Kein Rockstar für eine Nacht - Kylie Scott - E-Book

Kein Rockstar für eine Nacht E-Book

Kylie Scott

4,5
8,99 €

Beschreibung

Am Morgen nach ihrem einundzwanzigsten Geburtstag wacht Evelyn Thomas in einem Hotelzimmer in Las Vegas auf - neben einem attraktiven, tätowierten und leider vollkommen fremden jungen Mann. Sein Name ist David Ferris, er ist Gitarrist und Songwriter der erfolgreichen Rockband Stage Dive - und seit weniger als zwölf Stunden Evelyns rechtmäßig angetrauter Ehemann ...

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

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Danksagung

Über die Autorin

Kylie Scott bei LYX

Impressum

KYLIE SCOTT

Kein Rockstar

für eine Nacht

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Katrin Reichardt

Zu diesem Buch

Evelyn Thomas hat es satt, dass ihr Leben immer nach Plan verläuft – und zwar nach dem von anderen. Sie möchte nur ein einziges Mal etwas tun, das keiner von ihr erwartet, und beschließt kurzerhand, gemeinsam mit ihrer besten Freundin Lauren ihren einundzwanzigsten Geburtstag in Las Vegas zu feiern. Als sie am Morgen danach die Augen öffnet, ist sie sich allerdings nicht mehr sicher, ob das eine so gute Idee war. Sie findet sich auf dem Boden eines luxuriösen Hotelzimmers wieder, neben einem sehr attraktiven, leider aber vollkommen fremden jungen Mann. Sein Name ist, wie sich schnell herausstellt, David Ferris – und er ist seit weniger als zwölf Stunden Evelyns Ehemann. Ev ist fassungslos, als sie den riesengroßen Diamanten an ihrem Finger (und den tätowierten Namen auf ihrer linken Pobacke) entdeckt. David hingegen kann es nicht fassen, dass Ev sich nicht an die Ereignisse der vergangenen Nacht erinnert. Ev beschließt, dass es für dieses Dilemma nur eine Lösung gibt – die Scheidung! –, und flüchtet aus dem Hotel. Doch auf dem Weg nach Hause wird ihr Taxi von Fotografen und Reportern belagert, die ihr Kameras ins Gesicht halten und intime Fragen zurufen. Und dann fällt Ev ein, warum ihr Davids Name irgendwie bekannt vorkam: Ihr frisch angetrauter Ehemann ist niemand anders als der Gitarrist und Songwriter der erfolgreichen, weltberühmten Rockband Stage Dive …

Für Hugh.Und für Mish, die sich eine Geschichte ohne Zombies gewünscht hat.

1

Ich erwachte auf dem Badezimmerfußboden. Mir tat alles weh, und in meinem Mund schien sich eine Müllkippe zu befinden – obwohl der Geschmack eigentlich noch weitaus übler war. Zur Hölle, was war letzte Nacht passiert? Ich konnte mich nur noch an den Countdown kurz vor Mitternacht erinnern, und an die Vorfreude darauf, endlich einundzwanzig und somit volljährig zu werden. Ich hatte mit Lauren getanzt, mich mit irgendeinem Kerl unterhalten, und dann – BANG!

Tequila. Eine lange Reihe Schnapsgläschen mit Zitronenscheiben und Salz.

All die Dinge, die ich über Vegas gehört hatte, stimmten tatsächlich. Hier geschahen üble Sachen, furchtbare Dinge. Ich wollte mich am liebsten zusammenrollen und sterben. Oje, was hatte ich mir nur dabei gedacht, so viel zu trinken? Ich stöhnte auf, und selbst davon hämmerte mein Kopf. Diese Art von Schmerzen gehörte definitiv nicht zum Plan.

»Geht’s dir gut?«, erkundigte sich eine männliche, tiefe, angenehme Stimme. Sehr angenehm sogar. Trotz meiner Leiden überfiel mich ein wohliger Schauer und mein armer, gepeinigter Körper kribbelte an den merkwürdigsten Stellen.

»Musst du dich noch mal übergeben?«, erkundigte er sich.

Oh nein.

Ich öffnete die Augen, setzte mich auf und strich mir das strähnige, blonde Haar aus dem Gesicht. Sein verschwommenes Gesicht kam näher. Schnell schlug ich mir die Hand vor den Mund, denn mein Atem roch sicherlich ekelerregend.

»Hi«, nuschelte ich.

Langsam konnte ich ihn besser erkennen. Er war muskulös, sah umwerfend aus – und kam mir seltsam bekannt vor. Ausgeschlossen. Jemand wie er war mir noch nie zuvor begegnet.

Mein Gegenüber schien Mitte oder Ende zwanzig zu sein – kein Junge mehr, sondern ein richtiger Mann. Er hatte langes, dunkles Haar, das ihm bis über die Schultern fiel, und Koteletten. Seine Augen waren tiefblau. Die konnten unmöglich echt sein. Nein, diese Augen waren wirklich zu viel des Guten. Ich war ja auch so schon völlig hin und weg von ihm. Selbst rot umrändert sahen diese Augen einfach wunderschön aus. Einen Arm und die Hälfte seiner nackten Brust zierten Tattoos. An der Seite seines Halses prangte ein schwarzer Vogel, dessen Flügelspitze bis hinter sein Ohr reichte. Ich trug noch immer das hübsche, schmutzigweiße Kleid, zu dem Lauren mich überredet hatte – bei meinem Körperbau eine ganz schön gewagte Wahl, denn meine üppige Oberweite passte kaum hinein. Doch dieser wunderschöne Mann zeigte weitaus mehr Haut als ich, trug nur Jeans, schwarze abgewetzte Stiefel, ein paar kleine, silberne Ohrringe und eine lockere Bandage um seinen Unterarm.

Und diese Jeans sah so heiß an ihm aus … Trotz meines hammermäßigen Katers registrierte ich genau, wie verlockend tief sie auf seinen Hüften saßen und exakt die richtigen Körperstellen betonten.

»Aspirin?«, bot er mir an.

Oje, ich hatte ihn angegafft. Ich sah ihm schnell ins Gesicht, worauf er mir ein verschlagenes, wissendes Lächeln schenkte. Traumhaft. »Ja, bitte.«

Er griff nach einer zerschlissenen Lederjacke, die am Boden lag und mir offenbar als Kopfkissenersatz gedient hatte. Glücklicherweise hatte ich die nicht vollgekotzt. Ich war mir inzwischen sicher, dass dieser atemberaubende, halb nackte Kerl miterleben durfte, wie ich mich mehrfach übergeben hatte. Ich hätte vor Scham im Boden versinken können.

Er leerte die Jackentaschen, eine nach der anderen, und verteilte ihren Inhalt auf den Badezimmerfließen: eine Kreditkarte, Gitarrenplektren, ein Handy und ein Streifen Kondome. Die ließen kurz meine Alarmglocken klingeln, doch schon im nächsten Moment wurde meine Aufmerksamkeit auf eine Reihe von Zetteln gelenkt, die aus seiner Jackentasche heraus auf den Boden segelten. Auf jedem standen ein Name und eine Telefonnummer. Dieser Kerl war offenbar Mr Superbeliebt.

Und das konnte ich durchaus nachvollziehen. Aber was um alles in der Welt hatte er hier bei mir zu suchen?

Endlich hielt er eine kleine Flasche mit Schmerztabletten in der Hand. Oh himmlische Erlösung. Dafür liebte ich ihn, egal, wer er war und was er mit angesehen hatte.

»Du brauchst noch Wasser«, stellte er fest und füllte sogleich am Waschbecken hinter sich ein Glas für mich.

Das Bad war so winzig, dass wir beide zusammen kaum genug Platz fanden. Lauren und ich hatten uns kein besseres Hotel leisten können, denn bei uns beiden herrschte Ebbe in der Kasse. Dennoch hatte sie darauf bestanden, meinen Geburtstag stilgerecht zu feiern. Ich hatte ein ganz anderes Ziel verfolgt, doch trotz der Anwesenheit meines schnuckeligen neuen Freundes war ich mir ziemlich sicher, in diesem Punkt versagt zu haben. Die relevanten Körperstellen fühlten sich unauffällig an. Ich hatte gehört, dass die ersten Male schmerzhaft wären. Das allererste Mal hatte auf jeden Fall teuflisch wehgetan. Doch im Moment war meine Vagina so ziemlich der einzige Körperteil, der mich nicht quälte.

