kein einziges unbeschriebenes blatt - Sylvia Krismayr - E-Book

kein einziges unbeschriebenes blatt E-Book

Sylvia Krismayr

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Beschreibung

Die Geschichten dreier Frauen, die einander nicht kennen, wirken durch einen Schuss aufeinander ein. Sie sind verbunden durch den Krieg und seine Folgen und durch Männer, die es gewohnt sind, sich die Frauen zu nehmen. Eine rasende Reise durch die Optimierungsangebote des New Age.

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Seitenzahl: 183

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Sylvia Krismayr

kein einziges unbeschriebenes blatt

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Schuss

Andrea 1

Sie 1

Sie 2

Andrea 2

Sie 3

Erika 1

Charly

Andrea 3

Sie 4

Sie 5

Andrea 4

Sie 6

Andrea 5

Wie Sebastian unter den Zug gekommen ist

Andrea 6

Sie 7

Andrea 7 & Sebastian

Sie 8

Andrea 8

Sie 9

Erika 2

Sie 10

Impressum neobooks

Der Schuss

zerreißt die morgendliche Stille nicht, weil es schon weit nach Mittag war, und der Knall eher wie ein Riss durch eine Geräuschkulisse von Wind und Vogelstimmen in Bäumen, von Knistern und Summen der Insekten, von dem fernen Verkehrsrauschen auf der Autobahn und da dort eines Baches ging. Ohren betäubend, der Knall, der Rückstoß in der Hand: dumpf, trocken, hart – endgültig.

In dem Riss tat sich ein Innehalten auf, während der Knall den Hügel hinanrollte, in den Felswänden sich brach und umkehrte.

Erschrocken warf sie die Pistole weg, einfach nur weg und lief, stürzte den Abhang hinunter durchs Unterholz, das Waden und Unterarme zerkratzte, keuchte.

Ob der Abhang an einem Abgrund endet, weiß sie nicht – wie leicht wäre es, sich einem Abgrund anzuvertrauen, stürzenden Wassern mit ausgebreiteten Armen, empfangen von samtener Dunkelheit, die still ist und warm, und alles vergessen lässt.

Das wollte sie nicht, sie wollte die Pistole nicht abfeuern, sie hatte nur den einen oder anderen Hebel gezogen, rumgespielt.

Schon eine Weile war die Pistole im ungenützten Nachtkästchen in der verklemmten Schublade im Schuppen gelegen. Sie hatte sie dort versteckt, nachdem sie sie gefunden hatte in der Schublade eines Nachtkästchen, die problemlos auf und zu geht, in der Pension, in der sie Zimmermädchen ist. `Zimmermädchen´ - ein wenig lächerlich die Bezeichnung in ihrem Alter.

Jedenfalls wollte sie keineswegs einen Schuss abgeben, als sie in Positur stand, die Pistole auf kein Ziel gerichtet, als ein dumpfer Schlag in ihrer Hand und ein Ohren betäubender Knall sie erschreckte.

Im Davonstürzen hört sie den Schrei, der dem Ohren betäubenden Knall gefolgt ist, nicht. Sie weiß nicht, dass sie getroffen hat – tödlich getroffen hat. Weder sie noch irgendwer sollte je erfahren, dass sie eine Todesschützin ist.

Charly hatte gerade den Arm um die Schultern seiner halbwüchsigen Tochter gelegt. Sie waren über die grüne Skiabfahrt gelaufen, die Tochter weit voraus: wia a Gams.

Wie er Erika eingeholt hatte, hatte er keuchend den Arm um ihre Schulter gelegt, sich kurz festgehalten, um sich aufzurichten, Atem zu schöpfen, um im Aufrichten, im Atemschöpfen von einem Ohren betäubenden Knall erschreckt, röchelnd, mit weit aufgerissenen Augen in die Knie zu sinken, umzukippen, ungläubig und glasig die schreiende Tochter anzustarren, bis der Blick gebrochen ist.

Andrea hat die Pistole in der Schublade in dem Nachtkästchen in der Pension gelassen, vergessen, dort gelassen, und das Zimmermädchen hat sie gefunden und Erika muss ihren Vater begraben.

