Kinder, die im Dunkeln spielen - Daniel Kasper - E-Book

Kinder, die im Dunkeln spielen E-Book

Daniel Kasper

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Beschreibung

Wer sich den Glauben an Märchen bewahrt, bleibt vielleicht bei Verstand - denn die Kindheit ist voller Zauber und Schecken. Sieben unheimliche Geschichten für Erwachsene - durch Kinderaugen erzählt. Der kleine Mikey klettert in die Böschung und kehrt nicht zurück. Die Zaubershow an Steffis Kindergeburtstag beschert ein böses Erwachen. Die kleine Isabelle kämpft am Strand um ihre Babypuppe - mit dem Klabautermann. Ein Bauwagen tief im Wald wird für Hannes und seine Bande zur blutigen Falle. Ein Hallenbadbesuch zu später Stunde bringt Ben fast um den Verstand. Der gepeinigte Henri findet ein Stück Blech in der Wildnis, das ihn seltsam widerspiegelt. Die kleine Fabienne ist sich sicher: Das neue Mädchen in der Nachbarschaft ist ein Roboter. Leserstimmen: »Unheimlich, unvorhersehbar und wirklich gut erzählt.« »Stilistisch anspruchsvoll.« »Mobbing und Missbrauch werden thematisiert: zu real für den Eskapismus des Horror-Genres.«

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Seitenzahl: 247

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Daniel Kasper

Kinder, die im Dunkeln spielen

Das Buch

Die Kinder in diesen Grusel- und Horrorgeschichten begegnen Geschöpfen, die auf finsteren Treppen lauern, vom Grund alter Schwimmbäder glotzen oder die geblümte Hölle greiser Menschen bevölkern.

Wer sich hierbei den Glauben an Märchen bewahrt, bleibt vielleicht bei Verstand. Denn die Kindheit ist voller Zauber und Schrecken …

Der Autor

Daniel Kasper, Jahrgang 1976, wuchs am Rand des Westerwalds auf.

Nach dem Design-Studium schrieb und zeichnete er für eine Dortmunder Zeitung.

Seine Geschichte »Vom Dunkelkind« wurde ins Lehrprogramm Deutschlands größter Autorenschule aufgenommen.

Mit seinen drei Kindern lebt er in Dortmund.

DANIEL KASPER

KINDER,DIE IM DUNKELNSPIELEN

Unheimliche Geschichten

KINDER, DIE IM DUNKELN SPIELEN

© 2021 Daniel Kasper

Umschlaggestaltung: Daniel Kasper; unter Verwendung

eines Bildes von: © wilqku/stock.adobe.com

Lektorat (Der Klabautermann und Annie): Marina Michaelsen

Zeichnungen: Daniel Kasper

Verlag & Druck: tredition GmbH, Hamburg,

Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN Paperback: 978-3-7497-2687-5

ISBN Hardcover: 978-3-7497-9754-7

ISBN E-Book: 978-3-7497-2689-9

[email protected]

www.dunkelkasper.com

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung

und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhalt

Die Gleishexe

Herrn Kuckucks letzter Zaubertrick

Der Klabautermann und Annie

Lecker böse Kinder

Sintflut

Henri Mondgesicht

Nina ist ein Roboter

Den Banden der Kindheit gewidmet

In der Kindheit lauern die Ungeheuer.

DIE GLEISHEXE

Die Böschung fraß Fußbälle. Doch als Mikey nicht zurückkam, dachte Dennis, dass sie nun auch Kinder fraß. War wohl auf den Geschmack gekommen von den Wunden, die sie ihnen gestochen und gepeitscht hatte, wenn sie versucht hatten, die Bälle wieder raufzuholen.

Oder die Gleishexe hatte ihn erwischt.

»Wenn sie dich kriegt, verhext sie dich«, hatte Dennis ihm noch zugeraunt. Das bereute er jetzt, und er hörte seine Mutter im Kopf: Pass auf Mikey auf, Dennis, du bist der Große! Jedoch machte es Spaß, ihn zu erschrecken: Mikey glaubte fest, dass Roswita Hess eine Hexe sei.

Dennis rief in die Böschung hinab, aber nur das Warngeläut vom Bahnübergang drang zu ihm hoch.

Im Geist sah er, wie die Hess aus ihrem Häuschen zu den Kurbeln hinkte und mit dicken Armen gleichzeitig beide Schrankenbäume herunterkurbelte. Der Speck an den Oberarmen zappelte, der Pferdeschwanz wippte. Sie sah wie ein Elefant aus, der versuchte, ein Mädchen zu sein.

Dennis musste grinsen, obwohl ihm eher nicht danach war. Wenigstens hatte er Mikey sein Klappmesser zugesteckt.

Mike war neun, und er hatte darauf bestanden, selbst zu gehen: »Mein Schuss, mein Ball, also meine Aufgabe.« Er hatte auf den Ball gespart, einen echten aus Leder: Etwas Besseres als diese 99-Pfennig-Gummiteile, mit denen sie sonst kickten. Sein Schuss war abgegangen, doch dann hatten sie nicht Wow!, sondern Scheiße! gerufen, als der Ball über den Zaun hinausgeflogen war. Die Böschung war wieder hungrig gewesen.

