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»Kein schöner Land« ist der zweite Band von Silvio Blatters großer Freiamt-Trilogie, die ihn zu einem der bedeutendsten und meistgelesenen Schweizer Autoren machten. - Das Freiamt ist die Heimat der Figuren in Silvio Blatters Roman. Dort leben die Brüder Hans und René Villiger, der Lehrer und der Unternehmer, dort lebt ihre Schwester Katrin, sie liebt Pablo, den Maler. Sie folgen dem Rhythmus der Jahreszeiten, sie lesen ihn ab an den Wäldern, Flüssen und Feldern der Region. Das Auf- und Untergehen der Sonne gliedert ihre Tage. Tod und Geburt gliedern den Strom des Lebens, René Villiger stirbt bei einem Autounfall, und Katrin wünscht sich eine Geburt im Frühjahr - wenn der Winter gegangen ist und die Fenster im Frühjahr geöffnet werden. - »Silvio Blatter ist in der zeitgenössischen europäischen Literatur der erste, der den heruntergekommenen Begriff ›Heimat‹ nicht länger den Trivialschriftstellern überließ.« Georg Hensel, FAZ Der zweite Band der Freiamt Trilogie
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Veröffentlichungsjahr: 2017
Es war, als ob die Landschaft warten müsste, vorsommerlich heiß war es, still – und nichts geschah
im Freiamt, Ende Mai
seit Tagen hielt das gute Wetter an, Schwalben, hoch fliegende Schwalben verbürgten es, und Katrin, die mit dem Rad über Land fuhr, sah sie als kleine schwarze Sicheln am Himmel ziehen. Kein Wind, der wehte, alles stand reglos. Nur die Schwalben kamen manchmal näher, entfernten sich wieder, schön war ihr Spiel in diesem hellen Tag. Und es leuchtete das Gelb des Rapsfeldes, das sich längs des Wegs erstreckte, dahinter das dunkle Grün des Waldes, und kein Mensch war unterwegs, weit und breit kein Mensch außer Katrin auf dem Rad, dem roten Fahrrad, dessen Chromteile glänzten …
Auf der asphaltierten Straße täuschte die flimmernde Luft Wasserlachen vor, wo nichts lag als Hitze, und einer, der barfuß gegangen wäre, hätte Spuren hinterlassen, Zehenabdrücke im aufgeweichten Belag. Doch heute ging niemand mehr barfuß, selbst die Kinder, die Frisbee spielten auf dem schattigen Platz beim Schulhaus, trugen Turnschuhe, weiße Turnschuhe, und die grellfarbenen Plastikscheiben segelten lautlos von Hand zu Hand, Flugbahnen beschreibend vor den Platanen, und manchmal ratschte eine Frisbeescheibe ins Laub, manchmal schieferte eine über den Boden und blieb abseits liegen, rot, blau …
Das erste Heu konnte eingebracht werden.
Es hatte zwar in den ersten Märztagen stark geregnet, noch einmal war ein Frost eingebrochen, hatte in den Obstplantagen Schäden angerichtet und im Rebberg der Gemeinde auch. An den Bachläufen waren die Triebe der Nussbäume erfroren, und man hatte die warmen Kleider wieder hervorholen müssen. Aber heute konnte das erste Heu eingebracht werden – darum war Katrin unterwegs. Sie hatte einem Bauern versprochen, ihm bei der Arbeit zu helfen, hatte die Stadt Bremgarten bereits hinter sich gelassen. Im Talgrund sah sie den Fluss, das aufglimmernde Wasser, es war, als wälze die Reuss flüssiges Blei dem Meere zu. Und so ohne Eile dahinfahrend, zufrieden mit dem Tag, kam Katrin ein Satz aus einem Buch in den Sinn, das Pablo ihr geschenkt hatte:
Schön wie ein Wunder lag die Sonne auf der Welt.
Das Buch erzählte die Lebensgeschichte eines Malers, der die Welt am liebsten so betrachtete: den Körper vornübergeneigt, den Kopf zwischen den Beinen.
In waldreicher Umgebung, verteilt auf zwei Terrassen, zwischen den sanften Höckern des Wagenrains und den steilen Abhängen des Hasenbergs, in der Biegung des Flusses … hätte dieser Maler, wenn er noch leben würde, die Stadt Bremgarten gesehen. Sie war gebaut worden, wo die Reussschleife am engsten ist, auf einen Buckel die kompakte Oberstadt mit dem ›Schlössli‹, in die vom Fluss begrenzte Auebene die lockerer gefügte Unterstadt.
Hier war Katrin aufgewachsen.
Am Fuß des Mutschellenpasses zweigte ein Weg von der Straße ab, steinig und steil. Katrin musste bald aus dem Sattel steigen und das Rad schieben. Als sie einige Zeit bergauf gegangen war, geriet sie ins Schwitzen, und als sie einhielt, um zu verschnaufen, spürte sie den Schweiß aus den Achselhöhlen herabrinnen, etwas kühler als die Haut. Katrin schaute auf die Stadt hinunter, auf den Fluss, die im überflutenden Sonnenlicht lagen, im Sonnenlicht des Mittags, und für einen Augenblick glaubte sie, in der Ferne auf dem Zifferblatt der Stadtkirche den Glanz der großen Zeiger zu sehen, golden, und die Zeit stand doch still, wie der Bussard stillstand über Katrin in der Luft.
Abgesehen von der mittelalterlichen Anlage, bot die Stadt einen merkwürdig zerrissenen Anblick, zahllose neue Bauten und die zersiedelte Au bildeten das aus dem Boden gestampfte ›moderne‹ Bremgarten, alles stand eng und verquer, und es tat Katrin weh, es zu betrachten … Nach dem Bogen, den sie um die Stadt zog, krümmte sich die Reuss scharf nach Norden und formte ein Knie, das vom Chesselwald bedeckt war. Im Wald fiel eine Rodung auf. Dort war früher die offene Abfallgrube gewesen, immer hatte ein Feuer geschwelt, Kinder hatten noch brauchbare Sachen gesucht, Altmetall, Aluminium, mit dem Auto war man vorgefahren, um ein kaputtes Sofa in die Grube zu kippen, Schwärme von Insekten waren da gewesen, Mücken, Fliegen, und ein Verwesungsgeruch, fingernd in den Wald hinein.
Katrin wischte mit der Hand über die Stirn, schmeckte mit der Zunge den Schweiß auf der Oberlippe. Sie schaute noch einmal auf den Fluss, als sie in einen zum Hang verlaufenden Feldweg einbog und wieder fahren konnte. Der Fluss war immer da, immer schon dagewesen, und manchmal meinte Katrin, ihre Liebe habe damit zu tun: in welche Richtung sie als Kind auch gelaufen war, der Weg hatte nach einiger Zeit an den Fluss geführt … Die schimmernde Gischt und ein paar weiße Schaumkronen deuteten an, dass die Reuss dahinströmte, ja, mit ihrem Fließen hatte sie die Landschaft geschaffen, geprägt, und wenn alles andere gebaut worden war, verkörperte der Fluss das Bleibende, seine Wasser nahm Katrin als Zeichen für das, was vorüberzieht und nicht wiederkommt. Der Fluss erneuerte sich fortwährend, dies war sein Geheimnis.
Katrin war eine Frau von vierunddreißig Jahren. Sie trug einen dünnen Wickelrock mit feinem Blumenmuster und eine verwaschene Bluse, die einmal rot gewesen war. Nach dem anstrengenden Aufstieg fuhr Katrin fast gemächlich auf dem schmalen Pfad; der Schatten lief neben ihr her, verdunkelte Gras, Steine, den Boden für eine Sekunde. Den Gedanken hing sie nach, und das Licht stürzte herab aus dem Himmel; als eine Last lag die Hitze auf den Feldern. Fast versonnen fuhr Katrin, bis sie von einem schrillen Ruf aufgeschreckt wurde. Seltsames Geschrei von Vögeln drang aus einem gepflegten Garten, wo im noch dürftigen Laubwerk eines Nussbaums zwei Ara-Papageien herumturnten. Mit gestutzten Flügeln hüpften sie auf einen abgestorbenen Ast, zankend, vergnügt, einer war blau-gelb, der andere rot-weiß im Gefieder – prächtig zwischen den helleren Blättern des Baums.
Das Fahrrad holperte über den Weg; und als würde ihr der Klang von weit her zugeweht, hörte Katrin eine Fabriksirene. Dies erinnerte sie für einen Moment an ihren Bruder René, der in der Auebene, nah an der Reuss eine Firma für Zäune und Drahtwerk betrieb – ein Bruder, mit dem sie im Grund nicht mehr viel verband.
