Kim (Spionageroman) - Rudyard Kipling - E-Book

Kim (Spionageroman) E-Book

Rudyard Kipling

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Beschreibung

In 'Kim', einem herausragenden Spionageroman von Rudyard Kipling, entfaltet sich die Geschichte des Waisenjungen Kimball O'Hara, der in den Straßen von Lahore aufwächst. Der Roman, der im späten 19. Jahrhundert spielt, ist durchzogen von einer erzählerischen Finesse und einer dichten atmosphärischen Beschreibung, die sowohl den kolonisierenden Blick der Briten als auch die Vielfalt der indischen Kultur einfängt. Kiplings meisterhafte Prosa verbindet Abenteuer und Bildung, während Kim im Auftrag britischer Geheimdienste zwischen den Fronten des britisch-indischen Konflikts navigiert und sich mit einem Lama auf die Suche nach spiritueller Erleuchtung begibt. Diese Reise durch das koloniale Indien ist auch eine Reise der Identität und Loyalität und beleuchtet die komplexen Beziehungen zwischen den verschiedenen Kulturen und Religionen der Zeit. Rudyard Kipling, ein Pionier der britischen Literatur und Nobelpreisträger, wurde 1865 in Indien geboren, was seine tiefen Einsichten in die Gesellschaft und die Kultur des Subkontinents maßgeblich prägte. Sein persönlicher Hintergrund als Kind kolonialer Eltern, kombiniert mit seiner späteren Rückkehr nach Indien als junger Mann, gab ihm die einzigartigen Perspektiven, die in 'Kim' deutlich zum Ausdruck kommen. Kiplings Werk spiegelt das Spannungsfeld zwischen kolonialer Macht und indigenen Traditionen wider, was ihn zu einem der schillerndsten Autoren seiner Zeit macht. 'Kim' überzeugt nicht nur durch seinen faszinierenden Plot und die lebhafte Bildsprache, sondern auch durch die tiefe philosophische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Identität. Leserinnen und Leser, die sich für koloniale Literatur, Abenteuer und die Erkundung kultureller Spannungen interessieren, werden in Kiplings meisterhaftem Werk fündig. Dieses Buch lädt dazu ein, Einsichten in eine komplexe historische Epoche zu gewinnen und gleichzeitig eine eindrucksvolle Geschichte über Freundschaft und Loyalität zu erleben. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Rudyard Kipling

Kim (Spionageroman)

Bereicherte Ausgabe. Historischer Abenteuerroman: Das Große Spiel (Konflikt zwischen Großbritannien und Russland)
Einführung, Studien und Kommentare von Tim Schmitt
EAN 8596547739616
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Kim (Spionageroman)
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen Maskerade und Selbstfindung entscheidet sich, wer man ist. In diesem Spannungsfeld entfaltet sich Kims Welt: ein vibrierendes Britisch-Indien, in dem Straßen, Karawanserais und Grenzposten ebenso wichtig sind wie Klöster, Märkte und geheime Depots. Das Buch führt in eine Realität, in der Zugehörigkeit verhandelbar erscheint und Identität zur Kunst der Situation wird. Hier kreuzen sich Tempelpfade mit Agentenrouten, die Sehnsucht des Einzelnen mit den Interessen von Imperien. Die Erzählung setzt auf Beobachtung, Bewegung und Begegnung; sie zeigt, wie ein Kind der Kolonien die Regeln der Erwachsenenwelt erlernt – und zugleich prüft, ob sie auch für ihn gelten.

Kim gilt als Klassiker, weil er Gattungen verbindet, die selten so harmonisch ineinandergreifen: Abenteuerroman, Bildungsroman, Reiseroman und Spionagegeschichte. Die narrative Energie speist sich aus episodischen Etappen, die ein Panorama von Sprachen, Ritualen und Landschaften erschließen. Zugleich zeigt das Werk, dass Reife kein geradliniger Marsch ist, sondern ein Kreislauf von Rollen und Entscheidungen. Der Zauber liegt nicht nur im Plot, sondern im Gewebe aus Details: Redewendungen, Gerüche, Geräusche und Blicke. So entsteht ein Roman, der Weltkenntnis vermittelt, ohne seine Figuren zu verraten, und Spannung erzeugt, ohne bloße Effekte zu suchen.

Rudyard Kipling (1865–1936), in Bombay geboren und 1907 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, veröffentlichte Kim 1901 als Buch, nachdem der Roman zuvor in Zeitschriften vorabgedruckt worden war. Entstanden ist er vor dem Hintergrund des späten 19. Jahrhunderts, als das britische Empire in Indien herrschte und die Rivalität der Großmächte in Zentralasien als Great Game verhandelt wurde. Diese Konstellation prägt Schauplätze und Atmosphären ebenso wie die Figuren, doch der Roman bleibt nicht im Politischen stehen: Er entfaltet zugleich eine Lebensgeschichte, die auf Straßen, in Zügen und an Wegkreuzungen erzählt wird.

Im Zentrum steht Kimball O’Hara, ein in Indien geborener Junge irischer Herkunft, der in den Gassen von Lahore so selbstverständlich zu Hause ist wie auf den Wegrändern großer Straßen. Er lernt, Geräusche zu deuten, Sprachen zu wechseln und Gesichter zu lesen. Als er einem wandernden Lama begegnet, schließt er sich dessen Pilgerschaft an und entdeckt eine andere Art von Landkarte: eine der inneren Wege. Gleichzeitig rückt er in den Blick jener, die Nachrichten, Decknamen und Loyalitäten ordnen. Zwischen spirituellem Suchen und weltlichen Aufträgen beginnt ein Weg, der ihn durchs Land und in sich selbst führt.

Der Roman stellt Fragen nach Herkunft und Zugehörigkeit, ohne darauf eine einzige, beruhigende Antwort zu geben. Kim bewegt sich souverän zwischen sozialen Milieus, Religionen und Sprachen; sein Talent zur Imitation ist zugleich Schutz, Spiel und Methode. Dabei verhandelt die Erzählung, wie Identität entsteht: durch Geburt, durch Wahl, durch Pflicht oder durch Begegnung. Die Rollen, die Kim annimmt, sind nicht bloß Masken; sie werden zu Werkzeugen, zum Schlüssel für Türen, die andere verschlossen halten. Doch jedes Kostüm verlangt einen Preis, und jedes Bündnis verlangt ein Bekenntnis, das später geprüft werden wird.

Kiplings erzählerische Kunst liegt in der Genauigkeit der Anschauung. Er macht Wege und Winde sichtbar, lässt den Puls von Städten und Lagern spürbar werden und komponiert Dialoge, in denen Rang und Herkunft mitschwingen. Die Reiseform erlaubt ihm, ein vielstimmiges Indien zu entwerfen: Heilige, Händler, Soldaten, Schreiber, Bettler, Bauern. Diese Vielfalt ist nicht bloße Kulisse; sie strukturiert Handlung und Erkenntnis. Gerade weil der Text die Bewegung liebt, zeigt er, wie Wissen unterwegs entsteht: im Tausch, im Lauschen, im Aushandeln. So wird aus jeder Szene ein kleines Experiment darüber, wie Nähe überhaupt möglich wird.

Zugleich ist Kim ein Dokument seiner Zeit, mit allen Spannungen, die daraus folgen. Der Roman trägt Spuren des imperialen Blicks, ordnet und bewertet, wo heute Widerspruch naheliegt. Viele Leserinnen und Leser schätzen die plastische Darstellung von Landschaften und Lebensweisen; andere kritisieren Stereotype und Hierarchien, die sich im Text spiegeln. Beides anzuerkennen, gehört zum produktiven Lesen: Das Werk erlaubt Genuss an Sprache und Handlung, fordert aber auch historische Einordnung. Wer Kim heute aufschlägt, betritt ein Archiv der Moderne – und kann darin lernen, wie Literatur Machtverhältnisse zeigt, bestätigt und unterläuft.

Als Spionageroman ist Kim von besonderer Bedeutung, weil er die Logik moderner Geheimdienstliteratur vorwegnimmt: Tarnung, Ausbildung, Nachrichtennetze, gedeckte Reisen und die Kunst, im Gewöhnlichen das Bedeutende zu erkennen. Der Roman zeigt, wie Informationen zirkulieren und wie Vertrauen entsteht – oder zerbricht. Das Great Game fungiert dabei als Rahmen, der persönliche Entscheidungen mit geopolitischen Kalkülen verschränkt. Viele konzeptuelle Bausteine des Genres, vom Feldagenten bis zur kulturkundigen Beobachtung, werden hier nicht nur verwendet, sondern geprägt. So erklärt sich, weshalb Kim häufig als Wegbereiter des 20. Jahrhunderts gilt.

Sein literarischer Einfluss reicht über das Spionagefach hinaus. Als Reise- und Bildungsroman hat Kim Debatten über Interkulturalität, Übersetzung und Zugehörigkeit beflügelt. Wissenschaftlich wird er in postkolonialen, kulturhistorischen und narratologischen Kontexten diskutiert; populär blieb er, weil er Abenteuer mit einer ungewöhnlichen Seelenlandschaft verbindet. Die Figur eines Kindes, das die Welt eher erfährt als erklärt bekommt, spricht Leserinnen und Leser unterschiedlicher Generationen an. Der Stoff wurde mehrfach adaptiert und neu interpretiert, was zeigt, wie anschlussfähig sein Material ist – quer durch Medien und Zeiten.

Gleichzeitig lässt sich das Buch als Studie der Aufmerksamkeit lesen. Es fragt, wie man inmitten widersprüchlicher Zeichen entscheidet, was zählt. Diese Frage ist heute ebenso dringlich wie damals: Globale Verflechtungen, Grenzregime und Informationskämpfe fordern Urteilsvermögen, Empathie und sprachliche Beweglichkeit. Kim zeigt, dass Verstehen mehr verlangt als bloßes Faktenwissen – es braucht Geduld, Beobachtung, die Bereitschaft zur Selbstkorrektur. Gerade in einer Welt, in der Identität oft wie ein Profil verwaltet wird, erinnert der Roman daran, dass Zugehörigkeit sich unterwegs bildet, in Begegnungen, die man nicht vollständig planen kann.