Jetzt grummelte es in der Tiefe wie Magenknurren.

Hoffentlich hielt Mikey sich versteckt: Es war gefährlich, dort unten zu klettern und absolut verboten. Im Moment befand sich die Hexe auf ihrem Posten, aber manchmal blieb die Strecke stundenlang leer. Dann patrouillierte sie am Grund der Böschung und gaffte hoch.

Als Dennis einmal hinabgestiegen war, hatte sie plötzlich in den Gleisen gestanden und ihn angebrüllt.

»Raus da, Junge, oder ich mach dir Beine!«

Dennis, der sich in der Höhe sicher gefühlt hatte, hatte dankend abgelehnt, sie könne sich die Mühe sparen, er besitze bereits welche.

Ihre Augen waren ganz groß geworden. »Ich werd’ sie dir verdrehen, Junge!«, hatte sie geknurrt und dann einen Schwall derart schlimmer Wörter zu ihm hochgespien, dass ihm vor Schreck der Ball entglitten war.

Der Ball war hinabgesprungen, im Weißdorn verschwunden und in den Graben neben den Gleisen gekullert.

Dennis hatte damals gedacht: So was sagen Erwachsene doch nicht, nicht so laut, nicht zu Kindern! Manche dieser Wörter kannte er nicht mal, doch sie fühlten sich an wie Ohrfeigen, wie Tritte; sie trafen ins Mark. Er war rotgeworden, und als er beim Aufstieg ausgerutscht war, hatte die Hexe über ihn gelacht.

Ja, es stimmte: Es war gefährlich dort unten, man konnte verletzt werden.

Der Warnpfiff gellte durch den Tunnel.

Gewiss hockte Mikey jetzt irgendwo im Dickicht, und gleich würden Waggons und Container ganz nah an ihm vorbeidonnern. Wenigstens die Angst vor der Hexe hätte er ihm nehmen können, hätte es versuchen sollen, hätte sagen können: »Mike, wir meinen Hexe nicht so, sondern wie Miststück oder Schlampe oder Fotze – nein, das nicht! Nicht zu ihm, der noch ans Christkind glaubte.

Dennis stieg in die Böschung.

Über Wurzeln und Äste kletterte er abwärts, glitt im Laub auf eine Klippe zu und sprang in die Arme eines Haselnussstrauchs, der dort, wo er aus dem Abhang wuchs, eine Stufe bildete. Die Haselruten ragten wie Speere ins Blätterdach.

Bis hierher war der Abstieg Routine. Zu beiden Seiten führten weitere Haselstrauchstufen hinab, doch nicht alle waren leicht zu erreichen, und dazwischen gähnte der Abgrund. Unten konnte Dennis den Güterzug sehen, der donnernd in die Wälder kroch.

Wieder hörte er seine Mutter: Pass auf Mikey auf, du bist der Große! Nur dass sie das schon gesagt hatte, als er selbst erst neun oder acht oder sieben gewesen war. Die Zeit, als er hatte an Märchen glauben dürfen, war kurz gewesen.

Sobald der Donner verebbte, rasselten die Automotoren auf der gegenüberliegenden Straße. Roswitas Speckarme schlackerten wieder. Diesmal gelang Dennis kein Grinsen: Er spürte Steine in den Schuhen, schwitzte und Mücken bejagten ihn – und wo steckte Mikey?

Dennis überwand einen Felsvorsprung.

Wenn die Böschung ein Wesen war, das Fußbälle und Kinder fraß, dann befand er sich jetzt in dessen Magen. Es roch nach Erde und feuchtem Laub. Überall flitzten Spinnen herum. Generationen von Bällen steckten im Dornengestrüpp, vergilbt und schrumpelig wie halbverdaute Früchte. Mikeys Lederball war wahrscheinlich bis ganz nach unten gerollt, weil er so schwer war.

Auf einmal erschienen Dennis die Bälle wie Köpfe, mit Augen, die ihn anstarrten. Einer hatte einen Mund, der aufging, als aus dem Schnitt im Gummi ein großer Käfer schlüpfte. Dennis spürte, dass Ungeziefer den Weg in sein Hosenbein gefunden hatte – Ameisen und Spinnen und was sonst noch aus dem Boden kroch; er wollte lieber nicht nachsehen. Es war keine gute Idee, länger auf einem Fleck zu stehen, wenn dieser Fleck nach ihm zu greifen begann.

Also suchte er Griffe im Wurzelgeflecht und kletterte weiter.

Da riss ein Wurzelstrang, und er rauschte die letzten Meter hinab in hohen Farn.

Sofort rappelte er sich auf und spähte nach links, wo in hundert Metern das backsteinerne Wärterhäuschen hockte. Die Schranken ragten rotweißgeringelt vor dem Tunnel auf. Ein Auto kam aus den Wäldern herab, überquerte die Schienen und verschwand.

