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Drei Männer, die zum Angeln fahren und mit den Bewohnern im benachbarten Ort beim abendlichen Tanzfest fast tödlich aneinandergeraten. Warum ? Männersachen ? Frauengeschichten ? Dahinter verbirgt sich viel mehr, und auch deshalb ist das dunkle Wasser nicht nur ein Fluss, aus dem riesige Rochen gefischt werden und in dem Männer verschwinden. Die Argentinierin Selva Almada erzählt eine wilde Geschichte, in der vieles mitgeteilt und vielsagend verschwiegen wird. Niemand versteht es, die verhängnisvolle Männerwelt Lateinamerikas mit solch zarter Wucht zu beschwören, wie diese unvergleichliche Autorin.
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Seitenzahl: 116
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Selva Almada
Roman
Aus dem Spanischen von Christian Hansen
BERENBERG
Für Grillo, all die Jahre
Kein Fluss
Achte auf die Pracht der Kasuarinen am Ufer, mein Lieber.
Sie sind schon Wasser.
Arnaldo Calveyra
Enero Rey, breitbeinig auf dem Boot, wie angewurzelt, der Körper stämmig, kaum behaart, mit praller Wampe, starrt auf die Oberfläche des Flusses, abwartend, den Revolver im Anschlag. Tilo, der Junge, im selben Boot, stemmt sich nach hinten, den Angelknauf an der Hüfte abgestützt, kurbelt, spult, zerrt an der Schnur: ein spinnwebdünnes Glitzern gegen die schwächer werdende Sonne. El Negro, außerhalb des Boots, bis zu den Eiern im Wasser, ein Mittfünfziger wie Enero, auch er zurückgebeugt, das Gesicht von Sonne und Anstrengung gerötet, die Schnur an der gespannten Angel abwechselnd nachlassend und einholend. Das schnurrende Rad der Spule und der Atem asthmatisch. Der Fluss spiegelglatt.
Bewegt ihn, bewegt ihn. Macht schon, macht schon. Hoch mit ihm, hoch mit ihm.
Zwei, drei Stunden später, müde und der Sache langsam überdrüssig, wiederholt Enero die Befehle in leierndem Ton, als würde er beten.
Ihm schwindelt. Wein und Hitze haben ihn mürbe gemacht. Er schaut hoch, die blutunterlaufenen Augen brennen, versunken im glühenden Gesicht, und dann wird ihm weiß vor Augen, und er wankt und will sich an den Kopf fassen und schießt versehentlich in die Luft.
Bist du irre, Mann!
Enero fängt sich wieder.
Nichts passiert. Vorwärts. Bewegt ihn, bewegt ihn. Macht schon, macht schon. Hoch mit ihm, hoch mit ihm.
Er steigt! Jetzt steigt er!
Enero beugt sich über die Bordwand. Er sieht ihn kommen. Ein riesiger Fleck unter der Wasseroberfläche. Er zielt und drückt ab. Einmal. Zweimal. Dreimal. Blubbernd quillt das Blut herauf, verwaschen. Er richtet sich auf. Sichert die Waffe. Schiebt sie sich zwischen Rücken und Gürtel.
Tilo vom Boot aus und El Negro von außerhalb des Bootes heben ihn an. Sie packen ihn an den fleischigen grauen Flügeln. Sie zerren ihn hinein.
Pass mit dem Stachel auf!
Sagt Tilo.
Er nimmt das Messer, trennt den Sporn vom Körper, schickt ihn zurück auf den Grund des Flusses.
Enero parkt seinen Hintern auf der Bank im Boot. Sein Gesicht ist schweißüberströmt, und ihm brummt der Schädel. Er nimmt einen Schluck Wasser aus der Flasche. Es ist brühwarm, er trinkt trotzdem, trinkt in langen Zügen und kippt sich den Rest über den Kopf.
El Negro hievt sich ins Boot. Der Rochen nimmt so viel Platz ein, dass man fast nirgends den Fuß hinsetzen kann, ohne auf ihn zu treten. Er schätzt ihn auf neunzig, hundert Kilo.
So ein altes Mistvieh!
Sagt Enero, klopft sich auf die Schenkel und lacht. Die anderen stimmen ein.
Hat seine Haut teuer verkauft.
Sagt El Negro.
Enero packt die Ruder und steuert auf die Flussmitte zu, dreht dann bei und rudert immer am Ufer entlang weiter, bis zu der Stelle, wo sie ihr Lager aufgeschlagen haben.
