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"KIND" - Ein Brief an die Welt. Solge Maar erzählt die Geschichte eines jungen Mannes und begleitet den Leser auf der Reise in eine Parallelgesellschaft. Das erschreckende Schicksal eines Menschen steht im Vordergrund der Erzählung. KIND versteht sich als eine Art Interview mit Patrice, der Hauptperson des Geschehens. Patrice ist das Synonym für die Nacht in der Dinge geschehen, die ein erschreckend klares Bild von den Abgründen der Gesellschaft zeichnen. Patrice steht aber auch für den Überlebenswillen eines jungen Menschen in Zeiten absoluter Gewalt und Zerrissenheit.
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Seitenzahl: 530
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Ich widme dieses Buch meiner Zukunft, meinem neuen, zweiten Leben und all denen, die noch immer dort draußen sind.
Ich widme dieses Buch meiner Familie, denn ich verstehe es als Zeugnis meines Überlebens und meines Wunsches zu leben. Ihr seid mein Leben.
Ich widme dieses Buch außerdem den wenigen Freunden und Begleitern auf meinem Weg, die nie von meiner Seite gewichen sind und nie müde wurden, mir ein Anker zu sein.
„Der Weg zu allem Großen geht durch die Stille."
Friedrich Nietzsche
Ich lief viele Monate meinen Weg durch die Stille.
Entsetzliche Stille. Kalte Stille.
Stille ist ein fernes Land.
Dort fand ich mich wieder und machte mich auf um zurück
zu finden.
Ich ging den Weg der Offenbarung.
Fand zu mir selbst.
Entbehrte vieles und gewann neues.
Die richtigen Worte zu finden
Meinen Kindergarten
Die Angst steht mir ins Gesicht geschrieben
Ich war acht Jahre alt
Sport war nicht meine Welt
Wochenends bei Oma
Wir klingelten und gingen in das Treppenhaus
Wir lagen auf dem Sofa ihrer Eltern
Vor Gericht
Großmutters Garten
Rasante Fahrt mit Bruderherz
Facetten eines Vaters
Meilenweit verbunden
Düstere Dekade meines Lebens
7. August 1999
Mein Leben in Bojen – Auf unruhiger See
Aufruhr in meinem Kopf
13. Dezember 2002
Ich bin zu Besuch
Oma Lore hat Geburtstag
Nohas Baby
Frank im Wald
Puffbohnen oder schwule Stadtgeschichten
Prinzen für einen Sommer
Prinzenfahrt – Zeit für eine Münchner Auszeit
Moralische Warnleuchte
Abendliche Diskussionen mit Wein
Die Wahrhaftigkeit des Lebens
Auseinandersetzung zum Thema Kind
Treffen mit Heiner
Bens Dachterrasse
Münchner Runde
Auf der Couch
Zwei verschiedene Paar Schuhe
Mein Abschied war die Heimreise
Martins Wesen im Vergleich zu Früher
Freier Fall nach München
Die dunkle Stadt:
Ein Weg der in die Irre führt
Gift
Es war ein dunkler Ort
Mein Name war Patrice
Freier
Masken
Wozu Ricardo fähig war
Chris, mein Weggefährte
Als meine Seele im Sterben lag
Erkaufte Freiheit
Die Rückkehr
Ein Tag im August
Nichts geht mehr
Nach Hilfe suchend
Es geht weiter
Seelendetektiv
Reise zu Oma – Mein innerer Garten
Birgit
Die Tage in der Klinik
Ein geheimer Ort
Der Junge von der Haltestelle
Disput mit der Wohnungstür
Schwere Träume
In vielerlei Hinsicht
Die Hochzeit
Der Abschied
Verwehungen im Schnee
Bergmann
Toter Himmel
Die Liebe kehrte zurück
Das bedeutet Krieg
Zum Thema „Offene Fragen“
Eine neue Herausforderung
Die Verabschiedung
Verstehen, wenn es zu spät ist
Kein Grund zur Beunruhigung
Eine unerfüllte Liebe – Liebe im Geiste
Ein Schritt vor, zwei zurück
Odyssee
Promille-Liaison
Letzter Ausweg Schweiz?
Noch ein gebranntes Kind
Mich muss ich selber aushalten
Suchen und verstecken
Ziele kommen und Ziele gehen
Männer kommen, Männer gehen
Ménage à trois
Eine Frage der Größe
Einklinken, ausklinken
Mein Tag war seine Nacht
Sven versus Hallodri
Ein Tag unserer Freundschaft
Mit den Augen eines Kindes
Pause – Alle Termine gestrichen
Ein Wiedersehen
Wieder ein Tag an dem alles in Trümmern liegt
Der harte Weg zur Selbsterkenntnis
Kein Konzept
Die Tragweite des emotionalen Spinnennetzes
Zum Thema Fährtenleser
Monologe rund ums Liebesleben
Paradoxon
ist nicht immer leicht. In Zeiten wie diesen fällt es mir besonders schwer sie erstens zu formen und sie zweitens darüber hinaus auch noch zu artikulieren. Oftmals liegen sie einem scheinbar auf der Zunge, doch sie finden einfach keinen Weg hinaus, kommen einem partout nicht über die Lippen. Ich weiß auch nicht ob es die richtigen Worte überhaupt geben kann. Sollte ich eines Tages eine Antwort auf diese Frage finden, so wird sich für mich erst herausstellen müssen, ob diese Erkenntnis auch für mich selbst gelten wird. Wird der Tag kommen, an dem ich mich jemandem anvertrauen kann? Werde ich mich irgendwann von allem befreien können? Quälende Fragen seit Monaten, seit Jahren. In meinem Kopf tut sich so viel. Meine Gedanken fahren auf und ab, vermischen sich und sind selten so klar, dass ich in der Lage bin, sie zu sortieren und sie festzuhalten. Mein Kopf ist an so vielen Orten. Im Rahmen einer Therapie kommen meist ja nur die Dinge zur Sprache, die einen belasten und einem das Leben schwer machen. Oder diejenigen, die einen verfolgen und nicht mehr loslassen. Seit knapp einem Jahr bin ich nun in Therapie und versuche den Zugang zu mir selbst wiederzufinden. Ich sehe mich der schwersten Prüfung meines bisherigen Lebens ausgesetzt. Zu meiner täglichen Auseinandersetzung mit mir selbst und meiner Vergangenheit kommen die wöchentlichen Gespräche mit meinem Therapeuten. Diesen Termin legen wir, mein Therapeut und ich, bis auf wenige Ausnahmen seit jeher auf einen Freitag. Mein schwarzer Freitag. Dieser Tag steht ganz im Zeichen meiner Vergangenheit. In meinen Gedanken schon ganz in der kommenden Sitzung stehe ich auf und mit den Erlebnissen und Eindrücken des Tages schlafe ich spät nachts vor Erschöpfung wieder ein. Der schwarze Freitag verkürzt meine Woche. Sie hat nur sechs Tage Leben. Ich habe mich dafür entschieden einen Versuch zu starten, alles auf Papier zu bannen was mich zudem Menschen gemacht hat, der ich jetzt bin. Das ist meine Therapie, in der Hoffnung, endlich aufzuräumen. Das Erinnern selbst wird mir nicht schwer fallen, da die meisten Begebenheiten eh stets und ständig präsent sind. Darüber hinaus bin ich mir jedoch bewusst, dass die Auseinandersetzung mit ihnen viel Kraft kosten und auch weitere Fragen aufwerfen wird. So oder so ähnlich sollte sich eine Therapie abspielen, nur mit der Beschränkung darauf, dass ich keinen Gesprächspartner habe, sondern einen Monolog mit mir selbst führen werde. Wenn man so will, zeigt mir hier die Vergangenheit meine Wunden auf. Sie hält mir einen Spiegel vor um mir zu zeigen wer ich war und wer ich geworden bin. Eine bedrückende und zugleich heilsame Erfahrung. Erst war da nur ein Tagebuch, dem ich mich anvertraute. Doch schon bald wurde es zu einem Zeugnis der letzten Jahre. Ein Zeugnis meiner kleinen und großen Katastrophen. Zeugnis eines beinahe Untergangs. Ein Zeugnis, von dem ich mir Heilung versprach und immer noch verspreche. Mein Tagebuch wuchs und wuchs. Verpuppte sich. Schlüpfte und war zu einem Buch gewachsen. Ein auf Papier gebannter Monolog. Eine Reportage und ein Reisebericht zugleich. Das Ziel steht außer Frage. Der Kokon der mich umgibt muss aufgebrochen werden. Was tief in meinem Herzen begraben liegt und mir Nacht für Nacht Albträume beschert muss endlich ausgesprochen werden. Es wird immer gesagt man müsse in einen Wald oder auf einen Berg gehen, dahin wo man ganz mit sich allein ist, um alle Last und allen Kummer von der Seele zu schreien. Dieses Buch ist nun meine Metapher für meinen Kummerberg. Das Schreiben ist meine Art zu schreien. In diesem Moment bin ich allein. Doch ich will nicht dass meine Schreie ins Leere gehen. Diese Anstrengung darf nicht vergebens sein. Ich will das Schweigen brechen um das Kind zu befreien und um die Last von meinem Herzen zu nehmen. Dennoch bin