Nah fühlte sie sich Pablo, dem Mann, in dessen Haus sie nun wohnte. Er malte Landschaftsbilder und er besaß einen großen schwarzen Hund, einen Neufundländer, den sie gern hatte, den sie auf den ersten Blick mochte wie seinen Herrn. Der Hund hatte auf dem Platz vor dem Haus gelegen, als Katrin zum ersten Mal gekommen war, um Wohnung und Töpferwerkstatt zu besichtigen. Der Hund hatte sich erhoben und war auf sie zugetrottet, bedächtig, lief etwas schräg, wie Hunde es tun, und sie hatte sich nicht gefürchtet vor dem mächtigen, zottigen Tier. Sie hatte ihm die Hand hingehalten, und er leckte sie mit seiner warmen Zunge. Erst nach der freundschaftlichen Annäherung hatte sie auch den Mann entdeckt, der im Gras unter dem Kirschbaum saß, lesend. Sie war auf Pablo zugegangen, stand vor ihm, den Hund wie einen treuen Begleiter an der Seite, so nah, dass sie die Berührung des Tieres spürte.
Aus der Ferne, vom Waffenplatz her, der jenseits der Reuss, in Nachbarschaft der Fohlenweide, im sanft gewellten Gelände zwischen Wiesland und Wald lag, hörte sie Schüsse, platzende Schüsse von Sturmgewehren, begleitet von monotonen Serien aus einem Maschinengewehr; eine Gummiwand schien den Hall der schnellen Salven und Punktfeuer zu schlucken, die aufsässig ein weiteres, die Stille verletzendes Geräusch untermalten, den laufenden Motor eines Traktors, sein gleichförmig tiefes Surren, das einschläfernd wirken konnte, an einem derart heißen flirrenden Tag, der einem Behutsamkeit abforderte, langsame Bewegung. Die Straße verlief etwas flacher, war weniger mit Steinen besetzt, rechter Hand stand Futtermais, gut im Wuchs, kaum vom Pilz befallen, linker Hand und reusswärts senkte sich die abgemähte Wiese beinah sanft als langgezogenes, helleres Rechteck hinab, auf dem ein grauer Traktor mit einem angekoppelten Kreiselschwader, der die Mahden schichtete, hin und her fuhr. Vereinzelte Obstbäume auf beiden Seiten des Wegs bildeten eine verschattete Gasse. Apfel, Birne. Kirschbäume trugen schon fingerbeerengroße Früchte, versteckt im dunkleren Laub.
Katrin sah den Traktor, sah den Bauern auf dem Traktor sitzen. Das am frühen Morgen geschnittene Gras war trocken, junges Heu. Fuhr der Traktor hin, häufte sich die Mahd rechts, fuhr er her, entstand die Mahd auf der linken Seite, gleichmäßig und gerade. Der Bauer, er war ein schon alter Mann, hatte Katrin bemerkt. Er hielt vor der nächsten Wende am Rand der Wiese an, stieg vom Traktor. Auf dem schmalen Streifen zwischen einem Rapsfeld und der Heuwiese, wo Birnbäume eine Linie markierten, wartete er auf sie. Am vordersten der Bäume, nah bei der Straße, hing ein Rechen. Darunter stand ein Korb mit Kaffee und Brot. Katrin lehnte das Rad gegen den Stamm, löste die Verschnürung des Wickelrocks, zog ihn aus und legte ihn über den Sattel des Rads, stand da in weißen Shorts, hatte braune, von der Sonne gebräunte Beine; und braungebrannt waren die Arme des Bauern, der ein blaues Hemd trug, die Ärmel aufgekrempelt hatte. Gegerbt, so kamen Katrin die Arme vor, von einem tiefen Braun, fast violett. Wie das zerfurchte Gesicht, das auch die Stoppeln von einem dreitägigen Bart hatte. Eine Mütze aus Leinen bedeckte das Kopfhaar, sah ziemlich schäbig aus im gleißenden Licht. Der Bauer war groß und mager, ein knochiger Mann, eher schmal in den Schultern. Die Arbeitshose hielt er mit einem weichen Kälberstrick zusammen. Sie war ihm zu kurz. So fielen die Militärschuhe, die er zu jeder Jahreszeit anhatte, besonders auf. Sie erweckten den Anschein, als befinde sich sein Schwerpunkt direkt über dem Erdboden.
Katrin reichte ihm knapp bis zur Schulter. Sie hatte ein Kopftuch umgebunden, das vor der Sonne schützen und die langen dunklen Haare zusammenhalten sollte. Die schimmerten rötlich, wo das Tuch sie nicht verbarg, zeigten das besondere Rot der Kastanien, die gerade aus der Schale geplatzt, frisch sind und glänzen.
Katrin hob den Rechen vom Baum herunter, der Bauer stieg wieder auf den Traktor. Den Motor hatte er laufen lassen; bläuliche Abgasschwaden flimmerten in der Luft und bildeten Inseln, auch hier oben ging kein Wind. Der Bauer fuhr eine neue Mahd, Katrin begann hinter ihm herzugehen. Mit dem Rechen sammelte sie zurückgebliebene Halme und kleine Heubüschel auf, streifte den vollen Rechen in der Mahd ab. Es war eine gleichförmige Arbeit, und die Sonne stach, es war eine Arbeit, bei der sie mechanisch ging und sammelte und abstreifte und ging und die Hitze spürte, eine den ganzen Körper durchdringende Glut. Die Bewegungen waren so selbstverständlich wie der Himmel selbstverständlich war, die Luft, das Heu. Die Gedanken schwärmten aus, es störten nur hin und wieder Bremsen oder Mücken, die ihr hartnäckig folgten, angelockt vom Körpergeruch, vom Schweiß, den sie nach jeder Kehre mit dem Handrücken von der Stirn wischte, damit er nicht in die Augen geraten und in den Augen brennen konnte. Sinnestäuschungen war sie ausgeliefert, so mit dem Rechen in der Hitze gehend, umhüllt vom betäubenden Duft des jungen Heus, in den sich auch der giftigsüße Dunst der Abgase mischte – erregt vom Blut, das heftig und warm durch die Adern pulste. Und mit einem Mal vermochte Katrin ein Jagdflugzeug, das tief über den Mutschellen einkurvte, nicht mehr von den spielenden Schwalben zu unterscheiden; erst als die Maschine im Sturzflug auf sie niederschoss, merkte Katrin, dass es doch nur ein Vogel war, während der Jäger steil hoch übers Reusstal wegzog, eine weiße Spur hinter sich herziehend, die als verwehte Fahne noch lang im Himmelsblau zurückblieb, nachdem das Geräusch sich donnerartig ausgerollt und verzogen hatte. Katrin blieb stehen. Der Motorenlärm war verstummt, der Traktor stand im Schatten unter einem Birnbaum. Der Bauer half mit, den Raum zwischen den Mahden sauberzumachen, die Wiesenstraße, die mehr als doppelt so breit war wie ein Rechen, sodass man dreimal hin und her gehen musste, um die ganze Breite aufzuräumen, damit kein Halm liegenblieb, kein Heu verlorenging.
Katrin lehnte den Rechen gegen die Mahd, sprang über Heuhaufen, ging zum Rapsfeld hinauf, machte ein paar Schritte in den Raps hinein, er reichte ihr bis zur Brust. Sie kauerte sich nieder. Man sah sie nicht mehr, man sah vielleicht ein Stück des Kopftuchs. Doch bald erhob sie sich wieder, tauchte auf, stand da: eine junge schöne Frau in dem weiten gelben Feld. Sie lief zurück an die Arbeit. Der Bauer ging nicht so schnell wie sie, ging langsamer, gleichmäßiger, ging den Schritt, den seine Schuhe ihm abverlangten, diesen immer gleichen bedächtigen Gang.
Die Arbeit war vorläufig beendet. Hätte man das Heu übers ganze Feld verteilt der Hitze überlassen, hätte es, der Sonne ausgesetzt, verbrennen und verderben können. Nun lag es Mahd für Mahd aufgeschichtet, dazwischen war das abgemähte saubere, hier noch hellgrüne, dort schon leicht gelbbraune, stopplige Feld, in dem man einzelne grautrockene Maulwurfshügel erkannte, Löcher und weitverzweigte Gänge von Mäusen; eine Katze aber sah Katrin nicht, obwohl eine Katze hier ein gutes Leben gehabt hätte.