Wer das Buch heute liest, kann es sowohl als rasanten Abenteuertext wie als kritische Zeitstudie aufnehmen. Beides schließt sich nicht aus. Man darf sich von der Handlung tragen lassen und dabei die historischen Horizonte mitdenken. Nützlich ist, auf die Stimmenvielfalt zu achten: auf wechselnde Register, auf Codes und Missverständnisse, auf die Landkarte der Nebenfiguren. So zeigt sich, wie die Erzählung ihre Welt baut – Schritt für Schritt, Blick für Blick. Wer diese Bauweise erkennt, bemerkt auch, wie die Geschichte Fragen öffnet, statt sie zu schließen, und dadurch lange nach dem Schluss nachklingt.

Kim ist heute relevant, weil er zeitlose Qualitäten bündelt: erzählerische Klarheit, sinnliche Anschaulichkeit, eine Balance aus Witz, Ernst und Spannung. Er bewahrt das Staunen über Wege und Zufälle, ohne die Härten von Macht und Abhängigkeit zu beschönigen. Er macht neugierig auf fremde Lebensformen und sensibilisiert zugleich für die Bedingungen, unter denen Nähe möglich wird. Als Klassiker wirkt er fort, weil er Leserinnen und Leser einlädt, die eigenen Karten neu zu zeichnen – politisch, kulturell, innerlich. In diesem Sinn ist Kim nicht nur ein Buch über das Reisen, sondern ein Buch, das Reisende aus uns macht.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Rudyard Kiplings Roman Kim, 1901 erstmals veröffentlicht, spielt im späten 19. Jahrhundert im britisch beherrschten Indien und verbindet Abenteuer-, Bildungs- und Spionageelemente. Im Zentrum steht Kimball O’Hara, ein verwaister Sohn irischer Herkunft, der als gewitzter Straßenjunge zwischen Kulturen, Sprachen und sozialen Milieus pendelt. Der Roman entfaltet vor dem Hintergrund des sogenannten Great Game, des imperialen Rivalitätskampfs um Einfluss in Zentral- und Südasien, ein weit gespanntes Panorama von Orten und Gemeinschaften. Ohne eindeutige Parteinahme setzt die Erzählung auf Beobachtung, Bewegung und Begegnung, um Identität, Zugehörigkeit und Loyalität als stets verhandelbare Größen sichtbar zu machen.

Der Beginn führt nach Lahore, wo Kim auf den Straßen lebt, Gelegenheitsdienste übernimmt und mit Neugier und Witz Informationen sammelt. Dort begegnet er einem Lama aus dem tibetischen Kulturraum, der eine heilige Quelle sucht, von der er Erlösung erhofft. Kim fühlt sich zu dessen Ruhe und Zielstrebigkeit hingezogen und wird sein Begleiter und Schüler. Gemeinsam machen sie sich auf eine Pilgerreise, die sie über Märkte, Karawanenrouten und Rastplätze führt. Früh zeigt der Roman, wie religiöse Praktiken, Kasten, Sprachen und politische Macht in dichtem Nebeneinander stehen und wie Kim daraus ein bewegliches Selbstbild formt.

Ein erster Wendepunkt entsteht, als Kims Herkunft in Kontakt mit britischen Stellen sichtbar wird. Hinweise auf einen verstorbenen Soldatenvater und alte Zeichen rufen Interesse hervor, und der Junge wird aus dem Straßenleben herausgelöst. Er kommt in eine Schule und unter Aufsicht, die ihn bilden, disziplinieren und zugleich für nützlichere Aufgaben vorbereiten sollen. Für Kim bedeutet dies den Verlust spontaner Freiheit, aber auch Zugang zu Karten, Büchern und Sprachen. Zugleich bleibt seine Verbindung zu einem schattenhaften Nachrichtennetz bestehen, für das er Botengänge erledigt. Die Spannung zwischen Pilgerreise und politischer Zweckbindung tritt deutlich hervor.

In der Ausbildung entfaltet sich Kims Doppelleben. Er lernt lesen, schreiben und vermessen, übt Tarnung, Beobachtung und Selbstkontrolle und wird in die Methoden einer kolonialen Geheimtätigkeit eingeführt, die Informationen sammelt, katalogisiert und in Macht übersetzt. Förderer erkennen sein Talent zur Maskierung sozialer Rollen und seine Fähigkeit, Grenzen zu überschreiten, ohne aufzufallen. Gleichzeitig hält er am Versprechen fest, den Lama nicht im Stich zu lassen, und sucht Begegnungen mit ihm, wann immer es der Alltag erlaubt. Die Schulwelt vermittelt Ordnung und Hierarchie, doch Kims Loyalitäten bleiben vielfältig und folgen persönlichen Bindungen genauso wie institutionellen Erwartungen.

Auf Reisen in den Ferien setzt Kim die Begleitung des Lamas fort. Die Route führt über die große Verkehrsader des Subkontinents in Dörfer, Städte und Bergtäler, wo beide Hilfe erhalten und geben. Kim erhält erste, offiziellere Aufträge, die harmlos erscheinen, aber den Ernst des Great Game spürbar machen: Beobachten, berichten, kleine Pakete unauffällig befördern. Er erkennt, wie unsichtbare Strukturen von Überwachung und Gegenspionage den Alltag durchdringen. Gleichzeitig wächst seine Zuneigung zum Lehrer, dessen geistige Suche eine Alternative zur Logik der Konkurrenz anbietet. Die Frage, welcher Pflicht er am Ende folgen soll, tritt zunehmend ins Zentrum.

Ein weiterer entscheidender Abschnitt spielt in den Vorgebirgen des Himalaya, wo die Grenzlinien zwischen Imperien unscharf verlaufen. Dort kreuzen sich der ruhige Gang der Pilgerreise und die hektische Dynamik des Nachrichtendienstes. Kim trifft auf vermessende Fremde und auf Verbündete, die mit Karten, Instrumenten und Dokumenten die Machtbalance sichern wollen. Es kommt zu Konfrontationen, die ohne großes Spektakel zeigen, wie Wissen zur Waffe wird und wie rasch eine Begegnung in Gefahr umschlagen kann. Kim agiert wachsam und erweist sich als handlungsfähig, während der Lama die weltliche Unruhe als Prüfstein für seine Suche begreift.

Die Folgen dieser Ereignisse sind innerlich wie äußerlich spürbar. Erschöpfung, Krankheit und Nachdenklichkeit stellen sich ein, und Kim erlebt zum ersten Mal die Grenzen seiner Rastlosigkeit. Förderer aus dem Dienst drängen zur Festigung einer Laufbahn, doch der Preis an Unabhängigkeit und die moralische Unschärfe der Aufgabe werden greifbarer. Der Lama, körperlich gezeichnet, hält unbeirrt an seiner Mission fest und bietet Kim eine Orientierung jenseits von Rang und Befehl. Der Junge beginnt, die Begriffe von Pflicht, Freundschaft und Selbstbestimmung neu zu gewichten und fragt, was es heißt, sich selbst treu zu bleiben.

Im letzten Drittel laufen die Fäden zusammen. Der Lama glaubt, einem Ort der Läuterung nahe zu sein, und Kim erkennt, dass seine Talente ihn unwiderruflich für Dienste begehrt machen, die mehr fordern, als sie geben. Die Erzählung steigert sich nicht zu einer reinen Enthüllung, sondern zu einer Entscheidungssituation: zwischen Karriere im Geheimdienst, der dem Empire dient, und der Treue zu einer persönlichen, spirituell geprägten Gemeinschaft. Ohne das Ergebnis vorwegzunehmen, macht der Roman deutlich, dass beides nicht folgenlos möglich ist. Was über Wissen, Macht und Befreiung behauptet wird, steht auf dem Prüfstand gelebter Erfahrung.

Als Ganzes bleibt Kim wegen seines lebendig gezeichneten Indien-Panoramas, der Darstellung des Great Game und der vielschichtigen Frage nach Zugehörigkeit bedeutsam. Der Roman zeigt, wie Grenzüberschreitung – sprachlich, sozial, geografisch – Chancen eröffnet und zugleich vereinnahmt werden kann. Er lädt dazu ein, koloniale Wissensordnungen und ihre Verlockung zum Kategorisieren zu prüfen, ohne das Abenteuerhafte zu verlieren. Mit der Gegenüberstellung von äußerer Karte und innerem Kompass legt er nahe, dass Selbstfindung ein offener Prozess ist. Darin liegt die nachhaltige Wirkung: Die Reise formt den Reisenden – und lässt die endgültige Richtung bewusst uneindeutig.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Der Roman spielt im späten 19. Jahrhundert in Britisch-Indien, vor allem im Punjab, entlang der Grand Trunk Road und in den Vorhimalaya-Regionen. Das politische Gefüge wird vom Britischen Raj bestimmt, seit 1858 unter der Krone mit Vizekönig, Indian Civil Service und einer indischen Armee unter britischem Offizierskorps. Verwaltungszentren wie Lahore und Simla strukturieren Macht und Verwaltung, während Distriktbeamte und „political officers“ die Peripherie im Blick behalten. In diesem Rahmen bewegt sich ein dichtes Netz aus Beamten, Soldaten, Missionaren, Händlern und Pilgern. Kims Welt bildet damit ein Panorama der Institutionen, Wege und Begegnungen, die den Raj in seiner Spätphase prägten.

