Killing Moon - David Pedreira - E-Book
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Killing Moon E-Book

David Pedreira

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Beschreibung

Wo lauert der wahre Feind? Vor dieser Frage steht Caden Dechert, Leiter der amerikanischen Mondmission zum Abbau des Energielieferanten Helium-3. Im Jahre 2072 streiten fünf Großmächte um die Vorherrschaft auf dem Erdtrabanten. In der lebensfeindlichen Umgebung war die Sicherheit der Crews trotzdem stets oberstes Gebot. Doch als eine Bombe ein US-Teammitglied tötet, muss Dechert nicht nur einen Saboteur und Mörder jagen. Er muss auch einen offenen Krieg zwischen den USA und China verhindern, wenn sein Team überleben will ...

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Seitenzahl: 397

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

Cover

Über den Autor

Titel

Impressum

Widmung

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Danksagungen

Über den Autor

David Pedreira war lange Jahre als Journalist tätig, unter anderem für die Tampa Tribune und die St. Petersburg Times. In dieser Zeit wurde er vielfach für seine Arbeit aus­gezeichnet. Heute ist er Mitinhaber einer erfolgreichen Firma für Personalwesen. Er lebt mit seiner Familie in Tampa, Florida. Killing Moon ist sein Debütroman.

DAVID PEDREIRA

KILLINGMOON

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Dr. Dietmar Schmidt

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2018 by David Pedreira

Titel der amerikanischen Originalausgabe: »Gunpowder Moon«

Originalverlag: Harper Voyager, an imprint of HarperCollins Publishers, New York

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Uwe Voehl, Bad Salzuflen

Titelillustration: © shutterstock/Triff; © Marc Ward/shutterstock; © Maribor/shutterstock; © nednapa/shutterstock; © Vadim Sadovski/shutterstock

Umschlaggestaltung: Massimo Peter-Bille

eBook-Erstellung: Olders DTP.company, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-5682-3

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

1

Der Mond, Mare Tranquillitatis, 2072

Dechert stand am Kraterrand und blickte nach unten. Dionysius war ein Monstrum: drei Kilometer tief und weit genug, um Manhattan zu schlucken. Weil das Licht der untergehenden Sonne zu flach einfiel, um seine Abgründe zu erhellen, war es in ihm schwarz wie in einem Brunnenschacht. Was hatte Fletcher gesagt, als er ihn in die Stationsführung einarbeitete? Ach ja: Panik bringt Sie nicht nur um – Sie stehen dabei auch noch wie ein dummes Arschloch da.

Harte Worte, aber Fletcher hatte sich auch nie einen Sixpack Raketenmotoren an den Raumanzug geschnallt, um ins offene Maul eines Kraters zu springen.

Das hatte noch nie jemand getan.

Dechert bewegte die Zehen, um Blut hineinzupumpen, aber weiterhin stiegen ihm eisige Nadelstiche die Füße hoch wie tanzende Spinnen. Er nestelte an der Sauerstoffzufuhr, stapfte mit den Stiefeln auf und versuchte, die Leere, die sich vor ihm auftat, zu verdauen.

»Alles klar«, sagte Quarles in seinem Helm.

»Scheiße.«

»Was ist Scheiße?«

»Nichts. Warnen Sie mich beim nächsten Mal einfach, bevor Sie das tun.«

»Was?«

»Reden.«

»Okay. Wie soll ich Sie davor warnen?«

Dechert fletschte die Zähne. »Schon gut. Was wollen Sie?«

»Ich wollte Ihnen sagen, dass es gut aussieht. Die Raketen sind synchron und klar zur Zündung. Fernlenkung und Telemetrie klar, Anstellwinkel vierundachtzig Grad. Haben Sie Ihre Lampen an?«

»Ja.« Was immer mir das nützt, dachte er.

»Gut. Schreiben wir Geschichte. Vier-null Sekunden ab … jetzt!«

Vierzig Sekunden. Dechert wich unbeholfen ein Dutzend Schritte vom Kraterrand zurück und zählte dabei herunter. Zum ersten Mal seit langer Zeit empfand er Angst, und es war kein angenehmes Gefühl – Kupfergeschmack im Mund und verschärfte Wahrnehmung. Beides erinnerte ihn an den Krieg.

»Drei-null Sekunden.«

»Das war mal besser kein Übertragungsfehler, Quarles. Wenn ich feststellen sollte, dass der Bohrer da unten doch noch Fels frisst, schmeiße ich Sie persönlich aus der Luftschleuse.«

»Verstanden. Zwo-null Sekunden. Alle Werte nominal.«

In Decherts Ohren rauschte das Blut. Nominal. Was zum Teufel soll das heißen?Gibt es ein blöderes Wort als nominal? Die Angst hielt ihn gepackt, und er suchte nach inneren Ablenkungen, ein alter Pilotentrick, um bei der äußeren Sache zu bleiben. Er ging die Höhepunkte seiner Laufbahn durch, hakte die Punkte in seinem Lebenslauf ab, als zischten sie über das Head-up-Display in seinem Helm: sechs Erstflüge durch die Bergketten rings um die zentralen Maria des Mondes, zwei Rekorde bei Mondüberquerungsmissionen, Befehl über eine Schürfstation der Stufe 1, noch auf der Erde ein Silver Star für Tapferkeit unter Beschuss im Bekaa-Tal. War das die Karriere eines Feiglings, eines terranischen Greenhorns? Ob er jetzt zu schwer nach Luft keuchte oder nicht, konnte jemand bezweifeln, dass er den Mumm hatte für diesen Sprung?

Und trotzdem stand er da und zweifelte an sich selbst.

Ein gedämpfter Warnton piepte im Helm, und aus seinem Headset drang Quarles’ Stimme, nachdem sie per Funk fünfhundert Kilometer überbrückt hatte. »Okay. Countdown ab zehn. Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwo, eins, null. Schritt, Schritt und Zündung.«

Er hätte sich keine Sorgen zu machen brauchen – kaum sagte Quarles »Zündung«, machte Dechert in der niedrigen Schwerkraft des Mondes drei Sprungschritte. Das Raketenpack seines Anzugs hob ihn von der Kraterwand. Er blickte an seinen Stiefeln vorbei in die Schwärze und zog den Kopf in den hinteren Teil des Helms zurück.

»Dreihundert Meter und steigend«, sagte Quarles. »Zehn Sekunden bis Gipfelpunkt, zwölf Sekunden bis Bremsschub.«

Als er über den Kraterwall von Dionysius stieg, erhaschte er einen letzten Blick auf den Teil des Mare Tranquillitatis, der noch auf der Tagseite lag. An den steilen Impaktklippen der Krater Ritter und Sabine im Südosten funkelten weiße Bänder aus Eruptivgestein. Das dunklere vulkanische Tiefland des umgebenden Mares erstreckte sich zum Horizont wie tote afrikanische Steppe.

Dechert schloss die Augen und wartete darauf, dass die Hitze der Sonne von ihm genommen wurde. Das war kindisch, und kaum hatte er es getan, machte es ihn wütend.

»Gegenschub auf mein Zeichen«, sagte Quarles. »Jetzt!«

Dechert fiel. Die Leichtigkeit in seinen Eingeweiden verriet ihm, dass es abwärtsging, ein Gefühl, dass sein Körper stürzte, während seine lebenswichtigen Organe über ihm zurückblieben. Er sog Luft ein und hielt die Augen geschlossen, um von dem Flug und vom Mond selbst zu fliehen, aber damit verstärkte er nur seine Desorientierung, sein Gefühl der Entkörperlichung. Er konzentrierte sich auf das Geräusch seines Atems, das Zischen der Ventile, das in seinem Helm hallte wie bei einem Taucher, der eine Strömung durchquert. Quarles brauchte gar nicht auf die Biotel zu schauen, um zu wissen, dass Dechert Angst hatte. Er brauchte nur zuzuhören. Auf dem Mond gab es keinen Schall, und die Luft, die in Decherts Lunge strömte und aus ihr hervorkam, bildete einen schlagenden Beweis gegen ihn.

