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Das Buch gibt authentische Einblicke in das Leben einer sechsköpfigen Familie. Die vier Kinder und der Ehemann haben unter dem Verhalten der ambivalent und heftig auftretenden Mutter bzw. Ehefrau immer mehr zu leiden. Der Vater ist dabei zwar stark im Vergeben, aber schwach im Ziehen von Grenzen. Bis auf ein einziges Mal. Daraufhin flüchtet die Mutter völlig überraschend, das jüngste Kind nimmt sie mit, ein unsäglicher Sorgerechtsstreit beginnt. Ein Wechselspiel von Hoffnung und Resignation, das tiefe Seelenleid des Kindes, das plötzlich Vater und Geschwister nicht mehr sehen darf, die Parteilichkeit einer einflussreichen Verfahrensbeiständin, die Machtstellung eines Gutachters, die Willkür des Richters, die Gleichgültigkeit des Jugendamtes und die unterschiedlichen Vorgehensweisen der Familienanwälte. Parallel zum überraschenden Ausgang des Verfahrens gibt der Autor für Betroffene hilfreiche Ratschläge. Zugleich sind die teils unglaublichen Schilderungen ein Appell an die Eltern, niemals auf Kosten des Kindes zu handeln. Aber auch die Politik ist herausgefordert: Verfahrensbeteiligte und Verfahrensabläufe gehören dringend auf den Prüfstand!
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Seitenzahl: 296
Veröffentlichungsjahr: 2022
Kind, auf deine Kosten
Für meine drei charakterstarken Großen, die unter Tränen, mit Stärke und Courage den Stürmen widerstanden haben;
für meinen tapferen Kleinen, der mit seiner wiedergewonnenen Unbeschwertheit mir große Freude macht;
und für alle betroffenen Kinder, damit niemand wegschaut, wenn ihnen Leid zugefügt wird.
Thomas Wölber
Kind, auf deine Kosten
Die authentische Geschichte eines Sorgerechtsstreites
Ein aufrüttelnder Wegweiser, es besser zu machen
Die Ereignisse in diesem Buch habe ich so geschildert, wie ich sie erlebt und in Erinnerung habe. Namen und Orte sowie unwesentliche Attribute wurden geändert.
Thomas Wölber
© 2021 Thomas Wölber
Lektorat: Gabriele Pässler
Verlag & Druck: tredition GmbH,
Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
978-3-347-39262-5
(Paperback)
978-3-347-39263-2
(Hardcover)
978-3-347-39264-9
(e-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Inhalt
Vorwort
Teil I: Vorgeschichte
Plötzlich weg!
Eine ganz normale Familie
Der Knick
RATGEBER: Pubertät und Erziehung
Machtspiel: Die entlarvte Intrige
RATGEBER: Unberechenbarer Partner
Extreme Stimmungsschwankungen und kein Ende
RATGEBER: Gewalt in der Familie
RATGEBER: Rat geben? Ja, aber weise
RATGEBER: Co-Abhängigkeit
Unser viertes Kind – wird nun alles gut?
Erklärungsversuche
Das Gutachten vom Arzt
Der Psychoterror weitet sich aus
RATGEBER: Verschluss wichtiger Dokumente
Die Parteilichkeit der Erziehungsberatungsstelle
RATGEBER: Erziehungsberatungsstellen
Unser letzter Rettungsversuch: Eine Ehetherapie
RATGEBER: Eheberatung
RATGEBER: Vergeben und Grenzen setzen
Teil II: Trennungszeit
Die Einleitung der Trennung
RATGEBER: Wechselmodell
RATGEBER: Trennung – Voraussetzungen
Wo ist mein Kind?