Andrea 1

Andrea liebt Andreas, obwohl Andreas nichts von Liebe hält, aber von Begierde. Liebe, Glaube, Hoffnung seien die größten Übel der Menschheit, Beschäftigungstherapien, Irr-dümmer. In puncto Hoffnung stimmt Andreas immerhin mit Nietzsche überein, der die Hoffnung als das übelste Übel von all den Übeln, die der Büchse der Pandora entwichen sind, hält, da durch sie der Mensch fortfahre zu leiden, statt seinem qualvollen Leben ein Ende zu setzen.

Aber natürlich ist Andrea vom Glauben an die Liebe beflügelt und hofft, Andreas eines Tages von ihrer Liebe überzeugen zu können. Liebe als Nomen, räumt sie ein, sei, ja, ein hoffnungsloses Unterfangen, da das Nomen lediglich Erwartungen wecke. Lieben – muss ein Tunwort sein, weil Lieben muss man tun. So hofft sie, dass Andreas ihr Tun irgendwann als Lieben erkennen und so seinen Glauben an das Lieben finden wird, der sich dahingehend äußern wird, dass Andreas Andrea liebt.

Der Name Andreas´ war Andrea schon geläufig. Er ist Schriftsteller, regional bekannt, wenn man ihm glaubt, sogar international. Seine Stücke würden in Deutschland aufgeführt, seien sogar ins Spanische übersetzt und in Barcelona inszeniert worden.

Andrea hat ein Stück von ihm gesehen, wusste nicht recht, was sie damit anfangen sollte, ließ sich aber von Kritiken beeinflussen, die dem Stück Beifall zollten, von einer archaischen Sprache, zerrissen zwischen Eros und Thanatos, schwärmen. Das konnte Andrea nachvollziehen: Das Ficken angesichts des Todes wurde in der Tat hysterisch dramatisiert. Ein bisschen hegte Andrea den Verdacht, dass die Kritiker und Kritikerinnen verzweifelt bemüht waren, der Anhäufung von Scheiße, Pisse, Blut, Gewalt, Geilheit und Todesdrohungen auf der Bühne jenseits jeglicher Poesie und anderer schöner Künste, an die sich Andrea kulturbeflissen klammert, eine literarische Kostbarkeit abzuringen. Für sie war das Stück scheiße, niemand wollte das zugeben, sich der Blöße geben, den tieferen Sinn des Stückes nicht verstanden zu haben. Sie hat noch ein Buch von Andreas gelesen, fand sich von Sprache und Inhalt gleichzeitig fasziniert und abgestoßen, stellenweise erregt. Es widerlegt alles, was sich Andrea bisher über Literatur in einem halbherzigen, nie abgeschlossenen Studium angelesen hatte. Vielleicht ist das seine literarische Leistung, dass er mit Mustern und Konventionen bricht. Aber wozu? Viel später wird Andrea die Lebensqualität entdecken, die sich in spielerischer Leichtigkeit – also ohne sich zu identifizieren - mit Konventionen arrangiert, um sich hinter den Kulissen mit Hingabe und doch unernst das eigene Grab zu schaufeln; wird sie die Lust der Sterblichkeit auskosten, die sich in der Gegenwart erschöpft. Sie wird Gegenwart begreifen als konzeptfreies Wahrnehmen: riechen, hören, sehen, spüren – schmecken bisweilen, ein Sinnesrauschen, das in keinem Gedanken gefasst werden kann.

Auf Facebook ist Andrea über Andreas´ Chronik gestolpert. Sie hatte sich registriert, um mit Irina, ihrer Tochter, während derers Auslandsaufenthalts in Kontakt zu bleiben.