Vorsichtshalber blickte ich verstohlen an mir herab. Ein kleines Päckchen aus Metallfolie lugte aus meinem BH hervor. Ich hatte es dort hineingesteckt, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Doch das unbenutzte Kondom befand sich noch immer an seinem Platz. Enttäuschend. Oder vielleicht auch nicht, denn es wäre noch schlimmer gewesen, wenn ich tatsächlich endlich den Mut aufgebracht hätte, mich sozusagen wieder in den Sattel zu schwingen, und mich hinterher nicht mehr daran erinnern konnte.

Der Typ reichte mir das Glas mit Wasser und drückte mir zwei Tabletten in die Hand. Dann hockte er sich hin und musterte mich. Die Intensität seines Blickes überforderte meine strapazierten Nerven.

»Danke«, sagte ich und schluckte die Aspirin. Mein Magen gab ein vernehmliches Knurren von sich. Super, sehr damenhaft.

»Bist du wirklich okay?«, fragte er. Sein wunderbarer Mund verzog sich zu einem amüsierten Lächeln, als hätte er einen Witz gemacht, den nur wir beide verstehen konnten.

Mir war durchaus klar, dass ich hier die einzige Witzfigur im Raum abgab.

Ich konnte nichts weiter tun, als ihn anzustarren. In meinem augenblicklichen Zustand war seine Gegenwart einfach zu viel für mich. Sein Haar, sein Körper, die Tattoos – einfach alles. Das Wort, mit dem sich dieser unglaubliche Kerl umschreiben ließ, musste erst noch erfunden werden. Es dauerte einen Augenblick, bis mir endlich dämmerte, dass er von mir eine Antwort auf seine Frage erwartete. Ich nickte, um ihn nicht mit meinem morgendlichen Muffelatem zu quälen, und lächelte ein wenig grimmig. Mehr brachte ich nicht zustande.

»Okay. Das ist gut.«

Er war so fürsorglich. Keine Ahnung, womit ich diese Aufmerksamkeit verdient hatte. Falls ich den armen Kerl gestern Abend aufgegabelt und mit Sexversprechungen geködert, dann aber die Nacht über der Kloschüssel gehangen hatte, hätte er eigentlich guten Grund, sauer auf mich zu sein. Vielleicht spekulierte er ja darauf, dass ich mein Versprechen heute Morgen noch einlösen würde. Das schien mir zumindest die einzige nachvollziehbare Erklärung dafür, dass er noch immer hier war.

Im Grunde war er sowieso eine Nummer zu groß für mich und (aufgrund meines Stolzes) zudem absolut nicht mein Typ. Ich mochte brave, normale Jungs. Normal war gut. Bad Boys wurden völlig überwertet. Ich hatte jahrelang miterlebt, wie sich die Frauen reihenweise meinem Bruder an den Hals warfen. Er hatte sich schonungslos genommen, was sie ihm geben konnten, und sie danach fallen gelassen. Bad Boys waren für ernsthafte Beziehungen völlig unbrauchbar. Gut, letzte Nacht hatte ich auch nicht gerade den Partner fürs Leben gesucht. Ich wollte eher so etwas wie eine positive sexuelle Erfahrung machen, bei der ich am Ende nicht von Tommy Byrnes wegen eines Blutflecks auf dem Rücksitz des Autos seiner Eltern angeschnauzt wurde. Oh Gott, was für eine grauenvolle Erinnerung. Tags darauf hatte mich der Mistkerl wegen eines Mädchens aus der Leichtathletikmannschaft sitzen gelassen, das nur halb so groß war wie ich. Und diese Kränkung allein reichte ihm nicht, er setzte auch noch gemeine Gerüchte über mich in Umlauf. Glücklicherweise wurde ich dadurch weder verbittert noch verkorkst, oh nein.

Was war vergangene Nacht passiert? In meinem Kopf herrschte ein einziges schmerzhaft pochendes Gedankenwirrwarr, bestehend aus unvollständigen verschwommenen Erinnerungsfetzen.

»Du musst etwas in den Magen bekommen«, entschied er. »Soll ich vielleicht trockenen Toast oder so für dich bestellen?«

»Nein.« Schon der Gedanke an Essen war zu viel für mich. Nicht einmal auf Kaffee hatte ich im Moment Lust, obwohl ich darauf eigentlich immer Lust hatte. Ich war schon drauf und dran zu fühlen, ob mein Puls überhaupt noch schlug. Stattdessen fuhr ich mir durch mein zerzaustes Haar und strich mir einige speckige Strähnen aus den Augen. »Nein. Ich – autsch!« Einige Haare hatten sich schmerzhaft in etwas verfangen. »Mist.«

»Warte.« Er entwirrte vorsichtig mein Haar und befreite es von was auch immer sich darin verhakt hatte. »So ist es besser.«

»Danke.« Ein Blitzen an meiner linken Hand erregte meine Aufmerksamkeit. Ein Ring. Aber nicht irgendein Ring, sondern ein wirklich fantastisches, gewaltiges Ding.

»Ach du heilige Scheiße«, flüsterte ich ehrfürchtig.

Der konnte unmöglich echt sein. Der Stein war beinahe obszön groß und musste ein Vermögen wert sein. Ich starrte ihn verzaubert an, drehte die Hand, ließ ihn funkeln. Der Ring war dick und schwer und der Diamant glitzerte und strahlte, als wäre er echt.

Nie im Leben.

»Ach so, was das angeht …«, sagte er und zog die dunklen Augenbrauen zusammen. Ich hatte den Eindruck, als wäre ihm der Anblick des Riesenklunkers an meinem Finger unangenehm. »Wenn du nach wie vor einen kleineren Ring haben möchtest, geht das für mich in Ordnung. Du hast schon recht, er ist wirklich ziemlich klobig.«

Ich hatte noch immer das Gefühl, ihn von irgendwoher zu kennen, und dieses Irgendwo hatte nichts mit der gestrigen Nacht oder dem heutigen Morgen oder diesem aberwitzig schönen Ring an meiner Hand zu tun.

»Du hast ihn mir gekauft?«, fragte ich verwundert.

Er nickte. »Ja, gestern Nacht. Bei Cartier.«

»Cartier?«, konnte ich nur flüstern. »Quatsch.«

Er starrte mich an. »Du kannst dich nicht mehr erinnern?«

Diese Frage wollte ich wirklich nur ungern beantworten. »Wie viel Karat sind das wohl? Zwei oder drei?«

»Fünf.«

»Fünf? Wow.«

»Was weißt du noch von gestern Nacht?«, fragte er ein klein wenig ungehalten.

»Also … Es ist alles ziemlich verschwommen.«

»Nein.« Er zog die Stirn so tief in Falten, dass sich sein gesamtes Gesicht verzerrte. »Das kann doch wohl nicht dein Ernst sein. Du weißt es tatsächlich nicht mehr?«

Was sollte ich darauf erwidern? Mein Mund stand unnütz offen. Ich wusste so vieles nicht. Allerdings war ich mir ziemlich sicher, dass Cartier keinen Modeschmuck anfertigte. In meinem Kopf drehte sich alles. Ein flaues Gefühl breitete sich in meiner Magengrube aus und Galle brannte mir in der Kehle, noch schlimmer als zuvor.

Ich würde mich nicht vor diesem Mann übergeben.

Nicht noch einmal.

Er atmete so tief ein, dass sich seine Nasenflügel blähten. »Mir ist wirklich nicht aufgefallen, dass du dermaßen betrunken warst. Gut, du hattest einiges intus, aber … Shit. Nun mal im Ernst. Du kannst dich wirklich nicht mehr daran erinnern, dass wir im Venetian Gondel gefahren sind?«

»Wir sind Gondel gefahren?«

»Oh Mann. Und dass du mir einen Burger gekauft hast? Hast du das auch vergessen?«

»Tut mir leid.«

»Moment mal.« Er machte die Augen schmal. »Du veralberst mich doch, oder?«

»Es tut mir wirklich schrecklich leid.«

Er zuckte irritiert zurück. »Soll das heißen, du hast wirklich absolut keine Erinnerung mehr daran, was passiert ist?«

»Nein«, gestand ich und schluckte angestrengt. »Was war denn letzte Nacht?«

»Wir haben geheiratet, verflucht noch mal.«

Diesmal schaffte ich es nicht bis zur Toilette.

Während ich mir die Zähne putzte, dachte ich angestrengt über die Scheidungsmodalitäten nach. Dann wusch ich mir die Haare und überlegte, was ich zu ihm sagen könnte, wenn ich wieder aus dem Bad käme. Immer mit der Ruhe. Ich durfte jetzt nichts überstürzen – nicht so wie vergangene Nacht, als wir uns offenbar Hals über Kopf das Jawort gegeben hatten. Es wäre falsch und töricht, erneut übereilt zu handeln. Entweder das, oder ich war schlicht und einfach ein Feigling, der gerade die ausgiebigste Dusche aller Zeiten nahm. Wahrscheinlich traf eher Letzteres zu.