ich darüber im Klaren, dass das Lüften meines Geheimnisses die Scham nicht besiegen wird. Dennoch bin ich bereit Licht ins Dunkel zu bringen, um meiner Familie Gewissheit darüber zu verschaffen, was mich zu Fall gebracht hat. Unter Umständen trägt mein Kummerberg insgeheim einen zweiten Namen. Wunschberg. Denn ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass das Kind eines Tages wieder zu lächeln beginnt und darüber hinaus zwischen mir und meiner Familie Klarheit herrscht. Dass sie um meine Narben wissen und ihnen nicht länger nur der Versuch bleibt meine Gedanken zu lesen. Vielmehr sind es nun Worte, die endlich bereit sind außen zu dringen um ihr Gehör zu finden. Auf das sich ein Dialog ergibt. Zwischen dieser Welt und mir. Ich hoffe darauf, dass dieser Dialog heilsam sein wird und dass er Frieden bringt. Das er mir und schlussendlich auch meiner Familie Frieden bringt. Es ist an der Zeit mein Marschgepäck abzulegen und meine Geschichte ans Licht zu bringen. Auf das der Wind die Schrecken meiner Vergangenheit mit sich fort trägt und die Saat des Bösen vom Boden meines Lebens fegt. Ich hoffe inständig, dass dieser Weg heilsam sein wird. Hoffe endlich Ruhe zu finden. Hoffe ihr zu entkommen. Es gibt für mich nur zwei Möglichkeiten mit meiner Vergangenheit umzugehen. Zum einen kann ich darauf setzen, sie irgendwann akzeptieren zu können, sie als gegeben hinzunehmen. Der andere Weg ist ihr etwas Besseres hinzuzufügen und ihr so zu entkommen. Ich bin gezwungen meine Geschichte fortzuschreiben. Kann nichts von alldem rückgängig machen. Darf es zudem auch nicht verleugnen. Was hinter mir liegt ist zu einem Teil von mir geworden. Neues wird hinzukommen und das Alte zum Guten wenden. Diese scheint die bessere der zwei Optionen zu sein die zur Wahl stehen.
Noch wichtiger ist mir allerdings, dass mir meine Vergangenheit darüber hinaus aber auch den Weg in mit Glück beseelte Zeiten aufzeigt. Indem sie mir Fehler und Leichtsinnigkeiten vor Augen führt und mich in ihr lesen lässt, wie in den Chroniken des Lebens. Ich beginne zu begreifen was falsch gelaufen ist, bin mir aber auch darüber im Klaren, dass ich in Zukunft weiterhin auf die Probe gestellt werde. In gewisser Weise sehe ich es als einen Vorteil an, dass ich dazu bereit bin mein bisheriges Leben zu rekapitulieren. Der unbedingte Wille alles aufzuarbeiten verhilft mir nicht nur dazu meine alte Stärke und mein altes Ich wiederzufinden, vielmehr eröffnet mir dieser Wille die Möglichkeit eines Neuanfangs. Nicht von vorn zu beginnen, sondern einen neuen Weg einzuschlagen, der sich gerade aufgrund meiner Erfahrungen und Erlebnisse auftut. Ich tue mich sehr schwer eben diesen Weg zu finden, zumal sich mein Leben momentan durch Unbeständigkeit auszeichnet und mich tagtäglich vor extreme Herausforderungen stellt. Um mit einer Metapher zu sprechen greife ich das Bild eines tausendteiligen Puzzles auf. Jedes einzelne Teil mit seiner eigenen Geschichte. Jedes einzelne Teil drehe ich unzählige Male, betrachte das Motiv und lese darin seine Geschichte. Und jede dieser „Episoden“ fügt sich zusammen mit denen der verbleibenden neunhundertneunundneunzig Teile zu einem großen Ganzen zusammen. Ich könnte es mir einfacher machen indem ich einfach probiere welches der Teile sich in das Puzzle einfügt. Jedoch bliebe mir ohne genauere Betrachtung wohl so manches Puzzleteil unerschlossen, ich würde es nur flüchtig in Augenschein nehmen und nur auf dessen Form und nicht auf dessen Wert achten. Das Ergebnis meines kleinen Puzzlespiels wäre nicht dasselbe. Es würde weniger Emotionen in sich tragen und ich würde das komplette Bild mit anderen Augen sehen. Dieses Puzzle ist mein Leben und es gibt einige Teile die einfach nicht passen wollen, da ich deren Geschichte verdrängt und ihnen im Laufe der letzten Jahre nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt habe. Nur so ist es zu erklären, dass mein erster Versuch des Zusammensetzens gründlich in die Hose ging und ich nun wieder von vorn beginnen muss. Verdrängung ist ein gutes Rezept um eine Zeit lang gut über die Runden zu kommen. Doch auf Dauer führt einen diese Art des Puzzelns nicht ans Ziel. Vielmehr entfernt man sich immer mehr davon. Bis man Gefahr läuft sich selbst dabei zu verlieren.
Doch will ich versuchen, nicht nur die Vergangenheit zu reflektieren. Vielmehr ist es mir wichtig, auch mein persönliches Hier und Jetzt zu beschreiben. Den Punkt, an dem ich augenblicklich stehe zu lokalisieren. Denn ich bin das Ergebnis all jener Begegnungen und Erlebnisse. Sie haben mich zu dem werden lassen was ich jetzt bin. Über die Jahre habe ich gelernt mir verschiedene Masken aufzusetzen. Wie es dazu kam und wie diese Masken aussehen wird sich im Laufe dieser meiner Geschichte klären. Auch die Gründe für die Maskenvariation werden sich mir selbst wohl auch erst während des Schreibens offenbaren. Es ist an der Zeit die Masken abzulegen, sie nebeneinander auf den Tisch der Wahrheit zu legen und zu jeder von ihnen die jeweils eigene Geschichte zu erzählen. Ihren Sinn zu entschlüsseln. Um anschließend Schritt für Schritt daran zu arbeiten, jede von ihnen sorgsam zu umwickeln. Bruchsicher zu verpacken. Ich werde einen guten Platz für sie finden. Die Suche nach einem geeigneten Flecken im Archiv braucht Geduld. Sie sollen sicher liegen und nicht mehr so ohne weiteres greifbar sein. Es gab gute Gründe für ihre Existenz und nun gibt es gute Gründe für eine sichere Verwahrung. Also mache ich mich nun daran meine Masken zu erkennen. Setze sie mir noch einmal auf um ihr Wesen zu verstehen. Durch sie hindurch zu atmen. Nehme sie wieder ab wenn sie sich mir offenbart haben. Halte sie fest in meinen Händen und nehme leisen Abschied von ihnen. Ich bin mir nicht sicher wie lang ich dafür brauchen werde. Genauso wenig sicher bin ich mir darüber, ob es mir gelingen wird, ausnahmslos jede Maske einzumotten. In gewisser Weise fühlt es sich an wie ein Auszug. Ich demontiere bruchstückweise das, was sich einmal mein Leben nannte. Mein Ziel ist es, das blanke Gerüst meiner selbst freizulegen, um darauf erneut aufbauen zu können. Eine Zwischenbilanz ist schwer zu ziehen. Wie weit bin ich? Wie fühle ich mich? Mache ich Fortschritte? Wer bin ich gerade? Fragen, die mir oft gestellt werden und Fragen, die ich mir oft genug selbst stelle. Schon seit vielen Monaten. Doch Antworten hierauf sind Mangelware. Ich freue mich auf einen Tag, der in der Zukunft liegt. Einen Tag, an dem es mir möglich ist eine klare Antwort geben zu können. Antwort, welche ich mich liebenden Menschen und nicht zuletzt auch mir selbst schuldig bin. Aber auch Antwort auf die kleinen Fragen des Lebens. Antwort auf die Fragen der Vergangenheit und der Gegenwart. Ein Stück weit vielleicht sogar Antwort auf Zukunftsfragen. Fragen wie etwa nach dem Wohin. Ich suche eine Antwort darauf wo ich hin will und mit wem ich gehen will? Sollte ich denn überhaupt mit jemandem gehen? Kann ich überhaupt mit jemandem gehen? Nach all dem erlebten kann sich niemand vorstellen wie sehr mich gerade dieses Rätsel umtreibt und welche Bedeutung des Rätsels Lösung in Bezug auf mein Leben zukommt. Ich frage mich, was ich erreichen will und wie ich selbst meine Zukunft sehe? Wie sehe ich mich und mein neues Leben? Es ist ungewiss, auf welche dieser Fragen ich eine Antwort finden werde. Vielleicht wird mir das Leben Antworten liefern. Unter Umständen werde ich aber weiterhin auf mich allein gestellt sein und mich nicht auf schicksalhafte Fügungen mit positivem Charakter verlassen können. Werde weiterhin hart an mir arbeiten müssen und die Weichen für eine bessere Zukunft stellen müssen. Beginne zaghaft erste Ziele zu stecken.
