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Was tust du, wenn du vom Leben einfach nicht genug bekommen kannst? Wenn deine Nächte niemals enden sollen, die Jungs niemals gehen dürfen, die Küsse niemals süß genug sein können? Die 22-jährige Michelle Dahlem, genannt Mischa, lebt auf der Überholspur. Sie glaubt an die Göttin des Augenblicks. Darum zieht sie nachts durch Hamburg und tut, was ihr gefällt: feiern, trinken, sich verlieben. Und das ohne jemals an den nächsten Tag, die nächste Woche, das nächste Jahr zu denken. Aber wenn du nicht an die Schwerkraft glaubst, kannst du leicht den Boden unter den Füßen verlieren. Mischa streitet sich erst mit ihrem Chef, verliert daraufhin ihren Job – und rastet total aus. Sie klaut die Kasse und dazu einen schnellen Wagen. Ab da gelten keine Gesetze und keine Regeln mehr für sie. Mischa tut, was sie will, und das tut sie schnell. Da bleibt keine Zeit zum Atmen...
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Seitenzahl: 190
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Kim Seitz
Keine Zeit zum Atmen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
TEIL I: Vergiss es!
TEIL II: Freiheit
TEIL III: Schweben
TEIL IV: Atmen
Impressum neobooks
1
Ich liege im Bett, in meiner kleinen Wohnung in Hamburg-St-Pauli. Die Sonne kitzelt mich im Gesicht und weckt mich. Ich öffne träge die Augen und sehe, dass es ein strahlender Sommertag wird. Warm und sonnig und perfekt dazu geeignet, um einfach nichts zu tun.
Dann drehe ich den Kopf und werfe einen vorsichtigen Blick auf meinen Wecker. Es ist schon kurz nach zehn Uhr! Die Erkenntnis versetzt meiner gerade noch so guten Laune einen hammermäßigen K.O.-Schlag.
Ich muss aufstehen, weil ich in – Oh Gott! – in nicht einmal einer Stunde bei meinem Kellnerinnen-Job sein muss. Und ich kann unmöglich schon wieder zu spät kommen, weil ich dann garantiert rausfliege.
Ich strecke und räkele mich, und dann grunze ich und mache komische Geräusche. Nicht gerade mädchen-like, mein Verhalten, aber das ist mir egal!
Ich springe aus dem Bett und gehe mit müden Schritten rüber ins Bad. Mann, bin ich fertig. Die letzte Nacht war mal wieder viel zu lang und ich habe mal wieder viel zu viel getrunken. Dafür bezahle ich heute mit Kopfschmerzen und einem seltsamen Geschmack im Mund. Aber gelohnt hat es sich trotzdem!
2
Zwanzig Minuten später sitze ich frisch geduscht und mit geputzten Zähnen am Küchentisch. Ich trinke einen starken, pechschwarzen Kaffee mit nix drin. Dazu rauche ich eine erste gute Zigarette. Ich sauge den Rauch tief in meine Lunge ein, halte ihn, bis es weh tut und mir schwindelig wird.
Ich muss an letzte Nacht denken. Meine beste Freundin Lara wollte unbedingt ins Indra, einem Club auf dem Hamburger Kiez. Typisch Lara, sie hatte mal wieder Hummeln im Hintern. Aber mir ging es genauso. Ich war nicht zu bremsen. Irgendwann, lange nach Mitternacht, habe ich einen süßen Typen kennengelernt, er hieß Hendrik, aber ich habe ihn Hank genannt, so wie Hank Williams. Wir haben miteinander geredet und dann habe ich ihn geküsst, einfach so, weil ich Lust dazu hatte. Wir tranken Bier und Wodka und Kaffee, und dann noch einmal Wodka, und ich war total verknallt in ihn. Aber dann eröffnete Hank mir, dass er eine Freundin hat. Na, klasse, dachte ich, du blöder Kerl. Ich sah rot und ich ballerte ihm eine, vor allen Leuten. Er hatte Tränen in den Augen, und irgendwie tröstete mich das. Weil ich ihm ansah, wie sehr es ihm leid tat, dass er nicht frei für mich war. Sein Herz blutete und mein Herz blutete, und der Schmerz schweißte uns zusammen wie es kein Kuss und kein Sex gekonnt hätten. Das war echt umwerfend, und ich war wieder versöhnt mit ihm und der Nacht.