Heilige Scheiße, was für ein Schlamassel. Es wollte mir einfach nicht in den Kopf. Verheiratet. Ich. Meine Lungen versagten mir den Dienst, ich geriet in Panik.

Eigentlich dürfte mein Wunsch, dieses Desaster schnellstmöglich ungeschehen zu machen, nicht überraschend für ihn kommen. Allein, dass ich ihm gerade vor die Füße gekotzt hatte, hätte ihm ein deutlicher Hinweis darauf sein müssen. Ich stöhnte auf und schlug vor Scham die Hände vors Gesicht. Sein angewiderter Gesichtsausdruck würde mich bis an mein Lebensende verfolgen.

Wenn meine Eltern hiervon erfuhren, würden sie mich umbringen. Ich hatte Pläne für mein Leben, Prioritäten. Ich studierte Architektur, um in die Fußstapfen meines Vaters zu treten. Eine Heirat passte im Moment nicht in dieses Bild. In zehn, fünfzehn Jahren vielleicht. Aber eine Ehe mit einundzwanzig? Ausgeschlossen. Ich hatte seit Jahren kein ernsthaftes Date mehr gehabt, und nun steckte plötzlich ein Ring an meinem Finger. Völlig absurd. Ich war geliefert. Diese verrückte Kapriole würde ich nicht vertuschen können.

Oder vielleicht doch?

Was, wenn meine Eltern nichts davon erfuhren? Niemals? In den vergangenen Jahren hatte ich es mir in gewisser Weise zur Gewohnheit gemacht, sie von jenen Dingen in meinem Leben auszuschließen, die sie womöglich als unangebracht, überflüssig oder einfach nur blödsinnig erachteten – und diese Ehe fiel höchstwahrscheinlich unter alle drei Kategorien.

Warum musste überhaupt jemand davon erfahren? Wie sollte irgendjemand etwas darüber herausfinden, wenn ich alles für mich behielt? Gar nicht. Die Antwort war unfassbar simpel.

»Ja!«, zischte ich und boxte euphorisch in die Luft. Unglücklicherweise erwischte ich dabei den Duschkopf, woraufhin Wasser unkontrolliert in alle Richtungen spritzte, unter anderem in mein Gesicht. Ich konnte nichts mehr sehen, doch das war mir egal. Ich hatte eine Lösung gefunden.

Verleugnung. Ich würde die Wahrheit mit ins Grab nehmen und niemand würde jemals ahnen, welche riesige, alkoholbedingte Dummheit ich begangen hatte.

Erleichtert lächelte ich in mich hinein. Der Panikanfall ließ langsam nach, sodass ich wieder Luft bekam. Gott sei Dank. Alles würde gut werden. Ich hatte einen neuen Plan, der mich wieder auf Kurs bringen und mir ermöglichen würde, meinen ursprünglichen Plan beizubehalten. Genial. Ich würde meinen ganzen Mut zusammennehmen, mich diesem Mann stellen und Klartext reden. Einundzwanzigjährige Frauen mit großen Lebensplänen heirateten nicht einfach wildfremde Männer in Vegas, ganz egal, wie wunderschön diese Fremden auch sein mochten. Es würde bestimmt gut gehen. Sicherlich würde er meine Bedenken verstehen. Wahrscheinlich saß er sowieso gerade selbst grübelnd vor der Tür und überlegte, wie er mich am schnellsten wieder loswerden könnte.

An meiner Hand schimmerte der Diamant. Ich brachte es noch nicht fertig, ihn abzunehmen. Als hinge eine große, glänzende, glitzernde Weihnachtsbaumkugel an meinem Finger. Eigentlich seltsam. Mein frischgebackener Ehemann erweckte nicht gerade den Eindruck, vermögend zu sein. Seine Jacke und seine Jeans waren ziemlich zerschlissen. Der Mann war ein Rätsel.

Moment mal. Was, wenn er in illegale Geschäfte verwickelt war? Womöglich hatte ich einen Kriminellen geheiratet. Schon kehrte die Panik mit voller Wucht zurück, mein Magen geriet ins Schlingern und mein Kopf pochte wieder heftiger. Ich wusste im Grunde rein gar nichts über jene Person, die im Nachbarzimmer auf mich wartete. Bevor ich ihn aus dem Bad gescheucht hatte, hatte ich ihn noch nicht einmal nach seinem Namen gefragt.

Ein Klopfen an der Tür ließ mich zusammenzucken.

»Evelyn?«, rief er von draußen und bewies damit, dass zumindest er meinen Namen kannte.

»Komme gleich.«

Ich drehte das Wasser ab, trat aus der Dusche und wickelte ein Handtuch um meinen Körper. Es war zwar kaum groß genug, um all meine Kurven zu bedecken, aber auf meinem Kleid waren Kotzflecken. Das würde ich bestimmt nicht anziehen.

»Hi.« Ich öffnete die Badezimmertür einen Spaltbreit. Obwohl ich nicht gerade klein war, überragte er mich um einen halben Kopf. Jetzt, da ich nur in einem Handtuch vor ihm stand, wirkte er auf einmal ziemlich einschüchternd. Ihm schien der Alkohol der vergangenen Nacht kaum zugesetzt zu haben. Er sah noch immer umwerfend aus – nicht bleich, teigig und durchweicht wie ich. Die Aspirintabletten hatten leider nicht die erhoffte Wirkung entfaltet.

Kein Wunder, schließlich hatte ich sie ja wieder erbrochen.

»Hey.« Er wich meinem Blick aus. »Hör zu, ich werde das regeln, okay?«

»Regeln?«

»Ja«, erwiderte er und vermied noch immer, mir in die Augen zu sehen. Der widerliche grüne Teppich des Hotelzimmers schien ihn dagegen ungemein zu faszinieren. »Meine Anwälte werden sich um alles kümmern.«

»Du hast Anwälte?« Kriminelle hatten Anwälte. Mist. Ich musste mich sofort von diesem Kerl scheiden lassen.

»Ja. Du musst dir um nichts Gedanken machen. Sie schicken dir die notwendigen Papiere oder was auch immer man für so etwas braucht. Keine Ahnung.« Er warf mir einen ärgerlichen Blick zu, presste die Lippen zu einer schmalen Linie aufeinander und zog die Lederjacke über seinen nackten Oberkörper. Sein T-Shirt hing noch immer zum Trocknen über dem Badewannenrand. Im Laufe der Nacht hatte ich mich offenbar auch darauf übergeben. Grauenhaft. An seiner Stelle hätte ich mich so schnell wie möglich von mir scheiden lassen und nie mehr zurückgeblickt.

»Es war ein Fehler«, sprach er meine Gedanken laut aus.

»Oh.«

»Was?« Sein Blick huschte zu meinem Gesicht. »Bist du anderer Meinung?«

»Nein«, beteuerte ich hastig.

»Das habe ich mir gedacht. Schade nur, dass es uns letzte Nacht noch so vernünftig erschien, oder?« Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und wandte sich zur Tür. »Mach’s gut.«

»Warte!« Dieser blöde, fantastische Ring wollte einfach nicht abgehen. Ich drehte ihn und zog daran, bis er schließlich klein beigab und von meiner Hand rutschte. Dabei zerkratzte ich mir den Finger. Blut tropfte auf die Fließen und hinterließ einen schmierigen Fleck. Das passte doch blendend zu dieser ganzen schmutzigen Affäre. »Hier.«

»Zum Teufel noch mal«, fluchte er und blickte den funkelnden Ring auf meiner Handfläche so finster an, als hätte er ihm etwas getan. »Behalt ihn.«

»Das geht nicht. Der hat bestimmt ein Vermögen gekostet.«

Er zuckte abfällig mit den Schultern.

»Bitte.« Ich streckte ihm die Hand hin und wedelte mit dem Ring vor ihm herum, um endlich den Beweis für meine alkoholselige Blödheit loszuwerden. »Er gehört dir. Du musst ihn nehmen.«

»Nein, das werde ich nicht.«

»Aber …«

Ohne ein weiteres Wort stürmte er zur Tür hinaus und knallte sie dermaßen hinter sich zu, dass die Wände wackelten.