Kein Gestammel mehr und keine Unruhe. Stattdessen Klarheit auf ganzer Linie. Keine Zweifel mehr, weder an mir, noch an meiner Umwelt. Keine Unsicherheit mehr. Vielmehr wünsche ich mir in dem Bewusstsein zu leben, dass ich tatsächlich ich bin. Nicht etwa der, der ich war bevor ich mich auf den Weg durch die Hölle gemacht habe. Ich möchte mich bewusst wahrnehmen, so wie ich jetzt bin. Mit allen Ecken und Kanten. Ganz der, zu dem ich nach all den Jahren geworden bin. Ich will mich finden. Im Hier und Jetzt. Will alles daran setzen mich nicht noch einmal zu verlieren. Ich will versuchen die Vergangenheit ruhen lassen und begreife all das was vor mir liegt als den Anbeginn eines neuen Kapitels in meinem Leben. Meine Narben werden mich stets daran erinnern jeden meiner Schritte wohlüberlegt nach vorn zu gehen. Ich weiß sehr wohl um die Gefahren im Leben und wo sie überall lauern können. Ich werde mit offenen Augen durchs Leben gehen und mehr auf mich achten müssen. Denn es ist an der Zeit mir selbst Zugeständnisse zu machen. Und es ist an der Zeit mich in die Mitte des Raumes zu stellen. In die Mitte des Lebens zu rücken. Mitte meines Lebens. In den letzten Jahren war ich die verkörperte Randgruppe meines eigenen Lebens. Ein Zustand, in den man sich hineinfinden kann. Doch dieses Hineinfinden ist eher ein Abrutschen. Ein tiefes Fallen. Was dieses Hineinfinden anbelangt, so ist es jedoch kein Zustand, der auf Dauer angenehm ist. Ein steter Sinkflug. Mehr destruktiv als alles andere. Stillstand. Reagieren statt Agieren. Und im tiefsten Dunkel war mir selbst das nicht möglich. Ich lief Gefahr mich von meiner Umwelt formen zu lassen. Vielmehr war diese jedoch bereits drauf und dran mich zu formen. Mir ihren Stempel aufzudrücken. Mich meiner Sinne zu berauben. Ich war nicht mehr Herr meines eigenen Lebens. Habe es aus meinen Händen gegeben. Die Regie haben andere übernommen. Mit der Zeit waren mehr als eine Hand voll Männer damit beschäftigt mich zu lenken und ich ließ es geschehen. Mal aus Angst die Liebe und Geborgenheit zu verlieren, die man mir scheinbar geben konnte und mal aus Angst um Leib und Leben. Ich ließ zu, dass mein Leben beendet wurde so wie ich es kannte. Ich ließ zu, dass man mir die Freude am Leben geraubt hat. Und ich ließ zu, dass dieses Spiel so weit getrieben wurde, dass ich mich selbst dabei verlor. Ich hoffe nur zu sehr, dass ich imstande bin all dies noch einmal zu durchleben und dass ich die Kraft aufbringen kann, all diese Erinnerungen und Bilder hier und jetzt auszusprechen und mich somit der Welt zu anzuvertrauen.
Wie ich schon sagte, erst war es ein kleines Tagebuch. Unregelmäßig zur Hand genommen um mich ihm anzuvertrauen. Später, als alles Licht verschwand, wurde es zu einem Logbuch meiner Tage in Therapie. Und nun ist es wohl zu so etwas wie einem Zeugnis meines bisherigen Lebens geworden. Zeugnis eines ungeheuren Farbenwechsels. Fast schon sowas wie ein Schattenspiel. Fraglich, ob sich das psychodelische Muster auf meiner Seele beruhigen wird. Sicher ist jedoch, dass dieses Buch der Inbegriff meines Versuches ist Abschied zu nehmen. Ade dem Chaos. Ade der Einsamkeit. Ade der Angst. Ade der Vergangenheit und dem Schmerz, der meine Erinnerungen begleitet und dominiert. Wohl der schwerste Abschied meines Lebens. Er kommt einem Kampf zurück ans Licht gleich. Kampf zurück in ein so viel besseres Leben. Doch wie soll es aussehen, dieses bessere Leben? Wird es geprägt sein vom Arrangement zwischen mir und meiner Vergangenheit? Oder wird die Vergangenheit des Kindes eines Tages tatsächlich so weit hinter mir liegen, dass ich diese als eine entschwundene, wenn auch einem Umsturz gleichende Epoche meines Lebens annehmen kann. Eine Epoche, die ihres gleichen sucht. Ist sie überstanden, so habe ich überlebt.
Ein K i n d kommt mich besuchen, um mir seine Geschichte zu erzählen.
Ein K i n d kommt mich besuchen, um lange Verborgenes ans Licht zu bringen.
Ein K i n d kommt mich besuchen, um mich zu bitten mit ihm zu gehen.
Ich schreibe die Geschichte eines Kindes.
Des Kindes.
Kind einer Mutter.
Kind dieser Welt.
Ohne Frage Kind.
Kind, das in mir fortlebt.
K i n d
konnte ich vom Balkon unserer alten Wohnung in der Martin-Luther-Straße sehen. Eine alte Villa auf einem großen Grundstück erbaut. Man kam durch die Einfahrt hindurch und sah große alte Bäume und inmitten dieser Bäume stand die Villa. Ein Uraltes Haus mit großen Fenstern und einer massiven Holztür die aus zwei Flügeln bestand, mit geschwungenen Ornamenten ins Holz gearbeitet. Durch die Tür hindurch kam man in die Eingangshalle über breite Steinstufen hinauf in das eigentliche Treppenhaus. An der linken Seite führte eine breite, geschwungene und sehr massive Holztreppe hinauf in die oberen Stockwerke. Der Dachboden war ein Ort, der sein Geheimnis gut hütete. Er war verschlossen und uns Kindern war es schlichtweg verboten auch nur in die Nähe derjenigen Tür zu kommen die dort hinauf führte. Doch nie im Leben hätte ich auch nur einen einzigen Versuch gewagt das Geheimnis dieses Ortes zu lüften. Meine Fantasie war einfach zu lebhaft und so hatte ich ganz einfach Angst vor dieser Tür und vor dem was sich hinter ihr verbarg. Weitaus mehr Angst hatte ich allerdings vor dem Zorn meiner Erzieherin, sollte sie mich dabei ertappen dieser Tür zu nahe zu kommen. Dieses Haus war verschachtelt und hatte viele Räume mit unterschiedlichen Schnitten. Kein Raum war wie der andere. Ziemlich dunkel war es dort. Selbst am Tag musste man in einigen Räumen das Licht einschalten. Man konnte Geschichte einatmen an diesem Ort und ab und an überkam mich ein mulmiges Gefühl in diesem Haus. Unter der Holztreppe stand eine Spieleisenbahn aus Holz mit einer Lokomotive in die man sich hineinsetzen konnte. Doch ich sah nie ein Kind dort spielen. Fein säuberlich getrennt waren alle Kinder in ihren Gruppen. Jede Gruppe hatte ihren eigenen Raum und je älter man wurde, desto höher zog man in die Etagen des Hauses. Ich wollte immer in die Gruppe von Frau Karl. Nichts wie weg von Frau Eschrich. Angst hatte ich vor dieser Frau. Sie lehrte mich das Fürchten und sie wurde auch mal rabiat. Keine Frage, diese alte Frau mochte Kinder nicht sonderlich und sie machte keinen Hehl daraus, das auch zu zeigen. Ich möchte nicht abstreiten, dass auch diese Frau ein Herz besaß, doch es muss ziemlich verbittert gewesen sein. Jeder Mensch hat seine Geschichte, die ihn formt und zu dem macht was er ist. Ihre Geschichte hat sie wohl zu einer harten und lieblosen Frau gemacht. Keine Geborgenheit. Keine Unbeschwertheit. Diese Frau stand für Ordnung und strikte Regeln. Einen Tagesablauf nicht für uns Kinder, sondern um sie im Zaum zu halten. Bloß keine Schwierigkeiten, keine Abweichler, alles in Reih und Glied. Wir waren Kinder. Wir wollten spielen, uns bewegen und wurden gebremst. Wurden klein gehalten und bewacht. Sie hatte ihre Augen überall und ihr Blick verriet was ihr missfiel. Und Anlass dafür gaben wir ihr wohl genug.