Andrea ist Erbin, sie verbraucht das Erbe ihrer Eltern und versucht sich in Kunst. Sie hat eine Galerie etabliert und finanziert mit der Ansage, dass der Schöpfungsprozess mit der Fertigstellung des Werks noch nicht ausgeschöpft sei, erst die Inszenierung der Mitteilung, sprich: der Ausstellung des Werks, vollende dasselbe und initiiere das nächste. Verstanden wird von den Künstlern und Künstlerinnen in erster Linie, dass sie gratis ausstellen können, gratis saufen und ungestört kiffen. Andrea´s Galerie ist für jeden und jede offen, es gibt keine Auswahlkriterien. Die Ausstellenden bauen sich ein Image als Künstler oder Künstlerin auf, das sich außerhalb der geschützten Werkstätte – oder Wirkstätte, wie Andrea ihre Galerie gern bezeichnet - nicht bewährt. Für die Zeit der Ausstellung in Andrea´s Galerie sind sie Künstler oder Künstlerinnen und darüber hinaus in den Künstlergesprächen, die sich hauptsächlich darum drehen, wie falsch alles in der kapitalistischen Gesellschaft laufe, wie Künstler und Künstlerinnen ausgebeutet würden, vor allem die anwesenden Künstler und Künstlerinnen, die von den Abgaben für Sozialbeihilfen der Werktätigen leben. Andrea ist sich der etwas prekären Situation kaum bewusst aber unzufrieden, obwohl sie ihre Unzufriedenheit kaum benennen kann, es ist mehr ein diffuses Gefühl, überlagert von dem Selbstbewusstsein, ein guter Mensch zu sein und mit dem Erbe etwas Sinnvolles anzufangen. Unschlüssig, ob Kiffen und Faulheit tatsächlich eine kraftvolles Gegenkonzept zum Kapitalismus darstellen, lässt sie sich treiben; unschlüssig, ob Alternativen nicht schon wieder der Effizienz, wenn auch nicht auf dem Finanzmarkt, in die Hände spielen. Effizienz funktionalisiere den Menschen, dagegen wehrt sich Andrea effizient.

Gelangweilt stolpert sie auf Facebook über Andreas´ Chronik. Der Vater ihrer Tochter hat sich schon lange in sein Heimatland Brasilien abgesetzt, hat sie allein gelassen in der WG am Bauernhof, im Stich gelassen. Andrea kehrt nach Vernissagen und Künstlergesprächen in ihr leeres Haus zurück, wunderbar gelegen über der Stadt, umgeben von einem großen Garten, dessen Pflege Andrea eher Mühsal als Freude bereitet.

Andreas postet täglich mehrere Hadern vom Crossroads Guitars Festival. Andrea liked sie, schickt zitternder Hand die Freundschaftsanfrage – noch misstraut sie dem Medium, hält sich selbst eines Schriftstellers seines Renommees für unwürdig. Er akzeptiert die Freundschaft, sie bedankt sich für die Betthupferln und meint damit die Hadern. Andreas kapriziert sich auf die Betthupferln im Sinne von: ins Bett hupfen. `Unserans´ ist das magische Wort, das Andrea nach einigen mehr oder weniger erfolgreichen bzw. erfolglosen schriftstellerischen Versuchen in den Kreis etablierter Schriftsteller aufnimmt. Sie verfällt seiner magischen Sprache: abstoßend und erregend zugleich. Jetzt ist sie gemeint, wenn Andreas in seine pornografischen Fantasien, die er ihr per mail und sms jederzeit – auch des nachts – schickt, mi amor, mi guapa, mi loba, mi andrea, mi puerca solitar einflicht. Bis sie entdecken wird, dass Andreas sein wirksames Repertoire jederzeit für jedefrau abspielt. Aber sie liebt ihn, und `lieben´ heißt, ihn sein zu lassen – so wie er ist. `Wenn du glaubst, du gibst zu viel, gibst du immer noch zu wenig´ - dieser Satz, Andrea hat ihn als Chinesisches Sprichwort aufgeschnappt, wird ihr Mantra; sie wandelt ihn ab: Wenn du glaubst, du liebst zu viel, liebst du immer noch zu wenig.

Andreas bricht mit seiner wuchtigen Sprache in Andrea´s Leben ein, füllt ihre Lebenszeit und Lebensräume aus, begleitet sie auf Schritt und Tritt; jede ihrer Regungen im social network wird von ihm kommentiert, vereinnahmt. Er hebt sie empor, zeichnet sie aus - `unserans´ - nimmt sie auf in den Kreis der auserkorenen Künstlerschaft, die auf Konventionen scheißt. Er stellt sie bloß, indem er anzügliche Videos unter anderem von Rammstein mit anzüglichen Kommentaren in ihrer Chronik postet. Sie betrachtet diese postings als Tests, ob sie tatsächlich dem kleinkarierten Kleinbürgertum abgeschworen habe, übergeht ihre Bedenken, ihre Scham, ihre Grenzen – unterdrückt die Schreie, die ihre Brust schier zu zerreißen drohen.