Lara und ich sind dann weitergezogen, wir waren im Molotow und in der Hasenschaukel und am Schluss im Pudel Club. Wir haben weiter getrunken und gelacht, und ich weiß echt nicht, wann ich eigentlich ins Bett gekommen bin.
3
Verdammt, ich muss gleich los und mich vorher unbedingt noch stylen. Ich gehe rüber ins Schlafzimmer, lasse auf dem Weg meinen Kimono zu Boden gleiten. Dann stehe ich splitternackt vor dem Schrank und krame ein paar ziemlich seltsame Klamotten raus, die ich freiwillig niemals tragen würde.
Aber für den Job im Café Hafenblick muss ich mich in ein nettes, adrettes Mädchen verwandeln. Der Laden ist eine Schicki-Location, mit reichen, schnöseligen, aufgeblasenen Gästen, und einem Chef, der auf genau solche Typen steht. Aber immerhin zahlt er einen ordentlichen Stundenlohn.
Der Job ist zurzeit meine einzige Geldquelle, mit ihr halte ich mich überwasser. Ich bin offiziell Studentin, aber die Uni habe ich seit Monaten nicht mehr von innen gesehen. Die Vorlesungen öden mich einfach nur an, sie sind Zeitverschwendung. Natürlich habe ich deswegen ein schlechtes Gewissen, schon allein wegen meiner Eltern. Sie halten mich für eine fleißige Studentin, die eines Tages einen Abschluss ablegen wird, und zwar in ... ja, in was eigentlich? Was studiere ich doch gleich? Germanistik? Romanistik? Philosophie? Keine Ahnung, ist aber auch egal, es wird mir schon wieder einfallen, irgendwann wenn die Zeit dazu reif ist.
Mit der Kohle vom Job finanziere ich meine nächtlichen Streifzüge durch Hamburg. Die sind ganz schön teuer und darum habe ich keine Ahnung, wie ich die Miete und den Riesenberg an Rechnungen und Schulden bezahlen soll. Aber egal, mir wird schon etwas einfallen.
Ich schlüpfe in eine schwarze Stoffhose, wähle einen BH mit Spitzenbesatz, und ziehe darüber eine ziemlich enge, weiße Bluse mit Hemdenschnitt an. Später, bei der Arbeit, werde ich ein paar Knöpfe aufmachen, weil jeder offene Knopf hochgerechnet auf den Tag mindestens zehn Euro Trinkgeld wert ist.
Ich übertreibe es aber auch nicht, denn das ist das Geheimnis bei den Männern: Du musst ihnen genug zeigen, damit sie ins träumen geraten. Aber nicht so viel, dass sie glauben, alles von dir haben zu können.
Ich schlurfe in den Flur herüber, sehe mich im Spiegel an und finde, dass ich so bleiben kann, jedenfalls, wenn ich meine Haare noch bändige. Im Moment sehe ich noch aus wie eine Schwester von Bob Marley, das liegt an meinen Dreadlocks, die ich mir vor ein paar Wochen gegönnt habe.
Ich probiere es erstmal mit nem Tuch, das ich mir umbinde, aber damit sehe ich aus wie ne alte Russenmutti auf dem Weg zum Wochenmarkt. Geht gar nicht.
Also Tuch wieder weg. Dafür binde ich mir die Haare zu einem Zopf zusammen, und dann nehme ich ein paar Haarnadeln und eine Spange, und bin dann mit dem Ergebnis ganz zufrieden.
Die Styling-Aktion hat mich in eine Gouvernante verwandelt, aber eine Gouvernante mit drei offenen Hemdknöpfen ist sogar noch ein bisschen mehr Trinkgeld wert… Mein Gott, ihr Männer da draußen seid wirklich primitiv. Ihr seid so einfach gestrickt wie ein mechanischer Rührbesen, hier oben drehen, dann macht es unten rssscht und die Sahne spritzt durch die Gegend.