Oh Mann. Ich ließ die Hand kraftlos sinken. Der ging aber schnell in die Luft. Gut, ich hatte ihm auch einigen Anlass gegeben, wütend zu sein. Trotzdem wünschte ich mir in diesem Moment, mich doch erinnern zu können, was letzte Nacht zwischen uns geschehen war. Ein winziges Erinnerungsfetzchen hätte mir schon genügt.

Meine linke Pobacke fühlte sich wund an. Ich rieb vorsichtig über die schmerzende Stelle. Offenbar hatte nicht nur meine Würde Schaden genommen, sondern ich hatte mir im Eifer des Gefechts auch noch den Hintern gestoßen. Wahrscheinlich war ich betrunken gegen ein Möbelstück geprallt oder aus meinen neuen hohen Schuhen gekippt – diesen teuren Schuhen, die laut Lauren so gut zu dem Kleid passten und von denen ich keine Ahnung hatte, wo sie geblieben waren. Hoffentlich hatte ich sie nicht verloren. In Anbetracht meiner spontanen Hochzeit hätte mich inzwischen nichts mehr überrascht.

Ich ging zurück ins Badezimmer und erinnerte mich plötzlich an ein merkwürdiges, surrendes Geräusch, an Gelächter und seine Stimme, die in mein Ohr flüsterte. Das ergab alles keinen Sinn.

Ich zog das Handtuch ein Stückchen hoch, stellte mich auf Zehenspitzen und inspizierte meinen üppigen Po im Spiegel. Schwarze Buchstaben auf knallroter Haut.

Mir blieb die Luft weg.

Auf meiner linken Pobacke stand ein Wort. Ein Name.

David.

Ich fuhr herum und beugte mich würgend über das Waschbecken.

2

Lauren saß neben mir im Flugzeug und spielte an meinem iPhone herum. »Ich begreife einfach nicht, wie du so einen schlechten Musikgeschmack haben kannst. Wir sind doch schon so lange befreundet. Hast du nichts von mir gelernt?«

»Doch. Dass ich keinen Tequila trinken sollte.«

Sie verdrehte die Augen.

Über unseren Köpfen leuchteten die Anschnallzeichen auf und eine freundliche Stimme bat uns, unsere Sitze für die in wenigen Minuten bevorstehende Landung in eine aufrechte Position zu bringen. Ich schluckte den Rest des abartigen Flugzeugkaffees hinunter und schüttelte mich. Tatsache war: Heute konnte mir Koffein nicht helfen, egal welcher Qualität.

»Ich meine es todernst«, bekräftigte ich. »Außerdem werde ich, solange ich lebe, keinen Fuß mehr in den Staat Nevada setzen.«

»Findest du diese Reaktion nicht ein wenig übertrieben?«

»Ganz und gar nicht.«

Lauren war knapp zwei Stunden vor unserem Rückflug wieder im Hotel aufgetaucht. In der Zwischenzeit war ich damit beschäftigt gewesen, meine kleine Tasche wieder und wieder zu packen, in dem Versuch, zumindest ein wenig Ordnung in mein Leben zu bringen. Ich freute mich, Lauren bei ihrer Rückkehr so glücklich zu sehen. Die Fahrt zum Flughafen wurde allerdings zu einem Wettlauf mit der Zeit. Sie und der niedliche Kellner, den sie kennengelernt hatte, würden wohl in Kontakt bleiben. Lauren war es schon immer leichtgefallen, mit Jungs ins Gespräch zu kommen. Ich dagegen war eher ein Mauerblümchen. Mein Plan, mich in Las Vegas vögeln zu lassen, hätte dieser tristen Existenz eigentlich ein Ende bereiten sollen. So viel dazu.

Lauren studierte Wirtschaftswissenschaften und ihr Äußeres wie auch ihre Persönlichkeit waren einfach bezaubernd. Ich dagegen war eher unförmig. Deswegen ging ich zu Hause in Portland auch so viel wie möglich zu Fuß und verkniff mir, die Kuchen in der Auslage des Cafés, in dem ich arbeitete, zu probieren. So blieb zumindest meine Taille einigermaßen im Rahmen. Meine Mutter sah das allerdings anders. Sie predigte mir ständig Schlankheitsweisheiten, zum Beispiel, keinen Zucker in meinen Kaffee zu geben. Wahrscheinlich befürchtete sie, dass davon augenblicklich meine Oberschenkel explodieren würden oder so.

Lauren hatte drei ältere Brüder und wusste daher, wie man mit Jungs reden musste. Sie ließ sich nie einschüchtern und versprühte überall Charme. Ich hatte ebenfalls einen älteren Bruder, doch seit dem Tag, an dem er von zu Hause ausgezogen war und nur einen Zettel hinterlassen hatte, sahen wir uns nur noch an wichtigen Feiertagen. Nathan war ein aufbrausender Mensch mit einem Talent dafür, sich permanent in Schwierigkeiten zu bringen. In der Highschool war er der Bad Boy gewesen, hatte ständig geschwänzt oder sich in Prügeleien verwickeln lassen. Allerdings wäre es ungerecht, meine Misserfolge bei Jungs auf die nichtexistente Beziehung zu meinem Bruder zu schieben. Meine Unzulänglichkeiten hatte ich mir schon selbst zuzuschreiben – zumindest zum Großteil.

»Hör dir das mal an.« Lauren stöpselte meine Kopfhörer in ihr Smartphone. In meinem Schädel explodierte der heulende Klang von E-Gitarren. Ein unglaublicher Schmerz. Meine Kopfschmerzen erwachten hämmernd wieder zum Leben. Von meinem Gehirn war nichts weiter übrig als blutiger roter Matsch.

Ich riss mir die Kopfhörer aus den Ohren. »Nicht. Bitte.«

»Aber das sind Stage Dive.«

»Und sie sind wirklich großartig, aber lass uns das vielleicht auf ein andermal verschieben.«

»Manchmal mache ich mir ernsthaft Sorgen um dich. Nur, damit du es weißt.«

»Nichts spricht gegen leise Countrymusik.«

Lauren gab ein Schnauben von sich und fuhr sich durch ihre langen, schwarzen Haare. »Es spricht aber auch nichts für sie, egal, welche Lautstärke sie hat. Aber jetzt erzähl mir doch mal, was du gestern Nacht so erlebt hast – mal abgesehen von der Zeit, die du durch die Gegend getorkelt bist.«

»Eigentlich gibt es nicht viel mehr zu berichten.« Je weniger ich ihr verriet, desto besser. Wie hätte ich ihr auch jemals erklären können, was ich angerichtet hatte? Trotzdem fühlte ich mich schuldig und rutschte unruhig auf meinem Sitz herum, wogegen sofort meine tätowierte Pobacke protestierte.

Ich hatte Lauren nicht in meinen glorreichen Vegas-Sex-Plan eingeweiht. Bestimmt hätte sie mir helfen wollen, aber Sex ist meiner Ansicht nach keine Sache, bei der man Hilfe annehmen sollte – außer vom betreffenden Sexualpartner natürlich. Wahrscheinlich hätte ihre Unterstützung darin bestanden, dass sie mich zu jedem süßen Kerl in Sichtweite geschleppt und mit meiner sofortigen Verfügbarkeit geworben hätte.

Ich liebte Lauren und hätte ihre Loyalität niemals infrage gestellt, aber Zurückhaltung war nun wirklich nicht ihre Stärke. In der fünften Klasse hatte sie einem Mädchen eins auf die Nase gegeben, weil es sich über mein Gewicht lustig gemacht hatte. Seitdem waren wir Freundinnen. Bei Lauren wusste man immer, woran man war. Und das schätzte ich die meiste Zeit an ihr, nur nicht, wenn Diskretion angebracht war.

Erfreulicherweise verkraftete mein angeschlagener Magen die unsanfte Landung recht gut. In der Sekunde, in der das Fahrwerk auf die Rollbahn traf, atmete ich erleichtert auf. Ich war wieder in meiner Heimatstadt. Du wundervolles Oregon, du bezauberndes Portland, nie wieder werde ich euch untreu sein. Die Silhouette der Berge in der Ferne und die vielen Bäume verliehen dieser Stadt eine einzigartige Schönheit. Vielleicht wäre es ein wenig übertrieben, mein ganzes Leben hier verbringen zu wollen, aber dennoch war es großartig, wieder zu Hause zu sein. Nächste Woche würde ich mit einem außerordentlich wichtigen Praktikum beginnen, das mein Vater mir aufgrund seiner Beziehungen organisiert hatte. Zudem musste ich mich mit meinem Stundenplan fürs nächste Semester beschäftigen.

