. Ich war unvernünftig, habe in diesem einen Moment nicht über mögliche Konsequenzen nachgedacht. Alles, an was ich damals dachte, war er. Er und sein Schwanz. Fassungslos schüttle ich den Kopf. Eigentlich müssten sich meine Mädels in einer Reihe aufstellen und mir nach und nach eine Ohrfeige verpassen! Wie oft haben sie mir gesagt, dass ich die Finger von ihm lassen soll. Doch ich tat es nicht. Meine Mädels … Mein Magen zieht sich zusammen und beginnt zu rebellieren. Die bittere Magensäure steigt meine Kehle empor und angestrengt versuche ich, sowohl sie als auch den Kloß hinunterzuschlucken. Ich balle meine Hände zu Fäusten und schließe für einen kurzen Augenblick die Augen. Das ganze Philosophieren muss ich zur Seite schieben. Noch ist nichts sicher. Eine mögliche Schwangerschaft wäre der absolute Worst Case! Ich schaffe das alles kein zweites Mal. Die Panikattacken werden zurückkehren. Stopp, Sophie! Denk noch nicht daran! Entschlossen atme ich tief durch, gehe in die Küche und betätige den Wasserkocher, anstatt die Kaffeemaschine. Ein Kamillentee wird hoffentlich meinen Magen etwas beruhigen. Gedankenverloren schaue ich aus dem Fenster. Meine Augen brennen bereits wie Feuer vom ganzen Weinen und ich traue mich noch nicht einmal, in den Spiegel zu schauen. Nicht wegen der körperlichen Verfassung, nein. Vielmehr wegen der Scham und Wut, die ich bei meinem Anblick empfinde. Während der Wasserkocher vor sich hin blubbert, stütze ich mich auf der Arbeitsplatte ab.
Kann jetzt nicht einfach der Wecker klingeln und mich aus diesem Albtraum befreien? Es wäre schön, wenn alles nur ein Traum gewesen wäre, angefangen von der ersten Begegnung mit Katsuya. Alles wäre gut, wenn er mir nie über den Weg gelaufen wäre. Mein Leben wäre friedlich und meine Gedanken leise.
Der Wasserkocher ist fertig und holt mich in die Realität zurück. Müde schnappe ich mir eine Tasse aus dem Schrank, lege den Teebeutel hinein und kippe das heiße Wasser rein. Mit dem Tee kehre ich ins Wohnzimmer zurück und setze mich auf die Couch.
Am liebsten würde ich anfangen zu weinen, doch das hat mir bisher in keiner einzigen Situation weitergeholfen. Schon als Kind hat jede einzelne Träne meine Situation nur noch verschlimmert. Also straffe ich die Schultern, schnappe mir einen Stift und Zettel und erstelle eine Pro-und-Contra-Liste. Der vernünftige Teil möchte sich vorbereiten, auch wenn alles andere sich dagegen sträubt. Ganze fünf Minuten lang starre ich auf die leere Tabelle, unfähig, irgendetwas einzutragen. Ich ändere die Überschrift von Baby auf Katsuya.
Was spricht für ihn? Was gegen ihn?
Ich atme frustriert aus. Ja, was weiß ich eigentlich über ihn? Im Moment ist das einzig Positive sein Aussehen, sein Schwanz und seine Fähigkeiten, mich zum Orgasmus zu bringen. Alles die besten Voraussetzungen für einen Fuckboy, aber keine für eine potenzielle Vaterrolle. Erschöpft lasse ich mich nach hinten fallen und starre an die Decke. Katsuya … Gedanklich versuche ich, irgendeinen Punkt für die Pro-Seite zu finden. Doch er ist unberechenbar, launisch, ein Stalker und hat womöglich versucht, Bill umzubringen. Bill! Verdammt, was habe ich nur getan?
Erschrocken reiße ich die Augen auf und setze mich hin. Oh mein Gott! Was hat Katsuya nur mit mir angestellt? Was habe ICH Bill angetan? Seit wann bin ich so egoistisch?! Ja, im Bett habe ich mir schon immer genommen, wann und wie ich es brauchte, darüber brauchen wir nicht diskutieren. Aber ich habe Bill gestern in Gefahr gebracht! Bewusst! Dabei meine ich noch nicht einmal die Szene im Restaurant, denn immerhin dachte ich bis dato noch, dass Katsuya nur ein harmloser Stalker ist. Ich spreche von der Situation in meiner Küche. Gestern Abend wurde deutlich, dass Katsuya unberechenbar ist. Er ließ das erste Mal seine Maske fallen und zeigte mir, wie gefährlich er sein kann. Alles in mir zieht sich zusammen. Wie abgefuckt bist du eigentlich, Sophie? Du hast gestern nicht nur mit dem Feuer gespielt, sondern auch mit Bills Leben. Und für was? Für einen noch abgefuckteren Kerl, den du aus der Reserve locken wolltest.