Was soll’s, wir Frauen sind ja auch nicht besser, nur komplizierter halt. Irgendwie kommen wir schon miteinander klar.
4
Ich muss unbedingt noch etwas essen, bevor ich aufbreche. Ich habe zwar keinen Hunger, aber sonst halte ich den Tag nicht durch.
Ich mache mir schnell eine Schale Müsli mit Milch, das beste Frühstück überhaupt. Viel bekomme ich dann doch nicht runter, ich bin zu müde, und außerdem ist es einfach zu warm, um etwas zu essen. Schließlich ist Hochsommer und das Thermometer klettert und klettert, als wollte es bergsteigen.
Ich trete hinaus auf den Balkon und sehe, dass auch heute nicht das geringste Wölkchen am Himmel ist. Eigentlich ist das wunderbar, ich liebe blauen Himmel, ich liebe die Sonne, ich mag die Sommerhitze, wenn alle schwitzen und einen Gang runterschalten.
Aber an einem Tag, an dem ich arbeiten muss, ist gutes Wetter eine Strafe. Ich muss draußen auf der Terrasse vom Hafenblick bedienen, also ständig rein und raus spurten. Drinnen gibt es eine Klimaanlage und es ist irre kalt, und draußen, wo nur Steine sind und die Fensterscheiben die Sonne spiegeln, herrscht das reinste Wüstenklima. Vermutlich werde ich am Abend tot sein, vor allem weil ich auch noch ne Doppelschicht habe. Die geht bis Mitternacht oder sogar noch länger. Aber sie bringt ordentlich Kohle, und darum will ich mich gar nicht beklagen.
5
Als letztes male ich mir noch die Lippen an, und zwar knallrot, kirschenrot, blutrot. Das tue ich nicht für die Kerle oder das Trinkgeld, das tue ich nur für mich. Weil ich mir so gefalle, mit blassem Gesicht, mit dunklen Ringen unter den Augen und roten, sinnlichen Lippen. Ja, ich bin zufrieden mit mir, so kann ich es mit der Welt aufnehmen.
Bevor ich aus der Tür stürme, fällt mir noch Rico ein, der Kater, den ich gerade als Pensionsgast habe. Verdammt, das Vieh braucht Futter.
Rico gehört eigentlich meiner Freundin Sonja. Sie ist genau wie ich 22 Jahre alt und verbringt den Sommer auf Ibiza. Vor ein paar Wochen stand sie mit dem Kater auf dem Arm vor meiner Tür und meinte: „Verdammt, Mischa. Kannst du dich um Rico kümmern, solange ich weg bin. Ich habe vergessen, mich drum zu kümmern und ich weiß nicht, wen ich sonst fragen soll?!“
Was blieb mir anderes übrig, als das Tier als Untermieter aufzunehmen. Rico hat sich schon die ganze Zeit bemerkbar gemacht, hat rumgeheult und ist mir ständig auf den Schoß gesprungen und so. Aber an einem Morgen wie diesem kann selbst der Kater nicht mit allzuviel Verständnis und Zuwendung rechnen.
Andererseits darf ich ihn nicht den ganzen Tag hungern lassen. Also gehe ich an den Kühlschrank, wühle die stinkende Dose heraus und fülle seinen verklebten Napf, während er mir maunzend um die Beine streicht.
Ja, ich weiß, Rico. Ich liebe dich auch.
6
Mein Auto heißt Jürgen. Er ist ein alter, klappriger Peugeot, und der einzige Mann (ist männlich, Jürgen, weiß auch nicht, warum), der mir seit über drei Jahren treu ist. Obwohl ich ihn wirklich nicht gut behandele. Ich trete und zerbeule ihn und wasche ihn nie, und ich parke ihn ständig so, dass andere ihn abschleppen und er im Autoknast von Hamburg landet.
