Khaled tanzt - László Benedek - E-Book

Khaled tanzt E-Book

László Benedek

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Beschreibung

Eine Geschichte, die erzählt werden muss Khaled ist ein afghanischer Flüchtlingsjunge, der mit Tausenden seiner Landsleute nach Österreich auswandert, in der Hoffnung, eine neue Heimat zu finden. Wegen Kopfschmerzen unklarer Genese wird er von einem pensionierten Psychiater behandelt. Mit viel Geduld gelingt es dem Arzt, die Zunge des verschlossenen Jungen zu lösen, und er erfährt Unglaubliches: Khaled wurde in Afghanistan an einen reichen Kaufmann verkauft, wo er in Mädchenkleidern vor alten Männern tanzen und diesen danach zu Gefallen sein musste. Mit feinem Gespür geht László Benedek tiefgründig der Frage auf den Grund, ob und wie ein Heranwachsender solche Erlebnisse aushalten und in einer neu gewählten Heimat Fuß fassen kann.

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Seitenzahl: 280

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Kann sein, dass man im Leben Kompromisse schließen muss, doch auch die muss man mit Würde schließen. Doch wenn man Kompromisse nicht mit Würde schließen kann, dann darf man keine Kompromisse schließen.

Péter Esterházy

Schon immer fühlte ich mich von den Schönheiten der Natur angezogen, von exotischen Landschaften, der Begegnung mit anderen Kulturen, besonderen oder einfachen Menschen. Als junger Mensch begab ich mich auf Abenteuerreisen in die südamerikanischen Urwälder bis hin nach Alaska, in die afrikanische Savanne bis hin zu den norwegischen Fjorden. Nun aber habe ich die Sechzig überschritten und schrecke vor den mit großen Reisen einhergehenden Komplikationen und Beschwernissen, dem Treiben auf überfüllten Flughäfen, den speziellen und ungewohnten Umständen eher zurück, als dass sie meine Neugier wecken würden.

Deshalb bevorzuge ich heute virtuelles Reisen, habe zahlreiche Webseiten entdeckt, auf denen an verschiedensten Punkten der Welt installierte Webkameras in Echtzeit über dortige Ereignisse berichten. Diese Fenster ordne ich auf dem Bildschirm so nebeneinander an, dass ich gleichzeitig sehen kann, was sich gerade auf dem Times Square in New York oder auf dem Markt im belgischen Brügge abspielt. Doch ebenso bin ich in Alaska Augenzeuge beim Fischfang von Eisbären wie beim spielerischen Aufeinanderprallen von Tieren in einem kenianischen Nationalpark.

Ich bin offensichtlich ein Kind der bequemen westlichen Wohlstandsgesellschaften geworden. Als eine Art Literat sitze ich lieber im geheizten Zimmer und lebe mein Verlangen nach dem Exotischen im Internet aus. An die Dramen ferner Länder aber und daran, dass menschliches Ausgeliefertsein, traumatische Erlebnisse an unser Fenster klopfen, vor unseren Toren Einlass begehren, sind wir nicht gewöhnt. Nicht an die Flüchtlingswellen der letzten Jahre, nicht an Hunderttausende, ja, Millionen von Flüchtlingen aus Schwarzafrika, dem Irak, aus Syrien und Afghanistan, den dortigen Kriegsregionen. Was früher weit weg und unvorstellbar zu sein schien, das drängt plötzlich in unsere unmittelbare Nähe. Ein nicht abreißender Flüchtlingsstrom verlangt von den Wohlstandsgesellschaften sofortige Hilfe, Empathie bei der Lösung seiner Probleme. Dem kann sich niemand entziehen. Kein Wunder, dass dies in der Öffentlichkeit zu kontroversen Meinungen führt.

Mit einigen meiner im Rentenalter befindlichen Freunde treffen wir uns jeden Donnerstagabend zum Kartenspiel. Bei diesen Gelegenheiten diskutieren wir über die aktuellen Ereignisse in der österreichischen Politik. Die Flüchtlingsfrage führt oft zu erbitterten Wortgefechten. Zwei meiner Kartenspielpartner, ein berenteter Versicherungsagent und ein pensionierter Tierarzt, sind entschieden gegen die Aufnahme von Flüchtlingen. Diese beiden Männer meinen, Versorgung und sonstige Betreuung von Flüchtlingen würden den Sozialsystemen eine unverhältnismäßig große Last aufbürden. Deshalb müssten sie möglichst schnell wieder in ihre Heimatländer abgeschoben werden. Vor allem diejenigen Asylsuchenden, die in den Herkunftsländern keiner tatsächlichen Lebensgefahr ausgesetzt seien.

Ich selbst bin toleranter, habe das Gefühl, das vor unseren Augen sich abspielende Leid nicht leugnen zu können. Wer in Schwierigkeiten ist und an unsere Tür klopft, dem müssen wir helfen. Auch denke ich, eine positive Einstellung den Fremden gegenüber an sich ist zu wenig. Die Flüchtlingsproblematik wirft die Frage auf, ob sozialer Wohlstand ein grundlegendes Menschenrecht ist oder aber nur den Bürgern einiger privilegierter und glücklicher Länder zusteht.

Einen besonderen Platz unter den Kartenspielern nimmt ein pensionierter Chefarzt für Psychiatrie ein – mein Freund Dr. Johannes Arany. Der Doktor betreibt heute nur noch eine Privatpraxis. In seiner Sprechstunde behandelt er ständig die seelischen Symptome von Flüchtlingen, unterstützt sie bei ihrer Eingliederung. Doch in der Öffentlichkeit bezieht er zur Flüchtlingsfrage so gut wie nie Stellung. Wenn wir ihn danach fragen, sagt er nur, jeder habe sein Kreuz zu tragen.