RATGEBER: Frauenhaus
RATGEBER: Männerhaus
Erste gerichtliche Schritte
RATGEBER: Familiengericht
RATGEBER: Anwaltsschreiben
RATGEBER: Gewaltschutzantrag
Die Rolle der Verfahrensbeiständin
RATGEBER: Verfahrensbeistand
Die bizarre Stellungnahme der Gegenseite
RATGEBER: Kindeswohl
Die Rolle des Jugendamtes
RATGEBER: Jugendamt
Unverhoffte Begegnung
RATGEBER: Bedeutung der Trennung für das Kind
Die Stellungnahme der Verfahrensbeiständin
RATGEBER: Loyalitätskonflikt des Kindes
Mit Verfahrenskostenhilfe wird es leichter
RATGEBER: Anwalts- und Gerichtskosten
Unvorstellbar: Antrag auf Entzug des Sorgerechts
RATGEBER: Sorgerecht
RATGEBER: „Ertrotzte Kontinuität“
Die mündliche Verhandlung
Beschwerde gegen das Gerichtsurteil
RATGEBER: Beschwerde einlegen
RATGEBER: Gleichberechtigung
Erste Umgänge mit Finn
RATGEBER: Begleiteter Umgang
Keine andere Wahl: Antrag auf Umgangsregelung
RATGEBER: Umgangsrecht
Kampf gegen Entzug des Sorgerechts
Kontaktaufnahme zu den älteren Kindern
Der Gutachter wird bestellt
RATGEBER: Gutachter
Die Verfahrensbeiständin verrät sich
Vergebliche Kontaktversuche
Mein erstes Gespräch beim Gutachter
RATGEBER: Vorbereitung auf das Gutachten
Weitere Gespräche beim Gutachter
RATGEBER: Umzug mit dem Kind
Weihnachtsferien
Der Gutachter befragt die drei Großen
Mein letztes Gespräch beim Gutachter
RATGEBER: Entfremdungstaktik
Gezerre um die Faschingsferien
Streit um Unterhaltszahlungen
RATGEBER: Unterhaltszahlungen
Der Gutachter besucht Finns ehemaliges Zuhause
Finns Kindergarten verletzt die Neutralitätspflicht
Die Mutter lädt ihre Kinder zu sich ein
Pfingstferien – und immer noch kein Gutachten
Endlich: Das Gutachten liegt vor
RATGEBER: Gutachtenstandards
Stellungnahmen zum Gutachten
Teil III: Das Finale
Die Gerichtsverhandlung
RATGEBER: Wille des Kindes
Der Beschluss
Antrag auf Aussetzung des Gerichtsbeschlusses
RATGEBER: Aussetzung eines Gerichtsbeschlusses
Die Ereignisse überschlagen sich
Die Einschulung
Unterhalt und Sorgerecht: Das Komplettpaket
Das Interesse lässt nach
RATGEBER: Umgang
Schlussbemerkungen
I. Gibt es einen Vorrang für Mütter?
II. Psychische Belastung für alle Beteiligten
III. Neue Herausforderungen im Alltag
IV. Wechselmodell – der Königsweg?
V. Kompetenzen der Verfahrensbeteiligten
VI. Alles zum Wohle Ihres Kindes
Vorwort
Lieber Leser, liebe Leserin,
nachdem alles durchgestanden war, brauchte ich Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten. Währenddessen reifte in mir der Wunsch, mit meiner Geschichte all jenen eine Unterstützung zu geben, die sich in ähnlich herausfordernder Lage befinden. Gut, dass ich von Anfang der Krise bis zur Scheidung meine Familien- und Ehesituation meinem Tagebuch anvertraut habe.
Beim Schreiben habe ich mich oft gefragt, wie viel Raum ich den guten, schönen, hellen Zeiten in unserer Ehe widmen sollte; da aber dieses Buch Ihnen eine Hilfe sein soll, wenn Sie selber in Ihrer Ehe schwierige, äußerst schwierige Phasen durchleben, habe ich mich vor allem auf das Konfliktpotenzial beschränkt, denn hieraus lernt man am meisten: Entweder man strebt eine konstruktive Lösung an oder man entzieht durch sein zerstörerisches Verhalten dem Ehe- und Familienleben vollends den Boden.
Bei manchem, was ich hier preisgebe, mögen Sie mir nachfühlen können, haben Ähnliches vielleicht selbst so erlebt; sich wiederzufinden, zu wissen, dass auch andere dieses Schicksal haben, das tut gut. Aber es reicht nicht!
Sorgen Sie dafür, dass Sie von Beginn der Ehekrise an, über das Sorgerechtsverfahren bis zum möglichen Scheidungsverfahren die richtigen Entscheidungen treffen. Auf diesem steinigen Weg kann man nämlich vieles falsch machen, das bereitet einem dann unnötig Sorgen und kostet Kräfte.
Setzen Sie Ihre Schritte stets klug und besonnen! Dabei möge Ihnen dieses Buch Orientierung und Hilfe sein.
Durch RATGEBER-Blöcke bietet es Ihnen zudem an passender Stelle wichtige Sachinformationen, meist verbunden mit einem Ratschlag, der für Sie Gold wert sein kann. Denn spätestens, wenn Sie Teil eines Sorgerechtsverfahrens sind, tauchen Sie in eine fremde Welt ein: Verfahrensabläufe, daran Beteiligte, juristische Begrifflichkeiten – ein „Buch mit sieben Siegeln“.
Am Ende meines Buches haben Sie verstanden, wie Sie vorzugehen haben, damit Ehekonflikte und Sorgerechtsauseinandersetzungen möglichst nicht auf Kosten Ihres Kindes ausgetragen werden.
Thomas Wölber
Teil I: Vorgeschichte
Plötzlich weg!
Soeben sind die Eltern meiner Schülerin gegangen, da klingelt mein Handy. Meine Tochter Emilia! Warum ruft sie jetzt an? Sie weiß doch, dass ich gerade Elternsprechstunde habe!
Emilia ist völlig aufgelöst: Mama und ihr kleiner Bruder Finn seien verschwunden! Einfach weg! Sie sei mit ihrer Schwester Sofie gerade aus der Schule gekommen, und als Erstes hätten sie die leergeräumte Garderobe gesehen. Die Wand mit den Familienbildern sei durchgehend weiß.
„Emilia, noch ein Elterngespräch, dann komme ich sofort.“ Mein Puls ist sprunghaft angestiegen, aber ich zwinge mich und gebe der vor mir sitzenden Mutter über einige Minuten meinen Eindruck über ihr Kind weiter: „Seien Sie stolz auf Ihren Sohn. Auf Wiedersehen, Frau Huber.“ Das war das letzte Gespräch, jetzt rase ich nach Hause, schneller, als die Polizei erlaubt …
Ich schließe die Haustür auf, da steht Sofie mit feuchten Augen und streckt mir eine Zettelnachricht ihrer Mutter entgegen: „Bringt Finns Bücher zurück in die Bücherei. Mama“. Ein Rundgang durchs Haus zeigt einen leeren Kleiderschrank. Bettdecken und Kissen fehlen genauso wie Finns Kuscheltier, seine Schuhe, sein Ausweis und noch so manches.
Mir läuft es eiskalt den Rücken herunter: Wie kann sie so einfach flüchten? Noch am Morgen haben wir vereinbart, am Nachmittag gemeinsam Emilias 16. Geburtstag zu feiern – wie an jedem Geburtstag unserer Kinder.
Mein Blick fällt auf ein gerahmtes Foto. Hat Mara es vergessen? Es zeigt uns alle kurz nach Finns Geburt – überglücklich. Wir dachten, nach den beiden schwierigen Ehejahren würde Finn uns das langjährige Familienglück zurückbringen. Was dieses Foto nicht zeigt, sind die nicht enden wollenden Streitereien, die Ängste und das Unvermögen, die Familie zusammenzuhalten.
Eine ganz normale Familie
Mara und Thomas – so hatte es angefangen. Wir standen vor dem Traualtar und versprachen uns ewige Liebe. Drei Jahre kannten wir uns bereits. Ich war Lehramtsstudent, Mara schloss gerade ihre Ausbildung zur Bürokauffrau ab, hier, in meiner Geburtsstadt. Zuvor hatte sie nach vier Semestern ihr Germanistikstudium in Spanien abgebrochen. 21 Jahre hatte sie in ihrem Geburtsland gelebt; zur Aufbesserung ihrer Deutschkenntnisse wollte sie im Rahmen ihres Studiums eigentlich nur für ein paar Monate nach Deutschland gehen. Doch dann verliebte sie sich in das Land, wenige Jahre später in mich.