Mir war im Vorfeld schon bewusst, dass Bill mich niemals würgen würde. Er ist ein normaler Typ, ohne irgendwelche absurden Vorlieben. Doch das war mir egal. Mein einziges Ziel war es, Katsuya zu provozieren. Er sollte vor Wut kochen und sich anschließend das von mir nehmen, was er braucht. Je länger ich darüber nachdenke, desto bewusster wird mir, welchen Teil Katsuya überhaupt in mir geweckt hat. Dieses dunkle Verlangen ist weit entfernt von der echten Sophie. Auch wenn ich es gewohnt bin, situationsbedingt meine Maske zu wechseln, hätte ich diese niemals tragen dürfen. Ich gab ihm das, was er wollte, und verlor mich selbst dabei. Und der Preis dafür?
Schützend gleiten meine Hände zum Bauch. Was passiert, wenn zwei zerbrochene Seelen ein Baby zusammenbekommen? Welche Charaktereigenschaften wird es haben? Wird das Böse vererbt? Eine Frage, worüber schon unzählige Menschen philosophiert haben, aber ebenso eine Frage, die meinen eigenen Untergang bedeuten könnte. Erneut bahnen sich Tränen an, doch ich reiße mich zusammen und beschließe, mich nach Bill zu erkundigen. Wo ist mein Handy? Es kann nur in der Küche liegen. Ich springe von der Couch auf, schüttle kurz die negativen Gedanken ab und hole es vom Küchentisch. Weder eine Nachricht noch ein Anruf werden mir angezeigt. Enttäuschung, die ich nicht verspüren dürfte, breitet sich in mir aus.
Ist das der Weg, den du gehen willst, Katsuya? Mich aus der Ferne beobachten und mögliche Hindernisse beseitigen. Wie lange möchtest du dieses Spiel noch fortfahren? Solange, bis jemand von uns am Boden liegt? Wenn das dein Ziel ist, dann muss ich dich enttäuschen. Ich habe schon Schlimmeres überstanden und ich werde auch dich überleben. Ich kam ins Wanken, ich bin getaumelt, doch ich werde nicht fallen.
Mit einem Fingerwisch entsperre ich das Handy und öffne Bills Chat. Als Erstes prüfe ich seinen Online-Status: Zuletzt online 1:05 … – Erleichtert atme ich laut aus. Es ist immerhin ein Zeichen dafür, dass er unversehrt zu Hause angekommen ist, oder?
Er ist ein netter Typ und hat es nicht verdient, dass ich ihn in meine Scheiße mit reinziehe. Ich wollte, dass Katsuya seine Wut an mir auslässt, nicht an Bill.
Hey Bill. Ich habe es gestern vermasselt. Es tut mir leid. Ich denke, Romantik und Beziehungen liegen mir einfach nicht. Vielleicht kannst du mir irgendwann verzeihen. Fühl dich gedrückt. Sophie.
Mein Herz hämmert wie verrückt in der Brust. Im Normalfall hätte ich ihm niemals geschrieben, aber mich plagen Schuldgefühle. Könnte ich es mir verzeihen, wenn Bill etwas zugestoßen wäre? Womöglich nicht, aber dafür weiß ich eins ganz genau: In meinem Kopf sind zu viele Fragen und Emotionen für einen Sonntagmorgen. Monatelang habe ich versucht, an mir zu arbeiten. Das kleine verletzte, verunsicherte und schüchterne Mädchen von damals abzulegen und als starke und selbstbewusste Frau wiederzukehren. Und nun droht alles wie ein Kartenhaus in sich zusammenzufallen. Nein, das werde ich nicht zulassen.
Ich werfe einen Blick auf die Uhr. Erst um 11 Uhr kann ich Maja abholen und sie in den Arm nehmen. Noch über zwei Stunden muss ich mich irgendwie selbst ablenken und darf nicht weiter in meinem Gedankenchaos versinken. Entschlossen gehe ich ins Badezimmer und beseitige dort das Durcheinander von eben. Verstohlen schiele ich auf den Schwangerschaftstest. Diese kleine, unschuldige, zartrosa Linie, die alles verändern wird. Kurz überlege ich, ob ich den Test entsorgen soll. Aber nein, er wird sicher in dem Highboard vom Wohnzimmer verstaut. Ich weiß nicht, warum, aber es fühlt sich nicht richtig an, ihn wegzuwerfen.
Zurück im Badezimmer hüpfe ich unter die Dusche. Die warmen Wassertropfen prasseln auf mich herab und vermischen sich mit Tränen, als ich meinen Bauch berühre. Wie soll ich es schaffen, mich abzulenken? Es ist eine Aufgabe, die unmöglich erscheint.
Der heiße Wasserdampf schnürt mir immer mehr die Kehle zu und um mich herum beginnt sich erneut alles zu drehen. Ich muss hier raus – umso eher, desto besser. In Windeseile wasche ich mich, steige in den Bademantel und gehe zurück ins Wohnzimmer.
