Kehre zurück! Die fünfte Welt - Bo Alix - E-Book
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Kehre zurück! Die fünfte Welt E-Book

Bo Alix

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Beschreibung

Seit sie denken kann, begeistert sich Rafaela de la Cruz für Archäologie. Als die Studentin für Altamerikanistik von der Universität Barcelona nach Mexiko City wechselt, bemerkt sie an sich irritierende Veränderungen. Plötzlich glaubt sie, die Sprache der Azteken zu verstehen. Und ihre Träume, die sie längst als offengebliebene Fenster eines früheren Lebens akzeptiert hat, intensivieren sich auf beängstigende Weise. In ihrer Not vertraut sie sich ihrer Professorin an, von der sie in letzter Zeit auffallend protegiert wird. Ist sie diejenige, die Rafaela helfen kann, oder hat Profesora Ichtaca-Lopez gar selbst etwas mit diesen unerklärlichen Phänomenen zu tun?

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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KEHRE ZURÜCK!

DIE FÜNFTE WELT

PARANORMAL SAPPHIC

BO ALIX

SANNE HIPP

INHALT

Klappentext

Anmerkung zum Buch

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Danksagung

Über die Autorin

Nachwort – Der Gedanke zu diesem Buch

KLAPPENTEXT

Seit sie denken kann, begeistert sich Rafaela de la Cruz für Archäologie. Als die Studentin für Altamerikanistik von der Universität Barcelona nach Mexiko City wechselt, bemerkt sie an sich irritierende Veränderungen. Plötzlich glaubt sie, die Sprache der Azteken zu verstehen. Und ihre Träume, die sie längst als offengebliebene Fenster eines früheren Lebens akzeptiert hat, intensivieren sich auf beängstigende Weise. In ihrer Not vertraut sie sich ihrer Professorin an, von der sie in letzter Zeit auffallend protegiert wird. Ist sie diejenige, die Rafaela helfen kann, oder hat Profesora Ichtaca-Lopez gar selbst etwas mit diesen unerklärlichen Phänomenen zu tun?

»Kehre zurück! Die fünfte Welt« ist ein paranormaler Zeitreise-Fantasyroman mit einer queeren Liebesgeschichte.

ANMERKUNG ZUM BUCH

In folgendem Buch wird der Glaubensgrundsatz früherer mittelamerikanischer Hochkulturen, dass alles, was geschaffen wurde, eines Opfers bedarf, nicht infrage gestellt. Dasselbe gilt für Wiedergeburt oder die Tatsache, dass man durch ein Portal in frühere Zeiten zurückkehren kann.

Das Thema Menschenopferung wird aus vergangener Erzählperspektive gestreift.

Da die Fantasy auch eine queere Lovestory beinhaltet, kann es zu Liebesszenen zwischen zwei Frauen kommen.

Gute Unterhaltung!

PROLOG

RAFAELA

Das Gesicht des Jungen strahlte. »Malila, ich verrate dir etwas, das du niemandem weitersagen darfst. Denn du bist ein Mädchen, und Mädchen dürfen nichts davon wissen!«

»Ich sage es niemandem«, versprach sie.

»Dies hier ist schon die fünfte Welt. Alle vier davor sind untergegangen. Und damit diese erhalten bleibt, müssen die Menschen den Göttern Opfer bringen. Verstehst du das, Malila? Die Priester müssen jede Nacht etwas opfern. Nur so hat die Sonne die Kraft, sich durch die Unterwelt zu kämpfen, um am nächsten Morgen wieder aufzugehen.«

»Ja, das verstehe ich«, sagte das Mädchen, obwohl sie noch zu klein war, um die Welt der Götter zu begreifen.

»Und alle zweiundfünfzig Jahre, wenn das Rad des Haab und des Tzolkin zu ihrer Ausgangsposition zurückkehren, braucht es ein besonderes Opfer, um den Sprung in die neue Zeit zu schaffen.«

Malila staunte. Das alles hörte sich sehr kompliziert an. Wie sollte das nur gelingen?

»Wenn ich groß bin, werde ich Priester«, sagte ihr Bruder, und Malila war sehr stolz auf ihn.

Der Junge wurde zu einem Mann, aber sein liebevolles Lächeln ihr gegenüber blieb. Als die Priester ihn abholten, nahm er sie zum Abschied in die Arme. Er war besonders schön. Sie nahmen ihn gerne mit.

Sie hörte nie wieder von ihm. Es kam keine Nachricht aus der Schule, in der sie die Priester ausbildeten, und die Eltern antworteten nicht mehr auf ihre Frage, wann sie ihn wiedersehen würde.

In einer Nacht riss sie von zu Hause aus und suchte ihn. Sie schlich durch Gassen und Kanäle.

Und da fand sie ihn. Der ausgeweidete Körper lag am Fuße der Pyramide. Sein Herz war den Göttern geopfert worden, und anschließend hatte man ihn hinuntergeworfen wie Müll.

Sie schrie. Fremde Hände erstickten ihre Schreie, nahmen sie mit. Fort von ihrer Heimat am See, hinein in den Wald, wo sie noch nie zuvor gewesen war.

1

RAFAELA

Mexiko City. Der Hörsaal der Uni war völlig überfüllt – wie immer, wenn Profesora Camila Ichtaca-Lopez eine Vorlesung hielt. Das Mikrofon verstärkte ihre Stimme ohne jegliche Störgeräusche, und Rafaela lauschte gebannt ihrem Vortrag.

»Sie alle kennen den Schöpfungsmythos der Azteken. Nachdem die Götter durch ihre Selbstopferung Himmel und Erde geschaffen hatten, wurde aus dem Gott Nanahuatzin die Sonne und aus Tcuciztecal, der es erst beim zweiten Versuch schaffte, sich in die Flammen zu werfen, der Mond. Zum Schluss jedoch erkannten die verbliebenen Götter, dass es ihrer aller Opferung bedurfte, um die Sonne in Bewegung zu bringen und sie in ihrer Bahn zu halten, und sie alle opferten sich um der Menschheit willen.« Die Profesora hielt einen andächtigen Moment lang inne.

Ein nachsichtiges Lächeln trat in die Gesichter mancher Studierenden ob dieser naiv anmutenden Erklärung göttlicher Schöpfung. Doch Rafaela drängte sich ein anderer Gedanke auf: Ist doch logisch, dass es eines Opfers bedarf. Wie sollte die Welt denn sonst entstanden sein? Aus dem Nichts vielleicht? Das alles wusste sie, seit sie ein kleines Mädchen war. Ihr Bruder hatte es ihr verraten. Dabei spielte es keine Rolle, dass sie in diesem Leben gar keinen Bruder hatte. Dann war es eben in einem früheren Leben gewesen. Seit sie denken konnte, träumte sie diese Szene: Der Junge mit dem strahlenden Lächeln, der sie so sehr liebte, dass er ihr Geheimnisse anvertraute, die er von den Männern aufgeschnappt hatte. Seit sie in Mexiko City studierte, träumte sie fast jede Nacht von ihm. Warum auch immer. Entschlossen drängte sie den Gedanken beiseite und konzentrierte sich wieder auf die Stimme der Dozentin.

»Es war eine logische Schlussfolgerung, dass auch die Menschen Opfer bringen mussten, um den Göttern für ihre Werke zu danken und sie gnädig zu stimmen. Mit der Einwanderung der Azteken in Mittelamerika und deren Entwicklung zu einer Hochkultur, erreichte die Anzahl der Menschenopfer sicherlich sein größtes Ausmaß. Auch wenn wir heute mit Gewissheit sagen können, dass auch die Maya zu besonderen Anlässen ihren Göttern Menschenopfer darbrachten, so stellten wir bei den Azteken eine enorme Zunahme dieser Opferungen fest. Die Wissenschaft spricht von bis zu zwanzigtausend im Jahr. Selbst wenn man berücksichtigt, dass spanische Priester als vermeintliche Zeitzeugen bei der Anzahl übertrieben haben, um die Wildheit indigener Völker und die damit verbundene Notwenigkeit zur Missionierung zu rechtfertigen, gehen wir heute davon aus, dass täglich Opferungen stattgefunden haben. Zu besonderen Anlässen durchaus mehr. Denken Sie nur an die Ballspiele, bei denen die gesamte unterlegene Mannschaft geopfert wurde. Ihre Köpfe wurden feierlich in Reih und Glied aufgespießt. Undenkbar für heutige Zeiten. Stellen Sie sich vor, wir würden nach dem Fußballmatch alle elf Verlierer einen Kopf kürzer machen – unter dem Jubel der Fans.«

Gelächter erschallte im Hörsaal. Die Profesora ließ ihren Blick über das Auditorium schweifen, während sie darauf wartete, dass wieder Stille eintrat. Rafaela versuchte, ihr Gesicht genauer zu sehen, und kniff die Augen zusammen. Sie saß zu weit hinten, hatte nur noch einen Platz in der fünfzehnten Reihe bekommen, weil ihr vorheriger Dozent in empirischer Sprachforschung überzogen hatte. Als sie hier eingetroffen war, war der Saal gerammelt voll gewesen.