In ihren Augen waren wir kleine, nervende Zwerge. Nur da um sie auf Trab zu halten, um sie zu ärgern. Der Grund ihrer schlechten Laune. Kein Lächeln in ihrem Gesicht. Keine netten Worte kamen ihr über die Lippen. Eine Frau mit kurzen, grauen Haaren, mit einer Brille und eine Frau, die immer Hosen trug. Frau Eschrich. Schatten werfend.
K i n d e r g a r t e n.
Eine magere, knochige Frau führt uns die Treppe hinunter, in den Keller, dort wo es nach Putzmitteln riecht und wo die Luft stickig und schlecht ist. Mir ist kalt. Wir gehen in den Keller. Kahle Wände, nichts als weiß lackierte Wände mit grauem Absatz. Der Boden grau gefliest, kalt, streng und abweisend. Ich fürchte mich davor weiter zu gehen, aber ich bin mitten in dieser Gruppe von Kindern, eins fremder als das andere. Ich frage mich wo Mama wohl jetzt ist. Die Frage nach meinem Vater stellt sich mir gar nicht. Diese Frau hat eine Hexennase und graue Haut mit tiefen Falten. Sie trägt einen grauen Rock, sie zerfließt praktisch mit der kahlen Wand. Ich habe das Gefühl, hier nie wieder raus zu kommen. Mir bleibt die Luft weg. Der Gang ist dunkel. Keine Fenster. Nur dieses kalte Licht von den Neonlampen über mir. Die Schritte hallen durch den Gang. Die Kinder murmeln sich was zu. Keines scheint die Ängste mit mir zu teilen. Wir laufen auf die letzte Tür zu, der Gang scheint zu Ende. Die alte, zerknautschte Frau macht die Tür auf und stellt sich an die Seite, um alle Kinder in den Raum treten zu lassen. Das also ist nun mein Gefängnis, der Ort an dem ich ein Leben lang bleiben werde. Meine Mutter werde ich wohl nie wieder sehen. Mir ist kalt. Wir setzen uns. Ich setze mich. Doch ich denke nur an Flucht. Wie komme ich hier nur wieder raus. Gibt es eine Chance für mich? Eine winzig kleine Chance? Ich sehe mir die Fenster ohne Griffe an, keine Möglichkeit, die gehen wohl nicht mal auf. Die Frau steht vor der nun verschlossenen Tür und eine andere, eine dicke Frau steht vor der Gruppe Kinder, zu der auch ich gehöre. Ich gehe in die erste Klasse. Ich fühle mich als ginge ich in die erste Strafkolonie. Die DDR existiert noch, doch mehr als eine Existenz ist es doch wohl nicht mehr. Für mich ist die DDR eine dicke Hortnerin, Frau Dreher, mit fettigen Haaren. Ihr Bauch wölbt sich über den Bund ihres Rockes, der gut und gerne als Zeltplane hätte herhalten können. Mir ist schlecht wenn ich daran denke, wie wir Kinder dieser dicken, schwitzenden Frau den Kopf massieren mussten.
S t r a f k o l o n i e. Das musste der Knast sein. Nun sitze ich hier also, der Hortnerin zuhörend. Ich fixiere die dicke Frau, sehe wie sie schwitzt und nach Luft schnappt. In meinen Gedanken ist ihr Übergewicht ein Dämon, mit einer schrecklichen Fratze, der sie würgt. Er würgt sie und lässt von ihr ab, nur um kurz danach wieder anzusetzen. Ich stellte mir vor, dass sie mit diesem Dämon einen Pakt geschlossen hätte, er darf sie würgen und sie darf uns knechten. Sie sagt uns wie wir uns zu verhalten haben, wie wir spielen sollten, was wir tun sollten wenn irgendein Kind etwas Falsches tut. Die Kinder wurden von ihr ausgefragt, über ihre Familien und Freunde im Hort. Alles nur zur Belustigung dieser Frau. Vielleicht war das hier auch eine Lehrstunde für Spione, für Agenten, wer weiß. Das Ziel war eindeutig ihre eigene Unterhaltung. Sie wollte unterhalten werden um sich lustig zu machen, um spotten zu können und wohl auch um sich von ihrem einsamen Dasein abzulenken. Eine dicke, einsame und zugleich böse Frau, die wohl die engste Beziehung in ihrem Leben mit ihrem eigenen Dämon pflegt. Dieses Bild ist sowohl beängstigend als auch traurig. Auch über die Jahre hinweg empfinde ich so. Diesem Bild wollte ich immer entfliehen und sehnte die Nachmittage herbei. Sehnte mir den Moment herbei von dem ich mir zumindest hiervon Erlösung versprach. Einen jener Momente, der mir diese an guten Tagen auch zu bringen vermochte. Es gab zu wenige solcher Glücksmomente. Mir blieb meist nur zu hoffen und zu warten.
Am frühen Nachmittag wurde ich von meiner Mutter abgeholt, sie war abgespannt und sah ziemlich abgekämpft aus. Das musste wohl an meinem Vater liegen. Er ging arbeiten und trank, er trank und ging arbeiten und zwischendurch machte er uns das Leben zur Hölle. Wir waren diejenigen, die seinen Groll auf die Welt ausbaden mussten. Wir waren es, die seinen Zorn zu spüren bekamen. Ich habe keine Ahnung warum das so war. Vielleicht lag es an seiner Arbeit, vielleicht lag es am Staat, dem Regime Namens Deutsche Demokratische Republik oder an beidem. Den Gedanken daran, dass es auch an uns, seiner Familie, liegen könnte habe ich gleich wieder verdrängt ehe er sich in mir festsetzen konnte. Lag es vielleicht an mir? Tief in mir drinnen saß dennoch dieser eine Zweifel.
Meine Erinnerungen an diese Zeit wecken Trauer in mir. Doch wie alles andere in diesem Leben gehört auch das zu mir. Machte auch das aus diesem Kind einen Menschen mit Ecken und Kanten. Wir gingen nach Hause. Mein Vater war nicht da. Ich wusste genau, dass das wieder einer dieser endlos langen Nachmittage werden würde. Wir warten, Stunde um Stunde. Ich hatte Angst. Meine Mutter merkte das, doch sie gab mir nicht das Gefühl das alles in Ordnung kommen würde. Da sie wusste, dass nichts in Ordnung kommen würde. Es wurde Abend. Mein Bruder machte Hausaufgaben. Ich versuchte mich abzulenken, mit meinem Teddy oder mit einem Bilderbuch. Der Teppich im Zimmer riecht staubig. Ich sehe das rot-beige Muster. Das Etagenbett aus Holz steht genau vor mir, unten schlafe ich. Alte Decken habe ich unter die Matratze meines Bruders gesteckt um mir eine Räuberhöhle zu bauen. Aber vielleicht haust da gar kein Räuber, vielleicht versteckt sich da ein Angsthase, versteckt sich vor dem was kommt. Und es wird kommen. Es ist er und er ist mein Vater. Er wird kommen. Jede Minute kann meine Welt wieder am Abgrund stehen. Jede Minute kann ich seine Schritte hören.