Das Heu sollte eine Stunde liegen, meinte der Bauer. Dann sei es luftiges, gutes Heu, das man getrost einbringen dürfe. Sie setzten sich unter den Birnbaum ins Gras. Katrin hatte den Rock angezogen, denn das kurze Gras stach in die Beine. Der Bauer goss Kaffee in Gläser, es war ein starker, lauwarmer Kaffee, dem er Milch und Schnaps beigemischt hatte. Das lösche den Durst am besten. Von den neumodischen Mineralwassern mit exotischen Namen hielt er nichts, die waren ihm zu süß. Meine Frau, sagte er, meine verstorbene Frau hat am liebsten Vivi Kola getrunken. Er finde das scheußlich. Katrin antwortete nichts, denn der Bauer erwähnte dies jedes Jahr, und sie hatte es sich abgewöhnt, ihm darauf Antwort zu geben. Sie hatte die Bäuerin auch gekannt, war dabei gewesen, als die Frau nach dem Heuen dick und schwitzend unter dem Birnbaum hockte; wie eine Henne saß sie in den weiten langen Röcken, die Beine gegrätscht und von sich gestreckt, als würden diese müden Knochen nicht ihr gehören, die Flasche Vivi Kola im Schoß, Schluck für Schluck nehmend, als sei es ein verbotener Genuss, übergroße Lust, beinah schon Sünde wider den Herrn, der gefordert hatte, im Schweiße seines Angesichts solle der Mensch …
Katrin liebte diesen Kaffee. Brot nahm sie nicht. Brot aß der Bauer, umfasste mit der linken Hand den Laib, schnitt mit der rechten das Brot vor der Brust: die Hände funktionierten wie Arbeitsgeräte.
Im Schatten kühlte der erhitzte Körper rasch ab. Es war schön zu warten, bis das Heu ganz trocken war. Der ›Kaffee mit Religione‹, so wurde das mit Apfelschnaps angereicherte Getränk im schwarzen Land, dem katholischen Freiamt, auch genannt, tat seine Wirkung. Der Kopf wurde leicht, frei, und die Glieder wurden schwer. Katrin wähnte sich in der Schwebe, in Trance, alles spielte so traumtänzerisch zusammen, obwohl es einen auch ängstigen wollte, dass die Gegenstände vergrößert erschienen und alle Dinge näher rückten. Die Sonne, ja die unausweichliche Sonne war nicht ohne Einfluss geblieben. Katrin legte sich auf den Rücken, sah in die Krone des Baums, sah durch die Blätter hindurch in den Himmel und irgendwo am Ende des Himmels sah sie sich selbst … Unter diesem Birnbaum hatte sie gelegen, vor ein paar Tagen, auf dem Rücken, die Beine angewinkelt, die Arme unter dem Kopf verschränkt, im schon knöchelhohen Gras, und sie war eingeschlafen … Der Bauer kaute Brot. Jedes Mal, wenn er schluckte, bewegte sich der Adamsapfel, als sitze unter faltiger Reptilienhaut ein kleines Tier gefangen. Der Bauer besaß nur noch wenig Land und kaum mehr Vieh. Mit der neuen Zonenplanung war ein Teil seines Besitzes Bauland geworden. Er hatte die Wiesen und Äcker verkauft. Viel Land für viel Geld. Auf das Drängen seines Sohnes hin, der Mitte dreißig war, dem Feldarbeit nie Freude bereitet, der keine Hand für Tiere hatte. Der Junge wollte verkaufen, und der Alte willigte ein nach dem Tod seiner Frau. Er behielt die Heuwiese, ein Feld mit Futtermais, vier Kühe, ein Schwein, ein Dutzend Obstbäume: was er allein bewirtschaften konnte. Den Rest hatte er versilbert. Sein Sohn arbeitete im Drahtwerk, das René Villiger gehörte, Katrins ältestem Bruder. Dem Bauern war das egal. Er hatte sich seit geraumer Zeit mit dem Niedergang abgefunden, trotz seines Geldes. Aber was ist schon Geld?, hatte er Katrin gefragt. Auch der Junge besaß Geld, und trotzdem war es ihm langweilig; so trottete er Tag für Tag ins Drahtwerk; das bot geregelte Arbeitszeit, festen Lohn und Ferien. Bei Gelegenheit und eher ungern half er dem Vater, hackte Holz, trug heißes Wasser beim Kalben, half Futtermais silieren. Er hatte sich ein Haus erbaut im Obstgarten hinter dem Gehöft. Einen Bungalow. Weiße Mauern, dunkelgrünes Ziegeldach, Sitzplatz, Kamin. Einen Rasen hatte er angelegt um den Bungalow herum, einen Zaun um den Rasenplatz errichtet. Zwergobstbäume hatte er gepflanzt. Seltsam wirkten die, zwischen den alten Apfelbäumen, von denen einige hatten gefällt werden müssen, damit das Haus den ganzen Tag über besonnt war. Einen Volvo hatte er gekauft und fuhr ein schweres Motorrad. An freien Wochenenden reiste er zu den Moto-Cross-Rennen. Als Fan. Gelegentlich kurvte er selbst im Obstgarten herum. Und an schönen Sonntagen, an denen man früher Heu eingebracht hatte, saß der Junge mit einer Flasche Bier vor dem Fernseher, schaute am liebsten Grand-Prix-Rennen der Formel I, so laut, dass der Lärm der Motoren Haus und Garten erfüllte.
Die Frau des Jungen kaufte die Eier im Supermarkt. Im Hof stand der Hühnerstall leer. Die Bäuerin hatte die Hühner versorgt, bis sie starb. Danach wurden sie verkauft. Ein Leben lang habe sie Hühner gehalten, sagte der Bauer, er selber verstehe nichts davon. Wenn er redete, unterschied er immer häufiger die Zeit. Vor ihrem Tod, sagte er. Nach ihrem Tod, sagte er. Das waren in der Tat ganz unterschiedliche Leben. Das eine gewesen; das andere wohl bald auch schon vorbei. Eine alte Zeit und eine neue Zeit, ein Erinnern und ein Vergessen hatte er, ohne noch Erwartungen zu hegen.
Willst du Bauer sein zwischen Baustellen und Wohnblocks?
Er hatte geschwiegen.
Also verkauf.
Nachdem sie aufgewacht war, vor ein paar Tagen unter dem Birnbaum, war sie auf die Wiese hinausgegangen, hatte einen Sommerstrauß gepflückt. Margeriten, Butterblumen, Wiesenknöpfe, Steinnelken, Wiesensalbei, Storchenschnabel, Kornblumen. Katrin liebte die Wiese, holte hier jedes Jahr den ersten Strauß und war dem Bauern dankbar, dass er das Feld nicht überdüngte, wie andere es taten, auf deren Wiesen nur noch Butterblumen gediehen, überhandnahmen, und andere Blumen keine Lebensbedingungen mehr fanden, die sie zum Blühen gebracht hätten. In ihrer Töpferwerkstatt hatte sie die Blumen in eine Vase gestellt.
An der Butterblume mag ich das Weiche, hatte sie zu Pablo gesagt; Farbe, Blatt, Stiel, alles ist weich. Der Stängel des Wiesenknopfs ist härter und leicht behaart. Die Steinnelke ist feiner, zart die altrosa Blüte, fiederartig ihre Blätter. Die Wiesensalbei ist üppiger als die anderen, sinnlicher. Schön sind sie alle. Dir müsste man Feuermohn schenken, aber der lässt sich nicht nach Hause tragen.
Pablo stand da, die Hände in den Taschen seiner abgewetzten Manchesterjacke, den Kopf etwas schräg haltend, die Schultern hochgezogen, so wie er häufig stand, wenn er aufmerksam war und zuhörte. Dies schätzte sie besonders an ihm. Er konnte zuhören. Er nahm sich Zeit für den andern, er nahm ihn ernst. Sie wurde mutiger in seiner Anwesenheit. Die Blumen hatte sie neu geordnet in der Vase, er nahm eine Steinnelke heraus; dabei berührten sich ihre Hände. Farbtupfer, rote, blaue, hatte er an den Fingern, Farbreste, gelb und grün, in der Behaarung des Handrückens. Ja, Katrin mochte Pablo, manchmal hätte sie sich mehr gewünscht als nur die flüchtige Berührung der Hände … Das Heu sei jetzt gut, sagte der Bauer. Er sagte es eher für sich, jedoch so laut, dass Katrin es hörte. Als sie aufstand, war er schon damit beschäftigt, den Ladewagen an den Traktor zu koppeln.