Sie meinte, ein amüsiertes Lächeln im Gesicht der bemerkenswerten Frau erkennen zu können. Etwas gab ihr eine besondere Aura. Vielleicht war es ihre Körperhaltung, die absolute Ruhe, die sie ausstrahlte, oder die Sicherheit, mit der sie sprach. Als wäre alles, was sie sagte, die absolute Wahrheit und völlig unanfechtbar. An der Fakultät wurde sie nur »die Profesora« genannt. Jeder wusste, wer gemeint war. Ihr Alter zu schätzen, fiel Rafaela schwer. Sie erschien zumindest aus der Distanz alterslos. Das schwarze Haar hatte sie zu einem einfachen, festen Knoten zusammengebunden. Die hohen Wangenknochen und die fast schwarzen Augen ließen Rückschlüsse auf ihre Abstammung zu. Ganz sicher floss Blut der Völker durch ihre Adern, von denen sie in ihren Vorlesungen berichtete. Vielleicht lag auch darin ihre besondere Ausstrahlung begründet.

Rafaela klebte bei jeder Vorlesung an ihren Lippen und sie war davon überzeugt, dass man den Lehrstuhl für indigene Ethnologie und Kulturanthropologie nicht besser hätte besetzen können. Es gab Kommilitonen, die behaupteten, im ganzen mittelamerikanischen Raum gäbe es keine neuen Funde, an denen sie nicht in irgendeiner Form beteiligt wäre.

Nun beschrieb sie die Art und Weise früher mayanischer Menschenopferungen, die von den Azteken in gleicher Weise übernommen worden waren. Etwas, worüber man schon etliches gelesen hatte, weil der Stoff die richtige Portion Grusel und Voyeurismus bot. Die Profesora beschrieb die Opferung nun mithilfe eingeblendeter Aufnahmen von Steinreliefs, die alle dasselbe Motiv zeigten. »Wie Sie sehen, fanden die Menschenopferungen auf dazu vorgesehenen Altären statt. Das Opfer wurde an Armen und Beinen festgehalten, während man vom Bauch herkommend das Brustbein mit einem Messer aus Obsidian durchschnitt, den Brustkorb auseinanderbog und das Herz mit raschen Schnitten entnahm, sodass es in den Händen des Priesters, die sich anbetend gen Himmel streckten, noch ein paar Mal zuckte. Der Körper des Geopferten wurde anschließend die Pyramide heruntergeworfen. Ob das der Einfachheit halber geschah, oder ebenso einer rituellen Vorgabe entsprach, können wir heute nicht mit Gewissheit sagen.«

Rafaela schüttelte den Kopf. Wie viele Zehntausende mochten ein solches Ende gefunden haben? Was war das für ein bestialischer Schmerz, wenn einem bei vollem Bewusstsein das Herz herausgeschnitten wurde?

Der Gong ertönte. Die Vorlesung war vorüber. Erleichtert tauchte Rafaela aus der Welt der Azteken auf und fühlte sich geradezu gnädig von der Gegenwart aufgenommen. Die Profesora legte den Laserpointer aus der Hand und entließ die Studierenden mit einem knappen Kopfnicken. Hunderte Fingerknöchel klopften auf die Schreibpulte, um ihren anschaulichen Unterricht zu honorieren. Bei dem Geräusch hoben sich ihre Mundwinkel leicht. Dann packte sie ihre Unterlagen in die Aktentasche, während viele Studierende nach vorne drängten. Sicher fragten sie sie, ob sie bereit wäre, ihre wissenschaftlichen Arbeiten zu begleiten. Alle wollten ihre Arbeit mit der Profesora in Verbindung bringen, egal ob als Erstbetreuerin oder Zweitkorrektorin. Hauptsache, ihr Name würde auf dem Titelblatt stehen: Profesora Doctora Camila Ichtaca-Lopez. Ein Türöffner bei der späteren Jobsuche! Rafaela konnte ihre Kommilitonen hier in Mexiko verstehen. Die Arbeitslosenquote war hoch, jeder versuchte, sich so gut wie möglich zu positionieren. Wie sollte ausgerechnet sie es schaffen, eine Koryphäe wie die Profesora als Betreuerin für ihre Masterarbeit zu gewinnen?

Der Strom von Menschen, die den Raum verließen, zog Rafaela am Pult der Profesora vorbei. Wie gerne hätte sie ihr gegenüber etwas vorzuweisen gehabt, um ihr Interesse zu wecken. Leider war da nichts. Sie war nur eine von unendlich vielen. Widerwillig ließ sie sich durch die Tür drängen, hinaus auf dem Gang, der zum Campus führte.

Sie bemerkte nicht mehr, wie die Profesora ruckartig den Kopf drehte und ihr mit einem Ausdruck starren Erstaunens hinterherblickte.

2

RAFAELA

Mittagspause. Das grelle Licht und das Geschrei der Essensverkäuferinnen waren zwei Dinge, an die sich Rafaela mittlerweile gewöhnt hatte. Beides gehörte zum Uni-Alltag in Mexiko City.

Sie würde sich, wie jeden Tag, an einem der rollenden Stände etwas zu Essen kaufen. Es hatte sie anfangs Überwindung gekostet, denn das Angebot schien nicht der gewohnten spanischen Lebensmittelhygiene zu entsprechen. Aber alle anderen aßen es, und es bekam ihnen gut. Niemand, den sie gefragt hatte, hatte Bauchschmerzen davon bekommen. So kostete auch sie nach und nach von den Fleischspießen, Broten, Früchten, Reisgerichten. Auf diese Art konnte man sich günstig den Magen füllen. Die Standbetreiberinnen bestritten damit ihren Lebensunterhalt und meist den ihrer ganzen Familien, erfuhr sie mit der Zeit.

In ihrer Heimatstadt Barcelona war Rafaela täglich in die Mensa gegangen, es sei denn, sie war abends mit Freunden zum Essen verabredet. Jetzt erschien ihr das richtig spießig. Selbst wenn sie eine gemeinsame Sprache hatten und die spanische Kultur sich mit der frühamerikanischen vermischt hatte, war das Leben in Mexiko doch grundlegend anders. Und genau das begeisterte sie von Tag zu Tag mehr. Es schien ihr manchmal seltsam vertraut und fühlte sich an, als kehrte sie nach Hause zurück.

Nachdem sie sich ein Fleischspießchen und eine Schale Reis mit Gemüsesoße gekauft hatte, gesellte sie sich zu einer Gruppe, die sich auf den steinernen Stufen niedergelassen hatte. Hier musste man sich keine Sorgen machen, dass jemand Anstoß daran nahm. Die Menschen waren aufgeschlossener und herzlicher als in Spanien.

»Hola!«, sagte sie. »Ich bin Rafi. Kann ich mich hier hinsetzen?«

»Klar! Ich bin Miguel.« Der Junge lächelte. Es schien ihn aufrichtig zu freuen, dass sie ihn angesprochen hatte. »Möchtest du eine Cola?«, fragte er. »Ich gehe mir eine holen und bring dir gerne eine mit, wenn du mir den Platz neben dir freihältst.«

»Gerne. Ich gebe dir Geld, warte.«

»Schon okay«, erwiderte er und verschwand, ehe sie es hätte verhindern können. Nun gut, er hatte es so gewollt. Sie würde es trotzdem nicht zum Anlass nehmen, ihn zu daten, falls er es als Chance begriff. Sie würde ablehnen, wie bei allen Jungs.

Bevor Miguel zurückkehrte, nahm ein anderer seinen Platz ein. Dunkle Augen strahlten Rafaela durch dicke Brillengläser an. Das lockige Haar hing wie immer in sein Gesicht.

»Hi, Rafi!«

Carlos! Das darf nicht wahr sein! Warum ausgerechnet immer er? Warum fand er sie auch im größten Getümmel von Tausenden von Studierenden? Carlos war ihr WG-Mitbewohner, ein Physik-Nerd und ziemlich nervig.

»Hola, Carlos! Hast du keine Vorlesungen mehr?«, fragte Rafaela freudlos.

»Hatte ich. Bis jetzt. Quantenphysik. Du weißt schon, hochinteressant.«

»Ja.« Bitte nicht schon wieder!

