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In 'Keraban der Starrkopf: Abenteuerroman' von Jules Verne taucht der Leser in ein faszinierendes Abenteuer ein, das von der Eigenwilligkeit des Protagonisten Keraban geprägt ist. Verne präsentiert einen Mix aus Reisebeschreibungen, Abenteuer und gesellschaftlichen Kommentaren, die das Buch dynamisch und ansprechend machen. Durch seinen präzisen Schreibstil und die detaillierten Beschreibungen schafft Verne eine realistische Welt, die den Leser in den Bann zieht und zum Nachdenken anregt. Der literarische Kontext von 'Keraban der Starrkopf' zeigt Vernes Fähigkeit, komplexe Charaktere und ausgeklügelte Handlungsstränge zu erschaffen, die bis heute Leser auf der ganzen Welt faszinieren. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Seitenzahl: 602
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Aus einer Kleinigkeit erwächst eine Reise um ein ganzes Meer. Jules Vernes Keraban der Starrkopf kristallisiert an einem alltäglichen Verwaltungsakt den großen Konflikt zwischen Prinzipientreue und pragmatischer Anpassung. Ein wohlhabender Kaufmann weigert sich, eine geringfügige Abgabe für die Überfahrt über den Bosporus zu entrichten – und macht damit das Unmögliche zur Verpflichtung: den weiten Landweg rund um das Schwarze Meer. Was als Trotzreaktion beginnt, verwandelt sich in eine Kette von Etappen, Begegnungen und Prüfungen. Verne nutzt diesen Impuls, um Raum, Zeit und Charaktere zu vermessen und zugleich die Reibungsflächen von Moderne, Tradition und individueller Freiheit auszuloten.
Dieses Werk gilt als Klassiker, weil es die Stärken der Voyages extraordinaires bündelt: präzise Ortskenntnis, erzählerische Ökonomie, ironische Beobachtung und eine tiefe Neugier auf die Welt. Keraban der Starrkopf zeigt, wie Verne Abenteuer zur Denkbewegung macht: Die Handlung treibt voran, doch unter der Oberfläche kreisen Fragen nach Autorität, Gesetz, Gewohnheit und Widerstand. Die Komik entspringt nicht bloß aus Missgeschicken, sondern aus dem systematischen Zusammentreffen von Regelwerk und Eigensinn. Dadurch wirkt der Roman zugleich unterhaltsam und reflektiert, erweiternd und kritisch – Eigenschaften, die seine Langlebigkeit in der Weltliteratur erklären.
Jules Verne, 1828 in Nantes geboren und 1905 in Amiens gestorben, veröffentlichte den Roman 1883 unter dem französischen Titel Kéraban-le-Têtu als Teil seiner Reihe der Voyages extraordinaires. In deutscher Sprache ist er als Keraban der Starrkopf bekannt. Entstanden in den frühen 1880er Jahren, greift das Buch den spätosmanischen Kontext auf und führt Leserinnen und Leser von Konstantinopel aus entlang der Küsten und Hinterländer des Schwarzen Meeres. Ohne vorzugreifen, lässt sich sagen: Ein wohlhabender, unbeirrbarer Händler entscheidet sich aus Prinzip für den längsten Weg, begleitet von Mitreisenden, deren Perspektiven das Spektrum der Erfahrungen erweitern – und damit beginnt die Odyssee.
Der Roman entfaltet eine weit gespannte Reiselandschaft, in der Geografie, Ethnografie und Logistik ineinandergreifen. Verne kartiert die Regionen rund um das Schwarze Meer mit der Akribie eines Chronisten und dem Tempo eines Unterhaltungskünstlers. Häfen, Steppen, Bergpässe und Stadtquartiere erscheinen als Bühne einer Welt im Übergang, in der neue Vorschriften und alte Bräuche, Handel und Gastfreundschaft, Verkehrsmittel und Wetterlagen ein komplexes Netz bilden. Die Schauplätze sind nicht bloße Kulisse, sondern Mitspieler: Sie setzen Grenzen, öffnen Möglichkeiten, provozieren Entscheidungen. So entsteht ein Panorama, das die Leserschaft reisen lässt, ohne je die konkreten Bedingungen von Bewegung und Beharrung zu romantisieren.
Kerabans Starrsinn ist mehr als Charaktermerkmal; er wird zum Prinzip, an dem sich die Ordnung der Dinge reibt. Verne zeigt, wie ein scheinbar geringfügiges Gesetz die unsichtbaren Machtlinien von Staat, Wirtschaft und Alltag sichtbar macht. Die Weigerung, eine Abgabe zu zahlen, wird zur Frage: Wie weit darf Selbstbehauptung gehen, wenn Gemeinschaften nur durch Regeln funktionieren? Der Roman spielt diese Spannung mit Witz und Genauigkeit durch, ohne Figuren zu demütigen oder Institutionen zu dämonisieren. Stattdessen legt er den Mechanismus offen, der aus Verwaltungsakten Weltreisen und aus persönlichen Vorlieben historische Verästelungen werden lässt.
Als Reiseroman in einer Epoche technologischer Beschleunigung befragt Keraban der Starrkopf die Beziehung zwischen Distanz und Entscheidung. Wege sind nicht nur Linien auf der Karte, sondern Summen von Umwegen, Verzögerungen, Improvisationen. Verne kontrastiert das Ideal direkter Routen mit der Realität von Grenzen, Genehmigungen und Naturgewalten. Dabei bleibt die Darstellung stets konkret: Transportmittel, Etappen, Etiketten, Tageszeiten und Witterungen schaffen eine sinnliche Chronik des Unterwegsseins. Ausgerechnet der Umweg wird zur Methode der Erkenntnis – eine paradoxale Antwort auf eine Verwaltung, die alles vereinfachen will. So verhandelt das Buch Fortschritt, ohne ihn zu feiern oder zu verdammen.
Die Figurenführung ist von feiner Komik und kluger Balance geprägt. Der unbeugsame Protagonist fungiert als treibende Kraft, seine Begleiterinnen und Begleiter bieten Spiegel, Korrektur und Kontrast. In ihrem Dialog entsteht ein soziales Labor, in dem Stolz, Vorsicht, Weltneugier und Gewohnheit miteinander ringen. Verne zeichnet keine Karikaturen; seine Charaktere besitzen Ecken und Widersprüche, die in Reisenähe schärfer konturiert werden. Aus kleinen Entscheidungen erwachsen große Konsequenzen, aus Höflichkeiten unverhoffte Allianzen. Dass der Roman dabei die Würde verschiedener Milieus achtet, macht seinen Charme aus: Humor entsteht durch Perspektivenwechsel, nicht durch Herabsetzung.
Erzählerisch folgt der Text einer klaren, episodischen Architektur, die Spannung aus Bewegung gewinnt. Jede Station ist Anlass für neue Beobachtungen und Prüfsteine, doch die Kette der Ereignisse bleibt nachvollziehbar und ökonomisch gefügt. Verne dosiert Zufall und Notwendigkeit so, dass Plausibilität und Überraschung im Gleichgewicht bleiben. Die Reise wird zur Taktgeberin: Ausmarschrhythmen, Wartezeiten, Mahlzeiten und Verhandlungen strukturieren die Zeit. Der Roman lädt ein, mitzureisen, mitzudenken, mitzuwägen – und dennoch nie die Ausgangslage zu vergessen, die alles ins Rollen brachte. So entsteht ein Sog, der Unterhaltung und Einsicht miteinander verknüpft.
Im Kontext von Vernes Gesamtwerk trägt Keraban der Starrkopf zur langlebigen Verbindung von Abenteuer und Weltkenntnis bei, die Generationen geprägt hat. Das Buch zeigt eine Spielart seines Erzählens, in der Technik weniger spektakulär auftritt und dafür soziale Mechaniken umso deutlicher sichtbar werden. Gerade diese Verschiebung hat die Wahrnehmung des Autors erweitert: Neben grandiosen Maschinen stehen hier Verhandlungstische, Grenzpfähle und Fahrpläne. Damit beeinflusst der Roman, wie wir Reiseliteratur als Wissensform lesen – als Interaktion von Karte und Konflikt, Norm und Ausnahme. Dieser Blick wirkt bis heute in Literatur, Essayistik und populären Erzählformen nach.
Die sprachliche Gestaltung verbindet Anschaulichkeit mit Ironie. Beschreibungen sind ökonomisch, Dialoge pointiert, der Erzähler tritt lenkend auf, ohne zu dominieren. In der deutschen Tradition hat sich der Titel Keraban der Starrkopf etabliert und hält den doppelten Ton – humorvoll und ernst – präsent. Ob im Original oder in Übersetzung: Der Text lebt von Rhythmus und Perspektivwechseln; die Komik entsteht aus präzisem Timing, nicht aus lauter Effekten. Dadurch bleibt das Buch auch für heutige Lesarten offen: Man kann es als Abenteuer, als Sittenbild, als Satire, als Reiseskizze genießen – und gewinnt in jeder Rolle.
Heute liest sich der Roman überraschend aktuell. Grenzübertritte, Gebühren, Reiserestriktionen und die Frage, wann Prinzipientreue klug ist und wann sie in Selbstsabotage umschlägt, prägen weiterhin öffentliche Debatten. In Zeiten globaler Mobilität und empfindlicher Lieferketten stellt Vernes Erzählung eine einfache, schlagende Frage: Was kostet uns das Beharren, was kostet uns das Nachgeben? Die Antwort bleibt offen, weil sie von Situationen, Beziehungen und Verantwortung abhängt. Genau dadurch bietet das Buch einen Raum der Reflexion: Es lässt uns lachen – und zugleich über Regeln, Rituale und die Kunst des rechten Maßes nachdenken.
Keraban der Starrkopf ist deshalb mehr als eine glänzende Abenteuerfahrt. Es ist ein Lehrstück über Entscheidung und Konsequenz, über die Logistik des Alltags und die Ethik des Unterwegsseins. Seine zeitlosen Qualitäten liegen in erzählerischer Klarheit, weltkundiger Genauigkeit und einer Ironie, die entlarvt, ohne zu verletzen. Wer heute zu diesem Roman greift, entdeckt einen unterhaltsamen, hellsichtigen Begleiter, der die Welt als Geflecht aus Wegen und Willen zeigt. Er belohnt die Geduld der Leserinnen und Leser mit Einsichten, die nicht altern: Neugier, Maß, Respekt – und die Freiheit, aus Umwegen Erkenntnis zu ziehen.
