Kickbox Mom - Katrin Gladius - E-Book

Kickbox Mom E-Book

Katrin Gladius

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Beschreibung

Einst war Katrin eine überaus begehrenswerte und sehr erfolgreiche Kickboxerin. Jetzt ist sie Mutter von vier nervtötenden Kindern, mit einem Eierkopf verheiratet und ihr Kampfgewicht hat sich um 25 Kilo gesteigert. Extrem unglücklich entschließt sie sich, ihr Leben vollständig zu ändern. Dabei hat sie zwei Gegnerinnen: Eine stellt sich ihr entgegen, die andere sieht sie im Spiegel ... Kickbox Mom ist eine Reise in das Leben einer Frau, die bereit ist, störende Einflüsse hart auf die Bretter zu schicken. Das Buch zeigt in einer humorvollen und zugleich packenden Geschichte viele Teilaspekte des Kickboxens auf und ist auch für aktive Kampfsportler geschrieben. Ein Roman für alle, die vor grundlegenden Entscheidungen stehen, und natürlich für jeden Kampfkunstbegeisterten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 328

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Kickbox Mom

von Katrin & Konrad Gladius

Kickbox Mom

Im Leben gewinnst Du nicht nach Punkten

von Katrin & Konrad Gladius

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2022 Katrin & Konrad Gladius

2. Auflage, Vorgängerausgabe 2020

Covergrafik von Luis Molinero Martínez, 123RF

ISBN Softcover: 978-3-347-67250-5

ISBN Hardcover: 978-3-347-67251-2

ISBN E-Book: 978-3-347-67254-3

ISBN Großschrift: 978-3-347-67256-7

Druck und Distribution im Auftrag der Autoren:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Für alle Kampfsportler,denen das Kickboxen am Herzen liegt.

Für alle Menschen,die ihr Leben selbst in die Hand nehmen.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 – Erinnerungen

Kapitel 2 – Erwachen

Kapitel 3 – Familie

Kapitel 4 – Frühstück

Kapitel 5 – Einkaufen

Kapitel 6 – Wäschewaschen

Kapitel 7 – Probetraining

Kapitel 8 – Wendepunkt

Kapitel 9 – Umstellung

Kapitel 10 – Ernährung

Kapitel 11 –Kinder

Kapitel 12 – Sex

Kapitel 13 – Training

Kapitel 14 – 85

Kapitel 15 – Zorn

Kapitel 16 – Verbündete

Kapitel 17 – Fortbildung

Kapitel 18 – Kennenlernen

Kapitel 19 – Lehrgang

Kapitel 20 – Sparring

Kapitel 21 – Prüfungen

Kapitel 22 – Konsequenzen

Kapitel 23 – Damenkurs

Kapitel 24 – Schulelternabend

Kapitel 25 – Übergeschnappt

Kapitel 26 – Streetfighting

Kapitel 27 – Unterstützung

Kapitel 28 – Trainer

Kapitel 29 – Savate

Kapitel 30 – Bienenstiche

Kapitel 31 – Ausstrahlung

Kapitel 32 – Bewährungsprobe

Kapitel 33 – Fightnight

Kapitel 34 – Skorpionin

Kapitel 35 – Siegerin

Kapitel 36 – Gegenwart

Glossar

Schlusswort

Die Autoren

Kapitel 1 – Erinnerungen

Ich kann mich noch gut an sie erinnern. Genaugenommen an ihren Geruch. Sie roch nach harter Arbeit. Denn diese Zweiundzwanzigjährige war es gewohnt, hart an sich zu arbeiten und das, seitdem sie laufen konnte. Ihr Vater hatte ihr eine große Begeisterung für das Boxen mitgegeben. Mehr zufällig kam sie dann dazu, im Ring auch ihre Füße einzusetzen. Das konnte sie wirklich.

Gertenschlanke 1,75 bei gerade mal 67 Kilo konnten sich so schnell bewegen wie eine Gazelle. Sie war durchtrainiert und sah verdammt gut aus. Genau richtig, um einem Kerl den Kopf zu verdrehen. Das Mädchen mit den langen, roten Haaren war auch gelenkig. Sie kam aus dem Stand in jede Richtung in den Spagat. Zudem konnte sie stehend senkrecht nach oben treten. Heute würde sie sicherlich eine Karriere als YouTube-Sternchen machen, aber es waren noch andere Zeiten damals, vor fünfzehn Jahren.

Wenn ich jetzt die Augen schließe, dann sehe ich sie ganz deutlich in ihrem hautengen, schwarz-gelben Trainingsanzug. Sie tänzelt mit den zehn Unzen Boxhandschuhen vor dem stattlichen Kerl herum, der für sie die zwei Thaibox-Trittpolster hält. Er nimmt die Polster eng vor sich zusammen und ihr runder Tritt mit dem hinteren rechten Bein klatscht laut mit Schienbein und Fußspann hinein. Obwohl der Mann von vielleicht 27 Jahren etwa zehn Zentimeter größer und sicher zwanzig Kilo schwerer ist als sie, hat er Mühe, die Wucht ihrer Technik aufzunehmen. Das zaubert ein freches Grinsen auf ihr Gesicht und ihre hellbraunen Augen funkeln herausfordernd. Sofort knallt sie noch mal so einen harten Tritt gegen die Polster und erkennt zufrieden, dass wieder ordentlich Wirkung dahinter war.

„Na, heute wohl etwas schwächer als sonst?“, fragt sie keck.

„Ha, ha“, antwortet der junge Mann. „Selten so gelacht. Aber ich muss zugeben, deine Beine sind wirklich der Hammer.“

Ihr Grinsen wird breiter. Genau so etwas wollte sie hören. Sie liebte es, mit ihm Spielchen zu treiben.

„Ja, das wird mir in letzter Zeit häufiger zugerufen“, flötete sie und streckte ihr rechtes Bein aus dem Stand zur Decke des Kickbox-Studios. „Die anderen Jungs hier schauen mir auch immer auf die Beine und dann hoch bis zum Po.“

Während sie das sagte, drehte sie sich einmal auf der Stelle, was ihr selbst auf den weichen Trainingsmatten hier im Gym leicht fiel. Die Aktion hatte die gewünschte Wirkung. Der breitschultrige Kerl mit den hellblonden Haaren, den tiefgründigen blauen Augen und dem kräftigen Kinn ließ die Schlagpolster fallen und kam zu ihr. Sie nahm ihr Bein herunter und legte ihm die Arme um den Hals, während er seine Hände an ihre Hüften führte. Eng ineinander verschlungen küssten sie sich und vergaßen alles um sich herum. In dieser Nacht würden sie wieder intensiv und ausgiebig Liebe machen. So wie immer. Sie hatten sich und es war ein perfektes Leben.