Der Doktor weiß, dass mich die Flüchtlingsfrage stark beschäftigt. Deshalb nahm er mich einmal nach einer Kartenpartie beiseite und überreichte mir ein Heft, ein Tagebuch, meinte, das könnte mich interessieren: „Die Namen habe ich überall unkenntlich gemacht oder durch Fantasie-Namen ersetzt. Schließlich handelt es sich um sensible Daten, die der ärztlichen Schweigepflicht unterliegen. Aber das Thema als solches interessiert dich vielleicht.“

Zu Hause nahm ich das Heft in Augenschein. Klare Schriftzüge hielten nicht nur die Aufzeichnungen zu den Patienten fest, sondern mitunter auch die mit der Behandlung einhergehenden eigenen Gedanken und persönlichen Erinnerungen des Arztes. Ich blätterte darin herum. Die folgenden Zeilen weckten meine Aufmerksamkeit: „Khaled“, dies soll hier nun sein Name sein, „ist ein fescher und netter Bursche aus Afghanistan. Er ist so mitteilsam und freundlich, als hätte er nie anderswo gelebt als unter Österreichern. Was für unterdrückte Verletzungen, was für verborgene Traumata mochten in der Tiefe seiner Seele schlummern? Zu mir hat man ihn wegen chronischer Kopfschmerzen unklarer Genese geschickt, nachdem der Internist sich darauf keinen Reim zu machen wusste und auch Medikamente keine Linderung gebracht hatten. Auch der konsultierte Neurologe, ein Migräne-Spezialist, kam zu keinem befriedigenden Ergebnis. EEG und CT zeigten keine Auffälligkeiten. Wie zu erwarten, schien Khaled gewissermaßen kerngesund zu sein. Seine Beschwerden wurden als funktional eingestuft. Mich interessierte der fröhliche Afghane, dem scheinbar nichts fehlte. War er lediglich ein kleiner Wichtigtuer und Simulant? Oder aber würde ich auf unverarbeitete Traumata stoßen, auf erlittene Höllenqualen? Bei näherem Hinsehen schien jeder Zweifel ausgeschlossen zu sein. Die unklaren Kopfschmerzen des jungen Mannes mussten auf späte Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung zurückzuführen sein.“

Ich wusste gleich, dass ich einen Fund in Händen hielt, den es galt, der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Der sich hieraus mit schriftstellerischer Fantasie entwickelnde Roman fußt auf den Notizen von Doktor Arany, er ist durchaus der Wirklichkeit im heutigen Österreich geschuldet.

Khaled

Doktor Arany hat in seinem Tagebuch Informationen gesammelt, die er sogar mit Überschriften versehen hat. Der erste große Themenkreis trägt den Titel „Khaleds Kindheit in Afghanistan“.

— —

Doktor Arany hörte das Zuschlagen einer Autotür. Wenige Augenblicke später tauchte Khaled vor dem Haus des Arztes in Hohe Wand auf, wo er freundlich begrüßt wurde: „Ich dachte schon, wegen der schneeglatten Serpentine würden Sie es nicht schaffen und mich versetzen.“

„Ach nein“, entgegnete Khaled lächelnd, „das nur halb so gefährlich, wie aussieht.“ Khaled lächelte immer. Damit konnte er die Menschen vermutlich für sich einnehmen. Er war locker und verströmte eine angenehme Atmosphäre, wodurch er die Kommunikation erleichterte. Obwohl sein Leben keineswegs eitel Sonnenschein war, schien er durchaus optimistisch zu sein.

Doktor Arany dachte oft nach, wie alt Khaled sein mochte. Denn der junge Mann kannte sein Geburtsdatum selbst auch nicht. In Afghanistan, dem Land seiner Herkunft, gab es kein Geburtenbuch. Das Standesamtsregister wies erhebliche Mängel auf. Khaled besaß weder einen Reisepass noch einen Personalausweis.

Sechs oder sieben Jahre alt mochte Khaled gewesen sein, als sein Vater starb und seine Mutter ins Gefängnis kam, weshalb ihn ein Onkel nach Kabul holte und bei sich aufnahm. Den Mann, bei dem er lebte, nannte er seinen Onkel. Doch auch das ist nicht genau nachvollziehbar. Onkel waren für ihn viele andere ältere Männer. Vermutlich aber bestanden zu seinem Kabuler Quartiergeber irgendwelche verwandtschaftliche Beziehungen. Vor diesem Onkel floh er schließlich in den Iran, von wo er an die zwei Jahre später auf Anregung von Freunden nach Europa auswandern wollte. Nach einer langen, sechs Monate währenden Wanderung gelangte er vor anderthalb Jahren nach Österreich.

Khaled selbst behauptete, neunzehn Jahre alt zu sein. Doch bei genauerem Hinsehen zeigte sich, dass er durchaus auch zwei bis drei Jahre älter sein könnte. Denn bei seiner Ankunft hatte er von der Vergänglichkeit der Zeit kaum eine Ahnung. Im Großen und Ganzen konnte er Winter und Sommer, das heißt große Hitze und große Kälte, voneinander unterscheiden. Doch die zivilisatorischen Begriffe, wonach es Monate und auch Tage gibt, bedeuteten Khaled nicht viel. Obwohl er seinen Namen schreiben konnte, dürfen wir zu Recht behaupten, dass er in Wirklichkeit ein funktionaler Analphabet war. Vor seiner Zeit in Österreich hatte er eine Schule kaum von innen gesehen. Lesen, Schreiben und Rechnen beherrschte er so gut wie gar nicht.

Bei Doktor Arany traf er für gewöhnlich in einem bunten Fußballpolohemd ein. Er war ein geschickter, sportlicher und fußballbegeisterter junger Mann. Sein Lieblingsklub war der FC Barcelona. So nimmt es nicht wunder, dass er als fanatischer Messi-Fan auch jetzt in einem Messi-Polo erschien, in einem rot-blauen Trikot, worauf sich vorn der unerlässliche Aufdruck Qatar Airways befand, auf dem Rücken aber die Nummer 10 mit Messis Namen darunter. Für gewöhnlich trug Khaled dieses Trikot. Doktor Arany stellte sich die Frage, ob Khaled dieses Hemd manchmal auch ausziehen würde. Doch der beruhigte den Doktor mit dem Hinweis darauf, dass er mehrere solcher Polos besäße.