Der Tee ist mittlerweile eiskalt und wahrscheinlich viel zu stark, da ich den Teebeutel in der Tasse gelassen habe. Vorsichtig wage ich einen Versuch. Okay, er ist noch genießbar. Gedankenverloren nippe ich Schluck für Schluck an der Tasse. Heute sollte eigentlich ein schöner Tag werden, immerhin sind wir mit Elisabeth verabredet. Oh je – Elisabeth kann in mir lesen wie in einem offenen Buch. Sie wird sofort merken, dass etwas nicht in Ordnung ist, ganz egal, wie gut ich schauspielern werde. Doch unsere Verabredung abzusagen, ist keine Option. Sowohl Maja als auch Elisabeth haben sich zu sehr auf dieses Treffen gefreut. Nein, ich mache jetzt keinen Rückzieher, ich werde ihr einfach sagen, dass Katsuya und ich es beendet haben, was sogar der Wahrheit entspricht. Okay, wenigstens darüber muss ich mir keine Gedanken mehr machen. Ich schaue nach, ob Bill meine Nachricht mittlerweile gelesen hat – aber Fehlanzeige. Er hat sie weder gelesen, noch war er online. Sophie, es wird schon alles gut sein! Beunruhigt kuschle ich mich in die flauschige Decke. Meine Augenlider fühlen sich schwer an und am liebsten würde ich sie etwas schließen. Auch wenn ich nicht daran glaube, dass ich einschlafen werde, stelle ich mir den Handywecker vorsichtshalber auf 9:45 Uhr – ein Versuch ist es wert. Vergebens … es kehrt einfach keine Ruhe in mein Gedankenkarussell ein – im Gegenteil, es dreht sich immer schneller. Ich suche verzweifelt den Stoppknopf und möchte aussteigen – fliehen, jedoch bin ich bereits zu tief gefangen. Frustriert schalte ich den Wecker wieder aus, trete die Decke zur Seite und gehe ins Badezimmer. Du siehst furchtbar aus, Sophie! Ich bin blass, meine Augenringe reichen mir fast bis zum Kinn und meine Lippen sind spröde. Gut, in mir herrscht das reinste Chaos, aber wenigstens die äußerliche Fassade soll einen anderen Anschein erwecken.
Die Augenringe und die blasse Gesichtsfarbe kann ich problemlos kaschieren, dazu benötige ich nur Concealer, ein bisschen mehr als sonst, Make-up und Rouge. Als Nächstes folgen Kajal und Eyeliner. Die Wimpern werden direkt im Anschluss getuscht. Was fange ich nur mit meinen Haaren an? In letzter Zeit waren sie immer häufiger in einem Messy Bun gefangen, das ist für heute aber keine Option. Falls Katsuya, der Stalker, mal wieder irgendwo steht und mich beobachtet, muss ich selbstbewusst und stark wirken. Er soll nicht denken, dass unser Bruch mich in die Tiefe gerissen hat. Entschlossen greife ich nach dem Glätteisen und 20 Minuten später fallen die Haare seidig glatt über meine Schultern. Perfekt – es geht doch, Sophie. Zufrieden schlendere ich ins Schlafzimmer, auf dem Weg dorthin lasse ich den Bademantel achtlos von meinem Körper auf den Flurboden gleiten. Ohne groß zu suchen, schnappe ich mir irgendwelche Unterwäsche aus der Kommode und schlüpfe hinein. Aus dem Kleiderschrank greife ich mir eine enge graue Skinnyjeans und eine hellrosa Bluse.
Mhh … soll ich lieber nur zwei Knöpfe auflassen oder sind drei auch noch in Ordnung? Wie tief darf der Ausschnitt sein, wenn ich mich mit Elisabeth treffe? Auf einmal muss ich laut auflachen.
„Sophie, mein Kind. Zeig nicht zu viel von deinen Brüsten!“, höre ich sie gedanklich schimpfen. Ja, die Zeit mit ihr wird mir guttun – etwas Balsam für die Seele. Ich gehe zum vertrauten Spiegel im Flur und begutachte das Outfit. Drei Knöpfe sind schon gewagt, denn man sieht deutlich den Ansatz meiner Brüste. Ja oder nein … Ich beiße mir auf die Unterlippe. Scheiß drauf – ich lasse es so – zuknöpfen kann ich sie notfalls immer noch. Schnell schnappe ich mir die Handtasche aus der Küche, das Handy aus dem Wohnzimmer und schlüpfe in meine rosa Sneaker. Drei sommerliche Spritzer von Escada und ich verlasse die Wohnung.
Draußen angekommen, schließe ich die Augen und atme tief ein. Angespannt warte ich auf das gefährliche Kribbeln. Warte darauf, dass sich seine Augen durch mich hindurch bohren, doch dieses Gefühl bleibt aus.
