Keine Entschuldigungen - Tibby Armstrong - E-Book

Keine Entschuldigungen E-Book

Tibby Armstrong

3,0

Beschreibung

Nichts ist für Aaron Blake faszinierender als sein grüblerischer Zimmernachbar Greg Falkner. Doch mit Aaron zusammenzukommen, steht nicht gerade an erster Stelle auf Gregs Plan. Ein unerwarteter Vorfall bringt die beiden zusammen und ein einziger Kuss besiegelt ihre Liebe … So möchte Greg, der ein erfolgreicher Drehbuchschreiber geworden ist, seine und Aarons Geschichte gern verfilmen. Und tatsächlich – in Hollywood zeigt man sich interessiert. Doch ist diese Geschichte mehr als ein Märchen? Greg und Aaron müssen herausfinden, ob sie die wahre Geschichte ihrer Vergangenheit neu schreiben können – oder ob es zu spät ist für eine Zukunft zusammen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 308

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
3,0 (1 Bewertung)
0
0
1
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Tibby Armstrong

Keine Entschuldigungen

Hollywood Book #1

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2017

www.deadsoft.de

© the author

Published in arrangement with Tibby Armstrong

Titel der Originalausgabe: No Apologies

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Aus dem Englischen von Isabella Blank

Cover: Irene Repp

www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© Lopolo – shutterstock.com

© OLIINYK INNA – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-173-4

ISBN 978-3-96089-174-4 (epub)

Inhalt:

Nichts ist für Aaron Blake faszinierender als sein grüblerischer Zimmernachbar Greg Falkner. Doch mit Aaron zusammenzukommen, steht nicht gerade an erster Stelle auf Gregs Plan. Ein unerwarteter Vorfall bringt die beiden zusammen und ein einziger Kuss besiegelt ihre Liebe …

So möchte Greg, der ein erfolgreicher Drehbuchschreiber geworden ist, seine und Aarons Geschichte gern verfilmen. Und tatsächlich – in Hollywood zeigt man sich interessiert.

Doch ist diese Geschichte mehr als ein Märchen? Greg und Aaron müssen herausfinden, ob sie die wahre Geschichte ihrer Vergangenheit neu schreiben können – oder ob es zu spät ist für eine Zukunft zusammen.

Widmung

No Apologies ist Kele Moon, Autor und Freund, gewidmet. Danke dafür, dass du mir die Straße gezeigt hast, die meine Seele entlangfahren musste. Dein Mut und dein Verständnis hören nicht auf, mich zu beeindrucken. 

Ich möchte folgenden Menschen danken, die diese Reise mit mir gegangen sind:

Zu allererst Nathan. Nur du siehst alle meine Wahrheiten.

Danke an G.G. Royale und Saritza Hernandez dafür, dass ihr das Buch angenommen und ein „Heim“ dafür gefunden habt.

Viele Leute haben das Manuskript gelesen, bevor es in den Druck ging. Kristin Dearborn, du bist eine außergewöhnliche Autorin. Danke, dass du das Buch offen und unvoreingenommen gelesen und kommentiert und großartige Hilfestellungen gegeben hast. 

Kristin Daniels und A.J. Llewellyn, danke, dass ihr meine Sorgen angehört und meine Hand während der schwierigen Stellen gehalten habt. Beth Coughlin, deine Freundschaft und dein Einblick in die Militärschule gaben mir die Zuversicht, dass Fehler nicht die Story in seiner Logik gefährden ist. (Hinweis: Alle etwaigen Irrtümer sind mir geschuldet.)

Danke auch an Daniel Abraham, dem üblichen Verdächtigen, dass du mir zuhörst und mich immer wieder ermutigst, sei es auch mitten in der Nacht.

Kapitel eins

November 2002

Mit Greg Falkners Temperament umzugehen, war so schwierig wie Surfen in einer Banzai Pipeline während eines nordpazifischen Sturms.

Fest mit den Füßen auf dem Surfbrett stehen – die Hüfte drehen, den Griff justieren – und man kommt möglicherweise am anderen Ende wieder heraus, ohne, dass man von der Welle mitgerissen wurde.

Sagte man das Falsche, wurde man schneller mitgerissen als eine Socke in einer Waschmaschinenladung und man endete in Stücke gerissen am Riff. Um Gregs willen hatte Aaron Blake bisher alles für die perfekte Welle riskiert.

Bis jetzt.

„Was meinst du damit, du möchtest verschiedene Limousinen nehmen?“ Aaron starrte über das blaue Wasser des Pazifiks. Wenn er den Blick auf seine neue Lieblingsaussicht beibehielt, verhinderte er möglicherweise, dass er seine Contenance verlor.

„Die Presse wird anwesend sein.“ Greg sprach zu ihm, als spräche er zu einem Fünfjährigen. „Sie werden Fotos machen. Fragen stellen.“

Ihre gesamte Beziehung zerrte … an Aaron wie eine außer Kontrolle geratene Welle – wenn er sich ihr trotz der Risiken  näherte, würde er nach hintenüber fallen und sein Surfboard zerstören. Er warf einen wütenden Blick auf die Freisprecheinrichtung.

„Wann bist du wieder zurück in L.A.?“

„Am Morgen der Premiere.“

Schulterlange Strähnen verfingen sich in Aarons Verlobungsring und er zuckte zusammen. Er nahm die Hand aus seinem Haar und schaute auf seinen Laptop.

„Kannst du vorbeikommen?“

Er spielte an dem Platinring herum, besorgt.

„Wieso?“

„Weil, zum einen denke ich, dass du mich sehen willst, aber wenn das nicht Grund genug ist, dann, weil ich denke, dass wir miteinander reden sollten.“

Eine lange Pause entstand bis Gregs Antwort kam. „Worüber reden?“

„Uns.“ Da. Er hatte es gesagt.

„Was ist mit uns?“ Es war beeindruckend, wie deutlich man jemanden schlucken hören konnte über die vielen tausend Meilen entfernt.

„Greg, lass uns das nicht jetzt machen.“

„Bedeutet es dir wirklich so viel, dass wir im gleichen Auto ankommen?“

Das tat es, wenn er ehrlich war, aber das war nur die Spitze des Eisberges, die Aaron dazu brachte, sich in ihrer Beziehung zu distanzieren. Wider besseres Wissens gab er genau diese Antwort.