Jules Vernes Abenteuerroman Keraban der Starrkopf eröffnet in Konstantinopel, wo der titelgebende Tabakhändler als unerschütterlich eigensinnige Persönlichkeit vorgestellt wird. Als die Behörden eine kleine Abgabe für die Überquerung des Bosporus einführen, verweigert Keraban trotzig die Zahlung. Statt sich in ein Boot zu setzen, beschließt er, das Gewässer auf dem Landweg zu umrunden und so von der europäischen zur asiatischen Seite zu gelangen. Ein niederländischer Bekannter und dessen Diener schließen sich neugierig an. Aus einer Laune entsteht ein Grundsatzstreit, der den Ton vorgibt: ein persönlicher Feldzug gegen vermeintliche Willkür, getragen von Stolz, Prinzipientreue und einer gehörigen Prise Humor.
Der Aufbruch verwandelt den kurzen Weg in eine ausgedehnte Reise entlang der Schwarzmeerküste. Kerabans Entschluss erhält bald eine eigene Dynamik: Jeder Umweg wird zum Beweis seiner Standhaftigkeit. Früh zeichnen sich die Folgen ab, denn Termine in der Heimat und Rücksichten auf Verwandte geraten ins Hintertreffen. Statt rationaler Bequemlichkeit wählt die Gruppe staubige Straßen, wechselnde Vehikel und improvisierte Quartiere. Kleine Pannen, verpasste Anschlüsse und Reibereien mit Beamten häufen sich, doch Keraban sieht in jedem Hindernis nur einen weiteren Anlass, nicht nachzugeben. Verne nutzt diese Episoden, um Reisealltag, Witz und Charakterstudien miteinander zu verbinden und den Rhythmus des Abenteuers zu setzen.
Parallel entfaltet sich eine familiäre Dimension: Ein naher Angehöriger Kerabans und dessen Verlobte sind an eine erbrechtliche Frist gebunden, die eine baldige Eheschließung verlangt. Kerabans Anwesenheit und Einwilligung haben Gewicht, weshalb sein Umweg plötzlich weitreichende Folgen haben könnte. Gegenspieler, die von einem Scheitern profitieren würden, wittern ihre Chance. Sie spinnen Pläne, die von Täuschungen über juristische Winkelzüge bis zu handfesten Übergriffen reichen. Die Reise wird damit zur Wettfahrt gegen die Zeit, bei der Loyalität und Verantwortung auf Kerabans unbeugsamen Prinzipien prallen. Verne verschränkt private Interessen, wirtschaftliche Anreize und staatliche Regeln zu einem zugespitzten Konflikt.
Entlang der europäischen Ufer des Schwarzen Meeres begegnet die Gruppe Grenzposten, Zöllen und lokalen Festen. Ein Kosmos aus Sprachen, Trachten und Bräuchen zieht vorbei, den der neugierige Begleiter aus dem Westen mit staunender Distanz kommentiert, während sein pragmatischer Diener Alltagstüchtigkeit beweist. Aus zunächst humorvollen Situationen erwachsen ernstere Komplikationen: verlegte Reisedokumente, widerspenstige Tiere, schwer passierbare Pisten. Immer wieder böte sich eine einfache Abkürzung über Wasser oder per Bahn an, doch Keraban lehnt jede Lösung ab, die seine Maxime relativieren würde. Der Reisebericht wird so zum Panorama, das Unterhaltung mit Beobachtung der Vielfalt einer ganzen Region verbindet.
Mit zunehmender Strecke greifen die Gegner aktiver ein. Falsche Anweisungen, bestochene Mittelsmänner und arrangierte Verzögerungen sollen die Reisenden ausbremsen. Mancher Beamte nutzt Spielräume, um Gebühren zu erheben oder Formulare zu verlangen, die niemand zuvor sah. Gleichzeitig begegnen Keraban und seine Begleiter hilfsbereiten Gastgebern, die sie vor Gefahren warnen oder Wege zeigen. Moderne Mittel wie Dampfschiffe und Telegraphen hängen wie Verlockungen am Weg, doch Keraban beharrt auf seinem Pfad. Die Spannung speist sich aus der Kollision von bürokratischer List, persönlicher Sturheit und den unberechenbaren Zufällen des Unterwegsseins, die jede Planung innerhalb eines Augenblicks kippen lassen.
Zur Mitte des Unternehmens kommt es zu einem markanten Rückschlag. Ein Verlust von Transportmitteln, eine Trennung der Gruppe oder ein Naturereignis zwingt sie, ihre Route neu zu denken. Die Fristen im Hintergrund ticken lauter, und sogar die treuesten Mitreisenden fragen sich, ob Prinzipientreue den Preis wert ist. Keraban interpretiert die Krise als Prüfung und verschärft seinen Kurs, während Verne Momente der Selbstreflexion streut: Was schuldet man einem Grundsatz, was den Menschen, die an ihm hängen. Die Erzählung verschiebt sich vom bloßen Reisebild zu einer Prüfung von Charakterfestigkeit, Risikobereitschaft und der Fähigkeit, Verantwortung auszubalancieren.
Auf der asiatischen Seite gewinnt die Landschaft Dramatik: zerklüftete Küsten, emsige Hafenstädte, steile Pässe. Gastfreundschaft und Gefahr liegen nah beieinander. Eine Beinahe-Begegnung mit den Angehörigen oder ein frischer Hinweis auf die Intrigen der Gegenseite setzt neue Impulse. Die Geographie wird zum Gegenspieler, der Umwege erzwingt und Vorräte strapaziert. Gleichzeitig weitet Verne den Blick für Handelsströme, religiöse Feste und die Verflechtung von Tradition und Wandel. Jedes Angebot, die Rückreise abzukürzen, birgt die Versuchung, doch die Leitfrage bleibt: Kann Treue zu einem Prinzip bestehen, ohne Blindheit gegenüber den Bedürfnissen der Nächsten zu werden.
Je näher der Bosporus rückt, desto dichter reiht Verne Hürden und Zufälle. Menschliche Pläne, amtliche Vorschriften und Naturereignisse überlagern sich zu einem letzten Hindernisparcours. Die Zeitmessung wird zum Handlungsmotor, Absprachen müssen gelingen, Wege sich fügen. Kerabans Ruf eilt ihm inzwischen voraus, und Bekanntschaften von unterwegs zeigen, welche Spuren Starrsinn und Beharrlichkeit gleichermaßen hinterlassen. Die offenen Fragen verdichten sich: Wird Prinzipienfestigkeit einem höheren Zweck weichen, oder findet sich ein Ausweg, der Würde, Loyalität und Zeitdruck versöhnt. Ohne die Entscheidung vorwegzunehmen, bereitet der Roman die Bühne für eine Lösung, die Logik und Charakter treu bleibt.
Keraban der Starrkopf bleibt als satirischer Abenteuer- und Reiseroman in Erinnerung, der eine halsstarrige Privatethik gegen Bürokratie, Modernisierung und Berechnung stellt. Verne nutzt die Umrundung des Schwarzen Meeres als erzählerisches Gerüst, um Räume, Kulturen und Verkehrswege des 19. Jahrhunderts in Szene zu setzen. Dabei verhandelt er die Kosten von Unnachgiebigkeit ebenso wie die Tugenden von Freundschaft, Worttreue und Zivilcourage. Die nachhaltige Bedeutung liegt in der Frage nach dem rechten Maß: wann Prinzipien Halt geben und wann Beweglichkeit klüger ist. Der Roman lädt dazu ein, Neugier und Gewissen zu verbinden, ohne seine Handlung preiszugeben.
Jules Vernes Keraban der Starrkopf ist in der spätosmanischen Gegenwart seiner Entstehungszeit situiert, also in den frühen 1880er Jahren rund um den Bosporus. Istanbul, geteilt in einen europäischen und einen asiatischen Uferraum, bildet das Scharnier zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer. Dominante Institutionen der Epoche sind das osmanische Sultanat unter Abdülhamid II., die wieder gestärkte zentrale Verwaltung sowie ein Netz modernisierter Provinzbehörden. Im urbanen Alltagsleben gewinnen neue städtische Verwaltungen, Polizeiapparate und kommerzielle Gesellschaften an Gewicht. Vor diesem Hintergrund nutzt Verne die Topographie des Bosporus und seiner Hafenanlagen als Bühne, auf der fiskalische, politische und kulturelle Spannungen der Zeit sichtbar werden.
Konkreter Auslöser der Handlung ist eine Abgabe auf die Querung des Bosporus per Boot, ein Motiv, das an reale fiskalische Innovationen erinnert. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts verbanden Dampffähren die Ufer; die 1851 gegründete Şirket‑i Hayriye betrieb den regulären Verkehr. Städtische Gebühren, Zoll- und Hafenabgaben waren verbreitet, auch wenn Vernes konkrete Steuerfiktion literarisch zugespitzt ist. Die Idee, einen kurzen Wasserweg aus Prinzip zu meiden, kontrastiert mit einer Metropole, die sich durch Tarife, Konzessionen und Tickets neu reguliert. So verknüpft Verne alltägliche Mobilität, fiskalische Eingriffe und persönliche Eigensinnigkeit zu einem zeittypischen Konflikt.
Die Finanzlage des Reiches prägte die 1880er Jahre. Nach der Zahlungsunfähigkeit von 1875 übernahmen 1881 internationale Gläubiger mit der Osmanischen Schuldenverwaltung (Düyun‑ı Umumiye) die Kontrolle über zentrale Einnahmequellen. Noch 1883 entstand die Tabakregie, ein von europäischen Konsortien geführtes Monopol zur Erhebung der Tabaksteuer. Da Keraban als Tabakhändler gezeichnet ist, spiegelt der Roman eine Branche, die abrupt unter ausländische Aufsicht geriet. Die Verknüpfung von Alltagshandel, staatlicher Steuerpolitik und externer Kontrolle liefert einen prägnanten Kontext: Sie erklärt, weshalb Gebühren, Monopole und fiskalische Symbolhandlungen in der Stadt politisch aufgeladen waren.
