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Den ganz normalen Wahnsinn einer Bilderbuchfamilie auszuhalten kann ziemlich anstrengend sein. Erst recht, wenn man versucht, einer dominanten Mutter, einer nervigen Schwester und einer pubertierenden Tochter gerecht zu werden. Und wäre da nicht dieses beklemmende zwanzigjährige Geheimnis, welches endlich gehört werden will…. Riri will nur noch raus aus ihrem Gefängnis, raus aus ihrer Anpassung und ihrem alten Schwur, den sie sechzehnjährig aus Dankbarkeit und Loyalität ihrer Mutter gegenüber abgelegt hatte. In diesem Moment wirkt der unerwartete Wegzug ihrer Schwester wie das Öffnen einer verbotenen Türe. Riri beginnt zu rebellieren und für sich einzustehen. Sie gelobt, bis zum 20. Jahrestag ihr Schweigen zu brechen. Ein junger Kerl, der ihr den Kopf verdreht, eine attraktive Sekretärin, welche die Zeit ihres Mannes stiehlt und Mobbinggeschichten in der Schule ihrer Vierzehnjährigen, fordern sie heraus und torpedieren ihr Geständnis….
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Seitenzahl: 405
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Doris Lilli Wenger
Kiki süss-sauer
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Inhaltsverzeichnis
Titel
für meine Familie
prolog
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Epilog
Danke
Anmerkung
Impressum neobooks
Anmerkung der Autorin
Dieses Buch ist ein Roman.
Die Handlung und die Protagonisten sind frei erfunden.
Es freut mich, wenn dir mein Buch gefällt.
Gerne nehme ich Rückmeldungen, Feedback und Anregungen über [email protected].
Ebenso freue ich mich über eine Bewertung, bzw. deine Rezension bei buch.ch, exlibirs, amazon oder dem Anbieter, bei dem du es gekauft hast.
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Vielen Dank für deine Unterstützung!
Die Fotografie in meiner Hand zitterte wie ein Ahornblatt im Wind.
Was hatte Kiki sich dabei gedacht? Die Aufnahme zeigte uns beide vor dem Haus. Wir waren vielleicht sechs oder sieben Jahre alt. Verkleidet als Clowns, mit übergrossen Kitteln, selbstgebastelten Papierhüten und Wasserfarbe auf den Wangen. Kiki lachte und kokettierte mit der Kamera, während ich selbst mir ein Handtuch an die Stirne gedrückt hielt. Bemüht meinen Schmerz wegzulächeln.
Diesmal hatte ich mir den Kopf gestossen. An diesem doofen, eckigen, metallenen Briefkasten, unter welchem wir uns oft zum Plaudern hingesetzt hatten. Zerstossenes Eis, eingewickelt in ein Handtuch, direkt auf die Wunde gedrückt half, eine künftige Beule zu lindern. Auch wenn das tierisch wehtat.
Kiki hatte sich nie dazu überwinden können. Schon als Kind hatte sie sich beschwerlichen Notwendigkeiten gegenüber verschlossen, hatte nie die Zähne zusammengebissen oder etwas ausgehalten. Das ging mir so auf den Geist. Kiki war weich und sanft. Ich konnte das nicht ausstehen. Noch heute nicht.
Das war so anstrengend. Ich wollte raus aus meinem Käfig, raus aus meiner Anpassung, aus meinem Dank und dieser trügerischen Loyalität. Warum konnte ich mir nie den einfachen Weg erlauben? Wäre mir etwas erspart geblieben?
Die Aufnahme wirkte stumpf. Es hatte geschneit und Kufen hatten dunkle Schatten in den ausgetretenen Schnee gezeichnet. Wir beide liebten den Winter und der Schlitten stand jeweils ab November bereit. Die Steigung hinter Nachbars Bauernhof rutschten wir beim kleinsten weissen Flaum hinunter. Dutzendmal, bis aller Schnee abgetragen war und wir im grünbraunen Matsch nach wenigen Metern stecken blieben.
Dann sahen wir uns an, kicherten und rollten den Hang hinunter. Grübelte Kiki auch über solchen Dingen? Oder darüber, wie unbarmherzig das anschliessend zu Hause werden konnte?
Auf dem Bild hielten wir uns an der Hand, klammerten uns gegenseitig fest. Die Geste trug etwas Inniges, Zärtliches in sich. Das zu sehen, besänftigte mich, weil es mich daran erinnerte, wie viel wir zu zweit unternommen hatten, wie oft wir gelacht oder uns gegenseitig getröstet hatten, wenn es wieder einmal kalt und stumm in unserem Zuhause geworden war. Wir fanden Halt aneinander.
Es ist mein Fehler, der uns auseinandergebracht hat
Wir sind unsere Familie. Kiki ist die Einzige, die ich noch habe. Und es gibt keinen anderen Menschen, der weiss, wie ich früher einmal war.
Auch wenn wir verschieden sind, so sind wir doch beste Freundinnen.
Dieses Foto werde ich ihr heute zur Beerdigung bringen
Riri stand in der Küche. An den Kühlschrank gelehnt.
Erinnerungen waberten durch ihren Kopf.
Sprachfetzen, der Geruch von Desinfektionsmitteln, ein Zerren in ihrem Bauch und das bohrende Gefühl, etwas ganz Grosses falsch gemacht zu haben.
Schandfleck
Die Vergangenheit schwappte in Wellen über sie her, sich stetig wiederholend, grausam, wieder und wieder und ohne Möglichkeit, diese einmal in Fluss geratene Naturkraft bremsen zu können. Die Rückschau zerrte an allen Sinnen, brachten sie durcheinander. Den ganzen Tag hatte sie versucht die Puzzleteile zusammenzusetzen. Angsttrunken hatte sie sich dagegen gewehrt, gekämpft. Jetzt war sie müde.
Die Uhr zeigte Mitternacht. Alain würde bald heimkehren. Zittrig fuhr sie sich mit der Hand über die Stirn.
Zimtstern
Jetzt hatte sie doch an ihn gedacht. Sie hätte ihn so gerne vergessen, diese Begegnung nie erlebt. Das war so lange her, fühlte sich so unwirklich an, als hätte sie irgendwo davon gelesen. Oder im Fernsehen gesehen.
Ich wollte das nicht
Sie drehte sich, betrachtete den vorbereiteten Frühstückstisch für den nächsten Tag. Hastig gedeckt für das Essen einer Familie, in welcher einer nach dem anderen sich schnell verpflegte, um zeitig aus dem Haus zu kommen. Nur der Kaffee fehlte.
Sie lechzte danach. Sie startete die Espressomaschine, stellte ein Tässchen unter und drückte mechanisch die Taste. Herbsüsser Pausenduft umhüllte sie. Stehend genoss sie den kleinen Schwarzen. Mit geschlossenen Lidern. Ohne einen Gedanken. Als kurze Meditation. Mechanisch öffnete sie den Kühlschrank, tastete nach der angebrochenen Tafel Schokolade. Anschliessend liess sie die Tasse achtlos in der Spüle stehen, löschte das Licht und stieg die Treppe hoch.
Sie linste in Jans Zimmer. Ihr Zwölfjähriger lag auf dem Rücken, die Arme ausgestreckt. Der Pyjama hochgerutscht, zeigte er seinen entblössten Nabel. Riri schmunzelte, zog die Türe leise zu.
Im Raum ihrer Tochter blieb sie stehen. Sog genüsslich die gedrängte, warme Luft ein. Sana krümmte sich im Bett, die Decke zwischen die Beine geklemmt. Riri trat neben sie und strich ihr zart zwei verirrte Strähnen zurück.
Sanas Übelkeit hatte alles ins Rollen gebracht.
Am Morgen zuvor war Riri von einem klappenden Klodeckel aufgeschreckt worden. Im Bad hatte sie ihre Vierzehnjährige über der Toilettenschüssel angetroffen. Schweissgeperlt.
«Sana?» Riri hatte nach einem Lappen gegriffen und dem Mädchen die Stirn abgewischt. «Was ist mit dir?» Überrascht hatte sie das Zittern ihrer eigenen Hände registriert.
