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Manchmal finden Menschen ihr Zuhause zwischen den Achselhaaren eines geliebten Menschen oder entwickeln das Gefühl der Anziehung, wenn sie abgekaute Fingernägel an Fremden entdecken. Sie erinnern an die kleinen Dinge, wie käse verschmierte Backofenhandschuhe, Kuchenessen im Bett und Beziehungen, die wie vertrocknete Pflanzen sind. Die Menschen sind vielfältig, genauso wie das, was sie erleben, sich vorstellen, worüber sie nachdenken. Sie erzählen und nehmen wahr. Daraus entstehen kurze Einblicke in unterschiedliche Situationen. Diese spielen inmitten des Alltags, führen zurück in die Zeit des Heranwachsens oder bestimmen das, was war, ist und sein kann. Kaugummi und Menschen ist so eine Sammlung von genau diesen winzigen Beobachtungen, Anekdoten und Erfahrungen. Diese sind mal süß und mal zäh, sie handeln von sterbenden Tauben, Entscheidungen, dem Glücklichsein, den dunklen sowie hellen Momenten und von Ahnungslosigkeit.
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Seitenzahl: 112
Veröffentlichungsjahr: 2022
Manchmal finden Menschen ihr Zuhause zwischen den Achselhaaren eines geliebten Menschen oder entwickeln das Gefühl der Anziehung, wenn sie abgekaute Fingernägel an Fremden entdecken. Sie erinnern an die kleinen Dinge, wie käse verschmierte Backofenhandschuhe, Kuchenessen im Bett und Beziehungen, die wie vertrocknete Pflanzen sind. Die Menschen sind vielfältig, genauso wie das, was sie erleben, sich vorstellen, worüber sie nachdenken. Sie erzählen und nehmen wahr. Daraus entstehen kurze Einblicke in unterschiedliche Situationen. Diese spielen inmitten des Alltags, führen zurück in die Zeit des Heranwachsens oder bestimmen das, was war, ist und sein kann. Kaugummi und Menschen ist so eine Sammlung von genau diesen winzigen Beobachtungen, Anekdoten und Erfahrungen. Diese sind mal süß und mal zäh, sie handeln von sterbenden Tauben, Entscheidungen, dem Glücklichsein, den dunklen sowie hellen Momenten und von Ahnungslosigkeit.
ich bin weg
auf halber treppe
das letzte eis
anna
ja, nein, vielleicht
lebe wohl meine heimat
vorbei
rauch
harte hände
stürzen
lebenslauf
depression
w
er liebt sie nun mal
unsichtbar
wer bin ich
fallen
kaugummi und menschen
die eine
vergeblich gedüngt
grau
du und ich
niemandsland
deine füsse
was echt ist
zukunft
flucht
blut im feld
reste
falten und dellen
zugemauert
mit punkt und komma
tropfen für tropfen
abseits der welt
schlaflied
wärme
bettmensch
ich weiss nicht
sie und er
pfand
auf dem land
punk
ich bin licht
zu schnell, zu weit
verschwendung
drahtseilakt
in der nacht
hollywood
tief oben
keine aussicht
auf dem berg
scheidung
rente
meine, nicht deine augen
wenig
(un) durchschaubar
nur die anderen
ohne farbe
der weg
reise
ich bin noch da
müll
vanille
kein ende
leere hülle
damals und heute
zwischenablage
kleine taube
nichts passiert
langsam
früher und immer
zwei räume und ein wintergarten
hinter deinen augen
dorf
wo liegt der sinn begraben
drama
wachtraum
da ist noch mehr
im nächsten anlauf
verpufft
ich und mein ball
schicht für schicht
platz für mehr
einfach fort
es wird klarer
wie ein windzug
diamant
zu früh zerfallen
nichts ist verkehrt
ich bin da
unvollkommene orte
fast schwarz
für dich
nicht müde genug
heilung
keine party mehr
formlos
es ist so und ganz anders
spektakel nach der dämmerung
wenn wir uns sehen
frieden finden
richtig kaputt
spiel ohne regeln
wenn du groß bist
lass es wieder leuchten
ahnungslos
nomaden
antworten