Carlos begann meist mit der Relativitätstheorie, um zu begründen, dass die Zeit nicht überall gleich schnell verging. Dann machte er einen Riesensprung zu seiner Theorie von nebeneinander existierenden Paralleluniversen, Zeitsprüngen und Wurmlöchern, mit denen alles auf irgendeine Weise verbunden war.

»Du glaubst also immer noch nicht, dass es unendlich viele Parallelwelten gibt, in denen sich Ereignisse unterschiedlich entwickeln?«, knüpfte er sofort wieder an ihr Gespräch von letzter Nacht an.

»Nein«, bekräftigte sie. Wie hatte sie es zulassen können, sich so von ihm bequatschen zu lassen? Aber letzte Nacht hatte sie schlecht geträumt, und Carlos hatte sie von einem Albtraum erlöst. Zum Dank hatte sie über eine Stunde mit ihm in der Küche gesessen, hatte Milch getrunken und sich mit ihm über das Universum unterhalten. Sein Lieblingsthema, das die anderen aus der WG schon nicht mehr ertragen konnten.

Ehe er weitere Argumente für seine Theorie auffahren konnte, kehrte Miguel zurück und hielt ihr eine Flasche Cola entgegen. In seinem Blick lag ein leiser Vorwurf.

»Das war sein Platz«, sagte Rafaela zu Carlos. »Sorry«, schob sie hinterher, als würde sie es tatsächlich bedauern.

»Ich muss eh los. Meine Vorlesung beginnt gleich. Bis heute Abend dann.« Carlos gab sich geschlagen und verschwand.

»Wer war das denn? Dein Freund?«, fragte Miguel, während er sich auf seinen Platz fallen ließ.

»Mein Mitbewohner. Ich wohne in einer WG.«

»Ah!« Miguel grinste abwertend, als er Carlos hinterhersah. »Aber sonst ist dort alles okay?«

Rafaela antwortete nicht darauf. Schade, der Typ kehrte nun doch den Macho raus, und dabei hatte sie angenommen, sie könnte sich während des Essens einfach nur nett mit ihm unterhalten. Nun, denn! Ihre Schale war ohnehin bereits leer. Sie griff nach der Flasche. »Ich muss los. Danke für die Cola.«

»Hey!« Miguel sprang auf. »Sehen wir uns wieder? Was machst du morgen?«

»Wir studieren an derselben Uni. Bestimmt sehen wir uns mal wieder!« Es war ihm anzusehen, dass er es so nicht gemeint hatte. Sein Mund öffnete sich, doch Rafaela kam ihm zuvor. »Sorry, aber ich verabrede mich nicht mit Jungs.« Sie schenkte ihm ein versöhnliches Lächeln, warf sich die Tasche über die Schulter und ging davon. In einer Viertelstunde begann ihr Kurs für Nahuatl, der ersten indigenen Sprache, an der sie sich versuchen wollte. Wenn sie ihr nicht liegen sollte, würde sie sich für Mayathan entscheiden, die auch noch ziemlich häufig gesprochen wurde.

3

CAMILA

Profesora CamilaIchtaca-Lopez starrte der jungen Studentin hinterher, die viel zu rasch durch die Tür verschwunden war.

»Entschuldigen Sie mich bitte«, sagte sie und unterband damit die Fragen derer, die sich um ihr Pult versammelt hatten. »Heute habe ich leider keine Zeit mehr.«

Sie packte zusammen, nahm ihre Tasche, trat auf den Flur hinaus und blickte sich suchend um. Natürlich war die junge Frau längst verschwunden. Also ging sie in ihr Büro und durchsuchte die Online-Immatrikulationsliste nach einem Bild, das dieser Studentin ähnelte. Wer war sie? Camila musste unbedingt mehr über sie erfahren. Ihre Aura war fühlbar gewesen, bevor sie sie überhaupt gesehen hatte. Ihre Hand zitterte, als sie sich durch die Listen scrollte.

Dass sie uneingeschränkten Einblick in alle Daten hatte, verdankte sie der Schönen vom Sekretariat, die ihr während eines sehr freundlichen Gesprächs das Passwort gesteckt hatte. Mit zunehmender Ungeduld überflog sie sämtliche Passbilder. Die Studentin musste neu sein, sie war ihr bisher noch nicht aufgefallen. Doch da war keine, die ihr ähnlich sah. Die Profesora suchte die Listen der höheren Semester ab. Vielleicht hatte sich die junge Frau schon zum Masterstudiengang eingeschrieben. Und tatsächlich! Nach einigem Suchen hatte sie ihre Daten auf dem Bildschirm.

»Na, also!«, triumphierte Camila. »Rafaela de la Cruz,Bachelorabschluss in Altamerikanistik an der Universität zu Barcelona«, las sie. Und laut den Fächern, für die sie sich eingeschrieben hatte, würden sie sich in drei Tagen wiedersehen. Doch drei Tage waren zu lange, die Zeit drängte. Entschieden griff sie zum Telefon.

»Profesora?«, hörte sie eine männliche Stimme.

»Franko«, sagte sie, »ich habe einen Auftrag für Sie: Rafaela de la Cruz. Sie wohnt nicht mehr als eine Viertelstunde von der Uni entfernt. Fahren Sie hin. Ich möchte wissen, was sie als Nächstes tut, wohin sie heute Abend geht, alles. Heften Sie sich an ihre Fersen, wenn es sein muss.« Sie wiederholte die Adresse, um jeden Irrtum auszuschließen.

»Geht in Ordnung, Profesora. Ich kümmere mich drum und halte Sie auf dem Laufenden.«

Sie bedankte sich und legte auf. Wenn es gut lief, würde sie Rafaela noch heute Abend kennenlernen. Und sie würde es so aussehen lassen, als geschähe es rein zufällig.

4

RAFAELA

Außer Nahuatl und Mayathan gab es noch elf weitere indigene Sprachen, die man hier lernen konnte. Sie hatte also noch genug andere Angebote, falls es heute nicht zusagen sollte.

Sie folgte langen Gängen, schaute auf Aushänge und Schilder bei der Suche nach dem richtigen Zimmer. Auch in der dritten Woche irrte sie noch verwirrt umher. Da endlich! Raum AC-371. Die Tür stand offen und zögernd trat sie ein.

Einige Studierende saßen schon in kleinen Grüppchen zusammen und vertrieben sich die Wartezeit, bis es losging. Rafaela trat nach vorn an das Pult und grüßte den Dozenten, der Papierstapel sortierte, höflich. Der kleine, schmächtige Mann schaute sie mit freundlichem Interesse an.

»Guten Tag. Mein Name ist Rafaela de la Cruz«, sagte sie, als würde es irgendeine Rolle spielen, wie sie hieß. »Ich absolviere hier mein Masterstudium und möchte gerne eine indigene Sprache lernen, bin mir aber noch nicht sicher, welche. Kann ich heute einfach mal unverbindlich mit dabei sein?« Bestimmt war das möglich, Rafaela wusste es selbst, sie wollte nur vermeiden, sich allzu aktiv am Unterricht beteiligen zu müssen.

»Aber natürlich«, erwiderte der Dozent erwartungsgemäß. »Suchen Sie sich einen Platz und bleiben Sie hier. Wir sind nicht allzu viele und freuen uns über jeden, der neu dazukommt.«

Rafaela nickte dankbar.

Sie zählte zwölf Personen an den u-förmig angeordneten Tischen. Man nickte sich freundlich zu, es herrschte eine familiäre Atmosphäre. Auch wenn er zu Anfang einige Worte auf Spanisch sagte und auf Nahuatl wiederholte, wurde die Unterrichtsstunde bald vollständig auf Nahuatl geführt. Die anderen verfügten offensichtlich über einen Grundwortschatz, denn sie konnten dem folgen, was der Dozent sagte. Sie lächelten manchmal über seine Worte oder nickten. Rafaela hatte das Gefühl, ihn auch verstehen zu können, wenn sie sich nur richtig anstrengte. Alles, was er sagte, klang vertraut in ihren Ohren.

Dann schaltete er den Beamer ein. Ein Text erschien auf der weißen Leinwand. Er las immer ein paar Zeilen vor und einer der Anwesenden musste die Zeile wiederholen. Sie schliffen an ihrer Aussprache, versuchten es mehrmals, bis es korrekt ausgesprochen war. Es war für die meisten ein etwas schwieriges Unterfangen, das Gelächter provozierte. Dabei hörten sich die Worte nicht sonderlich schwierig an. Dann war Rafaela an der Reihe. Der Dozent ermunterte sie dazu, es den anderen nachzumachen.