In dem Graben neben den Gleisen verdorrten noch mehr Bälle, doch der Lederball war nicht darunter. Und keine Spur von Mikey.

Einen anderen Aufstieg gab es nicht. Mikey könnte jedoch dem Graben zur Straße gefolgt sein, ohne dass die Hexe ihn entdeckt hatte … Oder vielleicht hatte sie ihn entdeckt und einfach nach Hause gescheucht: Mikey war ein lieber Kerl, jeder mochte ihn – ey, er glaubte ans Christkind!

Auf einmal überkam Dennis die Furcht, die Hess könnte seinen Bruder mit ihren schlimmen Wörtern verletzt haben. Wenn sie das getan hatte, würde sie es bereuen: Dennis war nicht so lieb, und er konnte stark sein. Er wusste, wie es sich anfühlt, einem Vögelchen den Hals umzudrehen.

Er hatte es für Mikey getan. Der war damals in der Scheune zu dem Nest hinaufgeklettert, weil er hineinschauen wollte. Dennis hatte es verboten, aber Mikey hörte nicht. Als er fast oben war, schoss die Vogelmutter davon und stieß dabei ein Küken hinaus. Es tastete blind am Boden umher; sein Bäuchlein war aufgeplatzt.

Mikey stand nur dabei und stammelte: »Dennis, tu doch was.«

Da hatte er es getan, hatte den kleinen zuckenden Kopf genommen … Wenn es sein musste, konnte er stark sein. Roswita Hess würde es bereuen.

Im Schatten der Böschung pirschte er auf ihr Häuschen zu. Efeu griff nach der Fassade; gelbe Spitzengardinen hingen in schmutzigen Fenstern. Der Tunnel stand wie ein schwarzer Mond über dem Bahnübergang.

Als er näherkam, bemerkte Dennis, dass mit dem Efeu etwas nicht stimmte: Wie erstarrter Nebel überzogen Spinnweben die Pflanzen. Hunderte Raupen krochen darin, spannen Fäden, hingen in pulsierenden Trauben an den Blättern.

Die Raupenweben dicht am Körper, zwängte er sich an der Rückwand des Häuschens vorbei, schlich dann zum Straßenrand und tat, als sei er von dort hergekommen.

Nahe den Gleisen ragten die beiden rostigeisernen Kurbelböcke aus dem hohen Gras, die unterirdisch mit den Schranken gekoppelt waren. Wie schon, als er noch kleiner war, sahen sie für Dennis wie einarmige Roboterkinder aus.

Über den Schotterweg ging er an ihnen vorbei auf das Häuschen zu. Er trat bedacht auf; die Vorsicht vor der Gleishexe lag ihm im Blut wie allen Kindern.

Vor dem Treppenabsatz verharrte er.

Die Gardine im Türfenster hing voller toter Fliegen.

Eine schmerzhafte Verzweiflung erfasste ihn plötzlich. Ich hätte dich nicht gehen lassen dürfen, Mike, dachte er.

Er stieg auf die Stufe hinauf, klopfte zweimal und wich auf den Schotter zurück.

Sofort rumpelte es in dem Häuschen. Die Gardine erzitterte mitsamt den Fliegenperlen darin, dann ging die Tür auf.

Roswita Hess’ Gesicht wirkte überraschend jung über der Ansammlung von Kinnen. Eine Bluse mit Leopardentupfen hielt Brüste und Bauch im Zaum, Flecke schimmerten auf den drallen Armen. Die Ringe an ihren Fingern waren vom Fleisch verschlungen, sodass nur die Schmucksteine hervorschauten. Sie trug kurze Hosen, und Dennis ermahnte sich, beim Anblick der von Äderchen marmorierten Beine nicht das Gesicht zu verziehen.

»Was willste«, blaffte sie.

Aus dem Raum quoll ein Gestank von Zigaretten, Schweiß und Süßem.

»Ich suche meinen Bruder. Mike. Vielleicht haben Sie ihn gesehen?«

Sie maß ihn mit ihren kleinen, engstehenden Augen. »Habt hier nichts verlor’n.« Jetzt blickte sie sich um und humpelte auf die Stufe hinaus. »Müllt meine Strecke zu. Mit euren Schissbällen.«

Dennis merkte, dass sich etwas in ihr zusammenbraute und machte sich bereit, entweder abzuhauen oder ihr die Stirn zu bieten.

Doch unvermittelt hellte ihre Miene sich auf.

Sie lächelte mild und sagte: »Es ist gefährlich für euch Kinder. Die Eltern machen sich Sorgen. Die Mamis und Papis. Die Herzen würden ihnen bluten, wenn euch Kindern etwas zustieße. Gib fein acht, so sagt doch das Sandmännchen, hm?«

Unwillkürlich erwiderte Dennis ihr Lächeln.

»Dein Brüderchen hab ich nicht gesehen. Aber wenn’s hier vorbeikommt, werd ich’s fein grüßen, ja?«

Im Häuschen klingelte das Telefon.