Alles würde gut werden. Ich hatte meine Lektion gelernt. Normalerweise beschränkte ich mich immer auf drei Drinks. Drei Drinks waren eine gute Menge. Sie beschwingten mich, animierten mich jedoch nicht dazu, mich kopfüber in eine Katastrophe zu stürzen. Nie wieder würde ich diese Grenze überschreiten. Ich war wieder mein gutes altes, durchorganisiertes Selbst. Abenteuer waren nicht cool. Diesen Punkt hatte ich endgültig abgehakt.

Wir standen auf, um unser Handgepäck aus den Fächern zu holen. Alles drängte in Richtung Ausgang. Die Flugbegleiterinnen verfolgten routiniert lächelnd, wie wir an ihnen vorbei in den Passagiertunnel stapften. Von der Passkontrolle ging es weiter zur Gepäckausgabe. Glücklicherweise mussten wir uns dort nicht aufhalten, denn wir hatten nur Handgepäck mitgenommen. Ich konnte es kaum erwarten, endlich nach Hause zu kommen.

Vor uns erhob sich Geschrei. Blitzlichtgewitter. Offenbar hatte ein Prominenter mit uns im Flugzeug gesessen. Die Leute vor uns blieben stehen und drehten sich um. Ich sah ebenfalls hinter mich, entdeckte jedoch kein bekanntes Gesicht.

»Was ist denn los?«, wollte Lauren wissen und ließ den Blick durch die Menge schweifen.

»Ich weiß nicht.« Ich balancierte auf Zehenspitzen und spürte schon, wie ich von der Aufregung um uns herum angesteckt wurde.

Dann hörte ich ihn. Meinen Namen. Unaufhörlich wurde er gerufen. Lauren spitzte verwundert die Lippen. Mir klappte die Kinnlade herunter.

»Wann kommt das Baby?«

»Evelyn, ist David bei Ihnen?«

»Wird es noch eine weitere Hochzeitsfeier geben?«

»Wann beabsichtigen Sie, nach L.A. zu ziehen?«

»Werden Sie David Ihren Eltern vorstellen?«

»Evelyn, bedeutet das das Aus für Stage Dive?«

»Stimmt es, dass Sie sich Ihre jeweiligen Namen tätowieren ließen?«

»Wie lange kennen Sie und David sich schon?«

»Was sagen Sie zu den Anschuldigungen, dass Sie die Band zerstören würden?«

Mein Name und seiner und eine Unzahl Fragen vermischten sich zu einem chaotischen Rauschen, einem kaum zu ertragenden Klangteppich. Ich stand mit offenem Mund da und starrte fassungslos und geblendet in die Blitzlichter, während die Menschenmassen sich um mich drängten. Mein Herz hämmerte wie wild. Ich konnte Menschenansammlungen noch nie leiden und ein Fluchtweg war nicht in Sicht.

Lauren kam als Erste wieder zu sich.

Sie setzte mir ihre Sonnenbrille auf die Nase, packte mich an der Hand und manövrierte mich durch die Meute, wobei sie großzügig von ihren Ellbogen Gebrauch machte. Die Welt um mich herum verschwamm, was wohl an den optischen Gläsern in ihrer Brille lag. Ich konnte von Glück sagen, dass ich nicht hinfiel. Wir flüchteten aus dem Flughafen und drängten uns an einer Schlange wartender Menschen vorbei zu einem Taxi. Sie schimpften uns hinterher, doch wir achteten nicht darauf.

Die Paparazzi waren uns auf den Fersen.

Wir wurden tatsächlich von Paparazzi verfolgt. Wenn ich sie nicht selbst gesehen hätte, hätte ich es nicht geglaubt.

Lauren schubste mich auf den Rücksitz des Taxis. Ich kroch über die Sitzbank, kauerte mich zusammen und versuchte, mich möglichst unsichtbar zu machen. Nichts wünschte ich mir in diesem Augenblick mehr, als tatsächlich verschwinden zu können.

»Los! Schnell!«, rief Lauren dem Fahrer zu.

Der Taxifahrer nahm sie beim Wort und schoss aus der Parklücke. Wir rutschten über den spröden Kunststoffbezug der Rückbank. Mein Kopf stieß gegen die (glücklicherweise gepolsterte) Rückseite des Fahrersitzes. Lauren zerrte den Sicherheitsgurt über mich und rammte das Endstück in den Verschluss. Meine eigenen Hände wollten mir nicht mehr gehorchen. Ich zitterte und bibberte am ganzen Leib.

»Sprich mit mir«, bat sie.

»Äh …« Ich bekam kein Wort heraus. Ich schob mir ihre Sonnenbrille auf den Kopf und stierte ins Leere. Meine Rippen schmerzten und mein Herz hämmerte noch immer wie wild.

»Ev?«, fragte sie schmunzelnd und tätschelte mein Knie. »Hast du vielleicht zufällig während unseres Trips geheiratet?«

»Ich … Ja. Das, ähm, habe ich. Glaube ich.«

»Wow.«

Und dann sprudelte es nur so aus mir heraus. »Oh Gott, Lauren, ich habe riesigen Mist gebaut und kann mich an fast nichts mehr erinnern. Ich wachte auf und da war er und dann war er so sauer auf mich und ich kann ihm nicht mal einen Vorwurf daraus machen. Ich wusste nicht, wie ich es dir sagen sollte. Ich wollte einfach so tun, als wäre nichts geschehen.«

»Ich glaube, das kannst du jetzt vergessen.«

»Ja.«

»Okay. Eigentlich ist das ja keine große Sache. Du bist eben verheiratet.« Lauren nickte und war schon fast unheimlich gelassen. Keine Wut, keine Vorhaltungen. Ich fühlte mich schrecklich, weil ich mich ihr nicht schon früher anvertraut hatte. Normalerweise teilten wir alles miteinander.

»Entschuldige bitte«, sagte ich kleinlaut. »Ich hätte es dir erzählen sollen.«

»Ja, das hättest du allerdings. Schwamm drüber.« Sie strich ihren Rock glatt, als säßen wir bei Tee und Gebäck. »So, wen hast du denn nun geheiratet?«

»D-David. Er heißt David.«

»David Ferris vielleicht?«

Der Name kam mir bekannt vor. »Könnte sein.«

»Wohin fahren wir?«, erkundigte sich der Taxifahrer, ohne die Straße aus den Augen zu lassen. Er schlängelte sich mit überhöhter Geschwindigkeit durch den dichten Verkehr. Wäre ich nicht völlig gefühllos gewesen, hätte ich eventuell Angst verspürt und womöglich auch wieder mit Übelkeit zu kämpfen gehabt. Vielleicht auch mit Todesangst. Doch ich empfand rein gar nichts.

»Ev?« Lauren drehte sich um und spähte zur Heckscheibe hinaus. »Wir haben sie noch nicht abgehängt. Wo willst du hin?«

»Nach Hause.« Das war der erste Ort, der mir in den Sinn kam. »Zu meinen Eltern, meine ich.«

»Gute Idee. Sie haben einen Zaun.« Ohne Luft zu holen ratterte Lauren die Adresse für den Fahrer herunter. Dann schob sie mir stirnrunzelnd die Sonnenbrille wieder ins Gesicht. »Behalt sie auf.«

Die Welt um mich herum verschwamm erneut. Ich lachte auf. »Meinst du, das wird jetzt noch etwas helfen?«

»Nein«, entgegnete sie und warf ihr langes Haar zurück. »Aber in derartigen Situationen tragen die Leute immer Sonnenbrillen. Vertrau mir.«

»Du siehst zu viel fern.« Ich schloss die Augen. Die Brille war bei meinem Kater nicht gerade angenehm. Genauso wie das ganze andere Chaos. Alles meine eigene verdammte Schuld. »Tut mir leid, dass ich nichts gesagt habe. Ich wollte nicht heiraten. Ich kann mich nicht mal erinnern, was genau passiert ist. Das ist alles ein …«

»Beschissenes Durcheinander?«

»Das trifft es.«

Lauren legte seufzend den Kopf auf meine Schulter. »Du hast recht, du solltest wirklich nie mehr Tequila trinken.«

»Genau«, stimmte ich ihr zu.

»Tust du mir einen Gefallen?«

»Hm?«

»Zerstör nicht meine Lieblingsband.«

»Ohmeingott.« Ich riss mir die Sonnenbrille wieder vom Gesicht und runzelte so stark die Stirn, dass mir der Kopf wehtat. »Der Gitarrist. Er ist der Gitarrist. Daher kenne ich ihn.«

»Ja, er spielt bei Stage Dive Gitarre. Gut erkannt.«

Er war der David Ferris. Seit Jahren hing er an Laurens Wand. Zugegeben – er war der Letzte, neben dem ich erwartet hätte, irgendwann mal aufzuwachen, ob nun auf dem Boden eines Badezimmers oder anderswo. Aber wie zum Teufel hatte ich ihn nicht erkennen können? »Darum konnte er sich den Ring leisten.«

»Welchen Ring?«

Ich drückte mich in den Sitz, fischte das Monster aus meiner Jeanstasche und befreite es von den Fusseln, die sich darauf angesammelt hatten. Der Diamant glitzerte anklagend im hellen Licht.