»Versuchen Sie es ruhig. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.«

Auch die anderen sahen sie auffordernd an, also wollte sie sich nicht zieren. Er las ihr also vier Zeilen vor. Sie wiederholte sie. Das war jetzt keine schwierige Aufgabe, fand sie. Der Dozent stutzte: »Sie haben schon ein Grundwissen in Nahuatl? Mir erschien es so, als sagten Sie, Sie wollten heute nur einmal zum Schnuppern bei uns hereinschauen«, sagte er immer noch freundlich.

»Äh, ja. Ich wollte mal sehen, ob mir diese Sprache gefallen würde, ansonsten würde ich mich für Mayathan entscheiden. Ich weiß es noch nicht.«

Die Blicke, die sie erntete, waren eine Mischung aus Unverständnis und Ablehnung. Wahrscheinlich dachten die anderen, sie wolle sich hier nur wichtigmachen. Jetzt war es ihr peinlich. Aber sie konnte ja nicht wissen, dass es so leicht für sie sein würde, diese Sprache zu sprechen. Den Rest der Stunde zeigte sie sich sehr bemüht und interessiert, hatte aber den Eindruck, nicht so richtig in die Gruppe hineinzufinden.

Der Gong erlöste Rafaela. Die anderen packten zusammen und gingen. Rafaela wollte es ihnen gleichtun.

»Einen Moment bitte noch«, sagte der Dozent und gebot ihr, zu warten, bis auch der Letzte der anderen den Raum verlassen hatte. Dann wandte er sich an sie. »Sie wollten sich über uns lustig machen?«

»Bitte?«

»Ich weiß nicht, was Sie damit bezwecken, sich unwissend zu stellen. Oder wollten Sie lediglich die Qualität meines Unterrichts prüfen?«

So langsam dämmerte es Rafaela. Sie war so gut, dass er sich verulkt vorkam. »Entschuldigen Sie. Nein, ich wollte nur mal reinschauen.«

Rafaela beließ es dabei. Was sollte sie auch sagen? Dass sie von sich selbst überrascht war? Huch, ich kann Nahuatl? Das wusste ich ja gar nicht! Wer um alles in der Welt würde ihr das glauben? Verstört griff sie ihre Tasche und eilte hinaus. Für heute reichte es ihr. Sie sehnte sich nach ihrem Zimmer in der WG, nach ihrem Schreibtisch, wo sie alles noch einmal überdenken und nacharbeiten konnte.

Der riesige Campus nahm sie auf, und erst, als sie von der Masse anderer Studierender umgeben war, verlangsamte sie ihre Schritte. Nein, sie würde nicht mit der Metro oder der Suburbano nach Hause zu fahren. Sie würde gehen, um in Ruhe nachdenken zu können. Warum träumte sie ihren immer wiederkehrenden Traum mittlerweile beinahe täglich? Was geschah mit ihr? Die Stadt schien sie zu verändern. Und jetzt konnte sie auch noch Nahuatl, eine Sprache, mit der sie noch nie in Kontakt gekommen war.

Rafaela spazierte den Gehweg entlang, nahm ganz bewusst ihre Umgebung wahr. Sie hatte diese Stadt vom ersten Anblick an geliebt. Die Städteplaner hatten aus ihr eine grüne Oase gemacht. Brückenpfeiler, Fassaden und Mauern waren konsequent bepflanzt worden. Das urbane Zentrum von Mexiko hatte an Attraktivität gewonnen. Eine Tatsache, die nicht nur von Touristenbüros, sondern von allen Einwohnern bezeugt wurde.

Aber das war nicht der Grund für ihre Faszination gewesen. Sie liebte das bunte Getümmel unterschiedlichster Menschen. Hier fühlte sie sich zu Hause. Vieles schien ihr so vertraut. Und woher kam die Affinität zu einer Sprache, die sie nicht zu kennen glaubte? Ob sie in ihrem früheren Leben Nahuatl gesprochen hatte? Konnte es so etwas geben? Sie musste sich mal mit Carlos darüber unterhalten. Er war der Einzige, der ihr einfiel, der sie nicht für verrückt halten würde.

Sie spazierte eine Stunde lang durch die Stadt bis zu ihrer Wohnungstür. Die Bewegung hatte ihr gutgetan. Vieles, was sie heute gehört und gelernt hatte, festigte sich von selbst, wenn man einen Fuß vor den anderen setzte.

Carlos war nicht zu Hause. Dafür hörte sie Fernanda und Inés im Hausflur. Sie mussten sich unterwegs getroffen und schon eine schöne Zeit miteinander verbracht haben, denn sie kicherten vor der Tür wie zwei Teenager.

Kurz darauf hörte sie Fernandas Stimme. »Hola, jemand zu Hause?«

»Ich bin da«, antwortete Rafaela.

»Oh! Hola Chica!«, rief Fernanda erfreut aus und stürmte in ihr Zimmer. »Meine Liebe! Wie war dein Tag?«

»Geht so.«

»Alles im Lot bei deinen alten Azteken?«, fragte Inés, die nun auch das Zimmer betrat, nicht weniger temperamentvoll.

»Jaja, alles klar.« Fernanda und Inés waren liebenswerte Menschen, herzlich und immer bemüht um ihr Wohlergehen, aber mit einem so speziellen Thema wie Seelenwanderung wären sie beide überfordert. »Kommt Carlos auch bald?«, fragte sie möglichst unaufgeregt.

»Carlos? Keine Ahnung! Er hat nichts gesagt«, antwortete Fernanda. »Seid ihr verabredet?« Sie gab einen aufreizenden Laut von sich. »Du stehst doch nicht etwa auf Nerds?« Ein gutmütiges Lachen entwich ihrer Kehle.

Rafaela verdrehte die Augen. »Haha. Natürlich nicht. Ich dachte nur. Vielleicht kommt er ja bald. Donnerstags hat er doch nicht so viele Stunden, oder?«

Die beiden zuckten mit den Schultern.

»Wenn er nicht kommt, dann zieh mit uns los«, schlug Fernanda vor. »Wir wollen ein bisschen was trinken gehen, Freunde treffen. Inés hat was zu feiern. Ihr Vortrag wurde von ihrer Prof gelobt und mit einer Eins benotet.«

»Ja, genau! Komm doch mit«, bekräftigte Inés.

Warum eigentlich nicht? Besser, als hier zu sitzen und sich zu grämen. Lernen wollte sie heute sowieso nichts mehr, und beim Durch-die-Kneipen-Ziehen konnte nichts passieren. Aber wenn Carlos nun doch noch kam? Oder sollte sie ihm eine Textnachricht schicken und nachfragen? Aber nein, das machte das Ganze so förmlich. So, als hätte sie wirklich ein dringliches Anliegen.

»Okay. Ich komme mit«, entschied sie.

»Yeah«, rief Fernanda. »Ich bin die Erste im Bad!«, verkündete sie und verschwand, bevor die anderen etwas dagegen unternehmen konnten. Jetzt ging es ans Stylen und Schminken fürs abendliche Ausgehen.

Rafaela seufzte und nahm ihr angefangenes Buch wieder zur Hand: Bauwerke der Azteken. Aus Erfahrung wusste sie: Es konnte dauern, bis die beiden fertig waren.

5

RAFAELA

Eineinhalb Stunden später machte sich Rafaela mit ihren beiden Mitbewohnerinnen auf den Weg, und das, obwohl sie selbst nur drei Minuten im Bad zugebracht hatte. Sie fuhren mit der Suburbano in Richtung Zentrum.

»Ich habe Hunger«, sagte Fernanda. »Gehen wir zuerst was essen? Wie wäre es mit Tapas bei Jorge?«

»Meinetwegen«, antwortete Inés.

Rafaela war es egal. Sie mochte Tapas. Also stiegen sie aus und machten einen Abstecher zu Jorge. Nach einem nicht allzu üppigen Essen wechselten sie in eine Cocktailbar, wo sie etwas versumpften. Es war bereits kurz vor Mitternacht, als Inés vorschlug: »Lasst uns noch ein bisschen tanzen zur Feier des Tages!«

Bloß wohin? Um diese Zeit mit der Metro zu fahren, war zu gefährlich. Es musste schon ein Club in einem besseren Viertel sein, und das hieße, die Cocktails würden teurer sein, als es sich eine Studentin leisten konnte.

»Kommt schon. Einen Drink. Wir müssen auf mich anstoßen«, drängte Inés.