Seinen Atem riechen, bitter und sauer zugleich. Er wird nach Alkohol stinken. Seine Augen werden diesen verrückten Ausdruck haben, man wird seinem Blick nicht stand halten können. Er wird wieder diesen Gesichtsausdruck haben, voller Hass, voller Wut und unberechenbar. Ich werde wieder zittern, ich werde wieder Angst haben, Angst um meine Mutter, weniger um mich. Die Angst wird mir durch den ganzen Körper fahren, auf und ab und in den Pausen, wenn er nicht böse ist wird sich die Angst in meinem Innersten einnisten, da wo sonst mein Herz sitzt wird sie lauern, warten, sich auf den nächsten Angriff vorbereiten. Sie wird kommen, ich bin mir ganz sicher. Sie wird die Messer wetzen und sie wird zuschlagen, keine Frage.
O h n e Z w e i f e l.
Wenn man mich fragen würde wie man diese Angst übersteht, so kann ich nur antworten, dass man von der Angst getragen wird. Auch als Kind. Oder erst recht als Kind. Ein Kind getragen von Angst. Der Angst vor Gewalt, vor Hass und Wut. Würde man diese makabere Szene auf eine Leinwand bringen, so ergäbe sich ein düsteres Bild als Zeugnis einer zu früh gegangenen Kindheit. Das Kind sträubt sich gegen den Verlust, kann ihn aber nicht aufhalten. So schaut man dem Kind in die Augen und liest darin den Verlust aber auch die Verzweiflung.
Die zu magere Frau in den Katakomben meiner Grundschule hat sich mir nicht als Hexe offenbart, vielmehr als eine herzensgute Frau. Doch die dicke Hortnerin erwies sich als der Inbegriff allen Übels. Sie war die A u f s e h e r i n der Strafkolonie und machte keine Anstalten, in irgendeiner Weise einen Zweifel darüber aufkommen zu lassen, dass sie hier das Sagen hatte. Die Dicke dominierte nicht nur körperlich, nein sie dominierte meine Stunden im Hort. Was sie sagte war Gesetz. Sie ließ sich abwechselnd von den Kindern den Kopf massieren während andere Einkäufe für sie erledigen mussten. Die Hortkinder wurden von ihr in die nächste HO geschickt um Käse und Schinken, Brot und Milch einzukaufen. Gab es nicht was die dicke Frau wünschte, so hatte sich der Tag für diejenigen Kinder erledigt. Sie wurden von ihr mit missbilligenden Blicken gewürdigt. Sie stand über allem. Mit ihrer massigen Figur nahm sie förmlich den ganzen Raum ein und die Kinder drohten quasi zu ersticken. Diese Gewissheit zu haben und in dem Bewusstsein über diese für mich unerträgliche Situation zu leben hat mir viel abverlangt. Hier zählte für mich nur eines, durchhalten. Durchhalten bis der Nachmittag kam. Dann konnte ich hier raus. Mein Heimweg war wie eine Pause für mich. Ich ließ mir Zeit. Jeder Schritt den ich machte entfernte mich von diesem Ort und brachte mich dem nächsten näher. Ein Schritt weg glich einem Schritt hin. Fern und Nah zugleich. Spagat zwischen Traurigkeit gepaart mit Angst und der Hoffnung auf bessere Zeiten. Zu dieser Zeit war mein Zuhause nicht mit Gefühlen oder Umständen wie Geborgenheit, Sicherheit oder Freiheit verbunden. Die Liebe, die meine Mutter und mich verband war wie eine Nabelschnur, an der ich mich die Straßen entlang in Richtung Martin- Luther-Straße hangelte. Niemand vermochte sie zu durchtrennen. Und dennoch war ich voller Angst. Angst vor meinem Vater. Angst davor, was der Alkohol aus ihm machte und Angst vor seiner Wut. Angst vor seinem Groll gegen die Welt. Angst vor der Angst meiner Mutter und vor ihrer Verzweiflung. Die Art von Verzweiflung, die sich wie eine Faust um das Herz dieses Kindes legte und es zu zerdrücken drohte. Ihre Verzweiflung war auch meine Verzweiflung und ihre Angst war meine Angst. Sie in solchen Momenten zu erleben kam einem Stich ins Herz gleich und ließ mich meine Angst vor meinem Vater beinahe vergessen. Mitunter vergaß ich selbst die Angst um mich. Angst um das Kind. Ich hatte Angst um sie. Meine Mutter war der Anker, der mich in dieser Welt hielt. Sie hat mich in diese Welt hineingeboren. In ihr ist ein Kind herangewachsen. Sie trug mich unter ihrem Herzen. Einen Teil von mir trägt sie heute noch dort unter ihrem Herzen durch das Leben. Durch diese Welt. Durch ihre Welt. Und sie ist es wohl immer noch. Ist noch immer mein Anker. Nur zu gern hätte ich den Mut aufgebracht ihr Schutz zu bieten. Doch wie hätte ich das anstellen sollen? Welche Chance hat ein Kind sich mit acht Jahren gegen seinen eigenen Vater und gegen dessen Aggressionen zu stellen? Nur zu gern hätte ich einen Weg gefunden diesem Grauen ein Ende zu bereiten. Mein Bruder bekam von alledem nicht viel mit, denn er zog es vor sich aus dem Staub zu machen. Er sah wohl nur seine Probleme. Sah nur sich. Für die Probleme in unserer Familie hatte er wohl weder Auge noch Ohr. Oder tat er, wozu ich selbst nicht fähig war? Brachte er sich selbst in Sicherheit? War er selbst hilflos und veranlasste ihn diese Form der Ohnmacht dazu sich aus der ‚Verantwortung‘ zu ziehen? War er möglicherweise mit seiner Familie überfordert? Mit uns? Vielleicht waren wir ihm zu der Zeit sogar egal. Eine unerträgliche Vorstellung. Jahrelang verstand ich sein Verhalten und seine Flucht nach Tannroda zu unserer Großmutter als Verrat an meiner Mutter und natürlich auch als Verrat an mir. Ich war sein Bruder. Sein kleiner Bruder. Ein paar Jahre jünger als er. Was war das für eine Bindung zwischen ihm und mir? War da überhaupt eine Bindung? War sie letztendlich nur biologischer Natur? Ich hatte einen großen Bruder und hatte doch keinen. Mein Bruder war zu dieser Zeit kein Held für mich. Kein Beschützer und kein Freund. Es gab ihn. Er existierte. Doch mehr auch nicht. Mitunter fühlte ich mich mehr als Einzelkind. Die verschüttete Geschwisterliebe riss ebenso die Bruderschaft in Stücke. Unser Verhältnis wurde zusehends kälter und mitunter sahen wir uns nur ein paar Mal im Jahr. Und diese seltenen Momente waren von Sprachlosigkeit gekennzeichnet. Je mehr Zeit verstrich desto weniger wussten wir voneinander und umso fremder wurden wir uns. Unsere Wege trennten sich. Ein Stück weit liefen wir zusammen. Ein paar Jahre unseres Lebens. Doch dann gingen wir in entgegengesetzte Richtungen.
Und so war ich für mich allein und in gewisser Weise arrangierte ich mich mit diesem Zustand. Nicht zuletzt weil mir keine Wahl blieb. Die Strecke zwischen Aufseherin und dem zitternden Abwarten auf das Heimkommen meines Vaters war mein kleiner Puffer. Schritte die mich entfernten. Schritte die mich nahe brachten. Jeder dieser Schritte kam einem synchronen Entfernen und Nahen gleich. Und trotzdem war der Gang zwischen dem Hier und Dort mein kleiner Frieden. Nicht unbelastet, aber dennoch ein Frieden. Kraft gebend oder tröstend? Undefinierbar. Kurz Luft holen. Maskenwechsel. Wohl schon hier begann mein Spiel mit den Masken. Kindlich geprägt und weitaus weniger aus einem Überlebenswillen heraus geboren. Aber dennoch lagen schon hier der Selbstschutz und die Beruhigung meiner Mutter zugrunde. Was hier begann würde Jahre später in einem schaurigen Spektakel münden, welches kaum mehr zu überbieten war. Wenn man so will waren dies die Proben für ein Drama. Erster zaghafter Aufschrei des Kindes. Trotzdem kein Ausweg in Sicht. Alles blieb beim Alten.