Ja, so war das damals. Damals vor fünfzehn Jahren mit mir und Mark. Ja, ich war dieses Fitness-Girl. Ich war bildhübsch und glücklich. Aber das war damals.

Kapitel 2 – Erwachen

Am Anfang der Geschichte, die ich euch erzählen möchte, sah alles ganz anders aus. Es war ein Samstagmorgen. Die leuchtende Digitalanzeige des Weckers auf dem Nachttisch zeigte 06:02 Uhr an, als ich aufwachte. Das Schnarchen meines geliebten Ehemanns Horst wurde deutlich vom Quengeln unseres Jüngsten übertönt. Der war mit seinen neun Monaten nach wie vor nicht abgestillt und bestand mit großem Nachdruck auf einer warmen Flüssigmahlzeit vor dem Frühstück. Auch an diesem Tag durfte ich also mal wieder nicht gemütlich im Bett liegen bleiben, geschweige denn ausschlafen.

Als treues Muttertier wälzte ich mich aus den Federn und schlurfte erst einmal den Hausflur hinunter zum Bad. Beim Eintreten fiel ich fast über die Klamotten unserer Ältesten, Marianne, und ihres Bruders Maximilian. Ich hatte ihnen schon mindestens vier Millionen mal gesagt, dass sie abends ihr Zeug in den Wäschekorb werfen sollten, aber dazu waren sich die Herrschaften wohl zu fein. Ihre kleine Schwester Luisa gab sich bereits viel Mühe den Größeren nachzueifern. Da half es auch nichts, wenn einem die anderen Mütter bestätigten, dass unsere Kinder ja so brav und wohlerzogen wären. Pah, von wegen! Elendige Mistkröten waren sie alle vier. Und mir gönnten sie nicht den kleinsten Moment der Ruhe oder Entspannung.

Na ja. Ich erreichte trotz der Stolperfallen das Klo. In einem gesteigerten Anfall von Masochismus schleppte ich mich danach zur Waage, was mir und dem armen Gerät eine arge Qual bereitete.

Der Blick auf den vibrierenden Zeiger verriet mir, dass ich die Tafel Schokolade gestern Abend wohl besser ausgelassen hätte. Seit meinem letzten Mal Wiegen war zwar schon einige Zeit vergangen, aber anders konnte ich mir den angezeigten Wert nicht erklären. Was hatte ich damals gewogen? 67, oder? Nun, die Schwangerschaft lag ja auch erst neun Monate zurück. Da ist der Babybauch noch nicht ganz verschwunden. Also bei vier Kindern sind 92 Kilo kein Beinbruch, finde ich. Bedenklich ist es aber schon, wenn man sich als einst supersportliche Schönheit nach vorne lehnen muss, um über den eigenen Milchbusen und Restbabybauch hinweg die Zeiger der Waage sehen zu können. Das alles war perfekt dazu geeignet, mich nachhaltig mürrisch zu stimmen.

Mit entsprechender Laune schlurfte ich zurück ins Schlafzimmer und nahm den kleinen, schimpfenden Luca aus seinem Babybettchen. Ich setzte mich auf unser Ehebett und lehnte den Rücken möglichst bequem an den Holzaufbau an der Kopfseite an, um das Raubtier zu füttern.

Während das Miniaturscheusal gierig die Milch aus meiner mittlerweile zu tief liegenden Oberweite saugte, hatte mein Göttergatte ein zufriedenes Lächeln auf seinen im Schlaf entspannten Lippen. Grunzend drehte er sich auf die andere Seite und schlief schnarchend weiter. Ich wusste, dass er vor allem deshalb so locker war, weil ich mich gestern Abend mal wieder hatte breitschlagen lassen. Dabei stand mir im Moment nach Intimitäten so überhaupt nicht der Sinn. Ja, ich wäre ohne Sex ausgekommen. Aber da Horst seine Holde ausgiebig umgarnt hatte, war ich gnädig gewesen. Angeblich fand er die neue Version von mir, Marke „Mutterkuh“, ja absolut klasse.

„Ein Stier braucht eine echte Kuh“, sagte er immer. Dass ich mich davon nicht geschmeichelt fühlte, schnallte er leider nicht. Auch dass meine ausbleibende Libido für die Frau an seiner Seite ebenfalls nicht so erfreulich war, kapierte dieser altgewordene Computer-Nerd kein Stück. Vor fünfzehn Jahren plagten mich Sorgen, eine Nymphomanin zu sein. So oft hatte ich das Bedürfnis zum Sex gehabt. Jetzt, nach der vierten Schwangerschaft, meinte dieser Körper offensichtlich, dass es erst mal genug sei. Er hüllte mich in eine Schutzschicht aus Fettgewebe und hängte vor meine Vagina ein Schild mit der Aufschrift:

„Bis auf Weiteres geschlossen.“

Während ich mir darüber gerade ausgiebig Gedanken machte, hörte ich das Quaken aus dem Babyfon:

„Waaah! Ich habe Kacka!“, verkündete Luisa mit ihrer durchdringenden Stimme.

„Horst! Dein Typ wird verlangt“, raunte ich, noch leicht genervt, meinem Gatten zu.

Die Antwort war ein gleichbleibendes Schnarchen. Der beste Ehemann aller Zeiten machte mal wieder keinerlei Anstalten, aus seinem atombombensicheren Samstagmorgenschlaf zu erwachen. Ich musste also zu härteren Maßnahmen greifen.

„Horst! Raus aus den Federn, Luisa hat die Windeln voll!“, schimpfte ich.

Der langgewachsene und immer noch total schlanke Softwareentwickler an meiner Seite machte nach wie vor keine Anstalten, seine Festplatte hochzufahren. Ich bin mir heute nicht mehr sicher, ob in jenem Moment die Frau, die ich einmal war, oder die frustrierte Hausfrau und Mutter von vier Kindern die Entscheidung zu der Aktion traf. Aber ich habe es getan. Dabei unterbrach ich nicht mal das Stillen. Aus dem Sitzen und mit einer Dynamik, die ich mir selbst gar nicht mehr zugetraut hätte, trat ich Horst gegen die rechte Pobacke und beförderte ihn so polternd und von den Geräuschen des umfallenden Nachttischs begleitet aus dem Bett. Während er sich laut schimpfend aus seiner Decke wühlte, konnte ich in diesem Moment nur eines tun: herzhaft und ausgiebig lachen.