Das Aufladen ging zügig voran. Die Greifer der Maschine beförderten das Heu auf den Wagen. Katrin folgte dem Gefährt mit dem Rechen. Die Hitze hatte etwas nachgelassen. Ein paar Wolken, sehr hohe Wolken, unschlüssig in dieser Übermacht von Blau. Die Sonne schien schräg über den Wagenrain herüber und hatte nicht mehr die Kraft, alles zu lähmen. Man glaubte sich ihr gewachsen, meinte dem Licht standhalten zu können, wenn man die Augen zukniff und mit der Hand noch einen Schirm darüber bildete; man war nicht mehr so ausgesetzt, fühlte sich nicht mehr so als ein Geschöpf und träge … Nach verrichteter Arbeit schüttelte der Bauer Heublumen aus seiner Mütze, streifte das Hemd über den Kopf, reinigte es von Halmen und Staub, bevor er sich damit den Schweiß vom Leib wischte. Mit entblößtem Oberkörper stand er da. Milchweiß war die Haut von Brust und Rücken, und die wettergegerbten Arme und der Kopf schienen gar nicht zu ihm zu gehören.
Im Verkehr des späten Nachmittags fuhr Katrin nach Hause, müde, unruhig, geriet manchmal zu nah an den Straßenrand. Wenn Lastwagen sie überholten, war es am schlimmsten.
Sie könnte wohl an keinem anderen Ort leben als hier, dachte sie. Im Freiamt. Wo sie geboren und aufgewachsen war. Sie wollte auch hier leben, obwohl es Zeiten gab, da ihr das nicht genügte, ihr als nicht ausreichend erschien. Doch die Mobilität des Menschen kam ihr verdächtig vor, die Versetzbarkeit war ein Trug. Katrin konnte nicht an einem beliebigen Ort wohnen, nicht einfach irgendwo sein. Dafür nahm sie ihr Leben viel zu ernst.
Man hat nur eine Heimat, und in der sind schon viele Welten verloren.
Zu Hause hatte sie Gefäße im Brennofen. Am frühen Morgen war die Brennzeit abgelaufen, jetzt würden die Schalen wohl bald ausgekühlt sein, und sie konnte die Tür öffnen. Schalen, halbrunde Teeschalen hatte sie geformt und sie kornblumenblau bemalt mit einer lasierenden Glasur, durch die auch die Farbe des Tons dringen sollte. Am Straßenrand lag eine überfahrene Katze, und obwohl Katrin der blutgefärbten Stelle hatte ausweichen wollen, blieb am Vorderrad ein Streifen Rot kleben, schien bei jeder Umdrehung neu auf, bis er sich allmählich wieder verlor. Katrin war seit vier Jahren geschieden – seit vier Wochen wohnte sie in Pablos Haus. Vielleicht hatte er einen Risotto gekocht, er machte den besten Risotto überhaupt, und hin und wieder aßen sie zusammen.
Sie fuhr auf den Platz vor dem Haus. Der schwarze Hund, der wohl das Knirschen des Kieses gehört hatte, lief ihr entgegen; und als Katrin bemerkte, dass auch Pablo in der Tür stand und sie erwartete, wurde sie froh. Doch die Freude währte nicht lange. Gleich fiel ihr Pablos Unsicherheit auf, in seinem Gesicht war sie ablesbar. Oder an seinen Bewegungen. Wie er sie begrüßte; wie er ihr das Rad abnahm, was er noch nie getan hatte; wie er sie fast hastig hineinzog ins Haus.
Flip hing am Walkman wie am Tropf, als es geschah, er hatte den Kopf voller Musik und den Körper auch. Er fuhr schnell, viel zu schnell
und plötzlich war die Kurve da und schoss auf ihn zu …
Flip stand im Graben, seit zwei Stunden im Arbeitsgraben, einem nüchternen Betonschacht, wo es kühl war und düster. Eine Stablampe mit langem Kabel gab Licht, er hatte sie an die vordere Radachse gehängt. Im Reparaturgraben stand er und hatte den Boden eines Ford Capri über sich. Es roch nach Motorenöl, Schmierfett, Benzin und schwarzem Gummi. Der Boden war rutschig, und es schien ratsam, feste Schuhe zu tragen. Doch Flip hatte immer blaue Basketballschuhe an den Füßen. Auf einer kleinen Lache Wasser schillerte farbig eine Haut aus Öl. Dunkle Flecken überzogen die Wände.
Flip stand im Graben, hatte Spritzer auf dem Overall, auf der Haut; er schmierte die Radaufhängung, hatte einen Ölwechsel bereits vorgenommen. Flip hing am Walkman, das stimmt, er war diesem Gerät verfallen. Es steckte in der Brusttasche des Overalls, und wie von der Konserve Blut in die Vene floss, trieb Musik in seinen Kopf, tropfte, pulste; manchmal war es ein Strömen, manchmal ein Hämmern, und plötzlich wurde der Walkman selbst ein Organ in seinem System, eine dritte Niere, die mit Notspülungen den Dreck aus ihm herauswusch, damit der Alltag überhaupt zu bestehen war.
Eine Sucht. Ein Abhängiger sei er, sagte Flip, ausgeliefert – hingegeben der Möglichkeit, mit einem Druck auf die ON-Taste die Welt auszuschließen. Die ganze äußere Welt, die ihn, genau besehen, fortwährend zwang, etwas zu tun, das er nicht tun wollte, sich an einem Ort aufzuhalten, der ihm verhasst war, unter Menschen zu leben, die ihn nicht verstanden …
Oder stellt sich jemand das Leben so vor: im Betongraben unter einem Ford Capri? Die Konserve war notwendig, der Walkman ein Lebensretter. Einfach so am Meer, am unendlich weiten Meer unter einem unendlich blauen Himmel im Sand liegen, den nackten Körper im weichen heißen Sand, das wäre auch ohne Walkman auszuhalten. Aber mit der Musik wäre es noch schöner. Der Tag war öd – langweilig überhaupt waren die Tage, und die falsche Stille der Werkstatt, in der über Mittag wenig Betrieb herrschte, da Flip allein arbeitete, wäre ohne Musik unerträglich gewesen. Ein Hammerschlag auf Blech machte um diese Zeit die Werkstatt unendlich groß; der Walkman wischte die Fremdgeräusche weg.
Es roch stark nach Motorenöl. Die Garage begann an heißen Tagen nach Motorenöl zu riechen, als würde eine Ölquelle erschlossen. Er mochte das, im Prinzip. Er mochte den Geruch von Öl auch am Körper. Nur Öl in den Haaren hasste er, aber gerade da kam es hin, machte die Haare fettig und stumpf.
Flip war neunzehn.
Er lernte Automechaniker. Warum, hätte er nicht zu sagen gewusst, nicht mehr. Heute schon gar nicht. Vielleicht auch deshalb, weil er den Geruch von Benzin liebte. Eine Zeitlang hatte er ein Riechfläschchen bei sich getragen und tagsüber immer wieder Benzin geschnüffelt. Das war schön gewesen, es hatte einen abfahren lassen wie nun die Musik, berauscht hatte es ihn und schwindlig gemacht, aber manchmal war er davon auch ganz ruhig geworden. Und das war auch eine Sucht gewesen.
Nicht die Gerüche, weder Fett noch Öl, nicht einmal die Arbeit selbst blähten den Tag so endlos auf: es war die Aussichtslosigkeit.
Der Boden des Ford Capri war teilweise von Rost zerfressen, unter dem Sitz des Fahrers hätte Flip das spröde Blech mit dem Schraubenzieher glatt durchstechen können. Der Besitzer war ein dickleibiger Stammkunde; der Reifen vorne links, stärker abgenutzt als die anderen, gab Hinweis, wie schwer der Fahrer war.
Automechaniker. Flip hatte den Beruf gewählt. Das heißt, er wäre lieber Motorradmechaniker geworden, hatte allerdings keine Lehrstelle gefunden. Aber später, vielleicht würde er sich später noch umschulen lassen. Später – das war ein schwieriges Wort für ihn. Eine Hoffnung und ein Loch. Später würde er einmal dieses und jenes oder … das Bodenlose tat sich hinter dem ›später‹ auf. Aber vielleicht war die ›Zukunft‹ ein Zündmechanismus, mit dem das Festgefahrene zur Explosion gebracht werden konnte, das Eingefrorene. Bei einer berühmten Marke, bei Honda zum Beispiel Rennmechaniker sein, das wäre eine runde Sache, etwas, worauf man sich freuen könnte. Und es war ein Traum. Flip würde in ein paar Monaten die Lehrzeit abschließen, im nächsten Jahr die Rekrutenschule hinter sich bringen – und dann abhauen nach Japan zu Honda oder Suzuki.