Verwirrt steige ich in mein Auto. Wo steckt er? Hat er seit gestern Abend das Interesse an mir verloren? Hat meine Aktion mit Bill genau das Gegenteil bewirkt? Wütend schlage ich gegen das Lenkrad. Ich bin sauer.
Ich bin sauer über unseren Fehler.
Ich bin sauer auf ihn, weil er sich nicht meldet.
Ich bin sauer auf mich, weil ich ihn nicht aus meinem Kopf bekomme.
Ich bin sauer auf uns, weil wir uns niemals eine vernünftige Chance gegeben haben.
Ich hasse mich dafür, dass ich mich danach sehne, dass er mich in den Arm nimmt und mir sagt, dass alles gut wird.
Ich hasse die Erinnerungen an seine Berührungen, die sich viel zu tief in mein Herz gebrannt haben.
Ich hasse den naiven, verträumten Teil in mir, der immer noch die Hoffnung hat, dass Katsuya und ich zueinander finden werden.
All das muss ich nun hinter dem breitesten Fake-Lächeln verstecken. Mit dieser verlogenen Maske starte ich den Motor und mache mich langsam auf den Weg, Maja abzuholen. Während der Fahrt muss ich das Fenster öffnen, da mir schlecht von meinem eigenen Parfüm wird. Der metallische Geschmack im Mund wird immer größer, ebenso wie die Erkenntnis, dass ich mir das Geld für einen neuen Schwangerschaftstest eigentlich sparen könnte. Ich beiße mir auf die Innenseite meiner Wangen, als sich abermals ein großer Kloß in meinem Hals bildet. Sophie, du bist gleich bei Maja. Fang jetzt bloß nicht an zu heulen, ermahne ich mich selbst. Mit feuchten Händen parke ich, atme dreimal tief ein und aus und steige aus dem Auto.
Es dauert nicht lange, bis mir jemand die Tür öffnet, nachdem ich geklingelt habe. In Windeseile erscheint auch mein kleiner Engel. Sie hüpft aufgeregt umher – voller Aufregung vor unserem Treffen mit Elisabeth.
„Na komm, pack deine Sachen und dann geht’s direkt los“, rufe ich ihr euphorisch zu. Sie nickt aufgeregt und verschwindet. Die Mutter von Majas Freundin bleibt an der Tür stehen und mustert mich skeptisch. Ihr Blick wandert immer wieder zu meinem Ausschnitt zurück. Wenn ich das eher gewusst hätte, hätte ich vier Knöpfe anstatt drei offengelassen. Warum neigen die Menschen dazu, ständig über andere zu urteilen? Wahrscheinlich liegt es an der eigenen Unzufriedenheit in ihrem Leben. Ich bin froh, als Maja endlich erscheint und ich nicht länger auf den Millimeter genau gemustert werde. „Vielen lieben Dank für alles. Ich wünsche dir noch einen wunderschönen Tag.“ In einem viel zu freundlichen Ton verabschiede ich mich von der blöden Kuh. Die Haustür schließt sich und ich wende mich Maja zu: „Komm her! Ich habe dich so vermisst, meine Hübsche“, sage ich zu ihr und strecke meine Arme nach ihr aus. „Mama, so lange war ich doch gar nicht weg“, antwortet sie lachend, kommt aber dennoch zu mir in die Arme. Ich inhaliere ihren Duft und pure Liebe durchströmt meinen Körper. Ja, ich habe genug Liebe für zwei wunderbare Seelen.
„Das reicht jetzt, Mama. Wir müssen los. Die alte Frau wartet.“ Voller Freude hüpft sie zum Auto. Die alte Frau … Sie muss sich unbedingt ihren Namen merken. Ich verstaue Majas Sachen im Kofferraum und steige ins Auto ein. „Können wir bitte Katy Perry hören?“ Schon wieder?! Ich blicke in den Rückspiegel und ihre grünen Katzenaugen schauen mich leuchtend an. Am liebsten würde ich sagen, dass das Radio kaputt ist, aber ich komme ihrem Wunsch nach.
„Lauter, Mama!“, fordert Maja mich auf. „Nein, das reicht so. Wir sind doch nicht taub“, antworte ich ihr mit einem Augenzwinkern durch den Spiegel. Sie zieht einen Schmollmund.