„Herrje, Aaron.“

„Ich habe es satt, dein kleines schmutziges Geheimnis zu sein.“

„Wa-was?“

Vielleicht sollte es ihm nicht eine solche Genugtuung bereiten, diese erstaunte Frage zu hören, aber es tat es.

„Du hast mich schon richtig verstanden.“

„Du bist nicht ein …ein schmutziges Geheimnis.“

„Was bin ich denn dann?“ Er stand auf und presste seine Stirn an das Fenster, fragte sich, ob all das Salzwasser der Welt das gähnende Loch in seinem Körper füllen könnte.

„Niemand außerhalb deiner beruflichen Karriere wusste, dass ich überhaupt existiere. Dass wir existierten.“ Sein Gebrauch der Vergangenheitsform blieb nicht unbemerkt. Zumindest nicht Greg.

„Du musst mir etwas mehr Zeit geben.“

„Wieviel Zeit brauchst du denn? Noch ein Jahrzehnt? Vielleicht zwei?“

„Bis zur Premiere“

Erstaunt stieß sich Aaron vom Fenster ab und starrte auf das Telefon. „Du versprichst mir, dass du nach der Premiere einziehst?“

Stille.

„Das dachte ich mir.“

„Ich – Scheiße. Sieh mal, Aaron, du musst mir vertrauen.“

„Ich versteh dich nicht.“ Aaron dachte an all die Zeiten, in denen er sich selbst belogen hatte und glaubte, er hätte Greg unter seiner Kontrolle.  Er stieß ein bitteres Lachen aus.

„Ich werde das ganz und gar nicht tun.“

„Kannst du das? Mir bis zur Premiere vertrauen?“

„Soweit ich das sehe, gibt es keine Premiere.“

„Du kannst das nicht so meinen.“ Aaron merkte, wie Greg sich an ihn klammerte, und wären sie im gleichen Raum gewesen, hätte er versucht, die wachsende emotionale Distanz zu überbrücken.

„Ich wollte nicht, dass wir gemeinsam ankommen, da ich Angst hatte, sie würden …“

„Sie würden was?“

„Die Gerüchte - darüber, dass das Skript autobiografisch ist. Wenn wir gemeinsam angekommen wären, würden sie Verbindungen zwischen dir und Alan, der Figur, herstellen. Bist du dir sicher, dass du damit einverstanden bist?“

„Ist da eine Verbindung?“

„Du hast das Drehbuch gesehen.“

„Ich sah die ersten zwei Abschnitte, bevor du es mir aus den Händen gerissen hast!“ Aaron atmete tief durch und schwor sich, nicht die Stimme erneut zu erheben. Ich weiß, was die Öffentlichkeit weiß. No Apologies ist über zwei Männer, die ihre Sexualität auf der Militärschule entdecken. Du und ich waren nie auf einer Militärschule.“

„Du wirst meine offizielle Begleitung sein.“ Gregs versöhnlicher Ton überraschte ihn. „Wir werden gemeinsam ankommen.“

Aaron beobachtete, wie die Sonne auf den Schaumkronen der Wellen glitzerte und versuchte, seinen Ärger an sich abfließen zu lassen wie Wasser. Gregs Angebot war überraschend … für ihn.

„Du outest dich?“

„Nach dem Film, wie kann ich da nicht?“

„Gut.“

„Danke.“

„Ich sage nicht, dass wir zusammenbleiben.“

„Aaron …“ Gregs Stimme wurde leise und sexy. „Wir werden im Mondlicht ficken … am Strand … nach der Premiere.“

„Einen Teufel werden wir tun.“

„Was?“ Greg klang ein wenig verzweifelt. Ein wenig verrückt. „Du kannst nicht behaupten, es sei nicht mehr eine deiner liebsten Fantasien. Du wolltest das all die Jahre tun.“

Er hätte nichts Falscheres sagen können.

„Nicht mit dir.“ Aaron zuckte aufgrund der Flut an schmerzvollen Erinnerungen zusammen. „Nicht mehr.“

„Bitte.“

„Du hast deine Chance vertan, Greg.“ Aaron schaute ein weiteres Mal auf den Ring. „Keine leeren Versprechungen mehr.“

„Sie sind nicht leer.“

„Sie sind es für mich.“

„Aaron – “ Greg verschluckte sich an seinem Namen.

Hoffnung keimte in den Tiefen seiner Gedanken auf. Würde Greg sagen, dass es ihm Leid tat? „Was? Was könntest du mir noch sagen, was ich nicht schon bereits von dir gehört habe?“

Stille breitete sich zwischen ihnen aus.

„Ich sehe dich übermorgen“, sagte Greg schließlich.

Aaron schluckte seine Enttäuschung herunter, katalogisierte jedes Bruchstück davon, als sie  seine Kehle runter in den Magen glitt. „Ja. Ich – wir sehen uns später.“ Er verhinderte sein gewohntes Ich liebe dich – eine unpassende Rührseligkeit angesichts der Umstände. Darüber hinaus hatte Greg nie adäquat darauf geantwortet.

„Wir sehen uns dann am Freitag.“

Aaron öffnete den Mund, um zu sagen, dass er das Ende der Beziehung bedauere, während sein Finger über dem Auflegen-Symbol schwebte – aber nach einer Pause legte er einfach auf.

Er hatte bereits genug gesagt. Die Premiere würde ihm eine Möglichkeit geben, die Probleme zu lösen, sodass beide ihrer Wege gehen konnten, wie sie es schon Jahre zuvor hätten machen sollen. Für Abschiede und Kummer war übermorgen noch genug Zeit.

* * *

Das Freizeichen tönte in der Stille von Gregs Park Plaza Hotelzimmer. Er starrte auf sein Telefon, versuchte, Aaron herbeizuzaubern. Was, wenn er ihn jetzt anrief? Was, wenn er die Worte sagte, die er sich wünschte zu hören?

Das Freizeichen wurde zu einem abgehackten Piepton.