Es gab gute und es gab schlechte Nachmittage und Abende. Entweder ich wartete, mit dieser Angst in meiner Brust, die mein Herz zu erwürgen drohte oder ich kam heim und mein Vater war schon zu Hause und rätselte oder schlief friedlich auf der Couch. An wenigen guten Nachmittagen unternahm er was mit uns, meinem Bruder und mir. Meistens fuhren wir mit den Fahrrädern in den nahe gelegenen Park. Das Ziel unserer kleinen Fahrradtour war meist eine kleine Quelle die von Steinquadern umfasst war. Das Ochsenauge. Ich kann mich daran erinnern, wie fasziniert ich von dem Wasser war. Eiskalt. Glasklar. Es sprudelte so kräftig aus dem Boden, dass die Kieselsteine auf dem Grund aufgewühlt wurden und Karussell fuhren. Ich verlor mich in diesem Spiel der Kieselsteine. Manchmal wünschte ich, ich wäre einer dieser kleinen Kieselsteine die auf und ab tanzten und ich könnte alles um mich herum vergessen. Müsste nicht mehr in die Strafkolonie, müsste die Dicke nicht mehr ertragen und ihr zu Willen sein. Ich vergaß zudem die dunkle Seite meines Vaters. Vergaß den Feind in ihm.
T a n z e n, a u f u n d a b. N a h e z u s c h w e r e l o s t a n z e n.
K i n d l i c h e r T r a u m v o n F r e i h e i t.
N a i v e F l u c h t i n d i e W e l t m e i n e r G e d a n k e n.
Ich genoss solche Tage, auch wenn ich wusste, dass es nicht lange dauern würde, bis sich das Blatt wieder wenden würde und meine Kindheit ihren tragischen Verlauf weiterhin so nehmen würde wie bisher. Die dicke Aufseherin und mein Vater, welch ein dummes Spiel. Kind zu sein viel mir in dieser Zeit verdammt schwer. Mehr noch, es war schmerzhaft in dieser kleinen Hülle gefangen zu sein, Kind zu sein und die Existenz eines Spielballs zu führen. So waren diese Jahre geprägt vom Auf und Ab der Gefühle, vom ständigen Wechsel zwischen Angst und Aufatmen und vom zwiespältigen Blick eines Kindes auf sein eigenes Zuhause und einen Ort, der mir noch fremder war alles andere.
Z e r r i s s e n h e i t. Nichts wünschte ich mir sehnlicher als morgens unbeschwert aufstehen zu können und abends unbeschwert schlafen zu gehen. Sobald ich lag begann ich meinen Kopf von einer Seite zur anderen zu drehen. Erst langsam, dann immer schneller. Nach einer Weile war es mein gesamter Oberkörper, der sich im Takt wog. Bis zur totalen Erschöpfung schaukelte ich mich so Abend für Abend in den Schlaf. Ich wog mich selbst in den Schlaf und versuchte das Zittern des Tages von mir abzuschütteln. Selbst herbeigeführter Tremor. Trost spendendes Schaukelspiel. Ich versuchte mir auf diese Art und Weise zu geben, wozu meine Mutter zu dieser Zeit nicht imstande war. Sie hatte keine Kraft und litt unter meinem Vater und seinen Eskapaden nicht weniger als ich selbst. Sie gab ihr Bestes und versuchte so gut es nur ging uns Kindern das Gefühl zu geben, dass alles gut wird. Doch demgegenüber stand das ständige Spiel zwischen Angst und Erleichterung. Trost fand ich in meiner eigenen kleinen Welt. Abseits von Schule und Zuhause. Außer Reichweite meines Vaters und der Dicken. Einer Welt in der ich mir eine Decke über den Kopf zog und still durch das große, kühle Treppenhaus in der Martin-Luther-Straße lief. Mit kleinen Schritten und ganz bedächtig, niemand sollte mich hören und niemand sollte mich entdecken. In meiner Vorstellung machte mich diese Decke unsichtbar und gab mir den so dringenden Schutz. Ich wünschte Phantasien wie diese würden sich hin und wieder verwirklichen. Und ich wünschte es wäre mir möglich gewesen, dieses Deckengefühl mit zurück in meinen realen Alltag zu nehmen. Denn das war es, wonach ich mich sehnte. Eine imaginäre Decke in die sich meine Seele würde kuscheln können.
und liebte es meine Mutter von der Arbeit abzuholen. Das Alleinsein war nicht so meine Sache und wenn ich meine Mutter abholte spielte es keine Rolle, ob ich zu früh da war. Dort konnte ich warten und Arbeitskollegen meiner Mutter unterhielten sich mit mir. Die Schule war also vorbei und ich beschloss, mich in den Bus zu setzen und bis zum Goetheplatz zu fahren. Den Rest würde ich dann laufen. So weit war es dann nicht mehr bis zur Arbeit meiner Mutter. Also stieg ich ein, löste meine Fahrkarte und setze mich ganz vorn hin, quasi neben den Fahrer wenn man so will. Da saß ich nun und warf einen Blick auf den Park, der wie ein Film an mir vorüberzog. Dieser Film gefiel mir. Nur schauen. Hier sitzen und raus schauen. Nichts weiter tun als das. Für einen Moment. Ich liebte es im Bus zu sitzen und die Landschaft an mir vorüberziehen zu lassen. Allerdings mochte ich die Stopps an den Haltestellen nicht. Für einen winzigen Augenblick stellte ich mir vor wie es wohl wäre, wenn es eine Buslinie gäbe die nur für mich allein fuhr. Linie ‚B‘. ‚B‘ wie Basti. Nur ich allein würde einsteigen und hinter mir würden sich sofort die Türen wieder schließen und erst wieder öffnen, wenn ich mein Ziel erreicht habe. Eine kindliche Vorstellung in der mein Wunsch nach Schutz und Angstlosigkeit innewohnte. Doch diese Linie gab es nicht. Die Realität holte mich rasch wieder zurück in diesen Bus, der mich zu meiner Mutter bringen sollte. An der zweiten Haltestelle stiegen Leute zu. Es waren einige und ehe ich mich versah setzte sich ein Mann neben mich. Da war eigentlich kein Platz mehr. Ich sitze doch hier. Im Bus waren noch andere Plätze frei. Warum hier. Warum setzt der Mann sich neben mich. Warum so nah. Ich schaute mich um. Sah ihn an. Sah hinter mich, in den Bus. Überall Menschen. Starre Gesichter. Mein Blick wanderte zurück und streifte den des Mannes neben mir. Seine Augen funkelten mich an. Sein Grinsen war widerlich. Er hatte schlechte Zähne und sein Atem roch sauer. Er war dick und nicht sehr groß. Größer als ich, ja, aber nicht so groß wie der Busfahrer. Er rutschte näher. Sein Atem streifte mein Gesicht. Ich schaute gequält aus dem Fenster. Ich bekam Angst. Fing an zu schwitzen. Der Gedanke daran, dass sich sein Geruch auf meine Haut legt und dort kleben bleibt widert mich an. Ließ dicken, klebrigen Ekel in mir aufsteigen. Völliges Durcheinander in meinem Kopf.
»Na, kleiner Mann«, sagte er mit dieser heißeren und zugleich gedrückten Stimme zu mir. Ich blieb stumm. Er fing an mich am Arm und im Gesicht zu streicheln. Panik stieg in mir auf. Ich rückte näher an das Fenster, doch er ließ nicht ab. Er kam immer näher an mich heran. Legte seine Hand auf meinen Oberschenkel. Ich ekelte mich so sehr vor dieser Gestalt. Mein Magen drehte sich um. Für einen Moment lang dachte ich mich übergeben zu müssen. Ich kam mir so hoffnungslos verloren vor. Warum hilft mir keiner. Sieht mich denn niemand.
»Lassen Sie mich, bitte.«, meine Stimme begann zu zittern. Mir fiel es schwer Luft zu holen und gleichzeitig Töne aus meinen Lippen zu pressen. Doch er ließ mich nicht in Ruhe. Immer weiter, er streichelte mich immer weiter. Kein Mensch der mich sieht. Kein Mensch der etwas sagt. Mein Blick wanderte panisch durch den Bus. Ich sah diesem Mann wieder in die Augen. Er schwitzte und lächelte mich an. »Alles gut mein Junge«. Aber nichts war gut. Wie weit muss ich noch fahren, ich muss hier raus. Nur noch eine Station.
