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Olaf, ein deutscher Ingenieur, reist auf die namibische Gästefarm Kaunadodo. Er ist kein Jäger, will auch keiner werden, weiß selber nicht recht, warum er dorthin fährt. Grundlos, wie es zunächst scheint. Doch der Grund, er wird ihm nachgeliefert. Denn auf der Farm die Begegnung mit Gernoth, einem Bekannten aus längst vergangenen Ost-Berliner Tagen, der hier den Jagdführer macht. Honi nennen sie ihn, weil er Erich Honecker einst, nur ein einziges Mal, in der Nossentiner Heide geführt hat. Das Zusammentreffen nach einem halben Jahrhundert allerdings zur Hälfte inkognito, das heißt, nur einer erkennt, wobei es bis kurz vor Ende des Ganzen bleibt. Im Wechsel der Zeitebenen wird einerseits die Geschichte von Gernoths schrittweiser Involvierung in den DDR-Apparat erzählt und wie auch Olaf dessen Netz nicht entgeht. Als er Einsicht in seine Stasiakte nimmt, erfährt er nichts, was ihn umwerfen könnte, immerhin aber Überraschendes. Andererseits auf Kaunadodo immer wieder neue Berührungen zwischen den beiden Männern, bis am Schluss, als die Luft zwischen ihnen zum Schneiden ist, der Schleier des Inkognito zerreißt. Mit Folgen.
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Seitenzahl: 458
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Für wen es angeht
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Oder ist denkbar, es offenbarte sich ihm der Grund erst im Nachhinein? Wäre aber wohl kaum Grund dann noch. Etwas im Nebel des Unbewussten Liegendes eher. Vielleicht einfach nur Projektion. Umkehrung des Kausalitätsprinzips.
Jedenfalls kann Olaf, wie er so die Nacht hoch über den Wolken zwischen Schlafen und Wachen verdöst, keinen ihm genügenden Grund finden, warum er hier sitzt. Sicher, es ist da ein Ziel, an das er gelangen will. Flugzeuge fliegen irgend-, nicht nirgendwohin. Das Wohin also schon klar. Aber nur, um wieder einmal unterwegs zu sein - andere Umgebung, andere Menschen, der Kälte daheim entfliehen – könnten es auch ganz andere Ziele sein.
Früher reiste er ins Blaue hinein. Nie hätte er Unterkunft schon vorher gebucht. Ein Moment hatte den nächsten zu ergeben. Immer wieder wollte neu entschieden sein, wie es weiter zu gehen habe. Das ist vorbei. Auf einer Farm am Fuß des Erongomassivs hat ein Freund, der sich da auskennt, zwei Wochen für ihn reserviert, wissend, was allenfalls zu ihm passen würde. Nur Namen und Lage der Farm kennt er. Und klein soll sie sein. Nicht an Oberfläche, doch an Gästekapazität. Mehr weiß er nicht. Doch es reicht ihm. Er würde dort viel schlafen und am Pool liegen. Er würde elenden Smalltalk machen mit Leuten, die ihn vermutlich nichts angingen. Er würde über die Farm und ein paar angrenzende streunen, vielleicht ein paar Ausflüge machen, ein paar Bücher lesen, die er daheim noch schnell eingesteckt hat. Das wäre alles. Und ginge fast alles fast überall auf der Erde ebenso gut. Nein, er weiß wirklich nicht, warum es unbedingt dieses Ziel sein muss. Muss es denn? Er weiß nicht einmal, ob er Lust dazu hat. Es muss aber wohl trotzdem sein. Grundlos. Gründe vielmehr sähe er, es nicht anzufliegen. Mehr als ein paar sogar. Aber nicht den Gründen gibt er nach, sondern dem Grundlosen. Also muss es wohl wirklich sein. Warum auch immer.
Von der Ruhe und unermesslichen Weite des Landes, der kargen Schönheit seiner Natur hat er gehört und gelesen. Vielfach besungen, pathetisch verdichtet ist das auf ihn gekommen. Er zweifelt nicht einmal, dass Wahres daran ist. Und gegen Ruhe und Weite und karge Schönheit und die Kraft des Ungeheuren, die aus ihnen strahlt, hat er auch gar nichts. Im Gegenteil. Zu Zeiten zumindest. Aber gegen den aufgeblasenen Kitsch, den Reisebroschüren und ein sogar heute noch lebendiger Südwest-Mythos daraus zusammenbrauen, hat er etwas. Und vor dem noch dagegen, Natur so einfach vom großen Rest abzutrennen, vom Leben der Menschen dort, den Zuständen, unter denen es sich abspielte und -spielt, von dem, was da im Argen lag und noch liegt, von der Geschichte, besonders der der letzten 130 Jahre.
Denn eine Parade des Fürchterlichen ist diese Geschichte. Natürlich wäre es Anmaßung, wollte er festzurren, was Recht und Unrecht im Einzelfall dort war und ist. Es liegen die Dinge ja fast immer komplizierter, als dass das so einfach gelänge. Missmutig allerdings macht ihn das Schweifen seiner Gedanken über die deutsche Kolonialzeit, die englisch-südafrikanische Mandatszeit, die Jahre des Befreiungskampfes der SWAPO und die jetzige Owamboherrschaft schon.
Vieles an dem Land ist ihm unsympathisch. Ein inneres Widerstreben ist in ihm. Obwohl klar, eine Binsenweisheit und nicht mehr: wir alle leben auf den Müllhalden der Geschichte. Nicht abstrakt nur. Oft genug ganz wörtlich. Auf verbranntem Boden, auf den Trümmern untergegangener Städte, Staaten und Kulturen. Und auf Bergen von Leichen. Viele auf solchen, die gerade erst oder kaum verwest, schon gar nicht vergessen sind. Er ist alt genug, hätte also Zeit gehabt, sich in diesen allgemeinen Lauf der Dinge einzugewöhnen. Dickes Fell aber war nie seine Sache. Und die Empfindlichkeit, die Empörung, sie nimmt eher zu. Mit jedem Jahr. Schwerer und schwerer tut er sich, das einfach hinunterzuschlucken. Ballast der Geschichte, den man einfach abwerfen müsse, nennen das viele. Ihm ist das nicht gegeben, wie sehr er sich manchmal müht. Dennoch will er, ja will, da ihn schließlich niemand zwingt, nun in dieses Land. Wenn nicht mit, dann eben ohne tauglichen Grund oder trotz Gründen, es bleiben zu lassen. Vielleicht tut man bei Licht besehen sowieso das meiste im Leben ohne Grund. Und als er das ahnt, ahnt er sogleich auch, es könnte dies schon wieder einer der unzähligen wahren Sätze sein, deren Wahrheit man daran erkennt, dass ihr Gegenteil genauso wahr ist.
Wie er unter solch skeptischen Betrachtungen und unbestimmten Empfindungen die verdöste Nacht sich nun als beendet erklärt, schiebt er den Schieber des Fensterchens zu seiner Linken hoch. Unten noch tiefe Dunkelheit, Schwärze. Über der Schwärze aber trifft ihn der erste Strahl der schnell empor kriechenden, ihre Farbe von rot, dann von sattem Orange in nur wenigen Minuten in grell-weiße Helligkeit verschiebenden Sonne. Nur kurz darauf spürt er in den Eingeweiden jenes leichte Ziehen, das ihm anzeigt, es neigt sich der Vogel ganz vorsichtig zur Erde, ohne dass die eigentliche Landung, die noch Zeit braucht, schon eingesetzt hätte. Und dann, trotz einer Höhe von immer noch um die 9000 Meter, kommt Kontur in das Dunkel unter ihm.
Viel scheint da nicht zu sein. Nicht jedenfalls sich in Farbe, die noch kaum da ist, oder Form Abhebendes. Dann, mit zunehmendem Licht aber erkennt er Einschnitte in der Erdkruste, Flüsse vielleicht, gewesene oder bei Regen wieder entstehende. Erkennt vereinzelt etwas, was nur Bergkuppen, Bergrücken sein können, von der scheinbar flachen Umgebung deutlich unterschieden, ihre Höhe aus der Vertikalen ebenso wenig auszumachen wie die der Alpengipfel und überhaupt aller Gebirge beim Flug über sie. Erkennt vor allem unregelmäßig dunkel getüpfeltes Land, Savanne wohl. Dörfer, Städte bis auf ganz wenige Ausnahmen keine. Oder sie verbergen sich geschickt vor seinem Blick. Überhaupt zeugt kaum etwas von Menschen. Die Ausnahme Wege, die aber auch ausgetrocknete Wasserläufe sein mögen. Es kann gar nicht anders sein. Er denkt sich die Einwohner Berlins verteilt über eine Fläche, so groß wie Deutschland und Frankreich zusammen, gerade zwei und ein halber auf den Quadratkilometer. Das fällt nicht groß ins Auge. Schon gar nicht von hier oben.