»Wie geht’s uns denn?«, fragte Quarles.

»Nicht gut.«

»Kotzen Sie bloß nicht in Ihren Helm.«

»Prima Ratschlag.«

»Gern geschehen. Vier-null Sekunden bis Sprung-Eins. Noch immer alles nominal.«

»Gut.«

Sie hatten sich den Krater Dionysius für Bohrstation 7 ausgesucht, weil es in ihm brauchbare Wasserspuren gab und er außerdem gut zugänglich war. Für einen lunaren Impaktkrater fiel er verhältnismäßig klein und einheitlich aus. Entstanden war er vor einer knappen Milliarde Jahren durch den Einschlag eines winzigen kosmischen Geschosses. Sein Boden war so glatt wie eine nordamerikanische Salztonebene. Zumindest hatten die Lunar-Geologen das versprochen. Allerdings arbeiteten diese Geologen unten in New Mexico mit topografischen Karten, und Dechert trösteten ihre Versicherungen nicht besonders.

Er hätte sich auch mit einem Shuttle in BS-7 stürzen können und wäre dann von einem Sitz aus verstärktem Titan und einer Haut aus zwei Tonnen Superlegierung geschützt worden. Der Raketenanzug musste jedoch unter Einsatzbedingungen getestet werden, und Dechert wollte auf keinen Fall seine Leute mit Prototypen in den Einsatz schicken. Außerdem war jetzt die Methode sowieso nicht mehr wichtig. Nur die Mission. In der Schwärze des Kraters warteten ein Geheimnis und eine Krise darauf, gelöst zu werden.

Ohne Vorwarnung war das Wasserfahrzeug der Bohrstation vor vierzehn Stunden verstummt. Bis zum Ausfall hatte es keine Telemetrie gegeben, keine Datenübermittlung an den Reaktor oder den Zentralcomputer der Station. BS-7 stellte ein Viertel des Trinkwasser- und Sauerstoffbedarfs im Meer der Heiterkeit bereit. Sein Ausfall bedeutete keine Katastrophe, aber die Umstände dieses Versagens weckten in Dechert Unbehagen – und noch mehr der Zeitpunkt, zu dem es erfolgt war. Wieso war vor dem Totalausfall keinerlei Telemetrie erfolgt? Quarles konnte es sich nicht erklären, Thatch ebenso wenig, und beide kannten die Systeme besser als ihre Fingernägel. Die einzige denkbare Erklärung bestand im Einschlag eines Mikrometeoriten, aber die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas eintrat, war statistisch vernachlässigbar. Es war, als wäre ein Stecker gezogen worden … aber an der offenen Oberfläche des Mondes zog niemand einen Stecker.

Kälte umschloss Dechert. Im Mondschatten öffnete er die Augen und musste blinzeln, um sich zu vergewissern, dass sie nicht geschlossen waren. Auf der Erde ist Schatten nicht mehr als eine Abtönung, ein Fleck kühler Zuflucht vor dem allgegenwärtigen Sonnenschein. Auf dem Mond ist er ein reines Schwarz, das sich nicht beschreiben lässt, und am Boden eines Kraters, dessen Seiten im Schatten liegen, könnte man sich genauso gut am Rand des Universums bewegen, wohin noch kein Sternenlicht vorgedrungen ist.

Die Plasmalampen seines Helms warfen nadelstichartige weiße Strahlen, die nur wenig gegen das Nichts ausrichteten. Zahlen blitzten auf der Innenseite von Decherts Helmscheibe auf und verrieten ihm, dass der Kraterboden näher kam. Der Höhenmesser zählte rückwärts wie eine Uhr, die in die Vergangenheit reist. Er konnte nichts sehen. Ich bin ein Feigling, dachte er und kämpfte gegen eine Welle von Übelkeit an, die unter niedriger Schwerkraft nichts Ungewöhnliches war. Der ganze verrückte Scheiß, den ich bisher gemacht habe – damit wollte ich nur die gottverdammte Wahrheit verstecken.

»Warum muss ich Ihre Mistprototypen eigentlich immer als Erster testen?«, fragte er Quarles, weil er die Stille brechen wollte, auch wenn er die Antwort schon kannte.

»Weil Sie der Einzige sind, der genug bezahlt bekommt, um explosive Dekompression zu riskieren. Außerdem haben Sie sich freiwillig gemeldet.«

»Erinnern Sie mich daran, dass ich das in Zukunft lasse.« Dechert blickte sich um. »Wir hätten das nicht ohne Flug-Infrarot versuchen sollen.«

»Sie haben von mir verlangt, das FLIR aus dem Helm auszubauen, damit wir Blackout-Bedingungen simulieren können«, entgegnete Quarles. »Sehen Sie nach unten, und stellen Sie sicher, dass Alpha klar ist. Der Radar fasst nichts auf, aber wenn unter Ihnen Terrain ist, brauchen wir mindestens zwanzig Sekunden, um Ihre Sturzbahn zu korrigieren.«

Dechert reckte den Hals vor, damit er über den unteren Rand seines Visors hinabspähen konnte, und hoffte, die Konzentration auf eine Aufgabe würde den Schwindel lindern. Piloten hat nicht schlecht zu werden, dachte er. Aber Piloten saßen gewöhnlich in einem Raumschiff, statt frei durch die Finsternis zu fallen. Der Dampf aus seinem Atem hinterließ auf der Scheibe einen nebligen Beschlag. Die Helmlampen schwenkten ihre Strahlen durch die umgebende Schwärze, aber die Lichtkegel waren zu schmal, um sein Gefühl für oben und unten wiederherzustellen. Er weitete die Lichtkreise und erkannte den Boden. Wo er landen sollte, gab es nur feinen Mondstaub, Regolith, den äonenlanges kosmisches Bombardement zu feinem Mehl zerrieben hatte.

»Sieht aus, als gäbe es da nur Regolith«, sagte Dechert zwischen zwei Atemzügen. »Etwa hundert Meter nach Norden kleine Felsen, Brekzien, würde ich sagen, und ein Dorsum im Osten, aber Alpha sieht klar aus. Erinnern Sie mich, was zum Teufel ich beim Aufschlag machen soll.«

»Aufschlag? Himmel, Boss, haben Sie doch mal ein bisschen mehr Vertrauen. Die Raketen sind klar, um Sie abzufangen. Sollte eine Landung wie auf einem Federbett geben. Dann machen Sie zwei Schritte, als würden Sie einen Basketball dunken, und drücken Sie Neuzündung.«

»Was glauben Sie, wie oft ich schon einen Basketball gedunkt habe?«

»Das stimmt natürlich, weißer Mann.«

»Quatsch, Sie sind auch weiß, Quarles.«

»Na ja, Sie haben das aber schon mal gesehen, oder? Wie auch immer, die Startsequenz beginnt automatisch, und der Computer richtet die Raketen aus. Bei Ihrem nächsten Hopser sind fünfzehnhundert Meter vorgesehen. Danach ist BS-7 nur zwei weitere Hopser entfernt.«

»Verstanden.«

Drei Sprünge, wenn alles gutgeht und ich nicht ins All davonschieße, dachte Dechert. Selbst wenn er nicht in Panik und mental in der Lage war, Fluchtgeschwindigkeiten zu berechnen, hasste er Physik. Aber zwei Dinge wusste er: Wenn die Minijets auf dem Weg nach oben nicht im richtigen Moment abschalteten, stieg er weiter hoch in den Weltraum, und wenn sie auf dem Weg nach unten nicht mehr zündeten, reichte selbst die geringe Mondschwerkraft aus, um ihn beim Aufprall zerplatzen zu lassen wie einen Schneeball auf Beton. Dann müsste jemand anders den Ausfall von BS-7 untersuchen.