Des Öfteren spielte Khaled zusammen mit anderen Flüchtlingen Fußball. Wenn bei der lokalen Amateurmannschaft Bedarf an einem Linksaußenverteidiger oder einem Torwart bestand, griff man gern auch auf Khaled zurück. Im offiziellen Spiel wurde er zwar nicht eingesetzt, beim Training aber gern. Er galt als geschickter Fußballer. Doktor Arany ermutigte ihn, sich immer wieder einzubringen. Die meisten Probleme der Flüchtlinge, so meinte er, resultierten ohnehin aus dem Müßiggang. Auch darüber freute er sich, wenn Khaled möglichst oft die Gesellschaft von Österreichern suchte. Denn ein täglich mehrstündiger Aufenthalt im deutschsprachigen Umfeld sei eine der besten Methoden zum Üben der Sprache. Nun ja, der Fußball geht nicht unbedingt mit intensiven Gesprächen einher, doch in den Pausen und in der Umkleidekabine lernte Khaled doch so manches.

Khaled besaß gute Fähigkeiten. Für die analphabetischen Geflüchteten hatte man Spezialklassen eingerichtet, wo sie sich schulische Grundkenntnisse aneignen konnten. Begleitet wurde die Vermittlung von deutscher Sprechfähigkeit, Lese- und Schreibübungen, ein wenig Grammatik, auch von Rechenunterricht. Die Schule ging für Khaled mit wöchentlich fünfmal halbtägiger Beschäftigung einher, ergänzt durch Fußball am Nachmittag. Der junge Mann konnte sich also den ganzen Tag der Konfrontation mit der deutschen Sprache nicht entziehen. Dies wirkte sich auch auf eine neugewonnene Selbstsicherheit aus. Den entsprechenden Unterricht der Grundschule absolvierte er innerhalb von anderthalb Jahren. Deutsch erlernte er somit mehr oder weniger akzeptabel.

Doktor Arany gegenüber beklagte er sich gelegentlich, dass ihn von der vielen Konzentration der Kopf schmerze. Doch der Doktor winkte nur ab: „Wenn es weiter nichts ist!“ Er solle noch mehr Fußball spielen, dann würden die Kopfschmerzen vergehen.

Khaled nahm den guten Rat an und begab sich auf den Fußballplatz, sooft es nur ging. Dass er endlich lernen und all das nachholen konnte, was er in den ersten achtzehn Lebensjahren gezwungenermaßen versäumt hatte, hielt er für eine große Möglichkeit.

Nicht selten überkam Doktor Arany ein Anflug von Gerührtsein, wenn er an Khaled dachte. Für den liebenswürdigen Jungen hegte er väterliche oder, wir könnten auch sagen, großväterliche Gefühle. Aus verständlichen Gründen klammern sich die Flüchtlinge oft aneinander, versuchen, die Schwierigkeiten gemeinsam zu bewältigen. Khaleds offene und freundliche Persönlichkeit, so meinte er, habe ihm auf seinem beschwerlichen Weg ans Ziel seiner Sehnsucht viel geholfen, vielleicht sogar zu dessen Überleben beigetragen.

Eine solche Mentalität wirkte sich beim Ertragen des mit der Flucht einhergehenden Stresses und der erlittenen Traumata bestimmt günstig aus. Doch Doktor Arany sah auch, dass die Geflüchteten eng zusammenhockten, was sich, nach deren Aufnahme, auf ihre Anpassung und Integration auch hinderlich auswirken konnte. Wenn man immer nur mit seinen Landsleuten und Schicksalsgenossen kommuniziert, wenn man immer nur in seiner Muttersprache redet und sich gegenüber der Umwelt feindselig verhält, dann ist eine Anpassung gewiss sehr schwer. Doktor Arany verstand dieses Verhalten, obwohl er es freilich für kontraproduktiv hielt.

Khaleds Offenheit und Kommunikationsfähigkeit innerhalb seiner deutschsprachigen Umgebung erschienen dem Doktor ausgesprochen sympathisch. Auch dass er sich nicht schämte, um Hilfe zu bitten, aus seinen Unzulänglichkeiten kein Geheimnis machte, fiel angenehm auf. Landsleute könnten meinen, Khaled habe leicht reden, so ohne Familie und sonstige Bindungen … sofern es denn von Vorteil sei, dachte der Doktor, wenn jemand auf dieser Welt mutterseelenallein sei.

Zweifellos hatten fast alle Geflüchteten bei ihrer Eingliederung mit großen Problemen zu kämpfen. Bei Khaled zeigten sich derartige Schwierigkeiten kaum. Dank seines heiteren Wesens machte er einen verhältnismäßig ausgeglichenen Eindruck. Warum hatte er sich dann, wo seine Eingliederung doch ausgesprochen glatt zu verlaufen schien, an einen Arzt gewendet?

Auch wenn es unter den Flüchtlingen manchen gab, der vor Gesundheit strotzte, unterzogen sich fast alle einer medizinischen Betreuung. Besonders junge Männer ohne die Fesseln familiärer Bindungen hielten die physischen Belastungen und seelischen Strapazen der Flucht ohne sichtbare Folgen aus. In vielen Fällen wurden die jungen Männer von ihren fluchtwilligen Familien vorausgeschickt, um stabile Bedingungen für deren Exil zu schaffen.

Diese Erwartungen erweisen sich meist natürlich als vollkommen haltlos. Die Flucht, die Loslösung von der Heimat bedeutet eine nur schwer aufzuarbeitende psychische Belastung. Hinzu kommt die erzwungene Untätigkeit. Denn für die Zeit der Bearbeitungsdauer des Asylantrags ist eine Arbeitsaufnahme nicht gestattet. Das Verfahren zieht sich über Monate, manchmal sogar über Jahre hin. Und ob das Asyl gewährt wird oder nicht, steht in den Sternen. Jede Möglichkeit, die den Asylanten vom staatlich verordneten Nichtstun befreit, ist ihm willkommen. So auch die medizinische Betreuung.