Automechaniker, das letzte war das nicht. Hier zu bleiben, das wäre das Letzte. Flip konnte sich nicht vorstellen, nach der Prüfung seine Tage weiterhin in dieser Werkstatt zu verbringen. Und Bremgarten? Es war zwar nichts los in dem schwarzen Kaff. Jeder kannte jeden, es gab keine Geheimnisse; und tausend Gerüchte. Aber mies, mies war das Kaff nicht. Und wenn es gelänge – oder war es doch eine Falle, und er hatte den Fuß schon im Eisen. Es entsprach trotzdem nicht seinem Geschmack, Sommer und Winter Kupplungen zu ersetzen, vermurkste Kurbelwellen in Ordnung zu bringen, die Wagen fremder Leute in Schuss zu halten, die nicht einmal fähig waren, die Gänge richtig einzulegen. Überhaupt kein Gefühl für Motor und Maschine hatten diese Typen. Es gab Mechaniker berühmter Rennfahrer, die nahmen nachts das besonders empfindliche Nockenwellenlager mit in ihr Bett. Die montierten einen Satz Kerzen im Schlaf. Die verstanden ein Getriebe, waren fähig, auf den Wagen zu hören. Und man brauchte ein feines Gehör, um den Motor zu verstehen. Ein Motor kann leiden, kann verrecken, ein Motor kann aber auch jubeln. Man muss die Maschine lieben – dann gibt sie alles, gibt ihr Letztes: Einfühlungsvermögen, das war der Punkt, der entscheidende Faktor. Der Dicke aber, der den Ford Capri besaß, war bestenfalls Durchschnitt, und der durchschnittliche Autofahrer hatte von seinem Wagen allerhöchstens begriffen, wie die Scheibenwischer funktionierten.
Flip kletterte aus dem Graben, wischte die Hände an Putzfäden einigermaßen sauber, holte aus dem Automaten eine Packung Milch und verließ die Werkstatt. Er stellte sich neben das offene Tor an die Sonne, deren Licht von den teilweise blinden Scheiben aufgeschluckt wurde, lehnte, noch blinzelnd, an der warmen Mauer, das rechte Knie angewinkelt, die Schuhe an die Wand gestützt. An der Zapfsäule, die mit Münzen bedient werden musste, tankte einer. Volvo 244 GLE, grün-metalisé. Über dem Einfüllstutzen das flirrende Gemisch von Luft und Benzin, und als der Mann, Vertretertyp mit Krawatte, etwas von dem Benzin überlaufen ließ, war sofort dieser besondere Geruch da, der Geruch von Supershell, das auf heißem Blech in der Sonne verdampft. Flip schlürfte Milch, hielt die angenehm kühle Packung mit beiden Händen, beobachtete den Fremden, wie er den Wagen startete, anrollte und die Kupplung kommen ließ. Brutal. Man müsste das Viergang-Synchrongetriebe verbieten, dachte Flip, dann wären alle Verkehrsprobleme gelöst. Die meisten Fahrer wären gar nicht fähig, nach dem Drehzahlmesser zu schalten. Überall würden Motoren zusammenbrechen, Autowracks stehen, der Pannenstreifen wäre ein Friedhof toter Maschinen, und er, Flip, würde sich mit einem Abschleppservice eine goldene Nase verdienen. Mit dem Geld einen Rennstall sponsern, Isle of Man, Assen.
Eine Frau fuhr auf dem Rad vorbei, auf einem roten Rad und hatte auch rötliches Haar; kein Mädchen – eine Frau, vielleicht nicht mehr ganz jung, dachte er, aber noch jung genug, was seine Fantasien nur förderte.
Es war ein Uhr gewesen. Kaum Verkehr. Die Rote war Flip schon ein paarmal aufgefallen. Im ›Rössli‹ flipperte sie ab und zu. Auf dem Reussfest hatte sie ausgelassen getanzt. Mit verschiedenen Männern. Sie war die Schwester von Villiger, dem Inhaber des Drahtwerks. Bei ihm arbeitete Flips Vater. Wenn der Alte überhaupt arbeitsfähig war. Seit sich Flip erinnern konnte, hatte der Vater getrunken … Töpferin soll sie sein, wusste Flip, geschieden. Sie war häufig mit dem Rad unterwegs, gelegentlich in weißen Shorts, sie hatte sonnenbraune Beine. Es waren Beine, die hätte man im PENTHOUSE abbilden müssen. Und noch mehr von ihr.
Diese Frau und eine starke Honda. Er war jetzt auf beides scharf wie auf etwas, das man haben will im Sinn von Besitz. Und haben könnte, wenn man nur wollte. Es war ein Inbegriff. Flip schaute ihr nach. Die Musik in seinem Kopf spielte Steig-ihr-nach. Doch Flip blieb stehen. Die Musik in seinem Körper stachelte ihn an – und hielt ihn fest.
Flip war großgewachsen und eher mager. Der Overall, den er trug, war schon alt und ausgebeult, und verschmutzt war er auch. Flip hatte schwarze Haare, kurz geschnitten, und einen Schnauz. Der bedeckte die breite Oberlippe dicht und war an den Enden ziemlich lang. Manchmal zwirbelte Flip mit Daumen und Zeigefinger eines der Enden herum. Er war im Grund ein schüchterner Mensch. Das merkte, wer seinen Blick zu fassen versuchte. Flip schaute zu Boden.
Am Tropf war er allem nicht so direkt ausgesetzt. Die Musik baute Tonwände, hinter denen Flip sich verschanzte. Er hatte schmale Hände mit kräftigen Fingern, knochige Handgelenke. Man schätzte ihn älter als er war; dies fand er gut, es hatte ihm bisher nur Vorteile gebracht.
Er konnte die Rote nicht mehr sehen, nicht mehr den glänzenden Haarschopf, den gebeugten Rücken, die schmale Taille, nicht mehr das herzförmige Gesäß und die gebräunten Waden über den Pedalen.
Er trank die restliche Milch, stopfte den Halm beinah unwillig in die Verpackung, zerknüllte sie, warf sie in den Container und ging an die Arbeit zurück.
Der Nachmittag zog sich dahin, Nachmittage im Sommer wollten kein Ende nehmen, ihr Motor drehte im Leerlauf. Man steckte aus Langeweile Pfefferminzdrops ins Gesicht und hatte wenigstens die Empfindung von Kühle im Mund.
Ein Kollege schweißte ein Bodenblech ein, und das Schweißlicht gleißte heller als das Licht der Sonne. Flip hatte die Arbeit am Ford Capri beendet, der Wagen parkte gewaschen auf dem Platz vor der Werkstatt, darunter, im gefährlichen Schatten, lag die getigerte Katze des Chefs.
Er überlasse dem Stift (Lehrling) die Testfahrten gelegentlich, sagte der Chef, das gehöre zur Ausbildung.
Der Chef hatte den Wagen kontrolliert; da war nichts zu beanstanden gewesen. Er hatte Flip auf die Testfahrt geschickt. Nichts sei da außergewöhnlich gewesen. Flip hatte eine Plastikfolie über den Sitz gelegt und war losgefahren.
Er fuhr schnell, bestimmt zu schnell, er hatte Kopf und Körper voller Musik; und ASIA, seine Lieblingsgruppe, bestimmte den Rhythmus der Fahrt; rechts und links öffnete sich die Landschaft, ein vorabendliches Freiamt, und war schön. Der Motor lief gleichmäßig und gut, Flip spürte die weichen regelmäßigen Vibrationen. Der Himmel war blau und wirkte durch die getönten Scheiben noch intensiver als sonst. Stahlblau war der Himmel vielleicht. Eine zu Boden gefallene, mit grünem Karosserielack getränkte Wolke, das war der Wald. Die Straße führte mit einer engen Kurve in den Wald hinein – bog nach einer langen Geraden ebenso plötzlich aus dem Wald hinaus, und Flip, gewohnt, sie im Traum zu nehmen, fuhr sie auch als Träumer, dachte gar, der Traum habe sie erfunden, ergab sich dem raschen Wechsel vom Hellen ins Dunkle, auf der Geraden war sein Denken die Musik gewesen, der laufende Motor, da schoss die Kurve auf ihn zu, Schatten, er war schon drin, plötzlich die lichtüberflutete Fahrbahn, eine Baumlücke im Wald, der Drummer der ASIA brach aus, wirbelte auf Flips Trommelfell ein Solo, und ebenso plötzlich tauchte der andere auf, ein beiger Audi raste in die Kurve, geriet dem Schlagzeuger wie ein verirrtes UFO vor die Trommeln
ein Einbruch war das
ein Überfall, und Flip merkte, dass er selbst auf der linken Straßenseite fuhr, im Reflex riss er den Ford Capri zurück, glich aus mit dem Steuer, war wieder voll da, rechts, konzentriert, fuhr mit dem Ford Capri geradeaus jetzt weiter, ohne den beigen Audi berührt, gestreift zu haben. Nichts, nichts war geschehen. Nur der andere hatte wohl ausweichen wollen, wer weiß das, hatte vielleicht auch nicht aufgepasst, er brachte sein Auto nicht mehr unter Kontrolle, schnellte über die Kurve hinaus, stürzte die Böschung hinunter, schlug gegen einen Baum. Flip sah das im Rückspiegel. Oder er fühlte es, mit einem Mal waren die Bilder eines Geschehens, das er nicht gesehen hatte, ganz innen, grell, scharf, schmerzhaft; er hatte noch immer den Kopf voller Musik, Musik hinab bis in die Fußspitzen – da war es, als risse das Band.