Nach dem Aufstand von 1857/58 wurde die Ostindien-Kompanie aufgelöst, und die britische Krone übernahm die direkte Herrschaft. Es folgten rechtliche und administrative Standardisierungen: der Indian Penal Code (1860), ein ausgebautes Gerichtssystem, regelmäßige Volkszählungen (ab 1871/72) und eine stärkere Zentralisierung der Provinzverwaltungen. Diese Maßnahmen zielten auf Kontrolle, Wissensproduktion und Stabilität. In Kims Umfeld spiegelt sich diese neue Ordnung in einer Alltagswelt, die von Registraturen, Pässen, Bahnhofsvorschriften und Ermittlungsroutinen geprägt ist. Der Roman setzt Figuren in Szene, die zwischen offizieller Verwaltung und informellen Netzwerken verkehren, was die Ambivalenz von Ordnung und Improvisation erfahrbar macht.

Die geopolitische Signatur der Epoche ist die britisch-russische Rivalität in Zentralasien, häufig als „Great Game“ bezeichnet. Seit den 1860er Jahren dehnte Russland seine Kontrolle über Turkestan aus, während Großbritannien seinerseits die nördlichen Grenzen Indiens absicherte. Diese Spannung erzeugte im Raj ein Klima permanenter Wachsamkeit, in dem Nachrichten, Karten und Gerüchte strategische Güter wurden. Kim greift genau diese Welt der Grenzberichte, Kurierwege und getarnten Agenten auf. Der Roman übersetzt die imperialen Ängste und Ambitionen in eine Abfolge von Bewegungen, Beobachtungen und Prüfungen, die den Informationshunger einer globalen Rivalität literarisch vergegenständlichen.

Die nordwestlichen Grenzräume – vom Punjab über die damalige Grenzregion bis hin zu Afghanistan – waren Brennpunkte imperialer Politik. Nach dem Zweiten Anglo-Afghanischen Krieg (1878–1880) suchte Großbritannien Pufferräume und Abkommen; 1893 wurde die Durand-Linie als Grenzziehung zu Afghanistan vereinbart. In den 1890er Jahren entstand die Gilgit Agency als vorgeschobener Posten, und 1901 wurde die North-West Frontier Province gebildet. Kim nutzt diese Kulissen aus Pässen, Talsperren und Karawanenrouten, um die Durchlässigkeit und Fragilität politischer Linien sichtbar zu machen: Grenzen werden überwacht, doch sie leben von Gerüchten, Karten und lokaler Kooperation.

Die Vermessung des Subkontinents war Kern imperialer Wissensproduktion. Die Great Trigonometrical Survey hatte seit dem frühen 19. Jahrhundert ein enges Netz geodätischer Messpunkte angelegt, während die Survey of India Karten, Höhenlinien und administrative Gazetteers lieferte. Zentral war auch der Einsatz indigener „Pundit“-Forscher in den 1860er/70er Jahren, die in Verkleidung Tibet und Grenzgebiete erkundeten. Kims Welt reflektiert diese Methoden: verdeckte Reisen, das Zählen von Schritten, das Markieren von Pässen und das Sammeln topografischer Daten. Die vermessene Landschaft wird zur Bühne, auf der Loyalität, Identität und Ortskenntnis politische Bedeutung gewinnen.

Der technische Hintergrund der Handlung ist die Verdichtung von Infrastruktur. Seit den 1850er Jahren wuchs das indische Eisenbahnnetz rasant und überschritt um 1900 zehntausende Kilometer. Der elektrische Telegraph, ab den 1850er Jahren verlegt, verband Provinzen und Grenzposten, beschleunigte Befehle und Informationen. Postwesen und „dak bungalows“ strukturierten Etappen. Im Roman ermöglichen Züge, Telegrafendrähte und Straßen schnelle Ortswechsel, aber auch neue Kontrollformen: Tickets, Zoll, Telegraphie bilden Handlungsräume, in denen Nachrichten blitzschnell wandern und in denen gleichzeitig Lücken entstehen, die Spione und Händler geschickt ausnutzen.

Die Grand Trunk Road, deren Wurzeln bis in vormoderne Reiche reichen und die im 19. Jahrhundert unter britischer Regie ausgebaut wurde, verbindet Handelsstädte, Pilgerorte und Garnisonsstandorte. Sie ist ein sozialer Raum: Kulis, Fakire, Händler, Soldaten und Beamte kreuzen Wege und Geschichten. In Kim fungiert die Straße als kosmopolitischer Korridor, der Übergänge zwischen Dörfern, Bazaren, Karawanenserais und Eisenbahnstationen ermöglicht. Historisch verweist sie auf die wirtschaftliche Integration Nordindiens und auf die Mobilität von Waren, Menschen und Informationen, die für die späte Kolonialzeit charakteristisch ist.

Lahore, eine Schlüsselstadt des Punjab, war im späten 19. Jahrhundert Verwaltungszentrum, Bildungsstandort und Knoten der Eisenbahn. Das Lahore Museum, in dem der Roman einsetzt, war ein Symbol kolonialer Wissensordnung und Sammlungspraktiken. John Lockwood Kipling, der Vater des Autors, wirkte dort als Kurator und leitete die Mayo School of Arts. Diese Verbindung unterstreicht die Authentizität der Schauplätze. Das Museum als Kontaktzone – zwischen religiösen Artefakten, kolonialer Klassifikation und neugierigen Besuchern – spiegelt das Spannungsfeld, in dem Kims Begegnungen mit Geistlichen, Händlern, Soldaten und Gelehrten stattfinden.

Die koloniale Armee war ein Pfeiler der Herrschaft. Nach 1858 wurden Rekrutierungspraktiken reorganisiert; das Konzept der „martial races“ begünstigte etwa Sikhs, Gurkhas oder bestimmte paschtunische Gruppen für den Dienst. Garnisonen entlang der Grenzregionen, Logistik auf der Schiene und ein dichtes Netz von Pionieren und Signalkompanien kennzeichneten den Alltag. Im Roman treten Soldaten und Unteroffiziere als kulturelle Mittler auf, deren Loyalitäten sowohl vom Regiment als auch von regionalen Bindungen geformt sind. Dadurch wird sichtbar, wie Militär, Ethnographie und Imperiumsstrategie sich gegenseitig strukturierten.

Religiöse und ethnische Vielfalt prägt die dargestellte Welt. Hindus, Muslime, Sikhs und Buddhisten teilen Straßen, Märkte und Rituale, oft unter dem prüfenden Blick kolonialer Kategorisierung. Ab 1871/72 führten Volkszählungen standardisierte Rubriken ein, die Gemeinschaften messbar machten und zugleich fixierten. Kims Streifzüge durch Schreine, Gurdwaras und buddhistische Pfade spiegeln diese Dichte alltäglicher Kontaktzonen. Die Pilgerreisen des tibetischen Lamas verweisen auf grenzüberschreitende religiöse Netzwerke und auf die Tatsache, dass Tibet bis zum frühen 20. Jahrhundert für Europäer weitgehend verschlossen blieb; die britische Lhasa-Expedition erfolgte erst 1904.

Das Bildungssystem der Kolonialzeit verband Missionsschulen, Eliteinternate und technische Colleges mit einem kleinen indischen Zugang zur höheren Verwaltung. Seit Macaulays Minute (1835) und der Stärkung englischer Unterrichtssprache entstand eine anglophone Elite. Die Prüfungen für den Indian Civil Service fanden bis ins frühe 20. Jahrhundert überwiegend in London statt, was den Zugang für Inder erschwerte. Kims schulische Stationen spiegeln Spannungen zwischen Straßenwissen, kolonialer Disziplin und sozialem Aufstieg. Schulen in Städten wie Lucknow dienen als Kontaktpunkte zwischen imperialer Bürokratie und lokalen Gesellschaften, in denen Sprachen, Sitten und Hierarchien sich mischen.

Die Printkultur erleichterte Zirkulation von Nachrichten, Literatur und Gerüchten. Englischsprachige Zeitungen wie jene in Lahore und Allahabad prägten Debatten unter Kolonialbeamten und Kaufleuten, während ein breites Spektrum an Vernacular-Presse regionale Öffentlichkeiten formte. Rudyard Kipling arbeitete in den 1880er Jahren in Lahore als Journalist, was ihm tiefe Einblicke in Amtsstuben, Garnisonen und Bazare verschaffte. Diese Erfahrungen schlagen sich in Kims fein gezeichneten Dialogen, in der Schnelligkeit der Informationswege und im Gespür für die Bedeutung scheinbar kleiner Notizen nieder, die in einer Welt der Spionage das Schicksal ganzer Operationen wenden können.

Koloniale Ordnung beruhte nicht nur auf Verwaltung, sondern auch auf Polizei und Recht. Der Indian Penal Code (1860) und spätere Maßnahmen wie der Criminal Tribes Act (1871) institutionalisierten Überwachung, Registrierung und Bewegungskontrollen bestimmter Gruppen. In Kims Umfeld kreuzen Spitzel, Grenzbeamte und Distriktpolizisten die Wege von Händlern und Pilgern. Die juristische Sprache von „Verdacht“, „Nachweis“ und „Zugehörigkeit“ spiegelt ein System, das Personen klassifiziert und verfolgt. Damit bildet der Roman Praktiken ab, die zwischen Wissenshunger und Stigmatisierung changieren – zentrale Elemente kolonialer Sicherheitspolitik.

Wirtschaftlich stand Nordindien im Zeichen agrarischer Produktion, regionaler Märkte und wachsender Exportverflechtung. Im Punjab transformierten große Bewässerungsprojekte ab den 1880er Jahren ganze Landstriche; neue Siedlungen und „canal colonies“ entstanden. Zugleich erschütterten Hungersnöte 1876–78 und 1896–97 weite Regionen; die Eisenbahn diente als Hilfs- und Militärlogistik. Kims Handels- und Reisewelten zeigen das Ineinandergreifen von bäuerlicher Ökonomie, Karawanenhandel und städtischen Basaren. Das ökonomische Gefüge liefert den Hintergrund, vor dem Informationen, Bestechungsgelder und Gefälligkeiten kursieren – Ressourcen, die im Schatten der großen Politik gleichfalls entscheidend sind.