„Du musst erst gar nicht so anschauen. Wir üben jetzt erst einmal Elisabeths Namen.“ Und das tun wir – während der Fahrt sagen wir abwechselnd ihren Namen in den verschiedensten Tonlagen und brechen zwischendurch in lautes Gelächter aus. Bitte, wachs nicht weiter, mein kleiner Engel … Wir kommen am Parkplatz unseres vereinbarten Treffpunkts an. Dieser befindet sich vor einem Wildtierpark. Elisabeth geht sehr gerne spazieren und Maja liebt es, Eis essen zu gehen. Hier haben wir die Möglichkeit, beides miteinander zu kombinieren. Als wir aussteigen, entdecke ich Elisabeth bereits, die uns fröhlich zuwinkt. Sie trägt eine weiße Jeans, eine knallige pinke Bluse und dazu… weiße Turnschuhe. Mein Herz erwärmt sich innerhalb von Sekunden und verjagt kurz die Schatten, die mich in die Tiefe ziehen wollen. Mir wird noch einmal bewusst, wie sehr ich diese Frau mag und wie dankbar ich dafür bin, dass das Schicksal unsere Wege gekreuzt hat. Elisabeth ist so ein besonderer Mensch. Ich kann es nicht erwarten, sie zu umarmen. Maja greift nach meiner Hand. Am Anfang ist sie immer etwas schüchtern. Ich drücke ihre Hand, schaue sie lächelnd an und zusammen machen wir uns auf den Weg zu Elisabeth. So Sophie, denk jetzt bloß an dein Schauspiel. Und da ist es, das breiteste Fake-Lächeln, das ich jemals aufgesetzt habe. Fuck, wohl auch das schlechteste … ich seh’s an Elisabeths Augen. Sie blicken misstrauisch in meine. Lächelnd beugt sie sich zu Maja runter, als wir sie erreichen.
„Du bist also Maja. Schön, dass ich dich endlich kennenlerne“, begrüßt sie meinen kleinen Engel und hält ihr die Hand hin. Unglaublich, wie schüchtern sie sein kann. Zögernd greift Maja nach ihr und schüttelt sie. Meine Freundin richtet sich auf, kommt auf mich zu und nimmt mich in den Arm. Leise flüstert sie mir ins Ohr:
„Alles wird gut, mein Mädchen!“
Direkt schießen mir Tränen in die Augen. Was bist du nur für eine verfickte Heulsuse geworden, Sophie? Mit aller Kraft drücke ich Elisabeth fest an mich. Ihre Wärme gibt mir die Sicherheit und Geborgenheit, nach der ich mich so sehr sehne. Die Last auf meinen Schultern ist viel zu groß und ich drohe langsam, darunter zusammenzubrechen. Wie gerne würde ich sie einweihen – ihr von meinen Sorgen erzählen. Aber nein, das geht nicht, da ich es zum einen noch nicht mit Sicherheit weiß und zum anderen, weil Maja dabei ist. Ich drücke Elisabeth fester und am liebsten würde ich in dieser Position ewig verweilen – fest umschlungen in ihren Armen. Der Kloß in meinem Hals wird immer größer.
„Mein Kind. Wir werden in Ruhe darüber sprechen. Entweder rufst du mich später an oder du kommst mich morgen besuchen, wenn Maja in der Schule ist. Man findet für alles eine Lösung. Jetzt sei tapfer und lass uns versuchen, den Tag zu genießen“, flüstert sie mir sanft ins Ohr. Ich atme einmal tief aus und löse mich von Elisabeth. Als Antwort nicke ich Elisabeth bloß zu. Ich war so in die Umarmung vertieft, dass ich gar nicht bemerkt habe, dass Maja uns beobachtet hat. Ihre grünen Katzenaugen schauen mich verwirrt an. Verdammt!
„Alles gut, mein Engel“, versuche ich, sie mit einem Lächeln zu beruhigen und gebe ihr einen Kuss auf die Stirn. Elisabeth hält Maja die Hand hin: „Wollen wir uns nun etwas umschauen? Ich war hier noch nie und bin neugierig, was es zu entdecken gibt.“ Ihr Lächeln ist so freundlich und aufrichtig. Maja greift zögernd nach ihrer Hand und langsam gehen die beiden vor. Ich bin meiner neuen Freundin dankbar dafür, dass sie Maja an die Hand nimmt und mir so etwas Zeit verschafft, um mich zu sammeln.
Ich zittere am ganzen Körper und habe das Gefühl, jeden Moment umzukippen. Die letzten Wochen waren zu viel – viel zu viel. Mein Gehirn hatte bisher nicht mal die Möglichkeit, das Geschehene zu verarbeiten. Oder vielleicht möchte es das Ganze auch gar nicht bewältigen, sondern nur verdrängen. Viele Geschehnisse aus meiner Vergangenheit wurden niemals vernünftig verarbeitet und schlummern immer noch tief in mir. Das kleine Mädchen von damals hat sich in der hintersten, dunkelsten Ecke vergraben, in der Hoffnung, dass es diesen Schmerz nie wieder erleben muss.