Roswita Hess’ Gesicht zerknautschte. Sogleich war ihre Stimme wieder schroff. »Los jetzt, oder ich mach dir Beine!«

Schwerfällig drehte sie sich um, hinkte hinein und knallte die Tür zu.

Dennis’ Lächeln verdarb. Er kam sich ausgetrickst vor, klein und dumm. Wut stieg in ihm hoch, und er wünschte, dass er nicht angeklopft hätte. Wenigstens sein Lächeln hätte er ihr nicht schenken dürfen. Er wandte sich ab und wollte bloß weg.

Da entdeckte er das Messer.

Es lag im Schotter neben der Stufe. Unverkennbar war es seins, das er Mikey gegeben hatte. Er hob es auf. Die Erkenntnis, dass sie ihn belogen hatte, traf wie ein Schlag.

»Was haben Sie mit ihm gemacht?«, warf er gegen die Tür. »Er ist hier gewesen! Mikey war hier, und Sie haben gelogen!«

Die Tür flog auf. Überraschend schnell kam Roswita Hess herausgestapft und linste auf das Messer. Ihr kleiner Mund wurde spitz, die Nasenflügel begannen zu beben.

»Das hatte er in der Tasche!« Dennis hielt ihr das Messer hin.

Sie grunzte, machte eine wegwerfende Handbewegung und wandte sich ab.

»Es lag hier, direkt vor Ihrer Tür! Was haben Sie –«

Ihr Blick loderte, als sie wieder zu ihm hersah. Die Kinne zitterten unter dem Druck ihrer mahlenden Kiefer. Zwei Bolzen gleich ruckten ihre Arme nach vorn und stießen Dennis vor die Brust.

Er taumelte rückwärts und schlug auf den Schotter.

Wie benommen verfolgte er, wie die Hess aus einem Blechkasten an der Hauswand einen Schlüssel holte und zu den Kurbelböcken wanderte. Ihre Schultern wippten; jeder Schritt wallte durch ihren Körper.

Dennis raffte sich auf. Sein Rücken tat weh, aber den körperlichen Schmerz nahm er nur dumpf wahr. Etwas in ihm wollte flennen! Nicht wegen dem, was mit Mikey sein mochte, sondern der verblüffenden Gewalt wegen, mit der eine Erwachsene gegen ein Kind vorging. Aber er verbot sich, schwach zu sein: Zorn war gut.

Er näherte sich der Hess wie einem unberechenbaren Tier. Als er sie ansprach, zitterte seine Stimme vor Beherrschung. Er fragte sich, ob er mehr erreichen würde, wenn er bat, wenn er flehte.

»Wo ist er? Sagen Sie mir bitte, wo mein Bruder ist!«

Mit abgespreiztem Finger drehte Roswita Hess den Schlüssel und entriegelte die zweite Kurbel. Sie zeigte ein Grinsen, aus dem das genüssliche Wissen um eine boshafte Tat geradezu schrie.

Dennis holte aus und versenkte die Faust in ihrer Seite. »Verrückte Hexe, was hast du mit Mikey gemacht?«

Sie fuhr herum, packte ihn und riss sein Gesicht an ihres heran. Ihre Augen traten hervor. Sie zischte: »Ihr sollt euch schämen, allesamt, und die Mütter, die euch ausgeschissen haben …!«

Dennis zerrte am Kragensaum ihrer Bluse, atmete ihren schwülen Geruch.

»… Schissblagen, allesamt sollt ihr euch schämen!«

Der Saum riss, und – sieh da nicht hin! – Dennis entdeckte eine Tätowierung gefährlich tief in ihrem Ausschnitt. Etwas wie ein Vogelfuß.

»Hab’s Brüderchen in meinen Tunnel gesteckt. Es hat ihm gefallen.«

Sie stieß ihn abermals fort, aber er hielt sich auf den Beinen. Er versuchte zu begreifen, was sie gerade gesagt hatte, als es ihm voll Grauen aufging.

Er drehte sich um.

Dort war der Tunnel. In seinem Schwarz pendelte ein blasser Fleck. Der Fleck sah wie ein Fußball aus, den eine kleine Gestalt sich vors Gesicht hielt. Bei ihrem Anblick brach Dennis das Herz.

Mikey taumelte scheinbar blind über die Schwellen, strauchelte und stürzte ins Gleisbett.

Dennis schrie: »Komm da weg, Mikey!«

Er wollte zu ihm rennen, aber es war zu weit, und das Warngeläut der Schrankenanlage setzte ein. Er fühlte, dass eine böse Maschinerie, wie eine Trickfalle, in Gang geriet.

Die Hess hatte zu kurbeln begonnen; die Schrankenbäume senkten sich herab. Ein hoher Ton begann, in den Gleisen zu schwingen: Ein Frachtzug schoss aus der Kluft zwischen den Wäldern.

In Dennis’ Kopf erschien ein Bild – Mike, der vor Schmerz grinst, als der Zug ihn zerreißt –, aber dann sah er nur sie, die dicke Frau, die mit ihrem eifrigen Kurbeln diese ganze Teufelei anzutreiben schien.