Die Jahrhundertwende sah gesundheitspolitische Krisen. Seit 1896 breitete sich die Dritte Pestpandemie in Indien aus, besonders in Bombay und anderen Hafenstädten. Sanitäre Maßnahmen, Quarantänen und Zwangsreinigungen erzeugten Spannungen, die das Verhältnis zwischen Staat und Bevölkerung belasteten. Parallel etablierten sich Hill Stations wie Simla im späten 19. Jahrhundert als klimatische Rückzugsorte und – faktisch – als Sommerhauptstadt der Regierung. In Kims Himalaya-Passagen spiegelt sich diese Doppelbewegung: Berge erscheinen als Räume administrativer Erholung und logistischer Steuerung, aber auch als Zonen spiritueller Suche, in denen sich weltliche und religiöse Ordnungen kreuzen.

Der Außenbezug zu Tibet, Sikkim und Bhutan war durch Verträge, Grenzposten und restriktive Zugangsregeln bestimmt. Bis zur britischen Expedition von 1904 blieb Tibet für europäische Reisende weitgehend geschlossen; Informationen flossen über Händler, Pilger und verdeckte Vermesser. Kims Begegnungen mit einem tibetischen Lama und mit Grenzagenten setzen diese Situation ins Literarische um: Wissen bewegt sich entlang religiöser Netzwerke, und Kulturkontakte entstehen in Passdörfern, Klöstern und Märkten. Die Grenzregion wirkt als Resonanzraum, in dem die Rivalität der Großmächte auf lokale Geographien, Sprachen und Loyalitäten trifft.

Die Entstehungs- und Publikationsgeschichte rahmt den historischen Kontext. Kim erschien 1900/01 zunächst in Zeitschriftenform und 1901 als Buch, zu einer Zeit, als die Debatte um Imperium, „martial races“ und Grenzsicherung ihren Höhepunkt erreichte. Kipling, 1865 in Bombay geboren, hatte in den 1880er Jahren als Journalist in Lahore gearbeitet und zog später nach Europa und in die USA. 1907 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Zeitgenössisch wurde Kim als spannungsreicher Abenteuer- und Grenzroman gelesen; erst spätere Debatten rückten stärker die imperialen Ideologien und die ethnografische Blickordnung in den Fokus der Kritik und Interpretation. Selbst wenn die Landesgrenzen strenger bewacht wurden, blieb die koloniale Ordnung auf lokale Vermittler angewiesen. Diese Abhängigkeit erzeugte Räume gegenseitiger Beobachtung, in denen Sprache, Kleidung und Zugehörigkeit taktisch eingesetzt wurden. Kim inszeniert diese „Kunst der Passage“ als alltägliche Kompetenz: Übersetzen, Verhandeln und Tarnen werden zu Fähigkeiten, die Status und Sicherheit bestimmen. Historisch verweist dies auf die Verschränkung formaler Hierarchien mit informellen Netzwerken – ein Kernelement kolonialer Herrschaft und ihrer Verwundbarkeit zugleich.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Rudyard Kipling (1865–1936) war ein britischer Erzähler und Dichter, dessen Werk eine Brücke zwischen Spätviktorianismus und frühem 20. Jahrhundert schlägt. In Britisch-Indien geboren, verband er koloniale Schauplätze mit markanten Stimmen, präziser Beobachtung und balladeskem Ton. Er schrieb gleichermaßen Erzählungen, Romane, Gedichte und Kinderbücher und wurde 1907 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Seine Texte, von Abenteuerlust und Technikbegeisterung bis zu Skepsis und Verlust geprägt, prägten die englischsprachige Literatur nachhaltig. Zugleich sind sie wegen imperialer Perspektiven umstritten. Weltweit rezipiert, vielfach übersetzt und adaptiert, blieb Kipling eine prägende Figur der populären wie der kanonischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts.

Er erhielt seine schulische Ausbildung im England des späten 19. Jahrhunderts und besuchte das United Services College in Devon, dessen rigider Alltag später in Stalky & Co. literarisch nachhallte. Früh zeigte sich seine Neigung zur journalistischen Arbeit, zu pointierter Beobachtung und zur Ballade als Form. Nach der Schule wandte er sich dem Zeitungshandwerk zu und lernte Redaktionsabläufe, Recherche und schnelle Reportage aus der Praxis. Geprägt wurde er von der lebendigen Presse- und Vortragskultur der Zeit. Literarisch standen Abenteuerprosa und die britische Balladentradition Pate; zudem beeindruckten ihn Erzähler mit ökonomischem Stil und straffer Handlung, die er auf koloniale Stoffe übertrug.

Ab 1882 arbeitete Kipling in Lahore für die Civil and Military Gazette und später für The Pioneer in Allahabad. Die tägliche Routine aus Leitartikeln, Kolumnen und Reportagen schärfte seinen Blick für Dialog, Milieus und Tempo. In rascher Folge erschienen erste Bände: Departmental Ditties (1886) sowie die indischen Story-Sammlungen Plain Tales from the Hills, Soldiers Three und The Phantom ’Rickshaw (alle 1888). Sie verbanden Witz, lakonische Härte und genaue Beobachtung britisch-indischer Verhältnisse. 1889 kehrte er nach England zurück, wo die bereits in Zeitungen verbreiteten Geschichten ein breites Publikum fanden und seinen Ruf als innovativer Erzähler der Empire-Peripherie festigten.

Die 1890er-Jahre brachten breite Bekanntheit und formale Vielfalt. Mit dem Roman The Light That Failed (1890) und den Barrack-Room Ballads (1892) profilierte er sich als Chronist von Soldatenstimmen und Enttäuschungen der Moderne. In Vermont entstanden The Jungle Book (1894) und The Second Jungle Book (1895), Klassiker der Kinder- und Tierliteratur, die Fabel, Moral und Abenteuer kunstvoll verschränken. Es folgten Many Inventions (1893), der Gedichtband The Seven Seas (1896) und der Seeroman Captains Courageous (1897). Kipling verband starke Erzählökonomie mit Rhythmusgefühl; seine refrainsichere Lyrik und die pointierte Prosa erreichten Leserschaften weit über Großbritannien hinaus.

Um 1900 konsolidierte er seinen Rang mit Kim (1901), einem weiträumigen Indienroman, und den Just So Stories (1902), kunstvoll erfundenen Erklärgeschichten für Kinder. In Sussex fand er Stoffe für Puck of Pook’s Hill (1906) und Rewards and Fairies (1910), deren Gedicht If— zu seinen bekanntesten Texten zählt. Der Band The Five Nations (1903) und das Gedicht The White Man’s Burden (1899) spiegeln seine imperiale Weltsicht, die Zustimmung wie Kritik hervorrief. 1907 erhielt er als erster englischsprachiger Autor den Literaturnobelpreis und blieb der bis dahin jüngste Laureat. Seine internationale Reputation gründete auf Vielseitigkeit, formaler Meisterschaft und erzählerischer Energie.

Vor dem Ersten Weltkrieg bereiste er Südafrika und arbeitete kurzzeitig an einer Soldatenzeitung, Erfahrungen, die sein Verständnis militärischer Gemeinschaften schärften. Der Krieg traf ihn persönlich: Sein Sohn fiel an der Front, worauf Kipling sich in der öffentlichen Erinnerungskultur engagierte, unter anderem durch Mitarbeit an der Kriegsgräberorganisation und durch Gedichte wie Epitaphs of the War (1919). Spätere Sammlungen, darunter Debits and Credits (1926) und Limits and Renewals (1932), vereinen späte Lyrik und Erzählungen von ernster, oft desillusionierter Tonlage. Technische Moderne, Schuld und Pflicht bleiben wiederkehrende Motive; zugleich verfeinerte er seine Kunst der knappen, atmosphärischen Kurzgeschichte.

Kiplings späteren Jahren folgte 1936 sein Tod; sein Ansehen blieb ambivalent und lebendig. Als Meister der Kurzgeschichte, populärer Balladendichter und Erneuerer der Kinderliteratur beeinflusste er Generationen von Autorinnen und Autoren. Seine Darstellung des Empire wird heute kritisch gelesen, doch sein Können in Stimmenführung, Ironie, Szenenbau und Reimtechnik gilt weiterhin als herausragend. Texte wie The Jungle Books, Kim und If— werden weltweit neu aufgelegt, in Schulen diskutiert und vielfach adaptiert. Forschung und Publikum verhandeln sein Werk zwischen ästhetischer Bewunderung und politischer Distanzierung – eine Spannung, die seine anhaltende Wirkung und die Komplexität seiner Epoche sichtbar macht.

Kim (Spionageroman)

Hauptinhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15

Kapitel 1.

Inhaltsverzeichnis

Er saß, in trotziger Mißachtung der behördlichen Vorschriften, rittlings auf der Kanone Zam-Zammah[1], die auf ihrem Ziegel-Unterbau gegenüber dem alten Ajaib-Gher[2] stand – dem Wunderhaus – wie die Eingeborenen das Museum von Lahore nennen. Wer Zam-Zammah, »den feuerspeienden Drachen«, im Besitz hat, besitzt das Punjab[1q]; denn das mächtige, grünbronzene Geschütz ist immer des Siegers erste Beute.