Die geopolitische Ordnung rund um das Schwarze Meer hatte sich unmittelbar zuvor verschoben. Der Russisch‑Osmanische Krieg von 1877/78 und der Berliner Kongress von 1878 führten zur Unabhängigkeit Rumäniens, Serbiens und Montenegros, zur Autonomie Bulgariens, zur Okkupation Bosniens durch Österreich‑Ungarn und zur britischen Verwaltung Zyperns; Russland erhielt Kars, Ardahan und Batum. Damit änderten sich Grenzen, Zollregime und Verkehrswege in der gesamten Region. Vernes Umrundung des Schwarzen Meeres nutzt genau diese fragmentierte politische Landkarte: Ehemals zusammenhängende Räume sind nun von Grenzposten, Pässen und neuen Behörden durchzogen, was Reisen politisch und administrativ komplizierter macht.
Im südosteuropäischen Hinterland wuchsen seit den 1860er und 1870er Jahren nationale Bewegungen, die Verwaltung und Alltagsleben prägten. In Bulgarien führte die Autonomie nach 1878 zu neuen Institutionen, in Rumänien beschleunigte die Unabhängigkeit Staatsaufbau und Infrastrukturpolitik. Diese Transformationsprozesse erzeugten Grenzregime, die Transit, Handel und Kommunikation neu codierten. Der Roman reflektiert diese Veränderungen, indem er Mobilität nicht nur als geografische, sondern als rechtlich-politische Herausforderung zeigt. Reisende mussten zwischen Sprachen, Währungen und juristischen Zuständigkeiten navigieren – ein Panorama, das die Komplexität der spätimperialen Ordnung am Schwarzen Meer sichtbar macht.
Istanbul selbst war eine kosmopolitische Metropole. Griechische, armenische, jüdische, levantinische und muslimische Gemeinden prägten die Stadt; das Milletsystem war reformiert, aber im Alltag weiterhin präsent. Französisch fungierte in Teilen der Elite als lingua franca, während Handelsplätze, Karawansereien und Kontore ein dichtes, mehrsprachiges Netzwerk bildeten. Verne greift diese Vielfalt auf, indem er eine urbane Bühne zeigt, in der Namen, Kostüme, Speisen und Umgangsformen aufeinanderprallen. Diese Kulisse verankert die Handlung in einer Welt, in der kulturelle Übersetzungsarbeit ebenso alltäglich ist wie ökonomischer Austausch und staatliche Reglementierung.
Technische Innovationen verdichteten in den 1870er und 1880er Jahren Raum und Zeit. Dampfschiffe verbanden die Schwarzmeerhäfen, Telegrafennetze ermöglichten fast zeitgleiche Nachrichtenübermittlung, und neue Bahnen veränderten Reisegewohnheiten. 1883 nahm der Orient‑Express seinen durchgehenden Dienst zwischen Paris und Konstantinopel auf, ein Symbol schneller, planbarer Mobilität. Vor diesem Hintergrund wirkt Kerabans entschleunigte, umständliche Route wie eine bewusste Gegenbewegung zur Moderne. Verne konfrontiert technische Beschleunigung mit persönlicher Prinzipientreue und macht sichtbar, wie Verkehrsinfrastrukturen zugleich Freiheiten erweitern und Abhängigkeiten – von Fahrplänen, Tarifen, Behörden – verstärken.
Die maritime Ordnung der Meerengen spielte ebenfalls eine Rolle. Seit der Londoner Meerengen‑Konvention von 1841 waren die Dardanellen und der Bosporus in Friedenszeiten für Kriegsschiffe geschlossen, der Handel blieb offen. Ein französisch verwaltetes Leuchtturmsystem erhöhte seit den 1850er Jahren die Sicherheit der Navigation an den gefährlichen Ufern. Der Bosporus war dadurch ein stark regulierter Korridor, in dem nautische, diplomatische und fiskalische Normen zusammenliefen. Vernes Handlung nutzt diesen Knotenpunkt, um zu zeigen, dass selbst kurze Überfahrten von rechtlichen Rahmenbedingungen durchzogen sind – und dass Widerstand dagegen politisch gelesen wird.
Das wirtschaftliche Gefüge des Schwarzen Meeres veränderte sich rasant. Getreide aus Südrussland und der Ukraine speiste europäische Märkte; die Donaukommission sicherte seit 1856 die Schiffbarkeit bis Sulina. Im Kaukasus setzte in den 1880er Jahren der Ölboom um Baku ein; über den Transkaukasus wurden Produkte nach Batum geführt und verschifft. Häfen wie Odessa, Sewastopol, Konstantza und Warna modernisierten Kaianlagen und Zollhäuser. Vernes geografische Choreografie verweist auf diese Netze: Wer das Meer umrundet, kreuzt Verkehrsachsen, die Rohstoffe, Menschen und Nachrichten zirkulieren lassen – und erlebt die Reibung zwischen imperialen Grenzen und globalen Märkten.
Die innerosmanischen Reformen seit dem Tanzimat (1839–1876) hatten neue Rechts- und Verwaltungspraktiken eingeführt: Zivilregister, kommunale Räte, städtische Dienste und eine modernisierte Gendarmerie. Mit der Suspendierung der Verfassung 1878 verschob sich der Schwerpunkt auf autoritäre Zentralisierung, doch viele Reformelemente blieben im Alltag bestehen. Gebührenordnungen, Polizeigenehmigungen und Konzessionsverträge strukturierten städtische Routinen. In diesem Umfeld erscheint Kerabans Weigerung, eine Abgabe zu entrichten, als Aufbegehren gegen eine bürokratische Rationalität, die tief in alltägliche Bewegungen eingreift und Autorität im Kleinen erlebbar macht.
Besonders sichtbar war der Wandel im Umgang mit Genussmitteln. Kaffeehäuser und Tabak galten als soziale Knotenpunkte; gleichzeitig zielte die Fiskalpolitik auf diese Massenkonsumgüter. Die 1883 geschaffene Tabakregie bündelte Anbau, Handel und Kontrolle im Interesse der Gläubiger, was vielerorts Widerstand und Schmuggel förderte. Für einen Tabakhändler bedeutete dies neue Zwänge: Inspektionen, Lizenzen, Abrechnungen und drohende Strafen. Der Roman greift diese Spannung auf, indem er wirtschaftliche Selbstbehauptung, staatliche Kontrolle und die Ambivalenz moderner Monopole zusammenführt – ein Brennglas auf die politische Ökonomie des Spätimperiums.
Rechtliche Pluralität prägte den Verkehr über Grenzen. Durch Kapitulationen besaßen viele Europäer konsularischen Schutz und Sonderrechte; Konsulate und gemischte Gerichte beeinflussten Handelsfälle und Streitigkeiten. Für Reisende bedeutete dies ein Nebeneinander von Zuständigkeiten, in dem Pässe, Empfehlungen und Konsulatskontakte praktische Bedeutung hatten. Vernes Erzählwelt spiegelt diese Überlagerungen, indem sie Figuren in Kontakt mit Behörden, Dolmetschern und Geschäftsleuten bringt, die jeweils andere Rechtsräume verkörpern. So entsteht ein Bild der Spätzeit, in der Souveränität geteilt, ausgehandelt und situativ angewandt wurde.
Bewegungen von Menschen veränderten die Küstenräume zusätzlich. Nach den Kaukasuskriegen siedelten seit den 1860er Jahren viele Tscherkessen und andere Gruppen im osmanischen Reich, darunter an Schwarzmeerküsten Anatoliens. Diese Umsiedlungen, neben innerosmanischer Migration, schufen neue Gemeinden, Märkte und Konfliktlinien. Reisende trafen auf Dörfer mit jüngst zugewanderten Bevölkerungen, unterschiedliche Dialekte und wechselnde lokale Autoritäten. Verne nutzt die Vielfalt als Kulisse, vermeidet aber tiefere politische Analyse; dennoch legt die Strecke um das Meer frei, wie Imperien durch Zuzug, Umsiedlung und Grenzverschiebung in raschem Wandel begriffen waren.
Der rechtliche Alltag war zugleich durch Kodifikationen geprägt. Mit der Mecelle, einer zwischen 1869 und 1876 entstandenen Zivilrechtskodifikation, erhielten viele Fragen des Privatrechts und der Verträge einen geregelten Rahmen. Handels- und Wechselrecht orientierten sich zunehmend an europäischen Vorbildern, ohne islamische Rechtstraditionen gänzlich zu verdrängen. Diese Hybridität bestimmte Kaufleute und Familienangelegenheiten. Indem Verne geschäftliche Verpflichtungen, Fristen und formalisiertes Handeln betont, spiegelt er eine Welt, in der Ehre und Handschlag zwar zählen, doch notarielle Akte, Stempel und Stichtage die soziale Praxis formen.
Vernes Schreibprojekt, die Voyages extraordinaires, verband Unterhaltung mit Belehrung. Auch Keraban der Starrkopf steht in dieser Tradition: Geografische Exaktheit, technisches Detail und zeitgenössische Anspielungen sollen Bildung vermitteln. Verne arbeitete dabei mit Karten, Lexika, Zeitungsberichten und Reisebeschreibungen seiner Gegenwart. Der Roman folgt diesem dokumentarischen Impuls, indem er reale Orte, Distanzen und Verkehrsweisen integriert. Gleichzeitig bleibt seine Perspektive die eines französischen Autors des 19. Jahrhunderts, der das Osmanische Reich durch die Linse europäischer Wissensbestände und Stereotype betrachtet – eine Spannung, die den Text strukturiert.
Die europäische Öffentlichkeit der 1880er Jahre verfolgte Osmanien mit ambivalenter Faszination: als Raum des Exotischen, der strategischen Rivalität und der finanziellen Verstrickungen. Reiseberichte, Karikaturen und Pressebeiträge prägten Bilder von Beamtenwillkür, Reformstau und plötzlicher Modernität. Vernes Roman fügt sich in diese Diskurse ein, doch er nutzt Humor und Übertreibung, um Widersprüche freizulegen: Die Modernisierung erzeugt neue Abhängigkeiten, während Traditionalismus Beweglichkeit behindern kann. Dadurch entsteht ein Kommentar, der nicht Verdammung oder Apologie ist, sondern ein Spiegel der zeitgenössischen europäischen Debatten über Osmaniens Zukunft.