Und über ihr hängen die Antworten, während sie ihrer Enthauptung entgegensieht. Zwischen all dem Warten auf die Bestrafung und auf den endgültigen Tod, den sie weder verdient, noch herausgefordert hat, sieht sie alle, die sie schon so lange nicht mehr getroffen hat. Sie sprechen ihr Mut zu und das gerade jetzt ihre Stärke der absolut größte und einzige Triumph ist, der noch geblieben ist. All die wohlwollenden Worte durchströmen ihren Körper und dringen ein in ihr Gehör. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich nur leicht. In ihr macht sich eine Wärme breit, die sie schon lange nicht mehr spüren konnte, weil sie sich schon lange nicht mehr sicher gefühlt hat. Und mit diesem neuen Gefühl springt sie dem Tod entgegen, der so viele Fragen unbeantwortet sein lassen wird. Von all dem tosenden Applaus, aufgrund ihres Ablebens, bekommt sie nichts mehr mit. Sie hat sich verabschiedet aus dem Hier und ist an einen anderen Ort gegangen. Eine neue Heimat, die sie erwartet und wo sie auf Menschen trifft, nach denen sie sich bereits so lange sehnte. So hat sie ihr Leben verlassen mit all den Antworten, die niemand hören wollte. Mit all dem, was niemand verstehen konnte. Doch von nun an wird nie wieder etwas über ihrem Kopf sein, dass eine Bedrohung für sie darstellen könnte.
Bei dem Blick in den Spiegel springt dir die Hässlichkeit entgegen. Das Monster, das nur du sehen kannst und das nur dir selbst gefährlich werden kann. Erschaffen über so viele Jahre, an denen du dir selbst am nächsten warst. Und wie sehr du auch versuchst, die Kreatur von deiner Haut zu schrubben, wirst du sie einfach nicht los, denn sie klebt an dir wie das Pech. Kein Schleifpapier und keine Maschinen werden von dir ablösen können, was sich ganz tief in deinem Inneren so sehr mit deinem Blut vermischt hat. Die zähe Flüssigkeit, welche ihre rote Farbe inzwischen lange eingetauscht hat gegen eine schwarze Flut aus dem ganzen Müll, der sich dir auf all deinen Wegen entgegenschob. Selbst wenn du dir vornimmst, dass du alles noch verändern kannst, ist es inzwischen zu spät geworden und die Batterien deiner Uhr sind bis auf das letzte bisschen Restenergie einfach aufgesaugt. Irrelevant, wie viele Spiegel du in dem Leben, welches vor dir liegen wird, noch kaputt schlägst, wirst du immer dasselbe alte Gesicht sehen und die grauenhafte Gestalt mit in dein Bett nehmen, wo sie, egal ob Tag oder Nacht, neben dir liegt und nur darauf wartet, dass du einen weiteren Fehler begehst auf den Treppen, von denen du dir Erfolg versprochen hast.
Verschwindend gering erscheint die Möglichkeit aus den großen Massen, geformt aus Eis, wieder empor zu steigen. Der Schneesturm, der bereits seit Tagen, Wochen und Monaten wütet wird nicht anhalten, ehe er alles unter sich begraben hat. Keine Schicht, egal ob aus Fell oder Fett wird verhindern, dass die Kälte tief in jede einzelne Pore dringt. Das Rufen und das Heulen wird sich in der endlosen Weite verlieren und verstummt dort, wo sich das Nichts eingenistet hat. Die stark aufgerissenen Hände verfärben die schimmernden Wände, die sich so dicht an den eigenen Körper pressen. Eingeschlossen unter meterdicken Schollen konserviert diese Ewigkeit die Erinnerungen, ein wenig Glück und die hoffnungsvollen Ideen, die einst mal lebendig waren und jetzt keine Kraft mehr besitzen, um sich aus dem Panzer zu befreien. Das Warten, auf die Sonne, die sicher niemals ihren Weg in diese Höhle findet, hat sich in eine Vorstellung gewandelt, die nie zur Realität werden wird. Und das Nichts wird von nun an ein Begleiter sein, der sich an den Körper heftet und durch kein Kratzen und kein Flehen entfernt werden kann. Es wird ständig daran erinnern, dass es da ist und keine Ruhe geben, bis aus all dem noch weniger geworden ist.