Doktor Arany war der Überzeugung, dass sich die Geflüchteten nicht deshalb oft an einen Arzt wandten, weil sie schrecklich krank waren, sondern deshalb, weil die ärztliche Visite im eintönigen Alltag eine willkommene Abwechslung war.

So könnte auch Khaled zu Doktor Arany gelangt sein. Seine vorgetragenen Beschwerden beschränkten sich also auf wiederholt auftretende Kopfschmerzen. Dafür, so spürte Doktor Arany gleich, musste es tieferliegende Gründe geben, nachdem alle bisherigen Untersuchungen ergebnislos verlaufen waren. Eigentlich hätte er sich auch mit einer medikamentösen Behandlung zufriedengeben können. Doch Doktor Arany, der Seelendoktor, wäre nicht Doktor Arany gewesen, hätte er nicht den Anspruch gehabt, in tieferliegende Schichten der Seele vorzustoßen und so vielleicht die Ursache für die Kopfschmerzen aufzudecken.

Der Arzt aus Leidenschaft sah gleich, dass ihm mit Khaled ein noch ungeschliffener Diamant in die Hände geraten war, den es zu bearbeiten galt. Diese Überzeugung wurde auch von Kerstin, Khaleds Betreuerin, geteilt. Sie brachte den Jungen persönlich zu den Behandlungen.

Schon bei der ersten Visite erklärte Kerstin, dass es für sie von außerordentlicher Wichtigkeit sei, aus Khaled einen anständigen und glücklichen Menschen zu formen, ihm dabei behilflich zu sein, sich in seiner Wahlheimat zu integrieren. Sie bat Doktor Arany, ihr in diesem Bestreben zur Seite zu stehen. Der übernahm bereitwillig die Rolle als Mentor.

Anfangs experimentierte auch er mit verschiedensten Medikamenten und Relaxionsübungen. Doch mit der Zeit wurde ihm die Vergeblichkeit seiner Bemühungen klar. Oder, besser gesagt, die Vergeblichkeit einer medikamentösen Behandlung. Die Kopfschmerzen hatten offensichtlich nichts mit organischen Problemen zu tun. Langsam und mit viel Geduld tastete sich Doktor Arany vor, ohne seinen Patienten mit neugierigen Fragen verschrecken zu wollen. Er musste sein Vertrauen gewinnen. Vorerst schien Khaled keinen Arzt haben zu wollen, sondern vielmehr einen lieben Verwandten, einen Großvater.

So also verzichtete der Doktor auf eine medikamentöse Behandlung. Dennoch riss der Kontakt nicht ab. Khaled wusste selbst nicht, warum er den Doktor immer wieder aufsuchte. Es hatte den Anschein, als erwartete er von diesem Hilfe dabei, die Jahre seines früheren Lebens vergessen und die Unbilden in der neuen Heimat in den Griff bekommen zu können. Wöchentlich einmal suchte Khaled den Doktor auf, um diesem zaghafte Einblicke in sein wechselvolles Leben zu gewähren. Khaled überblickte nicht wirklich, was in diesen Sitzungen vor sich ging. Dennoch waren ihm diese Gespräche nicht unangenehm, auch wenn dadurch längst vernarbte Seelenwunden aufplatzten. Aber er hatte das Gefühl, nachdem sich zwischen Arzt und Patient allmählich ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte, dass es ihm wohltat, über Verschüttetes zu reden.

Khaled hatte in der Zwischenzeit ziemlich gut Deutsch gelernt, auch wenn er noch viele Fehler machte und die Grammatik zu wünschen übrig ließ. Doch was er sagen wollte, das konnte er vermitteln. Wenn ihm ein Wort nicht gleich einfiel, ersetzte er den Mangel mit Gebärden. Ein aufmerksamer Zuhörer begriff schnell, was Khaled zum Ausdruck bringen wollte. Er war ein fantastischer Kommunikator, ließ sich von seinen sprachlichen Unzulänglichkeiten nicht aus der Fassung bringen. Wichtig war ihm lediglich, den Gesprächspartner zu verstehen und auch sich selbst verständlich zu machen.

Um in Khaleds Vergangenheit vorzudringen, wurde er von Doktor Arany aufgefordert, etwas von seiner Kindheit zu erzählen. „Ich weiß, dass Sie in Ihrer Kindheit in Afghanistan gelebt haben. Doch wo und wie lange, das weiß ich schon nicht mehr. Wollen Sie mich an den Erlebnissen Ihrer Kindheit teilhaben lassen?“

Khaled lehnte sich auf dem Stuhl zurück und schloss die Augen. So schien er sich irgendwie besser erinnern zu können: „Kann Doktor berichten nicht alles über. Erinnern gut an Dorf, wo Kind gewest. Aber mehr viel …“, breitete Khaled hilflos die Arme aus.

„Macht nichts!“, ermunterte ihn der Doktor. „Erzählen Sie einfach, was Ihnen einfällt!“

„Dorf, wo gewohnt, Kharbuz der Name.“

„Kharbuz? Bedeutet das nicht zufällig ‚Melone‘?“

Erfreutes und heftiges Kopfnicken die Reaktion.

Doktor Arany musste lachen. „Das dachte ich mir schon. Denn ‚Kharbuz‘ bedeutet auf Griechisch ‚Melone‘.“

„Ja, unseres Dorf auch sicher Melone will sein. Auf Dari will sein Kharbuz Melone. Warum Melone? Das ich nicht wissen. Melone gesehen ich nur in Kabul in Basar. Früher mehr Regen gefallt bei uns. Kharbuz liegen in Provinz Bamiyan. In Mitte von Afghanistan. Dort sein viel hohe Berg. Mich erinnern, wenn gegangen nach Kabul, du wissen, Mitte von Land. Wie soll sagen? Ja, Kabul Hauptstadt. Also Weg zu Hauptstadt weit, sehr weit. Von Bamiyan bis Kabul gegangt zwei Tage. Doktor, du kennen Bamiyan?“

Doktor Arany schüttelte den Kopf.