Nachdem sie seine gefrorenen Überreste eingesammelt hatten.

»Zwo-null Sekunden, Bremsschub acht-null Prozent, Fallgeschwindigkeit ein Meter pro Sekunde«, sagte Quarles.

Dechert konzentrierte sich wieder auf das Unmittelbare. In den beleuchteten Kreisen auf der Mondoberfläche konnte er durch seine Helmscheibe mehr Einzelheiten ausmachen. Farbpunkte an den scharfen Rändern seines Sichtbereichs waren zu Felsen geworden, Haarrisse zu tiefen, steinigen Rillen. Sein Atem beschleunigte sich. Über das Head-up-Display huschten Ziffern, und ein blinkendes Quadrat aus Pfeilen markierte die Stelle, an der er landen würde. Ein gedämpfter Warnton begann zu piepen.

»Fünf Sekunden.«

Die Schritte auf dem staubigen Kraterboden erfolgten schnell und überraschend undramatisch, dann war er wieder losgelöst, stieg von Dionysius’ Niederungen hoch, während die Schubdüsen in seinen Stiefeln, im Schultergeschirr und im Tornister zischend Treibstoff verbrannten. Das Head-up-Display im Helm meldete den Aufstieg mit einem Taumel roter und grüner Ziffern und Höhenmarkierungen.

»Einhundert Meter und steigend.« Dechert las die Daten, während die G-Kraft ihn in den Anzug zurückdrückte. »Orientierung siebzig Grad, innerhalb der Parameter.«

»Verstanden, Boss«, antwortete Quarles. »Fernlenkung ist etwas Wunderbares. Drei-null Sekunden bis Scheitelpunkt; zwo-sechs Sekunden bis Bremsschub.«

»Wie sieht’s mit Strahlung aus?«

»Die Sonne schläft, und Sie sind sowieso durch den Winkel abgeschirmt. Mindestens sechs Stunden lang brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Sieht ganz nach einem wunderschönen Tag auf dem Mond aus.«

Zehn Minuten später landete er an Bohrstation 7. Es war dort schwarz wie der Einband der Bibel. Und kalt. Das Wasserschürfnetz und der Reaktor zur Wasserspaltung hätten von einem Umgrenzungsring aus blauen triliptischen Lampen beleuchtet sein müssen. Das war nicht der Fall. Dechert schwenkte seine Scheinwerfer und ging vorsichtig ein paar Schritte, um das Schwindelgefühl loszuwerden. Langsam näherte er sich der Rille, die sich wie ein Finger, der auf die Öde des Mare Vaporum zeigte, über den Kraterboden nach Nordwesten schlängelte. Etliche Sekunden lang musterte Dechert die Grautöne der Grube, dann stach ihm Weißes ins Auge.

»Okay. Ich bin da. Ich sehe den Siebroboter ungefähr zwanzig Meter unter mir an der Ostwand. Er ist aus. Keine sichtbaren Beschädigungen. Er ist einfach aus.«

»Verstanden. Was ist mit dem Leitstand am Reaktor?«

»Alles aus. Keine Beleuchtung. Ich gehe jetzt dorthin.«

Dechert kletterte auf den Kamm der Erhöhung und folgte ihm zum Leitstand des Reaktors, der sehr an eine altertümliche Telefonzelle erinnerte, die man auf dem Bauch des Mondes abgesetzt hatte. Noch bevor er ihn erreichte, wusste er, dass nichts eingeschaltet war. Als er in der Kabine war, wischte er eine Staubschicht von einem strahlungsgehärteten Plasmabildschirm. Schwärze starrte ihn an. Beim Nähertreten stieß er sich den Fuß und schaute auf seine Stiefel.

»Himmel.«

»Was?«

»Eine Energiezelle ist aus dem Chassis gezogen worden. Sie liegt hier auf dem Boden.«

»Sie meinen, sie wurde physisch entfernt?«

»Ja.«

»Welche Zelle?«

»Augenblick. A6.«

»Ist sie beschädigt?«

»Staub wird eingedrungen sein, aber davon abgesehen sieht sie okay aus. Ich bin mir nicht sicher, ob ich sie wieder einsetzen sollte. Empfehlungen?«

Quarles schwieg einige Sekunden lang. »Blasen Sie sie mit komprimierter Luft so sauber, wie Sie können, und setzen Sie sie wieder ein, aber bitte vorsichtig. Wir müssen vermutlich sowieso hin, den Antrieb ersetzen und schauen, ob dort das eigentliche Problem liegt.«

»Verstanden. Neustart in einer Minute.«

Dechert blies so viel Mondstaub von der dreieckigen Energiezelle, wie es nur ging, und schob sie wieder ins Gestell. Als er den Schalter drückte, blitzten grüne und rote Punkte auf dem Plasmabildschirm auf. Er spürte, wie hinter ihm eine Xenon-Minenlampe nach der anderen aufstrahlte.

»Fährt hoch.« Er ging hinter die Kabine. »Ich kapiere es nur nicht – wieso bekamen wir kein Signal, als die Zelle rausgezogen wurde?«

Quarles zögerte, und Dechert konnte fast hören, wie er nachdachte. »Ich bin mir nicht sicher. Es ist ein Antrieb mit variabler Frequenz, und er hat eine fortschrittliche Zellenüberbrückung. Das heißt, wenn eine Energiezelle versagt, wird sie automatisch isoliert, und die anderen übernehmen ihre Last mit. Das bedeutet aber auch, dass die anderen Zellen dann umso schneller ausbrennen.«

Dechert beschrieb einen weiter werdenden Kreis um die Kabine. »Wer immer das getan hat, wusste also, dass der Sieber langsam ausfallen würde, aber wahrscheinlich, ohne dass wir alarmiert werden?«

»Richtig«, sagte Quarles. »Und er kannte sich so gut aus, dass er nicht die Zelle im Sternpunkt der Verkabelung gezogen hat, denn dann hätte sofort alles stillgestanden.«

»Na ja, wer immer es war, er hat hier überall Fußabdrücke hinterlassen, und die sind nicht von uns.«

»Okay, sind sie menschlich oder außerirdisch?«

»Ich meine, dass sie nicht amerikanisch sind, Sie Klugscheißer. Das Profil ist anders. So was habe ich auf Luna noch nicht gesehen. Ich mache Fotos davon. Bitten Sie Vernon oder Lane, nach übereinstimmenden Sohlen zu suchen.«

Quarles schwieg wieder mehrere Sekunden. »Okay. Also, was zum Teufel ist da los, Boss? Will sich jemand einen Scherz mit uns erlauben?«

»Uns zu einer EVA in einem Krater im Schatten zu zwingen ist kein Scherz, Quarles. Und unsere Wasserversorgung zu gefährden auch nicht. Jemand will uns was mitteilen.«

»Na prima«, sagte Quarles. »Was denken Sie, in welcher Sprache ist das?«

2

Sea of Serenity 1 gab es seit vierzehn Jahren, und man sah es der Schürfstation an. Unter drei Metern Mondboden am Südrand des Mare Serenitatis vergraben, um die Crew vor der Strahlung zu schützen, erinnerten Gänge, Module und Decks mehr an das Innere eines U-Boots aus dem Zweiten Weltkrieg als an eine Mondstation der Stufe 1. In den engen äußeren Gängen stank es nach Schweiß, Tabakrauch und Hydraulikflüssigkeit. Mondstaub, feiner als Sandkörner auf der Erde, aber mit scharfen kristallinen Kanten, bedeckte außerhalb der Reinräume alles und brünierte das Netz der Verbindungsgänge mit einem schiefergrauen Schleier. Die Luftfilter und Nanowäscher führten jeden Tag einen Kampf gegen den Staub und verloren. Der Staub drang in die Computer vor, die Prozessoren, Raumanzüge, elektrischen Anlagen und Reinigungssysteme und zermürbte sie wie ein Krebsgeschwür. An der Station und ihrer ganzen Ausstattung fielen mehr Reparaturarbeiten an als bei einem alten Kampfpanzer.