Er öffnete das Messer – Pass auf Mikey auf, du bist der Große! – und sprang Roswita Hess von hinten an.

Er stieß ihr die Klinge ins Ohr.

Ein Beben ging durch den Berg, der sie war. Sie glotzte ihn an, grunzte etwas, das wie rückwärts Gesprochenes klang, und sackte zur Seite.

Die Schrankenbäume verharrten federnd hoch über der Straße.

Ein Lastwagen rumpelte auf den Bahnübergang.

Die Lock rammte ihn weg wie ein Hammer, der einen Nagel versenkt.

Eisen kreischte. Riesige stählerne Bäuche schoben sich schreiend an Dennis vorüber, der winzig und seltsam gleichgültig im Staub der Verwüstung stand. Er starrte auf den Kopf mit dem Messer darin hinab und spürte noch den Widerstand, den die Klinge durchstoßen hatte, wie ein Echo in der Hand.

Dann riss er sich los. Er rannte an dampfenden Kesselwagen vorbei, die zum Stillstand gekommen waren.

Der Laster lag in der Tunnelmündung. Aus seinem Bauch sprühte Öl. Die zertrümmerten mechanischen und elektronischen Innereien knisterten und klickten.

Dennis rief in den Tunnel, und der Name seines Bruders widerhallte in der Dunkelheit. Er hastete hinein, bis das Gemäuer sich kaum noch vom Schwarz abhob.

Endlich fand er Mikey, der im anderen Gleis Tunnel einwärts kroch.

Das Bild von dem Küken flimmerte vor Dennis auf, und er hörte die Stimme seines Bruders aus der Vergangenheit rufen: Dennis, tu doch was!

»Mikey, warte, ich bin ja bei dir!«

Er wollte ihn in die Arme schließen, ihn aufheben und nach Hause tragen, fort von dem Schrecken, dem Dreck und der Dunkelheit.

Aber er stoppte. Auf einmal erkannte er, warum Mike blind war.

Sein Kopf steckte in dem Fußball!

Dennis tastete Mikeys Hals ab, um ihn von dieser Maske zu befreien, suchte nach den Schnittkanten im Leder. Doch er fand keine. Es gab keine Kanten. Die Haut an Mikes Hals ging nahtlos in das Leder über; Haut und Leder waren miteinander verwachsen: Der Fußball war Mikes Kopf!

»Dennis«, hauchte Mikey aus einem Schlitz, der aufging, und sein Flüstern war lauter als das Trommeln im Schotter, das Zischen im Gleis, »ich glaub, sie hat mich verhext.«

Im Tunnel wurde es hell.

Und laut.

»Hexen gibt es nicht.« Mit jagendem Herzen trat Dennis rückwärts in eine Schutzbucht im Tunnelgemäuer. Er drückte die Hände auf seine Ohren und machte die Augen zu.

HERRN KUCKUCKS LETZTER ZAUBERTRICK

Es hieß, Herr Kuckuck könne zaubern. Doch der alte Mann ging am Stock, und wenn Stefanie abends im Bett lag, konnte sie ihn in der Dachwohnung über sich aufstampfen hören. Dann überlegte sie, warum er sich die Beine nicht gesund zauberte. Oder den Husten weg. Denn oft brach Herrn Kuckuck ein schrecklicher Husten aus dem Mund, der ihn am Treppengeländer oder am Gartenzaun Halt suchen ließ.

Auch stimmte etwas mit seinen Augen nicht: Klein wie Knöpfe, blitzten sie durch dicke Brillengläser. Wenn Stefanie ihm vom Garten aus zuwinkte, reckte er den Kopf aus dem Fenster, kniff die Augen zusammen, bis sie fast nicht mehr da waren, und wedelte mit den langen Fingern aufs Geratewohl in die Landschaft.

»Bist du das, Stefanie?«, rief er dann herab und lächelte, wenn sie bejahte.

Es war also eher unwahrscheinlich, dass er tatsächlich zaubern konnte. Leider.

Dennoch hieß es so. Ihre Eltern hatten es gesagt und die Kinder in der Nachbarschaft. Und einmal war der Postbote mit einem Paket für Herrn Kuckuck gekommen, als der nicht zu Hause gewesen war, und hatte Stefanie gefragt, die gerade auf der Treppe vor dem Haus mit Playmobil gespielt hatte, ob sie es für »den Zauberer« annehmen würde. Das hatte sie gemacht und dann den halben Tag fantasiert, welche magischen Dinge das Paket wohl enthalten mochte.

Allmählich jedoch glaubte Stefanie, dass ihr Bruder recht hatte: »Mama und Papa haben das bloß gesagt, damit du’s toll findest, hierherzuziehen. Und die Leute nennen ihn so, weil er so ein Kauz ist mit seinem Hut und dem Zwirbelbart.« Dann hatte Piet noch hinterhergeschoben: »Wenn du mich fragst: Der macht’s eh nicht mehr lange.«

Das machte sie traurig. Denn sie mochte Herrn Kuckuck. Und sie wollte, dass es Zauberer gab. Es war ihr größter Wunsch, dass es Zauberer und alles Magische wirklich gab.