«Keine Ahnung. Mann, ist mir zum Kotzen», hatte Sana gegrunzt. «Die Kekse, die ich gestern im Jugendtreff genascht habe, waren vermutlich schlecht.» Dabei hatte sie Riri nicht angesehen, sich weggedreht und Wasser direkt vom Hahn in den Mund gesogen. Mit schlappen Haaren, nachtweisser Miene und einem «Scheisse» war sie in ihrem Zimmer verschwunden.
Die Sommerferien waren eine Woche zuvor zu Ende gegangen und Sana hatte in die achte Klasse gewechselt. Die Lehrerin und die Stundenpläne waren mehrheitlich unverändert, so dass Riri sich kaum um Organisatorisches kümmern musste.
Sana ging freitags um acht Uhr los. Riri wollte die Lehrerin informieren, verärgert, weil Sanas Unpässlichkeit ihren Tagesablauf durchkreuzte. Ein undefinierbares Kribbeln war in ihr hochgestiegen, welches sie zu ignorieren versucht hatte.
Während sie nach der Nummer suchte, war Sana in die Küche getrabt. Angezogen, die Haare gebürstet und straff zu einem Rossschwanz gebunden. Die Augen hatten wegen ihrer Blässe dunkler gewirkt als sonst und ihr einen elfenhaften, bezaubernden Look verliehen.
«Ich esse nichts, muss los.»
«Du bleibst heute zu Hause, Mädchen!»
«Hör auf, mich so zu nennen!» Störrisch hatte Sana das Kinn hochgereckt.
«Na …» Riri wurde unterbrochen.
«Mir war kurz übel. Jetzt geht’s wieder, mach kein Drama.» Abwehrend hatte Sana beide Hände vor die Brust gehoben. «Ich gehe zur Schule». Am Tee hatte sie nur lustlos genippt.
Hatte Sana Morgenübelkeit?
Eisig hatte der Gedanke Riri durchzuckt. Kurz nur, dann hatte sie das Gefühl in ihre dunklen Nervenzellen zurückgedrängt.
«Tschüss Mami, am Nachmittag werde ich mit Chiara lernen. Bin gegen fünf daheim.» Von hinten hatte Sana ihr einen kalten Kuss an die Schläfe gedrückt, bevor sie die Haustüre hinter sich zugezogen hatte.
Seither rang Riri mit dem Monster der Erinnerung. Sie würde ewig an diesen Tag zurückdenken.
Später würde Sana sagen, dass alles an diesem Datum angefangen hatte.
Riri blinzelte. Die Sonne scheibelte sich durch die gekippten Jalousien und kitzelte sie in der Nase. Sie rollte sich zur Seite, stiess mit der Stirn an den Roman, welchen sie zum Einschlafen gebraucht hatte. Das Buch rutschte. Sofort versuchte sie es zu fassen, verhedderte sich auf halbem Weg im Bettlaken, zerrte. Statt den Band zu greifen, knallte er zu Boden.
Sie hielt den Atem an. Alain rührte sich nicht.
Er hat ein reines Gewissen
Sie schälte sich aus der Wärme, liess das Buch liegen und betrat das Bad, liess die Lamellen hochfahren und Sommerlicht flutete den Raum. Staubsterne tanzten. Sie öffnete das Fenster und ihr erwachender Körper begrüsste die Frische mit sich aufstellenden Härchen. Trotz der Kühle war zu ahnen, dass ein heisser Tag bevorstand.
07.38 Uhr. So spät?
Die morgendliche Routine wärmte ihren Motor. Sie begann mit Zahnseide, Zahnbürste, stellte sich auf die Waage. Na ja. Sie hätte auf die Schokolade verzichten sollen.
Mit beiden Händen fing sie den Wasserstrahl auf, tauchte ihr Gesicht mehrmals ins kalte Nass und wiederholte die Prozedur bis die Haut kribbelte und ihre Lider knackten.
Sie ging zurück ins Schlafzimmer. Alain lag unverändert.
Unerwartet zuckte sein Arm unter der Decke hervor und packte sie am Bein, hielt sie fest. «Hab dich», brummte er. Riris Herz setzte einen Schlag aus. «Oh, mein Gott, erschreck mich nicht so!»
Was ist mit meinem Gewissen?
«Komm her zu mir, kleine Frau», forderte er. Sie liess sich ins Bett ziehen, wartete bis sich ihr Herzschlag normalisiert hatte. Alain vergrub seine Nase in ihrer Halsbeuge. «Hm, dein Schlüsselbein riecht so lecker.»
«Ich muss los», nörgelte sie. «Ich habe Maman versprochen vorbeizuschauen, um einen Brief, den sie von der Gemeindeverwaltung bekommen hat, durchzugehen. Weiss der Kuckuck was die von ihr wollen.»
«Vergiss es.» Alain hatte tausend Hände.
Riri wand sich, stand auf und zog sich an. Schwarze Hose, schwarze Bluse, die schwarz gelockten Haare lose zusammengebunden. Am Morgen war sie schnell. Äusserlichkeiten waren ihr nicht wichtig. Den Lipgloss benutzte sie trotzdem. Wegen Kiki.
«Schaust du etwas auf Sana? Sie hat sich gestern übergeben.» Sie sah ihren Mann nicht an. Herzklopfen. Was war los mit ihr?
«Nein, Riri, geh nicht!» Alain setzte sich auf. «Tu mir das nicht an. Ist doch egal, wenn du eine halbe Stunde später bist.»
Sie fühlte sich schuldig. Das Gummiband in ihrem Innern spannte sich.
«Kiki kommt auch und wenn ich früh da bin, bin ich bald wieder zu Hause. Der Nachmittag gehört dir. Die Kinder sind beide fort.» Sie zwinkerte Alain zu.
Alain stemmte sich in die Höhe. «Was heisst hier: Kiki kommt auch?» Unangenehm ahmte er ihre Stimme nach. «Wie ich dich kenne, bist du erst nach dem Essen zurück. Du machst alles allein, den Schreibkram, aufräumen und die Damen bekochst du ebenfalls.» Ohne eine Antwort abzuwarten, schnaubte er. «Kiki!!» Er riss an seinen Jeans. «Und ich kann warten.»
Dass sie an ihren Kurznamen festhielten, konnte er nicht ausstehen. Die Kürzungen hatten die Schwestern an einem frostigen Tag im Garten erfunden. Entschieden das Elend abzulegen, den die gellende Stimme der Mutter verursachte. Damals hatten sie sich weinend geschworen, sich nie wieder zu nennen wie sie hiessen. Sie rätselten und brüteten, bis sie einen passenden Ersatz gefunden hatten.
Kiki statt Frédérique - Riri statt Aurélie.
In intimen Stunden vergass Alain sich manchmal und raunte ihren vollen Namen. Sie genoss es, wie samt er ihn aussprach und bisweilen ertappte sie sich, dass sie heimlich stolz darauf war. Im Alltag indessen hallte „Aurélie“ dermassen korrekt, dass sie keinem gestattete, sie so anzusprechen. Nur Maman nannte sie noch so. Und niemals hätte sie den Schwur mit ihrer Schwester gebrochen.
«Ich beeile mich, Ehrenwort.» Sie liess die Arme hängen, legte den Kopf schief. Lächelnd. Sie wollte sich vom Ärger nicht anstecken lassen. Das Gummiband fühlte sich dick an.
Ich bin eine Lügnerin
Er griff nach ihr, liess seine Hose fallen und drückte sich nackt an sie. Riri lachte. Er überragte sie fast um eine Kopflänge. Sein drahtiger, knochiger Körper, seine natürliche Bräune und dieser eigene Duft wies sie darauf hin, wie einfach das Leben mit ihm die letzten sechzehn Jahre gewesen war. Es handelte sich um einen Fehlgriff des Schicksals. Dieses Glück, diese Liebe, hatte sie nicht verdient.
Riri liess sich die Umarmung gerne gefallen. Sie liebte diesen Mann. Inniger als sie sich das je geträumt hatte.