Indem Verne die Umrundung des Schwarzen Meeres dramatisiert, inszeniert er die Grenzen des Fortschrittsdenkens. Telegraf und Dampfer versprechen Geschwindigkeit, aber Pässe, Zölle und Gebühren verlangsamen. Zentralisierung bringt Ordnung, doch sie materialisiert sich in kleinlichen Eingriffen. Kerabans Starrsinn wirkt lächerlich und zugleich als Kritik: Gegen eine fiskalisch durchherrschte Moderne verteidigt er Souveränität im Persönlichen – zu hohem Preis. Damit liest sich der Roman als Kommentar auf die 1880er Jahre: Er macht sichtbar, wie Imperien, Märkte und Individuen um Autorität rangen und wie Modernität sich im Alltag an Gebührenfragen entschied.
Jules Verne, 1828 in Nantes geboren und 1905 in Amiens gestorben, gilt als einer der prägenden Erzähler des 19. Jahrhunderts und als maßgeblicher Mitbegründer der modernen Science-Fiction. In enger Zusammenarbeit mit dem Verleger Pierre-Jules Hetzel entwickelte er die Reihe Voyages extraordinaires, die wissenschaftlich informierte Abenteuer mit populärer Wissensvermittlung verband. Klassiker wie Fünf Wochen im Ballon, Reise zum Mittelpunkt der Erde, Von der Erde zum Mond, Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, In 80 Tagen um die Welt und Die geheimnisvolle Insel machten ihn weltweit populär. Seine Romane erreichten ein Massenpublikum, wurden vielfach illustriert, übersetzt und prägten die Imagination technologischer Möglichkeiten.
Verne schrieb in einer Epoche beschleunigter Industrialisierung und globaler Erkundung, deren Dynamik er literarisch bündelte. Er verband Reiselust, naturwissenschaftliche Neugier und didaktische Absicht zu einem Stil, der Abenteuer und Erkenntnis verschränkte. Figuren wie Kapitän Nemo oder Phileas Fogg sind zu kulturellen Chiffren geworden, in denen sich Fortschrittsglaube, Skepsis und Exzentrik mischen. Sein Werk wirkte in Technik, Forschung und Künsten weiter, inspirierte frühe und spätere Adaptionen und blieb in der öffentlichen Vorstellungskraft präsent. Dass seine Bücher sowohl unterhalten als auch Wissen popularisieren sollten, verlieh ihnen eine historische Dauerwirkung über Lesegenerationen hinweg.
Aufgewachsen in der Hafenstadt Nantes, erlebte Verne früh die Atmosphäre maritimer Ferne, die später viele seiner Schauplätze färbte. Er besuchte Schulen in seiner Heimat und ging nach Paris, um – dem Wunsch seines Vaters folgend – Jura zu studieren. Das Studium schloss er ab, wandte sich jedoch der Literatur und dem Theater zu. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, arbeitete er zeitweise als Börsenmakler. 1857 heiratete er Honorine de Viane, und die Familie gab seinem Lebensentwurf Stabilität. Zwischen Beruf, literarischen Ambitionen und Pariser Bühnen fand er zu jener Disziplin, die seine produktive Schriftstellerlaufbahn tragen sollte.
Prägende Einflüsse speisten sich aus der französischen Romandichtung und dem zeitgenössischen Wissenshunger. Verne bewunderte Erzähler wie Alexandre Dumas und Victor Hugo; ebenso stark wirkten auf ihn populäre Wissenschaftsdarstellungen, Reiseberichte und geographische Kompendien. Edgar Allan Poes Phantastik, insbesondere dessen Verbindung aus rationaler Probe und Unheimlichem, wurde für Verne zum Ansporn, wissenschaftliche Möglichkeiten erzählerisch zu erproben. Die Zusammenarbeit mit dem strengen Herausgeber Hetzel schärfte den didaktischen Akzent, ohne die erzählerische Spannung zu opfern. Seereisen auf seiner Yacht Saint-Michel lieferten anschauliche nautische Erfahrung, die die technische Genauigkeit vieler Romane unterstützte.
Vernes literarischer Durchbruch gelang in den frühen 1860er Jahren mit Fünf Wochen im Ballon, dem Grundstein der Voyages extraordinaires. Hetzel veröffentlichte zahlreiche Werke in Fortsetzungen, insbesondere im Magasin d’éducation et de récréation, was den Kontakt zu einem breiten Familienpublikum sicherte. Vernes Prosa verband die Lust am Experiment mit szenischer Anschaulichkeit, Tabellen- und Kartenwissen mit dramatischen Wendungen. Sein Stil blieb klar, oft beschreibend, getragen von Expositionen, die wissenschaftliche Sachverhalte plausibel machten. Diese Verbindung aus populärem Wissen und Abenteuerromantik definierte ein Markenzeichen, das sich auf viele Stoffe übertragen ließ.
In der Folge schuf Verne einige seiner bekanntesten Romane. Reise zum Mittelpunkt der Erde verband geologische Spekulation und unterirdische Topographie mit klassischem Abenteuer. Von der Erde zum Mond und die Fortsetzung umkreisten die technischen und sozialen Voraussetzungen einer Mondfahrt. Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer entwarf mit der Nautilus und Kapitän Nemo eine Ikone der Unterwasserfahrt. Diese Bücher stießen auf starke Resonanz, nicht zuletzt, weil sie akribische Recherche mit Imagination verschränkten und den Leser in plausible Zukünfte versetzten, ohne die damaligen wissenschaftlichen Horizonte leichtfertig zu überschreiten.
In den 1870er Jahren erweiterte Verne sein Repertoire. In 80 Tagen um die Welt verband logistische Planung, Verkehrsmittel und globale Wahrnehmung zu einer elegant getakteten Reiseerzählung, die auch als Bühnenfassung großen Erfolg hatte. Die geheimnisvolle Insel knüpfte an frühere Motive an und entfaltete eine Robinsonade technischer Selbstermächtigung. Mit Michel Strogoff schrieb Verne einen spannungsreichen, stärker auf irdische Gefahren und politische Räume gerichteten Abenteuerroman. Les 500 millions de la Bégum führte eine deutliche Reflexion über Industrialisierung, Urbanismus und Militarismus ein und zeigte, dass Vernes didaktische Ambition auch gesellschaftliche Kritik tragen konnte.
Sein spätes Werk nahm gelegentlich dunklere Töne an. Robur der Eroberer oder Sans dessus dessous zeigten technische Hybris und die Grenzen kalkulierbarer Kontrolle. Anfang des 20. Jahrhunderts kehrte der Autor mit Der Herr der Welt noch einmal zu Themen totaler Mobilität und Macht zurück. Biographisch wirkten Belastungen: Ein Schussattentat durch einen Neffen verletzte ihn dauerhaft, und Hetzels Tod veränderte die verlegerische Umgebung. Dennoch blieb Verne produktiv und wurde weltweit gelesen, während Übersetzungen und Adaptionen seine Stoffe weiter popularisierten. Kritik und Leserschaft erkannten zunehmend die Spannweite zwischen Fortschrittsvertrauen und skeptischer Mahnung.
Vernes Romane spiegeln ein dokumentiertes Interesse an Bildung, Wissenschaft und Erkundung, jedoch ohne naive Technikbegeisterung. Sein Schreiben setzt auf nachvollziehbare Modelle, Experimente und Statistik, zugleich auf moralische Prüfung. Figuren wie Nemo verbinden Ingenium mit Ambivalenz gegenüber Imperialismus und Gewalt. In Les 500 millions de la Bégum kontrastierte Verne utopische Stadtplanung mit technokratischem Alptraum; in Nord gegen Süd verhandelte er Krieg, Loyalität und gesellschaftliche Spaltungen. Insgesamt zeigt sein Werk die Haltung, Wissen zugänglich zu machen, Folgen technischer Systeme mitzudenken und Abenteuer als Schule der Urteilskraft zu gestalten, weniger als ungebrochenen Triumph der Maschine.
Öffentlich engagierte sich Verne vor allem kommunal. In Amiens wirkte er über Jahre im Stadtrat und setzte sich für Kultur, Theater und städtische Infrastruktur ein. Dieses bürgerliche Verantwortungsbewusstsein korrespondierte mit der pädagogischen Ausrichtung vieler Bücher, die Jugendliche wie Erwachsene ansprechen sollten. Seine Seereisen dienten nicht dem Spektakel, sondern der Anschauung und Präzision. Verne suchte keinen agitatorischen Ton, sondern den Ausgleich von Information und Narration, der komplexe Themen verständlich macht. So blieb sein Eintreten für Bildung und Zugang zu Wissen weniger programmatisch als praktisch: im Text, im Stadtraum, in der sorgfältigen Darstellung technischer und geographischer Zusammenhänge.
Nach seiner Heirat ließ sich Verne dauerhaft in Amiens nieder, wo er bis zu seinem Tod lebte und schrieb. Trotz gesundheitlicher Probleme, darunter Diabetes und die Folgen der Schussverletzung, arbeitete er kontinuierlich weiter. Zu den späten Büchern zählen Der Eissphinx, der auf Poes Polarfiktion reagiert, Das Luftdorf sowie Der Herr der Welt. Am 24. März 1905 starb Verne in Amiens. Mehrere Romane erschienen postum in von seinem Sohn Michel bearbeiteten Fassungen, darunter Der Leuchtturm am Ende der Welt. Diese editorische Geschichte prägt bis heute die Textüberlieferung und fordert eine sorgfältige Unterscheidung zwischen Autorhandschrift und späteren Eingriffen.
Vernes Nachruhm ist international und vielgestaltig. Seine Stoffe durchdrangen Bühne und Film, von frühen Stummfilm-Fantasien bis zu großen Studioadaptionen, und inspirierten Gestaltungen, die heute mit dem Begriff Steampunk assoziiert werden. Übersetzungen – teils gekürzt, teils später kritisch revidiert – trugen zu breit gestreuter, aber unterschiedlichen Lektüreerfahrungen bei. In der Wissenschaft wird Verne als Pionier populärer Wissensvermittlung ebenso geschätzt wie als Autor komplexer Technik- und Gesellschaftsentwürfe. Dass seine Figuren und Apparate in kollektive Bilderwelten eingingen, beschert seinem Werk eine anhaltende Gegenwart, die Neueditionen, Adaptionen und Forschung immer wieder beleben.
Am Tage des Beginns unserer Erzählung, dem 16. August, war der, sonst von dem Hin- und Herwogen und dem Getöse der Menge so belebte Top-Hane-Platz[1] in Constantinopel auffallend still, düster und fast menschenleer.