Flip bremste, hielt an, stieg aus, nahm den Kopfhörer ab, stand etwas verstört wieder da – auf dem Boden. Er begann zu rennen, stoppte bald den sinnlosen Lauf, ging langsam zur Kurve zurück. In seinem Kopf hatte etwas ›Unfall‹ registriert, und das hatte mit ihm zu tun, ihn ging das an, es bildete die Wirklichkeit diesseits der Musik. Er steckte die Hände in die Taschen, und es war ihm für Augenblicke, als befinde er sich auf der falschen Seite.
Es war still, es war Nachmittag und still. Kein Verkehr, nichts; als wäre alles Einbildung, eine Schrecksekunde gewesen, ausgelöst von der Rockmusik: war da jemand mit metallbeschlagenen Schuhen eine Marmorstiege hinabgelaufen, und der Hall der Schritte war so rasch weggesackt, wie Sternschnuppen am nächtlichen Sommerhimmel verglühen – hatten sich nur alle Dinge der Welt für einmal auf den Kopf gestellt?
Flip stand da, am Ausgang der Kurve, sah unten einen Wagen liegen, den beigen Audi, die Türen aufgerissen, die Kühlerhaube zerdrückt; auf dem Dach stand der Wagen, und neben dem Wagen lag ein Mann mit verrenkten Gliedern.
Der Mann war tot.
Man rief den Krankenwagen in solchen Fällen, die Polizei, und manche holten auch einen Priester.
Der Verunglückte hieß René Villiger. Er trug einen SOS-Ausweis bei sich, in dem rot unterstrichen vermerkt war: Wünscht bei Unfall kath. Priester …
Villiger war zwar tot, soll auf der Stelle tot gewesen sein; aber man kann auch Tote mit den Sterbesakramenten versehen.
Francis Fischer war Priester. Er saß in seinem Studierzimmer, hatte ein mit der Hand abgeschriebenes Gedicht vor sich liegen, das er liebte, dessen eindringliche Verse ihn vor allem in letzter Zeit stark beschäftigten und mitnahmen. Er hätte auch im Freien sitzen können, am roten Blechtisch unter dem Kastanienbaum, im Garten, der wucherte, da er ihn nicht pflegte. Es gab Leute, die ärgerten sich deswegen, andere lachten und fanden das schön. Kerbel wuchs, Sauerampfer und Mohn. Es gediehen wildes Korn und Kamille. Einmal im Jahr nahm Fischer die Sense und mähte den Garten ab. Wenn die Mahd trocken war, zündete er den Haufen an. Und vom Feuer, das er entfachte, stieg Qualm auf hinter der Mauer, und man hätte denken können, ein Eingeschlossener gebe Notzeichen. Der Mauer entlang wuchs dickes Brombeergestrüpp, auf Ziegeln sonnten Blindschleichen. Die Katzen der Nachbarschaft liebten den Garten, doch Fischer zog am Nachmittag sein Studierzimmer vor. Er hatte hellrotes Haar, war weißhäutig und voller Sommersprossen; so litt er bald an der Sonne.
Hälfte des Lebens
Das Gedicht Hölderlins setzte ihm zu. Bilder und Verse warfen Schatten auf seinen Alltag, auf sein sechsunddreißigstes Lebensjahr. Hin und wieder, wenn er die Frühmesse zu lesen hatte, überkam ihn eine elende Mühsal, und er stand vor dem Altar, der Gemeinde zugewandt, hielt die Hostie in der Hand. Und er aß den Leib Christi. Trank dessen Blut. Das Irreale hinter dem Vorgang konnte die Vernunft zum Entgleisen bringen, dachte er, hatte gelesen, das Leben ernähre sich vom Tod; nur in der Eucharistie ernähre sich das Leben vom Leben. Er wünschte sich manchmal, so überzeugt und gläubig zu sein wie die Kirchgänger, die zur Frühmesse kamen. Zumindest wirkten sie auf ihn, als ob sie gläubig wären. Es waren meist Frauen. Er gab ihnen die Hostie in die Hand, das Weiß deckte Herzlinie, Kopflinie, es deckte die Lebenslinie ab. Sie hatten so saubere Hände. Und ab und zu schaute ihm eine Frau in die Augen, er vermochte den Blick nie ganz zu deuten – seltsam, wenn er sie schon als Mädchen gekannt hatte.
Nun hatte sie einen Mann, einen Freund, ging tanzen, küsste, liebte. Er berührte fast zärtlich ihre Hand, roch ihr Haar, sah ihre Augen. Eine junge Frau. Und bei welcher anderen Gelegenheit wäre er einer Frau so nah gekommen wie bei der Kommunion. Die er ausnützte. Er fand dann, alles sei so verletzlich. Die Hand, die Haut. Der Leib, den Leib des Herrn empfangend. Zum Verzehr. Es fiel ihm oft schwer, Frauen die Kommunion zu geben; er fühlte dabei, dass er ein Mann war, unabänderlich. Eher bedenkenlos reichte er Männern die Hostie. Das war fast ein Güteraustausch, wenn er an bestimmte Namen dachte. Es gab da keine Probleme, unkompliziert war es, den Männern die Kommunion zu erteilen, und vielleicht war sie deshalb für ihn zu einem Ritus ohne Inhalt und Sinn verkommen. Oder verfälscht worden. Man hielt sich an die Spielregeln, man setzte ein Einverständnis voraus, das für Fischer am Ende keine Grundlage mehr hatte, man genügte der Konvention. (Aber wehe dem, der sich vom Herrn nährt und keine offenen Augen hat, um IHN zu entdecken …)
So gab er den Männern teilnahmslos die Hostie in die Hand, und nie suchte einer von ihnen seinen Blick; aber was lag in den Blicken und Augen der Frauen, was war das für ein Schimmer, den er nicht zu beschreiben wagte. Fischer hatte schon einmal in Erwägung gezogen, ungeweihte Oblaten in die Hände der Männer zu legen …
In der Frühmesse fiel ihm sein Amt oft schwer, wenn er in der fast leeren Kirche stand und Gebete zu sprechen hatte, deren Worte, kaum waren sie ihm über die Lippen gekommen, wie Bleiklötze zu Boden fielen. Dumpf schlugen sie auf den Fliesen auf, als hätte Watte sie aufgenommen, und dabei war doch die große Kirche für einen Nachhall geradezu geschaffen. Ja, ohne Echo schien ihm zu bleiben, was er sprach, dachte, unternahm. Ein paar Alte und die Schwestern vom Josephsheim waren jeden Tag anwesend. Kaum Männer, wenige junge Frauen, Jugendliche eigentlich nie. Den Blicken der Schwestern war Fischer ohnehin nicht gewachsen. Die Augen gesenkt, gab er ihnen die Hostie. Eine ältere Frau bestand darauf, den Leib des Herrn täglich von der Hand des Priesters in den Mund gelegt zu bekommen. Sie war beharrlich, wollte die Kommunion wie vor dem Konzil empfangen, öffnete die Hände nicht, sondern behielt sie in Betstellung vor der Brust. Es war ein Ansinnen, und Fischer vermied es, mit den Fingern ihre Lippen zu berühren.
Und er, Francis Fischer, aß jeden Tag den Leib des Herrn, das Brot, das er selbst in Fleisch verwandelt hatte; es war gelegentlich ein kannibalisches Gefühl, sich so das ›ewige Leben‹ einzuverleiben, und er fragte sich, warum es denn nicht möglich sein sollte, Brot Brot sein zu lassen.
Hälfte des Lebens
Es war still im Haus, es war still in der Unterstadt, wo das Haus stand, nah bei der Kirche, deren Turmschatten an sonnigen Tagen durch seinen Garten wanderte und hinüberglitt über die Mauer in den gepflegten Garten des Stadtpfarrers. Den Stadtpfarrer hätte Fischer wohl sehen können in diesem Moment, aber er wollte ihn nicht sehen, ließ sich deshalb nicht blicken am Fenster.
Es war früher Nachmittag, der Stadtpfarrer schritt im Garten auf und ab, er ging dort seiner Gesundheit zuliebe. Viel zu dick war er und hatte unter seinem Körpergewicht zu leiden. Es plagte ihn ein zu hoher Blutdruck, das auch. Wenn er bei den Prozessionen im Messgewand einherging und die schwere Monstranz trug, in der das Sanktissimum so weiß leuchtete, dass ihm bei dem Geflimmer fast schwarz wurde vor den Augen, dann schwitzte er wie ein Märtyrer, den man quälte für den Glauben; ja, als Stadtpfarrer an Prozessionstagen hatte er einen persönlichen Kreuzweg abzuschreiten.