Inzwischen sind die anderen Passagiere gleichfalls im neuen Tag angekommen. Es wird laut. Kindergeschrei. Eine betörend schöne schwarze Stewardess, wenn man sich hätte betören lassen wollen, die ihn nach seinem Getränkewunsch fragt.
Bloody Mary.
Sie scheint einen winzigen Moment zu stutzen. Als wolle sie fragen: So früh schon? Ja, findet er. Zu Hause nie. Eine kleine Verrücktheit, die er sich vor langer Zeit bereits für Flüge reserviert hat.
Neben ihm zwei Jäger. Wohl nicht die einzigen. Offenbar Trophäenjäger, die nicht zum ersten Mal hierher kommen und auch sonst überall in der Welt ihr Metier bereits ausübten. Sie reden von Gamsböcken in Österreich, Bären in den Karpaten, Elchen in Skandinavien, Kudus, Springböcken, Oryxantilopen, Warzenschweinen, einem Leoparden sogar in Namibia, die sie schon erlegt haben. Reden von Kalibern, und Schlössern und Geschossen. Reden von den neuesten Ferngläsern und Zielfernrohren. Reden von Mündungsbremsen, den Rückstoß zu verringern. Reden von den Formalitäten, die, ganz unterschiedlich von Land zu Land, zu erledigen sind, will man seine Jagdwaffen in diese Länder einführen. Reden von allem, was so schief gehen kann bei der Jagd und auch schon gegangen ist. Sogar bei ihnen selber.
Ihn, der daneben sitzt und dessen Ohr das mehr zufällig und nur halb verstanden erreicht, berührt es kaum. Bruchstückchen aus einer Welt, die ihm so gut wie unbekannt ist. Nicht, dass er sich gegen sie stellt, wo doch noch der eigene Urgroßvater Förster, auch jagender Förster im Hinterpommerschen war und noch manch anderer aus der weitläufigeren Verwandtschaft auf die Pirsch ging. Und ihm ist klar, es wird auch hier viele Für und viele Wider und vieles zwischen beiden geben. Doch er fühlte sich niemals zur Jagd hingezogen. Und es wird sich das nicht mehr ändern. Als Junge versuchte er mit dem Katapult Krähen zu schießen. Erfolglos. Er grämte sich nicht deswegen. Das Kapitel war abgeschlossen, ehe es hätte beginnen können. Keinen Reiz am Jagen konnte er je danach noch in sich aufspüren. Und ließ sich deswegen nicht weismachen von den Jägern, es stimme da vielleicht etwas nicht recht mit ihm selber, er habe wohl, was die Welt im Innersten zusammenhält, nicht erkannt, sei durch die grassierende Zivilisation abgeschnitten von den fundamentalsten Menschentrieben, eigentlich also ein Amputierter, wie ihm einst einer sagte. Aber obwohl oder weil ihm das alles so fremd ist, regt sich in seiner Tiefe ein vages Bedürfnis herauszubekommen, wie die eigentlich ticken, die ihm fremden Jäger. Nicht speziell diese beiden neben ihm. Vielmehr überhaupt, wenn ein Überhaupt es überhaupt gibt. Irgendwann einmal würde er dem nachgehen. Der Wunsch jedoch eher schwach ausgeprägt. Im Moment außerdem die Chance, ihn zu befriedigen, ohnehin vertan.
Denn als er sich wieder nach links wendet, sieht er das Rollfeld nur wenige Meter unter sich. Einen Augenblick darauf das Aufsetzen, dann Umkehrschub, Ausrollen, Wenden, kurze Fahrt bis vor die Ankunftshalle. Wie herrlich doch diese kleinen Flughäfen der kurzen übersichtlichen Wege. 6.45 Uhr, fünfzehn Minuten zu spät, so gut wie pünktlich. Aber das ist ihm egal. Er reist nicht mit dem Terminkalender im Kopf. Nicht mehr. Er hat sich das längst abgewöhnt. Drei Tage Aufenthalt in Amman wegen defektem Triebwerk, zwei im Stand-by-Modus auf New Yorks John F. Kennedy, nochmals zwei in Griechenland, weil erst ein Schiff ausfiel, dann das Bodenpersonal von Olympic Airways wieder einmal streikte usw. Er übte sich da ein. Es brauchte seine Zeit. Irgendwann fiel der Stress von ihm ab. Ruhe und Fatalismus behielten fortan die Oberhand. Jedenfalls war es bei ihm so.
6.45 Uhr also, Hosea Kotako also, Windhuk also, Namibia also. Für zwei Wochen. Und Licht und Sonne sind, als er den Flieger verlässt, wie kühl, fast kalt es noch ist, jetzt auch hier unten angelangt. Gewöhnungsbedürftig noch, dass die Sonne, stellt man sich ihr gegenüber, von rechts nach links über die Bildfläche zieht. Aber er kennt das. Eine Anfangsirritation, die nach wenigen Tagen der Selbstverständlichkeit weichen wird. Übrigens bescheint die Sonne hier nichts, was das Ansehen groß wert wäre. Ein Flughafengelände eben. Dass es klein ist das Einzige, was zu seinem Vorteil gesagt werden kann. Wenn man es als Vorteil sehen will. Er will.
Er ist also gelandet. Aber ist noch nicht da. Nicht da, wo er hin will. Er könnte von Windhuk zum an der Atlantikküste liegenden Swakopmund weiterfliegen und von dort aus … Es machte keinen Sinn. Sein Ziel liegt so ziemlich genau auf der Mitte zwischen beiden. Zug? Man könnte. Auch schön und recht luxuriös soll solche Reise angeblich sein. Aber langwierig. Und dann wäre er noch immer nicht da und müsste ... Nein, er will ankommen, so schnell wie möglich. Ganz anders als bei seinen früheren Reisen. Da ging es meist immer nur ums Unterwegssein. Kommt er etwa in die Jahre? Greift etwa Bequemlichkeit nach ihm? Er mag sich das jetzt nicht beantworten. Stattdessen wendet er sich zum nächsten Taxi vor dem Flughafengebäude. Kurze Unterhandlung mit dem Chauffeur. 1300 namibische Dollar, gerade einmal 100 Euro für die 250 Kilometer. Es ist aufzubringen. Nur knappe drei Stunden. Und bis direkt vor die Tür. Der Gedanke tut ihm gut nach der reichlich durchwachsenen Nacht. Er lässt sich in die rückwärtigen Polster fallen. Leichte Scham fliegt ihn an, dass er dem ersten Namibier, dem er in seinem Leben begegnet, keine kurzweilige Unterhaltung anbietet. Bedauert es auch um seiner selbst willen. Weiß er doch aus Erfahrung, was alles man auf Taxifahrten so erfahren kann. Er-fahren, genau so. Ganz frisch noch die Erinnerung an die gut gelaunten und gesprächigen schwarzen Taxifahrer in Kapstadt vor einigen Jahren. Aber er mag jetzt nicht. Kann jetzt nicht. Nickt ein. Schreckt hoch. Nickt wieder ein. Rutscht weg in tiefen Schlaf. Sieht nichts, überhaupt nichts von der Landschaft, durch die er bugsiert wird. Wird durchgeschüttelt auf den letzten Kilometern zur abseits gelegenen Farm. Merkt auch davon nichts. Schreckt hoch, als der Fahrer den Motor abgestellt hat. Stellt fest, er ist da.