Neben mir begann Lauren zu beben, konnte das Lachen nur mit Mühe unterdrücken. »Heilige Muttergottes, der ist ja riiiesengroß.«

»Ich weiß.«

»Nein, wirklich.«

»Ich weiß.«

»Scheiße, ich mache mir gleich in die Hose«, kreischte sie, fächerte sich Luft zu und hopste auf dem Sitz auf und ab. »Sieh dir nur das Ding an!«

»Lauren, hör auf. Wir dürfen nicht beide durchdrehen. Das geht schief.«

»Stimmt. Sorry.« Sie räusperte sich, sichtlich um Selbstbeherrschung bemüht. »Wie viel ist der wohl wert?«

»Darüber will ich nicht mal nachdenken.«

»Das. Ist. Irre.«

Wir bewunderten in andächtigem Schweigen den Klunker in meiner Hand. Plötzlich begann Lauren wieder, wie ein Kind im Zuckerrausch herumzuhopsen. »Ich weiß! Wir verkaufen ihn und machen von dem Erlös eine Rucksacktour durch Europa. Mann, für dieses Schmuckstück kriegen wir wahrscheinlich genug Geld, um den Globus gleich mehrmals zu umrunden. Stell dir das doch mal vor.«

»Das dürfen wir nicht«, widersprach ich, obwohl ihre Idee verlockend klang. »Ich muss ihm den Ring irgendwie zurückgeben. Ich kann ihn unmöglich behalten.«

»Wie schade.« Sie grinste. »Na, dann lass dir gratulieren. Du bist mit einem Rockstar verheiratet.«

Ich verstaute den Ring wieder in meiner Tasche. »Danke. Und was zur Hölle soll ich jetzt tun?«

»Ehrlich gesagt weiß ich das auch nicht.« Sie schüttelte den Kopf über mich. »Damit hast du wirklich all meine Erwartungen übertroffen. Ich wollte, dass du ein wenig lockerer wirst, ein bisschen erwachsener und der Männerwelt noch mal eine Chance gibst. Aber damit hast du eine völlig neue Stufe des Irrsinns erreicht. Hast du wirklich ein Tattoo?«

»Ja.«

»Ein Tattoo seines Namens?«

Ich nickte seufzend.

»Und wo, wenn ich fragen darf?«

Ich kniff fest die Augen zu. »Auf meiner linken Pobacke.«

Lauren lachte brüllend los, so heftig, dass ihr Tränen über die Wangen liefen.

Toll.

3

Dads Handy klingelte kurz vor Mitternacht. Mein eigenes hatte ich da schon längst ausgeschaltet, und auch vom Telefon im Haus meiner Eltern hatten wir den Stecker gezogen, nachdem es unaufhörlich geläutet hatte. Inzwischen war schon zweimal die Polizei gekommen, um Neugierige aus dem Vorgarten zu verjagen. Mom hatte schlussendlich eine Schlaftablette genommen und war zu Bett gegangen. Sie hatte das Chaos, das ihre kleine, geordnete Welt vollkommen durcheinanderbrachte, nicht sehr gut verkraftet. Dad dagegen kam nach einem ersten Wutanfall erstaunlich gut mit der Situation zurecht. Schließlich zeigte ich mich angemessen reuig und wollte die Scheidung. Im Gegenzug war er bereit, mein Handeln überschießenden Hormonen oder dergleichen zuzuschreiben. Doch das änderte sich schlagartig, als er auf das Display seines Handys blickte.

»Leyton?« Während er ins Telefon sprach, durchbohrte er mich mit finsteren Blicken. Sofort rutschte mir das Herz in die Hose. Nur Eltern schafften es, einen dermaßen zu konditionieren. Ich hatte ihn enttäuscht. Wir beide wussten das. Wir kannten nur einen Leyton und es konnte nur einen Grund geben, weshalb er ausgerechnet heute und um diese Uhrzeit anrief.

»Ja«, sagte mein Vater, »das ist eine wirklich unglückliche Situation.« Die Falten um seinen Mund vertieften sich zu Felsspalten. »Verständlich. Ja. Dann gute Nacht.«

Er umklammerte das Handy. Dann schleuderte er es auf den Esstisch. »Dein Praktikum wurde abgesagt.«

Meine Lungenflügel schrumpften auf die Größe eines Pennys und ich bekam keine Luft mehr.

»Leyton findet zu Recht, dass unter den gegebenen Umständen …« Die Stimme meines Vaters verlor sich. Um mich in einem der renommiertesten Architekturbüros von Portland unterzubringen, hatte er alte Kontakte reaktivieren und noch ältere Gefallen einfordern müssen. Doch ein Telefonanruf von dreißig Sekunden hatte genügt, um alles zu zerstören.

Jemand pochte wild an die Tür. Wir beachteten den Lärm nicht weiter. Schon seit Stunden hämmerten irgendwelche Leute dagegen.

Dad begann, im Wohnzimmer auf und ab zu tigern. Ich sah ihm benommen dabei zu.

In meiner Kindheit waren derartige Konfliktsituationen immer nach dem gleichen Muster abgelaufen. Nathan prügelte sich in der Schule. Die Schule verständigte unsere Mutter. Unsere Mutter bekam einen Nervenzusammenbruch. Nate verkroch sich in seinem Zimmer oder, noch schlimmer, verschwand tagelang. Dad kam nach Hause und tigerte auf und ab. Und ich steckte mittendrin und versuchte, die Vermittlerin zu spielen, die Expertin, die die Wogen glättete. Warum zum Teufel fand ich mich jetzt selbst inmitten eines verfluchten Tsunamis wieder?

Auch später war ich ziemlich pflegeleicht gewesen. In der Highschool bekam ich immer gute Noten und anschließend wechselte ich auf dasselbe hiesige College, das auch schon mein Vater besucht hatte. Mir fehlte vielleicht sein Designtalent, doch dafür war ich fleißig und strengte mich an, um die Noten zu erhalten, die ich brauchte, um weiterzukommen. Seit meinem fünfzehnten Lebensjahr jobbte ich im selben Café. Mein einziger Akt der Rebellion hatte darin bestanden, mit Lauren zusammenzuziehen. Alles in allem war ich doch erstaunlich langweilig. Wenn ich einmal etwas tat, von dem ich wusste, dass es meinen Eltern nicht gefallen würde, bog ich es so hin, dass sie nichts davon erfuhren und weiterhin ruhig schlafen konnten. Allerdings schlug ich wirklich nur selten über die Stränge – wie auf dieser merkwürdigen Party. Das war die Episode mit Tommy vor vier Jahren. Nichts hatte mich darauf vorbereiten können.

Nicht nur die Presse belagerte uns. Auf dem Rasen vor dem Haus hockten weinende Menschen mit Plakaten, auf denen sie ihre Liebe zu David verkündeten. Ein Mann reckte einen altmodischen Ghettoblaster, aus dem laute Musik dröhnte, hoch über seinen Kopf. Den Song »San Pedro« schienen sie besonders zu mögen. Jedes Mal, wenn der Sänger zum Refrain ansetzte, grölten alle mit: »But the sun was low and we’d no place to go …«

Anscheinend beabsichtigten sie, mich später noch symbolisch zu verbrennen.

Sollten sie ruhig. Ich wollte sowieso nur noch sterben.

Mein großer Bruder Nathan hatte Lauren abgeholt, um sie in seine Wohnung mitzunehmen. Wir hatten uns seit Weihnachten nicht mehr gesehen, doch verzweifelte Situationen erforderten ja bekanntlich verzweifelte Maßnahmen. Das Apartment, in dem Lauren und ich wohnten, wurde ebenso belagert wie mein Elternhaus. Dorthin konnte sie also auf keinen Fall zurück. Ihre Freunde und ihre Familie wollte sie auch nicht in die Sache verwickeln. Die Behauptung, dass Nathan sich über meine missliche Lage freute, wäre wenig nett gewesen. Nicht ganz unzutreffend, aber wenig nett. Bisher war immer er es gewesen, der in Schwierigkeiten geraten war. Doch diesmal hatte ich es vermasselt. Nathan hatte sich noch nie versehentlich in Las Vegas trauen und tätowieren lassen.