In der ersten Dekade des Weltraumflugs hatte Robert A. Heinlein den Mond als herbe Geliebte bezeichnet, aber Dechert betrachtete Luna immer als eine Wüste, bei der die Natur es übertrieben hatte – die totgeborene Schwester der Erde, um Wind, Wolken und Luft betrogen, die sie vor der Leblosigkeit hätten bewahren können. Dechert empfand eine Verbundenheit mit den irdischen Stämmen, die Lebensalter damit verbracht hatten, das Leben in solcher Verlassenheit zu perfektionieren. Die Beduinen überstanden Sandstürme, die einem das Fleisch von den Knochen fetzen konnten. Die Inuit rangen ihr Leben den kalten Eisschollen ab. Wie gelang ihnen das? Nach mehr als vier Jahren auf dem Mond begriff er es allmählich: Sie zogen bei Problemen gleich beim ersten Mal ihre Lehren.

An solchen Orten bekam man keine zweite Chance.

Dechert war ein vorsichtiger Mann. Er prüfte alles doppelt. Als er nach seinem Flug in den Dionysius die innere Tür der Luftschleuse schloss und auf der Schalttafel nach grünen Lichtern schaute, drückte er zweimal die Statustaste, ehe er an den Helmdichtungen hantierte.

»Sie haben echt Mumm«, sagte Vernon Waters hinter ihm. »Quarles’ Versuchskaninchen spiele ich weder für Geld noch für gute Worte, schon gar nicht fünfhundert Klicks weit draußen. Der Junge raucht mir viel zu viel Gras.«

»Das schenkt ihm kreative Energie«, sagte Dechert.

Er ließ sich auf eine Umkleidebank sacken und zog die Handschuhe aus. Der Hangover eines ausgedehnten Mondspaziergangs durchzog ihn und verkrampfte seine Muskeln von den Waden bis zu den Schulterblättern. Sieben Stunden in der Kälte, angefüllt hauptsächlich mit Zwei-Kilometer-Sprüngen über das Becken des Meers der Ruhe. Ein viel zu weiter Weg für einen Mann, der auf die vierzig zuging. Er wackelte mit den Zehen, um das brennende Gefühl von Blutleere und Frostbeulen loszuwerden, knetete seine Oberschenkel mit den Handballen und dachte voll Bedauern an die Zeit auf der Flugschule von Pensacola mit den weißen Stränden so lang wie die Startbahnen der Air Force.

»Was zum Teufel ist da draußen passiert?«, fragte Vernon.

»Nichts Gutes. Haben Sie dem Funkverkehr zugehört?«

»Klar, und ich habe Briggs diese Stiefelabdrücke analysieren lassen. Aber Mensch, was ist da draußen passiert?«

Dechert rieb sich die Augen. »Das müssen Sie mir sagen, Vernon. Auf jeden Fall geht da jemand im Hahnenkampf um die Schürfrechte im Tranquillitatis-Becken auf die nächste Stufe. Wer hat das Altschuler-Abkommen unterzeichnet? Russland, China, Brasilien, Indien und wir. Möchten Sie raten?«

Vernon umfasste eine Haltestange über seinem Kopf und wiegte sich hin und her. »Na, die Russen waren es nicht. Tranquillitatis ist ihnen scheißegal. Sie sind zu sehr damit beschäftigt, auf der Rückseite am Leben zu bleiben, die irren Mistkerle. Und die Brasilianer und Inder haben ihre Helium-3-Vorkommen bisher gar nicht angerührt. Sie kampieren noch in Zelten.«

»Also die Chinesen.«

»Entweder sie, oder es sind Gespenster. Niemand sonst weiß, wie ergiebig diese Felder sind – es sei denn, jemand hat dort Tests durchgeführt, von denen wir nichts wissen.«

Dechert blähte die Wangen und stieß Luft aus. Er war zu erschöpft, um an den Feuersturm zu denken, der bevorstand, sobald er Peary Crater Meldung erstattet hatte. »Na, ich bezweifle, dass wir von Geistern reden, aber sagen Sie mir doch mal eines, Vernon. Wenn es die Chinesen sind, woher zum Teufel wussten sie, welche Energiezelle sie ziehen mussten, damit sie den Sieber nicht sofort lahmlegen? Quarles sagt, wenn sie A7 oder B7 oder C7 gezogen hätten, wäre das ganze Ding auf der Stelle ausgefallen. Wer immer das war, hatte entweder echtes Glück, oder er kannte sich mit dem Überbrückungssystem aus.«

Vernon runzelte die Stirn und grinste im nächsten Moment. »Scheiße, die Elektronik stammt wahrscheinlich sowieso aus China. Ich lasse es von Quarles überprüfen, aber ich glaube kaum, dass die Energieversorgung ein Staatsgeheimnis ist.«

»Das vermute ich auch. Aber lassen Sie ihn trotzdem graben. Hoffentlich bekommt Lane etwas zu den Stiefelabdrücken heraus.« Dechert rief sich die Szene im Dionysius wieder vor Augen – die Stiefelabdrücke des Saboteurs hatten von einer Landezone westlich der Bohrstation schnurstracks zum Leitstand geführt, dann zu der Rille, an der der Wassersieber gearbeitet hatte, und zurück zur Landezone. So als hätte der Saboteur die Örtlichkeit gekannt. Und welches Fahrzeug auch immer am Boden von Dionysius gelandet war, es hatte keinen Abdruck hinterlassen – der Krater war irgendwie sauber gewischt worden. Wie aber wischt jemand die Landestelle eines Ein- oder Zwei-Tonnen-Shuttles sauber, wenn man schon wieder drinsitzt? Das Landegestell hätte klare Eindrücke im weichen Regolith hinterlassen müssen. Nichts passte zusammen. Dechert schloss die Augen und atmete tief durch. Der Schießpulvergeruch des Mondstaubs stand ihm in der Nase, und sein Kopf schmerzte zu sehr, um weiter darüber nachzugrübeln. Er wollte nicht über die Chinesen oder sonst wen nachdenken, ehe er etwas gegen sein Kopfweh eingenommen hatte.

»Wie sieht es am Posidonius aus?«, fragte er Vernon. »Irgendeine Nachricht von den Jungs?«

Zwei seiner Schürfer, Benson und Thatch, steckten einen neuen Helium-3-Tagebau am Krater Posidonius ab und führten dort Testbohrungen durch. Dechert hatte am Morgen einen Bericht erhalten, und ihre Fahrt war ihm nicht aus dem Kopf gegangen. Der Posidonius lag in einem relativ sicheren Teil des Serenitatis-Beckens, aber sie waren auf dem Mond. Ihm gefiel es nicht, Neuigkeiten über eine Mission an weit entfernter Stelle erst Stunden später zu erhalten.

»Bei ihnen ist alles in Ordnung. Lane hat erwähnt, dass der Comlink wieder gesponnen hat und dass sie noch atmen und Spiralen legen.«

Waters lächelte bei diesen Worten, und sein schleppender Louisiana-Dialekt erinnerte Dechert an die letzten Tropfen aus einer Flasche Bourbon, die auf den Boden eines Glases fielen. In gewissem Ausmaß war es Manieriertheit, denn der Dialekt wurde schwächer, je länger das Gespräch ging. Dechert fragte sich, ob etwas Unterbewusstes im Spiel war – Vernons Art, sich nach den sauerstoffreichen Niederungen seiner Jugend zu sehnen.