Kaunadodo sieht er auf einem Felsbrocken neben dem Eingangstor stehen. Der Name hatte ihm gleich gefallen, als er die Papiere erhielt. Wegen dem Klang. Wegen der Duplizierung. Auch wegen seiner Bedeutung. Er hatte sie sich ergoogelt. Die Welt steht nicht still meint es auf Oshiwambo, der Sprache der Owambo. Zwar hat das mit der Bewegung bei ihm selber nachgelassen. Still will er aber darum noch lange nicht sitzen und will er auch die Welt um sich herum nicht sehen. Stille, es klingt nach Friedhof. Dorthin würde man ohnehin gelangen und hätte dort in Stille auszuharren für immer. Was heißt immer? Jedenfalls brauchte man da nicht nachzuhelfen. Vorläufig denn doch lieber Bewegung statt Stillstand, solange es geht. Gelassene Bewegung. Nur in Ausnahmen stürmische, erregte Bewegung, Empörung, wenn es gar nicht mehr anders auszuhalten ist. Doch nicht bei jedem Quark. Nicht, wenn der DAX ein halbes Prozent nachgibt. Nicht, wenn das Wirtschaftswachstum mit einem Zehntel ins Minus rutscht und man Rezession schreit, als ginge es um Mord, Vergewaltigung, Brand, nur noch lauter. Nicht, wenn Frau Roche Feuchtgebiete inspiziert. Auch nicht, wenn Rafael und Sylvie und Sabia … Das alles nichts als Gewurschtel auf der Stelle, findet er. Eine Art Bewegung, die ihn nicht und nichts bewegen kann. Sie hatte mit der Bewegung der Welt mit deren wirklichen Problemen und Veränderungen nichts zu tun. Die aber gab es und würde es weiterhin geben. Und erkennen sollte man sie, indem man kleinere und größere und noch größere Bögen auf der Zeitachse schlägt. Um sich nicht selbst hinters Licht zu führen über was man ist und vermag, was möglich oder eher unmöglich ist, woher man kommt und wohin man geht. Es ist schließlich das Einzige, was wir allen und allem voraus haben: dass wir Geschichte haben und Geschichte machen.
Sind aber nichts als Fetzen von Gedanken, die ihm beim Lesen des Farmnamens durchs Hirn schießen. Kaunadodo. Er versucht den Taxifahrer zum Aussteigen zu bewegen. Es gibt zwar nichts zu tragen, denn er reist nie anders als mit einem winzigen Rucksack, noch lieber mit gar nichts. Doch er möchte ihm drinnen einen Lunch anbieten. Sozusagen als Ersatz für die ausgebliebene Unterhaltung. Und sowieso, meint er, kann man den Mann nicht drei Stunden hin, drei zurück am Stück fahren lassen. Doch der wehrt, unklar warum, freundlich ab. So wird der schon einkalkulierte Preis für den Lunch aufs Trinkgeld aufgeschlagen. Wenn schon ein leerer Magen dann zumindest ein paar Dollar extra in der Tasche.
Erst jetzt, wo das Taxi auf dem Holperweg langsam davon schaukelt, blickt Olaf auf. Und nimmt zum ersten Mal etwas von der ihn umgebenden Landschaft wahr. 8000 Kilometer von Frankfurt, zwischen Spitzkoppe und Erongogebirge, 1700 und 2300 Meter hoch, sollte Kaunadodo in einem weiten Tal liegen. Er hatte sich das alles, auch Hunderte von Fotos, zu Hause genau angeschaut. Er glaubte genau zu wissen, wie es hier aussieht. Und muss nun erkennen, nichts weiß er. Oder weiß schon, hatte aber den entscheidenden Unterschied zwischen Wissen und Erfahren nicht hinreichend bedacht.
Sein Wissen erweist sich vor dem, was seine Sinne nun aufnehmen, schlagartig als lächerliche Abstraktion. Er neigt nicht zu Superlativen, stapelt lieber schon einmal tief, hasst Pathos. Doch verschlägt es ihm jetzt den Atem gleich in doppeltem Sinn. Die Sonne steht inzwischen hoch am ganz und gar wolkenlosen Himmel. Nur wenig dorniges Buschwerk steht hier, und es treffen ihn die Strahlen auf einer Höhe von um die 1600 Meter so heiß, dass es nach wenigen Augenblicken auf der Haut anfängt zu stechen, Mundhöhle, Zunge, Schlund im Nu erst klebrig, dann rau und ausgetrocknet sich anfühlen. Trotz der Hitze kein noch so winziges Schweißtröpfchen an seinem Leib. Alles Nass des Körpers bereits im bloßen Versuch sich hervorzuwagen verdunstet. Nicht einmal zu pinkeln braucht er mehr, wo es doch eben noch so dringend zu sein schien.
Dann blickt er, während des kurzen, von Natursteinen gesäumten Weges zum Hauptgebäude, auf. Eine riesige, nach außen hin ganz sanft ansteigende Schüssel, liegt rechts von ihm. In ihr Gesträuch, Busch heißt es ja wohl, einzelne wild gefetzte Bäume, Felsbrocken ganz unterschiedlicher Größe bis hin zu meterhohen kleinen Massiven, Erdkuhlen. Und auf dem Schüsselrand, doch vielleicht ist es gar keine Schüssel, sondern nur eine leicht ansteigende Ebene, etliche Kilometer weit entfernt und dennoch greifbar nah wirkend, ein wuchtiges Gebirge. Das Erongomassiv. Als er einmal alleine auf den Hängen des Großglockners unterwegs war und von seinem schmalen Serpentinensteig hinunter ins Tal sah, sah, wie die Geröllhalde unter ihm steil abfiel auf Kilometer hin, so weit, so tief, man meinte, es höre nie wieder auf, da schlug das wie eine riesige Faust gegen seine Brust und machte ihn den Atem anhalten vor Schreck über diese Größe der Natur und seine eigene Winzigkeit. Dies hier ist ganz anders und ganz ähnlich zugleich. Keine stürzende Tiefe. Aber der riesige Raum vor ihm, um ihn, gibt ihm verwandte Empfindungen ein. Er steht eine Weile betäubt, wie versteinert.
Bis Hundegebell ihn aus der Erstarrung zurückholt. Ein Rhodesian Ridgeback mit seinem, der Name sagt es, gegen die sonstige Fellrichtung gewachsenen Rückenstreifen taucht auf und eskortiert ihn zur Farm. Dort wird er, nachdem er von Windhuk aus noch angerufen hatte, erwartet. Die spontane, fröhliche Hausherrin Sieglinde, blond, um die vierzig wohl, mit deutschen Wurzeln, wie sie gleich erzählt, die sich seit inzwischen mehr als hundert Jahren, seit vier Generationen schon in dem Land verhakt haben, begrüßt ihn. Sie trommelt, was von Familie und Personal gerade in Rufnähe ist, zusammen. Selber hat er sich noch gar nicht richtig vorgestellt. Nur als der neue Gast, für den sein Freund hier zwei Wochen gebucht hat. Diesem neuen Gast präsentiert sie nun Familie und Personal: Ihre Mutter, zwei erst acht- bis zehnjährige Töchter, einen leicht pickligen, pubertierenden, kessen Sohn, eine schon ältere schwarze Köchin und drei junge, ebenfalls schwarze weibliche Haushaltshilfen für alles, was so anfällt. Ihr Mann, Gunther, sei nur eben einmal zu ein paar Besorgungen in die nächste Stadt, nach Usakos gefahren. Und der Jagdführer mit dem Jagdgehilfen, ein paar jagenden Gästen und Flex, dem Hund des Jagdführers, einem Deutsch Drahthaar, an den Abhängen des Erongo unterwegs, würde wohl erst nach Einbruch der Dunkelheit wieder zurück sein. Nun, er bliebe ja und werde sie schon noch alle kennenlernen.