Anna vergrub ihr Gesicht sehr tief in seinen Achselhaaren, denn das war die einzige Heimat, die sie kannte. Vielmehr war es die Heimat, die sie brauchte und der einzige Ort, den sie je wirklich wollte. Selbst nach den vielen Jahren kam sie immer wieder gern zurück, um sich zu erinnern, dass ihre Welt nur hier am friedlichsten war. Ihr Zufluchtsort roch nach Schweiß und den Resten von einem billigen Deodorant aus dem Discounter von nebenan. Ein Duft, den sie in seiner Ganzheitlichkeit nie hätte beschreiben können, von dem sie aber wusste, dass sie nie etwas anderes hätte überhaupt riechen wollen. Ausdünstungen von den Anstrengungen eines jeden Tages fanden den Weg in ihr Innerstes und verweilten lange an dem Platz, der all ihre Glückshormone ausschüttete. Ihr Unterschlupf kitzelte sie an der Nase und berührte ihre kurzen Wimpern bei jeder Bewegung. Vor allem aber ließ es sie in den tiefsten Schlaf fallen, aus dem sie theoretisch nie hätte erwachen wollen. Manchmal verfingen sich ihre Haare in denen, die sie so sehr begehrte und die sie so sehr liebte. So trat ein Lächeln auf ihre Lippen, wann immer sie sich vollends darin eingraben konnte, weil sie in dieser Kuhle, in die sie ihren Kopf bettete, die Unsicherheiten und Probleme komplett vergessen konnte.
Es ist das Ja mit dem du die Zukunft begrüßt und wie so oft weißt du nicht, wozu du überhaupt ja sagst, weil sich das Ja so schnell wieder in ein Nein oder in ein Vielleicht, mal sehen, kann sein oder ein besser nicht verwandelt. Und die vielen kleinen Bilder, die in den Knoten in deinem Kopf umherirren, ordnen sich zu einem Buch ohne Inhaltsangabe und alles wirkt ohnehin bereits ziemlich strukturlos. Das Festlegen ist nicht so dein Ding, denn keiner deiner Freunde macht das heutzutage noch. Du lässt dir alle Optionen offen, denn irgendwo begegnet dir irgendjemand oder irgendwas, auf das du schon so lange gewartet hast und von dem du weißt, dass du es haben willst, ohne es zu brauchen. Und all diese Optionen lösen sich in Luft auf, weil sie so schnell gehen, wie sie gekommen sind. So bleibst du allein in deinem Bett und wärmst beide Seiten abwechselnd und versuchst dir damit selbst vorzulügen, dass da eben noch jemand drin gelegen hätte. Dieser Jemand steht nun in der Küche und macht Kaffee für dich. Das Betreten eben dieser während der andauernden Schlaftrunkenheit lässt dich ziemlich fix zurück in die Wirklichkeit kommen, weil nur die kalte und schwarze Brühe von gestern auf dem Tisch steht.