Nein. Es würde nicht so einfach sein. Nicht dieses Mal. Das hier erforderte, dass er an allen Stopps hielt. Den ganzen Weg. Auch wenn es bedeutete, dass er ein wenig zu spät dran war.

Er legte auf und ging zum Fenster, verzweifelt Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Wieso hatte er No Apologies geschrieben? Wieso hatte er Aaron nicht einfach gesagt, dass es im Leid tut. Ihm gesagt, wie er für ihn fühlt? Wieso musste er alles so schwierig machen?

Zehn Stockwerke unter ihm bewegten sich gelbe Taxis schleichend neben mit Scheuklappen versehenen Pferden, die die Touristen in den Central Park brachten. Alles sah so einfach aus. Bis man zu nah herankam.

Auf der Straße, wo die Leute Gesichter und Namen hatten, Stimmen und Fäuste, gab es eine Menge zu fürchten. Er erinnerte sich sehr deutlich an die höhnischen Worte, selbst zehn Jahre später. Schmerzhafte, hasserfüllte Dinge, die seine Klassenkameraden gesagt und getan hatten. Er hatte sich geschworen, sich oder Aaron nie wieder der Lächerlichkeit Preis zu geben. Nur um dann ein Drehbuch zu schreiben, das sie beide auf der Leinwand garantiert bloßstellte. 

Wieso?

Er wollte auf seine Knie gehen und um Vergebung beten. Wenn er eine Peitsche hätte, würde er sich selbst geißeln.

„Denk dir etwas aus“, sagte er in seine Hände, dann ließ er sie fallen und schritt erneut durchs Zimmer. Ein Leben ohne Aaron stand ihm bevor. Diese Vorstellung ließ ihn würgen.

Er würde alles dafür gegeben, dass die Erde aufhörte, sich zu drehen, die sie beide mit der Zeit weiter und weiter auseinander driften ließ. Wenn er die Zeit zurückdrehen könnte, würde er alle abgefuckten, unangebrachten Dinge, die er gesagt oder getan hatte, auslöschen. 

Aaron besitzt mich.

Er zog die Vorhänge zu und entledigte sich seiner Kleidung.

Aaron könnte mich zerstören.

Er kroch unter die Bettdecke.

Aaron verlässt mich.

Er schloss die Augen und betete zu Morpheus um einen traumlosen Schlaf.

* * *

Er war wirklich ein Feigling.

Anstatt Aaron vor der Premiere allein zu treffen, kam Greg in der Limousine an und bat den Fahrer zu klingeln. Er wusste, Aaron hatte ihn Stunden früher erwartet, und während sein Flug Verspätung hatte, musste er widerwillig zugeben, dass er das Unausweichliche vor sich hergeschoben hatte.  

Aaron stieg in die Limo und sein Gesichtsausdruck bestätigte Greg genau das.

„Hey.“ Er beugte sich Aaron entgegen, um ihm einen Kuss zu geben, der in einem Wangenstreifer endete, und lehnte sich zurück. So, als ob er die Abfuhr nicht gemerkt hatte. „Du siehst gut aus.“

Eine Untertreibung. Der einfach geschnittene Smoking verlieh Aarons scharf geschnittenem Kinn und den kantigen Zügen eine ungezügelte Kraft. Gott, wie sehr wollte Greg ihn berühren – ihn wie einen Liebhaber angemessen begrüßen. Er vermisste die Freiheit, die er so lange vernachlässigt hatte.

Aaron schaute ihn an, Augen wie Eis, als diese entlang Gregs traditioneller schwarzer Fliege und seinen polierten Lederschuhen fuhren. Als er stumm blieb, hatte Greg Schwierigkeiten die Leere zu füllen.

„Danke, dass du gekommen bist.“ 

Aaron nickte und starrte aus dem Fenster.

Gregs Lungen fühlten sich an, als ob sie sich mit Wasser füllten. Wenn es möglich wäre, in der eigenen Angst zu ertrinken, war er verloren. Er atmete tief durch die Nase ein und langsam wieder aus, um die schwarzen Flecken vor seinem Blickfeld loszuwerden. 

„Scheiße, Aaron.“ Er fiel nach vorne, legte seinen Kopf zwischen die Knie. „Ich kann das nicht.“

„Wieso zum Teufel hast du mich dann gefragt, ob ich mitkomme?“ Aarons Stimme war ein bitteres Schnappen.

Erschrocken über die deutliche Beleidigung, setzte sich Greg auf. „Ich habe nicht über dich gesprochen. Ich bin froh, dass du hier bist.“

Die gerunzelte Nase von Aaron signalisierte ihm, dass er sich erklären musste.

„Die Premiere. Das Drehbuch.“ Greg machte eine vage Geste. „Jeder wird Vermutungen anstellen.“

„Nun, wozu hast du es geschrieben?“

„Ehrlich gesagt, weiß ich das nicht.“

„Wenn nicht du, wer dann?“

„Ich weiß.“

Aarons einzige Reaktion bestand aus einem ungläubigen Schnauben.

„Ich bin so am Arsch.“ Greg blinzelte gegen die wiederkehrenden schwarzen Punkte an.

„Wenn die Gerüchte wahr sind, dann bist du so was von geoutet.“

„Glaubst du?“

„Dann sind die Gerüchte wahr?“

„Was? Dass ich schwul bin?“

Aaron grinste bei dem Sarkasmus und in Gregs Brust fing es warm an zu flattern.

„Nein, dass du über dich geschrieben hast. Über uns.“

Greg konnte diese Frage nicht beantworten, bis Aaron nicht den Film gesehen hatte. Es war die einzige Möglichkeit, dass er verstand.

Er wechselte das Thema. „Erinnerst du dich an das letzte Mal, als wir gemeinsam in einer Limo gefahren sind?“

Aarons düster werdender Ausdruck zeigte, dass er sich klar erinnern konnte, was während dieser Fahrt passiert war, aber er zuckte unberührt mit den Schultern. „Sicher.“

„An was erinnerst du dich?“

Greg hielt Aarons Blick stand, bemerkte, dass sein Ausdruck düster wurde. „Dass du ein Arsch warst.“

Nun, verdammt, er sollte sich nicht an diesen Teil erinnern.