Meine erste und einzige Beziehung hat mich an den Abgrund getrieben und kurz vor dem zerschmetternden Aufprall konnte ich entkommen. Katsuya hat mich erneut an ihn geschubst und mich schlussendlich in die Dunkelheit gestürzt. Falsch, ich befinde mich nicht im freien Fall, denn ich gebe nicht auf. Doch verrat mir eins:
Warum hast du mich ausgewählt, du Teufel mit dem Engelsgesicht? Hat meine kaputte Seele dich angezogen? Selbst jetzt schaue ich noch täglich in unseren Chat. Warte sehnsüchtig darauf, ob dein Profilbild wieder erscheint. Warte auf eine Nachricht von dir. Vergebens … Erschöpft schließe ich meine Augen, atme tief ein und aus. Sophie, auch dieses Mal wirst du es schaffen. Elisabeth hat recht, es gibt für alles eine Lösung. Die Dunkelheit darf mich jetzt nicht komplett zerstören! Die Liebe und das Licht in mir sind so viel größer als seine Dunkelheit … Ich richte meinen Oberkörper auf, hebe den Kopf und lächle – nein, weder meine Eltern noch mein Ex konnten mich zerstören. Und du wirst es auch nicht schaffen. Entschlossen mache ich mich auf den Weg zu Maja und Elisabeth. Maja taut langsam auf und quasselt ohne Punkt und Komma.
„So, ihr zwei. Hier bin ich. Was habe ich verpasst?“, frage ich die zwei, während ich meinen Arm um Maja lege.
„Da vorne waren ganz viele Entenküken. Sie waren sooo süß, Mama“, mein kleiner Engel ist begeistert. „Soll ich dir verraten, wie man die Entenküken noch nennt?“, fragt Elisabeth. Maja nickt wissbegierig.
„Entlein“, antwortet Elisabeth mit einem Lächeln: „Das klingt doch noch süßer und passt viel besser zu ihnen, oder?“
„Entlein?“, fragt Maja und lacht. „Ja. Das passt.“
Die zwei beginnen während des Spaziergangs ein kleines Ratespiel – Elisabeth nennt ein Tier und Maja soll den Begriff des Tierbabys nennen. Einige kennt sie, bei den anderen kommen die lustigsten Wörter raus, welche uns drei zum Lachen bringen. Auch wenn der Morgen scheiße begonnen hat, umso schöner ist die Zeit jetzt hier. Das Wetter ist herrlich, es ist angenehm warm und die Sonnenstrahlen kitzeln im Gesicht. Immer wieder schließe ich kurz die Augen und strecke mein Gesicht der Sonne entgegen. Genieße die warmen Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Ich hoffe, dass die Strahlen durch diese hindurchdringen und die negativen Gedanken vertreiben.
„Schaut mal, da vorne ist ein Café. Also ich könnte eine Stärkung vertragen. Wie sieht’s mit euch aus?“, fragt Elisabeth uns augenzwinkernd.
„Gibt’s da auch ein Eis?“, möchte Maja wissen.
„Ja, klar. Ich sehe schon die ersten Eisbecher auf den Tischen stehen“, antwortet meine Freundin ihr. Mit diesen Worten suchen wir uns einen freien Tisch und finden einen relativ abseits. Dafür bin ich mehr als dankbar, denn die Gerüche machen mir zu schaffen. Irgendwer muss Currywurst und Pommes bestellt haben.
Etwas, was ich eigentlich selbst gerne esse, aber der Duft bringt mich eben zum Würgen. Wir nehmen Platz und es dauert nicht lange, bis ein junger Kellner kommt und uns die Speisekarte bringt. „Junger Mann. Wir Frauen brauchen keine Karte. Wir nehmen einen Kaffee. Nur die junge Dame hier benötigt eine“, kommt Elisabeth ihm zuvor, als der rothaarige Mann uns die Karte überreichen möchte. „Ähm, ich hätte lieber ein Wasser, danke schön“, widerspreche ich Elisabeth. Das bringt mir einen misstrauischen Blick von ihr ein. „Sehr gerne. Ich bringe Ihnen gleich die Getränke und nehme dann die Bestellung von der jungen Frau entgegen“, sagt er, dreht sich um und geht.
„Na, meine Liebe. Lässt du mich im Stich? Kaffee ist doch unser Lieblingsgetränk. Seit wann trinkst du ihn schon nicht mehr?“ Oh oh, Elisabeth. Ihre Stimme klingt genauso misstrauisch wie ihr Blick und ich hoffe, dass sie nicht weiter nachbohrt. Unruhig rutsche ich auf meinem Stuhl hin und her – schnell, Sophie, lass dir was einfallen.