Bei Tagesanbruch waren sie in El Negros Pick-up von zu Hause losgefahren. Tilo in der Mitte, zuständig für den Mate. Enero mit dem Arm im offenen Seitenfenster. El Negro am Steuer. Sie sahen, wie die Sonne langsam über dem Asphalt aufstieg. Spürten, wie die Hitze vom ersten Moment an zu stechen begann.
Das Radio lief. Enero pinkelte am Seitenstreifen. An einer Tankstelle kauften sie süße Teilchen und luden Wasser für Mate nach.
Sie waren glücklich so, alle drei zusammen. Die Fahrt war schon seit geraumer Zeit geplant. Aus dem einen oder anderen Grund hatten sie die Sache immer wieder abgeblasen.
El Negro hatte sich ein neues Boot gekauft und wollte es einweihen.
Während sie in dem nagelneuen Kahn zur Insel übersetzten, erinnerten sie sich wie immer an das erste Mal, dass sie Tilo mitgenommen hatten, damals noch ein Dreikäsehoch, der kaum laufen konnte, und wie sie dann ein Unwetter erwischte, das ihnen die Zelte zerfetzte, und wie der Knirps, klein, wie er war, unter dem umgedrehten Boot zwischen ein paar Bäumen Schutz gefunden hatte.
Wie sie deinem Alten die Hölle heißgemacht hat, als wir zurückkamen.
Sagte Enero.
Noch einmal erzählten sie die Geschichte, die Tilo auswendig kennt. Mitgeschmuggelt hatte Eusebio den Winzling, zur Diana Maciel kein Sterbenswörtchen. Die beiden waren getrennt, seit Tilo kaum auf der Welt war. Jedes Wochenende nahm Eusebio ihn zu sich. Dummerweise aber merkt sie, dass sie vergessen hatten, in die Tasche mit den Wechselklamotten eine Medizin zu stecken, die Tilo brauchte. Die Diana platzt ins Haus, und kein Mensch da. Ein Nachbar sagt, sie seien zur Insel gefahren.
Der Gipfel dann das Unwetter, das die ganze Gegend verwüstet hatte. Auch das Städtchen. Bei der Diana lagen die Nerven blank.
Wir kriegten alle unser Fett.
Sagte Enero.
Diana Maciel stauchte alle drei fürchterlich zusammen, wochenlang durften sie sich bei ihr nicht blicken lassen und Tilo nicht sehen.
Beim Lagerplatz angekommen, bringen sie den Rochen an Land, ziehen eine Schnur durch die Löcher hinter den Augen und hängen ihn an einen Baum. Die drei Gruben, die die Kugeln gegraben haben, gehen in dem gesprenkelten Rücken fast unter. Wären da nicht die helleren, leicht rosigen Ränder, man würde sie für einen Teil der Zeichnung in der ledrigen Haut halten.
Das Mindeste, was ich mir verdient habe, ist ein Bier.
Sagt Enero.
Er sitzt am Boden. Mit dem Rücken zum Baum und dem Rochen. Der Schädel dröhnt ihm nicht mehr, aber es fühlt sich an, als hätte er einen Knoten darin.
Tilo geht, macht die Kühlbox auf und holt ein Bier aus dem eiskalten Wasser, in dem ein paar Eiswürfel treiben. Er öffnet es mit dem Feuerzeug und reicht es Enero Rey, damit der ihm, das hat er sich verdient, den ersten Kuss gibt. Das Bier stürzt ihm in den Mund, reiner Schaum, der ihm über die Lippen quillt, seinem pechschwarzen Schnurrbart eine weiße Girlande malt. So wie man einen Mund aus Watte macht. Erst mit dem zweiten Schluck kommt die kalte, bittere Flüssigkeit.
El Negro und Tilo setzen sich ebenfalls, einer neben den anderen, die Flasche geht von Hand zu Hand.
Schade, dass wir keinen Apparat dabeihaben, um ein Foto von uns zu machen.
Sagt El Negro.
Die drei wenden die Köpfe nach dem Rochen.
Sieht aus wie eine alte, im Schatten aufgespannte Decke.
Als die zweite Flasche langsam zur Neige geht, taucht eine Schar kleiner Jungs auf, spindeldürr und dunkelbraun wie Aale, Augen pur. Sie drängen sich vor dem Rochen, schubsen, stoßen sich in die Rippen.
Guckma, guckma, guckma. Iiiiih. Riesenvieh!
Einer nimmt einen Stock und bohrt ihn in die Einschusslöcher.
Hau ab da!
Sagt Enero, indem er plötzlich aufspringt, mächtig wie ein Bär. Die Schlingel schießen davon und sind wieder im Wald verschwunden.
Wo er schon steht, wo er sich schon die Mühe gemacht hat, auf die Beine zu kommen, nutzt Enero die Gelegenheit, baden zu gehen. Das Wasser macht einen klaren Kopf.