In kurzen Abständen kamen unser Sohn Marco und die Töchter Emilia und Sofie zur Welt. Platz für die große Familie fanden wir in einem schönen Einfamilienhaus, umgeben von Garten, Wiesen und Wald.
Mit der Geburt unseres ersten Kindes gab meine Frau ihre Arbeit auf; sie kümmerte sich fortan um den Haushalt und die Kinder; als Lehrer sorgte ich für die Finanzen, die unsere Familie brauchte; für die damaligen Verhältnisse hatten wir die klassische Rollenverteilung gewählt. Mein Job ermöglichte mir, die Vorbereitungen und Korrekturen in die Abendstunden zu legen; so war ich nicht reduziert auf die Rolle des Gute-Nacht-Papas und konnte meine Frau tagsüber entlasten.
Unterstützung erfuhren wir auch von meinen Eltern, die im selben Ort wohnten und immer da waren, wenn wir sie brauchten. Die spanischen Großeltern kamen sehr selten nach Deutschland, dafür besuchten wir sie regelmäßig.
Vor allem Maras Schwester und anfangs auch ihr Bruder machten oft und gerne bei uns Urlaub.
Nach einigen Jahren zog mein Bruder mit seiner Frau Iris und der einjährigen Meike zwei Häuser weiter ein; zwei Jahre später sollten sie noch einen Sohn namens Noah bekommen.
Ein wichtiger Baustein in unserem Leben war die Mitgliedschaft in einer evangelischen freien Kirchengemeinde; meine Frau und ich brachten uns dort mit unseren Begabungen ein und wir besuchten regelmäßig die Gottesdienste und Veranstaltungen. Wir hatten dort Freunde und schätzten die gute Kinder- und Jugendarbeit. Als Christen gab uns der Glaube an Jesus Christus Orientierung und Zuversicht; wie der Glaube auch in schwersten Lebensstürmen Halt geben kann, das sollte sich erst später herausstellen.
Weit über ein Jahrzehnt führten wir ein sehr erfreuliches Ehe- und Familienleben. Das sogenannte verflixte siebte Jahr meisterten wir gut, wenngleich sich fortan im Alltag unsere charakterlichen Unterschiede immer mehr zeigten: Meine Frau Mara war zwar schon immer etwas ungestüm, aber das wurde überstrahlt durch ihr sonniges Wesen.
Ihr gelegentliches emotionales Auf und Ab hatte ich bis dahin ihrem südländischen Temperament zugeschrieben; und oft war ihr Naturell durchaus bereichernd, belebte das Familienleben.
Ich war mehr der pragmatische, ausgeglichene, nicht sehr temperamentvolle Part in unserer Beziehung. Viele Jahre paarte sich meine Rationalität mit ihren Emotionen zu einem harmonischen Zusammenspiel.
Der Knick
Obwohl wir mit Hausbau, Job und unseren ersten drei Kindern richtig gefordert waren, steckten wir voller Tatendrang und Lebensfreude. Dann kam das Jahr, das zum Wendepunkt unserer Familienchronik werden sollte. Unsere Kinder waren damals 11, 9 und 8 Jahre alt. Der Countdown bis zum Tag der Flucht begann: für die ganze Familie sieben schwere Jahre.
Möglicherweise empfinden Sie die Episoden, die ich aus diesen sieben Jahren schildere, als unerträglich; dann blättern Sie vor bis zum Teil II (Trennungszeit) ab Seite 79. Wenn Sie jedoch die Neugierde gepackt hat, wenn Sie Wege suchen, Ihre eigene Ehe- oder Familienproblematik einzuordnen, oder wenn Sie so manche Tücke im Sorgerechtsverfahren besser verstehen oder möglichst umgehen wollen, dann kämpfen Sie sich durch.
Meine Frau rang mit einer gewissen Antriebslosigkeit; der Arzt diagnostizierte eine leichte Depression und verschrieb ihr ein entsprechendes Medikament. Nach einigen Monaten kehrten ihre Kräfte wieder zurück; doch nun wirkte sie zusehends gereizt und genervt. Ihre Erregung steigerte sich kontinuierlich und trat in immer kürzeren Abständen auf.
Hatten wir nun Meinungsverschiedenheiten zur Kindererziehung, konnte es sein, dass Mara mir am Esstisch unvermittelt eine Karaffe Wasser ins Gesicht schüttete. Oder sie stürmte wütend in mein Büro, stieß den Monitor vom Tisch oder zog mir einfach den Stecker des Rechners aus der Steckdose. Ihr Sprachrepertoire erweiterte sich durch lautstarke Beleidigungen bis hin zu Morddrohungen.
Von den Kindern erwartete sie plötzlich unbedingten Gehorsam gegenüber ihren Befehlen, die das Fingerspitzengefühl vermissen ließen: An einem Apriltag beispielsweise baute Marco im Wohnzimmer seine elektrische Eisenbahn auf und spielte drei Tage lang mit großer Leidenschaft. Aus heiterem Himmel stellte seine Mutter ihm ein Ultimatum: „Du baust deine Eisenbahn sofort ab, sie stört mich!“ Marco bat, noch einen Tag damit spielen zu dürfen – vergeblich: „Sofort! Sofort, habe ich gesagt!“ – „Nein, ich spiele jetzt noch.“ Da packte Mara die Märklin-Lokomotive samt einem Teil der Gleise und warf die Stücke laut schimpfend vor die Haustür.
Ein paar Straßen weiter wohnte ein sympathisches Ehepaar namens Kärcher, bei ihrem Abendspaziergang kamen sie immer an unserem Haus vorbei. Anfangs grüßte man sich, dann kam man ins Gespräch. Ab und an tauchten dazu unsere Kinder auf, wenn sie draußen spielten. Die beiden verstanden es gut mit unseren Kleinen, auch wenn sie selbst keine Kinder hatten; so luden sie uns zu Ostern ein, um jedem Kind ein buntes Osternest zu überreichen. Fortan schauten unsere Kinder gelegentlich bei ihnen vorbei – dann gab es mal eine Limonade, eine Süßigkeit oder ein nettes Wort.