Damals, in diesem kleinen Käsereiladen um die Ecke, mitten in der Winterthurer Altstadt, war sie ihm in einer Pause das erste Mal begegnet. Seine Ausstrahlung hatte sie unmittelbar gefesselt, seine Aura, die den gesamten Raum zu erleuchten schien, hatte sie elektrisiert. Er hatte sie nicht bemerkt, schäkerte mit der Verkäuferin und diskutierte, welcher Käse das Reifestadium erreicht hätte. Sie mochte keinen Käse. Und sie war in Eile, musste zurück an ihre Arbeit in der Zahnarztpraxis, ihr Chef wartete. Sie war danach unkonzentriert geblieben, weil der schöne Fremde ihre Synapsen besetzte. Ihr Herz jubelte, als sie ihn am nächsten Tag erneut angetroffen und er sie angesprochen hatte. Oft hatten sie gelacht, weil auch er sie tags zuvor gesehen hatte und nur ihretwegen nochmals dort einkaufen ging.
Er hatte sich gleich intensiv in sie verguckt, wie sie sich in ihn.
Wenn er wüsste
Riri drückte sich an ihn. «Schau mal dieses Licht. Das wird ein guter Tag. Ich lass mir die Laune von Kiki und Maman nicht verderben.»
«Ich wäre auch gerne mit dir zusammen.» Alain liess sie los und schaute zu Boden. Sie spürte seine Enttäuschung. Sie tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die Schulter und wartete eine Sekunde. Dann zog sie heftig Luft ein, schluckte, griff nach ihrer Jacke und rannte die Treppe hinunter.
«Die Kinder müssen um neun Uhr dreissig beim Treffpunkt am Hauptbahnhof sein.» Alain antwortete nicht. «Und pass mir auf Sana auf!»
Sie schlüpfte in ihre Mokassins und huschte aus dem Haus, schwang sich aufs Fahrrad und steuerte Richtung Zentrum Seuzach.
Zum Haus ihrer Mutter in Reutlingen brauchte sie fünf Minuten. Fünfzehn, wenn sie den Umweg nahm, um bei der Bäckerei Hollenstein im Dorf vorbei zu fahren. Riri fühlte sich wohl in ihrer Haut. Wenn sie am Morgen mit den ersten Strahlen aufstand, wenn sie den ganzen Tag wusste, was zu tun war, dann fühlte sie sich sicher.
Sie fuhr dem Chrebsbach entlang, genoss die Ruhe am Samstagmorgen, abseits der Hauptstrasse. Nach einem kurzen Stück auf einer Feldstrasse, überquerte sie die Autobahn. Sie liess sich vom Rhythmus ihrer Pedale, vom Takt ihres Atems mittragen. Die Nebenstrasse zog sich einsam übers Land, kein anderer Mensch war unterwegs.
Aus der Ferne sah sie das Anwesen von Maria und Oscar Dunon - ihr Elternhaus. Ein Sog ging von ihrem Geburtsort aus und zerrte an ihr. Sie liess sich treiben, konnte den Blick nicht abwenden. Von weitem erkannte man nicht, dass das grosse Gebäude mit Giebeldach in eine rechte und eine linke Haushälfte unterteilt war. Die Trennung verlief unter dem First und der Grundriss der beiden Wohneinheiten war identisch, allerdings spiegelverkehrt angeordnet. Oft hatten sie gelacht, wenn sie sich auf der anderen Seite aufgehalten hatten. Wie eine umgestülpte Socke, stand die Welt Kopf.
Seit Vaters Tod lebte ihre Mutter allein. Die andere Hälfte wurde von einem Witwer bewohnt, sein Sohn längst ausgeflogen.
Die Liegenschaft lag leicht erhöht an einer Güterstrasse, welche ausserhalb von Reutlingen abzweigte und in einen Kiesvorplatz führte. Das Feld vor Riri ruhte im zarten Licht. Schüchtern strich der Wind darüber und die Bewegung der Ähren wisperte leise.
Wie im Traum. Hier war sie schon tausendmal langgeradelt.
Früher, auf dem Schulweg, war sie am Morgen der aufgehenden Sonne entgegengelaufen, entnervt, wenn sie über dem bewaldeten Hügel hervorlinste und sie blendete, sich der Schönheit der Umgebung kaum bewusst. Später war sie mit dem Fahrrad diese asphaltierte Strasse entlang zur Arbeit gefahren, bis sie mit zweiundzwanzig mit Alain zusammen in eine kleine Wohnung über der Gemeindeverwaltung in Seuzach gezogen war.
Sie stoppte mitten auf der Strasse. Stand da, das Fahrrad zwischen ihren Knien, liess den Eindruck auf sich wirken. Die Nuance des Lichts verzauberte sie. Die Luft roch kühl und süss.
Trauer fiel wie eine Decke auf sie herab. Sie kniff die Augen zu.
Zimtstern
Bald wäre es zwanzig Jahre her.
Zwanzig Jahre, in welchen sie mit ihrem Schmerz einsam war. Trotz Alain. Trotz all dieser Liebe, die sie von ihm bekommen hatte. Trotz ihrer Mutter.
20 Jahre ist genug
Laut atmete sie durch die Nase ein, richtete ihren Brustkorb auf.
Zwanzig Jahre lang hatte sie versucht, diese Qual und diese unglaublichen Schuldgefühle abzulegen, indem sie alles richtig machte, Haltung bewahrte.
Alles Lüge
Sie presste den angehaltenen Atem aus ihren Lungen, krümmte sich über den Lenker.
Nein, sie hatte diese Gefühle verdrängt. Versucht zu verdrängen. Vergeblich.
Mit der Morgenübelkeit ihrer halbwüchsigen Tochter waren ihre Empfindungen im Bruchteil einer Sekunde zurückgekehrt. Als wäre die Zeit stehen geblieben.
Alles ist wieder da
Riri blickte zum Himmel. Weiss zerkratzte ein Flugzeug das perfekte Himmelblau.
Zimtstern, mein Zimtstern. Sana hat dich aufgeweckt
Noch vor dem zwanzigsten Jahrestag werde ich darüber reden - Das ist ein Versprechen
Angst kroch über ihre Schulter. Riri schaute nach vorn. Das Gebäude wirkte wie gemalt, eingefriedet von einem Metallzaun und hüfthohen Hecken. Die Läden im Erdgeschoss waren aufgestossen, die Fenster geöffnet und hellgelbe Gardinen winkten. Rote und lila Geranien wetteiferten der Sonne entgegen, Rosen umrankten den Zaun.
Und dahinter thronte ihr alter Ahornbaum. Sie empfand Heimat für diesen Fleck Erde, der ihr so viel Leid und so viel Geborgenheit geschenkt hatte. War es hart und eisig im Haus, hatte sie der Garten sanft gerettet. Die verwildert romantische Wirkung war vor allem ihrer konsequenten und liebevollen Pflege zu verdanken.
Ihre Mutter Maria trat in diesem Moment vors Haus und zupfte an den Blumen im Topf neben der Türe. Sie legte die Hand über die Brauen zum Schutz gegen die Sonne und schaute wie ein Soldat Richtung Strasse. Vermutlich hatte sie Riri trotz ihrer Sehschwäche ausgemacht.
Die kleinen, fordernden Blicke von Maman stachen Riri wie feine Nadeln auf der Haut, hielten sie, wie so oft, gefangen. Über die Distanz nahm sie ihre verkniffenen Gesichtszüge, die Ungeduld ihrer Gesten wahr. Die Stimmung drängte sich klamm übers Land und durch die Wärme bis in ihre Seele.
Auf Kommando stellte sich ihr schlechtes Gewissen ein. Da war es wieder, sie hatte sich daran gewöhnt. Riri schnaubte, wandte sich ab, fasste ihren Lenker und fuhr an. Im gleichen Moment wurde sie von einem schweren Motorrad überholt. Der Fahrer wich aus und fuhr knapp an ihr vorbei.
Reflexartig riss Riri an den Bremsen. Sie trudelte, fing knapp einen Sturz auf und stoppte. Spontan riss sie ihre Hand hoch, schüttelte dem Schrecken ihre Faust hinterher. «Idiot.» Ihr Herz pochte laut. Beschämt über den kräftigen Fluch, welcher ihrer Kehle entwischt war, rieb sie ihre Lippen. Grinsend.