Dechert rieb sich mit der offenen Hand den Schweiß von seinem wochenalten Bürstenschnitt. Er schaute in den kleinen Spiegel in seinem Spind und entdeckte das Grau, das seinen Angriff auf die Kuppe seines Kopfes fortsetzte. Vor ein paar Jahren war es losgegangen, ein einzelnes unpassendes Haar an einer Stelle. Dann noch eins. Und dann hatte die Offensive begonnen. Silbrige Haare hatten sich vervielfacht und sich wie ein Heer, das eine Belagerung beginnt, von den Koteletten zu den Schläfen ausgebreitet. Das entfesselte Alter. Es waren einfach nicht mehr seine Haare. Mit unermüdlicher Willensanstrengung hatten sich die Jahre auch in Decherts Muskeln und Sehnen gegraben, und nun konnte er nicht mehr als ein paar Tage lang unrasiert sein, ohne strahlend weiße Barthaare zu sehen, die ihm vom frühen Grab kündeten. Er war ausgelaugt, und er wusste, dass die Erholung von diesem Hopser viel länger dauern würde, als angemessen war. Tage statt Stunden würde er auf wunden Knien umherhinken, und das bei der laschen Schwerkraft von einem Sechstel g.

Er schob das Selbstmitleid beiseite. In einer Kolonie überarbeiteter, unterstimulierter Mondschürfer nutzte es ihm nichts. Auch nicht bei den Papierhengsten unten auf der Erde, die Produktionsparameter festsetzten, bei denen keine Ruhezeiten vorkamen. Sie setzten alles daran, dass Serenity 1 mehr produzierte als die Chinesen, ohne Rücksicht auf Verluste.

»Sie sehen fertig aus«, sagte Waters.

»Weiß ich.«

Dechert fragte sich zum hundertsten Mal, ob die Leute zu Hause auch nur die leiseste Vorstellung davon hatten, wie es war, auf dem Mond zu leben. Am Las Cruces Space­port hatte er vor Jahren einen verwitterten alten Laserdruck gesehen. Er zeigte drei Schürfer, die mit in der Sonne glänzenden Helmen auf dem Gipfel eines Mondbergs standen und aussahen wie spartanische Krieger in Raumanzügen, bereit, die himmlischen Thermopylen zu verteidigen. Er dachte an ein Kind, das dieses alberne Poster betrachtete und davon träumte, wie toll es wäre, ein paar Tage auf Luna zu verbringen, nach außerirdischem Brennstoff zu schürfen und damit das Vaterland zu retten. Wenn die Erdgebundenen jetzt nur ihn und Vernon sehen könnten, eingezwängt in einen Verbindungsgang, der zur Hauptquarantäne führte, wie Pendler in einem Bus, nur dass sie Kohlestaub im Haar hatten.

Er bemühte sich, den rechten Arm aus dem Druckanzug zu bekommen, aber sein Flugeinsatzleiter bemerkte die Anstrengungen kaum. Waters bewegte sich nie ohne zwingenden Grund; er sparte seine Energie wie eine alte Eidechse, die auf die Sonne wartete. Die Verärgerung darüber war nur kurz. Wenn es haarig wurde, war Vernon Waters der beste Mann auf dem Mond, der versierteste Flugeinsatzleiter, den Dechert je gehabt hatte. Die Muskeln an Waters’ Armen spielten, als er an den Stangen schwankte, und ein helixartiges Tattoo auf seinem schwarzen Bizeps bewegte sich wellenartig. Die Muskeln spannten und lösten sich wie bei einer Schlange. Waters machte jeden Tag zweihundert Klimmzüge in einem 1-g-Schwereanzug und war stolz auf die Ergebnisse. An den Schultern war er breiter als ein Whiskeyfass, und er brauchte sein ganzes akrobatisches Geschick, um einige der engeren Luken der Station zu durchqueren. Seine großen Augen mit den schweren Lidern und seine Jimi-Hendrix-Frisur jagten jedem eine höllische Angst ein, der ihn nicht kannte, und Dechert fragte sich immer, ob die geringe Schwerkraft ihn genauso betraf wie alle anderen auf dem Mond. Er schien sich viel weniger federnd zu bewegen als alle anderen.

Er war einfach zu groß für den Mond und zu sehr in seinen Gewohnheiten festgefahren, aber auf ganz Luna gab es niemanden, dem Dechert mehr traute als Vernon.

Dechert schaltete den Jetanzug aus, stellte die Luftversorgung ab und fuhr den Computer herunter, dann schloss er die Brennstoffventile. Als er sich bückte und seine Stiefel abschnallte, kam Waters ihm endlich zu Hilfe.

»Danke«, sagte Dechert.

»Immer wieder gerne, Boss.«

Schweigend arbeiteten sie weiter, und Dechert erhielt Zeit, um die Dinge zu durchdenken. Wenn Quarles die Jetanzüge routinetauglich bekam, linderte das vielleicht einiges von dem Druck, unter dem die Station stand. Die US Space Mining Administration rief nach größerer Produktivität, denn sie bereitete den Bau einer Basis auf Europa vor. Die Marktanalysten wurden paranoid über den Erfolg ihrer chinesischen Konkurrenten, deren neue Station den Berichten zufolge fast zwanzig Tonnen Helium-3 pro Monat ausstieß.

Wieder war es ein Unterschied, ob man auf dem Erdboden saß oder auf der Mondoberfläche. Tatsache war, dass die Crew von Serenity 1 die Gesellschaft begrüßt hatte, als die Chinesen vor einigen Jahren den Ableger New Beijing 2 ihrer Hauptbasis am Südpol gegründet hatten. Die neue Station lag nur sechshundert Kilometer entfernt und schmiegte sich in den Rand des Kraters Archimedes. Damit waren sie dichter an Serenity als irgendjemand sonst im Sonnensystem, und das machte sie zu Adoptivbrüdern und -schwestern. Die beiden Stationen tauschten Saatgut und gefriergetrocknete Menüs und verschoben untereinander selbst gebrannten Wodka auf niedrig fliegenden Nanopacks. Lin Tzu, der Kommandant der chinesischen Station, war zu einem Freund und Onlineschachpartner Decherts geworden. Tzu hielt es wie ein Söldner; er hatte Dechert überzeugt, dass es viel besser sei, ihn zum Freund zu haben als zum Gegner.

Aber die Behörde hatte die neuen Nachbarn nicht so begeistert aufgenommen. Ihrer Ansicht nach war lunare Konkurrenz ein Angriff auf die festgeschriebene Bestimmung der Gesellschaft – eine Beleidigung der raumfahrenden Nation, die vor mehr als einem Jahrhundert mit Röhrencomputern das Apollo-Programm zuwege gebracht hatte. Die Erstgeborenen sind immer neidisch auf ihre Geschwister, dachte Dechert, und wenn die Chinesen ihre Produktionsrate aufrechterhielten und eine Möglichkeit fanden, ihre Abbaukosten unter Kontrolle zu halten, wären sie in der Lage, im nächsten Bieterzyklus um die lukrativsten Terra-Energie-, Weltraumtourismus- und Systemerkundungsverträge zu konkurrieren.

Und offenbar war das ein Problem, das er zu lösen hatte.

»Vorsicht bei der Schnalle«, sagte er. »Mist.«

»Das verdammte Ding klemmt. Wackeln Sie mal mit den Zehen.«

»Okay, da festhalten. Vorsicht mit der Düse.«

»Verdammter Mondstaub.«

Terra-Energie könnten sie haben, dachte Dechert. Er öffnete den Reißverschluss des Innenfutters an seinem Hals und kratzte sich an dem feuchten Hautstreifen, der an das Metallgerüst des Anzugs gedrückt worden war, während Waters mit seinem Stiefel kämpfte.

Hinter Terra-Energie stand eine korrupte internationale Kommission, die versuchte, die Heimatwelt vom Thermischen Maximum wegzubekommen, und die Gewinnspanne war lausig. Systemerkundung war nicht viel besser: Sie brauchte viel Brennstoff. Die Staaten fingen allmählich an, anständig dafür zu bezahlen, aber die Nachfrage blieb spärlich. Nach dem Thermischen Maximum war wissenschaftliche Entdeckung zu einer Art Luxus geworden – und Investoren begannen erst jetzt, das Kapital zusammenzukratzen, um im inneren System und dem Asteroidengürtel nach neuen Reichtümern zu suchen.