Rafaela checkte ihre Bargeldbestände. »Okay, ein Drink geht noch. Dann ist aber Sense!«

Sie nahmen die Straßenbahn, weil sie um diese Zeit sicherer war, und fuhren beinahe eine halbe Stunde, bis sie am Ziel waren. Unter den blinkenden Lichterfassaden empfingen sie zwei Türsteher. Beim Näherkommen erkannten sie, dass es Frauen waren. Kurze Haare, kräftige Staturen.

»Hola! Heute ist Ladies Night«, sagte eine von ihnen. »Eintritt ist frei für euch!«

»Wow! Ladies Night! Platz zum Tanzen und keiner, der einen anbaggert«, freute sich Fernanda. »Hinein mit euch, Mädels!«

An einer der Sofaecken nahmen sie Platz, reservierten für sich das zugehörige Tischchen, legten alles Überflüssige ab und gingen auf die Tanzfläche. Spätestens jetzt war Rafaela glücklich darüber, mitgegangen zu sein. Sie gab sich dem Rhythmus hin, fühlte den Beat, der ihren Magen vibrieren ließ. Hier war es noch besser als in ihrer Heimatstadt Barcelona. Wie oft war sie dort schon durch die Clubs gezogen, hatte mit Frauen angebandelt, sich amüsiert. Barcelona hatte ein grandioses Nachtleben. Und doch war es in Mexiko noch besser.

Inés ging hinüber zur Bar.

»Was ist? Schon keine Kondition mehr?«, schrie Rafaela gegen die dröhnende Musik.

Inés machte die Grimasse einer Verdurstenden. Rafaela lachte auf und folgte ihr. Sie bestellten Whiskey-Cola und gingen mit den Getränken zu ihrem Tisch zurück. Die Blicke anderer Frauen folgten ihnen. Sehr hübschen Frauen, wie Rafaela bemerkte. Einem Abenteuer wäre sie nicht abgeneigt, wenn auch ihre ganze Energie gerade der Wissenschaft galt. Nichts war so faszinierend wie die Erforschung früherer Daseinsformen, und es gab so unendlich vieles, das Rafaela noch entdecken wollte. Keine Nacht mit einer Frau würde ihr jemals das geben können, was sie bei ihrer Forschung empfand: pure Hingabe. Wie musste es sich erst anfühlen, ein selbst gefundenes Artefakt in der Hand zu halten? Ein Schauer der Erregung überkam sie, wie jedes Mal bei diesem Gedanken.

Es wurde spürbar voller im Club. Eine ganze Welle Frauen schwappte herein.

»Ab eins scheint es hier erst richtig loszugehen«, stellte Fernanda fest, die zu ihnen gestoßen war. »Arbeitet in diesem Land eigentlich niemand mehr?«

Inés lachte auf. »Frauen schaffen es, auch mal eine Nacht durchzumachen.«

»Ich nicht mehr«, gestand Rafaela. »Ich falle dann nachmittags gegen drei in ein tiefes Loch.«

»Du nimmst dein Studium viel zu ernst.« Inés zuckte mit den Schultern und saugte an dem Strohhalm ihres Getränks. Sie hatte gut reden. Ihre Eltern waren stinkreich. Es spielte keine Rolle, ob sie in zwei oder fünf Jahren mit ihrem Studium fertig werden würde, oder überhaupt nicht. Dann heiratete sie eben einen vermögenden Mann. Die Chance bot sich ihr, sie hatte einen Haufen Kandidaten, die dafür infrage kämen.

Fernanda stellte das Glas ab. »Kommt, Mädels! Das Leben ist zu kurz zum Rumsitzen!« Mit dem Kopf wies sie Richtung Tanzfläche, und die beiden anderen folgten ihr.

Plötzlich hörte Rafaela eine Stimme hinter sich. »Guten Abend!«

Sie wandte sich um und stand Frau Profesora Ichtaca-Lopez gegenüber. Groß und schlank, elegant gekleidet mit weiten Hosen, ärmelloser Bluse mit Stehkragen. Ihr schwarzes Haar trug sie zu einem Dutt am Hinterkopf zusammengebunden. Kein Zweifel, sie ist es, dachte Rafaela. Eine Professorin, die sich nachts in Clubs herumtrieb. Irgendwie passte das nicht. Und sie sprach mit ihr, nicht mit irgendjemand anderem, wie Rafaela sich mit einem raschen Blick hinter sich vergewisserte. Die Profesora hatte ihr einen guten Abend gewünscht.

»Guten Abend«, antwortete sie endlich. Es ging im Schlagzeugwirbel des Songs unter.

Die Profesora lächelte und beugte sich ihr etwas entgegen. »Waren Sie nicht heute in meiner Vorlesung?«

Die Nähe war angenehm. Rafaela meinte, ihre machtvolle Ausstrahlung körperlich spüren zu können. Und sie roch gut. Nach Sandelholz.

»Ja«, antwortete Rafaela verblüfft. Warum konnte sie sich an sie erinnern? In dem Hörsaal waren bestimmt dreihundert Studierende gewesen und sie hatte so weit hinten gesessen, dass sie ihr unmöglich hatte auffallen können.

»Sind Sie aus Mexiko City?« Die Profesora zog interessiert eine Augenbraue hoch, als wäre hier der Ort für eine gepflegte Unterhaltung.

Rafaela schüttelte den Kopf. »Barcelona!«, antwortete sie mit zunehmendem Befremden.

»Sie schreiben an Ihrer Doktorarbeit?«, brüllte die Profesora gegen den wummernden Beat an.

»Nein! Masterarbeit!«

»Welches Thema?« Mehr als diese zwei Worte in ihrer Frage konnte Rafaela nicht verstehen.

Sie hob die Schultern, weil sie sich noch nicht festgelegt hatte, und ließ sie wieder sacken. Natürlich hatte sie Vorstellungen, aber die konnte sie hier unmöglich ausführen.

»Unterhalten wir uns morgen darüber? Nach meiner Vorlesung bei den Erstsemestern?«, schob die Profesora rasch ein, als die Musik für einen Moment leiser wurde.

Rafaela glaubte es kaum. Ganz abgesehen davon, dass die Profesora die übliche Vorgehensweise bei der Suche nach der betreuenden wissenschaftlichen Person ins Gegenteilige umkehrte, war sie auch noch die begehrteste Lehrkraft ihrer Fakultät. Das war mehr als ein Lottogewinn! Oder hatte Rafaela das falsch verstanden? Trotzdem nickte sie eifrig. »Ja, gerne!«

»Bis dann«, las Rafaela von ihren Lippen ab, denn jetzt mischte der DJ einen anderen Song mit hinein, der das Publikum entzückt aufjohlen ließ. Die Profesora nickte zum Abschied und ging ihres Weges. Jetzt erst registrierte Rafaela die zwei Gläser in den Händen der Profesora. Cocktails mit Schirmchen. Rafaela sah ihr hinterher, beobachtete, wie sie mit dem Fuß leicht gegen die Tür trat, diese aufschwang und ihr eine Sekunde lang Einblick in das Separee gewährte. Da war ein Tisch für zwei und gegenüber dem leeren Stuhl konnte Rafaela ein Paar schöne lange Beine erspähen, bevor die Flügel der Tür wieder zuschwenkten.

Rafaela schluckte. War das wirklich geschehen oder ein Produkt ihrer Fantasie gewesen? Sie sah sich um. Bunte Lichterspots tanzten über die Menge, die Musik dröhnte, Fernanda und Inés saßen auf Hockern an der Bar und winkten ihr zu. Das war Realität. Ihr wurde heiß und kalt gleichzeitig. Sie ging zu den anderen hinüber und bestellte sich zu deren Verblüffung ein großes Glas Wasser. Nachdem sie es hinuntergestürzt hatte, ging sie mit den anderen tanzen, erst langsam, dann immer wilder und ungehemmter.

Manchmal war das Leben einfach geil!

6

CAMILA

Camila stellte die Gläser auf der grob gehauenen Tischplatte ab und setzte sich.

Die Frau, die ihr gegenübersaß, warf ihr einen tiefen Blick zu. »O Camila, wie lieb von dir! Ich hätte doch auch gehen können. Und dann auch noch meinen Lieblingsdrink!«

Camila war davon überzeugt, dass sie das bei jedem anderen Getränk auch gesagt hätte. Mit einem inneren Seufzen nahm sie das Glas wieder zur Hand.

»Auf uns!«

»Auf uns«, hauchte die Frau und umschloss das Glas mit ihren feingliedrigen Fingern, als wäre es ein wertvoller Kelch. Ihr Lächeln brach nicht ab.

Camila erwiderte es nur halbherzig. Ihr war auf die Schnelle niemand anderes eingefallen, der sie hierher hätte begleiten können. Jetzt musste sie ihre Gegenwart eben ertragen.