Frau Kärcher und Mara mochten sich. Beide hatten eine Vorliebe für Gartenarbeit und beide hatten einen Migrationshintergrund; so konnten sie sich über viele Gemeinsamkeiten austauschen – und jetzt hatte man über unsere Kinder noch eine weitere Verbindung. Ich freute mich für unsere Kinder und für die Kärchers.
Eines Nachmittags haben sie unseren Kindern einen Kinderfilm gezeigt, was anscheinend so mit Mara nicht abgesprochen war. Gegen Abend sitzen wir auf der Terrasse, und durch die Sträucher erblickt Mara das vorbeilaufende Ehepaar Kärcher. Sie springt auf und rennt auf die Straße, den beiden hinterher.
Oh je! Ich höre nur Wortfetzen, aber die aggressive Tonlage von Maras Stimme lässt nichts Gutes ahnen, und schon nach kurzer Zeit kehrt Mara mit hochrotem Kopf zurück: „Was meinen die, wer sie sind?! Die setzen meine Kinder nicht einfach vor die Glotze. Das war das letzte Mal, dass sie bei ihnen waren! Die können mich mal!“
Wie peinlich! Maras Auftritt ist zum Fremdschämen. Wie kann sie nur diese schöne Beziehung zerstören? – Fortan verbot sie unseren Kindern, die Kärchers zu besuchen.
Völlig überrumpelt von dem teils unsäglichen Verhalten meiner Frau, begann ich das Erlebte in einem Tagebuch zu notieren. Ich erinnerte mich dabei, dass ich schon als kleiner Junge jahrelang Tagebuch geführt habe.
Schon wenige Wochen danach hielt ich in meinem Tagebuch fest:
Ich schlage Mara vor, dass wir uns aufgrund der letzten Vorkommnisse – allein schon der Kinder wegen – zusammensetzen sollten und miteinander reden. Daraufhin schreit sie mich an, droht mit dem Gemüsemesser in der Hand: „Ich mach dich tot!“
Dann gerät sie völlig in Rage, scheint kein Maß mehr zu kennen: Sie reißt den Hörer der Haustürsprechanlage von der Wand, wirft die nächstbeste Tasse zu Boden und droht, mein Büro zu verwüsten: Niemals würde sie mit mir reden! Extreme Eskalation – Mara ist nicht wiederzuerkennen. Tief getroffen verlasse ich die Küche.
Abends kommt Mara auf mich zu, entschuldigt sich für ihr Verhalten und sagt, sie habe ihr Medikament gegen die Depression abgesetzt, wolle es jetzt aber wieder nehmen; womöglich kämen ihre Attacken daher. Und sie räumt ein, sie spüre eine Wesensveränderung.
Laut meinem Tagebuch war danach für einige Zeit Ruhe eingekehrt: „Wir haben eine angenehme Familienatmosphäre“, so der Tenor der Eintragungen. Wir schauten, auf dem Sofa aneinandergekuschelt, unterhaltsame Filme an und spielten spannende Gesellschaftsspiele. Wir erzählten einander Witze, scherzten und trugen die unvermeidbaren Alltagskonflikte auf eine anständige Weise aus. Es war so harmonisch und schön wie all die vielen Jahre zuvor.
Wie aus dem Nichts wurde diese Eintracht wieder unterbrochen – unvorhersehbar, oftmals wegen Nichtigkeiten, änderte sich Maras Stimmung und ich und die Kinder mussten es ausbaden; dann wieder gab es Lichtblicke, die Hoffnung machten. Als Ehemann fühlte ich mich in diesem Auf und Ab wie in der Achterbahn.
In jener Zeit fand ich auf meinem Schreibtisch einen Brief von Mara:
„Lieber Thomas, die Wut in mir ist dir gegenüber groß. Sie blendet mich. Ich gehe sehr schlecht mit dir um und beeinflusse mit meinem Verhalten die Kinder total negativ. Es ist schwer wiedergutzumachen, was ich kaputtgemacht habe. Du hast es nicht leicht mit mir.
Bitte vergib mir. Vergib mir meine bösen Worte, meine Taten und Drohungen. All das darf nicht mehr passieren. Nicht, wenn wir allein sind, und schon gar nicht vor den Kindern!
Bete für mich, dass Gott mich ruhiger macht. Ich weiß, dass es mit einem Brief nicht getan ist. Deine Mara“
Mit einem Seufzer der Erleichterung setze ich mich. Mein Blick gleitet in die Ferne, und mir fällt eine große Last von den Schultern: „Mara ist sich ihres zerstörerischen Verhaltens also bewusst, und ihr geht es dabei selbst schlecht. Wie könnte ich ihr nicht verzeihen? Wie sollte ich ihr all das Geschehene nachtragen?“ Mit einem Lächeln falte ich den Brief zusammen und lege ihn ab. Und tatsächlich folgen einige glückliche Wochen.
Samstag. Marco macht sich auf den Weg, um seine Großeltern zu besuchen, den halben Kilometer geht er zu Fuß. Gerade zieht er die Haustür zu, da reißt seine Mutter, wie von der Tarantel gestochen, das Fenster auf und pfeift ihn zurück. Dann hält sie ihm eine wütende Standpauke, denn er hat entgegen ihrer Anweisung zur falschen Jacke gegriffen: „Dein Ungehorsam kommt von deinem Vater!“
Marco wechselt die Jacke und macht sich wieder auf den Weg. Ich höre stampfende Schritte die Treppe hochkommen – und schon steht eine aufgebrachte Mara in meinem Büro und überzieht mich mit wüsten Beschimpfungen: Ich wäre schuld an Marcos Widersetzlichkeit!