Mit einem Blick über die Schulter rollte sie vorsichtig los. Mit zitternden Knien.
Ihre Trauer war verflogen.
«Aurélie!»
Sie wollte liegen bleiben, die Augen schliessen, vergessen.
«Aurélie!»
Die Stimme ihrer Mutter. Fordernd.
Noch einmal blinzeln, einmal noch
«Aurélie!»
Sie schreckte hoch.
Zimtstern
Zögernd stand sie auf. Betrachtete ihre Gestalt im Spiegel. Als sähe sie sich zum ersten Mal. Im roten T-Shirt mit Diddlmaus Druck, die zerfledderten Haare, die braun gemusterten Leggins.
«Ich komme.» Ein Flüstern nur.
Sie öffnete ihren Schrank. Alle Kleider wirkten verlogen. Aus einem anderen Leben.
Sie wollte nicht mehr.
Zimtstern
«Aurélie!» Dieses kreischende, befehlende Organ. Wie von einem trotzigen Kind.
Sie blickte sich um. Nebeltröpfchen zogen unerwartet schnell an den Scheiben vorbei. Bald würde die Sonne den Kampf gegen die Feuchtigkeit gewinnen. Riri streckte die Hand, riss das Fenster auf, liess die feuchte Luft in den Raum.
Ich lass mich nicht unterkriegen
Die Gewissheit in ihrem Innern fühlte sich leise, warm und fest an.
Langsam wandte sie den Kopf wieder ihrer Garderobe zu. Gelassen und ruhig griff sie nach einem schwarzen T-Shirt und schwarzen Hosen.
Ich werde nur noch schwarz tragen
«Aurélie!»
Flink wechselte sie ihre Kluft.
Im Bad strich sie sich ihre Haare aus der Stirn. Staunend. Band den langen Schopf zusammen. Den würde sie abschneiden.
Ab heute, ist alles anders
Die Entschiedenheit machte sie ruhig. Langsam wischte sie mit der Hand übers Gesicht.
Ein Lächeln verirrte sich auf ihre Lippen, ohne die Augen zu erreichen.
Ein bisschen üben und es sieht echt aus
Mit zwei Fingern zwickte sie sich eine vorwitzige Strähne zurück. Dann blinzelte sie sich zu, drehte sich weg und rannte die Treppe hinunter.
Die letzten drei Tritte sprang sie mit beiden Füssen gleichzeitig. Mit einem Satz stand sie bereit.
«Da bin ich.» Grinsend.
«Muss ich immer alles allein machen?» Ihre Mutter sass in der Küche, eine schlanke Zigarette zwischen den Zähnen. Die Fingernägel frisch lackiert, in die Höhe gestreckt.
«Kein Problem, Maman. Ich erledige das.» Riri drehte sich um und begann, das Morgenessen abzuräumen.
«Du weisst, was ich für dich getan habe.»
Maman konnte es nicht lassen.
Das Haus roch nach frischem Kaffee, als Kiki die Küche ihrer Mutter betrat. Auf Riri war Verlass. Ihre Schwester hatte Croissants mitgebracht und sass mit Maman am Esstisch. Briefe und Papierbögen voller Grundrisse pflasterten einen Weg durch das Frühstück.
Maman lachte über eine Bemerkung von Riri, welche Kiki nicht verstanden hatte. Riri lächelte, bückte sich über einen der Pläne und zeichnete mit dem Schreiber einer Linie entlang.
Der Duft, die Atmosphäre, die kitzelnden Sonnenstrahlen sog Kiki ein. Klebrig schimmernde Honigtropfen auf dem Teller, verstreute Krümel auf den Papieren, das Kratzen des Stiftes vermischt mit dem Summen einer suchenden Fliege.
Die Hand von Maman auf Riris Arm.
Kiki fühlte sich mittendrin. Gleichwohl in sich selbst gefangen. Als stünde sie unter einer Glasglocke, drückte sich die Nase an der Scheibe platt und sehnte sich in diese märchenhafte Szene. Sie fühlte sich weggesperrt und bedeutungslos.
Sie kannte diese stachlige Enge. Warum war sie nicht wie Riri?
Egal was Kiki tat, sie verglich es mit dem, was ihre Schwester tat, tun würde oder getan hätte. Und egal wie sie es drehte und wendete, ihre eigene Handlungsweise, ihre eigene Art, mit Problemen, Schwierigkeiten, sogar mit Schönem umzugehen, schnitt im Vergleich durchgehend schlechter ab.
Sie war es leid. Zum Glück war Vater nicht hier. Nicht mehr hier. Er hatte ihr täglich ihr Unvermögen bewusst gemacht.
Ungenügend
Riri hob den Kopf und zuckte. Ihre Bewegung fror ein. Die Stimmung kippte.
«Hallo.» Riri zog die Stirn kraus. «Seit wann stehst du da und beobachtest uns?» Sie erhob sich, griff unaufgefordert nach einer Tasse, bediente den Automaten.
Wie mich diese ungefragte Beflissenheit nervt
Ohne ein Wort übernahm Kiki den angewärmten Platz an der Seite von Maman, lehnte sich an sie. So fühlte sie sich sicher. Daheim. Angekommen. Ihre Mutter hielt immer zu ihr, strich jetzt zärtlich mit den Knöcheln über ihre Wange, ihr Blick liebkoste sie.
«Du siehst gut aus.» Maman schnupperte in Kikis langen, rötlichbraunen Haaren. Die volle Aufmerksamkeit galt ihr.
Riri schaute ihnen zu. Sie war nur noch die kleine Schwester.
«Der Nachbar will bauen.» Riri zeigte mit dem Daumen nach nebenan.
Interesse flackerte in Kiki auf.
«Daniel, der Sohn, hat die Liegenschaft übernommen. Er will vergrössern, bevor sie einziehen. Er hat drei Kinder», erklärte Riri.
«Drei Kinder?» Kikis Braue wölbte sich. «Spielte er nicht schon früher dauernd mit Puppen?»
Die drei Frauen schauten sich an und unangekündigt brach die alte Leere wieder auf.
Kiki dachte an Maurice und Marcel Bucher und zog ihre dünne Jacke enger, legte ihre Hände um die heisse Henkeltasse. Die beiden Jungs, welche während ihrer Jugend im spiegelverkehrten Haus gewohnt hatten und in der Schulzeit ihre besten Spielkameraden gewesen waren - sie fehlten ihr noch immer. Sie hatten bei jeder Gelegenheit gemeinsam draussen gespielt. Im Geräteschuppen, der täglich andere Schätze bereithielt und auf dem grossen Ahorn, auf welchem sie später ihre Hütte gebaut hatten.
Während hier in diesem Haus oft eisiges Klima herrschte, galt bei Buchers nebenan ein einladendes, herzliches und warmes Miteinander.
Und dann der Schock über die unvorhergesehene Scheidung und den Verkauf des Hausteils. Diese Öde, als ihre Freunde plötzlich fort waren und sie in der Verständnislosigkeit zurückgelassen hatten. Dieses Nichts war jäh wieder da.
Kiki beugte sich vor, neigte den Kopf zum offenstehenden Fenster und guckte hinüber zu Nachbars Anwesen. Die Fensterscheiben spiegelten das Blattwerk. Sie wäre gerne dort drüben aufgewachsen, in diesem temperamentvollen, lustigen und netten Heim. Sie lauschte. Sehnsüchtig, erwartungsvoll, ob da nicht lärmendes Rufen nach ihr erklingen würde. Doch das Haus stand still und stumm.
Riri und Kiki war es schwergefallen, sich an die neuen Anwohner zu gewöhnen. Obwohl sie später dankbar mit Babysitten von Daniel ihr karges Taschengeld aufgebessert hatten.
«Sie erweitern den Wohnbereich und oben richten sie einen zusätzlichen Raum ein.» Riris Stimme hallte in der Kälte ihrer Einsamkeit. «Sie werden den Affenbaum fällen.»
Kiki stockte. Flatternd kehrte sie in die Gegenwart zurück.