„Sehr berühmt von hässliche Ereignis. Zeitungen voll mit das. Ich gewest noch kleine Junge, als Taliban gesprengt Buddha-Statuen. Sehr alt Statuen in Felsen gehaut. Gewest sehr hoch. Auch die Alten gesagt, sehr lange gebaut. Vor sehr lange Zeit. Buddha-Statuen gewest sehr berühmt. Und dann kommen Taliban und piff-puff, gesprengt in Luft. Jetzt nur große Loch in Felsen.“

„Wie barbarisch!“, wiegte der Doktor den Kopf.

„Barbarisch, genau!“

Dieses Wort kannte Khaled nicht. Doch entsprechend seiner Gewohnheit wiederholte er es sogleich und nickte dazu. Begriff, dass es sich um einen Ausdruck des Verurteilens handeln musste.

„Gott sei Dank, wir gewohnen in kleine Dorf hinter die sieben Berge. Taliban nie geseht. Hatten eigene Mullah. Mullah uns Koran gelernt, gelernt beten.“ Und damit neigte er sich zur Erde und zeigte, wie zu beten sei.

Doktor Arany ließ sich die Worte auf der Zunge zergehen: „Bamiyan, Kharbuz.“

„Ja, ja“, bestätigte Khaled, „hoch Berge, sehr. Wer fremd dort, kaum Luft bekommen. Name von Berg Hindukusch.“

Khaled lächelte still vor sich hin. „Wenn träumen ich, immer sehen hoche, hoche Berge. Kharbuz und überall Schnee. Sehen vor mich Schlangeweg, na, wie muss sagen …?“

„Serpentine.“

„Na, genau, Serpentine. Also Kurve und Kurve wieder. Auch Esel gehabt. Mich erinnern, wie er trotten auf Serpentine. Ringsum überall hoche Bäume.“

Doktor Arany stellte sich Kharbuz vor, ein kleines Dorf, versteckt hinter hohen Bäumen. Er musste an die eigene Heimat denken, an die kleinen Dörfer am Fuß des siebenbürgischen Hochgebirges.

„In Kharbuz gewest viele Häuser, wir dort wohnen. Einmal kommen große Lawine.“ Und wieder suchte Khaled nach dem richtigen Wort.

„Schneemassen herabgestürzt? Oder wolkenbruchartiger Regen?“

„Nein, nicht Schnee, nicht Regen, sondern Erde und Wasser …“

„Schlammlawine?“

„Na, genau“, nickte Khaled heftig. „Schlammlawine. Alles wegspülen. Haus geben, Haus nicht geben.“

„Und was ist mit Ihnen passiert? Sind Sie obdachlos geworden?“

„War gefährlich bisschen. Aber nicht so schlimm. Haben Häuser schnell wieder aufgebauen.“

„Na ja, von jetzt auf nanu geht das sicher nicht.“

„Nicht so schlimm. Bei uns Häuser aus Lehm. Schnell stampfen.“

„Die Mauern werden also aus Lehm gestampft?“

„Ja, ja, aus Lehm gestampft. Drinnen Baumzweige.“

„Haben Sie in einer Kaliba gewohnt?“

„Kaliba? Was das ist?“

„Nun, so eine kleine Hütte. Bei uns in Siebenbürgen wurden die Bauernhütten Kaliba genannt. Aber auch Lehmhütte.“

„Genau“, nickte Khaled. „Wir habt schön groß Kaliba, Lehmhütte und viel kleine. In unsere Familie gelebt viel Menschen. Um die Lehmhütten hoch Zaun. Fremde Augen nichts soll sehen.“

„Sie waren also viele?“

„Schön groß Familie. Mama, Papa auch wohnen bei uns.“

„Also die Großeltern?“

„Ja, ja, Vater von Vater, Mutter von Vater. Dann auch wir, Eltern und Kinder. Meine zwei alte Schwester und drei junge Geschwister. Ich dritte Kind, aber erste Junge.“

„Ach ja! Der erste Sohn, denke ich, das ist eine große Auszeichnung, ein großes Privileg.“

„Ich überall beliebt sehr. Von Junge erwarten, muss sorgen für groß Familie und schützen.“

„Sie waren der Augapfel der Familie. Habe ich Recht?“

„Was sein Augapfel?“

„Das heißt, bestimmt waren Sie aller Liebling.“

„Ja, freilich“, sagte Khaled, als wäre dies die natürlichste Sache der Welt. „Geschwister von mein Vater wohnen auch bei uns. Und die Familie von sie. Viele Kinder.“

„Na, nur langsam! Wieviele haben denn zusammen gewohnt?“

„Viele, sehr. Bei uns erwachsene Mann bleibt bei die Eltern. Männer sorgen für Alte. Und Mädchen, wenn verheiratet wird, gehen auch zu Mann von Familie.“

„Und alle leben unter einem Dach?“

„Musst dich vorstellen viele, viele kleine Hütte. Jeder bekommen eine. Meine Mama, meine Papa wohnen in eine Hütte. Meine Vater, meine Mutter in andere Hütte. Wir Kinder in ein dritte Hütte. Cousins und Cousine wieder in andere Hütte. Dann das Vieh in eine Hütte.“

„Das Vieh hatte eine ebensolche Hütte wie die Menschen?“

„Vieh sein wichtig sehr in Afghanistan. Ziegen, Schafe, Hühner. Wir gehabt auch Esel. Vieh bekommt Trinkwasser vor Kinder.“

Khaled war in Schwung geraten, hatte sich von der Erinnerung fortreißen lassen. Doktor Arany bemerkte die geröteten Wangen des Jungen. Es schien ihm, als würde auch der Sprachfluss weniger stocken.

„Heute Nacht“, fuhr Khaled fort, „aufwachen und Düfte spüren wie zu Hause in Kharbuz. Spüren Spucke in Mund …“

„Wie das Wasser im Mund zusammenläuft ?“

„Ja, ja, Spucke in Mund zusammenlaufen.“

„Dass uns das Wasser im Mund zusammenläuft, das sagen wir, wenn irgendein Leckerbissen vor uns steht.“

„Oje, also feine Düfte gespürt, sehr! Zwischen Hütten groß offen Grube. Mein Vater immer darin gemacht Feuer. Mit große Flamme lodern.“

„Ich denke, dort haben die Frauen gekocht“, spann der Doktor den Gesprächsfaden weiter.