Nachdem sie sich von Andreas losgesagt haben wird, wird sie sich zurechtlegen, dass es gut war, die Grenzen zu überschreiten, nicht auf die innere Stimme zu hören. Wie sollte mensch sich verändern, wenn er sich nur innerhalb seiner Grenzen bewegt? Diese Frage wird sie wiederholt ihren Klienten und Klientinnen stellen, wenn diese nach neuen Erfahrungen lechzen und gleichzeitig auf ihre Grenzen pochen, stellt sich Andrea vor, dann, wenn sie ihr Etablissement eröffnet haben wird.

Andrea trifft Andreas – einen zittrigen, alten Mann mit Potenzproblemen und Leistungsanforderungen, die sich auf die Anzahl der Stunden beziehen, in denen gefickt wird. Unter Ficken versteht Andreas, dass er mit Fellatio und Wolfskralle (der Fingernagel seines Zeigefingers) Andrea von Höhepunkt zu Höhepunkt jagt – ohn Unterlass, zumindest glaubt er das, sie glaubt das auch, dann wird’s ja schon Wirklichkeit – er gibt ihr ihre Scheiße zu fressen, bepisst sie aus halb erigiertem Schwanz…Andrea windet sich schreiend unter dem Pissestrahl, wenn er in die vor Geilheit prall geschwollene Fotze zielt. DAS ist ganz in echt eine Empfindung, die sie in den Wahnsinn treibt, weit hinaus über den Weltenrand, ins All im freien Fall, während sie ansonsten Andreas eher was vormacht. Besonders Scheiße fressen findet sie weniger attraktiv, obwohl sie es dann sogar in seiner Abwesenheit praktiziert, unter der Prämisse, dass dies die ehrlichste Variante sei, sich selbst zu begegnen. Sie mischt Scheiße und Pisse unter die Farben ihrer Bilder, die immer größer und exorbitanter werden. Sie sprengen Maße und Vor-Stellungen, was Andrea als Beweis ansieht, wie gut ihr Andreas tut. Auch sprachlich befreit sie sich von Struktur, Logik, vor allem von dem roten Faden, den sie eh nie verfolgen konnte. Sie bedient sich der Fäkalsprache.

Als Andrea Andreas schon gekannt hat, er sie aber nicht, ist sie ihm in einem Bildungshaus begegnet. Sie hat an einem Seminar über das Märchen `Das Mädchen ohne Händen´ teilgenommen. Worum ging es doch gleich? Der Vater, der als Synonym für das Patriachat stehe – so die Dozentin, hat dem Teufel für Reichtum seine Tochter versprochen, wenn diese erwachsen geworden sein wird. Als der Zeitpunkt der Übergabe herannaht, hackt der Vater dem zur Frau heranreifenden Mädchen die Hände ab, um den Teufel zu täuschen – er sollte das Mädchen, bzw. die junge Frau – die Jungfrau für tot halten. Die Dozentin deutet die Vorgehensweise des Vaters als sexuellen Missbrauch. Fortan kümmert sich der Vater um sein handlungsunfähiges Mädchen, bis dieses davonläuft – natürlich in die Wildnis, wo ihm geholfen wird von den guten Geistern der Natur. Auch der unvermeidliche Prinz tritt in das Leben der Jungfrau, er verliebt sich und ehelicht sie. Erst nachdem sie die silbernen Prothesen, die ihr der Ehemann anfertigen ließ, abgelegt hatte, ihre eigene Kraft gefunden hatte, wurde die Frau wieder handlungsfähig – mit eigenen, nachgewachsenen Händen. Andrea war von dem Seminar sehr angetan, hat sich dann einige Bücher der Dozentin gekauft, die sie nicht gelesen hat. Es genügt Andrea, Bücher zu besitzen, sie liest sie selten und wenn, dann kaum bis zu Ende. Rasch ist sie gelangweilt. Was Autor oder Autorin zu sagen haben, steht meist im ersten Kapitel, die endlosen Widerlegungen anderer Thesen, um die eigene zu stützen, langweilen.

Noch mehr angetan war Andrea von der Erscheinung Andreas´ im Pausenraum, von seiner animalischen Hässlichkeit, die sie als schön empfand. Dieses Gesicht, dieses Lebensskript, das sich vor nichts bewahrt zu haben schien, faszinierte sie. Er saß umringt von aufgeregt schnatternden, alternden Schriftstellerinnen. Andrea las im Programmheft des Bildungshauses nach, dass er ein Seminar in Fäkalsprache gab. Das hat er sich sicher anders vorgestellt, grinste sie in sich hinein. Sie glaubte zu bemerken, dass Andreas von der aufgeregten Hühnerschar genervt wirkte.