Nein, es war der Tourismus, mit dem das große Geld zu machen wäre. Sobald die eisigen Oasen von Europa und Miranda Basen hatten und Schürfer die Helium-3-Schöpfer in die brodelnden Atmosphären von Jupiter und Uranus stießen, wurden frischgebackene Abenteuerlustige, die eine Woche bei Nullschwerkraft verbringen wollten, zu Lunas Kernmarkt. Die Fernraumschiffe der nahen Zukunft würden an Europa andocken, als wäre der Jupitermond eine Tankstelle, und der Mars wäre halt der Mars, eine vergessene Zwischenstation vom Nutzen einer erschöpften Nickelmine. Trotzdem würden die brandneuen Ferienhabitate, die die Erde umkreisten, Helium-3 für ihre Fusionsreaktoren benötigen, dazu Wasser und Sauerstoff für ihre zahlenden Gäste. Die Reichen wären nicht mit einem Stufe-1-Duschsack zufrieden – einem Liter recyceltem Urin und einem Schwamm. Sie hatten größere Ansprüche. Die Erde erwacht wieder zum Leben, dachte Dechert. Auch wenn der halbe Planet hungert – die obere Schicht der Bewohner isst schon wieder gut, und nur volle Bäuche dehnen sich.

»Die Dinger sind eine vorprogrammierte Tragödie, gottverdammt noch mal«, sagte Waters.

Dechert riss es in die Gegenwart zurück. Er sah zu, wie Waters ihm den staubbedeckten Jetanzugstiefel vom Fuß zog und in den breiten Händen drehte. Mit theatralisch aufgerissenen Augen betrachtete er die HEDM-Schubdüsen an der Stiefelseite. »Wenn ich je so was tragen soll, dann halten Sie mich bloß an der kurzen Leine. Als Beachball habe ich mich nicht beworben.«

»Genau.«

Dechert stand auf, nahm eine 1-g-Schwerejacke aus dem Kleiderspind und zog sich angestrengt die beschwerten Ärmel über, während ihm die kalte Luft im Gang über die nackten Schultern strich. Er hätte Waters seinen Verdruss über die vorgespielte Insubordination zeigen müssen, aber Dechert hatte längst die SMA-Richtlinien für das Aufrechterhalten einer Befehlskette über Bord geworfen. Serenity 1 war mehr eine Bohrinsel als eine Kaserne, ein Ort, an dem Einsamkeit und Gefahr die Crew in einen Zustand ungeschriebener Formlosigkeit zusammenschmolz. In einem Irrenhaus berief man sich nicht auf seinen Dienstgrad, solange es nicht kurz vor der Explosion stand.

Was die Crew anging, tanzte Dechert auf dem schmalen Grat zwischen Disziplin und Kapitulation. Er ließ sogar zu, dass Quarles im Treibhaus marokkanischen Cannabis zog und in seinem Maschinenkeller unter dem Labor nach Herzenslust klassischen Rock spielte. Alles, was zählte, war die Quoten zu erfüllen und den Deckel auf den Töpfen zu halten, besonders, wenn die Wände mal wieder zusammenzurücken schienen. Unzufriedenheit inmitten der Crew sei etwas ganz Schlechtes, wenn man nicht auf der Erde und mehr als tausend Klicks von einer Hauptbasis entfernt sei, hatte Fletcher immer gesagt. Wenn die Dinge schiefliefen, wolle man vor allem eins nicht: verantwortlich sein.

Denn bei einer Meuterei war der Kerl mit dem meisten Lametta auf den Schultern fast mit Sicherheit der Erste, der aus der Luftschleuse flog.

»Sie sind Gewerkschafter«, sagte Dechert. Er nahm eine marineblaue Baseballkappe aus dem Spind und zog sie sich tief in die Stirn. Er rieb den Mondstaub von den Schulterklappen seiner Schwerejacke und machte einen halbherzigen Versuch, sich zu dehnen, indem er die Handflächen auf den gummierten Boden setzte. Aber er hielt auf halbem Wege inne, als er spürte, wie die Sehnen in seinen Kniekehlen die Flagge strichen. »Wenn Ihr Vertreter Sie nicht raushalten kann, dann kann ich das erst recht nicht, das wissen Sie verdammt gut.«

»Scheiße«, sagte Waters.

Dechert richtete sich auf, klopfte ihm in geheucheltem Mitgefühl auf die Schulter und ging zur Reinraumschleuse. Er konnte es kaum abwarten, sich auszustrecken und unter dem trockenen Heißluftstrom der Dekontaminationsgebläse zu liegen.Die verteilten 300 Kilogramm Vectran-Gewichte schmiegten sich an seinen schlanken Leib und schenkten ihm fast das Gefühl, wieder auf der Erde zu sein, indem sie die bleierne Schwerkraft Terras nachahmten. Nur sein Kopf fühlte sich leicht an, und auch an dieses Gefühl musste man sich erst einmal gewöhnen.

Dechert blickte zu seinem Flugeinsatzleiter zurück. »Und ich sage es Ihnen nur ungern, aber Sie werden in so einen Anzug steigen, sobald wir das Profil von diesem Hops haben. Wenn Peary Crater erst hört, was hier unten passiert ist, machen wir alle Mondspaziergänge. Wir werden sämt­liche unserer Spiralen, Wasserminen und Substationen überprüfen müssen, um sicherzustellen, dass die Chinesen, oder wer immer das war, nicht an ihnen rumgepfuscht haben. Und wir müssen zurück zu BS-7 und den Antrieb ersetzen.«

Er gab die Quarantäne-Sequenz ein und wartete, bis die Reinraumtür sich aufschob. Dann kniete er nieder und durchquerte die Luke. »Ich gebe Ihnen einen guten Rat, Vernon. Nur leichtes Essen vor dem ersten Hops.«

3

Als Dechert sich durch die niedrige Tür zum CORE duckte, hing Lane Briggs über der Funkkonsole, das Gesicht in den Händen, die Ellbogen auf die blaue Komposit-Arbeitsfläche gestützt. Sie hatte ihre Fußgelenke gekreuzt und trommelte mit einer Ferse auf den Boden, als ereilte sie immer wieder unvermittelt ein Energieausbruch. Quarles saß an der Satellitennavigationskonsole auf der anderen Seite des kreisrunden Raumes und stierte auf ihren Rücken. Die Situation wirkte geradezu inzestuös – sie stritten miteinander wie Geschwister, die man in einen kleinen Raum gesperrt hatte, und Dechert konnte sich keine seltsamere Situation vorstellen, als sie dabei zu erwischen, wie sie in der Ecke rummachten. Jetzt, wo ihm dieses Bild einmal im Kopf herumspukte, bedauerte er es, jemals in diese Richtung gedacht zu haben. Er fragte sich, ob Quarles sein Guthaben an VR-Pornominuten überzogen habe, und schlug mit der offenen Hand auf das Geländer. Der Knall hallte wie ein Gewehrschuss durch das kleine Amphitheater, und beide zuckten zusammen. Dechert ging die Stufen hinunter.

»Himmel«, sagte Quarles.

Dechert sah ihn warnend an und wandte sich an Lane. »Was haben wir? Sind Benson und Thatch am Posidonius fertig?«

Sie stand von ihrem Sitz auf und reckte sich, indem sie die Arme in unmöglichen Winkeln nach hinten zog. Quarles wandte sich wieder seiner Station zu und gab vor, den eintreffenden Datenstrom der Posidonius-Mission auszuwerten. Die Reihen aus Polymer- und Holodisplay tauchten den Raum in einen grüngelben Lichtschein. Er spielte über Lanes blasses Gesicht und die dunklen, kupferroten Haare, die ihre Schultern nicht erreichten und sich in der niedrigen Schwerkraft wie träge Farbwellen bewegten, als sie den Kopf drehte. Wenn man je die Schönheit einer Frau begreifen will, dachte Dechert, muss man sie sich bei weniger als einem Sechstel g ansehen. Er schüttelte den Kopf.