„Alle Frauen hocken dort: Mein Mama, mein Mutter und Mutter von Geschwisterkinder. Kochen alle zusammen. Schälen Kartoffeln, schlachten Huhn …“ Khaled schwelgte in Erinnerungen: „Oh diese Düfte! Zuerst nur Klatschen von Feuer …“

„Vielleicht meinst du das Prasseln vom Feuer. So sagt man das bei uns“, verbesserte der Doktor.

„Ja, Prasseln von Feuer. Brannte mit große Flamme. Rauch steigte empor. Die Frauen kochten in große Töpfe Wasser. Man konnte hören, wie das Wasser …“

„Sprudelte“, sprang ihm der Doktor bei.

„Ja, sprudelte. Gebt Kartoffeln hinein, dann Huhnfleisch. Alles sprudelte. Und dieser Duft!“

„Den“, so der Doktor, „kann ich mir gut vorstellen.“ Und auch ihm lief das Wasser im Mund zusammen. „Mit einem Wort, als Sie im Flüchtlingsheim aufwachten, da hatten Sie diese Düfte in der Nase und diesen Geschmack im Mund.“

Khaled machte eine saure Miene und erwiderte lediglich: „Ja.“

„Das Aufwachen war eine große Enttäuschung.“

Der Junge nickte.

„Und was war mit den Kindern dort?“, fragte der Doktor, um die Unterhaltung anzustoßen.

„Meine alte Schwestern immer zuhause. Durften nicht raus. Mein Vater sehr streng war. In Afghanistan jung Mädchen in bestimmte Alter muss Gesicht und Körper verdecken. Wie alle Frauen. Für Männerauge draußen verboten sie sehen. Darum bleiben zu Hause, gehen nicht auf Straße. Und die Kinder? Wir als Bande ganze Tag umhergetreibt. Viel Spaß gehattet, viel gelachen. Ich Bandenchef. Immer sagen, was müssen machen.“

„Mussten Sie zu Hause nicht helfen?“

„Getragen Wasser von Brunnen. In große Korbflaschen. Sehr schwer, konnten kaum schleppen.“

„Was für eine glückliche Kindheit“, meinte Doktor Arany. „Sicherheit der Großfamilie. Dann der aus Geschwistern, Cousins und Cousinen bestehende Trupp. Da kam alles zusammen, was ein Kind so braucht.“

„Genau! Wir alles hatten. Gefehlen nichts.“

„Was wurde dort gearbeitet?“, fragte der Doktor nach einer kleinen Pause. „Was machten die Männer?“

„Im Wald Holz fällen, auf die Äcker hacken, Kartoffel anbauen. Meine Vater war viel weg, hat gearbeiten auf Mohnfelder.“

„Auf Mohnfeldern?“, fragte der Doktor einigermaßen verblüfft.

„Bärtige Männer mit Turban auf Kopf gekommt, flüstern mit meine Vater. Wir nichts davon verstehen. Sehr furchterregend. Dann Vater weggehen, oft wochenlang nicht zurückkommen. Wenn wir fragen ihn, er sagen: ‚Das nicht deine Sache, mein Sohn.‘“

„Aha“, sagte Doktor Arany und dehnte das ‚Aha‘ ahnungsvoll.

„Warum du sagen ‚Aha‘?“

„Na ja, Mohnfelder, geheimnisvolle Fremde! In Afghanistan war der Opiumhandel ja schon immer Mode.“

„Natürlich. Opium! Das wissen doch jeder. Ist nichts Besonderes. Arbeit sehr wenig. Aber dort sein Mohn und Opium. In Winter sehr kalt, in Sommer sehr warm. Zum Glück, wir wohnen hoch oben. Dort kühler. Taliban verbieten Opium. Doch alle wissen, Mohnfelder in Hand von Taliban.“

„In dieser Region leben verschiedene Völker, verschiedene Stämme, Ethnien und Religionen. Ich wüsste gern, zu welcher Volksgruppe Sie gehören.“

„Meiste Paschtune und Afghane. Wir Hasare. Das andere Gruppe. Bei uns in Kharbuz, Bamiyan alle Hasare. Wir sprechen Dari. Das so was wie Persisch.“

„Und welcher Religion gehören Sie an, wenn ich Sie das fragen darf?“

„Wir Schiiten. Hasaren sind Schiiten. Die Paschtune Sunniten.“

„Wenn ich richtig informiert bin, dann bilden die Hasaren eine Minderheit? Oder?“

„Ja, ja“, so Khaled. „Jeder wollen befehlen uns. Zum Glück wir wohnen hoch oben in Berge. Nach dort sich verirren andere nur selten.“

Kerstin

Kerstin, die Khaled manchmal zur Seite stand, schreibt dem Doktor einen Brief, worin sie vom eigenen Leben erzählt. Sie erzählt darin von ihrer Lebensgeschichte, die dazu geführt hat, sich um Khaled zu kümmern.

— —

Khaled und Kerstin waren schier unzertrennlich. Ohne sie hätte Khaled viele seiner Aktivitäten nicht bewerkstelligen können. Die Frau leistete fortwährend Fuhrdienste. Während Khaled anderweitig beschäftigt war, besorgte sie für den Jüngling den Einkauf oder setzte sich auf einen Cappuccino und einen Apfelstrudel in ein nahe gelegenes Café.