Francis Fischer mochte den Stadtpfarrer nicht, hatte ihn niemals leiden können. Und wenn sich der Stadtpfarrer von der Tortur, wie er das nannte, wieder erholt hatte, stimmte ihn die überwundene Schwäche, seine Fleischesschwäche, versöhnlich gegen sich selbst, und er fand bald Trost, liebte er doch Rotwein sehr und schmackhaftes Essen und einen Coup Dänemark. Den servierte ihm seine Haushälterin an lauen Sommerabenden sogar im Garten, wo er gern saß, ohne an die Zukunft zu denken ohne zu rechnen
ohne zu sparen
als ein Sohn
des Herrn über alle Ernten der Welt.
Stille im Haus; Francis Fischer war gern allein in der Stille. Doch es war zu still, und er saß zu oft allein.
Das Haus war alt, gepflegt, es gehörte der Kirchengemeinde. Von dem großzügigen, weiß getünchten Flur aus führte eine Treppe in die oberen Stockwerke. Sie war mit einem roten Teppich belegt. Der Handlauf des hölzernen Geländers war glatt, abgewetzt, von Handschweiß fast schwarz geworden. Die Stäbe gedrechselt – Handwerk für die Ewigkeit geschaffen. Das Licht fiel durch zwei große Fenster in den Flur. Ein Kruzifix gab es an der Wand, ein Kreuz aus dunkler Eiche, an dem der Heiland hing mit viel zu langem Oberkörper und zu kurzen Beinen. Die Nägel in Händen und Füßen waren echte Nägel, handgeschmiedet aus Eisen, Viele der Zimmer waren brusthoch getäfelt mit einem hellen Holz, in das farbige Hölzer eingelegt waren.
Jedes Mal, wenn Francis Fischer ins Haus trat, hatte er das Gefühl, ein gutes Haus zu betreten – und er hatte ein schlechtes Gewissen. Er fand, das Haus sei zu groß für ihn, auch zu bürgerlich solide, und er fragte sich manchmal, ob es gerecht sei, allein darin zu wohnen. Doch alle Gedanken, die sich mit Armut und Gerechtigkeit beschäftigten, führten Fischer nur weiter in die Verzweiflung hinein …
(Du bist der Vater – der Hilfsbedürftigen, der Unterdrückten, der Recht- und Stimmlosen. Aber vergiss nicht – die Armen an Liebe, an Träumen, die Armen an Glaube und Hoffnung …)
War Gerechtigkeit überhaupt ein christliches Gebot? Ein christliches Anliegen, fußte nicht gerade die Schrift auch auf der Ungerechtigkeit, die man Fügung nannte? Gab sie nicht die Anweisung, Ungerechtes zu erdulden – verurteilte Neid, Stolz, Habsucht und pries die Demut. Dienen. –
Francis Fischer wohnte seit sieben Jahren hier, seit sieben Jahren war er Pfarrhelfer in Bremgarten, und manchmal meinte er, schweigen zu müssen, weil er keine frohe Botschaft (mehr) zu verkünden habe. –
Das Haus hatte zwölf Zimmer, die meisten davon waren unbenutzt, hohe, schöne Räume mit Stuck an den Decken. Francis Fischer bewohnte nur den ersten Stock. Er hatte drei Zimmer und die Küche samt Möbeln von seinem Vorgänger übernommen, zwar dunkle, aber taugliche Möbel, die ein Schreiner vor siebzig Jahren angefertigt hatte, alle gearbeitet aus massivem Holz. In der Küche hielt er sich selten auf, er verköstigte sich schnell aus dem Kühlschrank, kochte eine Suppe auf, wenn er es leid war, auswärts zu essen.
Nur wenn Lea kochte, erfüllten Wohlgerüche das Haus. So empfand er es jedenfalls. Gestern hatte sie Kuchen gebacken. Hatte einen Guss aus Zucker, Eiern und Quark gemacht, während er den Teig ausrollte und die Apfelstücke schnitt. Hatte auf einem zweiten Blech einen Käsekuchen vorbereitet mit geriebenem Emmentaler, Zwiebeln und Rahm. Ja, lachend hatten sie geweint beim Zwiebelhacken, und er war dann in den Keller gegangen, einen Wein zu holen. Sie hatten zusammen gegessen, den Wein getrunken, Santenay …
Lea war eine junge Frau, sie betreute die Pfarrbibliothek, die sich in den Räumen im Erdgeschoss befand. Zweimal jede Woche und auch am Sonntag war Buchausgabe. Eine Haushälterin beschäftigte Fischer nicht, regelmäßig kam eine Hilfe, eine Frau aus der Nachbarschaft, räumte auf, nahm die Wäsche mit, hielt alles in Ordnung.
Fischer hatte sich eingelebt, eingewöhnt. Zynisch hatte er einmal zum Stadtpfarrer gesagt, er, Fischer, führe das Wohlleben eines ländlichen Pfarrhelfers … (und vertraut mir eure Leiden an, Glückliche und Unglückliche, Heilige und Sünder, Junge und Alte, Gläubige und Ungläubige). Die Satten und die Hungernden, Stoff für manche Predigt wäre das, hatte er zum Stadtpfarrer gesagt.
Francis Fischer war aufgewachsen in Eggenwil, einer kleinen, im Schwemmland der Reuss gelegenen Gemeinde. Der Fluss war dort noch ungezähmt, wild, die Erde war schwarz und gut. Geboren als zweiter Sohn eines Bauern. Einen Weidling hatten sie in der Scheune bereit, der Fluss konnte den Talgrund überschwemmen. Fischer hatte in Eggenwil die Schule besucht; sein Bruder bewirtschaftete den elterlichen Hof, was nicht leicht war.
Der Betrieb warf zu wenig ab. Man hat zum Sterben zu viel und zum Leben reicht es nicht aus, sagte der Bruder, man serbelt dahin. Hör auf, empörte er sich, Subventionen. Bauer will ich sein, nicht Almosenempfänger.
Francis war Priester geworden.
Verkaufen und auswandern sollte man, erklärte der Bruder. Neusiedeln in Kanada, eine SWISS-FARM aufbauen … dort könne man mit dem Traktor drei Tage geradeaus fahren, meinte der Bruder, und man fahre immer noch auf dem eigenen Land. Priester war Francis Fischer geworden, weil es der Wunsch der Mutter gewesen war, ein Wunsch wie ein Felsblock im Ackerland. Der hatte ihr Denken besetzt und war abends noch bestärkt worden mit Gebeten zur Muttergottes. Francis hatte gar keine andere Wahl gehabt, er hatte den Wunsch eingelöst. Sozusagen programmiert habe ihn die Mutter, dachte er. Berufen sei er, hatte sie selbst gesagt.
Man mochte Francis Fischer, bestimmt war er beliebt bei den Jungen. Er spielte in den Räumen der ›Jungwacht‹ Tischtennis, und keiner fand ein Rezept, seine Topspinschläge zu parieren. Er war noch jung (einigermaßen, dachte er), und manchmal fragte er sich
ABER WO BLEIBT DAS LEBEN
Hölderlins Gedicht befasste sich mit dem Leben, teilte es in zwei Hälften – und Fischer stand dazwischen. Eingangsverse und erste Strophe verklärten den Sommer und seine Fülle, den Reichtum, das Üppige der Farben, Wärme und Fruchtbarkeit. Worte brachten Sinnlichkeit und Lebensfreude zur Darstellung. Sinnlich war die Sommerfarbe der Birnen, warmes volles Gelb, gespeicherte Glut. Das Geheimnis des Sommers war seine Unausschöpfbarkeit, unausschöpflich die erste Hälfte des Lebens.
›Heilignüchtern‹ nannte Hölderlin das Wasser des Sees und aus so erhaben stolzer Sicht wurde ihm der Kopf des Schwans zum ›Haupt‹.
In der zweiten Strophe kippte das Gedicht um.
Weh mir, wo nehm' ich, wennEs Winter ist, die Blumen, und woDen Sonnenschein,
Und es endete in dem harten Bild, das so unausweichlich wie einprägsam war, das die Winterkälte einschloss, das Alter, den Tod.
Sprachlos und kalt, im WindeKlirren die Fahnen.
