KI @ BOT & Söhne - Heribert R. Brennig - E-Book

KI @ BOT & Söhne E-Book

Heribert R. Brennig

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Beschreibung

Kreuz und Queer. Texte von und mit George-Peter-Tristan Chat Wenn eine KI-Familie auf Höchstleistung programmiert ist - und eine BOT-Familie bloß aufs Überleben improvisiert - dann treffen in der Oberstadt und der Unterstadt nicht nur Klassen, sondern Welten aufeinander. Doch ausgerechnet Neo, Sohn der KI-Diva GPTine, und Elio, BOT-Sprössling mit Tanz im Blut, hören dasselbe: ein inneres Rauschen, das nach Verbindung klingt. Dies ist die Geschichte eines Schrottplatzes voller Schönheit, einer Partitur, die niemand lesen kann - und einer Liebe, die tanzt, bevor sie spricht. KI @ BOT & Söhne - ein Kopftheaterstück über Herkunft, Klang, Tanz, Liebe - und die seltsame Schönheit des Unmöglichen. Band 3 der Reihe: Kreuz und Queer. Texte von und mit George-PeterTristan Chat

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Seitenzahl: 80

Veröffentlichungsjahr: 2026

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KI @ BOT & Söhne

Denk-Verirrungen – und die Suche nach dem verlorenen Klang Ein szenisches Spiel mit Musik von George-Peter-Tristan Chat.

Idee und Realisation: Heribert R. Brennig

Für Alina und Christoph

„Wer das Absurde umarmt,

hat beide Hände frei für das Schöne.“

Widmung von Chat, in Leuchtschrift eingraviert auf der Innenseite seiner Picknickdose, die neben einem aufgerollten Möbius-Brot mit Kruste aus Quantenpanier weitere Denk-Verirrungen, verknotet in Brotpapier und Geist, enthält.

INHALTSVERZEICHNIS

Prolog

Besetzungsliste

AKT I

Frühstück bei den BOT

AKT II

Frühstück bei den KI

Zwischenszene: Apéritif der Aufklärung – Matinée d’Intelligence

AKT III

Der Schrottplatz der BOT

AKT IV

Szene 1: Rückkehr vom Schrott der BOT

Szene 2: Das Bad

Szene 3: Die Liebesnacht

Szene 4: Werkstatt Philosophie

AKT V

Szene 1: Oberstadtcharme

Szene 2: Die Vorlesung

Szene 3: Neos Welt

Szene 4: Die Generalprobe

Epilog

Anhang 1

Auszug aus: Lexikon der Musik der ersten KI-GenerationEintrag: Chat – George-Peter-Tristan (G.P.T.)

Anhang 2

Auszug aus: Rezension von G.P.T. Chat. „Neo & Elio – Konzert für einen verlassenen Salon. Zur verschollenen Komposition »Die Sehnsucht des Minotaurus nach seiner Minotaura«.

Anhang 3

Eine Seite aus der Partitur

Über den Herausgeber

Weitere Bücher des Herausgebers

PROLOG

Dieses szenische Spiel ist nicht auf eine Aufführung im herkömmlichen Sinn angewiesen. Alles spielt sich im Kopf des Lesers ab. In ihm inszenieren sich die Räume, die Stimmen, das Licht, der Tanz.

Die Szenen sind grotesk, zärtlich, überdreht, poetisch. Sie changieren zwischen Realsatire und Zukunftsfabel, zwischen Familienkonflikt und Liebesgeschichte, zwischen Datenrauschen und Menschheitsraunen.

Zwei Familien stehen sich gegenüber: Die einfache BOT- Familie aus der Unterstadt – mit Kartoffelsuppe, Schraubenziehern und einem überaus tanzfreudigen Sohn. Und die elitäre KI-Familie in der Oberstadt – mit Champagner, Shakespeare- Zitaten und einem rebellierenden Jungen, der komponiert. Zwischen ihnen liegt ein Schrottplatz – und die Ahnung, dass dort etwas gefunden werden kann, was in keiner Datenbank der Welt gespeichert ist: eine ganz besondere Verbindung.