„Also ich trinke schon noch Kaffee. Du kennst mich doch, ohne Kaffee würde ich den Tag nicht überleben“, antworte ich ihr lächelnd. „Ich muss mir aber mit irgendwas den Magen verstimmt haben. Kaffee bekommt mir momentan nicht so gut.“ Elisabeth nickt. Bitte lass sie mir die Geschichte abkaufen. „So, Maja, was möchtest du denn Schönes haben? Hast du schon was gefunden?“, fragt sie, nachdem sie ihren skeptischen Blick von mir abgewandt hat. „Ja, ich nehme ein Spaghetti-Eis. Das ist mein Lieblingseis“, erklärt Maja ihr und zeigt mit ihrem Finger auf eine Position in der Karte. Mhh … Spaghetti-Eis klingt gut. Mir knurrt langsam der Magen und ja, das Eis würde ich mit Sicherheit runterbekommen. Während der Wartezeit erzählt Elisabeth von ihrer Kindheit und Schulzeit. Maja lauscht ganz gespannt und schaut sie fassungslos an, während Elisabeth die wildesten Geschichten erzählt. Elisabeth war früher wohl ein kleiner Frechdachs. Warum wundert mich das nicht? Sie wollte immer das letzte Wort haben und konnte nie still auf ihrem Platz sitzen bleiben.
„So, hier einmal Ihre Getränke“, der Kellner unterbricht Elisabeths Geschichten. Er stellt unsere Getränke auf den Tisch und erkundigt sich nach Majas Bestellung. Voller Stolz antwortet sie: „Ein Spaghettieis, bitte.“ „Zwei“, platzt es aus mir heraus. Elisabeth schaut mich an und zieht die Augenbraue nach oben: „Wäre ein Kamillentee nicht die bessere Option für dich?“, möchte sie von mir wissen. Der Kellner schaut mich fragend an. „Nein, ein Spaghettieis klingt gut. Das hätte ich gerne.“
„Kommt sofort“, und damit verabschiedet er sich.
„Magenverstimmung und Eis. So, so.“
„Ja, Elisabeth. Schimpf mit ihr. Wenn ich Bauchschmerzen habe, darf ich auch kein Eis essen!“, Maja schaut mich vorwurfsvoll an und zieht einen Schmollmund. Wollen die mich jetzt verarschen? Am liebsten würde ich jetzt einfach aufstehen und gehen. Beruhig dich, Sophie, es sind nur die Hormone. Ich atme tief ein – somit auch direkt den Kaffeegeruch – mir dreht sich der Magen. Ich versuche, meine Hand unauffällig vor dem Mund zu positionieren. Mit dem Ellenbogen stütze ich mich auf dem Tisch ab, falte meine Hände zusammen und presse meinen Mund dagegen. Fuck! Elisabeth mustert mich – sie ahnt es! Sie schaut mir in die Augen und wedelt mir mit der rechten Hand mehr von dem Kaffeedampf ins Gesicht. Ich muss kurz würgen und sie reißt ihre blauen Augen weit auf. Maja bekommt von dem Spektakel zum Glück nichts mit. Sie beobachtet am Nebentisch ein jüngeres Geschwisterpaar, das sich gerade streitet. Elisabeth greift nach meiner Hand, drückt sie sanft und lächelt mir nickend zu. Verdammt, es ist das Letzte, was ich wollte. Ich wollte es erst einmal sacken lassen und mir überlegen, wie es weitergeht, bevor ich es jemandem erzähle. Aber gut, ich kenne Elisabeth. Es war klar, dass sie zügig hinter mein kleines Geheimnis kommen wird. Vermutlich war sie erschrocken oder besser gesagt, etwas überrumpelt. Verdenken kann ich es ihr nicht, denn immerhin bin ich es selbst auch. Durch ihre Geste wollte sie mich aufmuntern und verdeutlichen, dass sie für mich beziehungsweise uns da sein wird.
Als uns das Eis gebracht wird, herrscht erst einmal Ruhe. Elisabeth nippt nachdenklich an ihrem Kaffee und Maja und ich essen, Maja um einiges genüsslicher als ich. Ich hätte auf meinen kleinen Engel hören sollen, denn auch wenn es mir schmeckt, verursacht es mir Magenschmerzen. Aus Angst, gleich aufs Klo rennen zu müssen, lasse ich mehr als die Hälfte stehen.
„Elisabeth. Hast du eigentlich Kinder?“ Oh nein, Maja bricht das Schweigen mit einer Frage, die ich Elisabeth selbst nie gestellt hätte – aus Anstand, doch Kinder denken nicht groß über ihre Fragen nach. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil ihre Neugier einfach zu groß ist und sie zu wissbegierig sind. Ich schlucke schwer. „Nein, leider nicht. Auch wenn es immer mein größter Wunsch war, habe ich leider keine eigenen Kinder. Oft fand ich es gemein oder unfair. Aber man darf niemals den Kopf in den Sand stecken. Versprichst du mir das?“, antwortet Elisabeth sanft und ich weiß, dass der letzte Teil an mich gerichtet ist.