Sie wird noch feststellen, dass kein einziges Hühnchen Andreas nervt, dass er – im Gegenteil – mit Hingabe sich jedem Hühnchen widmet, das ES wissen will.

ES steht in Andreas´ Sprachgefüge für entsubjektiviertes Sein. Zumindest hat Andrea das so verstanden. Zum ES gelangen Mann wie Frau weder durch Liebe-Machen noch durch Vögeln, aber durch Ficken und Fäkalsprache, die jenseits konventioneller Vor-Stellungen ursprüngliches, eben unverstelltes Sein verbalisiert. Zu dieser und ähnlichen Erkenntnissen wird sich Andrea durchringen, um nicht wahrhaben zu müssen, dass Andreas sich mit ihr und anderen Frauen lediglich `a Hetz´ macht, wie er selbst sagt, was aber Andrea überhört hat. Ihrer Begegnung mit Andreas MUSS ein tieferer Sinn zu Grunde liegen so wie ihrer Existenz auf diesem wundervollen Planeten.

Sie wird nicht müde, sich über das Wunder dieses Planeten zu wundern: seine Lage in dem riesigen Universum – genau im richtigen Abstand zur Sonne, die Wasserzirkulation, die unüberschaubaren Überlebensstrategien einer unüberschaubaren Zahl an Lebensformen, ob Mensch, Pflanze, Tier, Einzeller…Dass es im Universum von Bakterien und Pilzen keinen Tod gibt aber ständige Verwandlung, legt sie auf die religiösen Begriffe der Wandlung und des Ewigen Lebens um und stürzt das Wunder Mensch, über das sich Andrea am meisten wundert, von seiner selbst ernannten Position als Krone der Schöpfung. Ausgerechnet er soll die Krone der Schöpfung sein, fragt sich Andrea kopfschüttelnd, der als einziges Lebewesen in Massen seinesgleichen abschlachtet aus purer Gier? Wie die täglichen Nachrichten berichten. Da fällt ihr ein Song ein, den einer der Künstler in ihrer Galerie mit kaum unterdrücktem Zorn vorgetragen hat: `Weil wir nicht genug kriegen, kriegen wir genug…´, nicht gleich hat sie das Wortspiel verstanden, eine weitere Zeile aus dem Lied: `Bei dem Gries um den Kies, ja da kriagma dann die Kris!´, entschlüsselte ihr den Refrain. Ja, sie sind schon in Ordnung ihre Künstler und Künstlerinnen in ihrer Galerie, Stimmen, die gehört werden müssen, die zwar die Welt nicht retten werden, aber in Balance halten; wobei, überlegt Andrea, die Welt sowieso keiner Rettung bedarf, der Mensch kann sie nicht gefährden, auch wenn er das in seiner Omnipotenz glaubt. Einer ihrer Lieblingswitze: `Treffen sich zwei Planeten im All, fragt der Eine den Anderen, wie es ihm gehe, er sähe ziemlich schlecht aus, antwortet der Andere: Mir geht’s gar nicht gut! Was hast denn?, fragt der Eine nach. Homo sapiens, klagt der Befragte, woraufhin der Eine lacht und beruhigt: Keine Bange, auch das geht vorüber!´

Irgendwann verzichtet Andrea auf Fernsehen, Radio, Zeitungen, was für sie keinen Verzicht darstellt aber eine Erleichterung: Was sollte sie sich mit Nachrichten belasten, die einerseits manipuliert andrerseits unvollständig sind, was zur Manipulation führt. Geld bzw. Wirtschaftswachstum (wirr schafft - wachs dumm – dieses Sprachspiel erlaubt sich Andrea und amüsiert sie) rechtfertigt alles, Menschenrechte, Kinderrechte müssen sich rechnen, dürfen den Wohlstand unter der Kuppel Europa nicht gefährden, das hat sie bei Zizek gelesen, und, dass dieser Wohlstand auf Diebstahl basiert, auf jahrhundertelanger Ausbeutung der Dritte-Welt-Länder, die politisch korrekt zu der Einen Welt gehören, leider nur im politisch korrekten Sprachgebrauch.