Kapitel 3 – Familie

Kennt ihr diesen Witz? Ein Mann kommt von seinem Arbeitstag nach Hause. Kaum hat er die Haustür aufgeschlossen, strömt ihm ein Schwall Wasser über die Schuhe. Aus dem Bad dringt das Schreien seiner Kinder, die sich offenbar einen riesengroßen Spaß daraus machen die Badewanne überlaufen zu lassen. Im Flur sind alle Kommoden abgeräumt und die Jacken und Mützen von der Garderobe liegen überall herum. Das jüngste Kind ist gerade dabei, die heiß geliebte Briefmarkensammlung des Hausherren zu zerpflücken, und der Hund verrichtet vor lauter Verzweiflung im Wohnzimmer sein Geschäft auf der neuen Ledercouch. Total aufgelöst stürmt der Mann ins eheliche Schlafzimmer, wo er seine Frau entspannt und mit zufriedenem Gesichtsausdruck auf dem Bett sitzen sieht. „Schatz!“, ruft er entrüstet. „Was ist denn hier los?“ „Kannst du dich noch daran erinnern, dass du sagtest, ich würde den lieben langen Tag nichts tun, während du arbeitest?“, antwortet seine Frau lächelnd.

„Äh, wieso?“, versucht sich der Mann mit einer Frage zu behelfen.

„Weil ich heute tatsächlich mal gar nichts gemacht habe“, antwortet ihm die Frau.

***

Ja, das ist ein netter Witz. Bei uns wäre das anders. Sollte ich mich jemals entschließen, es der Frau in dem Kalauer gleichzutun, dann würde das in etwa so ablaufen:

Während Horst auf sein Smartphone starrend aus dem Auto steigt und mit traumwandlerischer Sicherheit den Weg zu unserem Einfamilienhaus entlang trottet, würde er noch nichts bemerken. Erst wenn er versucht, seinen Haustürschlüssel zu benutzen, müsste er nach einigen untauglichen Handbewegungen erkennen, dass da kein Haus mehr ist. Die Kinder hätten es gesprengt oder auf andere Art dem Erdboden gleichgemacht. Findet ihr, dass ich übertreibe? Ihr kennt diese Familie noch nicht ausreichend. Lasst mich euch da mal etwas erhellen.

***

Fangen wir bei Horst an. Ja, er ist wirklich ein großer Mann. Er ist der längste Kerl, mit dem ich je zusammen war. 1,95 misst er vom Scheitel bis zur Sohle. Andere Dinge an ihm sind auch nicht klein. Ihr wisst schon, was ich meine … Verknallt habe ich mich in den ehemaligen Haselnusskopf aber wegen seiner Intelligenz. Waren die von mir erwählten Typen vorher eher Sportskanonen, mit mäßigen Schulnoten, hatte es mir jetzt der acht Jahre ältere Streber angetan. Viel Erfahrung mit Frauen besaß er damals nicht. Er musste schon Anfang 30 werden, um überhaupt genug Selbstbewusstsein zu haben, damit er ein Mädchen ansprechen konnte. Ja, er war witzig und schlau. Zudem sehr fantasievoll und er trug mich auf Händen. Aber in erster Linie im übertragenen Sinne. Dass wir heute noch zusammen sind, verdanken wir zwei Umständen: Zum einen ist da die Tatsache zu erwähnen, dass ich ungeplant mit Marianne schwanger wurde. Und dann muss man ehrlich sein und sagen, dass Geld Männer schon sexy macht.

Ich weiß noch wie beeindruckt ich gewesen bin, als ich als junges Ding von 25 erfuhr, was Horst im Jahr verdient. Als Vertriebsassistentin war ich meilenweit von solchen Zahlen entfernt. Mein neuer Freund galt bereits damals als ein erstklassiger IT- und Softwareentwickler. Er konnte sich tatsächlich immer aussuchen, wo er arbeiten mochte. Das ist auch heute noch so. Wenn ich nicht ein Veto eingelegt hätte, dann würden wir längst in Amerika wohnen und er im Silicon Valley forschen.

Geld bedeutet Sicherheit, aber das ist nun mal nicht alles im Leben. Bei den anderen Dingen, die man von einem Ehemann erwartet, versagt Horst nämlich auf ganzer Linie. Abgesehen davon, dass er keinen Nagel gerade in die Wand bekommt, hören unsere Kinder nur dann auf ihn, wenn es zu ihrem Vorteil ist. Gleichzeitig ist es mit dem Beschützen von Haus und Hof bei ihm auch nicht weit her. Vergangenen Sommer, ich war zu diesem Zeitpunkt hochschwanger, ist bei uns eine dicke, fette Ratte in der Küche umherspaziert. Nach einem spitzen Schrei, der einer Operndiva alle Ehre gemacht hätte, war mein Held auf der Flucht und versuchte, unser Haus zu evakuieren. Das erfolgte getreu dem Motto:

„Ehemänner und Kinder zuerst!“

Ich war es, die die Bestie mit einem Besen hinaustrieb und nach zehn Minuten Entwarnung geben konnte. Tja, was soll ich sagen. Ich liebe Horst, auch wenn ich an jenem Samstag nicht genau hätte erklären können, wieso.

***

Nicht nach ihrem Vater, sondern nach mir kommt unsere Älteste, Marianne. Sie ist eine kleine, Smartphone verliebte Sportskanone und bereits sehr auf ihr Aussehen und ihre Wirkung auf die Umgebung bedacht. Bedauerlicherweise haben weder Ordnung Halten noch Schulnoten einen hohen Stellenwert in ihrem Leben. Groß- und Kleinschreibung sowie Kopfrechnen werden wohl der Grund bleiben, warum sie den Weg aufs Gymnasium nicht gehen kann. Sie wird bald zehn, ist aber so oberflächlich, wie ich es erst mit 17 gewesen bin. Dazu fehlt ihr jede praktische Veranlagung. Ihr ist schon klar, dass man einen Haustürschlüssel benutzt, um eine Tür aufzusperren. Diesen jedoch auch wieder abzuziehen und nicht als Einladungsschild „Bitte hier einbrechen!“ draußen stecken zu lassen, hat leider keine logische Verknüpfung in ihrem Gehirn gefunden. Das gleiche Prinzip des „aus den Augen, aus dem Sinn“ gilt für angeschaltete Herdplatten, offenstehende Fenster oder abgestellte Fahrräder. Nach dem dritten gestohlenen Rad wollte ich sie zu Fuß gehen lassen, aber Horst kam strahlend mit einem „Schnäppchen“ an, das wohl dem durchschnittlichen Jahreslohn in einem zentralafrikanischen Land entsprochen hätte. Mal sehen, wie lange sie das haben wird.