»Lassen Sie mich, bitte. Bitte.« Da war keine Bestimmtheit in meiner Stimme auszumachen, es kam eher einem Flehen gleich. Der Bus hielt an. Endlich. Goetheplatz. »Ich muss jetzt aussteigen.« Er grinste nur und machte keinen Platz. Er war mir nun so nahe, dass ich seinen ganzen Körper spüren konnte. Seinen schwitzenden, warmen Körper. Dreck. Schmutz. Ich fühle mich so schmutzig. So allein in dieser Panik. Ich drängelte mich an ihm vorbei. Seine Hand berührte mich am Rücken und am Po. Er machte ein schmatzendes Geräusch. Ich bekam Panik und in dieser Panik stürmte ich aus dem Bus. Ich lief den Goetheplatz entlang und drehte mich immer wieder um. Er stieg aus. Er lief mir nach. Er rief nach mir. »Junge, bleib stehen.« Da war kaum Gefühl in meinem Körper. Meine Beine wollten mir kaum gehorchen. Unkontrolliert steuerte ich durch die Passanten. »Ich tue dir nichts. Warte doch.« Seine Worte schallten in meinen Ohren. Ich lief, schneller und schneller. Ich rannte los. Ich drehte mich um. Er kam immer näher. Das Atmen viel mir schwer. Seitenstechen.
Was mache ich jetzt? Ich will das nicht. Will dass er aufhört. Er soll aufhören. Ich konnte fühlen, wie sein Dreck sich auf meine Haut legte und in meine Poren kroch. Hilfe. Hilfe.
Mein Pulsschlag dröhnte in meinen Ohren. In meinem Hals pochte es so sehr, dass ich kaum noch etwas anderes wahrnehmen konnte. Ich bekam kaum noch Luft. Angst. Ich habe Angst.
Hilflosigkeit legt sich wie ein Schleier auf mein Gesicht. Legt sich auf das kleine Gesicht des Kindes und droht eins mit ihm zu werden.
Ich lief einem jungen Mann direkt in die Arme. Ein Student vielleicht. Er hielt mich. »Was ist los?« Diese Frage klang fast wie Hohn. Konnte er nicht sehen was da gerade passierte? Was mir da gerade passierte. Doch wie sollte er es auch wissen. Ich rang nach Luft. »Helfen Sie mir bitte! Bitte!!« Meine Kehle war wie zugeschnürt, die Lippen taub. »Der Mann verfolgt mich. Der will mir was antun. Helfen Sie mir bitte.« Ich begann zu weinen. Ich schluchzte. Der dicke, stinkende Mann kam näher und sprach mich an. »Wieso läufst du weg?« Seine Lippen verzogen sich zu einem unheimlichen Lächeln. »Ich tue dir doch nichts. Ich wollte nur lieb zu dir sein!« Ich sah in seine Augen, seine beunruhigend glänzenden Augen. Der junge Mann stellte sich schützend vor mich. Und gab dem dicken Mann zu verstehen, dass er schnell verschwinden soll. »Sonst rufe ich die Polizei.« Ich rückte aus dem Fokus des Geschehens. Mein Problem wurde zu einer Konfrontation zwischen meinem Helfer und diesem dicken Mann. »Was wollen Sie eigentlich von dem Jungen?« Ob er tatsächlich eine Antwort erwartete? Der Blick des jungen Mannes war stur auf meinen Verfolger gerichtet. Seine Körperhaltung kam der eines Schiedsrichters gleich. Er war nun da um das hier zu klären. Er rief seinen Freund herbei und fragte mich wo ich hin wollte. »Zu meiner Mutter, auf Arbeit.« antwortete ich ihm mit leiser Stimme. Sein Freund kam zu uns. Die beiden unterhielten sich kurz und dann sagte er mir, dass sein Freund mich nun fahren würde. Ich sah noch einmal zurück und der nette junge Mann, der mir geholfen hatte sprach immer noch auf den dicken Mann ein. Monster. Der dicke Mann im Bus.
Ich war in Sicherheit. Ich stieg in das Auto ein. Die Angst saß tief. Meine Brust tat mir weh als läge ein schwerer Stein darauf. Ich zitterte und meine Hände waren nass vom Schweiß. Ich war dankbar um jeden Meter, den das Auto fuhr und mich von diesem Ort fort brachte. Weg vom dicken Mann. Nur fort von hier. Und so fuhr ich mit meinem „Helden“ zu meiner Mutter. Mein Held. Der erste Held meines Lebens. Erleichterung machte sich in mir breit. Mein Held. Ich begriff immer noch nicht was gerade mit mir passiert war. Aber ich fühlte mich erleichtert und beschützt. Ein gutes Gefühl. Er hielt mit dem Wagen vor dem Haus in dem meine Mutter tagtäglich ihrer Arbeit nachging und drehte sich zu mir herüber. Ich sah in seine leuchtenden Augen. Sein Bartschatten faszinierte mich, die Bartstoppeln reflektierten das Licht der Sonne. Goldenes Licht tanzte auf seiner Haut und seine Hände erzählten mir eine Geschichte von Kraft, Schutz und Geborgenheit. »Mach's gut und pass auf dich auf.« Ich hörte diesen Satz und gleichzeitig las ich von seinen Lippen. »Danke.« Unsicheres und zugleich letztes Wort von mir an ihn, dann stieg ich aus, schloss die Wagentür und warf noch einen kurzen Blick in seine Richtung. Er lächelte noch einmal, sein Blick traf mich flüchtig. Dann legte er den Gang ein und hob kurz die Hand zum Abschied während er seinen Wagen in Gang setzte.
War und ist diese Begegnung, ist dieses Gefühl und das was ich mit meinem Helden verband und an ihm fand auch ein Grund für meinen Hang zu Männern? Sind es die Hände eines Mannes, die starken Arme und all die anderen männlichen Attribute, die mich an meinen Helden erinnern. All diese Bilder sah ich auch damals, als ich neben ihm im Auto saß. Als er mich fortbrachte. Als er mich vor dem dicken Mann in Sicherheit brachte. Manche Nacht sitze ich wieder neben ihm und Fahre mit ihm weit weg vom Monster. Mein Blick fällt auf seine starken Hände die das Lenkrad halten und auf seinen Kehlkopf. Sehe wie er sich bewegt als er zu mir spricht. Sehe wie er seinen Kopf neigt. Sehe den Schimmer auf seiner Haut und den Glanz in seinen Augen.
Setze ich Männer mit Schutz gleich. Ist der Mann mein Synonym für Sicherheit? So hätte es sein können, wäre ich nicht den falschen Weg gegangen. Hätte ich mich nicht zu sehr auf mein Gefühl verlassen und hin und wieder von meinem Verstand Gebrauch gemacht. Manchmal wünschte ich es gäbe einen Stand-by-Modus für mein Herz. Dann hätte mein Verstand leichtes Spiel. Er hätte sich wohl nicht so leicht hinters Licht führen lassen. In entscheidenden Momenten hätte er mich dazu veranlasst, die Notbremse zu ziehen. Ich bin mir ganz sicher.
Es gibt durchaus Schlüsselmomente in meinem Leben. Minuten, in denen sich die Richtung in die man fährt drastisch ändern kann. Was die Träger des Synonyms anbelangt, so sind mir drei Momente dieser Gattung in prägender Erinnerung geblieben. Drei Momente. Dreimal entscheidende Minuten. Einer davon ist meine Fahrt mit dem Bus. Hier wurde mein Kindsein bedroht.
Damals begriff ich nicht so recht. Doch heute verstehe ich diese beiden Jungs als meine Schutzengel. Schuenga. Ohne die beiden wäre mein Leben sicherlich anders verlaufen. Ganz sicher.
B i t t e r e r. O h n e Z w e i f e l n o c h b i t t e r e r.
In der Schule war mir regelmäßig schlecht wenn wir zum Sportunterricht mussten. Ich hasste die Sporthalle und alles was sich in ihr befand. Und ich verfluchte die Tage, an denen ich diesen Beutel mit in die Schule nehmen musste, in welchem ich meine Sportklamotten mit mir herum trug. Der Gang in die Umkleidekabinen glich dem Gang nach Canossa. Ich wollte mich nicht vor all den anderen umziehen. Das Gefühl der Ablehnung war so stark, dass ich mit der Situation völlig überfordert war. Der Geruch des Raumes, die vielen Stimmen und das diffuse Licht, all das war mir zu viel. Und dann waren da noch die nackten Jungs. Nackte Haut. Nackte Körper. Jungs. Junge Männer. Seltsam schöne Körper. Eine eigenartige Anziehungskraft ging von ihnen aus. Jene Anziehungskraft, die mir die Röte ins Gesicht schießen ließ und zugleich ein gehöriges Unbehagen in mir auslöste. Ich kam mir ziemlich ausgeliefert vor und diesem Gefühl musste ich mich ergeben. Also hieß es für mich Augen zu und durch. Alles was sich in der Halle abspielte ging mir regelrecht auf die Nerven. Ich hasste den Geruch von Schweiß und ich hasste die Stimme unseres Sportlehrers. Selten fühlte ich mich gut in den Sportstunden. Und wenn, dann auch nur wenn es hieß, dass wir den Unterricht draußen machten. Dann hieß es Laufen.