Wie meint sie das? Endlich holt sie Luft, und ich entgegne: „Selbstverständlich unterstütze ich dich in Erziehungsfragen.“ Daraufhin wird ihre Wut immer unkontrollierter. Da kommt die neunjährige Sofie aus ihrem Zimmer und flüstert mir mit Tränen in den Augen ins Ohr: „Papa, entschuldige dich bei Mama für alles. Ich weiß, du bist nicht so, aber sonst wird sie nicht ruhig.“
Vor allem mit Marco hatte meine Frau große Erziehungsprobleme und in ihrer Not gab sie mir die Schuld. Marco war unser Ältester, er stand am Anfang der Pubertät – und dass diese Phase mit einem Veränderungsprozess einhergeht, ist doch jedem klar. Da wird ein Kind auch mal von seinen Emotionen überwältigt und wir, die Eltern, haben adäquat darauf zu reagieren.
Uns war immer wichtig gewesen, dass wir als Eltern in der Erziehung gemeinsam und geeint vorgehen; aber jetzt suchte die Mutter nicht mehr die Gemeinsamkeit mit mir – sie sanktionierte Marco unverhältnismäßig lieblos, manchmal auch gewalttätig, und forderte dann von mir Solidarität ein.
Es war für Mara auch normal, mir immer wieder in den Rücken zu fallen, vor den Kindern: Bestrafte ich Marco wegen seiner temporären Lernfaulheit mit Fernsehverbot, konnte es sein, dass sie mich vor ihm deshalb beschimpfte. Achtete ich darauf, dass die Kinder regelmäßig ihre Akkordeon- und Klavier-Hausaufgaben übten, verstärkte sie den gelegentlichen Unmut der Kinder durch abschätzige Kommentare wie diesen: „Du bist viel zu streng, Dich hat doch keiner lieb.“
So versuchte sie immer wieder, vor allem Marco gegen mich auszuspielen. Einmal schien es selbst ihm zu viel gewesen zu sein und er konterte schlagfertig: „Aber Mama, wegen einer Strafe habe ich doch Papa nicht weniger lieb.“
Zugegeben pflegte ich vor allem bei Marco einen strengen Erziehungsstil, weil es mit ihm zunehmend schwieriger wurde. Aber es tat seiner Entwicklung gut.
Oft suchte ich mit Mara das Gespräch unter vier Augen, um diese Missstände in der Erziehung abzustellen. Hatten wir dann eine gute Vereinbarung getroffen, warf Mara sie bei der nächsten Gelegenheit über den Haufen.
All mein Wissen über Erziehung in der Pubertät, das ich mir aus guten Büchern angelesen hatte und als Lehrer tagtäglich praktizierte – in meiner eigenen Familie konnte ich es nicht umsetzen! Dass wir als Eltern nicht mehr an einem Strang zogen, war zum Verzweifeln.
RATGEBER: Pubertät und Erziehung
So manches Sorgerechtsverfahren wird losgetreten, weil sich die Eltern aufgrund gravierender Differenzen in Sachen Erziehung getrennt haben. Kinder können eine Lebensgemeinschaft hart auf die Probe stellen.
Vor allem die Pubertät ist eine schwere Zeit, nicht nur für die Jugendlichen selbst; auch Sie, die Eltern, müssen neu lernen, mit Ihren nun schwierig gewordenen Kindern umzugehen.
Neben dem Setzen von Grenzen und Regeln vergessen Sie bitte niemals, Ihrem heranwachsenden Kind Anerkennung zu zollen und es zu loben. Und wenn Sie nicht alleinerziehend sind: Machen Sie keine Alleingänge! Sprechen Sie sich ab mit Ihrem Partner und kommunizieren Sie Ihrem Kind gemeinsam die Regeln, die Sie beide beschlossen haben.
Auch wenn es nervt: Pubertierende streiten gerne – mit ihren Geschwistern, ihren Eltern und den Lehrern. Das ist normal. Streiten ist wichtig für ihre persönliche Entwicklung und das Reifwerden. Die richtige Streitkultur schauen sich Kinder gerne bei den Eltern ab – bedenken Sie das bei Ihren eigenen Auseinandersetzungen!
Es ist ein schöner Sommertag. Marco gehorcht seiner Mutter nicht sofort; so packt sie den leeren Wäschekorb, holt weit aus und schlägt mit ihm mehrfach auf Marco ein. Marco hält den Unterarm schützend vor den Bauch; der Arm weist anschließend Schnitte auf, mehrere Zentimeter lang.
Als ich nach Hause komme, liegen noch einige Streben des Korbes auf dem Boden. Ich stelle Mara zur Rede, und sie verteidigt sich: Marco bräuchte körperliche Züchtigung, ich solle kein Drama daraus machen.
Auch nach den Vorfällen mit der Jacke und dem Korb kamen wir als Familie wieder zur Ruhe, das bezeugt mein Tagebuch:
Bis heute Abend lief diese Woche zwischen uns sehr gut. Gestern meinte Mara, womöglich seien die Hormone schuld an ihren Gefühlsschwankungen; jedenfalls lägen ihre Ausraster nicht an meiner Person, wäre ich doch immer gleich positiv gestimmt.
Aus den ruhigen Hochphasen mit Maras Eingeständnissen und Entschuldigungen schöpfte ich Kraft und Hoffnung, auch wenn sie sich mit aggressiven Tiefs abwechselten. Aufgeben entspricht nicht meinem Naturell; unser Familienleben würde sich bestimmt bald wieder einpendeln, das erwartete ich zuversichtlich.
Noch blieben Emilia und Sofie vor den Attacken verschont; aber auch sie litten unter den lautstarken, wütenden Beschimpfungen und Beleidigungen ihrer Mutter gegen Marco und mich.
Auffallend war, dass die Mutter mit den Kindern kaum mehr Spanisch sprach; es hatte sie schon immer geärgert, dass vor allem die Töchter nur auf Deutsch antworteten. Lange hatte ich Mara immer wieder ermutigt, nicht aufzugeben – nicht zuletzt als Lehrer wusste ich um den Wert von Zweisprachigkeit –, doch in einer heftigen Diskussion gab Mara mir deutlich zu verstehen, das wäre ihre Sache und ich solle mich nie mehr einmischen.
Seit dem Knick in unserem Familienleben baute sich Mara nach und nach Feindbilder auf. Zuerst kamen ihre Schwiegereltern dran. Mich verwunderte das, denn sie waren nie aufdringlich gewesen und ich rechne es ihnen hoch an, dass sie, obwohl wir nur wenige Fußminuten voneinander wohnten, uns mit nobler Zurückhaltung begegneten: Nie haben sie sich in unsere Ehe eingemischt oder versucht, auf mich, ihren Sohn, einzuwirken.