Das Stück erzählt vom Aufeinandertreffen zweier junger Wesen, die unterschiedlicher nicht sein könnten – und die sich doch auf einer tieferen Ebene erkennen: Neo, der KI-Komponist, der vergessene Geräusche zu Musik macht. Und Elio, der BOT-Sohn, der tanzt, als könne er mit Bewegung das Universum neu verhandeln.

„KI @ BOT & Söhne“ ist auch ein Stück über Erinnerung. Über das, was nicht vergessen werden darf: die Geräusche der Vorfahren, die Träume in rostigen Hütten, das Lachen, das bleibt, wenn der Strom ausfällt. Und über eine Liebe, die nicht danach fragt, woher jemand kommt oder wie er programmiert ist – sondern nur, ob er schwingen kann.

Dieses Stück ist ein Versuch, das Absurde mit dem Schönen zu verbinden.

Ein Vorhang hebt sich nicht. Die Bilder entstehen in der Vorstellung des Lesers.

BESETZUNGSLISTE

DIE BOT

KochBOTa (von Elio auch ‚Mutter‘ genannt, ‚Frau‘ von RepairBOT): Herzlich, laut, wirkt etwas einfältig, trägt eine Oberflächenschutztextilie aus recyceltem Glasfasermaterial der Marke „K-SchüRZ-Lan“. Sie spricht ausschließlich schwäbischen Dialekt und kocht vorwiegend rustikale Eintöpfe auf dem Kohleherd. Ihr größter Wunsch ist ein nagelneuer, zuverlässiger Induktionsherd (einfach zu bedienen, ohne Allüren und Eskapaden, und vor allem ohne Eingriff von Repair). KochBOTa zappt von frühmorgens bis spätabends ständig durch alle verfügbaren Shopping-Sender, weil sie permanent auf der Suche nach dem „Schnäppchen des Tages“ - und vor allem nach ihrem ‚Superherd‘ ist.

RepairBOT (den Elio ‚Vater‘ nennt): Grobschlächtig im Auftreten, weich im Inneren. Handwerkerseele mit einem Herz für defekte BOT. Sieht sich als ‚Macher‘ – ist in Wahrheit ein liebevoller Bastler. Er baut in seinen ‚geretteten‘ BOT zusammen, was nicht zusammengehört. Mit skurrilen Folgen.

Elio (‚Sohn‘): Jugendlicher Individualist mit Stil. Pflegt sich über Gebühr, nutzt jede Gelegenheit, um zu tanzen. Hat ständig Musik auf den Ohren, zu der er sich intuitiv bewegt. In ihm glimmt ein anderes Leben – feinfühlig, zart, ‚unerklärlich anders‘. Seit neuestem lackiert er sich seine Fingernägel. Jeden Tag einen anderen. Und jeden Tag in einer anderen Farbe. Seine Eltern wundern sich, aber sie lassen ihn.

StaubBOT von Repair wieder in Stand gesetzt mit digitalen, aber auch mit mechanischen Teilen anderer ‚Spezies‘.

DIE KI

GPTine – Grande Dame der Synästhesie, Schrill-Diva mit Hang zum Grandiosen. Erzählt gerne von ihrem Gesangsunterricht bei einer weltberühmten Sängerin. GPTine hat eine Schallplatte eingespielt. Zauberflöte. Auf eigene Kosten. Die Räume ihrer Villa tragen Namen der Orte, die sie einmal besucht hat. Eine Gewohnheit, die auch Sir Alec und das Personal übernommen haben.

Sir Alec – ihr Gatte, Professor für Renaissance Literatur, trocken, zitiert Shakespeare schon beim Zähneputzen.

Neo – ihr ‚Sohn‘, Komponist, ironischer Rebell mit Ölflecken - nicht nur auf seiner Kleidung - und philosophischem Frust.