Eine Rechtfertigung gab es für Kim – er hatte Lala Dinanaths Sohn von den Kurbellagern heruntergetreten – da den Engländern das Punjab gehörte – und Kim war Engländer. Obgleich so schwarz gebrannt, wie ein Eingeborener, obgleich mit Vorliebe die Landessprache gebrauchend und seine Muttersprache in einem undeutlichen Singsang radebrechend; obschon auf völligem Gleichheitsfuße mit den kleinen Bazar-Buben verkehrend, war Kim doch ein Weißer – ein armer Weißer – von den Allerärmsten einer. Die Halbblut-Frau, die ihm Quartier gab (sie rauchte Opium und behauptete, einen Möbelhandel aus zweiter Hand an dem Platz, wo die billigen Mietwagen stehen, zu betreiben), sagte den Missionären, sie sei Kims Mutterschwester. Seine Mutter aber war Kindermädchen in der Familie eines Obersten gewesen und hatte Kimball O’Hara geheiratet, einen jungen Fahnen-Unteroffizier von den Mavericks, einem irischen Regiment. Dieser nahm später Dienst bei der Sind-Punjab-Delhi-Eisenbahn, und sein Regiment ging ohne ihn heimwärts. O’Haras Weib starb in Ferozepore an der Cholera; er ergab sich dem Trunk und trieb sich mit dem dreijährigen, blitzäugigen Kinde an der Bahnlinie herum. Vereine und Geistliche, um den Knaben besorgt, suchten ihn einzufangen. Aber O’Hara machte sich stets aus dem Staube, bis er endlich auf das Weib traf, das Opium rauchte, von ihr diese Liebhaberei lernte und starb, so wie arme Weiße in Indien sterben. Seine Hinterlassenschaft bestand aus drei Schriftstücken; das eine nannte er sein » ne varietur[4] « weil dies Wort unter seinem Namenszug geschrieben stand, das andere seinen Entlassungsschein; das dritte war Kims Geburtsschein. »Diese Dinger«, so pflegte er in seinen glorreichen Opiumstunden zu sagen, »würden den kleinen Kimbali noch zu einem Manne machen.« Auf keinen Fall dürfte Kim sich von den Papieren trennen, denn sie wirkten durch Magie – eine Magie, wie sie die Männer drüben hinter dem Museum übten, in dem großen blau und weißen Jadoo-Gher – dem magischen Hause – was wir Freimaurer-Loge[3] nennen). Es würde, sprach O’Hara, eines Tages alles zum Rechten kommen und Kims Horn würde hoch erhoben zwischen Säulen hängen – ungeheuren Säulen – starken und schönen. Der Oberst selbst, an der Spitze des stolzesten Regimentes der Welt reitend, würde Kim aufwarten – dem kleinen Kim – der es besser haben sollte, als sein Vater. Neunhundert Teufel erster Klasse, deren Gott ein Roter Ochse auf grünem Felde war, würden Kim dienen, wenn sie nicht O’Hara vergessen hätten – den armen O’Hara, den Vorarbeiter auf der Strecke von Ferozepore. Dabei pflegte er in seinem zerbrochenen Binsenstuhl auf der Veranda bitterlich zu weinen. So geschah es, daß nach seinem Tode das Weib Pergament, Papier und Geburtsschein in ein ledernes Amulett-Etui einnähte und es Kim um den Hals hängte.

»Und eines Tages,« sprach sie, sich der Prophezeihung O’Hara’s verworren erinnernd, »wird ein großer roter Ochse auf grünem Felde zu Dir kommen und ein Oberst, auf hohem Pferde reitend, ja, und« – in’s Englische fallend – »neunhundert Teufel.«

»O,« rief Kim, »ich werde daran denken. Ein roter Ochse wird kommen und ein Oberst zu Pferde. Aber vorher, sagte mein Vater, kommen die zwei Männer, die den Grund klar machen für die Ereignisse. So machen sie’s immer, sagte mein Vater, wenn Männer Magie treiben.«

Hätte die Frau Kim mit seinen Papieren nach dem Orts-»Jadoo-Gher« gesandt, so würde er sicher von der Provinzial-Loge übernommen und in das Freimaurer-Waisenhaus im Gebirge geschickt worden sein; aber was sie von Magie gehört, machte sie mißtrauisch. Auch Kim hatte seine eigenen Ansichten. Als er in die Flegeljahre kam, ging er Missionaren und weißen Leuten von ernstem Aussehen, die zu fragen pflegten, wer er sei und was er treibe, geflissentlich aus dem Wege. Denn Kim trieb, mit großartigem Erfolge, gar nichts. Zwar die wundervolle, wallumgürtete Stadt Lahore kannte er durch und durch, vom Delhi-Tor bis zum äußersten Festungsgraben; zwar stand er auf Du und Du mit Leuten, die ein so seltsames Leben führten, wie selbst Harun al Raschid es sich nicht hätte träumen lassen; zwar lebte er selbst ein so seltsames Leben, wie in »Tausend und eine Nacht« – aber die Missionare und Beamten von wohltätigen Anstalten hätten dies alles ja nicht zu würdigen gewußt. Im Stadtbezirk war sein Spitzname »Kleiner Allerweltsfreund«. Da er klein und unauffällig war, hatte er sehr oft nächtliche Botschaften auf den belebten Hausdächern von fashionablen, geschniegelten jungen Herren auszurichten. Es waren Intriguen, natürlich – er wußte das nur zu genau, hatte er doch, seit er sprechen konnte, alles Böse kennen gelernt. Er lieble solche Streiche um ihrer selbst willen; dies heimliche Umherstreifen durch dunkle Winkel und Gäßchen, das verstohlene Hinaufschleichen durch ein Wasserrohr, den Anblick und die Laute der Frauenwelt auf den flachen Dächern und die ungestüme Flucht von Dach zu Dach im Schutze der schwülen Dunkelheit. Dann gab es heilige Männer, mit Asche beschmierte Fakire, unter ihren steinernen Schreinen bei den Bäumen am Flußufer, mit denen er ganz familiär stand. Er begrüßte sie, wenn sie von ihren Bettelreisen zurückkehrten, und, wenn es niemand sah, aß er auch mit ihnen aus derselben Schüssel.

Die Frau, die ihn in Obhut hatte, flehte unter Tränen, er solle europäische Kleider tragen: Hosen, ein Hemd und einen Schlapphut. Kim zog es vor, in ein Hindu-oder Mohammedaner-Gewand zu schlüpfen, wenn er in gewissen Geschäften unterwegs war. Einer der jungen, fashionablen Männer – es war derselbe, der in der Nacht des Erdbebens auf dem Grunde eines Brunnens tot aufgefunden wurde – hatte ihm einst einen vollständigen Anzug aus Hindu-Stoff, das Kostüm eines Straßenjungen niederer Kaste, gegeben. Kim verbarg es heimlich zwischen einigen Balken auf Nila Rams Zimmerplatz, hinter dem Punjab-Gerichtshof, dort, wo die wohlriechenden Deodar-Klötze zum Austrocknen lagerten, nachdem sie den Ravi herabgetrieben. Wenn Aussicht auf Geschäfte oder Schelmenstreiche bevorstand, holte Kim seinen verborgenen Besitz hervor und kehrte erst beim Morgengrauen zurück in die Veranda, erschöpft vom Jubilieren hinter einer Heiratsprozession her oder vom Schreien bei einer Hindu-Festlichkeit. Zuweilen fand er einen Happen im Hause, öfter aber nicht; dann ging er wieder fort und aß mit seinen eingeborenen Freunden.

Er trommelte mit den Hacken gegen Zam-Zammah und unterbrach bisweilen sein »König vom Schloß«-Spiel mit dem kleinen Chota Lal und Abdullah, des Kuchenbäckers Sohn, um dem eingeborenen Polizisten, der die Reihe von Schuhen vor dem Museum zu bewachen hatte, Grobheiten zuzurufen. Der dicke Punjabmann lächelte nachsichtig. Er kannte Kim schon lange – ebenso der Wasserträger, der die trockene Straße aus seinem ziegenledernen Sack besprengte. Auch der Jawahir Singh, der Museums-Tischler, der über neuen Packkisten gebückt dastand, war ein alter Bekannter Kims, wie überhaupt jedermann rundherum, ausgenommen die Bauern vom Lande, die nach dem Wunderhause kamen, um die Dinge anzustaunen, die in ihrer eignen Provinz ebenso wie auch anderswo angefertigt wurden. Das Museum war bestimmt für die Erzeugnisse indischer Kunst und Industrie. Wer etwas erklärt haben wollte, konnte den Direktor fragen.

»Herunter! Herunter mit Dir! Ich will hinauf,« schrie Abdullah, auf Zam-Zammah’s Rad kletternd.

»Dein Vater war Pastetenkoch. Deine Mutter stahl das »Ghi«, sang Kim. »Alle Muselmänner sind längst von Zam-Zammah heruntergefallen.«

»Laß mich hinauf!« kreischte der kleine Chota Lal, unter seiner goldgestickten Mütze. Sein Vater war vielleicht eine halbe Million Sterling wert; aber Indien ist das einzige demokratische Land der Welt.

»Die Hindu sind auch von Zam-Zammah herabgefallen. Die Muselmänner stießen sie herunter. Dein Vater war Pastetenkoch« – Er hielt inne, denn um die Ecke, vom geräuschvollen Moti-Bazar her, kam schwerfälligen Ganges ein Mann, wie ihn Kim, der alle Kasten zu kennen glaubte, nie zuvor gesehen. Er war nahezu sechs Fuß hoch und gekleidet in dunkelbraunen Stoff, der, einer Pferdedecke ähnlich, Falte auf Falte schlug; und nicht eine Falte konnte Kim in Zusammenhang bringen mit irgendeinem ihm bekannten Geschäft oder Handwerk. An seinem Gürtel hing ein eiserner Federbehälter von durchbrochener Arbeit und ein hölzerner Rosenkranz, wie ihn heilige Männer tragen. Auf dem Haupte hatte er eine Art riesiger spitzer Deckelmütze mit einem Knopf in der Mitte. Sein Gesicht war gelb und runzelig wie das von Fook Shing, dem chinesischen Schuhmacher im Bazar. Seine Augen zogen sich nach den Winkeln aufwärts und sahen aus wie kleine Spalten aus Onyx.

»Wer ist das?« fragte Kim seine Kameraden.

