Kinderjahre - Alrun Moll - E-Book

Kinderjahre E-Book

Alrun Moll

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Beschreibung

Erinnerungen an eine Kindheit in Deutschland und England in den 1940er und 1950er Jahren.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 96

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Meiner Enkelin Anna-Lu gewidmet

Inhaltsverzeichnis

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

Kapitel XVI

Kapitel XVII

Kapitel XVIII

Kapitel XIX

Kapitel XX

Kapitel XXI

Kapitel XXII

Kapitel XXIII

Kapitel XXIV

Kapitel XXV

Kapitel XXVI

Kapitel XXVII

Kapitel XXVIII

Kapitel XXIX

Kapitel XXX

Kapitel XXXI

Kapitel XXXII

Kapitel XXXIII

Kapitel XXXIV

Kapitel XXXV

Kapitel XXXVI

Kapitel XXXVII

Kapitel XXXVIII

Kapitel XXXIX

Kapitel XL

Kapitel XLI

Kapitel XLII

Kapitel XLIII

Kapitel XLIV

Kapitel XLV

Kapitel XLVI

Kapitel XLVII

Kapitel XLVIII

Kapitel XLIX

Kapitel L

Kapitel LI

Kapitel LII

Kapitel LIII

Kapitel LIV

Kapitel LV

Kapitel LVI

Kapitel LVII

Kapitel LVIII

Kapitel LIX

Kapitel LX

Kapitel LXI

Kapitel LXII

Kapitel LXIII

I

Der Himmel liegt auf der Wiese. Flirrende Bläue im Haar meiner Mutter. Ich folge ihrem federnden Schritt durchs hohe Gras hinunter zum See. Wir sind barfuß. Es summt und duftet ringsum. Eine kurze Rast. Wir winden ein Kränzchen, mein helles Jauchzen, als es gelingt – weiter, Hand in Hand, bis das Schlagen der Wellen uns begrüßt. Am Ufer, auf den morgendlich glänzenden Kieseln bleiben Kleider und Kränzchen zurück.

Wie schon so oft nimmt sie mich auf ihre Schultern und schreitet aufrecht, wie eine Göttin, dem Wasser zu. Ihre Hände teilen das sanft schaukelnde Silber, die Wellen steigen, wir verwachsen, Kopf an Köpfchen, unzertrennlich. Meine kleinen Hände umschließen ihren Hals – es ist fast ein Würgen vor freudig ängstlicher Spannung – endlich der Moment des Eintauchens. Gemeinsam ziehen wir unsere immer größer werdenden Kreise dem Licht entgegen.

II

Es gibt ein kleines Foto von meinem Vater und mir, das einzige Foto von uns beiden.

Es muss in der frühen Zeit am Bodensee gewesen sein. Mein Vater in Zivil, er war wohl auf Fronturlaub, hockt neben mir auf dem Waldboden und redet auf mich ein. Mein Gesicht ist trotzig von ihm abgewandt. Wütend und verschlossen schaue ich in die Kamera. Ich erinnere mich lebhaft an diese Szene. Ich weigerte mich, meine Brezel mit dem Nachbarsbuben (nicht im Bild) zu teilen. Eine Brezel war damals etwas ganz Besonderes. Wo kam sie überhaupt her?

Warum hatte er sie mir zuerst geschenkt, um dann einen solchen Tribut einzufordern. Ich schrie und stampfte wild. Natürlich vergeblich, das Vaterwort war unerbittlich. Mir blieb nur das stumme, tief gekränkte Schmollen – und das hielt ich durch …

III

»Fritzle« gehörte zu unserer Hausgemeinschaft. Er war undefinierbaren Alters, trug immer ein zerbeultes Loden hütchen und ein zerschlissenes Jankerl. Jeden Morgen schnitt ihm seine Mutter ein frisches Zweiglein, je nach Jahreszeit, mit welchem er wild, manchmal auch fast zärtlich vor seinem Gesicht herum wedelte. Nur seine Mutter verstand die lallenden Laute. Er trielte immer leicht vor sich hin, und in seinen Mundwinkeln bildeten sich hässliche Krusten. Fritzle war fast immer allein, die Dorfkinder hänselten ihn, hielten aber auf Abstand.

Er hatte ein tägliches Ritual. Am späten Nachmittag trottete er hinunter zum See, um dort auf den Sonnenuntergang zu warten. Oft folgte ich ihm, in gehörigem Abstand, immer bereit, die Flucht zu ergreifen. Er lief bis zum äußersten Ende des Bootsstegs, dort hockte er sich mit seinem inzwischen verwelkten Zweiglein nieder und beobachtete andächtig die sinkende Sonne.

Je tiefer der glühende Ball versank, um so intensiver blinzelte er in das schwindende Licht. Erst als der letzte mild schimmernde Streif am Horizont erlosch, stand er auf und trat den Heimweg an.

Später habe ich mich oft gefragt, wie es seiner Familie gelang, Fritzle – mit schwerem Down-Syndrom – heil durch die Nazizeit zu bekommen.