«Den Affenbaum? Unseren Affenbaum? Das werden sie nicht machen. Wir erlauben das nicht, oder Maman?» Ihre Pupillen blitzten. «Maman bitte! Niemals werden wir einwilligen, dass das gemacht wird?» Sie vergass zu atmen, ihre Stimme kratzte, Tränen glänzten.
Dieser Baum war ihre Heimat. Der knorrige Ahorn und in dessen Krone ihr selbsterrichtetes Nest. Zu viert hatten sie unzählige Nachmittage damit verbracht, Bretter zu suchen und bei den umliegenden Bauern nach geeignetem Material nachzufragen. Mit einer Schubkarre hatten sie endlos Holz transportiert, um in wochen- und monatelanger Arbeit ihren Zufluchtsort zu zimmern. Ob sie traurig waren oder wütend, fröhlich oder blossgestellt, es war eine Pflanze, ein Baum, der sie aufnahm, ihr Seelentröster wurde. Und ihre Freunde waren dort meist anzutreffen. Oft hatten die Brüder sich ihren Kummer angehört und mit ihrer überschäumenden Energie, mit ihrer Sorglosigkeit, mit ihrer Fantasie alles Schwere vergessen gemacht.
Den umständlichen Ablauf, wie sie den Riesen erkletterten, hatten sie niemandem preisgegeben. Kein anderes Kind und kein Erwachsener schaffte es, ihn zu erklimmen. Es war ein gemütlicher Horst da oben: ein Teppichresten, eine Holzkiste als Tisch, Kissen als Sitzgelegenheiten. Maurice und Marcel organisierten sogar einen Elektroofen mit Verlängerungskabel für frostige Tage.
Ein Stoffaffe bewachte von Anfang an den Eingang. Als Türsteher zeigte er Untenstehenden an, ob jemand oben war. Und er tröstete nicht nur die Mädchen. Darauf kam Kiki erst nach dem grossen Bruch.
Ihm hatte der Ahorn seinen Namen zu verdanken.
Nach dem Wegzug der Buchers war nichts mehr wie zuvor. Nach und nach vereinsamte der Bretterverschlag, hing schief und verlassen in den Ästen. Kiki fiel auf wie hoch der Baum mittlerweile geworden war. Ungewöhnlich nahe kam er den Mauern. Der Wipfel stand weit über dem Giebel und das Laub beschattete die südliche Fensterfront.
Logisch, wenn ein neuer Besitzer hier Hand anlegen würde.
Kiki sah, dass Riri sich über die geplanten Veränderungen freute.
Verständnislos.
«Es ist Zeit.» Riri betrachtete ihre Nägel. «Zeit, die alten Zeiten, alt sein zu lassen.» Sie seufzte und unvermittelt schnellte ihr Kopf hoch. «Kiki, sieh her! Es gibt einen Holzbau, das geht flott und der Umbau steht. Unser Grundstück wird davon nicht beeinträchtigt. Im Gegenteil, es wird mehr Licht geben.» Riri wirkte gespannt und eisern. Ihre Wangen blieben blass.
«Bist du verrückt!», rief Kiki. «Das ist unsere Kindheit, das sind unsere Wurzeln, das ist unser Baum. Tu nicht so, als wäre es dir egal. Du wirfst unsere Zeit fort wie lästiger Müll.» Ihre Hand fegte über den Tisch und hätte beinahe Geschirr mitgerissen. «Einfach so? Du bist so oberflächlich!»
Riri stand stramm. Als hätte Kiki ihr einen Krug Wasser übergegossen.
Oberflächlich? Riri mangelte es nicht an Tiefgang. Da hatte sie vielleicht etwas weit gegriffen. Egal. Zu allem Überdruss spürte sie, dass Riri sie am liebsten in die Arme genommen und beruhigt hätte. Sie wollte nicht besänftigt werden. Jetzt nicht. Sie wollte Streit. Damit kannte sie sich aus. Das beherrschte sie erstklassig.
«Maman, sag auch mal was!» Ihre Mutter war ihre Verbündete gegen Riri.
Maria Dunon blinzelte Kiki zu. «Wenn du ihn so liebst, dann müssen wir mit Daniel und seiner Familie reden. Sie dürfen das nicht ohne unsere Einwilligung, oder Aurélie?» Mamans Antlitz war wie aus Wachs, als sie sich Riri zuwandte. Graue Frisur im bläulichen Ton, Kukidentlächeln. Jedes Detail sass. Sie hätte in sämtliche Senioreninserate gepasst. Mit Dackelaugen und ehrenhaftem Strahlen.
Kiki entspannte sich.
«Maman!» Riris Wangen überzogen sich mit zartem Rot. «Das haben wir soeben besprochen. Wir werden nicht wieder in dieses Riesending hochklettern. Kiki nicht und du nicht. Also was soll das?»
Wunderbar. Riri wurde wütend. Kiki bog auf die Ziellinie ein und holte abermals aus: «Du mit deiner arroganten Art. Findest alles grossartig, was andere tun. Ständig sagst du ja, bist einverstanden und nett. Wehrst du dich auch einmal? Für etwas, das dir wichtig ist?» Sie blitzte ihre Schwester an.
Riri schluckte. Langsam drehte sie sich zur Spüle weg. Kiki fragte sich zum x-ten Mal, wo ihre Schwester ihre Beherrschung hernahm. Was ging in dieser Frau vor?
«Ist das ein Problem für dich? Willst du mir nicht helfen? Ist das zu viel verlangt, Aurélie?» Die Stimme von Maman schnitt einen tiefen Graben. Die Werbemiene war aus ihrem Gesicht gewichen, triefte nun vor Anklage und Erwartung.
«Natürlich nicht, natürlich nicht.» Riris Spannkraft erschlaffte, sie liess die Schultern hängen, stützte sich mit den Armen ab.
Kiki lehnte zurück. Das Abholzen würde sich nicht verhindern lassen. Der Baum wuchs auf dem Nachbargrundstück und der Eigner durfte machen, was er wollte. Der Stamm sah morsch aus. Die Gefahr, dass der Wind künftig nicht mehr nur folgenlos mit den Blättern spielen würde, war offensichtlich.
«Ich werde hingehen und ein gutes Wort für dich einlegen. Aber ich verspreche gar nichts», sagte Riri atemlos und mit angestrengtem Lächeln.
Kiki runzelte die Stirn, das ging ihr zu glatt. «Sag denen, sie sollen sich eine andere Lösung für ihr Problem ausdenken!», stichelte sie.
«Warum machst das nicht du?», Riris Wut bellte.
«Wie bitte? Riri? Du weisst, ich schaff das nicht. Für solche Sachen bist du genau die Richtige.» Kikis Gesicht kopierte Mamans Werbemimik. «Ausserdem habe ich keine Gelegenheit, ich arbeite den ganzen Tag.» Sie grinste, als sie Riri den Waschlappen würgen sah. Händereibend setzte sich ihre Schwester.
Gemeinsam schwiegen sie.
Riri fand wieder Worte. «Dieser wunderbare Ort. Es ist so schade, dass er nur von alten Menschen bewohnt wird.»
«Ich bin nicht alt.» Maman betonte jedes Wort. Langsam. Sie biss sich auf die Lippen. Ein untrügliches Zeichen, dass sie beleidigt war.
Fettnäpfchen!
Riri war aussergewöhnlich vorhersehbar.
«Ach Maman, so meine ich das nicht.» Riri schüttelte ihre schwarzen Locken.
Ihre Mutter wickelte sich Kikis Strähnen um ihre knochigen Finger.
«Maman kann nicht ausstehen, wenn Gören lärmen. Dieser Bau wird unser Heim kaputt machen.» Kiki wollte nicht einlenken, noch nicht. «Nichts soll sich verändern, ich möchte, dass es so ist wie früher. Weisst du nicht, wie reizend unser Garten ist?»
«Kiki!» Riris Haut leuchtete nun vor Wut. «Jetzt schau dir diese Unterlagen an. Ihr seid beide verrückt.»
Der Lappen flog auf den Tisch und Riri verliess, ohne auf eine Reaktion zu warten, die Küche.