„Die Dinge haben sich wohl nicht so sehr verändert, wie ich annehme.“ Greg bot diese ironische Dosis an Selbstbeschuldigung ein wenig verspätet an.

„Nein. Sie haben sich sicher nicht geändert.“

Scheiße. Er hätte es dabei belassen sollen.

„Nun, zumindest sind wir nicht auf dem Heimweg nach Lawson von der Geburtstagsoiree deiner Mutter.“ Greg legte seine Hand auf Aarons steinharten Oberschenkel und drückte ihn mutig. „Wir könnten den Fahrer bitten, rechts ranzufahren.“ 

Der Blick Aarons war am ehesten als sauer zu beschreiben – ein Ausdruck so außerhalb der Norm auf dem sonst gewöhnlich freundlich, arglos dreinblickenden Gesicht, dass Greg fast zusammenzuckte. 

„Würde sich die Geschichte wiederholen, wäre der Schaden, den dein Smoking nähme, wohl mehr Gesprächsstoff, als dir lieb wäre.“

Greg rückte näher an Aaron und nahm seine Chance wahr, umfasste Aarons Nacken und suchte in dem stahlharten Blick.

Er strich die golddurchzogenen Strähnchen aus der breiten, sonnengebräunten Stirn, erinnerte sich an die geliebten Gesichtszüge und schaute stattdessen in das Gesicht eines Fremden.

Verärgert, verzweifelt und verängstigt hielt er Aarons Gesicht fest und holte sich den Kuss, der ihm vorher verweigert wurde. Knabbernd und mit leichtem Druck schmeichelte er mit Zunge und Lippen, dass Aaron seinen Mund öffnete. Greg erforschte den süßesten Mund, den er je gekannt hatte und schrappte dabei an den Eckzähnen vorbei und glitt über die Backenzähne. Ein Mund, der ihm bereits tausende Male und mehr Lust bereitet hatte - ein Mund, den er nicht verdient hatte, aber einer, ohne den er nicht leben konnte.

Abgelenkt von seinem eigenen Verlangen – blind für alles, außer seinem eigenen Verlangen - brauchte Greg eine ganze Minute, bis er Aarons steifen Rücken bemerkte, und die Arme, die er zu beiden Seiten hängen ließ.

Greg zog sich zurück und schaute wütenden Augen entgegen. Es hätte nicht mehr viel gefehlt und er hätte Aaron flach auf sich liegend gehabt. Premiere hin oder her.

Greg bewegte sich etwas von ihm weg, um Luft zu atmen, die nicht den Geruch von Kokosnussbutter und Sonnenmilch enthielt. Seit wann hatte sich seine Intuition jemals geirrt, was Aaron betraf?

Seitdem er aufgehört hat, dein Liebhaber zu sein.

Schweiß bildete sich auf seiner Braue. „Aaron?“

„Es ist vorbei.“

Greg schaute an den mit grauem Satin bezogenen Limousinenhimmel und atmete durch seine schmerzenden Nasenlöcher.

Das war nicht die Zeit, um zu betteln. Er hatte eine Premiere durchzustehen. Danach … Nun, er würde die Dinge sagen, von denen er wusste, dass Aaron sie hören wollte. 

Er schob die Finger in die Innentasche seines Jacketts, ging sicher, dass seine Rede dort noch war. Die scharfen Kanten beruhigten ihn, wie es Papier jedes Mal tat. Wenn er es aufschreiben konnte, konnte er es auch sagen. Und wenn er es sagen konnte, würde auch alles in Ordnung kommen.

Die nächste halbe Stunde ließ Greg zu, dass Aaron ihn ignorierte. Er starrte auf seine Hände, seine Füße, aus dem Fenster – überall dahin, wo er nicht Aarons veränderten, fremden Ausdruck in Aarons Augen sehen musste.

Als sie sich dem Theater näherten, fragte er: „Möchtest du zuerst aussteigen?“

„Sie sind hier, um deinen Film zu sehen.“

„Es ist nicht meiner.“

„Halt den Mund und steig aus dem Wagen, Greg.“

Hin und her gerissen zwischen dem Bedürfnis zu fliehen oder sich zu übergeben oder beides, rutschte er herüber und wartete, dass der Chauffeur die Tür öffnete. Er stieg aus der Limo, das Aufflackern der Blitzlichter verstärkte seine Orientierungslosigkeit und er stolperte fast gegen Aaron. 

Inmitten des Blitzlichtgewitters und der für Hollywood üblichen Hektik schritten sie unter den aufmerksamen Augen der Zuschauer den roten Teppich entlang. Zusammen, aber getrennt. Nun, da er gewillt war – nein, verzweifelt –, Aarons Hand in der Öffentlichkeit zu halten, wusste er es besser, als es zu versuchen und presste seine Hand zu einer Faust zusammen, um dem Impuls zu widerstehen.

Greg schaute zu Aaron, um in diesem Trubel und Lärm einen Fixpunkt zu haben.

Das Schwarz-Weiß seines Smokings unterstrich dessen Bräune. Kräftig gebaut und stark hatte er fast nichts mehr gemein mit dem schlaksigen Teenager, in den sich Greg vor vielen Jahren verliebt hatte.

Aaron schien seinen Blick zu spüren und schaute ihn an.

Greg suchte im Gesicht seines Geliebten, suchte nach einem Lächeln.

Jenem speziellen Lächeln.

Bislang war es das, was gleich geblieben war. Warm. Beruhigend. Mit einer Spur Schalk. Und wenn das Lächeln düster wurde …

Aarons Blick senke sich und Greg schob die angenehmen Erinnerungen beiseite.

„Lass uns hier rübergehen.“

Greg schaute in die Richtung, in die Aaron deutete. Zur Linken, neben der Pressetribüne, stand ein einzeln stehender TV-Journalist. Es schien, als ob Aarons unfehlbarer Instinkt und seine ruhige Art ihm mal wieder den Hintern gerettet hatte. Es war etwas, auf das Greg gelernt hatte, sich zu verlassen, vielleicht ein wenig zu sehr.