Kleiner Junge, der gerade noch in den Armen seiner Mutter gelegen hat und das verzweifelte Gesicht seines besorgten Vaters flüchtig aus dem Augenwinkel sehen konnte. Lässt zurück, was ihm alles bedeutet hat und verspürt diesen tief sitzenden Schmerz, bei dem Gedanken daran, all die Olivenbäume nie wieder sehen zu können. Kleiner Junge, der nicht weiß, wo sein Bruder ist, weil er für den Kampf um die große Freiheit seine eigene aufgeben musste und unsichtbar für die Gesellschaft wurde. So verlässt er mit all dieser Ungewissheit das Land, welches er so sehr liebte und in dem er sich wünschte, er hätte ein Leben dort leben können. Dieses Leben muss er von nun an woanders fortführen und sein Lachen und all sein Witz lassen niemanden merken, wie viel Trauer in ihm steckt. Nur am Abend kurz bevor er die Augen schließt, denkt er an seine Liebsten und wie es ihnen gehen mag. Er denkt an die Tage, an denen er genug Geld hat, um sie zu besuchen und wieder vereint mit ihnen zu sein, denn keine materiellen Errungenschaften können die Leere füllen, die entstanden ist und jeden Tag ein wenig größer wird. Kleiner Junge muss seine Zukunft allein bestreiten und denkt an seine Familie während er den täglichen Weg zur Arbeit fährt.
An den Handschuhen, mit denen du das heiße Blech aus dem Ofen geholt hast, klebt noch immer ein wenig Lasagne. Eine Landschaft aus Tomaten, Hackfleisch und Käse, die dich jedes Mal schmerzlich und immer wieder an den Abend zurückbringt, der euer letzter war, weil in dieser Nacht und an diesem Abend eure Liebe starb und den letzten Atemzug tätigte. Keiner von euch unternahm den kleinsten Versuch eine Reanimation einzuleiten. Zu schwach hingen eure kraftlosen Körper nebeneinander und waren mittlerweile ausgelaugt von den vorherigen Versuchen. Mit jedem Bissen wurde die Kluft zwischen euch breiter und der Spalt öffnete sich so weit, dass ihr euch nicht mehr erreichen konntet. Und mit jedem Schluck Wein wurde das Loch im Bauch größer. Kein Winken zum Abschied, nur stumme und leere Blicke die einander trafen, um sich schlussendlich in der Dunkelheit zu verlieren. Und weil du ihn so sehr vermisst und nicht wahrhaben kannst, dass alles zu Ende ist, schaust du jeden Tag auf dieses verschmutze und leicht muffige Stückchen Baumwollstoff, ohne den Mut aufzubringen all das einfach abzuwaschen und loszulassen, da dir eben nur das bisschen Kruste geblieben ist, was dich an ihn erinnert.
Die Filter, mit denen du dir deine Zigaretten drehst, liegen auf dem Boden verstreut wie Konfetti von einer Party, die nie stattgefunden hat. Jeder einzelne davon ist ein Satz, ein Streit, eine Diskussion oder ein Lachen. Sorgsam lese ich sie auf und sammle sie in einem großen Behälter. Geduldig zähle ich sie Stück für Stück, um sicherzugehen, wie viele Zigaretten du noch bei mir rauchen kannst, bevor das letzte bisschen Glut ihren Weg in den Aschenbecher findet.
Zwischen den dicken Schichten und irgendwo inmitten ihrer Hände, die vom Leben und der ganzen Arbeit hart geworden sind wie ihr Herz, liegt ein kleines Mädchen vergraben, das sich aufgrund all der Überforderungen ein Stück zu weit von sich entfernt hat und im Dickicht des Waldes umherirrt auf der Suche nach dem Weg, der sie dort herausführen kann. An einer Lichtung angelangt hat sie vergessen zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden und dreht sich in all ihrer Panik schon seit sie denken kann immer um dieselbe Achse, sodass ihr inzwischen davon ganz schwindelig geworden ist. Verloren geglaubt ist ihre Hoffnung, dass sie irgendjemand finden wird, der es gut mit ihr meint, um sie aus diesem Chaos zu befreien, welches sie nicht ersehnte und für das sie die Schuld nicht auf sich nahm, da andere aus dem Mädchen eine Frau machen wollten, die sie niemals hätte akzeptieren können. Zu stark war stets ihr Wunsch nach Selbstbestimmung und der Freiheit, selbst entscheiden zu können. Und so irrt sie noch immer umher zwischen all den Bäumen und Farnen auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt und einer Insel, auf der sie sein darf, wer sie nun mal wirklich ist, um dort Schicht für Schicht ihr Herz zu befreien.