Aber er ist mir eben trotzdem treu, er geht nie kaputt, oder wenigstens nicht wirklich. Er spinnt nur ab und zu oder röchelt herum, aber dann bekommt er eins mit dem Schraubenschlüssel übergebraten. Danach schnurrt er wieder, und so muss man es mit Männern halt machen, nett sein, aber wenn sie Zicken machen, klarstellen, wer die Chefin ist.
Jürgen ist auch ziemlich albern. Er hat zum Beispiel die Angewohnheit, sich zu verstecken. An diesem Morgen ist es mal wieder so weit. Ich komme aus dem Haus, sehe nach rechts und nach links, aber von der Scheißkarre ist nichts zu sehen. Na, super.
Ich gehe ein paar Schritte die Straße entlang, aber immer noch nichts. Wie vom Erdbeben verschluckt! Mist, verdammte Kacke, Arschloch Jürgen.
Ich denke, der Wagen macht das mit Absicht. Es macht ihm Spaß, wenn ich durch die Gegend irre, um ihn zu suchen. Und besonders klasse findet er es, wenn ich dabei fluche und vor mich hinschimpfe, und zwar so laut, dass sich die Passanten nach mir umdrehen oder ängstlich zur Seite weichen.
Heute ist es wieder soweit. Ich bin total geladen, schreie herum und drohe Jürgen sogar: „Hör zu, du blöde Blechkiste, wenn du dich nicht sofort zeigst, dann kommst du in die Schrottpresse! Vorher mache ich dir eigenhändig Kratzer in den Lack! Oder ich verkauf dich in die Mongolei, da kannst du über die Steppe rumpeln, bis du verrostest. Also sag jetzt endlich wo du steckst, oder ich hau dich eigenhändig zu Klump!
Nichts. Der Wagen bleibt verschwunden. Dabei bin ich mir doch so sicher, dass ich ihn in der Seitenstraße hinter dem Türkenmarkt abgestellt habe. Aber gut, mein Gedächtnis ist an Morgenden wie diesem ziemlich porös. Vielleicht habe ich ihn ja doch woanders abgestellt?! Oder haben die Bullen ihn gekapert?
Ich habe nicht die geringste Ahnung.
7
Ich renne verzweifelt durch die Straßen von St. Pauli, einem coolen Stadtteil, in dem ich wohne, seit ich in Hamburg bin. Aber dann fällt es mir wieder ein! Ich habe Jürgen zu unrecht verdächtigt, wieder einmal seine Spielchen mit mir zu treiben. Verzeih mir bitte, mein Guter, ich bin selbst schuld an allem. Weil ich den Wagen ja verliehen habe, und zwar an Torsten, meinen Nachbarn, der in der Wohnung gegenüber wohnt.
Torsten ist mit seinem Mann, die beiden sind zuckersüße schwule Kerls, ein paar Tage ins Grüne gefahren. Torsten ist ziemlich groß und dick, und sein Mann, die beiden haben letztes Jahr geheiratet, ist winzig klein und zierlich. Er heißt Takeo und ist Japaner, er sieht umwerfend gut aus, und ich glaube, wenn man Takeo anschrie, würde er zu Staub zerfallen. Jedenfalls sind die beiden bezaubernd miteinander, und Torsten macht einfach alles für Takeo, er trägt ihn auf Händen, und ich beneide die beiden um ihre große Liebe. Darum war es gar keine Frage, dass ich ihnen Jürgen geliehen habe, weil Torstens eigenes Auto in der Werkstatt ist. Und jetzt verbringen die beiden vermutlich ein superromantisches Wochenende auf dem Land…
Schön und gut. Aber das löst leider nicht mein Problem. Ich muss zur Arbeit! Ganz egal wie!
Ich sehe auf mein Handy, es ist fünf vor elf, um elf fängt meine Schicht an, also mehr oder weniger sofort. Wenn ich zum Hafenblick zufuß laufe, dauert es mindestens zwanzig Minuten oder noch länger, und dann hätte ich es mal wieder geschafft, ich wäre zu spät.