Aber wenn man eines sucht, findet man immer ein Haar in der Suppe; Mara hatte gesucht und endlich hatte sie eines: „Dein blöder Vater bringt uns immer Salat aus seinem Garten. Soll er ihn doch selber essen! Beim nächsten Mal gehe ich nicht mehr an die Haustür. Ich habe dann Migräne.“
Als Großeltern redeten sie auch nicht in die Erziehung drein, aber waren sofort da, wenn wir sie brauchten. Darüber hinaus unternahmen sie fast jede Woche einmal etwas mit ihren Enkeln: Sie machten Radtouren, fuhren mit dem Zug zu einem Ausflugsziel oder gingen wandern. Auch Theaterwie Kinobesuche und Spielenachmittage standen auf dem abwechslungsreichen Programm.
Anfangs war meine Frau glücklich darüber: „Ihr seid die besten Großeltern, die man sich vorstellen kann“, schrieb sie einmal auf eine Dankeskarte. Doch aus welchem Grund auch immer vollzog sich bei meiner Frau eine Trendwende: War eine Hose vom Spielen zu schmutzig oder wurden die Kinder fünf Minuten zu spät nach Hause gebracht, quittierte sie das mit verbalen Entgleisungen. Um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen, hielten meine Eltern dann meist den Mund –vielleicht war das ein Fehler.
Zu meinem Bruder Daniel und dessen Frau hatte ich ein gutes Verhältnis, bei meiner Frau war das anders: Unerklärlicherweise, eigentlich ohne Grund, nörgelte sie vor allem an ihrer Schwägerin Iris herum. Blicke, Aussagen, Gesten – alles an ihr schien sie zu stören.
Dennoch ließ sie Iris die nächsten vier Jahre meist in Ruhe – in dieser Zeit war ich der Prellbock für die vergifteten Gedanken über ihre Schwägerin: Schwieg ich, interpretierte Mara das als Gleichgültigkeit; nahm ich dazu Stellung und stellte ihre Aussagen auch nur geringfügig in Frage, explodierte sie wie ein Vulkan. Als ich sie einmal bat, ihre unangebrachten Beleidigungen zu unterlassen, richtete sich ihr ganzer Hass gegen mich. Festgehalten in meinem Tagebuch habe ich: „Unvermittelt spuckt sie mir auf den Unterarm, zerreißt einen Teil meiner Unterrichtsvorbereitung und stapft schimpfend aus meinem Büro. Ihr Verhalten bestürzt mich.“
Maras angespannter Zustand hielt Monate an. Dann konnte ich in meinem Tagebuch festhalten:
Heute ist Mara wie umgewandelt. Sie erklärt, sie wüsste selbst nicht, woher ihre extremen Stimmungsschwankungen kämen. Sie will sich nun medizinisch untersuchen lassen, hat Termine vereinbart beim Frauenarzt (zwecks Hormonspiegel) wie auch bei einem Facharzt für Psychiatrie. Hoffentlich nimmt sie die Termine wahr!
Laut Mara ergaben die Untersuchungen keine Auffälligkeiten. Das Jahr zog dahin, Weihnachten stand vor der Tür.
Die Kinder sind in großer Vorfreude. An Heiligabend gehen wir zum Gottesdienst. Ich habe die Gottesdienstleitung, Mara singt im Chor mit und die Kids sind mit einem Kinderlied dabei. Auf dem Nachhauseweg unterhalten wir uns darüber, wie schön es ist, auf diese Art Jesu Geburt zu feiern.
Wir haben die Großeltern eingeladen, ich kümmere mich noch um die Getränke und Mara deckt mit den Kindern den Tisch. Als Erstes wird die weiße Tischdecke aufgezogen, das machen Mara und Emilia. „O weia, jetzt habe ich die Tischdecke schmutzig gemacht“, bedauert das Kind, und Mara zischt energisch: „An den schmutzigen Platz setzen wir die Oma!“ Da ist sie wieder, die unverkennbare Art meiner Frau. Aber der Rest des Abends verläuft feierlich.
Auch zum Jahresausklang bleiben glücklicherweise weitere Dissonanzen aus. Mit Freunden feiern wir Silvester und zur Freude der Kinder begrüßen wir das neue Jahr mit Böllern und Raketen.
Anfang Januar will ich aus unserem Medizinschrank eine Kopfwehtablette holen – und entdecke zwei Hunderterpackungen Sertralin 50 mg, laut Beipackzettel unter anderem bei einer Depression einzusetzen. Mara hat mich also angeschwindelt, es gibt doch einen Befund … Ich lege die Packungen wieder zurück an ihren Platz. Wenn sie wirklich eine Depression hat, dann helfen sie bestimmt, atme ich auf, und bald wird sich unser einst so schönes Familienleben wieder einstellen.
Machtspiel: Die entlarvte Intrige
Bis zum Tag der Flucht sollten noch sechs Jahre vergehen.
Seit nun schon einem Jahr war meine Frau ein anderer Mensch, sie war nicht wiederzuerkennen, und Maras Verhaltensauffälligkeiten renkten sich nicht ein. Wozu das führte, sollte sich schon bald offenbaren. Der Auslöser für einen perfiden Plan ereignete sich am 9. Februar.
Es gongt. Die letzte Schulstunde ist beendet und ich freue mich auf mein Zuhause. Beim Öffnen der Haustüre höre ich Geschrei: „Du bist das gleiche Schwein wie dein Vater“, brüllt Mara und boxt Marco gegen den Oberkörper. Mit hochrotem Kopf informiert mich meine Frau, sie habe Marco für eine freche Bemerkung bestraft: „Ich habe den Großvater angerufen und ihm mitgeteilt, dass er die für das Wochenende gebuchte Busreise mit seinem Enkel stornieren muss!“
Ich bin enttäuscht, weil ich weiß, wie sehr sich Großvater und unser Sohn auf die gemeinsame Fahrt nach Colmar freuen; mit dieser Sanktion für Marcos verbale Entgleisung bestraft sie nun auch den Großvater.