Darum schloss sie an ihrem Geburtstag die Augen, holte tief Luft und blies diesen Wunsch in die Kerzen hinein, sodass sie allesamt erloschen. Alle sieben.

Gesungen hatten sie bereits: die Eltern und sechs Kinder. Selbst Piet hatte Vater zu diesem Zweck aus seinem Zimmer gezerrt, dessen Dreingabe dann ein schräges Lippenposaunen gewesen war samt Furzgeräusch zum Finale. Das Esszimmer hing voller Girlanden und Luftschlangen, bei jedem Schritt trat man Ballons beiseite, und in einem Bogen, der sich über zwei Fenster spannte, prangte in goldenen Pappbuchstaben »Happy Birthday«.

Zum Flaschendrehen nahm Stefanie die Gäste mit in ihr Zimmer. Der Flaschenhals entschied, wer ihr sein Geschenk überreichen durfte. Sie strahlte über die Geschenke und herzte jede Freundin und auch Max, den einzigen Jungen, den sie eingeladen hatte. Die Stereoanlage spielte Walt-Disney-Songs, und Pina sang so laut mit, dass Stefanie sich erst zur Tür umwandte, als sie das Händeklatschen hörte.

Mutter stand auf der Schwelle und machte ein Gesicht, das Geheimnisvolles versprach. »Es gibt noch eine besondere Überraschung. Kommt alle mit!«

Obwohl es draußen kalt war, hatten sie ein Spielen im mit Laternen geschmückten Garten geplant, sobald die Dunkelheit hereinbrach. Dafür war es jedoch zu früh, und Stefanie wunderte sich, dass die Wohnzimmertür offenstand. Dieses Zimmer sei heute tabu, hatte es geheißen.

Mit einer schwungvollen Geste lud Mutter die Kinder ein hineinzugehen.

Die Sofalandschaft war zurückgezogen worden, Fernseher und Schränkchen an die Wand verfrachtet und weitere Stühle hingestellt, sodass eine kleine Manege entstanden war, in deren Mitte der rote Fransenteppich hatte liegenbleiben dürfen.

Vater befand sich bereits im Zimmer und versuchte, Stefanies Gäste zu bändigen, die sogleich anfingen, auf den Sofakontinenten herumzutoben, sodass sie auseinanderdrifteten. Max musste wiederholt und streng ermahnt werden, bis er endlich Platz nahm und seine Tollerei zu einem nervösen Hinternrutschen zügelte.

Bald thronte Stefanie in der Sofamitte auf einigen Kissen. Vater erhob feierlich die Stimme.

»Liebe Gäste, allerliebste Stefanie …«

Er zwinkerte ihr zu, schaute dann aber auf, als Piet hereingetrottet kam und auf einen der Stühle sackte. Offensichtlich war er von Mutter erneut zur Party befohlen worden; sie stand jetzt im Türrahmen und nickte Vater zu, er könne weitermachen.

»… und auch du, mein gelangweilter Sohn«, sagte er und erntete eine Grimasse von Piet und Gelächter von den Kindern auf der Sofa-Loge.

Max blies eine Luftschlange in den Raum, die raschelnd in der Manege zu einem Knäuel zusammenfiel.

Vater schwang die Stimme abermals in die Höhe: »Wir haben weder Kosten noch Mühen gescheut …«

Stefanie fand, dass er die Sache toll machte, was immer »die Sache« sein mochte. Eine Show, klar, Papa und Mama hatten etwas einstudiert.

»… ja, es war kein Leichtes, aber als er hörte, dass Stefanie heute ihren Geburtstag feiert, da kam er angereist vom fernen Zauberzirkus.«

Aus der Diele drang ein Klopfgeräusch. Mutter war verschwunden.

»Gleich wird er bei uns sein … noch ein wenig Geduld …«

Alle Blicke gingen zur Tür hinaus, sogar Piet streckte sich, aber meinte dann: »Ist ja klar, wer das ist: Mama hat sich verkleidet.«

Doch das hatte sie nicht. Auf Socken erschien sie fast geräuschlos und trug ein Lächeln zur Schau, das ein wenig verrutscht war. Stumm formte sie »er kommt« mit den Lippen.

Durch Stefanies Kopf ging ein Trommelwirbel, und das Wort Zauberzirkus beschwor Bilder herauf von kaltglühenden Sternen im Manegenhimmel.

Schritte näherten sich, begleitet von dem Klopfen, das jenseits der Türschwelle plötzlich ausblieb.

Ein Luftballon tanzte herein.

»Und hier ist er …«, sagte Vater geheimnisvoll; Mutter machte eine Präsentiergeste wie im Werbefernsehen, »… angereist von weither: Valentin Kuckuck, der Zauberer.«

Der Mann, der um die Ecke bog, schien zu klein für diese Großes verheißende Ansage. Er trug einen zerknitterten Anzug und versteckte das Gesicht hinter einem schwarzen Hut.