„Hier haben wir Greg Falkner, Drehbuchautor von No Apologies! Und Produzent Aaron Blake! Dies ist nicht Ihre erste Premiere, wie fühlen Sie sich? Sind Sie aufgeregt?“

Greg schaffte ein schwaches Lächeln, und Aaron sprang ein. „Wir sind beide ein wenig erstaunt, glaube ich.“

„Die Aufnahme des Werkes bei den Kritikern war erstaunlich. Es gehen Gerüchte um“ - der Journalist fokussierte sich auf Greg - „dass das Script zu Teilen autobiografisch sei.“

Greg zwang sich zu seiner Standardantwort, trotz zugeschnürter Kehle ODER trotz des Kloßes im Hals. „Jede gute Story entspringt eigenen Erfahrungen.“

Der Journalist baute sich auf wie eine Schlange, bereit zu Angriff. Greg spielte nicht fair. Weder politisch noch auf professioneller Ebene.

„Aaron, es wird gemunkelt, No Apologies sei zuvor auf Ihrem Schreibtisch gelandet, und Ihr Studio habe es abgelehnt. Wie fühlen Sie sich nun, nachdem der Film eine so große Aufmerksamkeit erregt hat?“

Aarons Wangenknochen färbten sich – zwei dünne pinke Streifen, die man leicht mit einem Sonnenbrand verwechseln konnte.

Bastard.

„In Wahrheit wollte Aaron das Drehbuch sehen, ich habe ihm aber nie die Chance gegeben. Ich dachte, es würde ein Risiko für das Studio bedeuten, müssen Sie wissen. Ich war nicht sicher, ob er objektiv genug sein könnte, um …“

Aaron starrte ihn an und Greg ließ den Satz offen. Er plapperte. Verriet zu viel. 

„Nun, Sie haben das Drehbuch basierend auf Ihren eigenen Erfahrungen geschrieben?“ Der Journalist kehrte zum ursprünglichen Thema zurück.

Greg schaute Aaron an, der die Frechheit besaß, ihm ein ultrabreites, schadenfrohes Grinsen zuzuwerfen. Es war Jahre her, dass er diesen Ausdruck gesehen hatte, der klar aussagte du Pussy. Als Antwort darauf lehnte er sich vor und sprach klar und deutlich aus: „Ja. Ich bin schwul.“

Aaron machte ein würgendes Geräusch und Gregs Verärgerung verwandelte sich in Selbstgefälligkeit.

Damit besänftigt, ließ der Journalist vom Thema ab: „Meinen erneuten herzlichen Glückwunsch, Greg. Aaron, genießen Sie den Film. Ich kann es selbst nicht erwarten, ihn zu sehen.“

Sie entflohen in die gedimmten Tiefen des Veranstaltungsorts, einem alten Westwood Village Theater, in dem Art Déco florierte und es nur so vor geknotetem Walnussholz strotze. Sie schüttelten Hände von weiteren, aufgeregten Gästen und machten höfliche Konversation, bevor sie zu ihren Sitzen geführt wurden.  

„Jesus, Greg“, flüsterte Aaron, als sie saßen. „Ich bin beeindruckt.“ Wohl wissend, dass er nicht die Premiere oder die Qualität des Veranstaltungsortes meinte, wagte Greg einen Blick auf Aaron. Hatte er es geschafft, die Mauern um dessen Herz derart einfach niederzureißen?

„Du dachtest, ich hätte nicht den Mumm dazu.“

Sein Freund hatte den Anstand zu blinzeln. „Nein. Um ehrlich zu sein, dachte ich das.“

Die Oberlichter flackerten.

„Ich wage zu behaupten, dass du noch überraschter sein wirst am Ende des Abends.“

Aaron lehnte sich zu ihm hinüber, atmete warm in Gregs Ohr: „Ich kann es nicht glauben, dass du mir nicht erlaubt hast, ihn schon vor heute Abend zu sehen.“

Sie wiederholten diesen Streit schon seit Monaten. 

„Du weißt, worum es geht.“ Wie könnte Aaron es nicht wissen? Besonders nach all den Gerüchten, die Greg gezielt an die PR-Abteilung hatte durchsickern lassen. Er wollte nicht, dass No Apologies ihn mit einer vollen Breitseite erwischte, als eine totale Überraschung.

„Sieh mir in die Augen.“ Aarons Kiefer spannte sich an. „Und erzähl.“

Greg bemühte sich um jede Nonchalance, die er aufbringen konnte. „Was möchtest du wissen?“

„Wie autobiografisch ist es wirklich?“

Nachdem er die Risse in ihrer Beziehung in den letzten Tagen erblickt hat, konnte er ihn nicht weiter anlügen. Er suchte Aarons Blick und schluckte hart, betete stumm um Verständnis.

„Scheiße.“

„Ich –“ Greg fuhr sich mit zitternden Fingern durchs Haar.

Gott, er war so ein Idiot. Was, wenn er irreparabel eine der Beziehungen zerstört hatte, die ihm wirklich etwas bedeutete? Alles für eine nutzlose großartige Geste und aus einem Grund, den er sein ganzes Leben lang vermieden hatte?

Er versuchte, mehr zu sagen, doch die Oberlichter gingen aus, der rote Vorhang öffnete sich. Die nächsten Stunden ragten wie ein Todesurteil über ihm. Er hoffte, die aus einem Mann bestehende Jury fand in ihrem Herzen ein wohlwollendes Urteil.

Kapitel zwei

Januar 1994

„Dein Zimmergenosse ist ein Freak“, sagte Carl Westerhouse.

Aaron Blake riss seinen Blick von dem isolierten Tisch weg und fixierte ihn stattdessen auf Westerhouse, der ein Stück Fleisch aufspießte und es untersuchte, als sei es Greg Falkners Kopf auf einem Stock.

„Wieso hasst ihr ihn alle?“

Westerhouse kaute auf dem Bissen herum und schüttelte den Kopf, überließ es Tom Quinlan für ihn zu antworten. „Was gibt’s da zu mögen?“

Aaron öffnete den Mund, um zu protestieren, aber Quinlan hielt seine Hand hoch. „Ernsthaft, Blake, wieso verteidigst du diesen Scheißkerl? Er kommt ständig zu spät, leistet seinen Beitrag nicht und seine Einstellung ist scheiße.“ Wenn man es so formulierte, klang Falkner schon ziemlich lahm.