Kerstin befand sich schon längst im Rentenalter, lebte zusammen mit ihrem Mann im niederösterreichischen Bromberg. Kinderlos geblieben, hatte sie unendlich viel Freizeit. Deshalb bot sie der lokalen Diakonie ihre Hilfe bei der Flüchtlingsbetreuung an. Hier begegnete sie Khaled, der ihr sogleich sympathisch war. Alsbald sah sie ihn jeden Tag. Als Deutschlehrerin war sie den Organisatoren der Flüchtlingshilfe sehr willkommen. An Sprachunterricht gab es einen großen Bedarf. Anfangs hielt sie ausschließlich Gruppenunterricht. Doch mit der Zeit gab sie den begabteren und fleißigeren jungen Flüchtlingen auch Einzelunterricht. Khaled machte von dieser Möglichkeit Gebrauch. Kerstin spürte gleich, dass Khaled überdurchschnittliche Fähigkeiten besaß. Er merkte sich alles Gehörte, auch wenn er freilich mit der sprachlichen Umsetzung weit vom Niveau eines Muttersprachlers abwich. Sogar mit der Aussprache gab es keine allzugroßen Probleme. Khaled zu unterrichten, war eine besondere Freude. Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche machte er Fortschritte. Auch war ihm anzumerken, dass er gern lernte.

Kerstin stand im Dienst der Diakonie Wiener Neustadt. Das Zentrum firmierte unter dem Namen Lares Niederösterreich Süd. Niederösterreich hatte mehrere solcher Zentren. Seit 2015 wurde Flüchtlingen hier Hilfe angeboten. Auch zahlreiche freiwillige Helfer standen bei der Kinder- und Schulbetreuung zur Verfügung, nahmen die sich in der Fremde hilflos und verloren vorkommenden Asylsuchenden an die Hand, begleiteten sie zu den Behörden, regelten so manches für sie, transportierten sie von einem Ort zum anderen, halfen, sich auch in den ihnen unbekannten Freizeitangeboten zurechtzufinden.

Kerstin gehörte zu einem geschätzten Mitglied dieses Freiwilligentrupps. Als pensionierte Deutschlehrerin war sie sehr gefragt. Die Flüchtlingsflut des Jahres 2015 setzte halb Österreich in Bewegung. Alle wollten helfen. Die Arbeit der Freiwilligen wurde von Flüchtlingsorganisationen koordiniert. In Aufnahmelagern sollten die Asylsuchenden gemäß gängiger Praxis möglichst nur kurze Zeit verbringen. Nach Erledigung der Registrierung und der Aufnahmeformalitäten wurden sie in leerstehenden Pensionen oder in Einfamilienhäusern untergebracht, wo man sie in Gruppen einteilte, die von einigen Betreuern beaufsichtigt wurden.

Khaled wurde in das Hirtenberger Laura-Gatner-Haus eingewiesen, eine Unterkunft für jugendliche alleinstehende Flüchtlinge. Die Mehrheit der Asylsuchenden stammte aus Syrien, dem Irak und aus Afghanistan.

Hirtenberg liegt zwischen Wien und Wiener Neustadt. Kerstin wohnte damals schon in Bromberg, einer verwunschenen Ansiedlung der wildromantischen Buckligen Welt. Von hier aus fuhr sie mit dem Auto nach Wiener Neustadt und nach Hirtenberg, eine halbe Stunde beziehungsweise vierzig Autominuten entfernt von Bromberg.

Über verschneite und vereiste Serpentinen beförderte Kerstin ihren Schützling nach Hohe Wand zum Chefarzt Dr. Arany, damit dort die Unterhaltungen stattfinden konnten. Während Khaled beim Doktor zur Gesprächstherapie weilte, schlürfte Kerstin in unmittellbarer Nachbarschaft auf der Terrasse des Alpengasthofs Postl ihren gewohnten Cappuccino. Der Nebel hatte sich schon verflüchtigt, sodass sich dem Blick des Betrachters ein herrliches Panorama darbot.

Kerstin wusste sehr wohl, dass Doktor Arany Khaleds Kindheit interessierte. Kindheitserinnerungen hat jeder Mensch. Doch es bleibt sich nicht gleich, welcher Art solche Erinnerungen sind. Auch Kerstin hätte viel zu erzählen. Keineswegs nur schöne Dinge. Der Weg nach Bromberg, bevor sie in einer schmucken Siedlung der Buckligen Welt ein Zuhause gefunden hatte, war ein langer. Ursprünglich stammte sie von norwegischen Eltern ab, genauer gesagt, von einer norwegischen Mutter und einem deutschen Vater. Geboren wurde sie unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Januar 1946.

Norwegen nahm unter den skandinavischen Ländern einen besonderen Platz ein. Schon 1940 war es von den Deutschen besetzt worden. Und die Besatzung dauerte bis zum Kriegsende. Zeitweise waren dort drei- bis vierhunderttausend Wehrmachtsoldaten stationiert. Angesichts ihrer blauäugigen blonden Kinder wurden die Norweger für Arier gehalten.

Himmlers „Lebensborn“-Plan war darauf ausgerichtet, für einen ständigen Nachwuchs der arischen Rasse zu sorgen. In den skandinavischen Ländern, so vor allem in Norwegen, waren die SS-Angehörigen dazu angehalten, mit norwegischen Frauen Kinder zu zeugen. Im Europa der Nazis, so auch in Frankreich und Österreich, erblickten überall arische Nachkommen der Besatzer das Licht der Welt. Gemäß verschiedenen statistischen Erhebungen betrug die Zahl der während des Krieges und unmittelbar danach in Norwegen geborenen „Lebensborn“-Kinder zwölftausend. Zu ihnen gehörte auch Anni-Frid Lyngstad, eine der späteren Sängerinnen von ABBA, geboren 1945 nach Kriegsende als Tochter einer norwegischen Mutter und eines deutschen Vaters. Als kleines Kind emigrierte Anni-Frid zusammen mit ihrer Mutter nach Schweden, wo sie von ihrer Großmutter großgezogen wurde.

Nach dem Krieg verwandelte sich das privilegierte Dasein der „Lebensborn“-Kinder von einem Tag auf den anderen in eine Hölle. Überall im Land wurden ihre Mütter als Verräterinnen, Nazinutten und die Kinder selbst als Bastarde, Ratten und Hurenkinder beschimpft. „Vater Deutscher“, diese beiden Wörter genügten, um die „Lebensborn“-Kinder zu diskriminieren. Viele von ihnen wurden in psychiatrischen Anstalten weggesperrt. Die Ächtung der Kinder war allgemein verbreitet. Vielen von ihnen wurden Jahrzehnte später vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Entschädigungszahlungen zugesprochen. 1998 bat der Ministerpräsident Norwegens die Betroffenen im Namen des norwegischen Volks um Entschuldigung. Allerdings war dieser Akt der Gerechtigkeit für die erlittene Unbill der vorangegangenen, vierzig Jahre währenden Diskriminierung keine wirkliche Wiedergutmachung.