Und das darf auf keinen Fall passieren. Weil ich dann den Job los wäre. Winni, mein Chef, hat es mir unmissverständlich angekündigt. Noch ein einziges Mal zu spät kommen, und ich bin gefeuert. Ich könnte es ihm nicht einmal übel nehmen. Weil ich leider immer zu spät komme. Immer.
8
Ich renne ich zur Hauptstraße und winke ein Taxi heran, das heißt, ich versuche es, indem ich mit den Armen wedele wie eine Schiffbrüchige. Aber niemand beachtet mich. Die Wagen rauschen einfach an mir vorbei, als wäre ich unsichtbar.
Als sich das nächste Taxi nähert, pfeife ich durch die Finger, und zwar so laut, dass die Rentner in Sankt Pauli vermutlich denken, es wäre Fliegeralarm, und die jungen Leute denken, das Spiel des FC würde heute schon früher freigegeben, ich stürze den ganzen Stadtteil ins Chaos, aber das interessiert mich null.
Ich brauche ein Taxi und zwar sofort. Kurz darauf hält tatsächlich ein Wagen mit quietschenden Bremsen. Ich renne die zehn Meter, schmeiße mich auf den Beifahrersitz, grinse den Fahrer an, ein hübscher Türkenjunge, vielleicht Mitte dreißig, mit Dreitagebart und großen, melancholischen Augen. Er grinst mich spöttisch an, was ich ihm nicht verdenken kann. Was ich hier hinlege, ist mal wieder ein echter Mischa-Dahlem-Stunt. Und wie ich aussehe! Ne Kippe im Mund, Ringe unter den Augen, völlig außer Atem, und dazu angezogen wie ne Klosterschülerin. Außerdem habe ich einen Blick drauf, als wäre die Mafia hinter mir her.
„Hey, kannst du mein Leben retten?“, frage ich ihn.
„Klar, kein Problem. Hör einfach auf zu rauchen.“
Er tippt mit dem Zeigefinger auf den kleinen runden Aufkleber mit der durchgestrichenen Zigarette, der auf dem Armaturenbrett klebt.
„Oh Gott, das meinte ich jetzt nicht…“
„Ich aber.“
„Und ich dachte, du wärst ein Süßer.“
Jetzt muss der Fahrer doch lachen, und ich sage euch, er hat ein schönes, zartes, warmes Lachen, jungenhaft, aber auch männlich, und er hat schöne Zähne, dazu ein Grübchen am Kinn und Fältchen neben den Augen. Ich denke plötzlich, scheiß auf alles, auf Winni, den Job, das Geld.
Wie wäre es, wenn ich stattdessen einfach diesen süßen, kleinen Taxifahrer dazu überrede, mit mir irgndwohin zu fahren, wo wir alleine und ungestört sind. Dort würden wir uns ins Bett oder in ein Feld legen, würden uns lieben, zärtlich sein, an gar nichts denken, alles vergessen, und das dann möglichst den ganzen Rest unseres Lebens.
„Dann sag’s mir doch einfach“, meint der Fahrer und reißt mich aus meinen Gedanken.
„Was soll ich dir einfach sagen?“, frage ich ihn entgeistert.
„Na ja, wie ich dein Leben retten kann. Beziehungsweise, wo ich dich hinfahren soll.“
„Ich muss in den Hafenblick. Du weißt schon, diese bescheuerte Edel-Kneipe unten an der Elbe. Ich arbeite da, aber ich werde rausgeschmissen, wenn ich nicht pünktlich zu meiner Schicht aufkreuze.“
„Und wann ist deine Schicht?“
„Um elf.“
„Es ist elf.“
„Nein, noch nicht ganz. Also: Wenn wir es in drei Minuten dorthin schaffen, zahle ich dir den doppelten Fahrpreis. Okay?!“
Mein hübscher, kleiner, türkischer Chauffeur starrt mich an, als würde ich mich gerade in ein Alien verwandeln.
„Ist das dein Ernst!?“, fragt er.
„Meinst du, ich mache Witze? Sehe ich etwa so aus?“
„Nein. Tust du nicht.“
Anstatt die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen und loszufahren, tut er – nichts! Oh Gott! Warum muss immer mir so etwas passieren? Warum muss immer ich an die begriffsstutzigsten Typen der Welt geraten?