Mein Gott, wir sind zu lange hier oben …

Lane riss ihn aus seinen Gedanken. »Sie haben die Konverter von BS-4 wieder zum Laufen gebracht und legen auf den neuen Feldern ein Testraster an«, sagte sie. »Thatch macht die Molly schon klar für den Nachhauseweg. Sie müssten gegen zweiundzwanzig Uhr dreißig aufbrechen können.«

Sie blickte auf den Computer an ihrem schlanken Handgelenk, aber er wusste genau, dass sie ihn gleichzeitig beobachtete, wie er versuchte, sich trotz schmerzender Beine mit ungerührtem Gesicht die gummierte Gangway entlangzubewegen. Sie zog die Lippen zu einer roten Perle zusammen und lehnte sich mit dem Rücken an die Konsole, stützte sich auf den Handflächen ab und trommelte mit den Fingern; jede Bewegung war ein kontrollierter Energieausbruch. Dechert merkte ihr an, dass sie verärgert war, und er wusste, dass es an der Funkanlage der Molly Hatchet liegen musste. Er wartete nur, dass sie damit herausplatzte.

»Ich sage es zum letzten Mal, Commander. Beim nächsten Mal beschwere ich mich direkt bei den SMA-Arschlöchern in Las Cruces. Wir tappen im Dunkeln, wenn das Com jedes Mal Scheiße baut, sobald wir außerhalb des Perimeters eine OP laufen lassen. Irgendwann kratzt da draußen einer ab, und auf der Erde rufen sie einen Ausschuss der Ahnungslosen ein und versuchen zu kapieren, worüber ich seit einem halben Jahr rumgenörgelt habe.«

Sie nahm ein Stück Zündschnur vom Arbeitstisch und zog daran, dehnte sie zwischen den Händen wie eine Garotte, bis Dechert die Adern über ihren Fingerknöcheln sehen konnte. Er verzog das Gesicht. Quarles stöhnte gespielt entsetzt auf. Chronische Besorgnis und Misstrauen gegenüber dem Management gehörten untrennbar zu Lane und wurden zu gleichen Teilen von ihrer zynischen Natur und ihren Aufgaben als Sicherheitsoffizier der Station genährt. Wenn sie sämtliche Schreibtischtäter der Space Mining Administration auf Terra irgendwo zusammenrufen und dem lauen, schlaffen Haufen eine Napalmbombe auf die Köpfe werfen könnte, dann hätte sie es getan, so viel war Dechert klar. Er war sich nur nicht sicher, ob ihr bewusst war, dass sie damit nichts bewirken würde: Für Bürokraten fand sich jederzeit Ersatz, und die Firma würde sich höchstwahrscheinlich nicht ändern, auch wenn sie das Geld kostete.

»Ich glaube, nörgeln ist hier das Schlüsselwort, Boss«, sagte Quarles.

Dechert wandte sich ihm zu und hob einen Finger. »Jonathan, reizen Sie mich nicht zu etwas, das ich bereuen müsste. Ich war zu lange draußen in der Kälte, um mir Ihren Quatsch gefallen zu lassen.«

Quarles verabscheute seinen Vornamen; deswegen hatte Dechert ihn benutzt. Der junge Mann wandte sich wieder den Bildschirmen zu und tat so, als arbeitete er an den Missionsdaten. Dechert sagte sich, dass es so am besten sei: Wenn er Lane in die Finger geriet, brachte sie anstelle der Schreibtischhengste vielleicht ihn um. Er warf noch einen Blick auf die Zündschnur in ihren Fäusten und musste zugeben, dass es ihn nicht nur auf dienstlicher Ebene treffen würde, wenn sie in einer Zelle von Peary Crater landete, weil sie an seinem jungen Triebwerksingenieur eine spontane Gewalttat verübt hatte. Lane Briggs dachte wie er: Sie waren Zyniker, die nichts dem Vertrauen überließen. Lane war seine Sicherheitsdecke, der Mensch, an den er sich als Erstes wandte, wenn er sicherstellen wollte, dass er nicht unter Mondkoller litt.

Dechert rieb sich die Schläfen und setzte sich auf einen abgeschabten Mikrovelourssitz. Sein EVA-Hangover war schlimmer geworden, und er sehnte sich nach Erdluft, nach echter Luft, nicht dem Zeug, das durch tausend Meter Aktivkohle geströmt war.

»Hören Sie, seit über zwei Monaten beknie ich die Kommunikationsabteilung von Peary Crater, uns jemanden zu entsenden. Wenn sie mit der nächsten Lieferung keinen Techniker mitschicken, fliege ich persönlich hin und mache dort für Sie ein paar Büros zu Kleinholz.«

Sie schnaubte ungläubig. In den letzten beiden Monaten hatten sie vier Fernfahrten mit der Molly Hatchet vorgenommen, einem Kettenfahrzeug, das seine besten Jahre hinter sich hatte und keinerlei Redundanzen besaß, und bei jeder einzelnen Fahrt hatte die Funkanlage gesponnen. In dem verdammten Ding arbeitete nicht einmal ein Satellitentelefon zuverlässig.

Lane hat vollkommen recht, dachte er. Irgendwann stirbt jemand.Wenn die Administration nicht einen Gang runterschaltet oder ganz schnell ein paar Kommunikationssatelliten mehr in den niedrigen Mondorbit bringt, wird früher oder später jemand im Namen des chinesisch-amerikanischen Wettstreits das Leben verlieren.

»Was ist mit dem Deppen da?« Lane zeigte mit dem Finger auf Quarles. »Wird er nicht dafür bezahlt, so was in Ordnung zu bringen?«

Quarles grinste, froh, wieder am Gespräch beteiligt zu sein. Sein Redebedürfnis stieg proportional zu Lanes Verärgerung.

»Transport, meine kastanienbraune Artemis«, sagte er. »Ich kümmere mich um den Transport. Kommunikation ist ein problematischeres Metier, und ich bin lange genug bei der Administration, um zu wissen, dass man nichts kaputt macht, wofür man nicht unterschrieben hat. Langer Rede kurzer Sinn, wenn die Hatchet einen Kolbenfresser hat, dann repariere ich sie dir gerne.«

Wegen der schweren Strahlenschäden konnte Quarles die Kommunikationssysteme der Molly Hatchet vermutlich ohnehin nicht komplett reparieren. Vor zwei Wochen hatte eine Sonneneruption den Großteil ihrer Satellitentransceiver gegrillt, als sie während eines Hitze-Kälte-Checks außerhalb des Korrals war. Ihre Systeme konnten nicht so gut abgeschirmt werden wie die der Station, und sollte die Hatchet auf der Oberfläche herumkriechen, wenn eine neue Sonneneruption hochkochte, wäre sie so verletzlich wie ein Regenwurm auf einem Fliesenboden. Die Controller in Peary Crater hatten ihre Backups nur teilweise wieder­­herstellen können, und dadurch blieben Cole Benson und Rick Thatcher nur wenige Alternativen, wenn das Com ­versagte.

Dechert kratzte sich am Unterarm und versuchte, wach genug zu werden, um nachzudenken, während die elektrischen Systeme im CORE rings um ihn summten und dem kugelförmigen Raum den Anschein eines beruhigenden Kokons verliehen. Auf dem Mond sei Redundanz so wichtig wie ein Zelt in der Todeszone des Himalayas, hatte Fletcher immer gesagt. Ohne sie sei nichts sicher. Wenn die Kommunikation ausfiel und eine weitere Sonneneruption eintrat, konnten Benson und Thatch nicht gewarnt werden. Die Sensoren der Hatchet hatten nur kurze Reichweite und entdeckten die Strahlungswelle vielleicht nicht rechtzeitig. Geschah das, waren Thatch und Cole tot, bevor sie ihre elektrostatischen Kuppeln aufspannen und sich in den Bleitank im Zentrum des Fahrzeugs zurückziehen konnten.