Maurice Jennings, normalerweise der Freundlichste der Clique, lehnte sich zurück.

„Was ist das mit ihm und seinen schwarzen Notizbüchern? Sogar während des Unterrichts?“

Aaron schaute rüber, wo ihr verleumdeter Klassenkamerad saß mit seinem metallenen Essenstablett und einem Haufen Schweinefraß.

Bestrafung dafür, dass er jemandem ein blaues Auge verpasst hat. Oder hat er sich mit ihrem  Mathematiklehrer angelegt? Aaron kam nicht mehr hinterher.  

Als er Greg anstarrte, wüteten zwiespältige Emotionen in ihm.

Finsteres Aussehen und kein Charme – von den schwarzen Bögen seiner Brauen bis zu dem Tiefbraun seiner Augen lud nichts dazu ein, Freundschaft mit ihm zu schließen. Sogar seine breiten Schultern schrien bleib weg zu jedem, der dumm genug war, einen Versuch zu starten.

„Nun, verdammt“, murmelte Aaron, nur um festzustellen, dass sein Zimmergenosse ein größeres Rätsel war, als angenommen.

„Er sollte rausgeworfen werden.“ Quinlan schaute sich am Tisch um Zustimmung um.

Mitgefühl regte sich in Aarons Magen und er legte sein Besteck weg. Er wusste, was als Nächstes kam und er weigerte sich, daran Teil zu haben. Nicht dieses Mal. Er wollte diesen Typen beschützen – wollte herausfinden, ob da mehr war als nur explosiver Ärger und beißender Sarkasmus. Würde er rausgeschmissen, würde Aaron nie herausfinden, wie er tickte.

„Lasst ihn in Ruhe, Kumpels.“ Als ihr Anführer und höchster im Rang unter ihnen, wurde sein Wort normalerweise als Gesetz gesehen. Dieses Mal teilten sie düstere, schwerwiegende Blicke, die ihn warnten, dass er um die Oberhand kämpfen müsste.

Kevin McHugh machte Anstalten, ihn von seinem Thron zu stoßen. „Magst du ihn?“

Aaron setzte sich gerader auf und schaute dem hitzköpfigen Rothaarigen in die Augen. Das war eine gefährliche Frage. Sagte er ja, würde er als Schwuchtel betitelt. Sagte er nein, wäre Greg Freiwild.

„Ich denke, er hat eine Menge heftigen Scheiß aufgeladen“, sagte Aaron vorsichtig.

„Er schafft sich seine eigenen verdammten Probleme.“ McHugh berührte seine Nase, die ihm Falkner beim letzten Mal gebrochen hatte. „Er ist auf dünnem Eis. Es würde nicht viel fehlen, dass er packen müsste.“

„Was, wenn …“ Die Gruppe schaute zu Aaron. „Was, wenn ich ihn dazu brächte, dass er sich bei euch allen entschuldigt? Für all den Scheiß, den er abgezogen hat?“

Alle am Tisch brachen in Gelächter aus, bis der Kasernenaufseher mit dem Finger auf sie deutete und etwas in sein Notizbuch schrieb.

„Scheiße.“ Quinlan sackte in sich zusammen. „Und da geht sie hin, meine morgige Nacht. Amy sollte mich im Rosty Spoon treffen.“

„Dieses Arschloch hat dir die Strafrunden eingebrockt“, sagte McHugh. „Wir können die Zeit zum Planen nutzen.“

Scheiße. Er musste das verhindern.

Er wusste nicht, wieso, aber etwas sagte ihm, Greg Falkners Welt würde bei der kleinsten Provokation in Millionen Stücke zersplittern.

Wieso es ihn so kümmerte, wusste er nicht, aber er entschied sich, ihn vor der Demütigung durch die anderen zu retten. Sie waren nur noch wenige Monate von ihrem Abschluss entfernt und danach würde Falkner nicht weiter ihr Problem sein.

„Habt ihr Angst, darauf zu wetten?“

Seine Freunde starrten ihn an.

„Eine Wette …“ Jennings rieb die spärlichen Härchen an seinem pickeligem Kinn. „Du meinst, wenn du gewinnst, bleibt er. Und wenn nicht, trittst du ihm in den Arsch oder wir schaffen es, dass er rausfliegt?“

Aaron dachte darüber einen Moment nach. Der Plan hatte etwas. „Sicher. Ich werde ihm in den Arsch treten. Trotzdem wird niemand rausgeschmissen.“  

Geflüsterte Worte, wie „Feigling“ und „Pussy“ gingen durch die kleine Gruppe.

Er ließ diese Spitzen an seiner dicken Haut abprallen. „Was ist daran feige, in den Arsch von jemandem zu treten, der zweimal deine Größe hat? Allein?“ 

McHugh heulte vor Lachen, und der Kasernenaufseher erhob zwei Finger. „Verdamm’ mich“, sagte er, leiser werdend.

„Du würdest das machen? Ihm in den Arsch treten, während wir dabei sind? Ihn auf die altmodische Art erniedrigen?“ Quinlan schaute ihn an wie ein Kind am Weihnachtsmorgen. 

„Du meinst, ihm so richtig schön Schmerz verursachen?“ Aaron versuchte einen lässigen Ausdruck aufzusetzen, doch innerlich erbleichte er.

„Yeah“, stieß die Gruppe im Chor aus, weil sie danach lechzte, ihre Nemesis erniedrigt zu sehen.

„Wenn er sich nicht bei euch allen entschuldigt?“

Enthusiastisches Nicken zeigt ihm, dass er nicht mehr für seinen Zimmergenossen tun konnte.

„In Ordnung.“ Er wischte sich seinen Mund mit seiner Serviette ab. „Wie viele Tage hab ich dafür?“

Sie schauten sich einer nach dem anderen an. Quinlan sprach: „ Zwei Tage. Gültig ab dem nächsten Mal. Und wenn er sich nicht entschuldigt hat, wirst du ihn dieses Wochenende dazu bringen, dass es ihm leid tut, während wir zusehen.“

„Und wenn du es nicht schaffst?“, fügte McHugh hinzu, „Dann tun wir es.“

„Geht klar.“ Aaron zuckte mit den Schultern, als ob es ein Sonntagsspaziergang wäre und nicht die Manipulation des größten, grausamsten, kaputtesten Kerls auf der Grayson. 