Doch was ihren Instinkt in Bezug auf diese Studentin betraf, beglückwünschte sie sich. Sie hatte nur ein leises Prickeln gefühlt, als sie heute Morgen an ihr vorübergegangen war. Das hieß, dass es sich bei Rafaela de la Cruz um eine Wiedergeborene handelte. Nur mit Mühe konnte sie das Zittern ihrer Hände unterdrücken. Sie wehrte sich gegen den Wunsch, sofort nach Hause zu gehen und ihr weiteres Vorgehen akribisch zu planen. Stattdessen zwang sie sich zur Geduld, tröstete sich damit, endlich einer hoffnungsträchtigen Spur zu folgen. Als Franko ihr heute Nachmittag berichtet hatte, dass Rafaela mit drei weiteren Studierenden in einer WG wohnte, hatte sie ihm angeordnet, abzuwarten und ihr zu folgen, sollte sie die Wohnung wieder verlassen. Tatsächlich war sie knappe zwei Stunden später mit ihren beiden Mitbewohnerinnen aufgebrochen und hier gelandet, wie Franko ihr gewissenhaft mitgeteilt hatte.

Nur Isabella war unbedarft genug, sie hierher zu begleiten, ohne Fragen zu stellen. Sie hatte sich nicht über Camilas Wunsch gewundert, in einen Club zu gehen, denn eigentlich konnte es ihr egal sein, wo sie hingingen. Sie hoffte lediglich auf einen positiven Ausgang des Abends.

Camila hatte diese Möglichkeit in Erwägung gezogen, beziehungsweise billigend in Kauf genommen. Vielleicht würde ihr ein bisschen Abwechslung ganz guttun. Ein paar Stunden abschalten, sich belohnen für ihren untrüglichen Instinkt, der sie leitete wie ein innerer Radar.

»Gehen wir zu mir, wenn wir ausgetrunken haben?«, fragte sie ganz direkt, um das hier abzukürzen. Ihre Anwesenheit in diesem Etablissement hatte ihren Zweck erfüllt.

Isabellas Augen wurden groß. Sie machte es ihr leicht. Beinahe hoffte Camila, sie würde sich zumindest zieren. Aber das tat sie nicht. Wenig später verließen sie den Club, und Camila ließ es zu, dass Isabella den Arm um ihre Taille legte.

7

RAFAELA

Schon beim Aufwachen wusste Rafaela, dass sie das glückliche Lächeln heute kaum mehr aus dem Gesicht bekommen würde. Die Profesora höchstpersönlich würde sich ihrer wissenschaftlichen Arbeit annehmen. Warum auch immer.

Als ihr Fuß die Schwelle zur Uni überschritt, kamen ihr erste Zweifel. Hoffentlich konnte die Profesora sich überhaupt an ihre Begegnung erinnern. Kurz überschlug sie die Möglichkeit, dass sie betrunken gewesen war oder unter dem Einfluss anderer bewusstseinstrübender Mittel gestanden hatte. Diese Gedanken machten es ihr schwer, sich auf den Unterricht zu konzentrieren.

Nur der Kurs in Epigrafik der Maya schaffte es, sie in den gewohnten Flow zu versetzen. Sie lernte die ersten Hieroglyphen, Bilder für feste Begriffe, die auch mit Zeichen für Wortsilben kombiniert werden konnten. Die Schrift war so logisch wie einfach aufgebaut. Die Worte, die im Hörsaal fielen, klangen merkwürdig vertraut, und für die Zeit der Vorlesung fühlte sich Rafaela in eine auferstandene oder, besser gesagt, nie untergegangene Hochkultur versetzt.

Die letzte Stunde rückte endlich näher: Soziologie früher Siedlungsformen. Der Dozent berichtete vom Alltag der Indigenen, von der strikten Monogamie zwischen Mann und Frau. Untreue konnte durchaus mit Steinigung bestraft werden. Und das schon zur Zeit der Azteken! Warum das so war? Diese Regelung verschaffte soziale Ruhe in einem der dichtest besiedelten Orte der Welt. Fehden aus Eifersucht, verschmähter Liebe und Rache mussten im Keim erstickt werden. Rafaela konnte diese Logik nachvollziehen.

Die Zeit verging erfreulich schnell, und nach dem Gong eilte Rafaela mit klopfendem Herzen zu Hörsaal A-121, dem Raum, in dem heute die Vorlesung der Erstsemester stattfand. Auch jetzt war die Dozentin von einer Traube Studierender umgeben. Rafaela wartete auf einer der vorderen Stuhlreihen.

Profesora Ichtaca-Lopez setzte allen Gesprächen bald ein Ende, packte ihre Unterlagen in die Aktentasche und wandte sich zum Gehen. Nach einer Schrecksekunde, in der Rafaela schon meinte, sie hätte sie vergessen, drehte sie den Kopf, sah sie über die Schulter hinweg an und fragte: »Kommen Sie?«

Es war tatsächlich ihr Ernst!, jubelte Rafaela in Gedanken, als sie den breiten Flur neben der Profesora herlief oder, genauer gesagt, einen Schritt hinter ihr. Sie schlängelten sich durchs Getümmel.

»Wie war Ihr Tag?«, fragte die Profesora beiläufig. Sie trug ein cremefarbenes Kostüm, dessen Rock sich an ihren Körper schmiegte wie eine zweite Haut. Ihre Schuhe hatten keinen sonderlich hohen Absatz, aber er reichte aus, um ihrem Gang etwas zu geben, das Rafaela sehr anziehend fand.

Überschwänglich antwortete sie: »Danke. Berauschend. Wie eigentlich jeder Tag hier an der Uni.« Rafaela war überrascht, wie problemlos es ihr heute gelang, mit der Profesora zu reden. »Ich hatte heute Epigrafik der Maya und bin jetzt noch völlig geflasht davon.« Kaum hatte sie es ausgesprochen, bereute sie es schon wieder. Was sollte die Profesora davon halten? Dass sie ihren Unterricht weniger interessant fand?

Doch sie schien nicht im Mindesten gekränkt. Im Gegenteil. »Ja, mich begeistert das Thema ebenfalls.« Sie blieb stehen, suchte in dem kleinen Außenfach des Aktenkoffers nach einem Schlüssel, fand ihn und schloss die Tür auf.

Rafaela wurde nicht vom klassischen Aktenstaubgeruch empfangen, der so oft in Professorenbüros herrschte. Sicher war der Raum voller Bücher und Karten. Trotzdem wirkte er luftig, einladend und roch angenehm nach Holz. Zwei schwere Lederpolstersessel standen in der Mitte, die aussahen, als stammten sie noch aus der spanischen Kolonialzeit. Zwischen ihnen ein kleines Tischchen. Alles wirkte, als wollte es sie auf eine Tasse Tee einladen. Und tatsächlich sagte die Profesora: »Nehmen Sie doch Platz. Ich komme gleich. Trinken Sie Tee?«

Rafaela nahm das Angebot dankend, wenn auch verlegen, an. Sie bediente sie sogar?

Die Profesora verschwand durch eine Tür in einen angrenzenden Raum. Eine kleine Küchenzeile und eine Toilette schienen hier standardmäßig zu jedem Büro zu gehören. Sie nahm in dem schweren Sessel Platz.

Nach einigen Minuten kehrte die Profesora mit einem kleinen Tablett zurück. Zwei tönerne Tassen befanden sich darauf. Getrocknete Früchte und Kräuter schwammen in dem heißen Sud. Dazu hatte sie eine kleine Schale mit allerlei Süßigkeiten gestellt. Wie aufmerksam.

»Wir müssen ihn etwas ziehen lassen«, sagte sie. »Erzählen Sie mir so lang etwas über sich. Sie stammen also aus Barcelona?«

»Ja.«

»Was hat Sie veranlasst, nach Mexiko zu kommen?« Die aufmerksamen dunklen Augen der Profesora waren nun ganz auf sie gerichtet. Sehr schöne Augen mit in Form gezupften Augenbrauen. Ihr Teint war von einem hellen Bronzeton, die Haut so rein, als hätte sie ihr ganzes Leben noch nie mit Pickeln zu tun gehabt. Rafaela beneidete sie darum.

Ihre Frage war eine Einladung, um weit auszuholen. Rafaela berichtete von ihrem frühen Wunsch, Archäologie zu studieren, und ihrer Fokussierung auf indigene Völker. »Manchmal habe ich das Gefühl, das ist ganz meine Welt.«

»Ach, ja?« Die Mundwinkel der Profesora hoben sich. Es animierte Rafaela, ihr noch mehr zu gestehen.