Raus, nichts wie raus. Nur raus aus dieser Halle. Frische Luft. Endlich frei atmen und laufen bis nichts mehr geht.
Ich lief gern. Zu laufen hieß Freiheit zu spüren. In der Grundschule drehten wir immer Runden um die Turnhalle und rannten und rannten. Es machte keinen Sinn die Anzahl der Runden zu zählen, denn wie so oft liefen nicht nur meine Beine sondern auch meine Gedanken so manche Langstrecke. Ich war immer stolz wenn ich unter den ersten war die ins Ziel kamen. Das hat mir nicht nur Spaß gemacht, vielmehr bekam ich ein seltenes Gut namens Bestätigung. Wir liefen zwar alle, aber trotzdem war ich für mich allein. Ich lief für mich und war mit meinen Gedanken allein. Das war mein Sport. Ich lief mich frei. Doch leider ist mir nicht jede Sportstunde in angenehmer Erinnerung geblieben.
Geräteturnen und Fußball lagen mir gar nicht. Ich hatte Angst mir weh zu tun oder mich zu blamieren. Denn ich wusste genau, dass ich am Kletterseil oder an der Kletterstange nicht zu den Besten gehörte. Hier war eher das Gegenteil der Fall. Und meist war ich auch derjenige, der bei der Mannschaftswahl meist zuletzt ins Team gewählt wurde. Ich wusste, dass ich mit den Mädels mithalten konnte, doch nur ein dicker Junge aus meiner Klasse war schlechter als ich. Das deprimierte mich ein wenig aber ich sah auch keinen Grund etwas daran zu ändern. Manche Dinge sind eben wie sie sind. Dabei beließ ich es.
Kurz nach der Wende wurde unsere Schule geschlossen. Wir wurden auf verschiedene Schulen verteilt. Einige gingen auf das Gymnasium. Andere, wie auch ich, gingen auf die Realschule. Die Parkschule war also der Anfang einer neuen Zeit. Wir kamen in eine neue Klasse. Anja kam mit mir auf die neue Schule. Wir kannten uns seit dem Kindergarten. Ich war also nicht ganz allein und hielt mich ein wenig an ihr fest. Sie war eine gute Freundin und wurde meine beste Freundin. Wir trafen uns vor der Schule. Ich holte sie meist von Zuhause ab und ich sehe mich noch heute im Flur des Hauses in der Martin-Luther- Straße stehen. Auf sie wartend. Ihre Mutter war immer in der Küche und machte Frühstück, bereitete sich darauf vor, sich ebenfalls auf den Weg zur Arbeit zu machen. Ich stand einfach nur da und lauschte dem Wortwechsel von Mutter und Tochter und sah dem geschäftigen Treiben zu.
So ging ich mit Anja morgen für morgen bis zur Schule in der Bodelschwingstraße. Auf dem Weg dorthin unterhielten wir uns über ganz banale Dinge. Wie wir die neue Schule fanden. Wen wir nett und wen wir weniger nett fanden. Was uns eben so beschäftigte. Wir haben gelacht oder sind einfach ohne ein Wort zu sagen nebeneinander her gelaufen.
Meine Lust am Sportunterricht nahm nicht wirklich zu. Auch wenn das Laufen im nahe gelegenen Park mehr Spaß machte als die ewigen Runden um die Turnhalle meiner alten Schule. In der Tat fühlte ich mich sie das Glied einer hässlichen Kette. Nur eines von vielen. Mir wurde klar, dass ich nicht dafür gemacht war Teil eines großen Ganzen zu sein, schon gar nicht Teil eines diktierten großen Ganzen. Was ich wollte und brauchte war Harmonie im Tun. Harmonie mit mir selbst.
Was mir fehlte war der Schulgarten. Ich genoss es immer mit Frau Lebete in den etwas abseits vom Schulgebäude liegenden Schulgarten zu gehen. Unkraut musste gejätet und Gemüse geerntet werden, Kräuter gepflegt und gepflückt werden. Das Gießen der Pflanzen machte besonderen Spaß. Der Geruch der feuchten Erde stieg mir in die Nase und die Wassertropfen auf den Blättern funkelten in der Sonne. In der Parkschule gab es keinen Schulgarten mehr. Die Zeit war vorbei. Dafür bekamen wir Werken als neues Schulfach. Für mich mehr Frust statt Lust. Wir begannen neue Freundschaften zu schließen. Wir, Anja und ich. Unzertrennlich. Wie Bruder und Schwester. Wir hielten uns an Cindy, Kirsten und Anett. Wir saßen im Unterricht nahe beieinander, unterhielten uns in den Pausen und trafen uns nach der Schule an der alten Kaufhalle nahe der Schule. Manchmal auch auf dem Spielplatz am Dichterweg. Wir schaukelten, quatschten und die älteren Schüler probierten das Rauchen. Toll fand ich das nicht aber es war das Privileg der Älteren und ein Markenzeichen der Clique.
Cindy war eine Draufgängerin, die es auf die Jungs abgesehen hatte. Umgekehrt verhielt es sich nicht anders. Sie hatte ihren Spaß und genoss es. Kirsten war unbeschreiblich. Sie brachte mich zum Lachen, stand für Schwächere ein und machte den Mund auf wenn ihr was nicht passte. Anett hingegen war ein kleines Mäuschen. Da ihre Noten immer schlechter wurden verließ sie bald unsere Klasse und ging in die Hauptschule. Ein Abstieg, das wussten wir alle. Doch wir machten ihr Mut, was nichts daran änderte, dass der Kontakt immer weniger wurde. Aus den Augen aus dem Sinn. Leider Gottes bestätigte sich hier einmal mehr, dass in diesen sechs Worten mehr Wahrheit als Floskel steckt.
Beinahe jedes Wochenende fuhr ich mit meinem Vater zu Oma Irmgard. Ihr Haus stand am Hang und man hatte einen Überblick über den Ort und man sah ringsherum nichts als Wald, weiter, tiefer Tannenwald. Schaute man nach rechts so konnte man in ein lang gestrecktes Tal blicken, fast bis nach Blankenhain. Meine Oma erzählte mir einmal von einer Flutwelle die aus dieser Richtung auf den Ort zu raste. Es war schon viele Jahre her. Sie überflutete den kleinen Stadtkern und nahm mit sich was sich ihr in den Weg stellte. Sie erzählte mir wie Schweine und Kühe davon trieben. Ich malte mir aus wie ihre aufgedunsenen Leiber dahin schwammen und eines Tages irgendwo liegen blieben. Den Gestank der von ihnen ausgegangen sein musste konnte ich förmlich riechen. Heute ist von dieser Katastrophe nichts mehr zu sehen. Zu viele Jahre sind vergangen. Am gegenüberliegenden Hang, der ebenfalls eine natürliche Grenze der Ortschaft bildete war der Friedhof angelegt, man konnte vom Garten aus direkt hinüber sehen. Waren Beerdigungen, so konnte man die Zeremonie verfolgen und danach sehen, wie die Bestatter das Grab zu schaufelten. Von diesem Treiben ging eine eigenartige Faszination aus. Wenn meine Augen derartige Szenen einfingen überkam mich ein Gefühl von Scham und Neugier zugleich. Ich wurde Zeuge eines intimen Treibens. Hatte sichere Distanz und konnte dennoch daran teilnehmen. Doch ich fühlte mich nicht gut dabei. Was ich da tat war verpönt. Ich war gefesselt von dem was ich zu sehen bekam und dem Gefühl etwas Verbotenes zu tun. So wanderte mein Blick hinüber zu dem Ort an dem Ruhe das oberste Gebot ist. Auf diesem Friedhof lagen meine Urgroßmütter begraben. Ab und an war ich dort um Oma Irmgard beim Gießen zu helfen oder um mit ihr zusammen neue Blumen zu pflanzen. Heute erinnert dort nichts mehr an die beiden Gräber. Nach all den Jahren wurden Grabsteine und Rahmungen entfernt. So verwischen selbst diese Spuren mit der Zeit und alles was bleibt sind Erzählungen und Erinnerungen.