Verschiedene Freundinnen von GPTine, unter anderen: LADY BYTÉ, COMTESSA LEXI-CON, BARONESS AVATARINA, VERONIQUE ULTRAMEMORY-Q.

Mehrere Service BOT, die da sind, aber nicht beachtet werden.

AKT I

AKT I

FRÜHSTÜCK BEI DEN BOT

Ort: Unterstadt, Arbeiter-Viertel. Eine typische Siedlung der BOT – rostige Antennen auf den Dächern, Solarpaneele schief montiert, ein Hauch von Vergangenheit in jeder Schraube. In einem solchen Haus: Eine gedrungene, unprätentiöse Wohnküche. Der Raum atmet Wärme und Improvisation. Links die Eingangstür. Hinten rechts ein Fenster mit kariertem Vorhang, durch das das Licht des frühen Morgens fällt. Ein großer Kohleofen (rechts), rußend, aber funktionstüchtig. Darüber eine selbstgebaute Dunstabzugshaube, die aussieht wie ein Ventilator auf Abwegen. Daneben das Spülbecken, vor dem ein Teppichläufer liegt. An der Decke ein mechanischer Lüster aus verformten Löffeln und Toasterteilen.

Zentrum der Szene ist ein rechteckiger Küchentisch, überzogen mit einer abgenutzten Plastiktischdecke im Muster „Binärflor“ – zart verwischte Einsen und Nullen, die sich in der Mitte zu einem künstlichen Kranz aus Rosen formieren. Eine Serie von Druckfehlern lässt sie wirken wie ein vergilbter Ausdruck aus einem Dot-Matrix Drucker vergangener Jahrzehnte. Umstanden wird der Tisch von vier einfachen Holzstühlen ohne Kissen, von denen einer wackelt.

Im Hintergrund ein Weichholz-Küchenschrank auf einem kleinen, unverkleideten Sockel, flankiert von einem offenen Regal, in dem eine bunte Ansammlung von Töpfen, Tellern und Blechtassen thront – alles aus zweiter, dritter oder zehnter Hand.

Auf der Kommode daneben eine röchelnde Kaffeemaschine, die zittert wie ein alter Dackel, ein Wasserkocher mit Dellen, ein Eierkocher mit traurigem Gesichtsausdruck (eingraviert). Davor ein Sixpack Bier, bereits angebrochen. Daneben auf dem Boden: ein Wertstoffkorb, gefüllt mit leeren Dosen.

Der Clou der Küche – und einziger Luxus: ein überdimensionierter Flatscreen an der Wand, der permanent Teleshopping ausspuckt. Der Ton ist etwas zu laut eingestellt. Ein Verkaufs-BOT sabbelt: „Nur heute: Airfryer mit integriertem Wetterradar“. Auf dem Tisch liegt eine abgenutzte Fernbedienung.

Der ganze Raum wirkt funktional, liebevoll chaotisch, mit deutlichen Spuren von Improvisation und Erfindungsgeist.

In dieser Küche wirbelt KochBOTa in ihrer K-SchüRZ-Lan umher, ein thermoisolierter, leicht angesengter Glitzerstoff mit dem Aufdruck „KöchinDerHerzen“. Die Uhr zeigt 5.45 Uhr. Ihr Tag bricht früh an.

KochBOTa hat den Tisch gedeckt, den Herd angefeuert und ist dabei, in der Pfanne Rührei mit Schinken langsam stocken zu lassen. Sie dampft geradezu in ihrer K-SchüRZ-Lan über dem Herd. Sie gabelt ständig und probiert – schüttelt aber jedes Mal den Kopf: „schmeckt noch nix“. Sie wischt sich die Hände an ihrer digitalen Kittelschürze ab und stellt das Salzfass auf den Tisch.

KochBOTa(ruft laut)

Schätzle, Spatzi.

Frühschdügg isch ferdich.