***

Kommen wir zu meinem ehemaligen kleinen Liebling und jetzigen Nagel zu meinem Sarg: Maximilian, kurz Maxi. Ich war wirklich mächtig stolz darauf, einen Sohn zur Welt gebracht zu haben. Eine Tochter hatte ich schon und nun fühlte ich mich irgendwie als echte Frau. Ich hatte einen Sohn. Zunächst einmal: Ja, er ist seines Vaters Kind. Mit seinen sieben Jahren ist er auffällig groß, dabei aber sehr schlank. Er hat auch die Intelligenz vom Papa geerbt. Mathe ist für das kleine Genie in der Schule geradezu langweilig, weil es zu „einfach“ ist. Im Schach ist er gerade wieder Bezirksmeister seiner Altersklasse geworden und bei den Landesmeisterschaften hat er es auf den vierten Platz geschafft. Ein echter Musterknabe, nicht? Von wegen!

Dieser eingebildete Gartenzwerg meint tatsächlich, etwas Besseres zu sein, weil er so schlau ist. Als ihm ein vorgegebener mathematischer Lösungsweg in der Schule nicht zugesagt hatte, ergab dies eine längere Diskussion mit der jungen Referendarin. Am Ende des Wortgefechts empfahl er ihr, „mehr Beruhigungstee“ zu trinken und die Häufigkeit ihrer „intimen Aktivitäten“ zu steigern. Nein! Das ist kein Witz! Das hat dieser aus meinem Schoß entsprungene Albtraum tatsächlich gesagt. Ich durfte dann zu drei Gesprächen in die Schule und der Referendarin, der Klassenlehrerin und der stellvertretenden Schulleiterin erklären, woher der Kurze so etwas schon kennt.

Erwähnen muss ich noch, dass er voll auf Nagellack, Röcke und Lippenstift steht. Das Zeug trägt er gerne selbst auf und wenn ich es nicht verhindern kann, geht er damit auch vor die Tür. Bei den Jungs in seinem Alter gilt er deshalb als Spinner und hat keinen wirklichen Freund. Falls er denen dann noch „mangelnde Toleranz“ oder „geringe Selbstreflexion“ vorwirft, gibt es schon mal Haue. Das sollte euch erahnen lassen, wie viele schlaflose Nächte ich seinetwegen bereits hatte.

***

Apropos schlaflose Nächte. Wenn eines meiner Kinder es in seinem kurzen Leben geschafft hat, mich um Jahre altern zu lassen, dann ist es Luisa. Die kleine Mistkröte wird bald drei und sieht mit ihren hellbraunen Naturlocken und den großen dunkelblauen Augen aus wie ein Engelchen. Sie kommt aber direkt aus der Hölle, da bin ich mir sicher. Keines meiner Kinder ist derart nachtaktiv, wie sie. Schon als Säugling hat sie mich hervorragend zwischen zwei und fünf Uhr wachhalten können, nur um vormittags wunderbar zu schlafen. Mein Göttergatte besaß für solche Fälle Ohrstöpsel, da er ja gerade so ein superwichtiges Projekt zu erledigen hätte. Nächtliches Babyherumtragen und -bespaßen blieb jedenfalls immer an mir hängen.

Die Tatsache, dass Luisa sehr früh krabbeln, laufen und sprechen lernte, machte es nicht besser. Unser Satansbraten entwickelte nur größere Ansprüche, was die Mama jetzt mit ihr nachts zu spielen hätte. Ich weiß noch genau, wie ich auf dem Fußboden im Wohnzimmer um vier Uhr eingeschlafen bin und zwanzig Minuten später aufwachte, weil Luisa fortwährend mit ihrem Bobbycar gegen meine Kehrseite donnerte.

„Mama ist wach!“, verkündete sie topfit und strahlend.

Ich jedenfalls war kurz davor, sie in einen roten Fleck an der Wand zu verwandeln. Glaubt mir, ihr hättet sicher ähnlich gedacht.

***

Ist mein kleiner Wonnefloh eine rühmliche Ausnahme? Manchmal kann ich mir das erfolgreich einreden. Aber Selbsttäuschung soll ja eine Spezialität von Müttern sein. Luca machte schon in meinem Bauch von sich reden.

„Einen echten Prachtkerl bringen Sie da zur Welt!“, sagte die Frauenärztin mit Hochachtung, als sie Luca eine Woche vor dem Termin mit über vier Kilo geschallt hatte. „Er will nur offenbar mit der Rückseite zuerst ankommen.“

Eine Beckenendlage ist in vielen Fällen ein Grund für einen Kaiserschnitt. Mir traute man nach drei Spontangeburten aber zu, dass ich so einen Brocken verkehrt herum herauslassen kann. Und ich habe es auch geschafft, ohne dass mir jemand den Bauch aufschlitzen musste. Glücklicherweise habe ich wohl einen Großteil der Strapazen vergessen, denn klein Luca hatte einen Kopfumfang von 39 Zentimetern und machte es mir alles andere als leicht ihn zur Welt zu bringen.

Mit 57 Zentimetern und 4.537 Gramm trug ich eine schwere Last. Eine Last, die vor allem erhebliche Versorgungsansprüche anmeldet. Ich hatte noch nie so viel Milch für ein Baby und dennoch habe ich bei Luca ständig das Gefühl, er könnte jedes Mal etwas mehr vertragen. Gleichzeitig weigert er sich standhaft, zu krabbeln und sich abstillen zu lassen. Man kann zufüttern, aber dieser Staubsauger von einem Säugling sieht das immer nur als Vorspeise und achtet genau darauf, sich nicht satt zu essen. Dazu will er ständig herumgetragen werden, was bei seinem jetzigen Gewicht echt auf meine Arme und den Rücken geht. Lege ich ihn auch nur mal für mehr als fünf Minuten irgendwo ab, dann kann ich mich auf ein herzzerreißendes Schreikonzert einstellen, bei dem er die Kraft seiner Stimme voll ausschöpft. Ja, was ist man nicht bereit, alles für ein Baby zu tun, wenn man eine Mutter ist.