Er schwimmt.
Taucht.
Treibt.
Die Sonne geht allmählich unter, und leichter Wind kommt auf, der den Fluss kräuselt.
Plötzlich hört er das Dröhnen des Außenborders und das Geräusch der Bugwelle. Er wirft sich zur Seite und schwimmt aufs Ufer zu. Das Motorboot fährt vorbei, der Bug knallt aufs Wasser, teilt es wie ein morsches Tuch. Angeleint am Heck ein Mädchen im Bikini, das Wasserski fährt. Das Boot macht eine jähe Wende, und sie verstrudelt im Wasser. Aus der Ferne sieht Enero den Kopf wieder auftauchen, das lange, am Schädel angeklatschte Haar.
Er denkt an den Ertrunkenen.
Steigt aus dem Wasser.
Am Ufer stehen El Negro und Tilo mit verschränkten Armen und verfolgen die Manöver des Motorboots.
Saubande.
Sagt El Negro.
Jedes Wochenende dasselbe. Verscheuchen mit ihrem Lärm die Fische. Wird Zeit, dass ihnen mal jemand ein bisschen auf die Füße tritt.
Die drei drehen sich um und prallen auf das Grüppchen Männer. Sie haben sie nicht kommen hören. Die Leute von der Insel haben einen leichten Schritt.
Hallöchen.
Sagt der, der gerade geredet hatte.
Die Kurzen kamen mit der Neuigkeit, da wollten wir mal schauen. Schönes Tier!
Die anderen betrachten den Rochen. Stellen sich neben ihn, um ihn zu messen.
Aguirre heiße ich, sagt der Einzige, der was sagt, und streckt die Hand hin, die einer nach dem anderen schüttelt.
Enero Rey, sagt Enero, tritt zu der Gruppe und grüßt in die Runde. El Negro und Tilo machen es ihm nach.
’N Mordsvieh, was?
Sagt Enero, klopft ihm auf den Rücken und zieht sofort die Hand zurück, als hätte er sich verbrannt.
Aguirre inspiziert die Löcher von Nahem, sagt.
Drei Schüsse? Drei Schüsse haste ihm verpasst. Reicht doch einer.
Enero lächelt und zeigt die Lücke, wo ihm ein Schneidezahn fehlt.
Ich konnt’s nicht lassen.
Musste aufpassen, mit dem … Nichtlassenkönnen.
Sagt Aguirre.
Tilo, schenk unseren Freunden hier ein Weinchen ein.
Sagt El Negro beschwichtigend.
Der Junge rennt zum Ufer, wo sie die Korbflasche vergraben haben, damit sie kühl bleibt. Er bringt sie und gießt einen Blechbecher voll bis zum Rand.
Er reicht ihn Aguirre, der ihn hochhebt.
Auf euer Wohl, sagt er, nimmt einen Schluck und reicht ihn an Enero weiter. Sein Blick bleibt einen Moment an dessen linker Hand hängen, an der ein Finger fehlt, aber er fragt nicht. Enero merkt es, sagt aber auch nichts. Soll er sich ruhig den Kopf zerbrechen.
Der Cristo hier hat letztens einen rausgeholt, der war noch größer, prahlt Aguirre. Wie lang haste gebraucht?
Den ganzen Nachmittag, sagt der andere und schaut weg.
Und wie viele Kugeln haste ihm verpasst?
Eine. Eine reicht.
Mein Kumpel hier ist nicht von der zielsicheren Sorte.
Sagt El Negro und lacht.
Die vom Fernsehen warn da, sprudelt der hervor, der zuletzt einen noch größeren Rochen gefangen hat. Kam damals in den Abendnachrichten, sagt Aguirre. Samstag drauf war hier alles voll von Leuten aus Santa Fe und Paraná. Die dachten wohl, hier gäb’s Rochen, um fett Kohle zu machen. Als wenn’s so einfach wäre. Habt Glück gehabt.
Köpfchen, sagt Enero. Glück und Köpfchen. Glück allein reicht nicht.
Aguirre zieht einen Tabakbeutel aus der Tasche seines Hemds, das er offen trägt, aufgeknöpft über der knochigen Brust und dem von Wein aufgedunsenen Bauch. Dreht sich eine in Nullkommanichts. Zündet sie an. Geht rauchend ein paar Schritte Richtung Ufer und schaut aufs Wasser. Wendet den Kopf und sagt.
Und wie lang wolltet ihr bleiben?
Zwei. Drei Tage, sagt El Negro. Echt schön, die Insel.
Echt schön, ja.
Sagt Aguirre.