Natürlich hatte einer dieser nervigen Reporter meine Mutter unbedingt nach ihrer Meinung zu dem Tattoo fragen müssen. Diese Katze war also auch aus dem Sack und offensichtlich würde mich nun kein anständiger Junge aus gutem Hause mehr heiraten wollen. Nachdem bisher ihrer Ansicht nach meine Speckröllchen potenzielle Verehrer vergrault hatten, konnte sie nun alles auf die Tätowierung schieben. Ich verzichtete darauf, sie daran zu erinnern, dass ich bereits verheiratet war.

Wieder hämmerte jemand gegen die Vordertür. Dad sah mich fragend an. Ich zuckte mit den Schultern.

»Ms Thomas?«, erklang draußen eine tiefe, dröhnende Stimme. »David schickt mich.«

Von wegen. »Ich rufe die Polizei.«

»Nein, warten Sie. Bitte«, beschwor mich die kraftvolle Stimme. »Ich habe ihn am Telefon. Bitte öffnen Sie die Tür, damit ich es Ihnen hineinreichen kann.«

»Nein.«

Vor der Tür erklang ein dumpfes Raunen. »Er sagt, ich solle Sie nach seinem T-Shirt fragen.«

Das Shirt, das er in Vegas zurückgelassen hatte. Es steckte in meiner Reisetasche, noch immer etwas klamm. Hm. Vielleicht … Nein, ich war noch immer nicht überzeugt. »Was sonst noch?«

Wieder Gemurmel. »Er sagt, er wolle nach wie vor diesen – bitte entschuldigen Sie, Miss – ›beschissenen Ring‹ nicht zurück.«

Ich öffnete die Tür einen Spaltbreit, ließ jedoch die Sicherheitskette vorgelegt. Ein Mann, der aussah wie eine Bulldogge im schwarzen Anzug, überreichte mir ein Mobiltelefon.

»Hallo?«

Im Hintergrund hörte ich laute Musik und Stimmengewirr. Offenbar ließ sich David von dem kleinen Hochzeitszwischenfall nicht den Spaß verderben.

»Ev?«

»Ja.«

Er stockte. »Hör zu, es ist wahrscheinlich am besten, wenn du dich eine Weile bedeckt hältst, bis Gras über die Sache gewachsen ist, okay? Sam wird dich dort herausholen. Er gehört zu meinem Security-Team.«

Sam lächelte mir freundlich zu. Ich hatte schon Berge gesehen, die kleiner waren als dieser Typ.

»Wo sollte ich denn hin?«

»Er … Ähm … Er bringt dich zu mir. Wir kriegen das schon wieder hin.«

»Zu dir?«

»Ja, du musst sowieso noch die Scheidungspapiere und den ganzen Kram unterschreiben. Da kannst du genauso gut herkommen.«

Eigentlich wollte ich mich weigern. Aber die Aussicht, meine Eltern von dem Chaos in ihrem Vorgarten zu befreien, war zu verlockend. Ebenso die Chance, von hier zu verschwinden, ehe Mom wieder wach wurde und von dem Praktikum erfuhr. Trotzdem hatte ich noch nicht vergessen, wie er erst heute Morgen – berechtigterweise oder nicht – aus meinem Leben gestürmt war. Langsam nahm ein Notfallplan in meinem Kopf Gestalt an. Nachdem sich das Praktikum in Luft aufgelöst hatte, könnte ich ja wieder im Café arbeiten. Ruby würde sich sicher sehr freuen, wenn ich ihr Vollzeit zur Verfügung stehen würde. Allerdings würde ich mit dieser irren Horde im Schlepptau unmöglich dort auftauchen können.

Meine Optionen waren äußerst beschränkt und keine gefiel mir sonderlich. Trotzdem zauderte ich noch immer. »Ich weiß nicht recht …«

Er stieß einen äußerst gequälten Seufzer aus. »Was willst du denn sonst tun?«

Gute Frage.

Draußen vor der Tür herrschte noch immer das totale Chaos. Fotoapparate blitzten, Menschen schrien. Vollkommen surreal. Davids Alltag mochte so aussehen, doch ich hatte keine Ahnung, wie ich damit umgehen sollte.

»Hör zu, du musst von dort verschwinden«, erklärte er forsch, fast ein wenig kühl. »Das beruhigt sich alles bald wieder.«

Mein Vater stand händeringend neben mir. David hatte recht. Ich musste um jeden Preis die Menschen, die ich liebte, von diesem Chaos befreien. Das war das Mindeste, was ich für sie tun konnte.

»Ev?«

»Entschuldige bitte. Ja. Ich nehme dein Angebot gerne an«, stimmte ich zu. »Danke.«

»Gib Sam das Telefon zurück.«

Ich tat, wie mir geheißen, und zog gleichzeitig die Tür ganz auf, damit der bullige Sam hereinkommen konnte. Er war nicht übermäßig groß, dafür aber muskulös und ziemlich breit gebaut. Er nickte mehrmals hintereinander, sagte ein paarmal »Ja, Sir« ins Telefon und legte schließlich auf. »Ein Wagen steht für Sie bereit, Ms Thomas.«

»Nein«, widersprach mein Vater.

»Dad …«

»Du kannst diesem Mann nicht blindlings vertrauen. Sieh dir doch nur an, was bisher alles geschehen ist.«

»Du darfst nicht ihm allein die Schuld geben. Ich habe auch meinen Teil dazu beigetragen.« Die ganze Situation war mir zwar äußerst peinlich, aber es brachte auch nichts, sich zu verstecken. »Ich muss das in Ordnung bringen.«

»Nein«, sprach er ein väterliches Machtwort.

Bloß war ich kein kleines Mädchen mehr und wir diskutierten hier auch nicht, ob in unserem Garten genug Platz für ein Pony wäre. »Tut mir leid, Dad. Aber meine Entscheidung steht fest.«

Er starrte mich ungläubig an und bekam einen roten Kopf. Bisher hatte ich bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen mein Dad sich derart unerbittlich gezeigt hatte, stets am Ende eingelenkt (oder still und heimlich hinter seinem Rücken getan, was ich wollte). Doch diesmal … hatte er mich nicht überzeugt. Mein Vater erschien mir mit einem Mal alt und unsicher. Außerdem betraf dieses Problem nur mich. Ganz allein mich.

»Bitte vertrau mir«, appellierte ich an ihn.

»Ev, Liebling, du brauchst das nicht zu tun«, wechselte er nun die Taktik. »Wir können gemeinsam eine Lösung finden.«

»Bestimmt, aber seine Anwälte sind bereits mit dem Fall befasst. Glaub mir, so ist es für uns alle am besten.«

»Solltest du dir nicht ebenfalls einen Anwalt nehmen?«, wandte er ein. Auf seinem Gesicht erschienen neue, tiefe Falten, als hätte dieser eine Tag ihn um Jahre altern lassen. Schon wieder verspürte ich Schuldgefühle.

»Ich werde mich umhören und dir einen Anwalt besorgen. Ich möchte nicht, dass du übervorteilt wirst«, erklärte er. »Irgendjemand muss doch einen guten Scheidungsanwalt empfehlen können.«

»Dad, von meiner Seite aus steht nicht gerade ein Vermögen auf dem Spiel. Wir werden uns bemühen, diese Sache möglichst unkompliziert zu beenden«, beteuerte ich und lächelte gezwungen. »Mach dir keine Sorgen. Wir regeln das unter uns und dann komme ich wieder zurück.«

»Wir? Schätzchen, du kennst diesen Mann doch kaum. Du darfst ihm nicht trauen.«

»Aber die halbe Welt verfolgt doch jeden unserer Schritte. Was könnte schlimmstenfalls passieren?« Ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass ich das niemals herausfinden würde.

»Du begehst einen Fehler«, stöhnte er sorgenvoll. »Ich weiß, du bist wegen des Praktikums genauso enttäuscht wie ich, aber wir dürfen jetzt nicht kopflos handeln, sondern müssen alles in Ruhe durchdenken.«

»Ich habe bereits alles durchdacht. Ich muss dafür sorgen, dass du und Mom nicht mehr unter diesem Chaos dort draußen leiden müsst.«

Dad blickte in den dunklen Korridor, in Richtung des Schlafzimmers, in dem Mom in medikamentösem Schlaf lag. Mein Vater sollte sich keinesfalls zwischen uns beiden entscheiden müssen.