Manchem Kind entwich das vor Spannung angehaltene Lachen stoßweise aus der Kehle. Piet ließ ein Grunzen hören.

Als Herr Kuckuck jedoch den Hut wegnahm, verkümmerte jedes Lachen. Auch Stefanie wusste nicht, wohin mit der Freude, die in ihr gewachsen war.

Das geschminkte Gesicht hatte etwas Abstoßendes. Weißes Puder verlieh ihm eine Totenblässe, die von den roten Kreisen auf den Wangen noch hervorgehoben wurde. Die geschrumpften Augen waren schwarz umrandet, wodurch sie in ihrer Winzigkeit leblos, wie aufgemalt wirkten. Auf den Stock gestützt stand der alte Mann im Türrahmen, als wäre er jenem Grab entstiegen, in dem er Piets Meinung zufolge bald liegen würde.

Mutter und Vater klatschten eifrig, während Herr Kuckuck suchend umherschaute.

Stefanie wollte nicht von ihm entdeckt werden, da riss er schon freudig den Mund auf, wobei die gezwirbelten Bartspitzen in die Luft piksten. Aber sofort trat ein bestürzter Ausdruck in sein Gesicht.

»Oh, Stefanie, nicht!« Er rieb sich über die Wange und zeigte die weißrot beschmierten Finger. »Hab keine Angst vor mir, bitte, es sollte doch spaßig sein!«

»Na, das ging mal in die Hose«, sagte Piet abfällig.

»Ja, voll in die Hose!« Max presste die Lippen auf den Unterarm und erzeugte ein Geräusch, das nach heftigen Blähungen klang und die Mädchen zum Kichern brachte. Lisa, die jüngste von ihnen, kam hinter der Deckung eines Sofakissens hervor.

Herr Kuckuck rupfte ein weißes Tuch aus der Brusttasche, schrubbte sich damit das Gesicht und zeterte im Selbstgespräch: »Na sowas, bist mir ja ein toller Zauberer, der Kinder erschreckt! Zum Kuckuck mit dir, alter Mann!«

Da musste Stefanie lachen. Sie lachten alle. Die Eltern tauschten frohe Blicke, nur Piet äffte sein Gelächter.

Das Taschentuch verschmutzte in dem Maße wie Valentin Kuckucks Gesichtsfarbe zum Vorschein kam. Er benetzte es mit der Zunge, nahm schließlich die Brille ab und ließ sich von Max helfen, der ihm feste über den Nasenrücken und die geschlossenen Augen rieb.

Frech stibitzte Max plötzlich den Hut und warf ihn durchs Zimmer. Vater schimpfte, doch Herr Kuckuck mimte bloß den tadelnden Blick, als er das Tuch wieder an sich nahm.

Pina verlangte, auch einmal im Gesicht des Mannes herumwischen zu dürfen, der jetzt so harmlos wie ein Opa wirkte, der am Geburtstag des Enkelkinds unbeholfen den Clown gab. Doch Herr Kuckuck schüttelte den Kopf.

Seine Nase zuckte plötzlich. Die Nasenlöcher wurden groß und offenbarten ein Geäst weißer Haare.

Stefanie zog den Hut zurück, den sie herbeigeholt hatte und ihm überreichen wollte.

Im Zauberer schwoll offenbar ein Niesen an. Den Gehstock untergeklemmt, das Tuch mit beiden Händen wie ein Trampolin gespannt, hob er den Kopf: »Ha… ha… ha… «

Die Kinder gingen in Deckung oder verliehen begeistert ihrem Ekel Ausdruck, dass er vorhatte, sich in das Schmiertuch zu schnäuzen.

Stefanie hielt sich den Hut vors Gesicht.

Dann feuerte Herr Kuckuck ein Niesen in das Taschentuch, dass sie meinte, es müsse jetzt in Fetzen hängen.

»Wow! Was für ’ne Bombe!«, jubelte Max; Vater wünschte »Gesundheit!«, und Mutter fragte: »Ist jemand verletzt?«, woraufhin Lisa kichernd die Hand hob. Pina tat, als wischte sie sich Rotz aus dem Gesicht, und alle schauten freudig angeekelt zu, wie Herr Kuckuck das Gesicht aus dem Taschentuch hob.

Ein seltsames Lächeln bog seinen Bart, während er sie reihum anschaute und dabei das schmutzige Tuch in der linken Hand zusammenknüllte.

Als sein Blick Stefanie traf, drückte er die letzten Tuchzipfel in die Faust, bis nichts mehr herausschaute. In einer typisch zauberischen Geste rührte er die Luft darüber und streckte ihr die Faust hin.

Erst verstand sie nicht, aber dann schüttelte sie den Kopf: Sie würde kein vollgerotztes Taschentuch anfassen!

Seine Brauen gingen hoch, und er bot die Faust den anderen Kindern an, die zurückwichen, als halte er eine Spinne gefangen.