Riri lief in den Garten. Auf dem Parkplatz des Nachbarn stand das Motorrad, welches sie beinahe gerempelt hätte. Das hatte sie beim Ankommen nicht bemerkt. War das Daniels Fahrzeug? Geplapper schwappte herüber. Schnell bückte sie sich neben einen üppig blaublühenden Hibiskus und riss an einer verirrten, wilden Kamille. Es wäre ihr peinlich gewesen, jetzt gesehen und angesprochen zu werden.
Der Weg war von Sonnenblumen und Lilien gesäumt. Sie hob den Kopf und ihr Blick verfing sich in den Blättern des betagten Ahorns. Diese Erde war ihre Verbündete. Jeder Pflanze hatte sie ihre Geschichte erzählt, ihre Gefühle offenbart, sie mit ihren Tränen getränkt, mit Melancholie verwöhnt.
Das war ihr Garten. Sie wollte sich nicht gegen dieses Projekt stellen. Kiki machte ihr das Leben schwer. Die Hoffnung, sich mit ihrer Schwester auszusprechen zerrann, wie Wasser auf ausgetrocknetem Boden. Das Gummiband in ihrem Inneren dehnte sich zum Bersten. Sie richtete sich auf, zog die Schultern hoch, liess sie wieder hängen, liess sie kreisen, schaukelte sich hin und her, versuchte ihre Brust zu entspannen.
Ihre Schwester zettelte Streit an, wie üblich. Wieder war es ihr nicht gelungen, gelassen zu bleiben. Wieder hatte sie den Kampf verloren. Mit angespannten Zügeln war es schwierig, den richtigen Ton zu treffen.
Zimtstern – ich hätte mich für dich wehren sollen
Im Gemüsebeet wucherte Unkraut und Grashalme standen da und dort im Kies.
Fehlerhaft
Sie würde gerne häufiger herkommen. Die Schultermine ihrer Kinder, Fussballtraining, Turniere, Hausaufgaben, der Haushalt. Der alltägliche Wahnsinn einer Kleinfamilie. Wie sollte sie das alles schaffen? Niemand merkte ihre Anstrengung. Für alle war sie die Perfekte, Unermüdliche. Unkraut zwischen Daumen und Zeigefinger zerkrümelnd, ging sie zum Geräteschuppen und langte nach einem Eimer. Sie klaubte die umgestülpten Fingerteile ihrer Gartenhandschuhe hervor, zog sie sich über, legte eine Matte auf die Erde und kniete sich hin.
Sie vergass alles um sich, liess sich von der Zeit verschlingen.
Sie vermisste ihren Vater. Er war es gewesen, der sich oft zu ihr gesellt hatte, bisweilen eine Stunde lang neben ihr gewerkelt hatte, bevor er zu plaudern begann. Er hatte die Beklemmung in ihrem Herzen immer verstanden. Auch wenn sie mit ihm nur floskelte. Seine Naturverbundenheit fehlte ihr. Dass er so früh hatte sterben müssen, tat ihr heute noch weh. Er hätte sie auch jetzt erkennen können.
Unvermittelt stand Kiki hinter ihr. «Du machst Gartenarbeit?»
Riri guckte hoch.
«Komm bitte rein.»
Erstaunlich. Lange her, dass Kiki von sich aus Versöhnung angeboten hatte. Riri stand langsam auf.
«Ich habe die Pläne studiert. Du hast Recht. So schlimm sieht das Vorhaben gar nicht aus. Wir haben darüber geredet. Maman möchte den Brief bestätigt zurückschicken», sagte Kiki.
Riri begriff nicht, weshalb ihre Schwester das nicht selbst erledigte. Sie wurde behandelt wie eine Angestellte. Riri schaute weg, drehte sich und schob mit dem Fuss so heftig den Eimer zur Seite, dass er umkippte. Ihr Rücken brannte. Sie liess ihr Werkzeug liegen und stumm betraten sie die Küche. Das Geschirr war stehen geblieben. Butter und eine frisch angebrochene Packung Käse trotzten vergeblich der Wärme. Maman hatte sich aufs hellgrüne Sofa gelegt, die Augen geschlossen.
Riri räumte den Tisch ab, ordnete die Unterlagen.
Ein paar Handgriffe, dann entschied sie, den Boden feucht aufzuwischen. Kiki und ihre Mutter hatten sich derweil auf die Terrasse verzogen, lagen auf Liegestühlen und plauderten. Riri stopfte schmutzige Wäsche in die Maschine, staubte duzende Porzellanengel ab, welche Maman in ihrem Glasregal aufbewahrte, haushaltete still für sich. Sie vergass zu denken, beruhigte sich an der einförmigen Tätigkeit. Erneut fiel sie durch die Zeit. Auf einmal fand sie sich in der sauberen Küche wieder, hielt inne. Dachte unvermittelt an Alain.
Normalerweise kochte sie samstags für ihre Mutter. Jetzt wollte sie nur noch nach Hause. Maman würde sich wundern, wenn sie einfach ginge. Sie liess die gestoppte Luft durch ihre Nase entweichen und erschrak ob dem Geräusch, welches hervorzwängte. Sie öffnete den Kühlschrank. Er war voll, als würde eine Familie da wohnen. «Oh?», erleichtert blubberte sie vor sich hin. Sie schluckte ihre Gewissensbisse. Hastig durchquerte sie das Wohnzimmer, lehnte sich in den Türrahmen zur Veranda, winkte ein kurzes «Adieu» und bevor die beiden Frauen reagierten, verschwand sie durch die Haustür.
Ein Typ in weissem T-Shirt lehnte am Motorrad und tippte in sein Handy. Lässig, sich seiner Wirkung bewusst, jung. Das war nicht Daniel. Er hob den Kopf, schaute sie an, blieb an ihr hängen. Sein Mund öffnete sich. Riri nickte zum Gruss, stieg aufs Fahrrad und radelte wild los. Hoffentlich hatte er die Hitze in ihrem Gesicht nicht gesehen. Nach einigen Metern schaute sie sich um, scannte die Umgebung. Der Mann war verschwunden, dafür lehnte sich Kiki aus dem Küchenfenster, sah ihr nach.
Sie grinste.
Flucht gelungen
Wie sollte sie mit Kiki reden? Ihre Schwester suchte ständig Streit. Einst, in diesem Garten, waren sie sich so vertraut gewesen.
Ich würde ihr so gerne von mir erzählen
Kiki räkelte sich in ihrem Bett. Montagmorgen. Der Wecker zeigte zwanzig nach sechs. Sie hatte keine Zeit zu verlieren. Sie war kein pünktlicher Mensch, aber niemals würde sie zu spät an der Arbeit erscheinen. Verschlafen machte billig, erinnerte sie an Pubertät, Pickel, Stunden vor dem Kleiderschrank und an einen gehetzten Schulweg mit hungrigem Magen. Dann lieber gleich krank.
Ihr Job langweilte sie.
Sie sollte sich sputen. Mechaniker einteilen, Dienstpläne anfertigen, Rapporte ablegen, Frachtpapiere erstellen, Rechnungen, Offerten, Termine, Auskünfte, Telefonanrufe, mit Mitarbeitern plaudern.
Keine Lust
Die Kollegin, welche seit einem Monat das Büro mit ihr teilte, würde ohne sie ins Schleudern geraten. Kiki hielt sie für begriffsstutzig, das nervte.
Der Juniorchef würde seine Gattin im Sekretariat aushelfen lassen, damit der Betrieb reibungslos von statten ginge. Das gäbe Schwierigkeiten. Die Frau hatte unlängst Zwillinge geboren und stand unter Stress. Sie tat sich ebenso schwer mit der neuen Arbeitskraft wie sie.
Kiki schob die Laken von sich, setzte sich auf. Ihre Hülle fühlte sich leer an. Welk wie eine Blume ohne Frischwasser. Sie brauchte dringend wieder einen Mann.
Am Sonntagabend war sie mit einem der Fahrer ausgegangen. Er war nett. Sie hätte es sich vorstellen können. Die Fantasie mit ihm zu schlafen, hatte ihre Haut prickeln lassen.