Die Begegnung mit Andreas hat in ihr die unglaubliche Kraft zu lieben freigelegt, zu lieben um der Liebe willen ohne Bedingungen, Lohn oder Arrangement.

Er hat sie eiskalt fallen gelassen: Von einem Tag auf den anderen – seine Coljonis seien Eiszapfen, hat er nach zwei drei Tagen Schweigens geschrieben, er sei in Grönland, nachdem er ihr eine Pistole und ein Päckchen überreicht hatte, in ihrem Reich - ein versiffter Teppich - mit dem Auftrag einen Mann zu treffen, ihm das Päckchen zu übergeben und ihn mit der Pistole zu bedrohen, falls er nicht mit dem Geld herausrücke, notfalls abzudrücken. Danach: keine sms mehr, keine mails, keine postings für sie. Die findet sie auf facebook in anderen Chroniken, sie gleichen denen, die ihr gegolten haben, aufs Haar. Sie stürzt über den Rand der Welt, haltlos – grundlos.

Andrea hat sich nach einer langen Phase der Trauer oder des Selbstmitleids, das sei Ansichtssache, meint Andrea, klargemacht, dass Lieben als Tun nicht von einem Gegenüber abhängt, aber ein rückhaltloses Ja zu dem, was ist, bedeutet – immer jetzt. Natürlich bedarf es der Übung, allzu oft fällt man – auch Andrea, in eine Selbstwichtigkeit, die selbst Gott Bedingungen stellt. Die Empfehlungen sowohl ihrer feministischen Freundinnen als auch ihres Therapeuten, auf sich zu schauen, wischt sie gedanklich mit einer ungeduldigen Handbewegung vom Tisch: Wenn ich auf mich schauen würde, bliebe ich Gefangene meines Egos, dreh ich mich im Kreis von Gewusstem, denkt sie sich und lächelt ein wenig herablassend. Sie lässt andere nicht mehr an ihren Gedanken teilhaben, die verstehen das nicht. Aber sie wird in ein Etablissement investieren.

Andreas hat dem Kuscheleffekt von Liebe hartnäckig widerstanden – wie den Weichspülern Glaube und Hoffnung. Andrea hat sich durch einen Wirrwarr von Sätzen gekämpft. Radikal und erbarmungslos ist sie gegen sich selbst oder dem, was sie unter dem Für-Wort `ich´ zusammenfasst oder die Anderen sich unter dem Namen `Andrea´ zusammenreimen, mit scharfer Machete vorgegangen, um sich restlos hinzugeben der Idee zu lieben.

Andrea wird ihre Galerie einer Künstlerinnengruppe übergeben und ihr Etablissement eröffnen.

Sie wird ein ausrangierte Hotel etwas außerhalb der Stadt umbauen lassen.

Es wird Räumlichkeiten geben für NormalverbraucherInnen mit der üblichen Ausstattung wie Liegestätten unterschiedlicher Ausführung – weich, hart, mit vielen Kissen und Gucklöchern oder dicken Vorhängen, gynäkologischem Stuhl, Möglichkeiten zu fesseln und zu quälen in softer Manier, laufende Pornos, Tanzflächen, Buffet. Besucher und: Besucherinnen, die ES wissen wollen, werden in dunkle Räume geführt werden, um ihnen `jungfräuliche´Erfahrungen zukommen zu lassen. Unter `jungfräulich´ versteht Andrea Erfahrungen jenseits von Vorstellungen und Wissen; erwartungsfreies Empfangen von Sinneseindrücken. Die Besucher und -nnen werden überrascht von Raum zu Raum durch weich, hart, warm, heiß, kalt, feucht, sandig, glitschig...jeweils begleitet von untermalender Musik oder Stille oder Flüstern aus den Ecken oder rauschenden Wassern, fauchenden Winden, knisternden Feuern. Die Räume müssen durchschritten werden, es gibt nur einen Eingang und einen Ausgang. Paare werden getrennt werden, sodass sie sich in der Dunkelheit völlig unerwartet begegnen und neu entdecken oder erfinden können.