„Lass uns Marco eine andere Strafe geben!“, schlage ich vor. „Ich sage dir, wenn dein blöder Vater die Reise nicht storniert, dann gibt es ein Donnerwetter!“, hält sie mit einer drohenden Handbewegung dagegen. „Meinst du nicht auch, dass die Strafe unverhältnismäßig ist?“
Völlig unerwartet fällt die zierliche Frau wie ein Kampfhund über mich her, traktiert mich mit Faustschlägen. Sportlich und einen Kopf größer, könnte ich den Boxkampf mühelos für mich entscheiden, aber das ist keine Lösung. Instinktiv schubse ich sie lediglich von mir weg. Daraufhin stampft sie zum Esstisch, brüllt inbrünstig Beleidigungen gegen mich und trommelt wie im Wahn mit ihren beiden zarten Handflächen auf die Tischplatte. Das Möbelstück zittert, als würde die Erde beben!
Neugierig und verängstigt spickt die neunjährige Sofie durch den Türspalt, Marco hat seine Hände auf ihre Schultern gelegt. Ich schicke die Kinder auf ihr Zimmer.
Maras Wut nimmt immer bizarrere Formen an. Ich kann es nicht mehr ertragen und ziehe mich in mein Büro zurück. Kraftausdrücke begleiten meinen Weg in den ersten Stock.
Die Nachmittagsstunden vergehen, die Rituale greifen noch: Pünktlich sitzen wir alle am Abendbrottisch. Seit Jahren essen wir vegetarisch. Doch in letzter Zeit begann Mara in Konfliktsituationen zu Wurst und Fisch zu greifen, um zu provozieren.
Auf einmal springt Mara auf und geht Richtung Kühlschrank. Mit einer Dose in der Hand kommt sie zurück und knallt sie auf den Tisch, zieht an der Lasche und reißt mit einem Ruck den Deckel auf, ohne sich um das Spritzen zu kümmern. „Wie ich mich freue auf den leckeren Fisch!“, tönt sie demonstrativ. „Igitt, wie das stinkt“, klagt Sofie, aber ihre Mutter isst den Thunfisch mit verächtlichem Grinsen und provozierendem Schmatzen.
Ich falle auf die Provokation nicht herein, esse zufrieden mein Käsebrot, aber die Kinder sind sichtlich irritiert – und Maras Kalkül scheint aufzugehen: „Rein zum Spaß“ haucht sie mehrmals mit vollem Mund die Kinder an, die wenden sich voll Ekel kreischend ab.
Ihre beim Öffnen der Dose verschmutzten Finger schmiert Mara höhnisch lachend an meinem weißen Sweatshirt ab. Fassungslos und wütend schaue ich Mara an. Am liebsten würde ich ihr dafür die Fischdose ins Gesicht drücken, aber der Gedanke an meine drei Kinder hilft mir, mich zurückzuhalten.
Meine Ruhe scheint Mara noch mehr in Unruhe zu versetzen; nun beginnt sie, vor den Kindern mich mit üblen Verleumdungen zu überziehen. Mir erscheint ihr Verhalten so irre, dass ich ihr – nicht wirklich ernst gemeint – androhe, ich würde sie in die Psychiatrie einweisen lassen.
An jenem schrecklichen Tag schließt mein Tagebuch mit dem Satz: „Mir tun die Kinder wegen des Verhaltens der Mutter so sehr leid.“ Außerdem schreibe ich Mara einen Brief, den lasse ich am nächsten Morgen auf dem Küchentisch liegen. Der Brief endet mit folgenden Zeilen:
„Lass uns anständig die Kinder großziehen und dann bist du frei, genauso wie ich. Nie mehr möchte ich erleben müssen, dass aufgrund deiner Aggressionen unsere Kinder bitterlich weinen. Die sensible Emilia musste ich heute lange trösten. Marco hast du heute verbal derart gedemütigt und ihn mit der stornierten Reise zu hart bestraft. Weinend kauerte er in seinem Stuhl. Bedenke, er ist erst zwölf Jahre alt!“
Tags darauf kommt Marco von der Schule nicht nach Hause; vom Schulbus geht er direkt zu seiner Oma. Der Großmutter, die er sehr mag, schüttet der Junge sein Herz aus: Er wolle nicht mehr heim, habe Angst vor den Schlägen seiner Mutter und ihren Schimpftiraden.
Ich komme erst am Spätnachmittag von der Arbeit zurück. Ich stelle meine Tasche ins Büro und sehe sofort: Das Telefon samt Anschlusskabel fehlt! Was ist denn das? Mara … Aber mir bleibt keine Zeit für Spekulationen: Emilia und Sofie platzen herein – die Mama sei ins Krankenhaus gefahren. – Was ist passiert?
Ich brauche mich nicht lange zu beunruhigen, Mara ist schon bald wieder da – mit geschienter Hand: „So, Herr Wölber, jetzt habe ich Sie dranbekommen! Ich war beim Hausarzt und habe ihm erzählt, dass du mich gestern geschlagen hast. Er hat mich zum Röntgen ins Krankenhaus geschickt.“ – „Bitte, was habe ich?“ Quasi als Beweis streckt sie mir das Kuvert mit den Röntgenbildern entgegen: „Du hast mich geschlagen“, wiederholt sie mehrmals mit einem diebischen Lächeln. Fassungslos schüttele ich den Kopf: „Mara, du selbst hast wie eine Wahnsinnige auf den Tisch getrommelt!“ – „Du wirst schon sehen“, droht meine Frau, „ich habe es jetzt so hingebogen, damit ich etwas gegen dich in der Hand habe. – Du lieferst mich nicht in die Klapse ein“, fügt sie an.