El Negro betritt den Wald. T-Shirt über der Schulter, mit langem, aber bedächtigem Schritt. Hier ist überall Schatten. Draußen die Sonne, eine Feuerkugel, die im Fluss erlischt. Um ihn das Stimmengewirr von Vögeln, von kleinen Insekten. Ein Tuscheln von Kräutern. Opossums, Viscachas, Aperiás, die durchs Gras huschen. Achtsam geht El Negro, respektvoll, als beträte er die Kirche. Federnder Gang der Guazuncho-Hirsche. Trotzdem unvermeidlich, dass er auf einen dünnen Ast tritt, auf ein Büschel Curupí-Schoten, und dann ist das Getöse groß. Der Klang der trockenen Hülsen wird von den Stämmen der Fluss-Erlen und Timbós zurückgeworfen, steigt auf, verlässt den dichten Bezirk des Waldes. Warnt vor der Anwesenheit des Eindringlings.
Dieser Mann ist nicht aus diesem Wald, und der Wald weiß das. Aber er lässt ihn gewähren. Soll er hineingehen, so lange bleiben, wie er zum Holzsammeln braucht. Dann wird der Wald höchstpersönlich ihn ausspucken, die Arme voller Äste, zurück ans Ufer.
Langsam gewöhnen sich El Negros Augen, und er sieht dort vorne, an den Ast eines Baumes geklammert, ein Wespennest, wie einen an seinen Haaren aufgehängten Kopf. Die von Wespen erfüllte Luft vibriert.
Er holt tief Luft, und die Brust füllt sich mit dem Geruch von Blüten, Honig und irgendeinem toten Tier. Alles hier riecht süßlich.
Zerstreut setzt er den Fuß in eine Pfütze, und eine Wolke Mücken steigt auf. Hüllt ihn ein. Feines Sirren, wenn sie ihm ums Ohr fliegen. Sie zerstechen ihm den Rücken, die Arme, den unbedeckten Hals. Er wirbelt das T-Shirt im Kreis, verscheucht sie. Zieht es an, bevor sie ihn bei lebendigem Leib auffressen.
Ich geh schon, ich geh schon, hol nur mein Holz und bin weg.
Sagt er laut.
Er rafft eine Armvoll dürrer Zweige zum Anfeuern zusammen. Stößt mit der Stirn an einen großen, herabhängenden Ast, der sich noch mit einigen Fasern an den Baum klammert. Legt seine Last ab. Hängt sich mit seinem Gewicht an den Ast, schafft es, ihn loszureißen. Das krachende Holz klingt wie der Blitz, der es mal gespalten hat. Er bückt sich wieder. Sammelt seine Zweige auf, klemmt sich alles unter den Arm. Mit der anderen Hand zieht er den schweren Ast hinter sich her.
Er tritt ins Freie. Der Himmel ist orange, die Luft zäh und schwül. Er spürt, wie ihm ein Frösteln über den Rücken läuft, die Haare am Hintern zu Berge stehen. Er schaut sich um, über die Schulter zurück. Er könnte schwören, dass der Wald sich geschlossen hat.
Tilo hockt da und entwirrt eine verknäulte Angelschnur. Die langen, mageren Finger häkeln Luftmaschen. Die Zigarette zwischen den Lippen, das eine Auge geschlossen, wegen dem Rauch. Enero schaut ihn an. Sitzt auf dem Boden, im Schneidersitz wie ein Indio, und schaut ihn an. Wenn er nicht wüsste, dass es Tilo ist, würde er meinen, Eusebio sei zurückgekehrt. Sähe er nicht den eigenen mächtigen Wanst, die dicken Hände, den Fingerstumpf, das flusige weiße Brusthaar, würde er sagen, Tilo sei Eusebio, der noch nicht tot ist. Dass die drei wieder zusammen angeln würden wie an einem x-beliebigen Tag.
Er erinnert sich, wie er im ersten Sommer, den sie zu dritt verbrachten, angefangen hatte, von dem Ertrunkenen zu träumen.
El Negro kannte er schon sein Leben lang, aber Eusebio war grade erst ins Viertel gezogen. In dem Jahr kam er nach den Juli-Ferien dort in die Schule. Die Familie hatte das Haus der Großmutter bezogen, nachdem die Alte gestorben war. Offenbar waren sie mit ihr zerstritten, denn sie hatten sie nie besucht. In der Nachbarschaft wurde der Umzug misstrauisch beäugt. Einige sagten, der Vater von Eusebio sei im Gefängnis gewesen und die Alte habe ihm das nie verziehen. Sie sagten auch, Eusebios Mutter würde Männer empfangen und das beruflich machen.