»Schon als ich am Flughafen angekommen bin, hatte ich das Gefühl, zu Hause zu sein.«

»Oh! Ja?«

»Manchmal erscheint mir alles verblüffend vertraut. Gestern habe ich sogar den Dozenten, der Nahuatl unterrichtet, verärgert, weil er das Gefühl hatte, ich würde ihn auf den Arm nehmen. Ich habe wohl zu gut gesprochen, dabei kann ich die Sprache gar nicht. Ist das nicht merkwürdig? Irgendwie passieren mir komische Dinge, seit ich hier bin.«

Es tat gut endlich mit jemandem zu reden, der sie verstehen konnte. Die Profesora unterbrach sie nicht, warf nur ab und zu ermutigende Worte ein. Zu spät ging ihr auf, dass die Profesora glauben könnte, es mit einer Spinnerin zu tun zu haben. Riskierte sie gerade die Begleitung ihrer Masterarbeit?

Doch nichts im Gesicht der Profesora spiegelte Befremden. »Wirklich sehr interessant«, sagte sie, und Rafaela war sich sicher, dass es nicht nur eine Höflichkeitsfloskel war. »Erzählen Sie mir etwas über Ihre Familie. Was machen Ihre Eltern? Haben Sie Geschwister?«

Auch wenn sich Rafaela über diese Frage wunderte, erzählte sie. »Meine Mutter ist Lehrerin, mein Vater Bäckermeister. Ich habe drei Schwestern. Ich bin als Einzige etwas aus der Art geschlagen«, bemerkte sie mit einem schiefen Grinsen.

Ein Lächeln umspielte die Mundwinkel der Profesora. »Inwiefern?«

»Meine Großmutter hat mich immer damit aufgezogen, weil mein Haar und meine Haut dunkler sind als die meiner Geschwister. Auch war ich als Kind wohl irgendwie anders als die anderen. Meine Großmutter behauptet immer, in meinen Adern fließe nicht nur spanisches Blut.«

»Haben Sie denn indigene Vorfahren?«

»Ich glaube ja. Großmutter erzählte, dass bei ihrem Vater eine indigene Frau in Stellung war. Nun, also …« Sie brauchte es nicht über die Lippen. Die sexuelle Ausbeutung indigener Frauen durch die Spanier war ein schmerzhafter Fakt. Ein zusätzlicher trennender Graben zwischen den beiden Kulturen, der nie ausreichend aufgearbeitet worden war. Es schien ihr jetzt kein gutes Thema zu sein.

Die Profesora nickte knapp. Ihr Gesichtsausdruck wurde ernst. Sie nahm die Tasse und führte sie an die Lippen. »Ich glaube, man kann ihn nun trinken. Und bitte, bedienen Sie sich.« Sie wies auf die Süßigkeiten und nahm sich selbst eine von den runden Kugeln, die sie sich genüsslich in den Mund schob. Rafaela tat es ihr gleich.

»Mit welchem Thema möchten Sie sich in Ihrer Masterarbeit auseinandersetzen?«, fragte die Profesora nun. Die einleitende Phase des Gesprächs schien vorüber zu sein, obwohl Rafaela das Gefühl beschlich, dass dieser Austausch nicht nur Small Talk gewesen war.

»Archäologische Fehldeutungen am Beispiel frühindigener Ausgrabungen«, antwortete sie.

»Oh«, stieß die Profesora überrascht aus. »Ein hoch gegriffenes Thema für eine Masterarbeit, finden Sie nicht?« Da lag kein Spott in ihrer Stimme, lediglich ehrliche Bedenken. »Was möchten Sie damit belegen? Dass wir Methoden und Schemata verbessern müssen oder uns selbst?« Sie hatte eine unwiderstehliche Anziehungskraft, wenn sie ihrem Gegenüber ihre ganze Aufmerksamkeit zuteilwerden ließ.

»Ich glaube, dass es durch die unterschiedlichen soziokulturellen Prägungen zwischen heutigen Wissenschaftlern und damals lebenden Menschen unbewusst zu Fehldeutungen gekommen ist und immer noch kommt«, antwortete Rafaela mutig.

»Sicher sind Fehler begangen worden und werden auch immer noch gemacht. Die größte moralische Instanz, der wir unterliegen, ist unsere absolute Neutralität. Je mehr wir uns von unserer eigenen Sozialisation distanzieren, umso ergebnisoffener werden unsere Erkenntnisse sein. Ein sehr interessantes Thema, das Sie da angehen möchten.« Ganz unvermittelt tauchte ein wissendes Lächeln im Gesicht der Profesora auf. »Und welchen früheren Fehler hätten Sie gerne ausgebügelt?«

Rafaela hoffte, dass die Profesora ihr Zusammenzucken nicht bemerkt hatte. Wie einfach war es eigentlich, aus ihrem Gesicht zu lesen? Sie geriet ins Stottern bei dem Versuch, zu antworten. Natürlich ging es ihr um das Thema, das sie ihr Leben lang beschäftigte, weil sie ständig davon träumte. Aber das konnte sie ihr doch unmöglich ansehen!

Die Profesora lächelte. »Ich wollte Sie nicht verunsichern. Aber bei allem, was wir erforschen, sollten wir uns fragen, warum wir so sehr dafür brennen. Also, was würden Sie gerne genauer beziehungsweise anders beleuchten?«

»Die Interpretation der Menschenopfer frühindigener Hochkulturen«, sagte Rafaela, bevor sie darüber nachgedacht hatte, und begriff zum ersten Mal, dass dies der Grund war, warum sie nach Mexiko City gekommen war. »Ich frage mich, warum christliche Wissenschaftler die Rituale immer nur als Opfer eingeordnet haben, mit denen die Götter milde gestimmt werden sollten. Was, wenn es freiwillig geschah, zumindest in manchen Fällen, um gemeinsam mit den Göttern etwas Neues zu erschaffen? Haben die Götter nicht durch ihre Selbsttötung die Erde hervorgebracht?«

Der Mund der Profesora öffnete sich etwas und schloss sich wieder. Sie atmete hörbar aus. »Oh!« Nach einer kurzen Pause fragte sie: »Und was sollte Ihrer Meinung nach mit den Menschenopfern erschaffen werden?«

»Der Sprung in die neue Zeit, ein Upgrade der Schöpfung, eine neue Stufe im Kalender der Maya.«

Der Blick der Profesora glitt irgendwohin im Raum, als müsste sie sich einen Moment auf ihr Inneres konzentrieren.

Rasch schob Rafaela hinterher: »Das würde auch erklären, warum so viele hochzivilisierte Städte von heute auf morgen untergegangen sind. Sie haben den Übergang in die nächste Zeitstufe nicht geschafft, die ihnen nur mithilfe der Götter gelungen wäre. Der Wissenschaft ist es bis heute nicht gelungen, andere plausible Gründe zu nennen. Es gab nun mal keine Dürre, keine Krankheiten, keine Kriege. Und trotzdem waren die Menschen von heute auf morgen fort. Warum sonst sollten sie einfach so ihre Städte verlassen, an denen sie Jahrzehnte lang gebaut haben?«

Jetzt war es ihr wieder passiert: Sie hatte sich zu ihrer steilen Hypothese hinreißen lassen. Bisher hatte sie nur Carlos davon erzählt. Er war durchgeknallt genug, sie interessant zu finden, aber hier unterhielt sie sich mit einer Professorin der archäologischen Fakultät. Was würde sie nun von ihr denken?

Die Profesora nickte ein klein wenig, als würde sie ernsthaft darüber nachdenken. »Eine neue Stufe im Kalender der Maya«, murmelte sie und machte eine kurze Pause. »Die ohne eine Opferung nicht stattgefunden hätte?« Eine rhetorische Frage. Sie demonstrierte damit wohl ihre Freude an der fachlichen Diskussion mit einer Studentin. Sie verurteilte Rafaela nicht wegen ihrer Gedanken.

Rafaela ruderte nicht zurück. »Man musste ja irgendwie den Kontakt zu den Göttern herstellen. Denn nur gemeinsam mit ihnen konnte man Neues schaffen. Beschreiben uns die Maya und Azteken nicht deutlich genug, dass alles neu Geschaffene eines Opfers bedarf? Die Schöpfung immer zwei Seiten hat? Die Götter sind Erschaffer und Zerstörer. Im Moment des Todes wird etwas Neues geboren.«

Die Profesora stritt es nicht ab. Da war für einen Moment keinerlei Regung in ihrem Gesicht, nur ein Zucken unter ihrem linken Auge. Ganz in der Nähe eines Muttermals, das Rafaela erst jetzt auffiel. Hatten ihre Augen nicht einen bernsteinfarbenen Schimmer?