Ja, mit dem Trennen von Jägern und nichtjagenden Gästen, das nähmen sie hier nicht so genau wie auf manch anderer Farm, sagt sie. Noch nie hätten sich die Nichtjäger daran gestört, etwas von den zugegebener Weise manchmal ein wenig gruseligen Geschichten der Jäger mithören zu müssen. Im Gegenteil. Auch wenn manche von ihnen tiefes Mitgefühl mit der vom Tod hingerafften Kreatur empfinden mochten, sie fanden das alles vor allem spannend und exotisch. Und wozu sei man denn auf Reisen. Wer das nicht vertragen könne, flöge doch eh lieber an die Strände von Florida oder Bali als hierher. Und die Kinder? Würde es denen wirklich schaden, bekämen sie davon etwas mit? Dass die Welt oder besser der Mensch in ihr zu Teilen so abgründig schlecht sei, weil Kinder seit Jahrtausenden von allem Anfang an das Jagen, Töten, Ausnehmen, Zerteilen, Zubereiten, Essen von Tieren mitbekämen, daran mag Sieglinde nicht glauben. Und hat wohl auch recht damit. Denn es muss schon noch anderes, vor allem anderes, womöglich nur und ganz anderes sein, was Kindern Schaden zufügen könnte. Neulich noch habe sie in einer europäischen Zeitung, ja, sie wisse es noch genau, in einer niederländischen, im Nieuwe Rotterdamse Courant, denn sie, wie viele hier, konnte das Niederländische von wegen dem Afrikaans ja lesen, ganz zufällig einen Artikel gesehen. De jacht leidt alleen maar tot excessen, so war er überschrieben. Nun gut, es sei da um die Jagd in den Niederlanden gegangen. Und die seien nicht Deutschland und schon gar nicht Namibia. Sie könne schon differenzieren. Und könne solch einen Artikel recht gut einordnen in die große Masse der zeittypischen Stimmen die, besonders in Westeuropa, Kritik an etwas üben, wovon sie keine Ahnung hätten. Die meisten Menschen dort würden ja wilde Tiere höchstens aus dem Zoo, viele nur von Fernsehen und Film kennen, wenn überhaupt. Ein wild lebendes Tier hätten sie noch kaum je gesehen. Was sie nicht hindere, ihre künstlich hochgekochten Emotionen reflexartig an den Jägern abzureagieren. Dass es Exzesse gebe, sogar solche, die sich nicht nur gegen Tiere, manchmal auch gegen Menschen richten, wolle sie nicht leugnen. Aber am Ende, findet sie, ist nicht die Jagd, nicht die Waffe, nicht einmal die Situation verantwortlich, sondern immer nur der Mensch und seine Kontrolle über sich selbst. Sie jage ja nicht. Es habe sich einfach so ergeben, und sie sei zufrieden damit. Aber von den Jägern ihrer Umgebung hier kann sie nur sagen, die wissen schon, was sie tun. Ein Fehlschuss, ein angeschossenes und dann verlorengegangenes Stück Wild, es käme vor. Und manche von den Trophäenjägern, die sie hier gehabt hätten, ja, da seien auch ihr schon einmal Zweifel gekommen. Dass aber gleich die Jagd so ganz uni sono zu nichts als Exzessen führe, das empfindet sie als Wutgerede von Unwissenden und Propagandisten. Und ihr Besucher nickt dazu. Nicht nur aus Höflichkeit. Denn bei allen Vorbehalten, die er, der nicht einmal ein Gewehr festhalten und schon gar nicht damit schießen kann, hat, hält auch er es eher mit dem genauen Hinsehen, den kleinen und großen Unterschieden und dem Überdenken als mit den klotzigen Haudraufthesen.
Als Sieglinde ihm sein Zimmer gezeigt hat und sich nun anderen Dingen zuwendet, schaut er sich weiter auf der Farm um. Keine Schickimickifarm wie viele andere ist es. Aber genau das hatte er gewollt. Ein mit Reed gedecktes Hauptgebäude mit zur Hälfte überdachter Terrasse. Ein kleiner Pool davor. Daneben eine große gemauerte Feuerstelle, die zu allem Möglichen, zum Kochen, Grillen, Backen oder als gemütliches Lagerfeuer dienen mochte. Vier kleine Gästebungalows zwischen dem lichten Buschwerk verstreut, in denen gerade einmal acht bis zwölf, höchstens sechzehn Gäste Platz finden. Um die hundert Meter von der Terrasse entfernt hinter einer Umzäunung ein Wasserloch, an dem es sich vielleicht am Abend beleben würde. Das Ganze von sympathischster Unaufgeräumtheit, ohne etwa verwahrlost zu wirken. Nirgends strenge Geometrie, keine klinische Reinlichkeit. Ein riesiger Kaktus hinterm Haus, mit Steinen weitläufig umlegt, damit nicht etwa Kinder im Eifer des Gefechts in ihn hinein liefen. Knapp daneben ein großer Baum, voll mit den Nestern der Webervögel, die nicht etwa in die Astgabeln gesetzt, sondern an die äußersten glatten Enden der Zweige geklebt sind, dort hängen und sanft vom Wind geschaukelt werden. Ansonsten: Regentonnen für den Fall, dass Regen einmal fiele. Landwirtschaftliche Geräte. Von Sonne, Wind, Wetter mitgenommene, ausgebleichte alte Baumstämme. Hier und dort Felsbrocken. Niemand hat dies am Reißbrett entworfen. Es ist gewachsen, wird weiter wachsen, sich verändern, ist lebendig. Kaunadodo. Die Welt steht nicht still. Es gefällt ihm. Es entspricht ihm.
Seine erste Nacht würde nicht gut werden. Er wusste es im Voraus. Die Höhenlage zwar nicht extrem. Doch schon bei nur 800 oder 900 Metern beginnt es bei ihm schwierig zu werden. Das hier ist das Doppelte. Und wie er es befürchtet hatte, so kam es. Eine rechte Tortur. Er hatte einen in mancher Hinsicht empfindlichen Organismus. Das war schon immer so. Doch was schon immer so war und wohl auch nicht zu ändern, das trägt man mit um so größerer Fassung. Zudem, redet er sich ein, würden die nächsten Nächte auch wieder besser werden. Er würde sich gewöhnen. Es würde schon gehen.
So sitzt er bei Sonnenaufgang, noch im Pullover, auf der Terrasse. Hinten am Wasserloch jetzt Betrieb. Zebras, Wildpferde, Kudus, Warzenschweine, Oryxantilopen und mancherlei, was er von hier aus nicht genau erkennen kann. Doch nicht nur die wilden Tiere da draußen, auch die Menschen sind früh auf den Beinen. So wird er schnell signalisiert, wie er da so sitzt, in die Landschaft blickt, in sich selber blickt, auf die Landkarte vor sich auf dem Tisch blickt. Wie selbstverständlich steht plötzlich ein Pott Kaffee vor ihm.
Und dann steht da einer vor ihm, von dem er zuerst nur den Schatten auf sich fühlt, bevor er ihn selber wahrnimmt. Groß ist er, trägt eine sandfarbene Montur, deren Oberteil locker über die Hüfte herabfällt, ein bunt kariertes Hemd, derbe Schuhe. Könnte Gast sein oder auch zum Betrieb gehören. Es lässt sich nicht ausmachen. Im Gesicht ein paar schalkhafte dunkle Augen, eine irgendwie ganz leicht aus dem Lot geratene, nicht aber störende Nase, alles umrahmt von einem wilden Graubart und ebenso grauem, gelockten Haupthaar. Aus diesem Gesicht heraus, das sein Gegenüber kurz mustert, eine angenehme Stimme mittlerer Tonlage.
Hallo. Höre, da ist wieder einer angekommen, der ein Weilchen bleiben wird. Zwar einer, der nicht jagt. Aber was nicht ist, das kann noch werden. Und sowieso, man läuft sich ja, so klein, wie das hier ist, ich meine natürlich nur hier, nicht da draußen, wo es endlos ist, fortwährend über den Weg. Also ich bin der Jagdführer, teilberuflich oder nein, pensionsberuflich sozusagen. Ist ja auch zu sehen. Bin nicht mehr ganz taufrisch. Lege aber Wert auf die Feststellung, dass das auch bei mir einmal anders gewesen ist.
Mit diesen Worten streckt er seine Hand aus und sagt:
Gernoth Gerlach. Das heißt, einfach nur Gernoth. Duzen uns hier nämlich alle. Wollte nur die schöne Alliteration präsentieren. Und die Verdoppelung des Ger, das so etwas wie Speer oder Spieß meint. Mit solchem Namen muss man doch Jäger werden? Na ja, alles recht altdeutsch hier. Ein bisschen Nibelungen und so. Trotzdem nicht schlecht, finde ich. Haben meine Eltern doch gut hinbekommen. Oder nicht?
Während Gernoth dies sicher nicht zum ersten Mal, vermutlich jedem, der hier eintrifft, heiter mitteilt, schon als er nur seinen Namen nennt, überfällt Olaf Unruhe. Es wetterleuchtet in ihm. Wüst zucken Blitze durch ihn hindurch. Versetzen längst Vergangenes, Ausgestandenes, zwar nie Vergessenes, doch seit Jahrzehnten aufs Abstellgleis Geschobenes für Sekundenbruchteile, für Blitzeslänge eben in Tageshelle. Lassen es gleich wieder in Schwärze versinken. Sein Puls erhöht sich. Wieder stehen Bilder von einst im grellen Leuchten des Wetters scharf vor ihm und verschwinden. Sind greifbar und ungreifbar zugleich. Chaos ist in ihm. Er versteht und versteht nicht. Es dauert nur Sekunden. Doch was in solchen Sekunden alles geschehen kann und in diesen Sekunden geschieht. Der Andere steht da mit der ausgestreckten Hand, wartet, dass Olaf einschlägt. Es wäre so leicht. Einfach Olaf sagen, Olaf Brinkmann. Und dazu Hallo. Aber was dann? Er forscht in Gernoths Gesicht, sucht etwas und findet es nicht. Vielleicht ist alles zu lange her. Vielleicht auch irrt er sich. Mein Gott, 55 Jahre. Was tun die nicht mit einem Menschenkörper. Durch welche Mangel drehen die ihn nicht. Und nicht nur den, genauso den Geist. Wechselseitig machten die sich doch alt, Körper und Geist. Mal mehr der Körper den Geist, mal mehr der Geist den Körper. So ist das doch. Und wie steht man danach da. Auch er selber. Würde er sich denn selber erkennen, hätte er sich mehr als ein halbes Jahrhundert nicht mehr gesehen und wüsste nicht, dass er er sei, dem gegenüber er sich wiederfindet? Er weiß nicht, was er jetzt tun soll. Doch getan werden muss etwas. Der Andere steht schließlich noch immer mit seiner ausgestreckten Hand vor ihm und wartet. Seit inzwischen mindestens fünf Sekunden steht er und wartet.