„Mann!“, schreie ich ihn an. „Jetzt fahr einfach los. Ich muss in einer Minute bei meinem Job sein oder ich stecke in den ernstesten, tiefsten, Schwierigkeiten aller Zeiten. Also gib verdammt nochmal Gas!“
Mein Fahrer lächelt. Ganz zart. Und dabei glitzert etwas in seinen Augen wie tausend Sterne an einem Nachthimmel. Mann, hör auf damit, mit so etwas kann ich nicht umgehen! Nicht im Moment! Ich verliebe mich und dann vergesse ich alles andere, und dann stecke ich in noch viel größeren Schwierigkeiten.
„Bitte!“, sage ich leise. „Bitte.“
Erst jetzt scheint er zu merken, dass es wirklich ernst ist. Das Lächeln verschwindet aus seinem Gesicht und macht einer wilden Entschlossenheit platz. „Kein Problem“, sagte er. „Schnall dich an. Es geht los. Wir heben ab.“
9
Der kleine, süße Taxifahrer drückt das Gaspedal durch, und der Wagen schießt nach vorne. Dann sausen wir auch schon mit Schallgeschwindigkeit durch die Straßen von Sankt Pauli und es fühlt sich an, als würden wir in einer großen Achterbahn sitzen oder in einem Learjet oder einer Spaceshuttle. Die Reifen quietschen, und die Leute am Straßenrand schreien hinter uns her, und ich lehne mich im Sitz zurück und zünde mir die nächste Zigarette an. Meinem kleinen süßen Fahrer zünde ich auch eine an und reiche sie ihm rüber, und er nimmt sie und nickt mir zu, und jetzt weiß ich, dass er genauso in mich verliebt ist wie ich in ihn.
Wir lächeln und ich lege ihm die Hand aufs Bein und er steuert den Wagen lässig mit nur zwei Fingern am Lenkrad, und dass obwohl wir Geschwindigkeitsrekorde aufstellen. Er fährt falschherum durch Einbahnstraßen und über rote Ampeln und durch Schleichwege, und alles mit hundert Stundenkilometern. Ab und zu sieht er zu mir rüber, unsere Blicken treffen sich, wir stehen in Flammen wie Kometen, die in der Atmosphäre verglühen. Es ist uns beiden egal. Die ganze Aktion ist verrückt, wir gehen ein bescheuertes Risiko ein. Aber das spielt überhaupt keine Rolle, denn das zwischen uns ist wie Musik.
10
Ich muss an meine letzte Auseinandersetzung mit Winni denken. Ich weiß nicht mehr, warum wir aneinander geraten waren, aber ich habe ziemlich ausgeteilt und ihn beschimpft, und es ist ein Wunder, dass er mich nicht schon damals gefeuert hat.
Aber statt mir die Papiere in die Hand zu drücken und mir den Weg zur Tür zu weisen, hat er sich an einen der Tische gesetzt und sich von Giorgio, der im Hafenblick den Tresen macht, zwei Fernet bringen lassen. Dann sagte er mit einer ganz ruhigen, knisternden, merkwürdigen Stimme: „Setz dich mal zu mir, Mischa. Bitte, hier an meinen Tisch.“
Ich rührte mich nicht von der Stelle. Ich war misstrauisch, was das jetzt wieder für ne Tour werden sollte.