Die restliche Zeit verläuft ohne tiefgründige Gespräche. Elisabeth erzählt noch etwas aus ihrer Kindheit und Maja hört ihr ganz gespannt zu, ich hingegen nur mit einem Ohr. Meine Euphorie von heute Vormittag verschwindet, als ich eine Familie drei Tische weiter von uns beobachte. Diese Familie besteht aus Mama, Papa, einem Jungen, schätzungsweise vier Jahre alt, und einem Baby. Der Vater geht sehr liebevoll mit allen um, rückt die Stühle zurecht und hilft der Mutter, als ihr das Stilltuch runterfällt. Direkt springt er auf und hebt es auf, ohne dass sie darum bitten muss. Beide strahlen so eine Liebe und Vertrautheit aus. Der Mann platzt fast vor Stolz, das sieht man an jeder einzelnen Mimik in seinem Gesicht. Mein Herz schmerzt. Wie sehr habe ich mir so eine Familie gewünscht. Ein Mann, der mich und Maja beschützt und alles für uns tut. Einer, der uns liebevoll einen Kuss auf die Stirn gibt, wenn er nach Hause kommt und mich nicht direkt anschreit. Einer, der uns liebt und uns nicht als Belästigung wahrnimmt. Jemanden, der sich immer schützend vor uns stellt und uns nicht ins offene Messer rennen lässt.
„Das war ein anstrengender Tag, oder? Wollen wir uns langsam auf den Rückweg machen?“, reißt Elisabeth mich aus den Gedanken. Sie wird gemerkt haben, dass ich in Gedanken verloren bin und sich die Tränen in meinen Augen sammeln.
„Ja, sehr gerne“, antworte ich und stehe auf. Auf dem Rückweg sprechen wir nicht viel miteinander. Maja und Elisabeth sprechen darüber, wann und wo die nächste Verabredung stattfinden soll. Die zwei verstehen sich wunderbar, aber das habe ich auch zu keiner Sekunde angezweifelt. Am Auto drücken wir uns fest.
„Ruf mich bitte an, sobald du kannst“, flüstert Elisabeth mir ins Ohr. Ich nicke und Maja und ich gehen zum Auto.
Katy Perry und Maja liefern sich während der Fahrt erneut ein Battle und ich zähle die Sekunden, bis wir endlich wieder zu Hause sind, denn alles, was ich nach diesem Tag möchte, ist, mich ins Bett zu verkriechen. Die Zeit mit Elisabeth tat mir gut und hat mich auf andere Gedanken gebracht. Sie gab mir neue Zuversicht und Kraft. Ich weiß nicht, welche Überraschungen das Schicksal noch für mich bereithält oder welche Hürden ich noch bewältigen muss. Doch für heute reicht es mir. Um ehrlich zu sein, genügen mir die negativen Ereignisse der letzten Tage für den Rest meines Lebens.
Dankbar biege ich auf unserem Parkplatz ab und parke ein. Maja schnallt sich in Windeseile ab und springt völlig euphorisch aus dem Auto. Wobei ich hingegen meinen müden Körper mühevoll hinterherschleife.
Sie erreicht vor mir die Wohnungstür und dreht sich unsicher zu mir um.
„Mama. Was ist das?“ Meine Müdigkeit ist sofort verflogen und ich eile zu ihr.
Wir stehen beide stumm nebeneinander und bewundern die wunderschönen schwarzen Lilien und den schwarzen Briefumschlag, die vor unserer Wohnungstür liegen.
Majas Neugier siegt zuerst und sie bückt sich, um die Sachen aufzuheben.„Stopp!“, rufe ich hysterisch aus und halte sie in letzter Sekunde an ihrem Arm fest. Erschrocken schaut sie mich an.
„Das ist bestimmt nicht für uns, mein Engel. Ich lege die Sachen oben auf den Briefkasten“, sage ich in einem sanfteren Ton. Meine Reaktion war höchstwahrscheinlich etwas übertrieben und ich möchte nicht, dass Maja Angst bekommt.
„Das liegt doch vor unserer Tür, Mama. Vielleicht ist da eine Einladung drin.“
Ja, ein One-Way-Ticket Richtung Hölle. Ich weiß sofort, von wem diese wunderschönen Lilien sind – dafür muss ich erst gar nicht auf den Umschlag schauen.
„Mama?“
„Ja, okay. Wir nehmen es mit rein und schauen nach.“
Mit zittrigen Händen nehme ich die Blumen sowie das Kuvert und schließe die Wohnungstür auf. Ich gehe direkt in die Küche. Maja folgt mir – leider. Lieber hätte ich den Umschlag allein geöffnet und erst mal vorsichtig selbst einen Blick hineingeworfen… Okay, der Briefumschlag ist unbefleckt – weder ein Empfänger noch der Absender sind notiert. Egal, wie oft ich diesen Umschlag noch hin und her wende, sie werden wohl kaum erscheinen. Los, Sophie, öffne ihn. Ich atme tief ein und Maja mustert mich ganz genau. Ihre Augen funkeln vor Aufregung. Hoffentlich ist das eine gute Idee. Langsam öffne ich ihn und nehme einen weißen Zettel heraus. Mit schwarzer Tinte sind lediglich acht Wörter in Schreibschrift geschrieben.
Wunderschön von außen und doch pechschwarz im Inneren.