Schließlich zuckte er mit den Schultern, griff in die Faust und zog ein makellos weißes Tuch heraus, das er auffaltete und dem klatschenden, staunenden Publikum zuwarf.

Max entriss es Lisa, die es gefangen hatte, woraufhin ein Streit ausbrach.

Piet meinte in geringschätzigem Ton, dass er die Sache durchschaue. »Von wegen Zauberei«, sagte er, »alles bloß billige Tricks.«

Stefanie aber blickte schaudernd auf den schwarzen Hut, den sie fallengelassen hatte. Sie hatte ein Kitzeln auf der Hand gespürt und einen leichten Druck wie von einem großen Insekt. Es schüttelte sie noch, während sie hinabsah und erwartete, dass unter dem Hut etwas hervorkriechen werde.

Der Zauberer krümmte sich an seinem Stock und klaubte den Hut auf.

Nichts hockte darunter.

Etwas Verschwörerisches lag in Herrn Kuckucks Lächeln und in den kleinen, jetzt sehr lebendigen Augen. Er zwinkerte Stefanie zu, als er den Hut aufsetzte. Da wurde ihr klar, dass, was immer auf ihrer Hand gesessen hatte, noch im Hut steckte. Und er wusste es.

Valentin Kuckuck verneigte sich, so weit sein Gebrechen es zuließ.

Stefanie kletterte über die Sofalehne. Den Kissen-Thron verschmähte sie und setzte ein Lächeln auf, während die anderen Kinder herumalberten. Ein Insekt lebt in seinem Hut, ging es ihr hinter der Stirn umher, ein großes Insekt – und er will es so!

Der Gedanke, es den anderen zu verraten – Mama und Papa, die gewiss alles aufklären konnten, oder Piet, der mit einem Spruch das Unheimliche lächerlich machen würde –, kam ihr zwar, doch ihr Mund war wie zugeklebt. Sie rieb sich die Stelle auf der Hand, wo es sie berührt hatte.

Plötzlich spürte Stefanie Herrn Kuckucks Hand auf der Schulter. »Es ist alles gut, mein Kind«, flüsterte er.

Die Geräusche und Stimmen der Party versanken, und sie hörte das Flüstern des Zauberers so klar, als säße er in ihrem Ohr.

Kaum verließ seine Hand ihre Schulter, schnellten Lachen und lautes Gerede wie mit einem Fingerschnippen empor.

Und ja: Stefanie wusste, dass alles gut war, nichts Gegenteiliges hatte sie je gewusst.

»He, Leute!«, rief sie. »Ich will meinen Thron zurück!«

Als Herr Kuckuck auf dem roten Teppich ankam, sog sie sein Lächeln auf und freute sich darüber, dass er sich ihr im Besonderen zuwandte. Den Hut auf dem Kopf – eine Melone, fiel es ihr ein, und sie musste kichern, als der Hut sich in ihrer Vorstellung in die Frucht verwandelte –, das Gesicht noch fleckig von Puder und Rouge, stand er auf den Stock gestützt und ließ seine Anwesenheit wirken.

Die Eltern hatten auf den verbliebenen Stühlen Platz genommen und synchron die Beine übereinanderschlagen. Allmählich kehrte Ruhe ein.

»Für meine Darbietung …«, begann Herr Kuckuck, wurde aber sogleich von Piet unterbrochen, der spöttisch vorschlug, er solle »ein Karnickel aus’m Hut zaubern«.

In Stefanies Kopf rief von fern eine Stimme: Nichts aus dem Hut! Bitte nicht! Es war eine lästige Stimme, denn schließlich wusste sie, dass alles, alles gut war.

»Für meine Darbietung«, setzte Herr Kuckuck von Neuem an, »benötige ich Hilfe aus dem Publikum.«

Kinderfinger schnellten empor. Nur die Eltern saßen verknotet da, wie um zu signalisieren, dass nichts sie aus dieser Haltung befreien würde. Die Knopfaugen des Zauberers schauten funkelnd umher.

Piets Desinteresse schlug in Angriff um. Scheinbar hatte er den Plan gefasst, den Zauberer bloßzustellen, falls der ihn nach vorne holte. Aufdringlich warf er den Arm Herrn Kuckuck hin, hob sich aus dem Stuhl und äffte: »Äh, äh, äh!«

Stefanie strengte sich nicht an; sie rechnete fest damit, dass er sie auswählen würde. Und so war es.

Piet sank maulend zurück.

Unter Applaus trat Stefanie nach vorn. Ihr Herz klopfte, und ein wenig zitterten die Knie. Erwartungsvoll blickte sie Herrn Kuckuck an, der den Stock an die Fensterbank gelehnt hatte und mit kalten Fingern ihre Hände nahm.

Draußen dämmerte es; das leuchtende Rund der Deckenlampe erschien in der Fensterscheibe.

Der Zauberer sagte: »Sieben ist eine magische Zahl, Stefanie.«

Zwischenrufe wie »Ich bin auch sieben!« oder »Ich bin acht!« verkamen in Stefanies Ohren zu dumpfem Blöken.