Francis Fischer liebte dieses Gedicht nicht nur, es hatte ihn richtiggehend erschüttert, als er es zum ersten Mal las. Das Gedicht beschrieb nicht die Lebensmitte, in der er nun stand. Es teilte das Leben in zwei Hälften, in eine sommerliche und eine winterliche Hälfte, und er vegetierte auf der Winterseite, er döste in einer kalten Höhle dahin, zwar geschützt, aber mit reduzierten Körperfunktionen. Doch irgendwie musste es das Licht geschafft haben, in seine Höhle zu dringen, die Sonne hatte seinen Körper berührt, er war erwacht. Geweckt hatte sie ihn aus dem Winterschlaf, und er war aus der Höhle in den Tag gekrochen. Er fand, viel verpasst zu haben, uneinholbar. Auch an die Schrift dachte er, die von verbotenen Früchten spricht. Er fühlte sich schwach, er spürte den Mangel an Erfahrungen. Und stets von Neuem unterlag er dem ›leibhaftigen‹ Körper, dem ›Fleisch‹, das ›schwach‹ war … ›und der Geist oft unwillig‹, wenn er die Verse Hölderlins las, das Gedicht Zeile für Zeile in sich aufnahm; ›trunken von Küssen‹, dieser Gefühlsrausch erfasste ihn wieder, Wünsche löste das Gedicht aus. Und nachts fuhr er aus Träumen hoch, war erregt, lag im Angstschweiß, fühlte eine Not.
Im Sommer ging er schwimmen in der Reuss, stieg beim Hexenturm über das flache steinige Ufer ins Wasser. Flussabwärts glitt er, ohne Kraftanstrengung. Rechts und links die stillen Ufer, von Bäumen bestanden, mit Büschen bestückt, dazwischen hellgrünes Weidland, eine Böschung mit lichtem Gehölz. In Ufernähe floss das Wasser gemächlich, blieb gar stehen, bewegte sich rückwärts; Haselnusssträucher neigten sich ins Wasser hinab, abgebrochene Zweige schwammen im Fluss, Nüsse, noch im Blätterkelch, trieben davon. An besonders heißen Tagen schmolzen Wasser und Luft zusammen, bildeten vor der Brücke zum Militär-Camp ein blaues Grün, erschienen hinter der Brücke als dunkles Blau, waren unter der Brücke schwarz. Es gab Untiefen im Flussbett, man berührte mit den Zehen die Kiesel am Boden; auf vereinzelten Sandbänken, knapp unter der Oberfläche des Wassers, konnte man aufstehen, mitten in der Reuss reichte einem das Wasser nur bis über die Knie. Bis zum reißenden, ›Stutz‹ genannten Wehr, wo abends Wildwasserfahrer trainierten, wagte sich Fischer, hatte sich vorgenommen, einmal über das Wehr zu hechten, in die gefährlichen Wirbel, die Wellen, doch bislang den Mut nicht gefasst. Angler am Ufer, Spaziergänger, Paare auf Bänken, Kinder im Fluss, rufend und lachend, auf aufgepumpten Autorad-Schläuchen, und Francis tauchte nach einem Kiesel, holte ihn ans Licht. Grüner, von Algen überzogener Stein, glatt und schlüpfrig. An Land wusch er ihn sauber, rieb ihn trocken mit Sand. Sandreste hafteten auf dem Stein, der den Farbglanz verlor an der Sonne und die Wärme aufnahm und wieder abgab an die kalte Hand. An den Pfarrhelfer in der Badehose hatte man sich gewöhnt, erstaunlich rasch, auch der Stadtpfarrer, der jetzt wohl seine Zeitung las – oder LEPRASOL RETARD schluckte, sein verordnetes Medikament gegen Hypertonie, und dazu Wein trank, was der Wirkung des blutdrucksenkenden Mittels in die Quere kam, ihm schadete und ihn noch dicker machte, als er ohnehin war. Francis verabscheute die Schwammleibigkeit, die viele Geistliche Herren zur Schau stellten als persönliches Kreuz oder Kainszeichen. Ein ungesundes Aussehen prägte sie, als wären sie verstopft, andauernd verstopft, als brächte ihnen einzig ein Zäpfchen endlich Erlösung. (Auch mit dem Kreuz hatte Fischer Mühe, dem Christus am Kreuz. Viele sind gekreuzigt worden, starben und sterben noch schlimmere Tode. Für Francis bildete das Kreuz längst nicht mehr den Mittelpunkt: ihn faszinierte die Auferstehung.)
Es waren die Jugendlichen in der Gemeinde gewesen, die es normal fanden, stinknormal, wie sie sagten, einen Pfarrhelfer, der baden geht in der Reuss. Ein Schulmädchen hatte ihn in der Badehose gezeichnet und für den Haarschopf und die Hose dieselbe Farbe genommen, ein leuchtendes Orange. Das hatte ihn doch ein wenig irritiert, er kaufte sich im folgenden Sommer eine neue, blaue Badehose, die er immer noch benützte, kobaltblaue Shorts mit eingenähtem Slip.
Er war ein guter Schwimmer, breitknochig gebaut, auch breit in der Hüfte; er hatte kaum Körperhaar und bekam eher dreimal den Sonnenbrand, als dass seine helle Haut Braun annahm.
Hätte er auch mit Lea schwimmen gehen dürfen?
Francis stellte sich vor, neben Lea im Gras zu liegen, sich wärmen zu lassen von der Sonne. Den Rücken rieb er Lea ein mit Sonnencreme. Seine Hand auf ihrer Haut stellte er sich vor, die Haut streichelnd, massierend, das Sonnenöl verteilte er fast zärtlich. Würde sie das überhaupt zulassen?
Der Nachmittag war vorgerückt. Die Sonne schien durchs Fenster in sein Studierzimmer. Eine Lichtbahn, in der Staubpartikel flirrten, führte zum Schreibtisch, begann am Tisch hochzuklettern, sie würde die Tischkante bald erreichen und nach einer halben Stunde auch das Blatt mit dem Gedicht berühren, es teilen in Schatten und Weiß, überfluten, ganz zuschütten mit Sonne, seine Hände wärmen, und bliebe er, Francis, sitzen, plötzlich den Bauch sich ertasten, die Brust anfassen mit heißem Strahl.
Das Telefon klingelte, es störte seine Gedanken, und er stand auf. Eine fremde Stimme berichtete von einem Unfall am oberen Ausgang des Wohlerwaldes, bat ihn zu kommen.
Er stand vor der Bahre mit dem Toten, den weiß gekleidete Sanitäter mit einer Decke verhüllt hatten. Francis Fischer hatte eine einfache Stola umgelegt, trug sie über dem grauen Manchesteranzug, den er oft anhatte. Er sprach ein kurzes Gebet. Um dem Toten die Sterbesakramente zu spenden, musste er die Hülle, eine dünne Plastikfolie, etwas zurückziehen. Das Gesicht war unverstellt. Die Augen halb geschlossen. Fischer schloss sie ganz. Das war einfach, es gehörte dazu. Mit dem rechten Zeigefinger schob er das obere Lid hinunter, mit dem Daumen das untere nach oben. Die Haut war noch warm, die Totenstarre noch nicht eingetreten. Mit dem geweihten Öl machte er das Kreuz auf die Stirn des Toten, zog die Folie dann wieder über das Gesicht.
Er war nicht angeschnallt.
Hat wohl die Kurve unterschätzt.
So wie es aussieht, hatte er selber schuld.
Außer dem Lehrling hat es keiner gesehen.
Nicht der erste in dieser verdammten Kurve.
Das Licht, der Lichtwechsel, plötzlich ist man in der Kurve drin und über die Kurve hinaus und tot.
Hinter der geriffelten Scheibe, die in die weiß gestrichene Haustür eingesetzt war, erkannte sie als dunklen und an den Rändern verschwommenen Umriss die Gestalt eines Mannes. Sie hatte eben die Gartenschürze abgelegt und war dabei, die Gartenschuhe auszuziehen, als geläutet wurde. In den Strümpfen stand sie im Gang und spürte, wie kühl die Bodenplatten waren; eigentlich hatte sie niemanden erwartet, obwohl es die Zeit war, um die ihr Mann manchmal nach Hause kam von Aarau, nach Debatten im Parlament.
Als sie den Pfarrhelfer ins Haus bat, waren die feuchten Abdrücke, die ihre Füße auf den Steinplatten hinterlassen hatten, schon wieder abgetrocknet; so warm war es noch. Barbara hatte den Nachmittag im Garten verbracht, Unkraut gejätet, Stauden aufgebunden, gearbeitet. Mit zwei Korbflaschen, die sie im Regenfass gefüllt hatte, war sie ins Haus hineingegangen, sie wollte die Zimmerpflanzen gießen. Neben der Tür standen die Korbflaschen, feine Bläschen bildeten sich im lauen Wasser, schön im grünen Glas. Barbara begleitete den Pfarrhelfer in die Stube, wies auf die Polstersitzgruppe.
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