***

Das sind sie nun, meine Lieben. Die Familie, mit der ich an jenem Morgen am Tisch saß. Erst jetzt wird mir klar, dass hier Dinge gesagt wurden, die für alles, was später kam, entscheidend gewesen sind.

Kapitel 4 – Frühstück

Vater, Mutter und vier Kinder saßen an jenem Samstagmorgen am Frühstückstisch. Was für eine Idylle, möchte man denken. Pustekuchen!

Ob man es gut findet oder nicht, ist ja egal, es ist aber Fakt, dass man sich als Mädchen schon ein paar Dinge von seiner Mutter abschaut. Meine vor vier Jahren verstorbene Mama hat sich für das Frühstück am Wochenende immer viel Mühe gegeben. Wir drei Geschwister und unser Vater durften uns auf selbst gebackene Brötchen, Marmelade aus Früchten aus eigenem Anbau und noch weitere Leckereien freuen. Gemütlich saßen wir zusammen und quatschten nach Herzenslust über Gott und die Welt. Häufig fiel deshalb sogar das Mittagessen aus, was keiner von uns vermisste. Ich nahm mir vor, dass ich mit meiner Familie auch so eine gemeinsame Zeit am Wochenende erleben wollte. Das war mir aber an jenem Samstagmorgen wieder einmal nicht vergönnt.

Nachdem ich meinen Gatten so unsanft aus dem Bett befördern musste, hatten wir, bis das Essen auf dem Tisch stand, drei voneinander unabhängige Ehekräche. Ja, es heißt tatsächlich „Ehekräche“ und nicht „Ehekrache“. Ich habe es extra mal nachgeschaut. Alleine der Umstand, dass fast niemand die Mehrzahl kennt, ist doch ein sicheres Zeichen. Wofür? Na, dass bei uns eben alles auf Konflikt gebürstet ist. An jenem Samstag ging es um den Tritt zum Bettrauswurf, die Frage, wer Luisas Windeln zu wechseln hätte, und natürlich um die geradezu lebenswichtige Überlegung, ob wir Aufbackbrötchen oder Toast zum Frühstück haben sollten. Angeblich sind Streitereien in einer Beziehung ja förderlich. An jenem Morgen waren sie aber mal wieder hauptsächlich dazu geeignet, meine Achtung vor dem Mann an meiner Seite zu untergraben.

Streitereien in unserer Ehe laufen immer nach dem gleichen Muster ab. Zuerst sage ich, wo es lang geht. Dann wagt es der „Herr der Schöpfung“, mir entschieden zu widersprechen. Das weise ich daraufhin lautstark zurück. Jetzt schreien wir uns wechselseitig an. Schließlich zieht er den Schwanz ein und wir tun es so, wie ich es will. Eigentlich könnte ich damit ja zufrieden sein, aber das bin ich nicht.

Nehmen wir das Beispiel Aufbackbrötchen oder Toast.

Ich sage: „Heute gibt es Aufbackbrötchen zum Frühstück.“

Entgegnet er: „Nee, Toast geht doch viel schneller und wir hatten erst Brötchen.“

Antworte ich lauter: „Ich habe die Aufbackbrötchen gekauft. Die will ich jetzt auch essen.“

Er blökt: „Was schnauzt du mich so an? Wir müssen ja nicht immer essen, was du willst!“

Ich schreie zurück: „Doch! Denn wer von uns macht hier das Frühstück, häh?! Der Herr ist sich ja zu fein mal selbst in der Küche zu stehen!“

Er brüllt: „Von wegen! Du gibst mir immer das Gefühl, ich hätte zwei linke Hände und würde alles falsch machen! Da verliert man doch völlig den Spaß am Frühstückherrichten!“

Ich kontere lautstark: „Zwei linke Hände?! Nein! Du hast nur eine linke Hand. Aber damit machst DU in MEINER Küche Unordnung für vier!“

Dann dreht er sich schnaubend um und stürmt vom Schlachtfeld. Ich habe erneut gewonnen. Ein doofer Sieg.

Wenn später die wieder mal leicht zu dunklen und sehr knusprigen Aufbackbrötchen zusammen mit den stabilen, weichen Eiern und den mühevoll portionierten Obststücken auf dem Tisch stehen, kommt er hervorgekrochen. Natürlich bewusst eine Minute nachdem alle sitzen, um seinen Widerstand gegen die Matriarchin zu verdeutlichen. Er ist weicher als die Eier, die ich vor die Kinder stelle.

***

Wie jede Mutter und Hausfrau reagiere ich geradezu allergisch, wenn sich jemand am Tisch über mein Essen beschwert. Das ist auch nur zu verständlich, immerhin habe ich mich ja in die Küche gestellt und versucht, für die undankbare Bande alles schön zu machen. Wie sich über meine Arbeit beklagt wird, hat eine eigene Qualität. Das habe ich an diesem Samstag wieder mal erfahren. Von Wertschätzung war weit und breit keine Spur.

„Das ist bäh“, stellte Luisa, ganz die Fachfrau, fest und schubste die von mir mühevoll geschnittenen Apfelstücke mit dem Händchen aus dem Teller.

„Die Eier sind auch wieder hart“, grummelte Horst vor sich hin.

„Kann ich bitte ein Brötchen haben?“, fragte Maxi. „Du hast doch deins noch nicht mal aufgegessen“, stellte ich fest.