Betrachtete man ihn von der Höhe der Terrassentreppe, welche nach dem Bosporus hinabführte, so bot derselbe immer noch ein reizendes Bild, dem es nur an allem Leben fehlte. Kaum einige Stadtfremde eilten über den Platz nach den engen schmutzigen, oft mit üblem Geruch erfüllten und von herrenlosen gelbhaarigen Hunden belagerten Straßen, durch die man von hier aus nach der Vorstadt Pera gelangt. Letztere bildet bekanntlich das eigentliche Quartier der Europäer, deren steinerne Häuser sich weiß von dem dunkelgrünen Hintergrunde mit Cypressen besetzter Hügel abheben.
Malerisch aber bleibt jener Platz immer, selbst ohne das schillernde Farbenspiel von Costümen, welches ihn sonst gewöhnlich schmückt, malerisch und augengefällig durch seine Moschee Mahmud's mit den schlanken Minarets, durch seinen hübschen Springbrunnen in arabischem Style, von dem das frühere chinesische Dach entfernt worden ist, durch seine vielen Läden, in denen hier Sorbet und tausenderlei Zuckerbackwaren verkauft werden, dort ungeheure Mengen von Kürbissen, Melonen aus Smyrna, Weintrauben aus Scutari aufgehäuft sind, während dazwischen noch Specereihandlungen liegen und Händler mit Rosenkränzen umherziehen, endlich auch durch seine Ufertreppe, an der Hunderte von buntgemalten Kajiks anlegen, deren Doppelruder unter den gekreuzten Händen der Kajiktschi (d. s. Schiffer) die blauen Wellen des Goldenen Horns und des Bosporus mehr liebkosen als durchschneiden.
Wo waren jetzt aber die gewöhnlichen Flaneurs des Top-Hane-Platzes; jene Perser mit der coquetten Astrachan-Mütze; jene Griechen, die sich in ihrer Fustanella mit tausend Falten und Fältchen nicht ohne Eleganz hin- und herwiegen; jene Circassier mit fast ausnahmslos militärischer Haltung; jene Georgier, die bezüglich des Costüms auch jenseits ihrer Grenze noch Russen geblieben sind; jene Arnauten, deren vom Sonnenbrande geröstete Haut durch den rundlichen Ausschnitt ihrer gestickten Westen hervorsieht, und jene Türken endlich, jene Türken oder Osmanlis, die Söhne des alten Byzanz, des alten Istambul – ja, wo waren sie Alle?
Keinesfalls hätte man eine solche Frage an zwei Fremdlinge richten dürfen, zwei Occidentalen, welche eben jetzt neugierigen Blickes, mit hoch erhobener Nase und unsicheren Schrittes fast allein auf dem genannten Platze lustwandelten; sie hätten darauf keine Antwort geben können. Aber noch mehr. Selbst in der eigentlichen Stadt, jenseits des Hafens, hätte ein Tourist dasselbe Schweigen, dieselbe Oede angetroffen. Auf der anderen Seite des Goldenen Horns – dieses tiefen Einschnittes zwischen dem alten Serail und den Landungsplätzen des Top-Haue – dessen linkes Ufer mit dem rechten durch drei Schiffbrücken in Verbindung gesetzt wird, schien das ganze Amphitheater von Constantinopel in Schlummer versunken zu sein. Wachte jetzt wirklich kein Mensch im Palaste von Serai-Burnu? Gab es keine Gläubigen, keine Hadjis mehr, welche nach den Moscheen Ahmed's, von Bayezidieh, der heiligen Sophie Suleïmanieh pilgerten? Hielt auch er Siesta, der sorglose Thurmwächter des Seraskierats, ebenso vielleicht, wie sein College auf dem Thurme von Galata, welche auf den Ausbruch der gerade in dieser Stadt so überaus häufigen Schadenfeuer ein wachsames Auge haben sollen? In der That, hier war nichts zu bemerken, als höchstens das nie ganz aussetzende Leben im Hafen, welches jedoch ebenfalls etwas gedämpft erschien, trotz der Flottille österreichischer, französischer und englischer Dampfer, der Zollkutter, Kajiks und Dampfschaluppen, welche sich längs der Brücken und der Häuserzeilen hindrängen, deren Grund die Wässer des Goldenen Horns umspülen.
War das jenes hochgepriesene Constantinopel, der durch den Machtwillen Constantins und Mahomeds II. verwirklichte Traum des Morgenlandes? – Diese Frage stellten sich die beiden auf dem Platze vereinzelt dahinschreitenden Fremdlinge, und wenn sie dieselbe nicht beantworteten, lag das keineswegs an ihrer Unkenntniß der Landessprache. Im Gegentheil, sie waren des Türkischen ziemlich mächtig; der Eine, weil er dasselbe in seinem geschäftlichen Briefwechsel seit zwanzig Jahren anwendete; der Andere, weil er seinem Herrn oft als Schreibgehilfe beigetreten war, obgleich er bei diesem eigentlich nur als Diener in Lohn und Brot stand.
Die beiden Fremden waren Holländer, gebürtig aus Rotterdam, Herr Jan Van Mitten und dessen Leibdiener Bruno, welche eigenthümliche Umstände bis zu dieser äußersten Ostmark Europas verschlagen hatten.
Van Mitten – in der Heimat eine allbekannte Persönlichkeit – war ein Mann von fünf- bis sechsundvierzig Jahren, mit blondem Haar und himmelblauen Augen, gelblichem Backen- und Kinn-, aber mangelndem Schnurrbart, einer für die sonstige Entwicklungsstufe des Gesichts etwas zu kurz gerathenen Nase, mit ziemlich kräftigem Kopfe und breiten Schultern bei übermittlerem Wuchs, mit mäßigem Embonpoint und Beinen, welche mehr auf sicheren Stand als auf Eleganz berechnet schienen – mit einem Wort, er machte den Eindruck eines achtbaren, seinem Vaterlande zur Ehre gereichenden Staatsbürgers.
Von Charakter schien Van Mitten freilich etwas weich zu sein. Er gehörte unbestreitbar zur Kategorie der Leute von sanfter geselliger Gemüthsverfassung, welche Wortgefechte nicht lieben, in allen Punkten gern nachgeben und weniger zum Befehlen als zum Gehorchen geschaffen sind – zu jenen ruhigen, schwer erregbaren Persönlichkeiten, von denen man allgemein sagt, daß sie keinen eigenen Willen haben, selbst wenn sie sich einmal einbilden, einen solchen zu besitzen. Schlechter sind sie deshalb ja keineswegs. Einmal, aber nur ein einziges Mal in seinem Leben, hatte sich Van Mitten, zum Aeußersten getrieben, in einenWortwechsel eingelassen, der für ihn von ernstester Folge werden sollte. An dem betreffenden Tage war er sozusagen aus seinem Charakter ganz herausgegangen, seitdem in denselben aber wieder zurückgekehrt,wie der Mensch ja zuweilen auf's Neue bei sich selbst Einkehr hält. Er hätte wohl auch damals besser gethan nachzugeben, und würde das zu thun gar nicht gezögert haben, wenn er ahnen konnte, was ihm die Zukunft vorbehielt. Doch es scheint unpassend, hier den Ereignissen vorzugreifen, welche sich im Verlaufe dieser Erzählung abspielen.
»Nun, Mynheer? begann Bruno, als Beide auf den Top-Hane-Platz kamen.
– Nun, Bruno?
– Da wären wir also in Constantinopel.
– Jawohl, Bruno, in Constantinopel, das heißt, viele Hundert Meilen von Rotterdam.
– Glauben Sie endlich, fragte Bruno, daß wir uns nun weit genug von Holland befinden?
– Ich kann davon niemals weit genug weg sein[1q]!« antwortete Van Mitten nur halblaut, als wäre Holland so nahe gewesen, um ihn hören zu können.
Van Mitten besaß in Bruno einen unter allen Verhältnissen treu ergebenen Diener. Aeußerlich ähnelte der brave Mann einigermaßen seinem Herrn – wenigstens so weit das die, jenem gebührende Ehrerbietung gestattete – eine Folge langjährigen Beisammenseins. Während voller zwanzig Jahre hatten sie sich wohl kaum einen einzigen Tag getrennt. War Bruno im Hause auch weniger als ein Freund, so galt er doch bestimmt mehr als ein bloßer Diener. Er erfüllte seine Pflichten mit Verstand und Methode und versagte sich keineswegs, gelegentlich guten Rath zu geben, aus dem Van Mitten hätte Nutzen ziehen können, oder selbst diesem gelinde Vorwürfe zu machen, welche sein Dienstherr ohne aufzubrausen entgegennahm. Vorzüglich wurmte es ihn, daß der Letztere für die Befehle aller Welt da zu sein schien, daß er den Wünschen Anderer niemals entgegentreten konnte, kurz, daß es ihm an Charakter fast gänzlich fehlte.
»Das wird noch Ihr Unglück sein, wiederholte er öfters, und meines natürlich mit!«
Wir müssen hier einfügen, daß der nun vierzigjährige Bruno etwas seßhafter Natur war und Ortsveränderungen nicht leiden konnte. Strengt man sich in dieser Weise an, so setzt man damit das ruhige Gleichgewicht des Organismus in Gefahr, man nützt sich ab, wird magerer, und Bruno, der sich jede Woche einmal wiegen zu lassen pflegte, hielt darauf, von seiner stattlichen Erscheinung nichts einzubüßen. Beim Eintritt in die Dienste des Herrn Van Mitten erreichte sein Gewicht nur hundert Pfund; er war also damals von einer, für ihn als Holländer demüthigenden Magerkeit. Dank der vorzüglichen Lebensweise hatte er nach kaum einem Jahre um dreißig Pfund zugenommen und konnte sich nun ohne Erröthen überall sehen lassen. Seinem Brotherrn verdankte er endlich die jetzige hübsche Abrundung, die hundertsechzig Pfund Körpergewicht – was ihm unter seinen Mitbürgern etwa eine mittlere Stellung anwies. Man muß übrigens bescheiden sein, und so hatte er sich auch erst für seine alten Tage vorgenommen, zweihundert Pfund zu erreichen.
Bei der innigen Anhänglichkeit an sein Haus, an seine Vaterstadt und sein Heimatland – jenes der Nordsee abgerungene Niederland – würde sich Bruno ohne höchst zwingende Gründe niemals entschlossen haben, die behagliche Wohnung am Nieuve-Haven, die gute Stadt Rotterdam, in seinen Augen überhaupt die erste Stadt Hollands, oder gar letzteres selbst zu verlassen, das ihm gewiß als das schönste Königreich der Erde galt.