IV

Dann – eines Nachts – kamen die Flugzeuge und warfen ihre Bomben über dem See ab. Es sollte wohl zu unserer Abschreckung dienen. Meine Mutter ging gleich frühmorgens mit mir zum See.

Barfuß mit geschürztem Kleid stand sie im seichten Wasser, beide Hände überquellend von kleinen silbernen Fischen – tot. Immer mehr Fische wurden ans Ufer geschwemmt. Es bildete sich ein gekräuselter silberner Rand zu ihren Füßen … ein unvergessliches Bild von beklemmender Schönheit.

Ich hatte heimlich ein Fischlein mitgenommen und versteckte es in meinem Nachtkasten. Hoffte ich wirklich, es würde wieder lebendig, oder wollte ich es nur aufbewahren weil es so hübsch anzusehen war? Immer wieder schaute ich heimlich nach meinem Schatz – aber bald begann er erbärmlich zu stinken …

V

Viele Erwachsene stehen im großen Obstgarten hinterm Haus. Sie haben soeben gemeinsam eine tiefe Grube gegraben. Jetzt legen sie alle möglichen Gegenstände hinein und schaufeln immer wieder frische Erde darauf. Ich erkenne: in Handtücher verpacktes Tafelsilber – es wurde nur an Feiertagen benutzt – , Leuchter, die die Weihnachtstafel schmückten … Dann auch Abzeichen – die ich irgendwie von den Wehrmachtsuniformen kannte; ein Dolch mit geschnitztem Griff ist mir in Erinnerung geblieben. Alles verschwand in dem dunklen Loch –

Zum Schluss legte jemand ganz schnell meinen schwarzen nackten Bimbo auf die unsichtbaren Kostbarkeiten. Mein Vater hatte mir diese Puppe von einem Fronturlaub aus Frankreich mitgebracht. Vergeblich hatten die Frauen versucht, Bimbo mit einer Rasierklinge »weiß« zu kratzen. Erklärungen bekam ich nicht – es gab keine Tränen, ich stand nur stumm und staunend dabei.

VI

Nur zwei Männer gab es in unserem Haus – den alten Schiffsbauer und seinen schwer herzkranken Schwiegersohn. Beide waren »kriegsuntauglich«. Am Tag, bevor die Franzosen kamen, verbarrikadierten sie das ganze Haus; alle Türen und Fenster wurden mit Brettern und schwerer Pappe vernagelt, während dessen versuchten die Frauen alles Essbare zu verstecken – im Kachelofen, unter den Dielen, ja sogar hinter den Büchern! Ich stand auf der Treppe und schaute dem geschäftigen Treiben staunend zu.

VII

… und dann kamen sie, die Franzosen. Ich stand wieder auf der Treppe. Man hörte schon von weitem das Schießen, das Quietschen der Jeeps, das wilde Flattern der Hühner. Noch bevor die Soldaten (es war auch ein Schwarzer dabei) von den Jeeps sprangen, eilten unsere beiden Männer zur Haustür, rissen mit aller Kraft die vernagelten Bretter herunter und schwenkten, in der Türöffnung stehend, ein großes weißes Taschentuch. Ich presste mein Gesicht grimmig gegen die Geländerstäbe und dachte »Feiglinge«.

Wir hatten Glück. Die Franzosen blieben nicht lange. Alles, was sie an Essbarem fanden, auch die Hühner, nahmen sie mit.

VIII

Der See war nun ab den frühen Abendstunden für Anwohner gesperrt, auch durfte man sich im Boot nicht weit vom Ufer entfernen. Meine Mutter, die eine mutige und sehr romantische junge Frau war, hielt sich nicht an das Verbot. Sie ruderte oft weit hinaus, um allein zu sein, zu schreiben und ihren sehnsüchtigen Gedanken nachzuhängen.

Abends erzählte sie mir immer ein Märchen, sang leise ein Schlaflied, zog das Federbett mit den rosa Röschen bis dicht unter mein Kinn, dann gab sie mir noch einen Gutenachtkuss. Vor dem offenen Fenster kreisten schon die Glühwürmchen. Ich wagte nicht zu betteln, ob sie nicht bei mir bleiben könnte. Leise fiel die Tür ins Schloss. Ich wusste, sie lief zum See –

Eines Morgens war ihr Bett leer. Sie blieb verschwunden. Die Mutter von Fritzle nahm sich liebevoll meiner an. In ihrer großen Wohnküche verbrachte ich meine Tage, durfte tüchtig beim Kochen oder Backen helfen – und es gab einen Wurf verspielter Kätzchen, die mich ablenkten und trösteten.

Endlich kam die Nachricht, dass meine Mutter aufgegriffen und in ein französisches Lager gebracht worden war. Nach acht Wochen war sie plötzlich wieder da. Nie hat sie, auch in späteren Jahren, mit mir über ihren Aufenthalt dort gesprochen.