Zur Schicksalsgemeinschaft norwegisch-deutscher Kinder gehörte auch Kerstin. Als kleines Mädchen wusste sie lediglich, dass der Vater noch vor ihrer Geburt im Krieg den „Heldentod“ gestorben sei.

Die mit ihrer Herkunft zusammenhängenden Erniedrigungen blieben auch ihr nicht erspart. Kerstin begriff nicht, warum sie von ihren Altersgenossen geschnitten wurde, warum man sie anders behandelte. Über den Vater schwieg sich die Mutter aus. Mehr, als dass er im Krieg gefallen sei, konnte Kerstin nicht in Erfahrung bringen. Sobald sie sich nach dem Vater erkundigte, wurde die Mutter nervös und beendete unwirsch das Gespräch, noch bevor es eigentlich begonnen hatte. Auch Kerstins Frage, warum die Mutter nie etwas vom Vater erzähle, wurde kurz abgefertigt.

Kerstins Mutter gehörte der Christengemeinschaft an, einer in Norwegen gegründeten kleinen lutherisch-christlichen Kirche. Ihr vollständiger Name: Brunstad Christian Church. Ihr Sitz befand sich im norwegischen Brunstad, wo Kerstin zusammen mit ihrer Mutter lebte. Die alleinerziehende Mutter wurde zusammen mit Kerstin in den Schoß der Kirche aufgenommen.

Kerstin fühlte sich in der Gemeinde wohl. Die Lichtgestalt des Vaters aber blieb nach wie vor in nahezu undurchdringliches Dunkel gehüllt. Da sie der Mutter keine Informationen entlocken konnte, kamen dem pubertierenden Mädchen die Inspirationen der Altersgenossinnen mehr als gelegen. Sie ermunterten Kerstin, selbst Nachforschungen anzustellen. Insgeheim tastete sie sich in der Tiefe des Wäscheschranks voran. Der Erfolg blieb nicht aus. Unter den Bettlaken entdeckte sie liebevoll von einem Seidenband zusammengehaltene Briefe. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, während sie die offensichtlich nicht für ihre Augen bestimmten Kuverts öffnete. Sie fand darin in Perlschrift geschriebene Briefe, deren Adressatin Berta war, Kerstins Mutter. Als Absender der wohl drei oder vier Briefe entpuppte sich ein Mann namens Heinrich. Der letzte Brief stammte aus dem Jahr 1947. Mehr verrieten ihr die Briefe nicht. Denn sie waren auf Deutsch verfasst, in einer Kerstin damals noch fremden Sprache. Schnell versenkte sie den Briefstoß des Unbekannten wieder unter den Bettlaken. Da sie wegen der gewiss verbotenen Schnüffelaktion ein schlechtes Gewissen hatte, verriet sie sich der Mutter gegenüber mit keinem einzigen Wort. In ihrem tiefsten Inneren aber hoffte sie, dass dieser ominöse Heinrich ihr Vater sein könnte. Vielleicht war er ja gar nicht gestorben, wie man ihr gesagt hatte.

Jedenfalls wurde sie in der Gemeinde auf die Gründung von kleinen Partnerkirchen in anderen Ländern aufmerksam. Ende der fünfziger Jahre entstanden in Dänemark, Schweden und sogar Deutschland Gemeinden, die den Vorstellungen der norwegischen Christengemeinschaften folgten. Kerstin bat ein Mitglied ihrer Gemeinde, den an der Wandzeitung des Gemeindehauses angeschlagenen Aushang zur deutschen Gründung einer Partnergemeinde zu übersetzen.

Der Mann kam der Bitte nach. In dem an die Brunstader Gemeinde gerichteten Schreiben der Hamburger Christengemeinschaft wurde der Freude Ausdruck verliehen, dass man nun gleichfalls die Gedanken und das Leben Jesu Christi verkündigen, das christliche Evangelium und die Bibel verbreiten wolle.

Der Übersetzer war überrascht, mit welcher Begeisterung die Halbwüchsige diese Nachricht zur Kenntnis nahm. Im Stillen stellte er fest, dass es unter den jungen Menschen offenbar noch begeisterungsfähige Gläubige gab.

Von diesem Tag an betrieb Kerstin intensiv das Erlernen der deutschen Sprache. Allmählich verinnerlichte sie die Überzeugung, dass ihr Heinrich irgendwo in Deutschland leben musste und lediglich aus unerfindlichen Gründen von seiner geliebten Familie getrennt worden war. Für sie bestand nicht der geringste Zweifel daran, dass die Briefe Ausdruck nicht enden wollender Sehnsucht nach der innig geliebten Tochter sein mussten. Kerstin wollte sich die deutsche Sprache möglichst schnell aneignen, um die Botschaften des vermeintlichen Vaters zu verstehen. Als sie schließlich das Gefühl hatte, Deutsch schon ein wenig zu verstehen, wühlte sie an einem verregneten Sonntag erneut im Wäscheschrank herum, forschte unter den Bettlaken nach den Briefen. Doch außer den Kadavern einiger Kakerlaken konnte sie absolut nichts finden. In grenzenloser Wut verstreute sie die Bettwäsche auf dem Fußboden. Auf die Geräusche aufmerksam geworden, erschien die Mutter plötzlich im Raum, wo sie Kerstin vorfand, die die Laken auseinanderfaltete und wie wahnsinnig nach etwas zu suchen schien.

Überrascht zwar, bei der Suche ertappt worden zu sein, vermochte sie ihrer Verzweiflung dennoch nicht Einhalt zu gebieten und stellte die Mutter zur Rede, wollte wissen, wo Heinrichs Briefe geblieben seien.

„Also du warst das!“, stellte Berta wütend fest.

Mutter und Tochter standen sich feindselig gegenüber.