Na und, was ist? sagt er bereits mit leicht herausforderndem Lächeln.
Und als Olaf noch einmal in das Gesicht blickt, mag sein, es beschwört sein inneres Wetterleuchten ein unnennbares winziges Detail, irgendetwas um Mund, Nase, Augen herum, aus der Ferne des einmal Gewesenen herauf und bietet sich nun zum Abgleich mit diesem Gernoth an, da hat er sich entschieden. Nicht, dass er sich wirklich vollkommen sicher ist. Aber er weiß, was er jetzt tun wird. Er streckt der hingehaltenen Hand des Anderen die eigene entgegen. Er fasst sie. Sagt, indem ihn ein letztes Wetterleuchten durchzuckt, das ihn beinahe doch noch an seiner Entscheidung irre werden lässt, mit amtlich strenger Mine …
Fünfzehn ist er. Das Leben nimmt er noch nicht recht ernst. Nicht die Menschen um sich herum, nicht die Mitschüler, nicht die Lehrer. Auch das meiste nicht, was die ihm zu sagen haben. Obwohl er es inzwischen eigentlich sollte. Denn seit ein paar Monaten sitzt Gernoth auf der Oberschule und wird mit Sie angesprochen wie ein Erwachsener. Er findet das lächerlich und bekommt jedes Mal das große Kichern. Denn er mag sich so nicht fühlen und nimmt sich ja nicht einmal selber ganz ernst. Sicher, er möchte schon etwas werden. Etwas Richtiges. Am besten Arzt, egal was für einer. Oder Richter. Oder das lieber doch nicht - in diesem Land. Oder Musiker. Geiger, Pianist oder Sänger zum Beispiel kann er sich vorstellen. Und viele Sprachen will er beherrschen, die er hier allerdings nicht lernen kann. Und in viele Länder reisen, möglichst in alle, doch auch das wird von hier aus schwierig werden. Aber er hat noch Zeit. Der Ernst, wie gesagt, ist bei ihm noch nicht zu Hause. Stattdessen albert er herum, lacht viel und laut, macht sich über alles und jedes lustig. Über manchen Lehrer, über die sozialistische Erziehung, über seine Klassenkameraden. Und über sich selber. Wobei die anderen Schüler eifrig mithelfen. Besonders wegen eines Defektchens, mit dem er die Welt schon betrat, seiner doch reichlich schief im Gesicht sitzenden Nase. Sie tun es nicht bösartig. Nur so ein bisschen zum Spaß. Und er ist kein Spaßverderber, kann das, so scheint es (doch was ist hinter dem Schein?), gut vertragen. Mischt ja seinerseits munter mit bei dem Spielchen und lässt sich die Butter nicht vom Brot nehmen. Jeder empfängt, jeder teilt aus. Auch Olaf. So bekommen sie alle ihr Fett ab. Das Leben ist ja so lustig, eigentlich ein großer Jux. Bis auf das, was weniger witzig ist. Das gibt es auch. Sie ahnen schon, es kann so nicht ewig weitergehen. Doch vorläufig ist es so.
Die Schule trägt einen Namen, der Gernoth erregt, der Phantasien in ihm freisetzt: Fridtjof-Nansen-Schule. Das klingt kalt. Nach Eis, Schnee, Nordpol klingt es. Nach Abenteuern, nach Entdeckungsreisen, nach Nachruhm. Eine Otto-Grotewohl-Schule, Rosa-Luxemburg-Schule, Ernst-Thälmann-Schule oder Clara-Zetkin-Schule können dagegen nicht ankommen. Nicht bei ihm jedenfalls, wie in Schwang solche Schulnamen auch gerade sind. Es ist ein monumentales freistehendes Gebäude im Stil von Neorenaissance bis Neobarock. Zeugnis der großen Neo-Rage der Jahrhundertwendzeit, als den Architekten, vor allem aber deren Auftraggebern, wirkliches Neo wohl nicht einfallen wollte. Seit seiner Errichtung 1910 hat es alle paar Jahre einen neuen Namen erhalten und ihn wieder verloren. In der Zukunft wird es nicht anders sein. Es ist eben ein bewegtes Jahrhundert, dieses Zwanzigste Jahrhundert, in dem mal diese, mal jene und dann noch andere am Ruder stehen, bejubelt erst, dann verdammt werden. Ebenso wie Straßen haben Schulen sich solchen Wechselfällen der Geschichte anzupassen. Und diese Schule tat es mit Eifer. Es ist schließlich nur ein Name, auch wenn mancher Bände spricht. Der Bau selber aber unberührt von allen Wechselfällen, sogar vom Krieg, der ihn, wie diesen ganzen Stadtteil Oberschöneweide, fast unversehrt einfach stehen ließ, wo er andere nur so hinwegfegte. Giebel mit schwungvollen Voluten, obendrauf kleine Obelisken, ein imponierendes Eingangsportal. Drinnen gewaltige Treppenhäuser, Gewölbehallen, manche mit Kassettendecken, Wand- und Deckengemälden. Und unten im Keller allerlei Fachräume, unter anderem ein Ruderraum mit echten Rollsitzen und echten Rudern, die man sogar durch echtes fließendes Wasser zog. So baute man zu Kaisers Zeiten in Berlin und sonst wo Schulen. Schulen, die sich von Rathäusern oder Regierungsgebäuden oder Gerichtsgebäuden nicht groß unterschieden.
Hierhin muss Gernoth nun also vier Jahre lang. Tag für Tag. Er nimmt die Aussicht gelassen. Doch wird er zusehen, dass es nicht länger dauert als nötig. Bei allem Jux, der sein Leben überwiegend anfüllt. Überwiegend nur. Denn mit ein paar Dingen hinter und neben der Schule, ein ganz klein wenig auch in ihr und trotz allem Blödsinn, den er im Kopf hat, nimmt er es eben doch ernst. Sehr ernst sogar. Er weiß nicht, wie das kommt und woher er es hat. Ist es die Stadt, aus der er heraus muss? Oberschöneweide, ja, das ist Stadt. Nicht Stadtzentrum. Aber Stadt. Industriequartier, Proletarierviertel nämlich, wo es laut und dreckig ist, wo schreckliche Prügeleien auf offener Straße zur Tagesordnung gehören. Wo es vorkommt, dass man sich am Löhnungstag gleich vor der Fabrikhalle oder gegenüber in der Wilhelminenhofstraße oder drüben, auf der anderen Spreeseite, in der Brückenstraße, spätestens aber am HO-Kiosk vor dem S-Banhof Schöneweide sinnlos besäuft, dann auf dem Trottoir oder im Rinnstein liegt und sich irgendwann spät in der Nacht wechselseitig grölend nach Hause schleppt. Aber hier wohnt Gernoth nicht. Hierher kommt er, ebenso wie Olaf zunächst noch, bevor er dann aufs Fahrrad umsteigt, in zwanzig Minuten mit der Straßenbahn gefahren.
Wo er wohnt, in Friedrichshagen, in der Bölschestraße, knapp vor dem Bahnhof, während Olaf an deren anderem Ende zu Hause ist, ist es viel weniger Stadt. Fast ein wenig Dorf ist es da noch und war es ja einmal richtig. Und man braucht also nicht aus grauer Städte Mauern groß auszubrechen. An Olafs Ende der Straße fällt man schon fast in den Müggelsee. Und an Gernoths Seite beginnt gleich hinter der S-Bahn-Unterführung das Forstrevier Friedrichshagen. Das ist ein Waldgebiet, das sich über eine Fläche von immerhin drei mal zehn Kilometer erstreckt. Nadelwald, Mischwald und Eichenwald, sehr viel Eichenwald vor allem hat man dort aufgeforstet.