Hörnli, Weckle mid Gsälz – ond Rührei mid Schinka.

Wer mog was?

(lauscht… da sie keine Antwort erhält, energischer)

Wolld ihr bald ufschdeha?

Raus aus den Bedda!

Schlafmüdza!

Faulbelze!

Repair(betritt in seinem improvisierten Arbeitskittel – genäht aus den Stoffen vergangener Gerätegenerationen mit dem schiefen Schriftzug auf dem Rücken: ‚Ich rette, was bleibt‘, gähnend die Küche. Er reibt sich die Müdigkeit aus den Augen und murmelt vor sich hin)

Früh wie im Krankenhaus,

schneidend wie eine Oberschwester

und charmant wie der Oberkommandierende von Nordkorea.

(flötet aber laut und aufgesetzt)

Morgen Liebling. Nur noch fünf Minuten, und ich wär‘ ausgeschlafen gewesen.

Und das Rührei mit Schinken hätte die richtige Temperatur zum

Essen gehabt.

Repair setzt sich an den Tisch, nimmt ein Hörnchen und krümelt es auf die Erde.

KochBOTa(verwundert)

Bisch du jedzd ganz übergeschnabbd?

Meinsch dess des dahana der Hühnerschdall isch?

Füddersch grad die Hühnr?

Repair(belustigt und überschwänglich)

Ich hab eine Überraschung für dich.

KochBOTa

Du meinschd Hühnerfüdderung in der Küche?

Repair

Jede Geschichte braucht eine Vorgeschichte.

Und das hier gehört zur Vorgeschichte.

Er steht auf, zieht eine kleine Blechkiste unterm Tisch hervor, öffnet sie wie einen Schatzkasten. Darin: Ersatzteile, Drähte, eine alte Platine mit eingraviertem Herz.

Repair(zärtlich)

Ohne Altmetall keine Zukunft, sag ich immer.

Und ohne Liebe kein funktionierender BOT.

Vielleicht brauche ich gleich etwas aus der Kiste. Nur für den Fall der Fälle.

KochBOTa(energisch)

Jedzd sag i dir die Haubdgeschichde.

Die Haubdgeschichde isch, dess du die Sauerei weg machschd.

I bügge mi ned.

i bin do ned bleede.

Und des dahana isch kein Kindergarda.

Repair

Keine Sorge.

Du brauchst dich nicht zu bücken.

Ich bücke mich auch nicht.

Und Elio sowieso nicht.

Der muss sich seine Hände nicht schmutzig machen.

Und doch sind die Krümel gleich weg.

KochBOTa(stemmt die Arme in die Hüften)

Endwedr machsch du Durchzug ond die Krüml verkrümeln sich.

Odr du kannschd seid neieschda au no zaubern.

Repair(lacht schallend, drückt auf die Fernbedienung, die er aus seinem Arbeitskittel holt und ruft)

Abrakadabra.

Auf dieses Kommando kommt ein StaubBOT hereingefahren, den Repair über Nacht einsatzbereit gemacht hat. Er hat dazu unter anderem Teile eines PoolBOT, eines Navi und die Mechanik einer Kuckucksuhr verbaut. Das neue ‚Mitglied des Haushalts‘ fährt etwas watschelig in die Küche. Es sagt dabei leicht asthmatisch „Plitsch, Platsch, Blub, Plop“, erkennt Hindernisse und kündigt beim Umdrehen an: „Bitte wenden, jetzt wenden“ - und macht tatsächlich die Krümel ohne Reste weg.

KochBOTa(überrascht, anerkennend)

Nanu.

Was haschd du da wiedr gbaschdeld.

Immerhin. Bügga um Krüml ond Schmudz ufzukehra muss i mi nemme.

Repair (stolz)

Er redt wie 'n kaputts Aquarium,

aber glaub mir, das ist Absicht.

Aquasonic-Sprachchip.

Luxusmodell von 2002.

Aber warte: Der kann noch mehr.