„Das will ich auch nicht, das ist verbrannt“, erhielt ich als Antwort. „Aber die knacken so fein, wenn man sie durchbricht.“

Ich wollte gerade loslegen und ihm meine Meinung dazu zu sagen, wie man mit Lebensmitteln umgeht und erst recht mit mir, da bemerke ich, wie von der Großen ein Gebimmel an mein Ohr dringt. Marianne hat mal wieder unter dem Tisch mit ihrem Smartphone gespielt. Eine Anschaffung ihres Herrn Vater, die ich missbilligte und die beim Essen nichts zu suchen hat. Ich holte gerade Luft, um nun sie und nicht Maxi zu föhnen, da jubelte sie los:

„Ich hab‘s! Ich hab’s! Ich bin im nächsten Level!“ „Super, mein Mousepad“, strahlte Horst sie an. „Das war bestimmt total schwer.“

Gerade als ich meinen Zorn so richtig zum Kochen brachte, um ihn auf den Trottel mit Ehering zu werfen, drehte unser Wonnefloh seinen Teller mit Schwung um. Brötchenkrümel, Marmeladenreste und ein halbes Ei kullerten auf dem Tisch herum und fielen zu Boden. Ich schrie auf und stieß in meiner Wut aus Versehen meine Kaffeetasse um, die scheppernd herunterfiel und zerbrach. Die heiße Brühe tropfte mir schmerzhaft auf die Beine. Ich sprang auf und knallte mit dem Knie gegen das Tischbein.

„Aaaaaah!“, brüllte ich lange und ausgiebig.

Mitten in dem Moment des Zorns und der Verzweiflung schauten mich fünf unterschiedlich große Augenpaare an.

„Was glotzt ihr denn so blöd?“, habe ich sie angeschrien.

„Ist alles okay, Katrin?“, fragte Horst.

„Nein!“, brüllte ich und stürmte aus dem Zimmer.

Kapitel 5 – Einkaufen

Selbstverständlich war nichts in Ordnung. Wieder einmal hatte ein Tag auf eine ganz andere Art und Weise begonnen, als ich das wollte. Ihr kennt vielleicht auch solche Tage. Da kann man eigentlich nur noch ins Bett gehen, die Decke über den Kopf ziehen und darauf warten, dass man am nächsten Morgen eine neue Chance bekommt. Leider hatte ich in meinem Leben als Hausfrau und Mutter nie die Möglichkeit auf diese Weise zu fliehen. Wie ich schon sagte: Ohne mich würde hier alles im Chaos versinken. Als Erstes wäre der Futtertrog der Wildschweine leer. Es war Samstag Vormittag, also musste ich einkaufen gehen.

Als echter Kampf erwies sich mal wieder das Schreiben der Einkaufsliste. Mit einem zappelnden Luca auf dem Arm versuchte ich, alle Vorratsschränke abzulaufen und mir Notizen zu machen. Mehr als einmal rettete ich Nudelpackungen oder Vorratsgläser im letzten Moment davor, von kleinen Händen gegriffen und auf den Boden geworfen zu werden. Mein Baby abzulegen war keine Option. Da der Hausherr gerade irgendeine ultrawichtige Sache am Computer zu erledigen hatte, wäre Lucas Geschrei eine zu große Belastung für Trommelfell und Mutterherz gewesen. Zeitgleich klebte mir aber auch Luisa an den Fersen.

„Ich mitkommen!“, forderte sie mit kontinuierlich steigender Lautstärke.

„Das wird mir zu anstrengend, mein Schatz“, versuche ich in so einem Moment zu beschwichtigen. „Ich muss so viel einkaufen, da ist es nur langweilig für dich.“

„Ich mit!“, erhalte ich dann immer als Antwort.

Da hilft nur eine schnelle Flucht. Ich schrieb also den Rest auf meine Liste und stürmte das Arbeitszimmer des Göttergatten. Dieser war ja angeblich bei einer wichtigen Arbeit und peinlich berührt, weil ich ihn beim Monsterschlachten im Internet erwischte. Zeit für eine Ausrede ließ ich ihm nicht, sondern drückte ihm kurzerhand das zappelnde Bündel auf den Arm. Seinen Protest und den Tod seines Pixelhelden ignorierte ich genauso wie Luisas Gequengel, die immer noch versuchte, mit mir mitzuhalten. Ich erreichte die Garage vor ihr und konnte die Tür hinter mir schließen, sodass sie schreiend zurückblieb. Ich ließ den Motor an und flüchtete. Beim Einkaufen hatte ich wenigstens etwas Zeit für mich.

***

Ihr müsst wissen, dass wir in einer Kleinstadt mit gerade einmal 7.000 Haushalten leben. Da gibt es ausreichend Einkaufsmöglichkeiten und man bekommt alles, was man braucht, aber am Samstag ist es eben auch keine anonyme Sache. Die anderen Mütter mit Grundschulkindern und die aus den Krabbelgruppen und der Rückbildungsgymnastik haben jetzt ebenfalls Freigang. Mit für gewöhnlich einem oder zwei Kindern gesegnet haben die nicht so viel zu tun wie ich. Trotzdem laufen wir uns zu dieser Zeit über den Weg.

Ich war gerade beim Supermarkt angekommen, hatte mir einen Einkaufswagen geschnappt und wollte schnell ins Geschäft gehen, da hörte ich die Stimme von Sylvia.

„Katrin!“, rief sie flötend vom Parkplatz her. „Sehr gut, dass ich dich hier treffe.“

Also, als eine wirklich gute Freundin würde ich Sylvia nicht bezeichnen. Aber echte Freundinnen habe ich im Moment ohnehin keine mehr. Grundsätzlich ist sie mir sympathisch, daher blieb ich stehen.

„Hallo“, grüßte ich zurück und wartete, bis sie zu mir aufgeschlossen hatte.

***

Sylvia ist eine waschechte Blondine mit leuchtend blauen Augen. So ein typischer Blickfang eben. Sie hat es definitiv nicht nötig ihre Haare zu färben. Obwohl sie mein Alter hat, sind bei ihr keine grauen Strähnen zu sehen. Ich hatte die Ersten schon mit 30 und habe schnell aufgegeben, künstlich etwas dagegen zu tun. Mir fehlten einfach die Zeit und die Muße, immer aufs Neue nachzufärben oder zum Friseur zu gehen. Sylvia hat eine Tochter, die mit Marianne in die gleiche Klasse geht, und ihr Sohn spielt hin und wieder mit Maxi. Den Nachwuchs konnte sie zwar auch nicht ganz verstecken, aber bis auf etwas mehr Leibesmitte hatten es die Jahre gut mit ihr gemeint.

***

„Wie fühlst du dich heute Morgen?“, fragte sie mich sofort. „Du wirkst erschöpft.“

„Wohl kaum. Ich bin total ausgebrannt, hege abwechselnd Mord- und Selbstmordgedanken und habe einen Arsch voll Arbeit vor mir. Und genau in diesem Moment kommst du fleischgewordener Männertraum daher und zeigst mir, dass man mit fast 37 nicht so aussehen muss, wie ich es tue. Ja, ich fühle mich nicht gut!“, das wollte ich ihr gerne entgegenbrüllen, aber mir fehlte der Mut.