In diesen Wald zieht es ihn. In ihn muss er immer wieder. Und das ist nun kein Jux mehr. Das ist eine ernsthafte Sache, die ernsthafteste überhaupt in seinem noch jungen Leben. Sehen, was da wächst und wie. Mit Karl-May-Gefühlen im Herzen durchs Unterholz kriechen. Achthaben auf jeden Laut und jede Bewegung. Auf kleinen mit Moos und Drahtschmiele bewachsenen Lichtungen zwischen den eng stehenden Bäumen auf dem Rücken liegen und in den Himmel blicken, wo die wiegenden Baumwipfel sich im Kreis einander zuneigen und die Wolken viel schneller als woanders zu ziehen scheinen. Sich dabei an Michail Kalotosows berühmten und gerühmten Film Wenn die Kraniche ziehen erinnern, an die Szene, wo der Held Boris im Angesicht eben solcher sich über ihm wiegenden, zueinanderstrebenden, sich schließlich immer wilder drehenden Baumwipfel den Tod findet. Denken, dass, wenn schon Tod, solches Naturschauspiel und er selber als Mittelpunkt und Achse in ihm, nicht der schlechteste Abgang wäre. Allerdings nicht in einem Krieg wie Boris. Höchstens, wenn es einmal sowieso sein muss.
Auch Tiere gibt es hier. Und mit denen wird die Sache noch um einige Grade interessanter und ernsthafter. Es ist kein wildreiches Revier. Die letzten Kriegsjahre, dann die ersten Nachkriegsjahre, in denen die sowjetischen Soldaten nicht ganz regelkonform, das heißt, weidgerecht auf die Jagd gingen, hatten das Wild so gut wie ausgerottet. Jetzt aber beginnt sich der Bestand zu erholen. Ein paar Wildschweine gibt es, und auch Rehe, Füchse bekommt man zu sehen. Gelegentlich und wenn man sich anstrengt. Und Gernoth strengt sich an. Gewaltig strengt er sich an. Mit Engelsgeduld, die so gar nicht zu seiner sonstigen Quirligkeit passen will, steht er mucksmäuschenstill und wartet und lauscht und späht. Oder liegt im Gebüsch. Oder hockt auf einem Baum. Keiner braucht Angst zu haben, er schliefe dabei ein und stürzte sich etwa zu Tode. So wach wie hier ist er sonst nirgendwo. Es gibt nichts, gar nichts, was er nicht sieht, nicht hört, nicht irgendwie fühlt, schon vorausahnt. Er ist hier der komplett wache, aufmerksame Mensch schlechthin, dem nichts entgehen kann.
Zu Hause lassen sie ihn. Wissen aber mit diesem Tick ihres Sohns nichts anzufangen. Aus dem Wald bringt er Blätter und Blüten und Gräser und Würmer und Mücken und Larven und Käfer und Federn und Losung von Tieren mit. Und legt so gut wie alles unter sein kleines Mikroskop, das, so wenig leistungsfähig, wie es ist, ihm nicht gleich alle Geheimnisse preis gibt, ihn denen aber ein Stückchen näher bringt. Sogar Frösche, Kröten, Schnecken, einmal sogar ein totes Eichhörnchen kommen ins Haus. Mit der Nagelschere der Mutter und den Rasierklingen des Vaters beginnt er sie zu sezieren. Und weil das doch, wie er merkt, eine unsachgemäße Geschichte ist, nimmt er all dieses Getier mit in die Schule und seziert da mit richtigem schuleigenen Sezierbesteck in Biologiestunde und Arbeitsgemeinschaft weiter. Die Eltern finden es befremdlich. Sie wundern sich. Sie sehen sich gegenseitig an und sagen einer zum anderen:
Also von mir hat er das nicht.
Und der Vater setzt kopfschüttelnd hinzu:
Die Wege des Herrn sind wieder einmal unergründlich.
Er sagt das auch deswegen, weil ihm sein erster Satz ein bisschen peinlich ist. Denn mit der Vererbung hat er es nicht so. Nicht gehabt in dem gerade verflossenen Reich, das solchen großen Wert auf Vererbung legte und unter den neuen ihm ähnlich unangenehmen Verhältnissen, unter denen man gleichviel von Darwin und Mendel wie vom Kneten, Formen, Erziehen der Menschen zu mutigen Verteidigern und Förderern des Sozialsmus hält, auch nicht. Was sein Glaube ihm sagt, ist eher, dass alles unmittelbar vom Herrn kommt, höchstens gelegentlich auf kleinen Umwegen. Denn er ist Pfarrer und sein Sohn eben ein Pfarrerssohn. Und die Mutter ist Gemeindeschwester und der Sohn eben ein Gemeindeschwestersohn. Aber auch ohne Vererbungslehre und sozialistische Erziehung, nur mit einer guten Portion Christentum im Rücken, was sie bisher fast immer richtig geschoben hat, kommen ihnen die Marotten von Gernoth merkwürdig vor. Sie haben im Glauben ihr Fundament. Sind aber keine christlichen Fundamentalisten. Dieses Christentum, das alle Letztverantwortlichkeit dem Himmel überlässt, es kann sehr unduldsam gegenüber den Menschen sein. Es kann aber auch sehr begreifend, sehr tolerant sein.
Einige Male ist Olaf im Haus von Gernoths Eltern und begegnet denen dort. Sie sind schon recht alt, findet er und denkt an die eigenen, die gut fünfzehn Jahre jünger sein mögen. Aber genau vermag er es nicht zu sagen. Er ist kein Meister solcher Altersvergleiche. Oft genug lag er gewaltig daneben. Es ist nur so ein Eindruck. Gernoths Vater sitzt jedes Mal mit Pantoffeln an den Füßen in einem Ohrensessel. Auf dem Kopf ein Haarnetz, unter dem die gewaschenen Haare, nach hinten gekämmt, glatt, völlig glatt, arschglatt trocknen sollen. Kein einziges Haar darf aus der Reihe tanzen. Olaf kennt das. Der eigene Vater macht es genauso. Und mit den beiden machen es, wie es scheint, fast alle Väter, denen das Haupthaar nicht gar zu lockig geschaffen ward. Überhaupt machen es fast alle Männer, die wirklich erwachsen sein wollen. Es hat mit dem Vater sein nichts zu tun. Olaf laufen kaum einmal andere über den Weg. Und wenn er Fotos oder Filme der Elterngeneration und der Generation der Eltern der Eltern sieht, dann sind es sowieso alle, die ihr Haar nach gleichem Rezept gebändigt haben. Man sieht es sofort. Es ist die Zeit, es ist die Mode. Und beide Väter gehen mit ihr. Mit der Jugend ist das schon wieder anders.
Gernoths Vater sitzt da also in seinem Ohrensessel, lässt seine Haare unter dem Netz trocknen und liest. Liest augenscheinlich andächtig in der Bibel, manchmal vielleicht auch im Gesangbuch. Olaf kann das nicht so genau erkennen. Beide, Gesangbuch wie Bibel sind ja schwarz. Oder doch. Das eine war größer, auch dicker als das andere. Bibel und Gesangbuch also, mal dies, mal das. Und das kennt Olaf von zu Hause nicht. Denn der eigene Vater liest fast nie in der Bibel. Und wenn er doch darin liest, dann liest er nicht andächtig. Dann liest er mit kritischem Forschen, liest mit Widerspruch, manchmal Empörung, dann liest er, um dem Herrn auf die Schliche zu kommen, ihn zu entlarven, ihm sein Unrecht zu beweisen. Das also ist schon ein Unterschied zu Gernoths Vater und seinem andächtigen Lesen. Aber der ist ja auch Pfarrer und kann nicht anders lesen, wenn er sich nicht den Teppich unter den Füßen, den Himmel über dem Kopf fortziehen will.
Wenn Olaf eintritt, reagiert er nicht sofort. Einen Bibeltext kann man nicht einfach so mitten im Satz unterbrechen, nicht einmal am Satzende, wenn es mitten im Absatz ist. Der Respekt gegenüber ihm gebietet es, bis zu irgendeinem kleineren oder größeren Schluss weiter zu lesen. Der junge Mozart konnte es schließlich auch nicht ertragen, wenn sein Vater urplötzlich vom Piano aufstand und das Musikzimmer verließ. Er musste dann selber ans Instrument eilen und zumindest ein paar Schlussakkorde spielen. Es wäre sonst gar zu grausam gewesen. Was dem einen die Heiligkeit der Schrift, ist dem andern die Heiligkeit der Musik. Und so weit liegen die zwei womöglich nicht einmal auseinander.