»Vielleicht ist es ein Mann,« sprach Abdullah hinstarrend, den Finger im Munde.

»Ohne Zweifel,« erwiderte Kim; »aber es ist ein Inder, wie ich ihn noch nie sah.«

»Ein Priester vielleicht,« meinte Chota Lal, den Rosenkranz erspähend. »Sieh, er geht in das Wunder-Haus.«

»Nein, nein,« sagte der Polizist kopfschüttelnd. »Ich verstehe Deine Rede nicht.« Der Konstabler sprach Punjabi. »He, Du! Allerweltsfreund! was sagst Du?«

»Schicke ihn hierher,« rief Kim, von Zam-Zammah herab kletternd und seine nackten Füße schwenkend. »Er ist ein Fremder und Du bist ein Büffel.«

Der Mann drehte sich hilflos um und schob sich zu dem Knaben hin. Er war alt, und sein wollenes Obergewand dunstete noch von dem übelriechenden Wermut der Gebirgspässe.

»O, Kinder, was ist dies große Haus?« fragte er in sehr klarer Urdusprache.

»Das Ajaib-Gher, das Wunder-Haus.« Kim gab ihm keinen Titel, wie Lala oder Mian, denn er konnte des Mannes Glaubensbekenntnis nicht erraten. »Ah! Das Wunder-Haus! Kann da ein jeder eintreten?«

»Es steht über der Pforte geschrieben – jeder kann eintreten.«

»Ohne Bezahlung?«

»Ich gehe ein und aus. Und ich bin kein Bankier,« lachte Kim.

»Ach! Ich bin ein alter Mann, ich wußte es nicht.« Dann, seinen Rosenkranz fingernd, wandte er sich halb dem Museum zu.

»Welcher Kaste gehörst Du an? Wo ist Dein Haus? Kommst Du von ferne her?« fragte Kim.

»Ich kam über Kulu, von jenseits der Kailas[5] – aber was wißt Ihr von den Bergen, wo« – er seufzte – »Luft und Wasser frisch und kühl sind.«

»Aha! Khitai« (ein Chinese), sagte Abdullah stolz. Fook Shing hatte ihn einmal aus seinem Laden gejagt, weil er nach dem Joß (chinesischer Götze) gespieen, der über den Stiefeln thronte.

»Pahari« (ein Bergbewohner), meinte der kleine Chota Lal.

»Ach Kind! Ein Bergbewohner, von Bergen, die Du niemals sehen wirst. Hörtest Du schon von Bhotiyal (Tibet)? Ich bin kein Khitai, aber ein Bhotiya (Tibetaner), wenn Du es wissen mußt – ein Lama – oder sage in Deiner Sprache: ein Guru.«

»Ein Guru von Tibet,« rief Kim. »So einen Mann sah ich noch nie. Sind sie Hindus in Tibet?«

»Wir sind Pilger des ›mittleren Pfades‹ und leben in Frieden in unseren Land-Klöstern; ich aber zog aus, um die Vier Heiligen Plätze zu sehen, bevor ich sterbe. Nun wißt Ihr, die Ihr Kinder seid, so viel als ich, der ich alt bin.« Er lächelte wohlwollend auf die Knaben hernieder.

»Hast Du gegessen?«

Er tappte auf seiner Brust herum und zog eine abgenutzte, hölzerne Bettelschale hervor. Die Knaben nickten. Alle Priester ihrer Bekanntschaft bettelten.

»Ich mag noch nicht essen.« Er bewegte seinen Kopf wie eine alte Schildkröte im Sonnenschein. »Ist es wahr, daß so viele Bildnisse im Wunder-Hause von Lahore stehen?« Er wiederholte die letzten Worte, wie jemand, der sich eine Adresse einprägt.

»Das ist wahr,« sagte Abdullah. »Es ist voll von heidnischen ›Buts‹. Du bist wohl auch ein Götzendiener?«

»Höre nicht auf ihn,« sprach Kim. »Das Haus gehört der Regierung und Götzendienerei gibt es nicht darin; nur einen Sahib mit einem weißen Bart. Komm mit mir, ich will Dich führen.«

»Fremde Priester fressen Knaben,« wisperte Chota Lal.

»Und er ist ein Fremder und ein But-parast (ein Götzendiener)« sagte Abdullah, der Mohammedaner.

Kim lachte. »Er ist fremd. Lauft, versteckt Euch in Eurer Mutter Schoß, dann seid Ihr sicher. Komm!«

Kim schob sich durch das Drehkreuz am Eingang, der alte Mann folgte, blieb aber bald vor Erstaunen stehen. In der Eintrittshalle standen die größeren Figuren hellenistisch-buddhistischer Skulptur, die – Gelehrte mögen wissen vor wie langer Zeit – von vergessenen Künstlern gefertigt waren, deren Hände nicht ohne Geschick nach dem rätselhaft überkommenen griechischen Stil getastet hatten. Da waren vereinigt Hunderte von Figurenfriesen in Relief, Fragmente von Statuen und Steinplatten mit Figuren, welche die steinernen Wände der buddhistischen Stupas (bienenkorbförmige Baudenkmäler) und Viharas (Klöster) der nördlichen Gegenden bedeckt hatten, um nun, ausgegraben und etikettiert, den Stolz des Museums auszumachen. Mit staunender Bewunderung wandte der Lama sich von einem zum anderen, bis er endlich in verzückter Spannung still stand vor einem Hoch-Relief, das die Krönung oder Apotheose des Buddha wiedergab. Der »Herr« war dargestellt auf einer Lotusblume sitzend, deren Blätter so tief unterhöhlt waren, daß sie fast losgelöst erschienen. Eine anbetende Korona von Königen, Tempelältesten und Buddhas aus den Vorzeiten umgab ihn. Darunter lotusbedeckte Wasser mit Fischen und Wasservögeln. Zwei Dewas mit Schmetterlingsflügeln hielten einen Kranz über seinem Haupte; zwei andere trugen den Sonnenschirm, überragt von der juwelenstrahlenden Hauptbedeckung des Bodhisat.

»Der Herr! Der Herr! Es ist Sakya Muni selbst,« sprach der Lama mit unterdrücktem Schluchzen, und er begann mit halber Stimme die wundervolle buddhistische Anrufung:

»Zu Ihm der Weg – die Lehre groß – Den Maya trug in ihrem Schoß Des Segens Herr – der Bhodisat!«

»Und ›Er‹ ist hier! Das höchst vortreffliche Gesetz ist auch hier. Meine Pilgerfahrt hat günstig begonnen. Und welch’ ein Werk! Welch’ ein Werk!«

»Dort ist der Sahib,« sagte Kim und hüpfte zwischen den Kasten der Kunstgewerbe und Industrie-Abteilung hindurch zur Seite.

Ein weißbärtiger Engländer blickte auf den Lama hin, der ihn feierlich grüßte und nach einigem Herumtasten ein Notizbuch und einen Streifen Papier zum Vorschein brachte.

»Ja, das ist mein Name,« sprach er, lächelnd auf die plumpe, kindliche Druckschrift deutend.

»Einer von uns, der die Pilgerfahrt nach den Heiligen Plätzen gemacht – er ist jetzt Abt des Lung-Cho-Klosters – gab mir dies,« stammelte der Lama. »Er sprach zu mir von ›Diesen‹.« Seine magere Hand wies zitternd rund umher.

»Willkommen denn, Lama von Tibet. Hier sind die Götterbilder; und hier bin ich,« – er blickte in des Lamas Gesicht – »um Wissen zu sammeln. Komm mit in mein Arbeitszimmer.« Der alte Mann zitterte vor Erregung.

Das Bureau war nur ein kleiner hölzerner, von der mit Skulpturen gefüllten Galerie abgeteilter Verschlag. Kim legte sich nieder, mit dem Ohr gegen einen Riß in der von der Hitze gespaltenen Tür von Zedernholz, um, seinem angeborenen Instinkte gemäß, zu horchen und zu beobachten.

Das Hauptsächlichste des Gesprächs ging über sein Verständnis. Anfangs zögernd sprach der Lama zu dem Direktor von seinem Lama-Kloster »Suchzen«, gegenüber dem Farbigen Felsen und wohl einen viermonatlichen Marsch entfernt. Der Direktor holte ein großes Buch mit Photographien herbei und zeigte ihm das genannte, auf hoher Felsspitze thronende Kloster, das auf das Riesenthal mit den vielfach getönten Felsstufen herniederschaute.

»Ei! Ei!« Der Lama setzte eine in Horn gefaßte Brille von chinesischer Arbeit auf. »Hier ist die kleine Tür, durch die wir das Holz für den Winter tragen. Und Du – der Engländer, kennst das? Der jetzt Abt von Lung-Cho ist, sagte mir, daß Ihr es wisset, aber ich glaubte es nicht. Der Herr, der Erhabene – man ehrt ihn auch hier? Und man kennt sein Leben?«

»Es ist alles in Stein gemeißelt. Komm und schaue, wenn Du ausgeruht hast.«

Der Lama schlürfte hinaus in die Haupthalle; der Direktor schritt ihm zur Seite durch die Sammlungen mit der Andacht des Verehrers und der Hochschätzung des Kunstkenners.

Ereignis auf Ereignis in der wundervollen Geschichte bezeichnete er auf den nachgedunkelten Steinen, zuweilen selbst etwas in Verlegenheit gebracht durch die ungewohnte griechische Stilart, aber entzückt wie ein Kind bei jedem neuen Fund.

Wo die Reihenfolge unterbrochen war, wie bei der Verkündigung, ergänzte der Direktor sie mit Hilfe seiner aufgestapelten französischen und deutschen Bücher, durch Photographien und Abbildungen.