Ja, gewiß nicht; und dennoch ist es ebenso wahr, daß sich Bruno an jenem Tage in Constantinopel, dem alten Byzanz, dem Istambul der Türken, in der Hauptstadt des ottomanischen Reiches befand.
Was war denn übrigens Van Mitten? – Nichts anderes als ein reicher Kaufmann in Rotterdam, ein Tabakshändler und Importeur der feinsten Erzeugnisse der Habana, wie der von Maryland, Virginia, von Varinas und Porto-Rico, insbesondere auch der von Macedonien, Syrien und Kleinasien überhaupt.
Seit zwanzig Jahren schon machte Van Mitten umfängliche Geschäfte dieser Art mit dem Hause Keraban in Constantinopel, welches seine renommirten und garantirten Tabake nach allen fünf Erdtheilen versendete. Durch den vielfachen Schriftenwechsel mit dem bedeutenden Comptoir hatte sich der holländische Kaufmann eine gründliche Kenntniß der türkischen Sprache, das heißt des Osmanli, angeeignet, welches durch das ganze Reich in Gebrauch ist, so daß er dasselbe wie ein leibhaftiger Unterthan des Padischah oder ein Minister des »Emir-el-Mumenin«, des Oberherrn der Gläubigen, handhabte. Aus reiner Sympathie sprach es auch Bruno, der seines Herrn Geschäftsthätigkeit, wie oben gesagt, von jeher nahe stand, ebenso geläufig wie dieser.
Die beiden originellen Leutchen waren sogar dahin übereingekommen, sich der türkischen Sprache nach ihrer Ankunft in der Türkei auch in der persönlichen Unterhaltung bedienen zu wollen. Und wirklich hätte man sie, abgesehen von ihrer Tracht, recht gut für zwei Osmanlis alten Schlages halten können. Uebrigens machte das nur Van Mitten Spaß, während es Bruno eigentlich mißfiel.
Dennoch unterließ es der gehorsame Diener nicht, jeden Morgen zu seinem Herrn zu sagen:
»Efendum, emriniz nè dir?«
Das bedeutet: »Mein Herr, was befehlen Sie?– Und der also Angeredete antwortete in gutem Türkisch:
»Sitrimi, pantalounymi fourtcha.«
Das bedeutet: »Bürste meinen Rock und meine Hose aus.«
Aus Obigem wird man die Ueberzeugung gewinnen, daß Van Mitten und Bruno sich in der so ausgedehnten Stadt Constantinopel, ohne in Verlegenheit zu kommen, überall bewegen konnten, erstens, weil sie sich in der Landessprache geläufig auszudrücken verstanden, und dann auch, weil sie eines freundschaftlichen Empfanges im Hause Keraban sicher waren, dessen Chef schon einmal eine Reise nach Holland gemacht und sich – eine häufige Wirkung greller Gegensätze – mit seinem Geschäftsfreunde in Rotterdam auf vertrautesten Fuß gestellt hatte. Das war eigentlich der Hauptgrund gewesen, um des willen Van Mitten, als er dem Vaterlande den Rücken kehrte, der Gedanke gekommen war, einmal in Constantinopel Aufenthalt zu nehmen, und um des willen auch Bruno, freilich zu seinem Leidwesen, sich hatte bestimmen lassen, ihn zu begleiten; und die Veranlassung endlich, daß jetzt beide auf dem Top-Hane-Platze umhergingen.
»Noch eine Stunde, sagte da ein Türke, dann wird die Sonne in den Fluthen des Bosporus erloschen sein, und dann...
– Dann können wir, fuhr ein Anderer fort, nach Herzenslust essen, trinken und, vor Allem, rauchen!
– Sie wird etwas langweilig, diese Ramadan-Fastenzeit[2].
– Wie jedes religiöse Fasten!«
Andererseits wechselten wieder zwei, vor einem Kaffeehause auf- und abgehende Fremde die Worte:
»Es sind doch wunderliche Leute, diese Türken! Wahrlich, wenn ein Fremder gerade während dieser langen Abstinenzzeit Constantinopel zum ersten Male sähe, er müßte eine traurige Vorstellung von der Hauptstadt Mohammed's gewinnen!
– Bah! meinte der Andere, London ist Sonntags auch nicht lustiger! Wenn die Türken tagsüber fasten, so entschädigen sie sich in der Nacht, und mit dem Kanonenschusse, der den Untergang der Sonne meldet, werden die Straßen mit dem Geruche gebratenen Fleisches, dem Dufte der Getränke und dem Rauche der Tschibuks und Cigaretten schon wieder das gewohnte Gesicht annehmen.«
Die Fremdlinge mußten wohl Recht haben, denn eben rief der Wirth des Kaffeehauses einem dienstbaren Geiste zu:
»Sorgt, daß Alles bereit ist! Nach einer Stunde werden die Fastenhalter herzuströmen, und dann weiß Einer nicht, wo er zuerst hinhören soll.«
Da nahmen die beiden Fremden ihr Gespräch wieder auf:
»Ich weiß es nicht, aber mir will's scheinen, als ob Constantinopel gerade zur Zeit des Ramadan am merkwürdigsten zu sehen wäre. Wenn die Tage da traurig, widerlich und kläglich sind, wie ein Aschermittwoch, so geht's während der Nächte desto lustiger, lauter und ausgelassener zu, wie an einem Faschings-Dienstage.
– Ja, es ist wirklich ein greller Unterschied.«
Und während diese Beiden ihre Gedanken austauschten, sandten ihnen wieder einige Türken ziemlich neidische Blicke zu.
»Was sie glücklich sind, diese Fremden! meinte der Eine. Sie können trinken, essen und rauchen, wie es ihnen gefällt!
– Gewiß, entgegnete der Andere; zur Stunde würden sie freilich weder ein Kebab von Lammfleisch, ein Pilaw von Huhn mit Reis, noch einen Baklavakuchen austreiben können – nicht einmal eine Schnitte Wassermelone oder Kürbis...
– Weil sie die richtigen Stellen nicht kennen! Mit einigen Piastern findet man stets bereitwillige Händler, welche von Mohammed II. Dispense besitzen.
– Bei Allah! sagte da einer der Türken, mir verdorren die Cigaretten in der Tasche, und es soll gar nicht beschworen sein, ob ich's nicht gern auf ein paar Paras von Latakieh ankommen lasse.«
Und auf die Gefahr hin, in Strafe genommen zu werden, holte dieser durch seine Glaubenssätze wenig genirte Gläubige eine Cigarette hervor, zündete sie an und that zwei oder drei herzhafte Züge.
»Nimm Dich in Acht! ermahnte sein Begleiter. Wenn ein etwas orthodoxer Ulema hier vorbeikäme, so...
– So würde ich den Rauch einfach verschlucken, und da sähe er nichts davon!« erwiderte lachend der Freidenker.
Beide setzten ihren Spaziergang fort, schlenderten über den Platz und dann nach einer der Nachbarstraßen, welche bis nach den Vorstädten Galata und Pera hinaufführen.
»Na, Mynheer, rief da Bruno, sich nach rechts und links umsehend, entschieden ist das eine sonderbare Stadt. Seit wir unser Hôtel verlassen, hab' ich nur Schatten von Einwohnern, nur Phantome von waschechten Constantinopolitanern entdeckt. Alles schläft auf den Straßen, den Quais und den Plätzen, selbst die gelben, spindeldürren Hunde, die nicht einmal aufstehen, um Einen in die Waden zu beißen. Nein, gehen Sie! Was die Reisenden Einem auch vorschwatzen mögen, seh' ich doch mehr und mehr, daß bei der Sache nichts herauskommt. Da lob' ich mir unsere gute Stadt Rotterdam und den grauen Himmel unseres alten Holland!
– Geduld, Bruno, Geduld! antwortete Van Mitten. Wir sind seit einigen Stunden hier angelangt. Ich gestehe indeß, daß das auch nicht das Constantinopel ist, welches ich mir vorgestellt hatte. Man bildet sich ein, in's richtige Morgenland zu kommen, einen Traum aus Tausendundeine Nacht verwirklicht zu finden, und sieht sich dafür tief eingepfercht in...
– In ein ungeheures Kloster, fuhr Bruno fort, versetzt unter Leute, welche ebenso griesgrämig aussehen, wie einsame Mönche in ihrer Zelle.
– Mein Freund Keraban wird uns schon erklären, was das Alles zu bedeuten hat, antwortete Van Mitten.
– Aber wo sind wir jetzt? fragte Bruno. Was für ein Platz und welcher Quai ist das?
– Wenn ich nicht irre, belehrte ihn Van Mitten, befinden wir uns auf dem Top-Hane-Platze, am äußersten Ende des Goldenen Horns. Hier ist der Bosporus, der die Küste Asiens bespült, und auf der anderen Seite des Hafens kannst Du die Serailspitze sehen und die eigentliche türkische Stadt, welche sich über derselben aufbaut.
– Das Serail! rief Bruno. Wie, der Palast des Sultans, in dem er mit seinen achtzigtausend Odalisken wohnt?
– Achtzigtausend! Das ist viel Bruno; ich glaube, es ist zu viel – selbst für einen Türken. In Holland hat man nur eine einzige Frau, und es ist da manchmal schwierig genug, in seinen vier Pfählen auszuhalten.
– Ja, ja, Mynheer, sprechen wir davon nicht mehr – lieber so wenig als möglich!«
Dann wendete sich Bruno dem noch immer leeren Kaffeehause zu.
»Ah, das scheint mir doch ein Café zu sein, sagte er. Wir haben uns mit dem Herabsteigen aus der Vorstadt Pera ganz abgemattet. Die Sonne der Türkei heizt Einem ein, wie die Mündung eines Gießofens, und ich würde nicht darüber staunen, von Mynheer zu vernehmen, daß Sie sich nach einer Erfrischung sehnten.
– Auch eine Art, auszudrücken, daß Du Durst hast, antwortete Van Mitten. – Meinetwegen, wir wollen in jenes Café gehen.«
Beide nahmen vor der Front des Etablissements an einem leeren Tischehen Platz.
»Cawadji!« rief Bruno, auf Europäerart klopfend.
Niemand erschien.