„Na, komm schon“, sagte Winni, immer noch mit dieser seltsamen Stimme. „Das Kriegsbeil ist erst einmal begraben. Versprochen. Setz dich einfach hin …ich werde dich schon nicht beißen.“
Ich war immer noch geladen. Und auf solche Kriegsbeil-ist-begraben-Sprüche stehe ich überhaupt nicht. Giorgio kam dann zu mir, legte seine Hände auf meine Schultern und sah mir in die Augen. Giorgio hat umwerfende, dunkle Italiener-Augen, und die Tatsache, dass er verheiratet ist, hält uns nicht davon ab, uns ab und zu abends nach der Schicht zusammen zu besaufen. Und dann machen wir auch ein bisschen rum, also wir küssen uns, weil wir uns irgendwie lieben, er mich jedenfalls, und ich ihn auch, aber echter Sex läuft nicht. Weil er halt seine Frau hat, und weil er sagt, dass seine Ehe das nicht überleben würde. Jedenfalls hat Giorgio mir in dem Moment in die Augen gesehen und gesagt: „Hör auf Mischa! Hör auf, vor allem wegzurennen, was schwer ist und worauf du keine Lust hast. So läuft es nicht im Leben. Also setz dich verdammt nochmal an den Tisch und rede mit Winni, sonst bist du noch heute auf der Straße, glaub mir.“
Das einzige, was in solchen Momenten hilft, jedenfalls bei mir, ist Luft anhalten. Nicht atmen. Kein bisschen. Und zwar so lange, bis es nicht mehr geht. Notfalls halte ich mir sogar die Nase und den Mund zu. Bis ich ahne, dass ich gleich sterben werde. Und dann, wenn ich es kaum noch aushalte und mir schon schwarz vor Augen wird, dann mache ich es noch ein bisschen länger, noch eine Sekunde oder zwei. Na ja, und irgendwann geht es dann wirklich nicht mehr, dann gebe ich auf, dann lasse ich einfach los und hole Luft, ganz tief, ich sauge mir die Lungen voll, und ich denke an nichts anderes als daran, zu atmen, für eine Minute nur atmen.
Wenn ich Glück habe, ist es danach ein bisschen ruhiger in meinem Kopf. Dann weiß ich wieder, was richtig und was falsch ist.
An dem Tag habe ich es auch so gemacht. Ich habe die Luft angehalten und wurde ruhiger. Winni und ich tranken jeder zwei Fernet. Wir wurden lockerer, und ich war entspannt und konnte ihm zuhören.
„Weißt du, Mischa, es gibt ein paar Dinge, die gehen einfach nicht. Und ich denke, das weißt du ganz genau.“
„Wovon redest du, Winni?“
Giorgio, der hinter mir stand, kniff mir in die Schulter. Ich hielt daraufhin die Klappe. Winni fuhr fort. „Zum Beispiel diese Sache gestern, mit den Leuten an Tisch Elf. Glaubst du, ich habe das nicht mitbekommen? Was bitte schön, denkst du dir bloß? Soll ich dir so etwas durchgehen lassen!? Das kann ich nicht. Wir sind ein Lokal und wir leben von unseren Gästen …darum müssen wir uns Mühe geben, selbst wenn es uns ab und zu schwer fällt.“
„Ich weiß schon: Der Kunde ist König“, sagte ich, und klar, es klang ziemlich ätzend. „Aber, Winni, weißt du, wie das war mit denen an Tisch Elf? Die bestellen eine Cola und ein Bier. Gerne, habe ich gesagt und die Getränke gebracht. Dann winken die mich noch einmal heran und wollen die Karte. Ich bringe ihnen die Karte. Sie bestellen einen Salat und einmal Antipasti. Ich habe die Sache gerade gebracht, dann winken sie wieder und wollen noch ein Mineralwasser. Auch das geht klar. Ich liefere das Wasser ab, dann heißt es auf einmal: Und noch ein Bier. Ich bringe das Bier. Dann sagen sie, dass sie ihren Salat nicht mit Öl und Balsamico bestellt hätten, sondern mit American Dressing. Das war glatt gelogen, aber gut, ich verspreche ihnen, einen neuen zu bringen. Als ich dann zum zehnten Mal zum Tisch komme und der Typ meint, dass das Bier schal wäre und das Besteck dreckig, und dass sie darum für das Essen nicht bezahlen würden, wurde ich ein wenig ungeduldig. Mehr nicht, Winni. Ich habe ganz freundlich zu dem Typen gesagt, dass wir gerade ein frisches Fass angeschlagen hätten, und dass es nicht schal sein könne, das Bier, worauf er sein Glas nimmt und mir das ganze Zeug vor die Füße kippt. Na ja, und daraufhin habe ich...„
„