„Es war gestern etwas spät“, antwortete ich stattdessen. „Horst und ich haben uns einen Abend zu zweit gegönnt.“

Meine Worte bereute ich sofort, als ich Sylvias spitze Mundwinkel und ihren wissenden Blick sah.

„Verstehe“, sagte sie. „Bei euch beiden klappt das ja bestimmt immer super. Ist denn schon Nummer fünf geplant?“

Ich kapiere nicht, warum alle mich zu einer Wundermutter machen wollen. Da schiebe ich mehr als doppelt so viele Erdenbürger auf diese Welt wie die anderen Weiber hier und dann meint jeder, mir noch weitere Arbeit aufhalsen zu müssen. Bekommt gefälligst selbst die Kinder! Aber ich hielt mich erneut brav am eigenen Zügel zurück.

„Nee, also mit vier sind wir wirklich sehr zufrieden“, verkündete ich und lächelte. „Ich möchte ja auch wieder etwas mehr Zeit für mich haben.“

„Das kann ich nur zu gut verstehen“, sagte Sylvia, holte sich einen Wagen und wir gingen zusammen einkaufen.

***

Ich habe nix gegen ein bisschen belangloses Quatschen. Es darf auch gerne etwas länger dauern. Wenn ich aber noch so viel zu erledigen habe, dann macht es keinen wirklichen Spaß, mich mit Sylvia an die Seite zu stellen und meine Zeit zu vertrödeln. Also zwang ich sie durch entschlossenes Weitergehen, das Reden mit Bewegung zu verbinden. Der neueste Tratsch aus der Schule und vom örtlichen Fußballverein war für mich nicht von großem Interesse. Ja, dass der verheiratete Fußballtrainer mit einer Siebzehnjährigen aus der Damenmannschaft im Bett gewesen ist, konnte als Sensation oder Skandal bei uns im Städtchen gelten. Aber mal ehrlich, wen wundert denn so etwas? Noch weniger mitreißend fand ich die in den Whatsapp-Gruppen, von denen ich mich fernhielt, ausgetragene Diskussion über die neuen Vertretungslehrerinnen. Nach mehreren schwangerschaftsbedingten Ausfällen war viel Bewegung ins Kollegium gekommen und deshalb gab es auch hier einiges zu lästern. Hellhöriger wurde ich jedoch bei der folgenden Neuigkeit:

„Ich habe was Neues“, säuselte Sylvia und legte ein strahlendes Lächeln auf.

„Was ist es denn?“, fragte ich so, wie sie es von mir erwartete.

„Rate mal“, forderte sie meine Geduld heraus.

„Du hast eine Affäre mit dem Fußballtrainer?“, witzelte ich.

„Meinst du, das wäre einen Versuch wert?“, antwortete sie und machte den Eindruck tatsächlich darüber nachzudenken.

Während ich meine Wut hinunterschluckte, weil ich davon ausging, dass Sylvia gute Chancen hätte, dessen Ehefrau und auch noch die Siebzehnjährige auszustechen, leitete ich kopfschüttelnd zur nächsten Frage über.

„Du hast einen neuen Work-out für dich entdeckt?“, sagte ich also und stellte sofort fest, dass ich voll ins Schwarze getroffen hatte.

„Ja!“, jubelte sie. „Ich war gestern zum ersten Mal im Fit-and-Fun.“

„Dieses neue Studio, das auf dem Einheitsplatz aufgemacht hat?“, hakte ich nach.

„Genau das!“, antwortete sie begeistert. „Die haben einfach alles, was das Herz begehrt, und viele knackige Personal Trainer, die einem erklären, wie man seinen bestmöglichen Trainingsplan zusammenstellt.“

„Aha“, kommentierte ich.

„Das war supercool, sage ich dir“, quasselte Sylvia weiter. „Aber der Hammer ist das Fit-Fighting.“

„Das was bitte?“

„Na, das Fit-Fighting“, wurde ich belehrt. „Das ist so eine Mischung aus Aerobic und Kampfsport.“

„Aha“, blieb ich einsilbig.

„Das geht voll ab“, schwärmte Sylvia weiter. „Ich spüre noch alle Muskeln in meinem Körper. Du machst da echte Bewegungen aus dem Kickboxen und powerst dich so richtig aus. Den Kurs gibt es jeden Tag und die Chefin leitet den selbst. Die ist total nett.“

„So?“, fragte ich mit leichtem Interesse.

„Ja. Ich glaube, du kennst sie auch“, fuhr Sylvia fort. „Es ist die Johanna Lüder-Stark. Diplomsportpädagogin und eine Aerobic-Göttin. Sie ist seit diesem Jahr die Vorsitzende des Schulelternbeirats. Du erinnerst dich?“

„Ich habe von der Wahl nichts mitgekriegt“, sagte ich. „Da ging es Luca nicht gut.“

„Ach so“, stellte Sylvia fest, ohne sich in ihrem Erzählfluss ablenken zu lassen. „Auf jeden Fall hat sie so wie ich eine Tochter und einen Sohn und das siehst du der kein Stück weit an. Die hält sich fit, sage ich dir.“

„Was für ein Wunder! Sie hat ja auch ein eigenes Fitnessstudio und verdient ihr Geld damit sich in Form zu halten. Welch Kunststück!“

Aber das behielt ich an diesem Samstag, wie so vieles, nur für mich.

***

Wir bezahlten an zwei unterschiedlichen Kassen fast gleichzeitig und schoben unsere Wagen nach draußen auf den Parkplatz. Sylvia schnatterte vor sich hin, aber ich hörte nur noch mit halbem Ohr zu. Gerade kamen wir bei meinem Auto an, das am nächsten stand, da vernahmen wir auf einmal den donnernden Motor einer Maschine, die echte Leistung verkündet. Unsere Köpfe fuhren herum und wir sehen, wie ein schwarzer Sport-SUV auf den Parkplatz des Supermarkts einbog. Das Ding war riesig. Mein Kombi wirkte bei diesem Anblick auf mich geradezu winzig. Den Reifen des Wagens traute man zu, das Monster eine Steilwand hinaufzubringen. Die Maschine vermittelte die Energie, um einen beladenen Vierzigtonner problemlos abzuschleppen. An den Seitentüren prangte eine Werbung: „Fit & Fun – Die Nummer 1 für Deinen Traum“. Sylvia sagte es in diesem Moment zwar, aber ich brauchte es nicht zu hören. Die Frau am Steuer war Jenny. So wurde sie von vielen anderen Leuten in ihrer Umgebung begrüßt.