Bruno rief mit lauterer Stimme.
Der Inhaber des Cafés zeigte sich im Hintergrunde seines Locals, beeilte sich aber keineswegs, herauszukommen.
»Ein paar Fremde! murmelte er, die beiden am Tische sitzenden Männer erblickend. Sollten sie wirklich glauben, daß...«
Endlich kam er näher.
»Cawadji, bringen Sie uns eine Karaffe Kirschwasser, aber hübsch frisch! bestellte Van Mitten.
– Mit dem Kanonenschusse, antwortete der Cafétier.
– Was? Kirschwasser mit einem Kanonenschusse? rief Bruno. Nein, dann geben Sie uns lieber Pfefferminzwasser.
– Oder, wenn Sie Kirschwasser nicht hätten, sagte Van Mitten, so serviren Sie uns ein Glas rosa Rahtlokum. Das scheint, meinem Reisehandbuche nach, etwas Vorzügliches zu sein.
– Mit dem Kanonenschusse, wiederholte der Wirth, mit den Achseln zuckend.
– Aber was hat er nur mit seinem ewigen Kanonenschusse? fragte jetzt Bruno seinen Herrn in holländischer Sprache.
– Das werden wir ja sehen, antwortete dieser gemächlich. Nun, wenn Sie auch keinen Rahtlokum führen, so lassen Sie uns wenigstens eine Tasse Mokka zukommen – ein Glas Sorbet – was Sie wollen, guter Freund.
– Mit dem Kanonenschusse!
– Mit dem Kanonenschusse? wiederholte Van Mitten.
– Nicht eher!« antwortete der Cafétier.
Ohne weitere Umstände zog er sich wieder in die inneren Räumlichkeiten zurück.
»Ich bitte Sie, Mynheer, sagte da Bruno, wir wollen fortgehen; hier ist doch nichts zu machen. Sie haben ja den Spitzbuben von Türken gesehen, der Ihnen immer nur einen Kanonenschuß auf Ihre Fragen zur Antwort giebt.
– Komm, Bruno, antwortete Van Mitten, wir werden schon ein anderes Kaffeehaus finden, wo sich's mit dem Wirthe vernünftiger reden läßt.«
Beide kehrten nach dem Platze zurück.
»Entschieden, Mynheer, begann Bruno, ist es nicht mehr zu frühzeitig, daß wir Ihren Freund, den Seigneur Keraban, entdecken. Hätten wir ihn in seinem Comptoir angetroffen, so wüßten wir doch wenigstens, woran wir hier eigentlich sind.
– Ja wohl, Bruno, nur ein wenig Geduld. Man hat uns doch versichert, daß wir ihn auf diesem Platze treffen würden...
– Nicht vor sieben Uhr, Mynheer. Hier an der Ufertreppe von Top-Hane soll sein Kajik anlegen, um ihn nach der andern Seite des Bosporus, nach Scutari überzusetzen.
– Nun, Bruno, dieser hochachtbare Handelsherr wird uns schon über Alles, was hier vorgeht, aufklären. O, das ist ein richtiger Osmanli, ein getreuer Anhänger der alttürkischen Partei, welche sich weder in den Vorstellungen noch den Gebräuchen mit den thatsächlichen Verhältnissen zu befreunden vermag, gegen alle neuzeitlichen Erfindungen Einspruch erhebt; der Leute, die einen rumpelnden Postwagen jeder Eisenbahn, eine gebrechliche Tartane jedem Dampfschiffe vorziehen. Seit unserer, nun schon über zwanzig Jahre bestehenden Geschäftsverbindung habe ich noch nie bemerkt, daß die Anschauungen meines Freundes Keraban sich nur im geringsten geändert hätten. Als er vor drei Jahren in Rotterdam eintraf, um mich zu besuchen, kam er in einem Postwagen an und, statt einer Woche höchstens, hat er einen vollen Monat zur Fahrt hierher gebraucht. Siehst Du, Bruno, ich sah wohl in meinem Leben so manchen Trotzkopf, aber einen solchen Starrsinn wie den seinigen niemals!
– Er wird schön erstaunt sein, Sie hier in Constantinopel zu treffen, bemerkte Bruno.
– Ich glaub' es auch, antwortete Van Mitten, doch es machte mir eben Vergnügen, ihn zu überraschen. In seiner Gesellschaft aber werden wir uns erst wirklich in der Türkei befinden. O, mein Freund Keraban wird sich niemals bestimmen lassen, die Tracht des Nizam anzulegen, den einreihigen blauen Rock und das rothe Fez der Jungtürken zu tragen.
– Wenn sie ihr Fez abnehmen, meinte Bruno, sehen sie aus wie eine Flasche, die sich selbst entkorkt.
– O, dieser werthe, stets unwandelbare Keraban! fuhr Van Mitten fort; er wird noch ganz ebenso gekleidet sein, wie damals, als er mich am anderen Ende Europas aufsuchte, im weitbauchigen Turban, narzißgelben oder zimmetrothen Kaftan...
– Ein richtiger Dattelhändler, das! rief Bruno dazwischen.
– Ja, aber ein Dattelhändler, der goldene Datteln verkaufen und auch ebensolche bei jeder Mahlzeit verzehren könnte. Er hat sich wohlweislich den Handelszweig erwählt, der für sein Land am passendsten ist, den eines Tabakshändlers. Wie sollte Einer dabei nicht Schätze sammeln in einer Stadt, in der alle Welt vom Morgen bis zum Abend, nein, selbst noch vom Abend bis zum Morgen raucht!
– Was, hier würde so stark geraucht? fragte Bruno ungläubig. So zeigen Sie mir doch Leute, welche rauchen, Mynheer! Im Gegentheil, hier raucht ja keine Seele! Und ich – ich erwartete schon ganze Gruppen von Türken vor ihren Thüren gelagert und in die langen Schläuche ihrer Narghiles eingewickelt oder mit dem großen Weichselrohre in der Hand und an dem Bernsteinmundstücke saugend zu finden! Aber nein – keine Cigarre, nicht einmal eine Cigarette!
– Das ist freilich kaum zu begreifen, Bruno, gab Van Mitten zu; in der That sind die Straßen Rotterdams mehr von Tabaksrauch erfüllt, als die Constantinopels.
– Ja, sapperment, Mynheer, sagte Bruno, sind Sie sich denn auch gewiß, daß wir uns nicht im Wege geirrt haben? Ist das wirklich die Hauptstadt der Türkei? Können wir darauf wetten, nicht nach der entgegengesetzten Seite gefahren zu sein, und darauf, daß das hier das Goldene Horn und nicht vielleicht die Themse mit ihren Tausenden von Dampfern ist? Bedenken Sie, die Moschee da unten ist gar nicht die der heiligen Sophie, sondern höchst wahrscheinlich die Paulskirche. Das soll Constantinopel sein? – Nimmermehr! Das ist ja London!
– Halt' ein, Bruno, mahnte Van Mitten. Für ein Kind Hollands scheinst Du mir etwas zu nervöser Natur zu sein. Bleibe ruhig, geduldig, phlegmatisch wie Dein Herr, und erstaune über nichts zu sehr. Wir verließen Rotterdam infolge... nun, Du weißt's ja selbst.
– Ja... ja!... bestätigte Bruno den Kopf schüttelnd.
– Wir gingen über Paris, den Sanct Gotthardt, durch Italien nach Brindisi und über das Mittelmeer, und Du hast gar keinen Grund zu glauben, daß das Packetboot der Messageries uns nach achttägiger Ueberfahrt an der London-Bridge, und nicht an der Brücke von Galata abgesetzt hätte.
– Indeß... wendete Bruno ein.
– Ich empfehle Dir übrigens dringend, in Gegenwart meines Freundes Keraban von solchen Scherzen abzusehen. Er könnte sie sehr übel aufnehmen, sich weiter einlassen, seinen Starrkopf aufsetzen...
– Werde mir's merken, Mynheer! versprach Bruno; doch da man hier keine andere Herzstärkung haben kann, ist es doch, vermuthe ich, wenigstens gestattet, eine Pfeife Tabak zu rauchen. Sie erkennen darin doch keinen Verstoß?
– Nein, Bruno, mir als Tabakshändler ist nichts angenehmer, als die Leute rauchen zu sehen. Ich bedauere sogar, daß wir von der Natur nur mit einem einzigen Munde ausgestattet wurden. Freilich haben wir noch die Nase, Tabak zu schnupfen...
– Und die Zähne, um solchen zu kauen!« setzte Bruno hinzu.
Unter diesen Worten stopfte er schon seinen mächtigen buntbemalten Porzellankopf, zündete die Pfeife an und that mit sichtlicher Befriedigung daraus einige kräftige Züge.
Da erschienen eben wieder die beiden Türken, welche so energisch gegen die durch den Ramadan auferlegten Entbehrungen geeifert hatten, auf dem Platze. Gerade Der, der sich nicht genirte, seine Cigarette zu rauchen, bemerkte Bruno, als dieser mit der Pfeife im Munde dahinging.
»Bei Allah! rief er seinem Begleiter zu, da ist wieder einer jener verdammten Fremdlinge, der dem Gebote des Korans zu trotzen wagt. Ich werd' ihn eines Besseren belehren...
– Lösche wenigstens Deine eigene Cigarette, bemerkte ihm der Andere.
– Ja!«
Und die Cigarette wegschleudernd, ging er stracks auf den würdigen Holländer zu, der es sich nicht versah, wieder mit den Worten angeredet zu werden:
»Mit dem Kanonenschusse!« polterte der Türke heraus.
Gleichzeitig entriß er ihm hastig die Pfeife.
»He! Meine Pfeife! rief Bruno, den sein Herr vergeblich zu besänftigen suchte.
– Mit dem Kanonenschusse, Christenhund!
– Selbst Türkenhund!
– Ruhig, Bruno, sagte Van Mitten.
– Er soll mir wenigstens meine Pfeife wiedergeben! versetzte Bruno.
– Mit dem Kanonenschusse! wiederholte zum letzten Male der Türke, der die Pfeife in einer Falte seines Kaftans verschwinden ließ.
– Komm', Bruno, redete Van Mitten diesem zu, man darf die Sitten eines Landes, das man besucht, nicht verletzen.
– Die Sitten von Straßenräubern!