Und das Essen war vorzüglich gewesen. Gespritzter Weisswein zum Aperitif, verführerischer Amarone zu Rindsfiletsteak und Pommes. Die zweite Flasche wäre nicht nötig gewesen. Dass er ihr erst nach dem Hauptgericht eröffnet hatte, dass er sich wieder mit seiner Ex-Frau traf, nahm sie ihm übel. Nur deshalb hatte sie Nachtisch bestellt.
Wieder hatte sie sich getäuscht. Sie hatten sich in der Innenstadt verabschiedet. Und sie entschied sich für einen Absacker in ihrer Lieblingsbar. Obwohl sie ahnte, dass sie da keine Neuerscheinungen treffen würde.
Dem Kerl wollte sie heute bei der Arbeit nicht begegnen.
Sie fühlte sich wie in einer Wäscheschleuder, kreiselte noch ein wenig. Benommen schlurfte sie ins Bad. Ihre rotbraune Mähne türmte sich wirr auf ihrem Kopf. Bevor sie sich im Spiegel ansah, griff sie nach ihrer Bürste. Sich zu frisieren brachte alles in Ordnung. Sie genoss es, bearbeitete Strähne für Strähne. Behutsam, ausgiebig, sinnlich. Auf ihren wallenden, roten Schopf war sie stolz. Ihre Haare waren es, die sie exotisch und sexy aussehen liessen. Jetzt erst begrüsste sie ihr Spiegelbild. Sie gefiel sich, ihre runden Brüste, ihr weicher Bauch. Ihr sanftes Wesen wurde durch ihr üppiges, wallendes Haar sichtbar.
Guten Morgen Prinzessin
Abermals war sie dem Charme eines witzigen Kollegen erlegen. Zweideutigen Sprüchen, flapsigen Höflichkeiten und der Andeutung, begehrt zu werden, konnte sie sich nicht entziehen. Wieso erkannte sie niemand?
Immer der Falsche
Wann tauchte endlich der Richtige in ihrem Leben auf? Sie würde sich so gerne verlieben.
Sie kämmte sich in Trance, bis sie ihren Pyjama entdeckte, welcher leidenschaftslos an ihr hing. Sie wandte sich ab. Es ging ihr miserabel. Leise und sorgfältig legte sie ihre Bürste auf die Ablage und wanderte Richtung Küche.
Der Weg war zäh wie Watte. Ein Grappa und Resten von Gebäck standen auf der Spüle und erzählten ihr vom Frust der vergangenen Nacht. Sie räumte den Teller in die Abwaschmaschine und grabschte sich die Flasche. Verdutzt wie wenig sich darin befand, drehte sie kratzend den Deckel auf und schnupperte an der Öffnung. Reflexartig zog sie die Augen kraus und die Nase hoch, überrascht, dass der Geruch sie nicht ekelte. Schnell stellte sie die Flasche neben Essig und Öl in den Schrank. Die Kaffeemaschine gluckerte grollend und wartete auf ihren Auftrag.
Sie würde anrufen.
Migräne
Migräne wäre ein verständlicher Grund, zu Hause zu bleiben. Sie sehnte sich nach Musse, um sich zu trösten. Kiki fischte ihre Bratpfanne hervor und briet sich zwei Spiegeleier. Wenn nichts mehr ging, besänftigte sie diese sonnige Eierspeise. Sie ass sie stehend, mit der Gabel direkt aus der Pfanne.
Sie wollte einzig rausgehen und ihren Wagen in die Garage stellen. Es war nicht angebracht, wenn Riri mitbekam, dass sie blaumachte.
Morgen würden alle froh sein, wenn sie wieder im Büro erschien.
Beim Gedanken an Riri schob sie ihre Unterlippe vor. Riri würde in dieser Verfassung arbeiten. Klaglos. Sie wäre hart mit sich und würde ihre Schwäche keinem zeigen. War Riri überhaupt jemals müde? Diese Selbstdisziplin war so abstossend.
Riri, immer wieder Riri. Es gab Menschen, die machten nie etwas falsch. Kiki entsann sich nicht, dass Riri je irgendetwas versiebte. Jünger und kleiner gewachsen und trotzdem überall die Erste. Und auch wenn sie sich öfters über Riris Art oder ihre Einstellung geärgert hatte, im Nachhinein betrachtet lag in all ihrem Tun ein Sinn. Und was sie tat, geschah in einem Tempo, welchem Kiki nicht folgen konnte. Riri gelang alles, Riri hatte alles.
Alles, was ich mir wünsche
Kiki versuchte nicht neidisch zu sein. Oder eifersüchtig. Die beiden Begriffe verwechselte sie regelmässig, hatte die Differenz nie gerafft.
Wie auch immer
Riri war anfänglich vom Vater und danach von der Liebe bevorzugt worden. Und Kiki wollte Riris Leben. Egal, wie sich dieses Gefühl nannte.
Scheisse
Sie hatte Riri gern. Ihre Bewegungen, ihr Lachen, ihr Wille, sich um alles zu kümmern. Sie schaute Riri gerne an, schaute ihr gerne zu, war gerne ihre Schwester. Sie waren füreinander da, wenn sie jemanden brauchten. Riri fiel alles leicht, Riri war die Goldmarie.
Kiki hatte es satt die Pechmarie zu sein. Sie war nicht faul, tat ihre Pflicht und gab sich Mühe. Was sie auch tat, Unglück und Mühsal blieben an ihr kleben. Sie wollte endlich zum Zug kommen. Sie konnte nichts dafür, dass Papa sie nicht liebgehabt hatte, sie ihm nie genügte, ihr deshalb vieles schwerer fiel als anderen.
Sie genügte heute, fünfzehn Jahre nach seinem Tod, noch immer nicht.
Selbstmitleid kroch in ihr hoch. Riri hatte am Samstag umwerfend ausgesehen. Trotz ihrer langweiligen, schwarzen Garderobe. Kiki war eine attraktive Frau und Männer fühlten sich zu ihr hingezogen. Doch egal was sie tat, neben Riri blieb sie gewöhnlich. Manchmal vergriff sie sich im Stil, da nützten ihr ihre aussergewöhnlichen Haare nichts. Und ihr Alter war nicht zu verbergen. Kürzlich hatte tatsächlich eine Verkäuferin sie Oma genannt.
Sie war es leid, als Erstgeborene Zweite zu sein.
Sie dachte an Maman und ihre trübe Laune verkrümelte sich. Kiki hob den Kopf, drehte sich dem Porträt ihrer Mutter zu, welches gerahmt auf dem Sideboard neben dem Esstisch lehnte. Sie nickte ihr flüchtig zu. Ein Lächeln vertrieb unauffällig einige Falten von ihrem Gesicht.
Dass sich der Garten durch den Bau der Nachbarn verändern würde, störte sie mit der Beharrlichkeit einer Dornwarze. Riris Gespräch mit Daniel würde nicht fruchten und bald wäre nichts mehr wie einst. Früher hatte es befreit, dem oberflächlichen Getue ihrer Mutter und dem strengen Regime ihres Vaters nach draussen in den Ahornbaum zu entfliehen und mit Riri, Marcel und Maurice ihre eigene Welt zu erschaffen.
Maurice
Sie hätte ihn um ein Haar vergessen. Die Verbindung zu ihrem Kindergartenschatz hatte sich mit Beginn der Pubertät verändert. Nach seinem Umzug hatten sie sich einige Male zufällig an offiziellen Anlässen, Gemeindeveranstaltungen, Turnervorstellungen, Konzerten und ähnlichem getroffen. Er hatte mit ihrer Entwicklung nicht mitziehen können. Er war ihr peinlich geworden. Dann, ohne es zu bemerken, hatte sie ihn vergessen. Seit letzten Samstag spukte er in ihrem Kopf herum. Sie könnte seine Mutter besuchen, wo wohnte die heute? Das wäre spannend, wahrscheinlich würde sie etwas über Maurice erfahren.
Kiki telefonierte mit ihrem Vorgesetzten und parkierte um. Als sie den Briefkasten öffnete, fiel zwischen den Werbeprospekten ein zartlila Umschlag auf den Boden. Sie hob ihn auf und drehte ihn um.
Herzchengeprägt.