***

Die neue Fitness-Königin unserer Stadt kam nicht auf dem Parkplatz an, sie zog ein. Als sie ausstieg, nahm sie mit der Linken die Sonnenbrille ab, während sie mit der Rechten ihre hellbraunen Haare elegant zurückstrich. Selbstbewusst und siegessicher stand sie da im vollen Sonnenlicht.

Während wir beiden Mamas unsere Hintern in Jeans zwängten und die Oberweite unter Pullovern versteckten, trug sie ein hautenges Tennis-Dress mit Minirock. Und ja, sie sah darin wirklich umwerfend aus. Die Königin bemerkte huldvoll, dass ihre Fitness-Untertanen ihre Ankunft ehrfürchtig begrüßten, worauf sie in bester Tradition des britischen Königshauses ein strahlendes Lächeln auflegte, bei dem ihre weißen Zähne perfekt zur Geltung kamen. Sie winkte majestätisch in alle Himmelsrichtungen zu ihr bekannten Personen. Sylvia sammelte ebenfalls so ein Winken ein. Dabei bemerkte ich, dass wir uns im Schatten einer Wolke befanden.

Mit der gleichen königlichen Erhabenheit stiegen nun die Nummer eins und zwei in der Thronfolge aus dem total überdimensionierten Fahrzeug. Offenbar plante man, nach dem Einkauf hochherrschaftlich zum Tennis zu gehen, oder kam gerade vom Platz, denn auch die Kinder trugen entsprechende Outfits. Die Tochter war eine kleinere Ausführung der Mutter und lief zu deren Linken. Der Sohn kam mir mit seinen hellblonden Haaren überraschend vertraut vor. Er stand nun zu ihrer Rechten.

Das Trio überquerte den Parkplatz, ohne dass ein Kind aus der Linie ausscherte. Selbst wenn Marianne und Maxi das versuchen sollten, es wäre sicherlich schiefgegangen. Vermutlich hätte es meinen Sohn hingelegt, während die Tochter davonrennt. Die Konsequenz: ein großes Geschrei. Bei den hohen Herrschaften war das nicht der Fall.

„Sehe ich dich am Montag wieder im Training?“, rief Königin Jenny in einer befehlsgewohnten Altstimme und blickte dabei zu Sylvia hinüber.

„Nichts könnte mich davon abhalten“, antwortete die Untertanin ihrer Majestät in freudigem Gehorsam und erhielt dafür ein strahlendes Lächeln der FitnessMonarchin.

Noch einige weitere Gemeine wurden mit kurzen Zurufen bedacht, während Jenny zum Eingang des Supermarkts schwebte. Ich hatte somit etwas Zeit ihre Traumfigur zu mustern. Sie nannte einen Körper ihr eigen, wie ich ihn vor fünfzehn Jahren besessen hatte. Obwohl sie viel freie Haut zeigte, waren keine Anzeichen für Cellulitis und nicht eine Krampfader zu entdecken. Und ich bin sehr stolz auf meine guten Augen.

Genau in dem Moment, als die Fitness-Queen mit ihren Kindern durch die Eingangstür des Supermarkts ging, verdunkelte die Wolke, die bisher die getreue Untertanin und mich beschattet hatte, die gesamte Sonne. Wir standen im Schatten. Ihre Herrlichkeit hatte uns hinter sich gelassen.

„Was für eine Frau, oder?“, fragte Sylvia mehr sich selbst als mich.

„Ja“, sagte ich und dachte mir: „Ich könnte das auch noch sein …“

Kapitel 6 – Wäschewaschen

Nach dem Einräumen der Einkäufe, dem Mittagessenmachen und dem Abwasch wartete glücklicherweise nur noch das Wäschewaschen auf mich. Meine Kinder hatten in der kurzen Zeit mütterlicher Abwesenheit nicht allzu viel neues Chaos erzeugt. Das war dem Mann im Haus zu verdanken. In einem Anfall genialer pädagogischer Überlegungen hatte er alle vor ein paar Folgen Zeichentrickfilme gesetzt und so Schlimmeres verhindert. Dass er nach dem Mittagessen mit den Kindern zusammen auf seiner Heimkinoanlage noch einen Film schaute, war als größtmögliche Ausprägung seiner väterlichen Fürsorge zu verstehen. Das traf zwar ebenfalls nicht auf meine Gegenliebe, ich ließ es jedoch zu, denn ich hatte, wie gesagt, genug zu erledigen und brauchte dringend Ruhe zum Nachdenken.

Ist euch schon mal aufgefallen, dass wir immer noch „Wäschewaschen“ sagen, obwohl wir es gar nicht meinen? Die Wäsche wäscht doch die Maschine und das fast ganz ohne unser Zutun. In meinem Fall übrigens die Maschinen. Auf mehrere Waschladungen einer großen Familie zu warten, kostet mir zu viel Zeit. Mit zwei leistungsstarken Geräten kann ich auf einmal die Schmutzwäsche einer Woche angehen. Meine Samstagsnachmittagsbeschäftigung ist es also, die eine Ladung auf den Leinen in unserer angenehm großen Waschküche aufzuhängen und dann dort auch gleich die Wäsche der Vorwoche zu bügeln und zusammenzulegen. Wenn keine Kinder um mich herumspringen, hat das etwas geradezu Meditatives. Ich hatte schon vor einer Weile entschieden, dass ich keinen Wäschetrockner haben will. Ich traue den Dingern nicht, außerdem verbrauchen sie zu viel Strom. Ich möchte, dass die Klamotten auf der Leine trocknen.

Wie schon gesagt, an jenem Samstagnachmittag hatte ich genug Stoff zum Grübeln und so war meine Konzentration nicht auf die Arbeit gerichtet. Mich beschäftigte ununterbrochen nur eine Frage: Könnte ich heute auch so aussehen wie die Fitness-Königin Jenny, die Erste, wenn mein Leben nur etwas anders verlaufen wäre? Ohne dass ich es wollte, bildeten sich Erinnerungen in meinem Kopf, die mich bis hierher, in die geräumige Waschküche, und zum Bügeln führten.