– Komm, sag' ich Dir. Mein Freund Keraban wird vor sieben Uhr nicht auf diesem Platze sein. Wir wollen unseren Spaziergang fortsetzen und ihn zu finden suchen, wenn es dazu Zeit ist.«
Van Mitten zog Bruno mit sich fort, der sehr ärgerlich war, so mir nichts dir nichts einer Pfeife beraubt worden zu sein, die er als Raucher besonders schätzte.
Und während sie weggingen, sagten die beiden Türken zu einander:
»Wahrlich, diese Fremden glauben sich Alles gestatten zu dürfen!...
– Aber auch vor Sonnenuntergang zu rauchen!
– Willst Du Feuer? fragte der Eine, eine neue Cigarette anzündend.
– Ja, gern!« antwortete der Andere.
Als Van Mitten und Bruno so am Quai von Top-Hane hinschlenderten und sich eben an der ersten Schiffsbrücke der Sultanin Valide befanden, welche Galata quer über das Goldene Horn mit dem alten Stambul in Verbindung setzt, kam ein Türke um die Ecke der Moschee Mahmud's und blieb dann auf dem Platze stehen.
Es war jetzt um sechs Uhr. Zum vierten Male im Laufe des Tages hatten die Muezzins die Gallerie jener Minarete erstiegen, deren jede von einem Kaiser gestiftete Moschee wenigstens vier hat. Feierlich erklang über der Stadt ihre Stimme, während sie die Gläubigen zum Gebete riefen und in's Freie ertönen ließen: »La Ilah il Allah ve Mohammed reconl Allah« (Es giebt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet!)
Der Türke sah sich vorsichtig um, faßte die wenigen Leute auf dem Platze scharf in's Auge und ging dann in der Achse einer der verschiedenen, hiermündenden Straßen weiter; offenbar bemühte er sich, unter deutlichen Zeichen von Ungeduld, zu sehen, ob nicht eine von ihm erwartete Person käme.
»Dieser Yarhud stellt sich auch niemals rechtzeitig ein, murmelte er, und weiß doch, daß er zur bestimmten Zeit hier sein soll!«
Noch mehrmals ging der Türke um den Platz herum, entfernte sich sogar bis zur nördlichen Ecke der Kaserne von Top-Hane, blickte in der Richtung der Kanonengießerei hinaus, stampfte mit dem Fuße, wie einer der ungern wartet, und kam endlich zurück bis nach dem Café, wo Van Mitten und sein Diener vergeblich eine Erfrischung zu erhalten versucht hatten.
Hier nahm der Türke ungenirt an einem der Tische Platz, ohne nach dem Cavadji zu verlangen; als gewissenhafter Beobachter der Fasten des Ramadan wußte er, daß die Stunde, von welcher ab die so verschiedenen Getränke der ottomanischen Destillation verabreicht werden, noch nicht gekommen war.
Dieser Türke war kein Anderer, als Scarpante, der Intendant des reichen Herrn Saffar, eines Ottomanen, der in Trapezunt, d. h. in dem Theil der asiatischen Türkei wohnte, welcher das südliche Ufer des Schwarzen Meeres bildet.
Eben jetzt bereiste Herr Saffar die südlichen Provinzen Rußlands; nach einem Besuche der Kaukasusländer gedachte er dann nach Trapezunt zurückzukehren, in der sicheren Erwartung, daß sein Intendant eine ihm aufgetragene Unternehmung inzwischen mit günstigem Erfolge werde ausgeführt haben. In seinem Palaste, der in der ganzen Pracht orientalischen Luxus' glänzte, in jener Stadt, wo man seine Equipagen allgemein bewunderte, sollte Scarpante nach Durchführung seiner Mission ihn wieder treffen. Herr Saffar hätte nie zugestanden, daß ein Mann, dem er befohlen, etwas zu thun, dabei einen Mißerfolg haben könne. Er liebte es, die Allmacht, welche ihm sein Reichthum verlieh, auf die schwierigsten Proben zu stellen, und verfuhr gewöhnlich mit jener Ostentation, welche den Nabobs Kleinasiens gleich im Blute zu liegen scheint.
Jener Intendant, ein waghalsiger Mann und als solcher zu jedem Handstreich bereit und vor keinem Hinderniß zurückschreckend, war stets entschlossen,per fas et nefas[3], auch die kleinsten Wünsche seines Herrn zu befriedigen. Aus ähnlicher Absicht traf er auch heute in Constantinopel ein und erwartete er an verabredeter Stelle einen gewissen, maltesischen Capitän, der seiner nach allen Seiten würdig war.
Dieser Capitän, Namens Yarhud, befehligte die Tartane »Guidare«, mit der er meist das Schwarze Meer befuhr.
Seinen Handel mit Contrebande verband er noch mit einem anderen, der das Licht eigentlich noch mehr zu scheuen hatte, nämlich einem solchen mit Sclaven aus dem Sudan, aus Aethiopien oder Aegypten, mit Circassierinnen oder Georgierinnen, welche vorzüglich in dem Stadttheile Top-Hane verkauft werden – übrigens ein Handel, dem gegenüber die Behörde gar zu gern ein Auge zudrückte.
Scarpante wartete noch immer, Yarhud aber kam nicht.
Obwohl der Intendant äußerlich ganz gelassen blieb und nichts seine Gedanken verrieth, brachte doch der innerliche Grimm sein Blut mehr und mehr in Wallung.
»Wo steckt er denn, der Hund? murmelte er. Sollte ihm ein Unfall zugestoßen sein? Vorgestern hat er aus Odessa abreisen wollen! Er mußte hier auf diesem Platz, in diesem Café und in der Minute hier sein, in der ich ihn zu treffen bestimmt hatte«...
In diesem Augenblicke erschien ein maltesischer Seemann an der Ecke des Quais. Das war Yarhud. Er blickte nach rechts und nach links und gewahrte jetzt Scarpante. Dieser erhob sich sogleich, verließ das Kaffeehaus und gesellte sich zu dem Capitän der »Guidare«, während einige Passanten – jetzt zwar in etwas größerer Anzahl, aber alle schweigend – sich hier und dorthin über den Platz bewegten.
»Ich bin nicht gewohnt, daß man mich warten läßt, Yarhud, sagte Scarpante in einem Tone, über den der Malteser nicht im Unklaren bleiben konnte.
– Möge Scarpante mir verzeihen, antwortete Yarhud, aber ich habe gewiß das Möglichste gethan, um rechtzeitig hier einzutreffen.
– So bist Du eben erst angekommen?
– Erst diesen Augenblick mit der Eisenbahn von Janboli nach Adrianopel, und ohne jede Zugsverspätung...
– Wann bist Du aus Odessa abgefahren?
– Vorgestern.
– Und Dein Schiff?
– Erwartet mich im Hafen von Odessa.
– Kannst Du Deinen Leuten trauen?
– Vollkommen! Es sind Malteser gleich mir, welche dem treu dienen, der freigebig bezahlt.
– Und sie werden Dir gehorchen?...
– Hierin, wie in Allem.
– Gut! Welche Nachrichten bringst Du, Yarhud?
– Ja, gleichzeitig gute und schlechte, erwiderte der Capitän achselzuckend.
– Wie lauten zunächst die schlechten? fragte Scarpante.
– Die schlechten... nun, dahin, daß die junge Amasia, die Tochter des Banquiers Selim zu Odessa, sich bald verheiraten soll. Ihre Entführung wird also mehr Schwierigkeiten bieten und verlangt jetzt größere Eile, als wenn ihre Vermählung noch nicht so bald bevorstände.
– Aus dieser Vermählung wird eben nichts werden, Yarhud! rief Scarpante etwas lauter, als es zweckdienlich schien. Nein, bei Mohammed, es darf nichts daraus werden.
– Ich habe nicht gesagt, daß dieselbe vor sich gehen werde, Scarpante, versetzte Yarhud, sondern nur, daß sie stattfinden sollte.
– Nun ja doch, erwiderte der Intendant, Herr Saffar erwartet jedoch, daß jenes junge Mädchen vor Ablauf von drei Tagen nach Trapezunt eingeschifft ist, und wenn Du das für unmöglich hieltest...
– Ich habe nicht gesagt, daß es unmöglich sei, Scarpante. Mit Muth und Geduld ist nichts unmöglich. Ich habe nur gesagt, daß es schwieriger sein werde, nichts weiter.
– Schwierig! antwortete Scarpante. Das wird auch nicht zum ersten Male sein, daß eine junge Türkin oder Russin aus Odessa verschwunden und nicht in das väterliche Haus zurückgekehrt wäre.
– Und es wird hier nicht zum letzten Male der Fall sein, erklärte Yarhud, oder der Capitän der »Guidare« müßte sein Geschäft nicht verstehen.
– Was für ein Mann ist es, den die junge Amasia heiraten soll? fragte Scarpante.
– Ein junger Türke, von dem nämlichen Stamme wie sie.
– Ein Türke aus Odessa?
– Nein, aus Constantinopel.
– Und er heißt?...
– Ahmet.
– Was ist dieser Ahmet?
– Der Neffe und einzige Erbe eines reichen Kaufmanns von Galata, des Seigneur Keraban.
– Was treibt dieser Keraban?
– Tabakhandel, bei dem er ein großes Vermögen erworben hat; in Odessa ist sein Correspondent der Banquier Selim. Sie machen miteinander sehr ausgedehnte Geschäfte und statten sich öfters Besuche ab. Bei einer solchen Gelegenheit hat Ahmet die junge Amasia kennen gelernt, und so ist die Verbindung zwischen dem Vater des jungen Mädchens und dem Onkel des jungen Mannes ausgemacht worden.
– Wo soll die Trauung vor sich gehen? fragte Scarpante. Hier in Constantinopel?
– Nein, in Odessa.
– Zu welcher Zeit?
– Das weiß ich zwar nicht, fürchte aber, daß sie auf Betreiben der jungen Ahmet jeden Tag stattfinden könne.
– Es ist also kein Augenblick zu verlieren.
– Kein einziger!
– Wo befindet sich Ahmet jetzt?
– In Odessa.
– Und jener Keraban?
– In Constantinopel.
– Hast Du während der Zeit zwischen Deiner letzten Ankunft in Odessa und Deiner Abreise von da den jungen Mann gesehen, Yarhud?
– Ich hatte ja ein Interesse daran, ihn zu kennen, Scarpante... Ich hab' ihn gesehen und kenne ihn.
– Wie ist er?