Als er zu dem isolierten Tisch hinüberblickte sah er Falkner, der ihn anstarrte, als wüsste er, was Aaron geplant hatte.

Aaron nickte ihm zu und fing an zu beten. Wenn Greg nicht einknickte, könnte die gesamte Angelegenheit dafür sorgen, dass sein Arsch auf Grundeis ging, denn Greg Falkner mit was anderem außer einem Stock zu berühren, würde nur mehr Spekulationen darüber verursachen, wieso er gerade diesen Kadetten mochte. Und wie.

* * *

Gregs Bleistift zerbrach in zwei Hälften, Splitter steckten in der Handinnenfläche. Ohne zu blinzeln, blickte er auf seine Hand. Die Erinnerung an Aaron Blakes Unterhaltung mit seinen Kumpanen

ließ sein Blut kochen wie die Flüssigkeit in dem Messbecher auf dem Steintisch vor ihm.

Er untersuchte die gelben Splitter, die in seiner Haut steckten. Er ignorierte das Experiment und zog sich stattdessen das Holz aus dem Finger. Dann nahm er einen anderen Bleistift aus der Tasche, zusammen mit seinem schwarzen Notizbuch, um die Unterhaltung niederzuschreiben, die er in der Mensa mitangehört hatte.

Die Idioten hatten nicht gemerkt, dass der isoliert stehende Tisch so stand, dass er das meiste ihrer Unterhaltung glockenklar - als wären sie in der Carnegie Hall - verstehen konnte. Dank seiner Vorliebe für Schwierigkeiten sah er sich nun einem arschtretenden Blake gegenüber, der dachte, er hätte ihn.

Blake.

Eine Flut an fremden Gefühlen durchzuckte ihn, als er Blakes Dialog in sein Notizbuch niederschrieb. Die Heftigkeit der Realität traf ihn mit voller Breitseite.

Schmerz. Verwirrung. Einsamkeit.

Wie aufs Stichwort entstand vor ihm eine Szene, so real, dass er sie nur aus der Luft greifen und auf das Papier bringen musste. Er sank in den warmen Kokon der Vorstellung – einer Welt, die er kontrollieren konnte. Er liebte diesen Freiraum. Es fühlte sich an, als ob er high und erregt zugleich war.

Blake. In Uniform. Während er Drillinstruktionen gab in dem ersten herbstlichen Frost. Atem als Wirbel im morgendlichen Nebel. Seine Stimme ein scharfer Schock für die noch schlaftrunkenen Sinne. Eins-zwei-drei-vier. Dann die doppelte Geschwindigkeit. Rhythmus. Muskel. Tropfender Schweiß. Pumpende Arme und sich beugende Beine.

Danach. Inspektion. Hab-Acht-Stellung, als Blake ihn von Kopf bis Fuß untersucht. In seinem Gesicht, sein Atem ein heiße Flut, gekräuselte Lippen … Lippen -

„Mr. Falkner!“

Er machte einen kleinen, schuldbewussten Sprung auf dem Sitz und schlug das Notizbuch zu, steckte es in die Tasche, bevor er sich, um Aufmerksamkeit bemüht, aufrichtete.

„Sir!“

Die Klasse starrte ihn an, Blake unter ihnen. Flüssige Hitze durchflutete Gregs Wangen, als er sich bereit machte in den Kampf- oder Verteidigungsmodus zu wechseln.

„Händigen Sie mir das Notizbuch aus.

Scheiße … SCHEISSE!

Er bückte sich, zog das Notizbuch aus seiner Tasche, als ein Chor von „So ist es richtig, Sir! Lesen Sie es vor! Lesen Sie es laut vor!“ den Raum füllte.

„Ruhe!“

Die Klasse schwieg, unterdrücktes Gelächter, das über das Zischen der Bunsenbrenner hinweg zu hören war. Greg händigte ihm das Notizbuch aus, versuchte den bittenden Ausdruck auf seinem Gesicht zu verhindern. Er stand selbst seinen Mann, solange man ihn nicht zwang, zu bitten und zu betteln.

Hauptmann Norris starrte ihn nieder, während er mit den Fingern die Kanten des Notizbuches entlangfuhr.. Greg senkte den Blick, ergab sich seinem Schicksal.

„Sie bekommen das nach dem Unterricht zurück. Weitermachen“, bellte der Hauptmann. „Sie alle!“

Greg rutsche auf seinem Metallstuhl mit der Energie eines platten Reifens zusammen. Seine Hände zitterten, als er den Messbecher mithilfe einer Zange hochnahm und, dabei brodelnde Flüssigkeit über seine Fingerknöchel schüttete. Die Haut löste sich sofort, aber er machte kein Geräusch. Das würde eine Narbe geben. Und es wäre eine gute Erinnerung. Spiel mit dem Feuer und irgendwann verbrennst du dich. 

* * *

Falkner kritzelte etwas in sein Notizbuch an seinem Schreibtisch, wie üblich. Aaron lag in dem unteren Stockbett, starrte hoch zu den metallisch-grauen Stangen, die die hauchdünne Matratze hielten. Würde er dort oben liegen, würde sich die Matratze durchwölben, sich mit seinem Gewicht mitbewegen, sobald er sich umdrehen würde. 

Jeder sagte, Aaron würde es nicht ein Quartal aushalten, sich mit ihm ein Zimmer zu teilen. Bisher kamen sie gut zurecht, vielleicht aber auch weil sie kaum redeten. 

„Greg.“ Der Name liebkoste Aarons Hals und er erschrak über die enthaltene Intimität.

Falkner drehte sich um, schlang den Arm um die Rücklehne des Holzstuhls. Aaron starrte auf die dicken Muskelstränge, die sich entlang der Ränder des weißen T-Shirts abzeichneten.

„Blake.“

Ihre Augen trafen sich. Verdammt, aber der Kerl sah aus wie der Teufel. Schwarzes Haar wie die Sünde, bleiche Haut und weinrote Lippen.