Hier war der fromme Asita, Pendant des Simeon in der christlichen Geschichte, das heilige Kind auf den Knien haltend, während die Eltern andächtig lauschten; und hier waren Vorgänge aus der Legende des Vetters Devadatta. Hier war das böse Weib, das mit schändlicher Lüge den »Herrn« der Unlautbarkeit beschuldigte – hier die Predigt im Wildpark – das Wunder, von dem die Feueranbeter überwältigt wurden – und hier der Bodhisat als Prinz im Königlichen Schmuck; die wunderbare Geburt; der Tod zu Kusinara, wo der schwache Jünger in Ohnmacht sank. Fast unzählige Wiederholungen der Meditation unter dem Bodhisat-Baum fanden sich und die Anbetung der Almosen-Schale war überall zu sehen. Nach wenigen Minuten schon wußte der Direktor, daß sein Gast kein gewöhnlicher, Rosenkranzkugeln zählender Bettler, nein, ein ganzer Gelehrter war. Und sie gingen alles noch einmal durch; der Lama schnupfend, seine Brillengläser putzend und mit Eisenbahnschnelligkeit ein wunderbares Gemisch von Urdu und Tibetanisch redend. Er hatte von den Reisen der chinesischen Pilger Fo-Hian und Hwen-Thiang gehört und war begierig zu erfahren, ob Übersetzungen ihrer Berichte existierten. Mit angehaltenem Atem wendete er hilflos die Blätter von Beal und Stanislas Julien um. »Es ist alles hier – aber für mich ein verschlossener Schatz.« Dann suchte er sich zu beruhigen, um ehrfurchtsvoll den Bruchstücken zu lauschen, die ihm rasch in Urdu wiedergegeben wurden. Zum ersten Male hörte er von den Arbeiten europäischer Gelehrten, die mit Hilfe dieser und hundert anderer Dokumente die heiligen Plätze des Buddhismus festgestellt haben. Dann wurde ihm eine mächtige Karte gezeigt, fleckig, voll gelblicher Linien. Der braune Finger folgte des Direktors Stift von Punkt zu Punkt. Da war Kapilavastu, da das Königreich der Mitte und hier Mahabodhi, das Mekka des Buddhismus; und hier war Kusiganagara, der traurige Platz von des Heiligen Tod. Der alte Mann beugte für eine Weile schweigend das Haupt über die Blätter; der Direktor zündete sich eine neue Pfeife an. Kim war eingeschlafen. Als er erwachte, war die Unterhaltung noch im Flusse, aber ihm besser verständlich.

»Und so geschah es, o Brunnen der Weisheit, daß ich beschloß, nach den Heiligen Plätzen zu pilgern, die »sein« Fuß betreten. Nach dem Geburtsplatz, selbst nach Kapila; dann nach Maha Bodhi, was Buddh Gana ist – nach dem Kloster – dem Wildpark – nach dem Platz Seines Todes.«

Der Lama senkte die Stimme. »Und ich komme allein hierher. Seit fünf, sieben, achtzehn – vierzig Jahren trage ich es in meinen Gedanken, daß das Alte Gesetz nicht wohl befolgt wird. Es ist, Du weißt es, überladen mit Teufelei, Zauberei und Götzendienst. Gerade wie das Kind da draußen eben sagten ja, wie selbst das Kind sagte, mit »But parasti«.

»So ergeht es jeder Glaubenslehre.«

»Meinst Du? Die Bücher meines Klosters habe ich gelesen, und sie waren vertrocknetes Mark: und das späte Ritual, mit dem wir vom Reformierten Gesetz uns beladen haben – auch das hatte keinen Wert in diesen alten Augen. Selbst die Jünger des »Vollkommenen« leben in beständiger Fehde miteinander. Es ist alles Wahn! Ja, Maya, Wahn! Aber ich trage ein anderes Verlangen« – das gefurchte gelbe Gesicht näherte sich ganz dicht dem des Direktors und der lange Nagel des Zeigefingers tippte auf den Tisch – »Eure Gelehrten sind in diesen Büchern den Heiligen Füßen auf allen Wanderungen gefolgt; aber es gibt Dinge, denen sie nicht nachgeforscht haben. Ich weiß nichts – nichts weiß ich – aber ich gehe mich frei zu machen von dem Rad der Dinge, auf einem offenen, breiten Wege.« – (Rad der Dinge ist ein buddhistischer Begriff der Wiederkehr alles Seienden bis zur Erlösung.) Er lächelte mit naivem Triumph. »Als Pilger nach den Heiligen Plätzen erwerbe ich Verdienst. Aber es bleibt mehr zu tun. Höre auf ein wahres Wort. Da unser gnadenreicher Herr noch ein Jüngling war und eine Lebensgefährtin suchte, meinten die Männer an Seines Vaters Hof, daß Er zu zart zur Heirat wäre. Du weißt dies?«

Der Direktor nickte, neugierig, was nun folgen sollte.

»So wurde eine dreifache Kraftprobe mit allen herankommenden Bewerbern angeordnet. Bei der Prüfung des Bogens forderte unser »Herr«, nachdem Er den ihm überreichten Bogen durchgebrochen, einen Bogen, den keiner spannen könnte. Du weißt?«

»Es steht geschrieben. Ich habe es gelesen.«

»Und alle anderen Zeichen überschießend, flog der Pfeil fern und ferner, außer Sicht. Zuletzt fiel er; und wo er die Erde berührte, da brach ein Wasserstrahl hervor, der sogleich zum Strome wurde. Und durch unseres Herrn Gnade und das Verdienst, das Er erwarb, bevor Er Sich selbst frei machte, erhielt der Strom die Eigenschaft, jede Spur und jeden Flecken von Sünde abzuwaschen von dem, der in ihm badet.«

»So steht es geschrieben«, sagte traurig der Direktor.

Der Lama tat einen liefen Atemzug. »Wo ist der Strom, o Brunnen der Weisheit? Wo fiel der Pfeil?«

»O, mein Bruder, ich weiß es nicht.«

»O nein. Du hast es wohl vergessen – das Eine nur, was Du mir nicht gesagt. Sicher, Du mußt es wissen. Sieh, ich bin ein alter Mann! Ich frage Dich – mein Haupt zwischen Deinen Füßen – o, Brunnen der Weisheit! Wir wissen, der Wasserstrahl sprang hervor! Wo denn ist der Fluß? Ein Traum hieß mich ihn finden. So kam ich. Ich bin hier. Aber wo ist der Strom?«

»Wenn ich es wüßte, denkst Du, ich würde es nicht laut hinausrufen?«

»Durch ihn,« fuhr der Lama, ohne ihn zu beachten fort, »erlangt man Befreiung vom Rad der Dinge. Der Strom des Pfeiles! Denk’ noch einmal nach! Ein kleines Flüßchen, – mag sein – vielleicht in der Hitze vertrocknet? – Aber der Heilige würde einen alten Mann nicht so täuschen.«

»Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht.«

Der Lama brachte sein tausendfach durchfurchtes Gesicht auf eine Handbreite dem des Engländers nahe.

»Ich sehe. Du weißt es nicht. Da Du der Lehre nicht angehörst, blieb Dir dieses verborgen.«

»Ach! Verborgen – verborgen.«

»Wir sind bald in Banden, Du und ich, mein Bruder. Aber ich« – er erhob sich mit einem Schwung seiner weichen, schweren Umhüllung – »ich gehe, um mich frei zu machen. Komm’ mit!«

»Ich bin gebunden,« sagte der Kurator … Aber wohin gehst Du?«

»Erst nach Kashi (Benares), wohin sonst? Dort in dem Jaina-Tempel dieser Stadt werde ich einen von der reinen Lehre treffen. Auch er ist im Geheimen ein Sucher, und von ihm kann ich möglicherweise lernen. Kann sein, daß er mit mir nach Buddha-Gaya geht. Von da nördlich und westlich nach Kapilavastu, und da will ich nach dem Flusse suchen. Nein, überall, wohin ich gehe, will ich suchen – denn der Platz, wo der Pfeil fiel, ist nicht bekannt.«

»Und wie willst Du gehen? Es ist ein weiter Ruf bis Delhi, und weiter noch bis Benares.«

»Auf der Heerstraße und mit den Zügen. Von Pathankot, nachdem ich die Hügel verlassen, kam ich hieher in einem Zug. Er fährt schnell. Anfangs wunderte ich mich sehr über die hohen Stangen an der Seite des Weges, die die Fäden aufschnappen und aufschnappen,« er erläuterte pantomimisch das scheinbare Neigen und Wirbeln der Telegraphenstangen, wenn der Zug vorbeisaust. »Aber später, ich saß so zusammengepfercht, ich wünschte, ich hätte gehen können, wie ich es gewohnt bin.«

»Und kennst Du Deinen Weg denn sicher?« fragte der Direktor.

»O, was das betrifft, ich brauche nur zu fragen und Geld zu zahlen; die angestellten Personen befördern jeden nach dem bestimmten Platz. Das wußte ich schon in der Lamaserai aus sicherer Quelle,« sagte mit Stolz der Lama.

»Und wann willst Du fort?« Der Direktor lächelte über diese Mischung von altweltlicher Frömmigkeit und modernem Fortschritt, wie sie jetzt für Indien so bezeichnend ist.

»Sobald als möglich. Ich folge den Spuren Seines Lebens, bis ich zu dem Strom des Pfeiles komme. Es gibt indes ein geschriebenes Papier von den Stunden der Züge, die südwärts gehen.«

»Und Deine Nahrung?« Lamas führen in der Regel einen guten Vorrat an Geld irgendwo bei sich, aber der Direktor wünschte sich davon zu überzeugen.

»Auf der Reise trage ich die Bettelschale wie unser Meister. Ja. So wie Er ging, so gehe ich, mit Verzicht auf meines Klosters Versorgung. Da ich die Hügel verließ, hatte ich einen Chela (Schüler) bei mir, der, wie es die Regel erfordert, für mich bettelte; aber in Kulu, wo wir eine Weile hielten, ergriff ihn ein Fieber und er starb. Ich habe nun keinen Chela, aber ich will die Almosenschale tragen und den Mildtätigen Gelegenheit bieten, Verdienst zu erwerben.« Er nickte tapfer mit dem Kopf. Gelehrte Doktoren einer Lamaserai betteln nicht; aber der Lama war in diesem Punkte Idealist.