Doch wenn Gernoths Vater, das heißt, für Olaf ist es Herr Gerlach, seine Lektüre nach ein paar, manchmal einer ganzen Reihe von Momenten zu irgendeinem Schluss bringt, dann blickt er nicht nur auf. Er steht dann auf. Und steht in tadelloser Haltung vor Olaf. Ein großer, bis auf die Pantoffeln vollkommen korrekt gekleideter Mann mit souveräner, väterlicher Ausstrahlung, eine fast würdige Erscheinung, was noch verstärkt wird, als er Olaf mit einer sehr schönen sonoren Stimme begrüßt. Er fragt gleich nach allem Möglichen. Nach der Schule, den Lieblingsfächern, die Olaf aber nicht hat, nach den Hobbys, die er wohl hat, nach Eltern und Geschwistern. Er fragt nach allem, was man so fragt. Aber hakt es nicht wie pflichtmäßig von einer Standardliste zu stellender Fragen ab. Er erkundigt sich mit wirklicher Anteilnahme und hört sich Olafs Antworten geduldig an. Fragt noch, ob Olaf Schach spiele und lädt ihn zu einer Partie ein. Nicht jetzt gleich, denn er müsse ja weg. Irgendwann einmal.
Nur zum Schluss spricht Herr Gerlach ein paar Worte in eigener Sache. Dass er Pfarrer sei, wisse Olaf ja. Ein hartes Geschäft in diesen Zeiten, die von der Religion nichts wissen will. Dabei sei sie doch das Einzige, was dem Menschen in der Not helfen könne. Und da sei es so wichtig, dass der sich, auch schon bevor es nötig wird, mit ihr befasste. Eine schlimme Zeit, seufzt er, wenn auch nicht ganz so schlimm, wie die gerade vor zehn Jahren zu Ende gegangene. Er hoffe nur, es legte sein Beruf keine gar zu schwere Hypothek auf Gernoths Leben. Denn der müsse sich doch entwickeln können, frei entscheiden, was er einmal werden wolle, zusehen, wie weit er es damit bringen könne, genauso wie er, Olaf, und alle anderen. Und als er das sagt, kommt es Olaf vor, als würde Herr Gerlach ein bisschen kleiner, als sei er nicht ganz so souverän, wie er ihm gerade noch vorkam. Etwas Gebeugtes ist jetzt an ihm. Und nicht nur in der Gestalt. Auch in seiner Stimme. Etwas halb und halb schon Resigniertes klingt aus ihr. So, als habe er den Kampf um die Erhörung von Gottes Wort in dieser Zeit in diesem Land schon so gut wie verloren. Es klingt, als glaube er nicht, er könne noch die Kraft aufbringen, diesen Kampf lange weiter zu führen. Klingt, als habe er schon zu viele Kämpfe erfolglos gekämpft. Mochten andere kommen und es versuchen. Aber deren Chance auf Erfolg würde gleichfalls gering sein. Es liegt nicht an ihm und nicht an denen. Die Verhältnisse sind gegen sie. Und wer die jemals verändern könne? Höchstens der liebe Gott. Aber ja, würde man dem nicht zu viel damit aufhalsen?
Olaf bekommt gleich das Gefühl, als drücke auch ihn selber nun eine Last, unter der er ein paar Zentimeter kleiner wird. Eine Art von Eintrübung seiner Stimmung findet statt. Trotzdem meint er, Gernoths Vater zu mögen. Der ist ein völlig anderer Mann als der eigene Vater. Ihn mag Olaf auch, er ist ja der Vater. Aber der ist viel aufgeregter, voll schäumender Entrüstung und fürchterlicher Ironie gegenüber den Verhältnissen. Einen Pfarrer hat Olaf außerhalb der Kirche, in die seine Familie selten genug kommt, noch nie von so nah bei erlebt. Das ganze Dröhnen mit erhobener Stimme, das Pathos, das Verkünden und Mahnen, das Lob des Jenseits und die Verdammung des sündigen Diesseits, wie er es erlebt hat, das ist alles weg. Herr Gerlach redet nicht im Tonfall eines Gottessoldaten. Er ist ein ganz ziviler ernsthafter, dabei freundlicher und zugänglicher Herr. Kein einziger Imperativ ist ihm über die Lippen gekommen. Kein Du-sollst, kein Du-musst und kein Du-darfst-nicht. Olaf wird sein Bild von Pfarrern jetzt ändern. Noch besser vielleicht überhaupt kein Bild von ihnen im Plural sich mehr machen, nur immer von dem und dem, was doch völlig reicht, findet er. Und findet, ebenso wie Gernoths Eltern selber, es könne der Sohn dieses Wuseln im Friedrichshagener Revier, all das endlose Beobachten von Pflanzen und Tieren und Fangen und Sezieren von Mäusen und Fröschen und Maikäfern doch wirklich nicht von denen haben. Weder durch Vererbung, noch durch Erziehung, von denen beiden sie gleich wenig hielten.
Schon beim ersten Mal, als Olaf bei Gernoth zu Hause ist, fällt ihm im Flur ein Bild auf. Ein großes schwarz gerahmtes Foto. Nicht neu, sondern vergilbt oder eher bräunlich. Wie die Fotos aus der Pionierzeit der Fotografie. Auf ihm in der Mitte ein schnurrbärtiger Mann unterm Südwester in Uniform, Stiefeln bis zu den Knien reichend, Patronengürtel, Seitengewehr, Gewehr mit schräg nach oben gerichtetem Lauf in den Händen. Zu beiden Seiten, einen Schritt vielleicht zurückgesetzt, je ein halbnackter Schwarzer, doch man sagt ja noch ungestraft Neger, mit langem Speer, der wegen der Symmetrie jeweils in der Hand am Bildrand gehalten wird. Sonst nur ein paar Gesteinsbrocken, mehr nicht. Es sieht aus, als sei eine gesamte Kompanie, einer nach dem anderen, immer in der gleichen Haltung, so ins Dekor getreten, um für die Heimat abgelichtet zu werden. In der linken unteren Ecke findet sich die Jahreszahl 1895. Und in die rechte obere Ecke des Bildes hat jemand außen auf die Verglasung ein Zettelchen geklebt. Und auf dem in deutscher Schreibschrift, verblasst, aber lesbar:
Hart wie Kameldornholz ist unser Land
Und trocken sind seine Riviere.
Die Klippen, sie sind von der Sonne verbrannt
Und scheu sind im Busch die Tiere.
Und sollte man uns fragen:
Was hält euch denn hier fest?
Wir könnten nur sagen:
Wir lieben Südwest!
Olaf sieht das Bild, liest den Text. So ganz en passant nur. Es interessiert ihn nicht sonderlich. Die Verse kommen ihm erbärmlich klapprig vor. Nicht die hohe deutsche Dichtkunst, ist ihm klar. Eher von der Marke Reimdich-oder-ich-fress-dich. Und bei der ersten Zeile die Assoziation: Hart wie Kruppstahl. Er will sich schon wieder abwenden, da versucht Gernoth eine Erklärung:
Ja, ist ein Onkel von mir. Auf der Seite meiner Mutter. Das heißt, nicht Onkel, nicht einmal Großonkel, sondern Urgroßonkel. Ganz schön weit weg also. Lange vor meiner Zeit. Konnte ihn gar nicht kennen. Wir wissen kaum etwas über ihn. Nur, dass er da unten in Südwest bei der deutschen Schutztruppe war. Nichts Besonderes. Einfach nur Reiter. Kannst du gleich an der Uniform erkennen. Keine Ahnung, was aus ihm geworden ist. Möglich, dass er von da nicht mehr zurückgekommen ist. Von den Hereros umgelegt oder von den Hottentotten oder was weiß ich. Oder zu viel gesoffen. Oder die Syphilis gekriegt, Malaria oder noch eine andere Krankheit. War schon gefährlich da. Irgendwie ist das Bild dann hier gelandet. Wie, kann auch keiner sagen. Aber ich find es toll, wie der da so zwischen den Negern steht. Einfach so in Afrika. Und dass so was in unserer Familie vorkommt, ist überhaupt das Allertollste. Mannomann!
Und das Gedicht?
Ist von viel später. Ist das Südwesterlied, seine erste Strophe wenigstens. Ist erst 1937 entstanden, als die Deutschen da unten nichts mehr zu sagen hatten, aber gerne gehabt hätten. Ist ein Schmarren, das Ding. Hat irgendein geistig minder Bemittelter zusammengehauen. Dem muss das Hirn genauso ausgetrocknet gewesen sein wie diese Riviere da. Na ja, war eben kein Goethe oder Schiller. Aber das Bild, das hat schon was. Gib es zu.