Mit wissenschaftlicher Nüchternheit sagte sie: »Ich befürchte, dieses Thema müssen Sie sich für Ihre Doktorarbeit aufheben. Denn um diese Frage auch nur ansatzweise beantworten zu können, müssen Sie mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen zusammenarbeiten, mit der Theologie, der Psychologie, der Soziologie, um nur einige zu nennen.« Sie machte sich nicht über sie lustig, sondern sprach immer noch auf Augenhöhe mit ihr. »Aber setzen Sie sich Ihren Wunsch zum Fernziel. Verlieren Sie ihn nicht aus den Augen. Und auf dem Weg dahin beschäftigen Sie sich mit Dingen, die Ihrem Bildungsstand entsprechen und die Sie weiterbringen.«

»Zum Beispiel: Empirische Methoden zur Unterstützung wertfreier Auslegung?«, schlug Rafaela vor.

Die Profesora lachte kurz auf. »Zum Beispiel! Und dann grenzen Sie ihr Thema auf ein kleines Segment ein. Nehmen Sie sich nur einen bestimmten Zeitabschnitt vor, oder eine bestimmte Ausgrabung, die Sie näher beleuchten wollen. Das entspräche dann dem Umfang einer Masterarbeit. Wir verstehen uns?«, fragte sie lächelnd. Etwas ernster fügte sie hinzu: »Ich kann versuchen, einen aktuellen Bezug zu finden, mit dem Sie sich auseinandersetzen können. Mal sehen, was ich für Sie tun kann. Haben Sie im Allgemeinen schon etwas vorzuweisen?« Plötzlich verzog sie ihr Gesicht, ergriff eine kleine Serviette und spukte etwas hinein. »Das sind ja gar keine Bonbons, sondern Kaugummis«, sagte sie und ließ das Knäuel dezent im Papierkorb verschwinden.

Rafaela hatte es längst bemerkt, aber kein Wort darüber verloren. So nahm sie aber dankbar die Gelegenheit wahr, es ihr nachzutun, da der Kaugummi nicht mehr süß schmeckte und sie ihn nur noch im Mund hin- und herschob. »Ich habe mich mit ein paar Methoden beschäftigt, aber es noch nicht strukturiert«, sagte sie als Antwort auf die Frage.

»Gut, dann lassen Sie mich ein aktuelles Beispiel für Sie finden. Ein Artefakt aus einer Grabung, die sich momentan im wissenschaftlichen Fokus befindet. Dann können Sie sicher sein, dass Ihre Arbeit die nötige Aufmerksamkeit bekommt. Wir könnten gemeinsam die Inhaltsangabe angehen. Gerne gebe ich Ihnen den einen oder anderen Tipp, was unbedingt hineinmuss.«

»Das wäre wunderbar«, entfuhr es Rafaela.

Dieses Angebot war weit mehr als unüblich. Als Betreuerin ihrer Arbeit musste sie lediglich Gliederung und Inhalte sichten, die Vorgehensweise besprechen, vielleicht kürzend eingreifen, wenn Rafaela Gefahr lief, ihr Themengebiet aus den Augen zu verlieren. Ihr in einem so frühen Stadium Tipps zu geben, kam einer Mithilfe gleich. Und doch nahm Rafaela das Angebot gerne an.

»Schön«, sagte die Profesora und beugte sich vor. Das Gespräch war beendet. »Wenn Sie in Zukunft noch irgendwelche Fragen haben, wenden Sie sich an mich. Egal wann.« Sie erhob sich.

Rafaela folgte ihr. »Vielen Dank«, sagte sie höflich.

Die Profesora überwand die paar Schritte zu ihrem Schreibtisch, nahm sich eine ihrer Visitenkarten, notierte etwas darauf, bevor sie sie ihr entgegenstreckte. »Nehmen Sie!«

Rafaela warf einen Blick darauf. Da stand Name und Titel der Profesora und ihre Durchwahl, darunter handschriftlich hinzugefügt ihre private Handynummer! »Danke«, murmelte sie verwundert.

»Und Ihre?«, fragte die Profesora.

Rafaela verstand nicht gleich.

»Ihre Handynummer.«

»Äh, ja. Natürlich!«

Rafaela sagte sie auswendig auf und beobachtete, wie die Profesora die Ziffern sofort ins Handy tippte. Zur Kontrolle drückte sie einmal auf das Hörersymbol. Rafaelas Handy klingelte. Die Profesora nickte zufrieden. Damit war sie endgültig entlassen und schwebte, nachdem sie sich mit aller Höflichkeit verabschiedet hatte, glücksgeschwängert durch die Tür.

Was war heute für ein Tag? Sie musste ihn im Kalender anstreichen. Das war ja wie im Märchen.

8

CAMILA

Kaum war Rafaela gegangen, streifte sich Camila zwei Einmalhandschuhe über, beugte sich über den Papierkorb, fischte zuerst das Serviettenknäuel heraus, von dem sie sicher war, es handelte sich um ihres, dann das von Rafaela. Sie nahm sich eine Pinzette, löste den ausgekauten Rest des Kaugummis von dem Papier und beförderte ihn in ein kleines Tütchen. Ihre Hände zitterten. Die an Gewissheit grenzende Wahrscheinlichkeit, die Auserwählte nach so langer Zeit endlich gefunden zu haben, ließ ihre Nerven vibrieren. Schon während des Gesprächs mit Rafaela hatte sie ihre ganze Selbstkontrolle aufbringen müssen, um ihre Erregung in Schach zu halten. Alles, aber auch wirklich alles, an der jungen Frau passte: das Gefühl, sich hier wie zu Hause zu fühlen, die Intuition für frühere Sprachen, sogar ihre krude Theorie, mit der sie der Wahrheit so trefflich nahekam.

Nach so vielen Leben, nach einer so endlos langen Suche, sollte ihr das Glück hold gewesen sein? Sie würde sie zurückbringen. Mit ihrer Flucht war der Untergang ihres Volkes besiegelt gewesen. Doch nun würde sich das Blatt wenden. Nun würde sie, Profesora Ichtaca-Lopez, die versunkene Stadt wiederauferstehen lassen und die Geschichte neu schreiben. Sie musste lediglich die Auserwählte dorthin zurückbringen, wo sie zuletzt gewesen war.

Camila ließ sich zurück in den Sessel sacken und betrachtete das durchsichtige Tütchen. Für einen Gentest war das mehr als ausreichend. Rafaela hatte sehr lange darauf herumgekaut. Mit ihm würde sich ihre direkte Abstammung zum Volk der Maya hieb- und stichfest nachweisen lassen.

War Camila ihr zu weit entgegengekommen? Würde die junge Studentin Verdacht schöpfen? Es war egal, sie musste die junge Frau mit allen Mitteln an sich binden. Ab jetzt zählte jeder Tag. Viel Zeit hatte sie nicht mehr, um das Unmögliche zu schaffen.

»Rafaela de la Cruz«, flüsterte Camila andächtig.

Das Ergebnis des Gentests würde ihr innerhalb von vierundzwanzig Stunden vorliegen.

9

RAFAELA

In ihren Ohren knisterte es. Sie war in einer Höhle, tauchte durch einen unterirdischen Flusslauf. Es war so dunkel und kalt. Ihre Atemluft ging zu Ende. Sie wollte auftauchen, konnte es aber nicht. Tonnenschwerer Fels war über ihr. Beim letzten Mal hatte sie an dieser Stelle Panik bekommen, geschrien und Carlos hatte sie aus diesem Albtraum befreit. Heute wusste sie es besser. Einfach weitertauchen. Nur noch etwas durchhalten. Merkwürdig. Warum wusste sie das?

Sie verstärkte ihre Armzüge, stieß kräftiger mit den Beinen. Der Druck auf ihre Lungenflügel schmerzte nun. Bevor es unerträglich wurde, sah sie Licht. Fahle Sonnenstrahlen brachen sich im Wasser. Rafaela tauchte auf, zog gierig Sauerstoff ein und sah sich keuchend um. Einfallendes Tageslicht spiegele sich auf der Wasseroberfläche. Sie war in einer riesigen Höhle, hatte den Ausgang unmittelbar vor Augen. Sie schwamm noch ein paar Züge, bis ihre Füße festen Boden berührten, stieg aus dem Wasser und ging dem Licht entgegen. Sie fühlte sich seltsam stark, nachdem sie das Tauchen überlebt hatte. Unter ihren nackten Füßen spürte sie den karstigen Stein. Er wurde trockener, je näher sie dem Licht kam. Dann trat sie ins Freie.

---ENDE DER LESEPROBE---