»Sei es so,« sagte lächelnd der Direktor. »Gönne mir nun, Dir einen Dienst zu erweisen. Wir beide sind Kollegen, Du und ich. Hier ist ein neues Buch, von weißem, englischem Papier, hier sind gespitzte Bleistifte, zwei und drei, dicke und dünne – alle gut für einen Schreiber. Nun erlaube mir noch Deine Brille.«

Der Direktor sah durch die Gläser. Sie waren arg zerschrammt, aber die Stärke fast genau wie die seiner eigenen Brille, welche er in des Lamas Hand gleiten ließ mit den Worten: »Versuche diese.«

»Eine Feder! Wahrhaftig, so leicht wie eine Feder auf dem Gesicht!« Der alte Mann bewegte entzückt den Kopf und runzelte die Nase aufwärts. »Kaum fühle ich sie. Wie klar ich sehe!«

»Die Gläser sind Bilaur (Krystall) und werden niemals schrammig. Mögen sie Dir zu Deinem Flusse helfen, sie sind Dein!«

»Ich will sie nehmen, und die Stifte auch und das weiße Buch, als Zeichen der Freundschaft zwischen Priester und Priester – und nun« – er tappte an seinem Gürtel herum, löste den eisernen Federbehälter von durchbrochener Arbeit los und legte ihn auf des Direktors Tisch. »Das soll ein Zeichen der Erinnerung sein zwischen Dir und mir – mein Federbehälter. Es ist etwas Altes – so wie ich bin.«

Es war eine Arbeit von altem Muster, chinesisch, von einem Eisen, wie es jetzt nicht mehr gegossen wird; und das Sammlerherz in des Direktors Brust hatte sie vom ersten Augenblick an ersehnt. Um keinen Preis wollte der Lama seine Gabe zurücknehmen.

»Wenn ich zurückkehre und den Fluß gefunden habe, will ich Dir ein geschriebenes Bild von der ›Padma Samthora‹ (heilige Lotosblume) bringen – so wie ich es in der Lamaserai auf Seide zu machen pflegte. Ja – und von dem Rad des Lebens,« sprach er mit halb unterdrücktem Lachen, »denn wir beide sind Kunstkenner, Du und ich.«

Der Kurator hätte ihn gern noch zurückgehalten; denn es gibt nur wenige in der Welt, die noch das Geheimnis der althergebrachten buddhistischen Pinselfederdarstellungen besitzen, die halb geschrieben, halb gezeichnet sind. Aber der Lama schritt bereits weitausgreifend und das Haupt hoch in der Luft, hinaus, stand einen Augenblick noch still vor der großen Statue eines Bodhisat in Meditation und schob sich sodann durch das Drehkreuz.

Kim folgte ihm wie sein Schatten. Was er erlauscht, hatte ihn wild erregt. Dieser Mann war ihm, trotz aller Erfahrung, vollständig neu und er wollte ihn weiter ergründen, genau so wie er ein neues Gebäude oder eine unbekannte Festlichkeit in Lahore ausspionierte. Der Lama war sein Fund und er wollte Besitz von ihm ergreifen. Kims Mutter war nicht umsonst eine Irländerin.

Der alte Mann hielt inne bei Zam-Zammah und schaute sich um, bis sein Auge auf Kim fiel. Der Enthusiasmus seiner Pilgerfahrt war für den Augenblick gedämpft; er fühlte sich verlassen, alt und sehr hungrig.

»Nicht unter der Kanone sitzen!« fuhr ihn der Polizist grob an.

»Hu! Du Eule!« war Kims Erwiderung an des Lamas Stelle. »Setze Dich nur unter die Kanone, wenn es Dir so gefällt. Wann hast Du der Milchfrau die Pantoffeln gestohlen, Dunnoo?«

Das war eine ganz grundlose, der Eingebung des Augenblickes entsprungene Beschuldigung; aber sie machte Dunnoo verstummen, der wußte, daß Kims gellende Stimme Legionen von bösen Bazar-Buben herbeirufen Konnte, wenn’s Not tat.

»Und wen hast Du angebetet da drinnen?« frug Kim leutselig, indem er sich im Schalten neben dem Lama niederkauerte.

»Ich betete keinen an, Kind. Ich verneigte mich vor dem Vortrefflichen Gesetz[2q].«

Kim akzeptierte diese neue Gottheit ohne Gemütsbewegung. Er kannte schon eine gehörige Anzahl.

»Und was willst Du nun tun?«

»Ich bettle. Ich entsinne mich nun, es ist lange her, daß ich aß und trank. Wie ist der Brauch in dieser Stadt, wenn man Mildtätigkeit sucht? Tut man es schweigend, wie in Tibet, oder mit Worten?«

»Die mit Schweigen betteln, verhungern im Schweigen,« antwortete Kim, ein landesübliches Sprichwort anführend. Der Lama versuchte sich zu erheben, sank aber zurück und klagte um seinen Schüler, der in weiter Ferne, in Kulu, gestorben war. Den Kopf zur Seite, beobachtete Kim überlegend und interessiert.

»Gib mir die Schale. Ich kenne die Leute in dieser Stadt, alle, die barmherzig sind. Gib mir die Schale, ich bringe sie Dir gefüllt zurück.« Einfach wie ein Kind, reichte der alte Mann ihm die Schale.

»Ruhe Du. Ich kenne meine Leute.«

Er trottete fort zu der offenen Bude einer Kunjri-Gemüsehändlerin niederer Kaste, die gegenüber der Straßenbahnlinie am Motti-Bazar stand. Die Frau kannte Kim lange genug.

»Oho« rief sie, »bist Du ein Pogi geworden, mit Deiner Bettlerschale?«

»Nein,« sagte Kim stolz. »Es ist ein fremder Priester in der Stadt – ein Mann, wie ich noch nie einen sah.«

»Alter Priester – junger Tiger,« sprach das Weib ärgerlich. »Ich hab’ die fremden Priester satt! Die fallen wie Fliegen über unsere Ware her. Ist der Vater meines Sohnes ein Brunnen der Barmherzigkeit, um allen zu geben, die betteln?«

»Nein,« antwortete Kim: »Dein Mann ist mehr ein Pagi (Brummbär) als ein Pogi (heiliger Mann). Aber dieser Priester ist neu. Der Sahib in dem Wunderhaus sprach zu ihm wie ein Bruder. O, meine Mutter, fülle mir die Schale! Er wartet!«

»Diese Schale? Meinst Du? Die hat ja einen Bauch wie eine Kuh. Du bist nicht besser als der heilige Stier des Shiwa; der hat mir heute früh schon das Beste von einem Korb voll Zwiebeln aufgefressen, und dann soll ich noch Deine Schale füllen? Da kommt er schon wieder.«

Der ungeheure, mausgraue Brahmini-Stier schob sich mit auf-und niederschaukelnden Schultern durch die vielfarbige Menge, ein gestohlenes Bananenbüschel im Maule. Er hielt gerade auf die Bude zu, sich seiner Privilegien als geheiligtes Tier wohl bewußt, senkte den Kopf und schnüffelte heftig an der Reihe von Körben herum, ehe er seine Wahl traf. Da flog Kims holzbeschuhter kleiner Fuß in die Luft und traf ihn auf die feuchte blaue Schnauze. Er grunzte ärgerlich und stapfte über die Bahnschienen zurück; sein Widerrist zitterte vor Wut.

»Sieh, ich habe Dir mehr gespart, als es kostet, wenn Du die Schale dreimal füllst. Nun, Mutter, ein wenig Reis und getrockneter Fisch obenauf – ja, und etwas Curry-Gemüse.«

Ein Knurren kam aus dem Hintergrund der Bude, wo der Mann lag.

»Er hat den Stier vertrieben,« sagte die Frau halblaut. »Es ist gut, den Armen zu geben.« Sie nahm die Schale und gab sie, mit heißem Reiß gefüllt, zurück.

»Aber mein Pogi ist keine Kuh,« sagte Kim ernsthaft, mit seinen Fingern ein Loch in den Reisberg machend. »Ein wenig Curry ist gut, und ein gebackener Kuchen und etwas eingemachte Frucht würden ihm behagen.«

»Das Loch ist so groß wie Dein Kopf,« sprach murrend das Weib. Aber sie füllte es trotzdem mit gutem, heißem Currygemüse, klappte einen getrockneten Kuchen oben darauf mit einem Stückchen geklärter Butter, legte ein Häufchen Tamarinden-Konserve an die Seite – und Kim betrachtete wohlgefällig die Ladung.

»So ist’s gut, wenn ich im Bazar bin, soll der Ochs nicht wieder an diese Bude kommen. Er ist ein frecher Bettelmann.«

»Und Du?« lachte die Frau. »Aber sprich nicht schlecht von Ochsen. Hast Du mir nicht gesagt, daß eines Tages ein Roter Ochse aus einem Felde kommen wird, um Dir zu helfen? Nun halte alles gerade und fordere des heiligen Mannes Segen für mich. Vielleicht weiß er auch ein Mittel, die kranken Augen meiner Tochter zu heilen? Fordere auch dies, Du kleiner Allerweltsfreund.«

Doch Kim war fortgetanzt vor dem Ende dieser Rede, herrenlosen Hunden und hungrigen Bekanntschaften aus dem Wege gehend.

»So betteln wir, die wir die Sache verstehen, sprach er stolz zu dem Lama, der die gefüllte Schale erstaunt betrachtete. »Iß nun und – ich will mit Dir essen. Heda! Bhisti!« er rief dem Wasserträger, der die Erotons (Krebsblumen) bei dem Museum begoß, »bring’ Wasser. Wir Männer sind durstig.«