Geburt oder Vermählung
Heftig riss sie die Klappe auf. Es handelte sich um eine Anzeige zur Trauung eines Bekannten. Eines Freundes. Ex-Freundes.
Das Verhältnis mit Ciril war vage geblieben. Er war ein weicher Mann. Angepasst und beflissen. Vielleicht etwas zu bieder, demütig. Als er sie in den Bären zum Essen eingeladen hatte mit der Ankündigung, er müsse mit ihr reden, hatte sie abgewägt, ob es ideal wäre, nach so kurzer Verliebtheit, in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen. Ihre Freude war unbändig gewesen. Berauscht hatte sie ein extravagantes Kleid gekauft. Und mitten im Hauptgang machte er Schluss. Er sei nicht offen für eine feste Beziehung. Wie lange war das her? Vier Monate?
Und jetzt heiratete er. Bereits nächsten Samstag.
Ha!
Ihr Herz tat ihr weh. Der Grappa rief.
Nein, sie würde sich nicht unterkriegen lassen. Hochzeiten versprachen, andere Leute kennen zu lernen.
Diese Einladung würde sie annehmen.
Sana stocherte in ihrem Essen.
«Geht es dir nicht gut?» Das Flattern im Bauch liess Riris Stimme vibrieren.
Sanas Besteck schepperte auf ihren Teller, sie kullerte dramatisch mit den Augen.
«Mann, alles bestens.» Kopfschüttelnd griff Sana wieder nach der Gabel und theatralisch pikste sie ein Salatblatt auf.
«Das kannst du mir auch höflich sagen. Hast du dich nochmals übergeben müssen?» Seit dem Vorfall war eine Woche vergangen. Riri hatte sich bisher verkniffen, nachzufragen. Ihr aufbrechender Gefühlsstrom hatte jegliche Fürsorge für ihre Tochter verdrängt. Ihre Frage rüttelte nun nicht nur Sana auf. Geräusche hallten unerwartet von Riris einem Ohr zum anderen: Schepperndes Metall, hallende Schritte, flüsternde, unverständliche Worte. Und eine Anwandlung von Muskelkater in der Magengrube.
«Was soll das? Ich habe am Freitag was Schlechtes erwischt. Ich bin ok.» Sana schaute ihre Mutter nicht an.
Erleichterung umhüllte Riri warm. Es wurde leiser in ihrem Ohr. «Dann ist es ja perfekt.» Riri bewegte sich auf vermintem Terrain. Sana war in letzter Zeit kaum ansprechbar. Sie stellte alles in Zweifel, reagierte verstockt und unversöhnlich. Riri beobachtete Jan, wie er unbeirrt und gelassen mit dem Löffel das Essen in sich hineinschaufelte, Reiskörner trollten. Er tat ihr leid. Auch er bekam die Launen seiner Schwester zu spüren. Zum Glück lebte er noch in seiner heilen Welt voller Freunde, Musik und Skateboards.
«Heute komm ich später, gehe ins Juhu.» Die Jugendarbeit in Seuzach boomte. Die Schüler und Schülerinnen nutzten rege das Angebot, um an einem geschützten Ort zu sein. Die jungen Betreuer und Betreuerinnen hatten das Vertrauen der Teenager gewonnen. Wussten sie mehr als die Eltern? Sie könnte vorbeigehen und sich informieren.
Sana krümmte sich über ihren Teller, löffelte plötzlich brav Bohnen und Reis in sich hinein.
Riri bückte sich, um sie anzusehen. Tatsächlich, Sana war rot angelaufen und versuchte ihre Verlegenheit zu kaschieren. «Hör auf!» Unsicher schob sie mit der Hand ihre Mutter von sich. Mit flimmernden Wimpern.
«Was? Was ist los, Sana? Komm schon?» Hatte sie irgendetwas verpasst?
«Nein, nichts. Ich will einfach mit Chiara da hin. Es gibt eine Schnupperstunde für Shuffle Dance, das interessiert mich.»
Ein schiefes Lächeln umspielte ihren Mund, welches das Mädchen nicht zügeln konnte.
«Sana? Da ist doch was im Busch!» Riri spielte Varianten durch: Sana belog sie, wollte unerlaubt schoppen, Mutproben beim Ladendiebstahl, heimliches Rauchen, Trinken.
«Sana ist verliebt!» Jan sang es, während er im Takt wippend mit dem Finger auf Sana zeigte.
Jungs, Küssen, Sex!
In Sekundenschnelle sprang Sana vom Stuhl, ihr Arm sauste nach vorn, packte Jan und schleifte ihn am T-Shirt über den Tisch. Reiskörner klebten sich an seiner Brust fest. Sofort schnappte sie seine schwarzen, dichten Haare und zerrte.
Jan zog den Kopf zurück, grinste. So mühelos liess er sich nicht unterkriegen, zeigte, wie hart er war. «Sana ist verliebt, Sana ist verliebt.» Er duckte sich weg, riss das Gedeck mit, welches Riri mit schneller Reaktion auffing. Mit der Hüfte drückte sie sich zwischen die beiden Streithähne. Dann umschloss sie Sanas Handgelenke.
«Was fällt dir ein, es reicht!» Riri schrie, ihre Wangen glühten.
Der Schmerz war wieder da, wie ein Messer in ihrem Unterleib.
«Hast du einen Freund? Wer ist es?» Auf einmal sah sie sich selbst zu. Wie eine Fliege an der Decke bestaunte sie ihr eigenes Treiben. Sie roch frischgekochtes Gemüse, vermischt mit Schweiss, Adrenalin. Und Angst, deren Geruch sich metallisch-schal in ihren Nasenhärchen verhedderte. Was tat sie da? Schlagartig wurde ihr bewusst, wie sonderbar sie mit ihrer Tochter umging. Beschämt über ihre heftige Reaktion, liess sie los.
Mit einem Ruck befreite sich Sana, drehte sich und rannte die Treppe hoch.
«So nicht, so nicht, Mädchen!» Riris Furcht wollte sich nicht zähmen lassen.
«Soll er … » Sana kümmerte sich nicht, verschwand im Zimmer und warf die Türe zu.
Jan half Riri abzuräumen und sauber zu machen. Er nahm die Situation gelassen. Mimte den Lieblingssohn. Riri nahm seinen Langmut dankbar an.
«Weisst du etwas? Hat Sana einen Freund? Wen denn?» Es war ihr peinlich, ihn auszuhorchen. Grauen kroch ihr über den Rücken. Sie bewegte sich ungelenk und hölzern. Sie musste es wissen.
«Die ist seit ewig in Janic verknallt.» Verächtlich winkte er mit den Händen ab. Riri zog die linke Braue schief. Janic ging seit dem Kindergarten in dieselbe Klasse wie Sana, wohnte einige Häuser weiter. Als Grossmaul hatte er öfters Zoff auf dem Schulhof. Seine Kraft, gepaart mit einem smarten Charme, half ihm jedoch, Jungs und Girls um sich zu scharen, welche imponiert waren von seiner Offenheit und seinem Mut, im Konflikt mit Erwachsenen für sich einzustehen. Sana fand ihn während der Unterstufe doof und wollte den Schulweg nie mit ihm zurücklegen.
«Gestern habe ich die beiden getroffen.» Jan spottete. Riri strich ihm den zerzausten Schopf zurecht. «Chiara war ebenfalls da, Hand in Hand mit Jonas.» Jan formte einen Kussmund. «Die küssten sich.» Seine Zunge schoss hervor und er deutete Brechreiz an. «Abartig!»
Riris Herz setzte einen Schlag aus. Wenn Sanas Kollegin mit einem Jungen zusammen war, dann stand Sana unter Druck, ebenfalls einen Freund zu haben.
Sie musste unbedingt mit ihr reden.
Sie stand am Bahnhof.
Leer.
Die Leere füllte ihren Bauch, bis er fast platzte.
«Bronchitis geheilt.» So nannten sie es.
Sie hatte es mit ihren Gedanken umgebracht.
Es. Er.
Es wäre ein Junge geworden, sagten sie.
Sie wollte es nicht sehen.
Das Tote.
Wollte nicht sehen, woran sie schuldig geworden war.
Eine Frau ging an ihr vorbei.
Kenn ich die?