Aber so etwas wie Redundanz stand in Peary Crater im Moment nicht sehr weit oben auf der Liste. Dechert konnte sich erneut bei den Managern beschweren, und sie würden nicht das Geringste tun – es sei denn, sie konnten Mannstunden einsparen, ohne dass die Förderquote zurückfiel. Am Nordpol des Mondes lief man bei einhundertzwanzig Prozent, und das Gleiche galt für die Crew von Serenity 1 und die neu gebaute US-Schürfstation am Südostrand des Mare Tranquillitatis. Nicht nur die Molly,die gesamte Maschinerie stand vor dem Zusammenbruch. Dechert hatte genügend Manöverkritiken zu diversen Desastern betrieben, um zu wissen, dass die Hauptursache aus übersteigerten Ansprüchen bestand.

Leider konnte er daran absolut nichts ändern.

Aber das lag nicht daran, dass er es nicht versucht hätte. »Quarles hat recht, es ist nicht sein Job.« Er sah Lane kurz an, verweigerte ihr aber den Blickkontakt. »Hören Sie, wir haben um einundzwanzig Uhr dreißig Crewbesprechung. Stellen Sie mir eine Ihrer rasiermesserscharf formulierten Meldungen zusammen, und ich schicke sie hinterher an Peary Crater. Wenn die Kerle sich aufraffen sollten, ausnahmsweise mal das Richtige zu tun, erfüllen wir diesen Monat vielleicht unsere Quote, und die Hunde bleiben im Zwinger.«

»Was ist mit BS-7?«, fragte Lane. »Ich bin die Bilder durchgegangen, die Sie geschickt haben. Die Profile passen zu keinem Standard-EVA-Stiefel, die gegenwärtig auf dem Mond benutzt werden. Die Chinesen eingeschlossen.«

»Toll. Woher kommen sie dann?«

»Sie sehen aus wie ein älteres Modell, hergestellt von Groombridge Space Systems. Eine Reihe von Ländern hat sie Mitte der Sechzigerjahre benutzt, darunter wir, Russland und China. Völlig unmöglich, ein bestimmtes Paar zu identifizieren, ohne die Stiefel tatsächlich vor sich zu haben.«

Groombridge. Einer der größten Lieferanten für Aerospace-Bedarf auf der Erde. Seit den 2050ern rüsteten sie Mondmissionen aus. Ein Paar ihrer alten Stiefel zurückzuverfolgen wäre genauso leicht, wie ein bestimmtes Paar Nikes in New York City zuzuordnen.

Dechert wandte sich an Quarles. »Was ist mit den Energiezellen? Müssen wir uns Sorgen machen, dass wer auch immer unseren Wasserbohrer im Dionysius sabotiert hat, genau wusste, wie man es macht, ohne dass wir augenblicklich informiert werden?«

»Nicht unbedingt«, antwortete der Triebwerksingenieur. »Der Frequenzumrichter im Leitstand benutzt eine ziemlich verbreitete fortgeschrittene Zellüberbrückung. Das ist keine proprietäre Anlage. Jeder könnte sich die Netzstruktur rausgesucht und kapiert haben, wie sie funktioniert.«

»Wunderbar.«

»Werden Sie es Yates sagen?«, fragte Quarles. »In Peary Crater drehen sie durch, wenn sie das hören.«

»Ich rufe ihn an. Später.«

Er stand auf, um zu gehen. Er wollte nicht noch mehr erörtern. Schon allein deshalb nicht, weil ihm die Antworten fehlten. Besonders auf die Frage, die ihn beschäftigte, seit alles losgegangen war: Was zum Teufel war auf der Erde los, dass auf Luna alles vor die Hunde ging?

Als Dechert 2068 auf den Mond gekommen war, hießen ein Großteil Europas und Nordamerikas noch immer die Neue Dritte Welt. Das Thermische Maximum hatte das Elend sehr ungleichmäßig verteilt. Im nordamerikanischen Frühling von 2058 waren fast ohne Vorwarnung zwei Billionen Tonnen Methanhydrat aus dem Pazifischen Raum hochgeblubbert und hatten den Planeten in einen Venus­schleier gehüllt. In den nächsten Jahren wurde die Erde zum Ödland. Unfassbare Sturmfluten an dem einen und Dürren am anderen Ende. Superstürme. Pandemien. Feuersbrünste. Katastrophen biblischen Ausmaßes, manche sogar noch schlimmer – selbst auf den finstersten Seiten des Alten Testaments fraßen sich die Menschen einander nicht gegenseitig. Die mittleren Breiten hatte es am schlimmsten getroffen, und ein Großteil der industrialisierten Welt wurde zur Dritten Welt, ehe seine verwöhnten, wohlgenährten Einwohner den Schock überwunden hatten.

Klimatologen nannten die Katastrophe die Selbstreinigung eines übervölkerten und überheizten Planeten. Religiöse Extremisten schlugen einen blutigeren Weg zur Wahrheit ein. Sie massakrierten sich gegenseitig und versuchten nebenbei, jeden zu töten, der zwischen den Fronten stand, während sie miteinander darum rangen, welcher Vers welcher heiligen Schrift als wörtliche Wahrheit zu betrachten und buchstabengetreu zu erfüllen war. Anfang der 2060er-Jahre gab es auf der Welt drei Milliarden Menschen weniger, und das Einfrieren der Emissionen kohlenstoffbasierter Energie zwang die verbliebenen zivilisierten Länder, die heiligen Kriege zu beenden und darüber nachzudenken, wie zum Teufel man es anstellen sollte zu überleben.

Die Frucht dieser Überlegungen war Fusionsenergie, sauber und mächtig wie die Sterne. Nur benötigten Fusionsreaktoren einen exotischen Brennstoff, eine Substanz, die innerhalb der Gebärmutter des Erdmagnetfelds nicht aufzufinden war. Am geeignetsten war Helium-3, eine leichtere Abart des üblichen Helium-4, das nicht radioaktiv war und sich leicht handhaben ließ. Das Isotop kam in großen Mengen im toten Regolith an der Mondoberfläche vor.

Dadurch wurde der Weltraum plötzlich wieder wichtig. Auf dem Mond zu schürfen wirkte kurzzeitig als einigende Kraft für eine Welt, die am Boden lag, eine Erinnerung, dass Menschen ihr Schicksal beherrschen konnten – selbst, wenn sie dazu den Planeten verlassen mussten. So blieb es bis in die späten Sechziger, als die von Wissenschaftlern verfügbar gemachte Sternenenergie die großen Wirtschaftsmächte aus der Krise geholt hatte. Innerhalb eines Jahres nach Decherts Abstellung auf den Mond war der Gemeinnutz vom Börsenboom überrollt worden.

Wieder standen Staaten im Vordergrund und nicht die Menschheit.

»Wie sehen die Kernproben vom Posidonius aus?«, erkundigte sich Dechert bei Quarles in der Hoffnung, gute Neuigkeiten zu erfahren. »Haben wir außerhalb des Perimeters von BS-4 wenigstens einen anständigen Helium-3-Anteil?«

»Für eine sonnenbeschienene Zone nicht schlecht«, sagte Quarles. »Nach den ersten Messungen ungefähr dreizehn ppb.«

»Gut.«

Fast ist es komisch, dachte Dechert. Als He-3 ein Rettungsboot war, das die ertrinkenden Massen am Leben hielt, wurden Mondschürfer wie Helden behandelt. Kaum wurde das Isotop zu einer vermarktbaren Handelsware, wurden sie gemaßregelt, wenn die Zahlen nicht stimmten.