Zu jenem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass dieses Schauspiel nur ein Akt des begonnenen Dramas sein sollte. Das Telefon samt Anschlusskabel hatte ich inzwischen gefunden – dort, wo Mara meist solche im Affekt entfernte Gegenstände „zwischenlagerte“ – und das war schon mal gut; viel wichtiger war mir jedoch ein aufklärendes Gespräch über den gestrigen Vorfall. Als die Kinder im Bett waren, schien der Zeitpunkt günstig; doch Mara erhob sich aus dem Sessel und brüllte: „Deine Stimme ekelt mich an! Mit dir rede ich nicht mehr!“
Der nächste Tag begann, wie der Vortag geendet hatte – vor den Kindern drohte sie mir am Frühstückstisch: „Pass bloß auf, ich habe dich jetzt dran. Der Arzt hat alles dokumentiert, du wirst noch dein blaues Wunder erleben.“ Weiter orakelte sie: „Der Preis ist hoch, den Du bezahlst.“ Nach einem kurzen Moment des Schweigens wurde sie auf einmal diplomatisch, schlug mir einen Deal vor: „Du löschst dein elektronisches Tagebuch und ich nehme die Aussage bei meinem Hausarzt zurück.“ Mara glaubte doch tatsächlich, ich würde das Tagebuch führen, um sie eines Tages leichter in die Psychiatrie einweisen lassen zu können! Was für ein absurder Gedanke! Aber er sollte sich über die nächsten Jahre in ihrem Denken festsetzen.
Mir half das Niederschreiben, die schrecklichen Ereignisse besser zu verarbeiten – und dass ich die guten Tage festhielt, das gab mir in schlechten Zeiten immer wieder Hoffnung und Zuversicht.
Mara trug ihre Handschiene nur unregelmäßig. Wir sind privat versichert, deshalb geht die Arztrechnung zunächst an mich. Die Rechnung attestierte laut Röntgenaufnahmen eine Distorsion, also Verstauchung, des rechten Handgelenks und eine Fingerprellung. Täglich musste ich mir anhören: „Schau her, jetzt habe ich dich dran!“, dabei zeigte Mara auf den Arm.
Nach diesen absurden Tagen freute ich mich auf das Wochenende. Am Samstag ging ich mit meinem Bruder joggen und als ich nach Hause kam, standen meine Eltern vor der Haustür und holten die Kinder zum versprochenen Besuch einer Zirkusvorstellung ab. Diese glücklichen Kinderaugen! – Welche Zirkusnummer ich nur wenig später selbst erleben sollte, ahnte ich nicht.
Gegen 16 Uhr sitze ich in meinem Büro und lasse für einen Moment den Blick vom Monitor durch das große Fenster auf die Straße schweifen. Ein Polizeiauto fährt langsam vorbei, seltsam. Kurz darauf klingelt es. Ich höre, dass meine Frau die Haustür öffnet – und einen Augenblick später ruft sie mit kühler Stimme: „Thomas, komm ՚runter!“
Ich gehe die Treppe nach unten und traue meinen Augen nicht: Da sind doch tatsächlich eine Polizistin und ein Polizist in meinem Haus! „Sie wissen sicher, warum wir hier sind“, begann der Polizist. „Nein“, antworte ich ehrlich und biete ihnen in der Wohnküche einen Platz an. Daraufhin eröffnen sie mir, ich sei vor drei Tagen von meiner Frau angezeigt worden, wegen Körperverletzung.
Völlig perplex schaue ich zu Mara, sie entgegnet forsch: „Ja, so ist es!“ Die Polizei bittet mich, den Sachverhalt zu schildern, und meine Frau explodiert: „Sie werden ihn doch jetzt nicht anhören, der lügt doch, ich habe Ihnen schon alles gesagt!“ Mit etwas Überzeugungsarbeit kann Mara schließlich beruhigt werden und folgt der Aufforderung, den Raum zu verlassen. So erzählte ich sachlich, was sich vor einigen Tagen zugetragen hat. Bei den beiden stoße ich auf großes Verständnis. Die Vernehmung ist noch nicht ganz zu Ende, da stürmt meine Frau herein und beschwert sich lauthals: „Mir haben Sie auf der Wache nicht so lange zugehört wie ihm!“ Etwas irritiert, rechtfertigt sich die Polizei. „Warum schütteln Sie den Kopf? Mir gegenüber waren Sie auf der Polizeiwache viel zu ungeduldig“, wirft Mara ihnen entgegen, und nun entwickelt sich eine lebhafte Diskussion: „Ihr Problem ist, dass Sie sich von allen ungerecht behandelt fühlen!“, stellt der Polizist in harschem Ton fest. „Sie sagen einmal so und dann anders. Das fiel schon bei Ihrer Vernehmung auf“, erwidert die Polizistin einen weiteren Vorwurf meiner Frau.
Jahre später erfahre ich aus der Akte des Staatsanwalts, was über Mara festgehalten wurde …
Sie gab bei hiesiger Dienststelle an, dass ihr Mann, Herr Wölber, ein Tagebuch über sie führen würde. Sie befürchte, dass ihm es damit gelingen könnte, ihr die Kinder wegzunehmen. Nun möchte sie auch „etwas gegen ihn in der Hand haben.“ Ein Kontaktverbot wolle sie jedoch auf keinen Fall, wegen der gemeinsamen Kinder und weil sie ihn liebe.
Weiter heißt es dort:
Frau Wölber wurde von der Unterzeichnerin aufgefordert, während der Vernehmung von Herrn Wölber den Raum zu verlassen. Dies war auch nötig, da sie ständig dazwischen sprach und keinen Satz von den Beamten oder dem Ehemann unkommentiert ließ.
Am Schluss der Akte führte die Sachbearbeiterin aus:
Das Gemüt der Frau Wölber war durchgehend sehr wechselhaft (von wütend bis ruhig und verständnisvoll), jedoch erschien sie zu keiner Zeit hilflos oder ängstlich. Eher zeigte sie sich selbstbewusst. Sie bemühte sich in den Gesprächen immer wieder, ihrem Gesprächspartner (gleichgültig ob Ehemann oder Beamte) zu vermitteln, dass auch er ihr nur schaden möchte.
Ständen nicht ich und meine Frau im Zentrum der Ermittlungen, würde ich den Wortwechsel amüsiert zur Kenntnis nehmen; aber ich möchte am liebsten in den Boden versinken, so peinlich ist das alles.