„Was hast du heute in der Klasse geschrieben?“

Falkner sah aus, als ob er geschlagen worden wäre. „Nur ein paar Notizen.“

„Worüber?“

Der zugeworfene Blick sagte „Fahr zur Hölle“, aber Falkner tat nichts anderes, als ihm den Rücken zuzukehren. Aaron kannte niemand derart Zugeknöpften. Zum tausendsten Mal fragte er sich, was er tun müsste, damit Greg sich öffnete.

Er ließ den Blick über die Pinnwand über Falkners Schreibtisch gleiten, sah ein marineblaues Lesezeichen mit den Worten NYU Tisch und eine Postkarte von New York hängen. Die Rückseite war unbeschrieben. Falkner bekam nie Post. Das und welche Deodorantmarke und welches Shampoo er benutze, vervollständigten die kurze Liste an Dingen, die Aaron über seinen Zimmergenossen wusste. Oh. Und er bevorzugte Jeans, wenn sie frei hatten, wenngleich er selten nach Hause fuhr.  

Der Jeansstoff überließ nicht viel der Vorstellung. Er machte fast täglich Krafttraining und das zeigte sich an den Beinmuskeln und den knackig-runden Kugeln seiner Pobacken.

Falkner stoppte, der Stift hing über dem offenen Notizbuch wie eine Waffe. „Was?“, fragte er, da er Aarons Blick offensichtlich auf sich fühlen konnte.

Aarons Magen zog sich voller Erwartung zusammen. Er musste ihm die Wahrheit sagen. Wenn er jemals seine Freundschaft wollte, musste er Loyalität und Ehrlichkeit zeigen. Er wusste nicht, wieso er das wusste. Er wusste es einfach.

„Ich glaube, ich muss dir in den Hintern treten.“

Falkner drehte sich mit einem raubtierhaften Blick herum, das bei den weniger stämmigen Kadetten dafür sorgte, dass sie sich ihre Hosen einnässten und nach ihren Mamas riefen, um sie nach Hause zu holen .

Aaron rieb sich die Augen und atmete tief ein. Das war nicht richtig rübergekommen.

„Fick dich“, antwortete Falkner.

„Ich sagte, ich muss. Nicht, dass ich es will.“

Falkner drehte sich auf seinem Stuhl ganz herum, umfasste die Lehne mit quadratischen Handflächen und langen, starken Fingern.   

„Konntest du nicht Nein zu deinen Freundinnen sagen?“

Aaron blinzelte gegen die Feindschaft, die Falkner direkt auf ihn richtete und Verletzlichkeit sammelte sich in seiner Brust. „Was?“

„McHugh hat’s mir verraten.“

„Hurensohn.“ Den Akzent, den Aaron normalerweise zu verhindern versuchte, hing dick in der Luft zwischen ihnen.

„Ich hab gewartet, was du tun würdest.“ Falkner schnaubte durch seine Nase und schüttelte mit dem Kopf. „Ich bin enttäuscht … Aaron.“

Verlangen breitete sich aus, verbreitete sich mit einer Flut an Wärme von Aarons Bauch bis in die Finger- und Zehenspitzen. Er schnappte sich ein Kissen und setzte sich an das Kopfende, seinen Schritt vor Falkners Blick abgeschirmt.

„Ich dachte wirklich … vielleicht. Weißt du?“

„Was? Dass ich mich bei den Arschlöchern entschuldige, die mir das Leben vom ersten Moment an,  als ich in dieses Lager kam, schwer gemacht haben?“

Drilltraining Mitte Januar, fast zwei Jahre zuvor – Aaron erinnerte sich immer noch klar an den Moment als die Limo durch die Tore fuhr. Die meisten Kadetten kamen aus reichen Familien, die Wenigsten gingen aber damit derart hausieren. Hätte Falkner eine offene, herzliche Art gehabt, hätte man darüber hinwegsehen können. Stattdessen hatte die offenkundig prahlerische Haltung seiner Familie nur noch mehr Öl in die unbändige Wut der anderen Kadetten geschüttet, was sie wild werden ließ. In diesen ersten Momenten sah Aaron in dem Ausdruck seines zukünftigen Zimmergenossen, was es wirklich war – er war nicht verärgert, er war eingeschüchtert. Mehr ein verwundetes Tier als ein schnappendes Biest.

„Wieso bist du an die Greyson gekommen?“

„Um aus Pussy-Kadetten Männer zu machen, die denken, sie können mir ‘eine Abreibung verpassen ‛, imitierte Falkner Aarons Akzent. 

Verdammter McHugh. Aaron würde ihm in den Arsch treten, wenn er fertig mit Falkner wäre.

„Scheiße. Ich hab ein Versprechen gegeben.“ Himmel, das klang wie Gejammere.

„Na und?“ Falkner zuckte mit einer breiten Schulter. „Ich lass dich damit durchkommen.“

Hoffnung keimte ihn ihm auf. „Du wirst dich entschuldigen?“

„Nein. Ich werde dir den ersten Schlag überlassen.“

Aaron senkte den Blick, als etwas in ihm sich regte, angesichts der angedeuteten Herausforderung. Der Kadett dachte, er könnte ihn herausfordern und besiegen.

„Am Ende des Tages wirst du Drills für mich machen.“ Stählernes Versprechen erfüllte Aarons Stimme.

Ein langsames Lächeln flachte den feingeschwungenen Lippenbogen von Falkners Oberlippe ab, ließ Aarons Magen wegen der Verwegenheit einen Salto machen.

„Ich werde etwas drillen, darauf darfst du Gift nehmen … aber es wird dein Arsch sein.“ Falkner hielt Aarons weitaufgerissenen Blick einen Moment lang, bevor er sich wieder seinen Notizen widmete. 

* * *

Der Sonnenaufgang zeichnete sich in den Farben einer Prellung, violett und gelb, ab. Greg schaute auf die Turmuhr und blies einen frostigen Atemzug aus. Fünf vor fünf und Blake und seine Kumpanen waren bislang noch nicht aufgetaucht.

Alter Schnee knirschte unter seinen Stiefeln, erzeugte ein unnatürliches Echo gegen die georgianischen Gebäude mit ihren Säulen rings um das Gelände. Es war still. Irgendwie beunruhigend. Noch weitere fünf Minuten und dann würde er reingehen.