Man wird dieses Etablissement kaum im Rahmen von Swinger Clubs einreihen, obwohl es ihnen auf den ersten Blick gleicht. Das Etablissement wird sich inhaltlich unterscheiden, zumindest teilweise. Einerseits wird sie bzw. werden ihre Angestellten die oberflächlichen Wünsche der Konsumenten und auch Konsumentinnen befriedigen, die auf den schnellen Kick aus sind, auf einen weiteren Haken auf ihrer to-do-list, auf ein Abenteuer, das ihnen das Gefühl gibt, sexuell ach! so offen zu sein.

Andrerseits wird Andrea dafür sorgen, dass, wer ES wissen will, im `Rondo´ bestens bedient wird – von der Chefin höchstpersönlich. Den Namen `Rondo´ hat Andrea für ihr Etablissement ausgesucht: ein wiederkehrendes musikalisches Thema unterbrochen von anderen Musikgestalten. So sieht sie ihre Arbeit: das wiederkehrende Thema ist die Sehnsucht nach dem ES (entsubjektiviertes Sein), die unterschiedlichen Musikgestalten wird Andrea auf Klienten und Klientinnen abstimmen.

Sie wird zuhören, nachfragen, erzählen lassen. Sie wird das Nein ihres Gegenübers, das Ja-Aber der Klienten und Klientinnen aufspüren, die den 24/7 – Vertrag unterzeichnen werden. Sie werden sich verpflichten, 24 Stunden, 7 Tage die Woche Andrea zu gehorchen. Ausnahmslos wird Andrea ihren Finger in Wunden legen, Widerstände brechen– je größer der Widerstand gegen ihre Anweisungen desto absurder werden ihre Aufgabenstellungen sein. Nur in wenigen Fällen wird sie Wünschen entsprechen, die Erfüllung von Wünschen bestätige lediglich das Welt- bzw. Selbstbild, das es aufzubrechen gelte; außer der Träumer oder die Träumerin – so haben Leiter und Leiterin schamanischer Seminare ihre zahlende Kundschaft genannt, sie seien bereit ihr Leben umzuträumen, Andrea mag die Bezeichnung – also die Träumer und Träumerinnen sind dringend darauf angewiesen, dass sich ihre Wünsche und Sehnsüchte auf eine derart fette Weise erfüllen, dass sich weder Wunsch noch Sehnsucht jemals wieder in den Weg stellen.

Das hat sie durch Andreas gelernt: Er hat sie hervorgehoben, emporgehoben, als einzigartig erklärt – sie hat ihm geglaubt – und dann hat er sie fallen gelassen. Er hat ihre Selbstwichtigkeit genährt, aufgeblasen, um letztlich die Blase mit einem winzigen Stich zum Platzen zu bringen.

Bevorzugt wird sie Aufgaben stellen, die durch eine unspektakuläre Veränderung die Erfahrungswelt des Träumenden stören. Zum Beispiel, Andrea denkt an einen ihrer Liebhaber, einem sehr gepflegten, gebildeten Herrn. Ihm würde sie auftragen, fünf Tage die Woche mit schmutzigen Fingernägeln zu seinen Verabredungen zu gehen. Der Mann würde die Aufgabe lächerlich finden. Er wollte dominiert, gepeitscht, gequält werden. Andrea würde hartnäckig bleiben. Er wird einige Ausreden finden, warum es diese oder die andere Woche unmöglich gewesen wäre, die Aufgabe zu erfüllen. Andrea wird nachsichtig lächeln und die Aufgabe erneut stellen. Selbst, wenn der Mann drohen würde, den Vertrag zu lösen, nicht wieder zu kommen, nicht zu bezahlen – wird Andrea lächeln und die Aufgabe von Neuem stellen. Der Mann wird dem Etablissement fernbleiben. Erst nach Wochen wird er eines Abends wiederkommen, seine Fingernägel mit den Schmutzrändern vorweisen und erlöst lächeln.

Diese Momente liebt Andrea, wenn irgendetwas im Auge des Gegenübers bricht, dass sie durch das Auge des Gegenübers ins Universum schauen kann. Sie weiß, was in solchen Augen-Blicken passiert: ein Selbstbild, ein Weltbild, ein Ego zerbricht…ES, ein Zustand unbegrenzter Präsenz, schwierig zu beschreiben, bleibt auch kein anhaltender Zustand, eher eine Erinnerung dann im Weiterleben...wie die Eindrücke einer Ayahuascazeremonie, an der Andrea im Bemühen, Andreas zu überwinden, teilgenommen haben wird.