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'Kennen Sie Rom?' ist eine kleine Zusammenfassung von 11 Kolumnen eines Jahres aus der Südtiroler Monatszeitschrift für Lana und Umgebung. Carsten Weber-Isele schreibt dabei über Themen, die uns alle zwischenmenschlich, gesellschaftlich und persönlich beschäftigen, immer geprägt durch seine Erfahrung als Psychiater und Psychotherapeut.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 39
Veröffentlichungsjahr: 2018
Vorweg
Kennen Sie Rom?
Kennen Sie Johanna Quaas?
Über Urteile und Vorurteile
Über Zauberworte
Mansplaining
Neulich in Schottland
Über die Wahrheit
Gute Vorsätze
Über Kompromisse
Mut und Respekt
Was macht das mit dir?
Hintennach
An meinem 11. Geburtstag war ich mit meinen Eltern das erste Mal in Südtirol. Wir wohnten in einer kleinen Pension in Partschins. Ich erinnere mich an viele schöne Wanderungen, die die Wirtin mit uns unternahm. An sommerlich heiße Tage, Süßkirschen, Südtiroler Äpfel und meine ängstliche Neugier, bei einer dieser Wanderungen eine (giftige!) Viper zu entdecken. Ich erinnere mich an den Hund der Wirtsfamilie, ein freundlicher Collie, der sich jeden Morgen alleine auf den Weg in den Ort machte, um unsere Semmeln fürs Frühstück zu holen. Den Korb trug er einfach am Bügel im Maul. Im Korb lag das Portemonnaie und wenn er zurück kam die gefüllten Bäckertüten.
Und ich erinnere mich an den Enkel der Wirtin, der ungefähr in meinem Alter war. Er fuhr mitten im Juli zum Skitraining auf den Hochjochferner im Schnalstal. Ich habe ihn mit größter Sprachlosigkeit grenzenlos beneidet. Zu der Zeit stapfte ich mit meinen Ski bei magerem Schnee im Winter in unserem hessischen Mittelgebirge herum.
Es hat ungefähr 40 Jahre gedauert, bis ich dann auch das erste Mal zum Skifahren im Schnalstal war. Grandios! Längst hat das Skigebiet in den heißen Sommermonaten geschlossen. Und wenn man sich Fotos der letzten Jahrzehnte vom Hochjochferner anschaut, dann bekommt man einen erschreckenden Eindruck von den Veränderungen, die der Klimawandel verursacht.
Heute ist Südtirol für meine Frau und mich längst zweite Heimat geworden. Wir sind regelmäßig mehrmals im Jahr dort und teilen beide immer noch die kindliche Begeisterung für den Schnee im Winter und die traumhaften Bergtouren im Sommer.
Als ich dann Anfang 2017 bei einem gemütlichen Abend mit Südtiroler Freunden das Angebot bekam, für das Lana Gemeindeblatt (ein wenig aus psychiatrisch- therapeutischer Sicht) eine Monatskolumne zu schreiben, war ich begeistert und habe gleich zugesagt. Mein Dank gilt deshalb der Redaktion des Gemeindeblattes für ihr Wohlwollen meinen Texten gegenüber und ganz besonders auch Karl Terzer, einem Südtiroler Freund, der mir diese Tür öffnete!
Kennen Sie Rom? Ich meine nicht die Hauptstadt Italiens, die sieben Hügel, das Colosseum, das Forum Romanum, die ewige Stadt. Sondern das politische, administrative Verwaltungs-Rom. Als Südtiroler kennen Sie es. Ich bin mir sicher. Es sei denn, Sie haben das Glück irgendwo über der Baumgrenze zu leben oder wenigstens im Innerulten. Dann können Sie sich davon vielleicht fern halten.
Oder aber Sie sind Deutscher auf Urlaub in Meran. Für uns Deutsche ist Südtirol nämlich so was wie das Ideal aus zwei Welten: Alpen trifft auf Adria, Knödel auf Chianti (Bitte, liebe Urlauber, greift lieber zu Lagrein!) oder so ähnlich.
Funktioniert ja bei uns in Deutschland auch: Seehofer trifft Merkel, Hofbräu meets Berghain, oder so ähnlich. Und weil Urlaub immer eine gute Portion Illusion enthält, glauben wir als Südtirolurlauber ganz gerne, dass Ihr mit den Römern schon ganz gut zurecht kommt. Schließlich brauchen wir auf der Alm nicht auf den perfekten Espresso verzichten und dürfen weltgewandt (wie wir sind, seit wir mit Berlin eine Hauptstadt haben, deren Mutterspache Englisch ist) nur zu gerne ein Ciao hauchen, wenn wir Bozner Boutiquen betreten. Herrlich! Und über allem scheint auch noch die Sonne! Wie könnte es euch also besser gehen, Ihr Gastgeber?
Aber seit ich mich im Oktober letzten Jahres entschieden habe, eine Zulassung für meinen Beruf als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Italien zu bekommen, um in Südtirol arbeiten zu können, habt Ihr mich auf Eurer Seite. Ich bin nämlich gerade dabei, das Verwaltungs- Rom kennenzulernen.
Ich bin großer Freund der EU. Und weil ich das bin, dachte ich auch, dass es eigentlich ganz einfach ist, als EU-Bürger in jedem anderen EU- Land problemlos wohnen und arbeiten zu können. Ich habe ja wirklich keinen sehr ausgefallenen Beruf. Schließlich weiß jeder so ungefähr, was Ärzte machen, und im Großen und Ganzen machen sie in ganz Europa so ziemlich das Gleiche. Also bin ich in Bozen zur Ärztekammer gegangen, um meine Zulassung für Italien zu beantragen.
„Kein Problem“, sagte man mir dort, „einfach die notwendigen Formulare hier auf der Liste nach Rom ans Gesundheitsministerium senden und in drei Monaten bekommen Sie die Genehmigung!“
Kein Problem also. Ich muss nur ein paar Urkunden kopieren, die Kopien beglaubigen lassen und von einer von deutschen Gerichten oder italienischen Konsulaten bestellten Übersetzerin ins Italienische bringen lassen. Stempelmarke drauf und ab nach Rom.