Kurz darauf kam das Telegramm – mein Vater lag schwer verwundet in einem Lazarett in Tschechien. Meine Mutter reiste sofort ab. Diesmal fühlte ich mich einsam und wirklich verlassen. Oft ging ich in den Stall unserer Nachbarn. Dort gab es ein Kälbchen mit einer rauen Zunge. Ich schmiegte mich an seinen warmen Körper und ließ mich abschlecken – kurzfristig schienen Angst und Trauer vergessen.

IX

Auch die Engländer machten kurz am Bodensee Station. Sie waren freundlich und nicht an unseren essbaren Habseligkeiten interessiert, im Gegenteil, wir Kinder bekamen »english biscuits«, es gab sogar für jeden eine Tafel Cadbury’s Schokolade. Bevor sie weiter zogen, verbrachte der Oberst einen Tag in unserem Haus. Zum Abschied forderte er die Mädchen auf, einen besonders schönen, tiefen Knicks vor ihm zu machen – es gäbe eine Belohnung. Der Reihe nach machten wir alle unsere ehrerbietigen, recht unterschiedlich ausfallenden Knickse. Er wählte mich als Siegerin – wohl weil ich die Kleinste und Schüchternste war. Er überreichte mir mit leichter Verbeugung eine langstielige gelbe Rose. Ich war tief beeindruckt, fühlte ich mich doch wie eine Prinzessin aus Grimms Märchen.

»The english rose« – lange, lange durfte sie vergilben und vertrocknen, bis sie plötzlich verschwunden war.

X

Alles ist vom Schnee bedeckt – weiß und stumm – , nur die Landstraße glänzt schwarz bis zum Horizont. Am äußersten Ende eine Gestalt, die langsam auf mich zukommt. Ein dicker, unförmiger Pelz umgibt sie. Eine aufrechte Bärin – aus dem Märchen – stiefelt auf mich zu.

Ich laufe und laufe. Außer Atem, berge ich meinen Kopf im nassen Fell.

»Vati?«

»Er ist tot – ich habe ihm alle bunten Steinchen, die du für ihn gesammelt hast, ins Grab mitgegeben.«

»Ich habe doch immer gebetet …«, schluchzte ich.

XI

Unvergesslich – mein erstes »erlebtes« Weihnachten. Wir alle standen stumm und doch erregt vor der verschlossenen Tür zu einem Zimmer, welches ich bis dahin nie betreten hatte. Es war immer verschlossen. Ein leises Klingeln – die Tür tat sich langsam auf, ein geheimnisvolles Leuchten erfüllte den Raum. In der Mitte des Zimmers stand der hohe, reich geschmückte Lichterbaum – darunter die vielen, vielen Geschenke, Äpfel, Nüsse, Anisplätzchen und Lebkuchen. Ich staunte – alle sangen um mich herum, ich glaube, ich blieb stumm, ich staunte nur. Es gab so viele Kinder mit ihren Familien, die ich alle nicht kannte.

Fremdartige Dinge waren um den Baum herum aufgebaut. Ein großer Kaufladen mit allem, was man sich nur denken konnte – mit klingelnder Kasse, kleinen Tüten und unzähligen scheinbar essbaren Köstlichkeiten, die ich in der Realität noch nie gesehen, geschweige denn geschmeckt hatte.

Ein mehrstöckiges Puppenhaus mit wunderhübsch geschnitzten Möbeln, Kissen, Teppichen und Püppchen, die darin saßen oder standen und Tee tranken; es gab sogar ein Kinderzimmer mit Wiege und einer Zofe mit Häubchen – ein vornehmes Stadthaus, wie ich natürlich noch nie eines gesehen hatte.

Wir durften alle gemeinsam mit diesen »märchenhaften« Dingen spielen – natürlich gab es auch eine Eisenbahn. Am Morgen nach dem Zweiten Weihnachtstag war all diese Herrlichkeit plötzlich verschwunden – das Zimmer wieder verschlossen. Nur ein kleines persönliches Geschenk blieb als Erinnerung zurück. Das Weihnachtszimmer war verschwunden … mit dem Christkind in den Himmel geflogen … bis zum nächsten Jahr.

Nur … da war ich nicht mehr dort.

Der alte Schiffsbauer muss in seiner Jugend, vielleicht noch vor dem Ersten Weltkrieg, all diese ungewöhnlichen Spielsachen für seine Kinder geschnitzt haben – auch das wunderschöne Schaukelpferd, an das ich mein Herz verloren hatte.

XII

Es ist dunkel. Vor uns ein grell ausgeleuchteter langer Bahnsteig. Wir rennen in Richtung Lokomotive. Aus dem Lautsprecher ertönt eine männliche Stimme: »Halten Sie diese Frau, dieses Kind.« Aber wir waren schon auf dem Trittbrett – und im Zug verschwunden. Die Lokomotive setzte sich mit Getöse in Bewegung, und riesige aufsteigende Dampfwolken löschen das Bild.

XIII