Dann wieder kriecht Gernoth in seinem Wald herum, denkt daran, wie herrlich es doch in der richtig freien Wildbahn sein muss und in anderen Ländern, je weiter weg umso besser. Und wie das so wäre, wenn er selber auch einmal ein Gewehr in der Hand hielte wie der auf dem Bild zu Hause. Schutztruppler, das war ja nun nicht mehr und hätte er auch nicht gewollt. Doch so hinter dem Wild her, das wäre was. Aber er darf das ja alles gar nicht denken, nicht einmal denken. Ferne Länder! Schon in die nächsten kann er nicht reisen. Und Gewehr! Und Jagen! So gut wie unmöglich. Er wird wohl mit seinem Friedrichshagener Wald zufrieden sein müssen. Er will sich nicht in exotische Phantasien verrennen. Irgendwo im Kopf aber nistet es sich trotzdem ein, das mit der Ferne, dem Gewehr, dem Jagen. Ein bisschen Träumen muss doch erlaubt sein. Wenigsten das, wenn schon…
Seit einer Weile schleppt er seinen Fotoapparat mit in den Wald. Als Gewehrersatz sozusagen. Eine Spiegelreflex. Exa heißt sie. Und ist der beste Apparat seiner Preisklasse. Jedenfalls betont er das immer wieder. Vielleicht auch, weil er sich den großen Bruder der Exa, die Exacta, nicht leisten kann. Ein wenig wird er von seiner Klasse wegen der Exa auf den Arm genommen. Der beste Apparat seiner Preisklasse wird zum geflügelten Wort, und irgendwann avanciert sogar Gernoth selber oder auch das, was ihm zwischen den Beinen baumelt, zum besten Apparat seiner Preisklasse. Das heißt, man ruft ihn so. Er hat sich das selber eingebrockt. Den Spott erträgt er um so leichter, als die Apparate der anderen keineswegs besser als seine Exa sind, wenn sie überhaupt einen haben. Sein Selbstbewusstsein ist nicht angeknackst. Er zeigt sie mit Stolz vor, die Exa. Und auch die Fotos, die er damit im Wald macht. Denn er geht in Ermangelung von anderem mit der Exa auf die Jagd. Fotos schießen, sagt man ja. Auch photo shooting. Aber das kennt er noch nicht. Und sagt man auch noch nicht in Friedrichshagen.
Richtige Jäger halten das für Blödsinn, für eine Perversion, die mit der Jagd nichts zu tun hat. Dumme Redensarten. Und Gernoth will natürlich am liebsten solch richtiger Jäger sein. Ihm ist klar, dass sich das Eine nicht wirklich durch das Andere ersetzen lässt. Für eine Perversion hält er das Jagen mit der Kamera dennoch nicht. Klar, es liegt am Ende der Jagd kein verendeter Rehbock vor einem. Aber man hat ihn eben doch eingefangen und in die Kiste gesteckt, also irgendwie erbeutet. Und die Mühen, die Geduld, die man oft aufbringen muss, dahin zu gelangen, sind keine Kleinigkeit. Und die Freude über den gelungenen, zugegeben metaphorischen Schuss, wenn das Bild vor einem liegt, ist doch auch echt. Nur das Ziel, der Endpunkt der Jagd, so sieht er das, ist beide Male verschieden. Der Einsatz, die Entbehrungen, der Wille, zum Ziel zu kommen aber doch ganz ähnlich. Und noch ganz andere Ziele könnte man sich vorstellen. Überhaupt, meint er, ist fast das ganze Leben doch eine Jagd nach Zielen. Deshalb muss man noch lange nicht im Stress durchs Leben rennen. Jagen kann ja auch ruhiges peu à peu sein. Muss es sogar sein. Irgendwo steckt natürlich die Hitze. Doch man muss sie kontrollieren. Wie kann sonst etwas aus der Sache werden? Und der Erfolg der Jagd, das Erreichen des Ziels? Nur vorläufiger Schlusspunkt. Das eigentlich Wichtige die Anstrengung, das Streben, das Bemühen, eben das Jagen selbst. Und das scheint Gernoth beim Erbeuten von wirklichen Tieren aus Fleisch Blut und dem ihrer Bilder doch so gut wie identisch zu sein. Einer will dies, ein anderer das. Man muss halt wissen, was man will. Er will eben zur Zeit die Fotos. Minderwertiges kann er daran nicht entdecken. Es gibt schließlich bewundernswerte Fotografen, die ihre Fotos jagen, die jede Strapaze, manche sogar die Gefahr des eigenen Todes auf sich nehmen für ihre Fotos. Von anderen Berufen gar nicht zu reden. Und irgendwann, sein Leben wird ja hoffentlich noch dauern, wird sich vielleicht Gelegenheit bieten, das Jagen auch mit anderem Ziel zu betreiben.
Solche Gelegenheit, sie bahnt sich schneller an, als Gernoth zu hoffen wagt. An dem nicht ganz kleinen, aber auch nicht riesengroßen Revier hinter der S-Bahnlinie gibt es eine Försterei. Und zu ihr gehören ein Försterehepaar und eine Sekretärin und gleich eine ganze Reihe von Forstgehilfen. So ein Revier muss ja verwaltet werden, begangen werden, es muss inventarisiert werden, was da wächst und läuft, und aufgeforstet und Holz gemacht muss werden. Und manchmal, wenn auch nicht so häufig, das Wild ist ja nicht zahlreich, wird hier gejagt. Richtig gejagt. Richtig? Mit der Flinte eben und auf Leben und Tod. Es kann nicht ausbleiben und bleibt nicht aus, Gernoth begegnet denen von der Försterei. Auch dem Förster selber. Einmal und noch einmal und noch einmal. Auch die Gehilfen kennt er inzwischen alle vom Sehen. Ein paar von ihnen sind ja ständig im Wald unterwegs. Die wundern sich schon, was Gernoth da so häufig herumstromert.
Und dann ist tatsächlich Jagd. Er ist neugierig. Natürlich. Er kennt die Regeln nicht, kennt die Signale nicht. Weiß von keinen Absperrungen des Geländes. Kann von denen nichts wissen, weil sie dort, wo er gerade ohne Weg und Steg unterwegs ist, ja auch nicht sind. Er hört nur das Lärmen der Treiber, das Kläffen der Hunde. Keinen Schimmer hat er, wie das alles vor sich zu gehen hat. Wie sollte er auch, der Pfarrerssohn mit Schutztruppenurgroßonkel vor drei Generationen? Doch plötzlich sieht er von der Seite eine Sau, dann zwei Rehe links und rechts an sich vorüberrasen und knapp hinter denen schon die Hunde und etliche Treiber. Man sieht ihn, schreit ihn an, beschimpft ihn als Idioten, Wildsau, halbe Leiche, Selbstmörder, Sonntagsbraten. Es dämmert ihm. Er ist als Quereinsteiger geradewegs zwischen das aufgescheuchte Wild und die Schützen in die Schusslinie gelaufen. Kein Schuss war noch gefallen. Doch es hätte können. Womöglich würde er dann daliegen mit dem besten Fotoapparat in seiner Preisklasse. Was dann überhaupt nichts mehr zu bedeuten hätte, weil er mit der Kugel im Kopf oder sonst wo einfach nicht und nie mehr aufstehen könnte. Bei dem Gedanken ereilt ihn ein heftiger Schrecken. Und die Ahnung, es ließen vielleicht tatsächlich nicht immer nur die wilden Tiere bei der Jagd ihr Leben. Er wird von den wütenden Treibern und Jägern aufgebracht. Man stellt ihn vor den Förster, der auch der Jagdleiter ist. Der putzt ihn ganz fürchterlich herunter. Und als Gernoth schon so klein geworden ist, dass er kaum mehr zu sehen ist, da regt sich der Förster auf einmal ab und befiehlt Gernoth, dem er ja eigentlich nichts zu befehlen hat, ganz ruhig und bestimmt, es habe sich der am Nachmittag des nächsten Tages nach der Schule auf der Försterei einzufinden, er habe mit ihm etwas zu besprechen. Zur Widerrede ist Gernoth jede Lust vergangen.
Natürlich erfahren die Eltern zu Hause nichts von all dem. Er sei eben im Wald gewesen. Wie immer. Am nächsten Nachmittag braucht er nur einfach nicht hinzugehen zur Försterei. Na und? Dann geht er doch. Wie der Förster sich gestern nach seinem Feuerwerk so urplötzlich wieder abgeregt hat und ganz ruhig geworden ist. Und wie der sagte, er wolle mit Gernoth etwas besprechen. Ja, besprechen, sagte er. Das klang nicht einmal nach Strafexpedition, eher schon fast nach partnerschaftlichem Austausch. Andererseits war in dem Befehl etwas von entweder oder, und unter dem Oder kann Gernoth sich nur für sich Nachteiliges vorstellen. Er geht also. Halb aus Angst, halb aus Neugier, was es da nun zu besprechen gibt.