»Das klappt schon«, behauptete ich und versuchte, selbst daran zu glauben. »Wirklich.«

Er ließ resigniert den Kopf hängen. »Ich glaube noch immer, dass du einen Fehler machst. Bitte ruf mich an, falls du etwas brauchst. Und wenn du wieder zurückkommen willst, kann ich dir sofort einen Flug organisieren.«

Ich nickte.

»Ich meine es ernst. Melde dich bei mir, wenn du Hilfe brauchst.«

»Ja, das werde ich.« Nein, das würde ich nicht.

Ich schnappte mir meine Reisetasche, die ich seit Vegas noch nicht ausgepackt hatte. Ich würde keine frische Kleidung mitnehmen können, denn all meine Kleider befanden sich in meiner Wohnung. Ich strich mir das Haar glatt und klemmte mir einige widerspenstige Strähnen hinter die Ohren, um zumindest optisch den Anschein zu erwecken, kein komplettes Wrack zu sein.

»Du warst immer mein liebes Mädchen«, seufzte Dad wehmütig.

Ich wusste nichts darauf zu erwidern.

Er tätschelte meinen Arm. »Ruf mich an.«

»Ja.« Ich spürte einen Kloß im Hals. »Sag Mom Auf Wiedersehen von mir. Ich melde mich bald.«

Sam trat vor. »Sir, Ihre Tochter ist bei uns in guten Händen.«

Ich wartete Dads Erwiderung nicht ab, sondern trat zum ersten Mal seit Stunden wieder vor die Tür. Sofort brach ein höllischer Tumult los. Der instinktive Drang, den Schwanz einzuziehen und zu flüchten, war überwältigend. Doch dank des großen, starken Sam an meiner Seite fürchtete ich mich nicht mehr ganz so sehr wie zuvor. Er legte locker einen Arm um mich und bugsierte mich vom Haus fort, den Gartenweg entlang auf die wartenden Menschenmassen zu. Ein weiterer Mann im schwarzen Anzug kam von der anderen Seite auf uns zu und bahnte uns einen Weg durch die Menge. Der Lärm wurde ohrenbetäubend. Eine Frau kreischte, dass sie mich hassen würde, und bezeichnete mich als Nutte. Irgendeine andere Frau brüllte, sie liebe David, und ich solle ihm das ausrichten. Doch vor allem wurde ich wieder mit Fragen bestürmt. Kameras wurden mir vors Gesicht gehalten. Blitzlichter explodierten grell vor meinen Augen. Ich geriet ins Taumeln, doch Sam war sofort zur Stelle. Meine Füße berührten kaum den Boden, so schnell brachten er und sein Kollege mich zu dem wartenden Auto. Keine Limousine – Lauren wäre sicherlich enttäuscht –, sondern ein edler, neuer Mittelklassewagen mit Volllederausstattung. Die Tür wurde hinter mir zugeschlagen. Dann stiegen auch Sam und sein Begleiter ein. Der Fahrer blickte in den Rückspiegel und nickte mir kurz zu, ehe er vorsichtig anfuhr. Draußen klopften Menschen an die Fenster und liefen neben uns her. Ich kauerte mich auf meinem Platz zusammen. Bald ließen wir unsere Verfolger hinter uns.

Ich befand mich auf dem Weg zurück zu David.

Zu meinem Ehemann.

4

Auf dem kurzen Flug nach L.A. machte ich ein Nickerchen, zusammengerollt auf einem superbequemen Flugzeugsitz in einer Ecke des Privatjets, der uns dorthin beförderte. Das war ein geradezu unvorstellbarer Luxus, aber wenn mein Leben schon kopfstand, konnte ich zumindest das Beste daraus machen. Sam hatte mir sogar Champagner angeboten, den ich jedoch dankend abgelehnt hatte. Schon allein bei der Vorstellung, etwas zu trinken, drehte sich mir der Magen um. Gut möglich, dass ich nie wieder einen Tropfen Alkohol zu mir nahm.

Meine Karrierepläne waren wohl zeitweilig auf Eis gelegt. Aber egal, ich hatte ja einen neuen Plan: Ich würde mich scheiden lassen. Das war atemberaubend simpel und gleichzeitig genial. Die Kontrolle über mein Schicksal lag wieder in meiner Hand. Wenn ich eines Tages noch einmal heiraten sollte, dann würde das nicht in Vegas passieren und nicht mit einem völlig Fremden. Diese Eheschließung würde kein schrecklicher Fehler sein.

Ich erwachte, als das Flugzeug gerade zur Landung ansetzte. Wieder erwartete uns ein eleganter Wagen. Ich war zuvor noch nie in L.A. gewesen. Die Stadt schien mir ebenso groß wie Las Vegas zu sein, jedoch weniger schillernd. Trotz der späten Stunde waren noch viele Leute unterwegs.

Langsam musste ich mal mein Handy wieder einschalten. Lauren machte sich bestimmt schon Sorgen. Ich drückte den kleinen schwarzen Knopf und das Display erwachte blinkend zum Leben. Einhundertachtundfünfzig Mitteilungen und neunundsiebzig Anrufe in Abwesenheit. Ich starrte fassungslos auf die Zahlen, doch sie änderten sich nicht.

Lieber Himmel. Offenbar hatten nicht nur alle meine Bekannten von meiner Eskapade gehört, sondern auch noch eine ganze Menge anderer Leute. Mein Telefon summte.

Lauren: Alles ok? Wo bist du?

Ich: LA. Fahre zu ihm, bis sich die Lage beruhigt. Bei dir alles in Ordnung?

Lauren: Alles bestens. LA? Du lässt es ja krachen.

Ich: Privatjet. War total cool. Seine Fans sind allerdings verrückt.

Lauren: Dein Bruder ist verrückt.

Ich: Sorry deswegen.

Lauren: Komme schon mit ihm klar. Was auch passiert, zerstör ja nicht die Band!!!

Ich: Kapiert.

Lauren: Aber brich ihm das Herz. »San Pedro« hat er geschrieben, nachdem diese Dingens ihn betrogen hat. Das Album war BRILLANT!

Ich: Verspreche, ihn als Häufchen Elend zurückzulassen.

Lauren: Gute Einstellung!

Ich: XX

Gegen drei Uhr morgens fuhren wir vor einer riesigen Zwanzigerjahre-Villa im spanischen Stil vor. Ich fand sie umwerfend schön. Dad dagegen wäre von dem Haus wahrscheinlich überhaupt nicht begeistert gewesen. Er bevorzugte klare, moderne Linien ohne Schnickschnack, Häuser mit vier Schlaf- und zwei Badezimmern für die Wohlhabenden von Portland. Mir jedoch gefiel diese Extravaganz irgendwie. Diese Mischung aus verschnörkelten, schmiedeeisernen Gittern und weiß verputzten Mauern hatte etwas Anmutiges, Romantisches.

Vor dem Tor hatte sich eine Gruppe kichernder Mädchen und die obligatorischen Reporter versammelt. Entweder hatte unsere Eheschließung sie auf den Plan gerufen oder aber sie campierten immer dort. Die schmiedeeisernen Tore schwangen bei unserer Ankunft langsam auf und gaben den Weg auf eine lange, gewundene, von Palmen gesäumte Einfahrt frei. Die Palmwedel wogten leicht im Wind, während wir unter ihnen entlangfuhren. Das Anwesen wirkte, als stamme es aus einem Film. Ich wusste, dass Stage Dive gut im Geschäft waren. Ihre letzten beiden Alben hatten mehrere Hits hervorgebracht, und die drei Konzerte, die Lauren im letzten Jahr innerhalb einer Woche besucht hatte und für die sie durchs halbe Land gereist war, hatten allesamt in Stadien stattgefunden.

Trotzdem war das Haus wirklich verdammt groß.

Plötzlich wurde ich nervös. Die Jeans und das blaue Top trug ich bereits den ganzen Tag. Ich würde jedoch kaum Gelegenheit bekommen, mir etwas anzuziehen, was dem Anlass angemessen war. Ich konnte mir nur schnell mit den Fingern durchs Haar fahren und ein bisschen von dem Parfüm auflegen, das ich in meiner Handtasche bei mir trug. So sah ich zwar immer noch nicht sonderlich glamourös aus, roch aber immerhin gut.

Alle Fenster waren hell erleuchtet. Rockmusik dröhnte durch die warme Nacht. Die beiden Flügel der großen Eingangstür standen weit offen und aus dem Inneren des Hauses strömten Menschen nach draußen auf die Treppe. Anscheinend fand drinnen die ultimative Party statt.

Sam öffnete mir die Autotür und ich stieg zögerlich aus.

»Ich begleite Sie hinein, Ms Thomas.«

»Danke.«